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kommen wie an wenigen anderen Orten der Welt. Es berührt mich immer wieder, wie überwältigend der Gesamt­ eindruck in unseren Wagner-Vorstel­ lungen ist. Die Akustik ist natürlich viel offener und direkter als beispielsweise im mystischen Abgrund des Bayreuther Festspielhauses, aber das ist eine Heraus­ forderung, der sich unser Ring-Dirigent gewiss annehmen wird.

Fabio hat meine Entscheidung für Gian­andrea sehr begrüsst und freut sich, dass seine eigene Arbeit mit ihm eine ideale Fortsetzung findet – bei all dem, was Gianandrea bestimmt neu und anders machen wird. Wir sehen also ei­ nem harmonischen künstlerischen Über­ gang von Fabio Luisi zu Gianandrea Noseda entgegen, was mir sehr wichtig ist.

Dieser Dirigent steht fest, er heisst Gianandrea Noseda. Ab der Spielzeit 2021/22 wird er die Position des Generalmusikdirektors in Zürich übernehmen. Wie kam es zu dieser Neu­besetzung? Als ich begann, mich mit der Möglich­ keit einer erneuten Verlängerung auseinanderzusetzen, habe ich als erstes meine künstlerischen Partner in der Direktion gefragt, ob auch sie bis 2025 dabei bleiben würden. Beide haben da­ rüber sehr genau nachgedacht. Chris­ tian Spuck hat mir dann relativ bald zu­ gesagt, Fabio Luisi hingegen hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, das Amt des Generalmusik­direktors nach zehn Jahren abzugeben. Er möch­te sich neu orientieren und auch etwas weniger Oper und mehr sinfonisches Re­ pertoire dirigieren. Ich konnte das durch­aus verstehen. Fabio hat von sich aus angeboten, eine Spielzeit früher zurückzutreten, damit sein Nachfolger mit vier Spielzeiten einen grösseren Gestaltungsspielraum hat als mit nur dreien. Gemeinsam mit der Chance, einen neuen Ring zu dirigieren, war dies ein sehr attraktives Paket. Attraktiv genug, um einen international um­ schwärmten Künstler vom Rang Gian­ andrea Nosedas zu überzeugen, wo­ rüber ich sehr glücklich bin.

Wie hat das Orchester die Personal­ entscheidung aufgenommen? Sehr positiv. Wir bekommen vom Or­ chester jedes Jahr ein detailliertes Feed­back über die Dirigenten, die bei uns aufgetreten sind. Da wird deutlich formuliert, mit wem das Orchester sehr gerne wieder arbeiten möchte. Seit seinem Debüt am Opernhaus stand Gianandrea Noseda ganz oben auf die­ ser Wunschliste. Das hat mich in meiner Entscheidung bestärkt, denn man ist ja nicht gut beraten, einen Dirigenten zu verpflichten, den das Orchester nicht schätzt. Wobei ich sagen muss, dass die Einschätzungen des Orchesters sich meist mit denen der Direktion decken.

Wofür steht Gianandrea Noseda künstlerisch? Für eine unglaublich sinnliche, suggesti­ ­ve und kraftvolle Art des Musizierens. Er hat ja hier in Zürich die Neupro­duk­ tion von Prokofjews Der feurige Engel und eine Wiederaufnahme von Macbeth grossartig dirigiert. Er steht für Tem­ perament, theatralische Neugier, Integri­ tät und souveräne Metierbeherrschung.

Warum haben Sie nur um drei Jahre verlängert? Nach der künstlerischen Qualität, die ich hier erlebe und geniesse, sehe ich keinen wichtigen internationalen Opern­standort, der mich noch reizen würde. Sonst hätte ich ja sagen können: Nach zehn Jahren Zürich gehe ich noch­mal woanders hin. Irgendwann wurde mir klar, dass mich das nicht interessiert. Auf der anderen Seite wollte ich deutlich signalisieren, dass ich nicht an meinem Stuhl kleben werde. Deshalb finde ich die drei Jahre genau richtig. Wir haben noch etwas vor. Das setzen wir mit den grossartigen Möglichkeiten des Hauses auf der Basis einer vertrauten Zusammenarbeit um. Und dann ist Schluss. Künstlerische Institutionen brauchen immer wieder produktive Veränderung, der darf man nicht im Weg stehen. Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür dafür, wann es genug ist.

Profile for Opernhaus Zürich

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»