Page 15

13

falt des Repertoires, aber auch die Identität der Compagnie angeht. Was heisst das für die Zukunft? Wir werden versuchen, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Die Compagnie hat mittlerweile ein hohes Mass an Eigenständigkeit und arbeitet mit grosser Selbstverantwortung. Das gibt uns eine grosse künstlerische Freiheit. So haben wir es geschafft, die klassischen Produktionen im Repertoire zu halten und uns ihnen – wie im Fall von Alexei Ratmanskys Schwanen­see-Rekonstruktion – aus einer neuen Perspektive zu nähern. Viele namhafte Choreografen unserer Tage arbeiten nach wie vor mit der Compagnie und signalisieren mir ihr Interesse, die Zusammenarbeit mit dem Ballett Zürich fortzusetzen. Aber auch prominente neue Namen konnten wir er­folgreich in unserem Ballettspielplan etablieren. Im Sinne einer konsequenten Reper­ toire­entwicklung möchte ich auf dieser Palette aber noch weitere neue cho­ reografische Farben hinzufügen und bin ständig auf der Suche nach Künstlern, die sich durch einen neuen Zugriff auf die Tänzer und das Publikum auszeichnen. Dabei interessieren mich Projekte, die sich dem Tanz auf den ersten Blick zu verweigern scheinen. Auch mit dem hinter uns stehenden Publikum – davon bin ich überzeugt – haben wir jetzt die Chance, noch experimentel­ ler und mutiger zu sein. Sich auf Er­ reich­tem auszuruhen, finde ich nicht interessant. Deshalb werden wir bereits in der nächsten Spielzeit eines der exponiertesten Werke des zeitgenössischen Musiktheaters im 20. Jahrhundert als Ballett in Angriff nehmen. Das Publikumsinteresse an der Arbeit des Balletts Zürich ist riesengross. Das spiegelt sich in den Auslastungs­ zahlen von über 98 Prozent. Welche Rolle spielt dieser Erfolg für Ihre Arbeit? Über Erfolg darf man sich freuen, aber es ist nichts, worauf man sich ausru­hen kann. Im Gegenteil, denn mit dem Erfolg steigen nicht nur die Erwar­ tungen des Publikums, sondern auch die Ansprüche, die ich an mich selbst stelle.

Gegenüber den Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Zürich bin ich geradezu verpflichtet, ihren kreativen Hunger zu stillen und sie in ihrer Entscheidung für Zürich mit anspruchsvollen Aufgaben zu bestärken. Die Sehnsucht nach den sogenann­ten Blockbustern ist gerade beim Bal­lett­publikum sehr gross. Wie be­ gegnen Sie ihr? In diesem Punkt muss man sich selbst als Direktor wie auch als Ensemble treu sein. Man kann kein Programm machen, mit dem man allein das Publikum bedienen möchte. Ich will gar nicht verhehlen, dass wir gelegentlich auch kritische Reaktionen auf unsere Repertoirepolitik bekommen und in diesem Zusammenhang der Wunsch nach grösserer Konventionalität formuliert wird. Aber ich kann und will mich da nicht verbiegen. Ich muss bei jeder neu­en Produktion das Gefühl haben: Ja, das sind wir! Bei den grossen Titeln des klassischen Repertoires versuche ich, sie mit ungewöhnlichem Zugriff zu erschliessen und künstlerisch neu zu befragen. Das gilt genauso für unsere gemischten Abende, in denen man mit der spannenden Kombination verschiedener Choreografen ungewöhn­li­ che und starke Balletterfahrungen ermöglichen kann. Wenn wir uns selbst mit dem Gezeigten identifizieren können, wird das auch vom Publikum angenommen. Steckt tief in Ihnen möglicherweise eine Sehnsucht, nur noch als Choreo­ graf zu arbeiten? Im Moment nicht. Auch in meiner siebten Zürcher Spielzeit kommt es mir immer noch vor, als sei es die erste. Es entsteht ständig Neues. Natürlich ist es viel administrative Arbeit, aber zum Glück habe ich nicht das Gefühl, dass der Beruf des Direktors so sehr in Routine versunken ist, dass ich mich davon befreien müsste. Ganz im Gegenteil: Ich finde es immer noch aufregend.

Profile for Opernhaus Zürich

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»