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Editorial

Eine böse Spieluhr Verehrtes Publikum, in jeder Spielzeit präsentieren wir Ihnen die Neuproduktion eines Werkes von Giuseppe Verdi. Das ist ein programmatischer Eckpfeiler unserer Spielplangestaltung, denn die künstlerische Leitung des Opernhauses mit Intendant Andreas Homoki und General­ musikdirektor Fabio Luisi an der Spitze verbindet eine grosse Leidenschaft für die musiktheatralische Genialität und Modernität des italienischen Komponisten. Mit La forza del destino, die am 27. Mai Premiere hat, haben wir es allerdings mit einer VerdiOper zu tun, die den künstlerisch Beteiligten – mehr als viele andere – allergrössten Respekt einflösst. Extrem sind die sängerischen Ansprüche in den Hauptpartien. Komplex ist die Aufgabe für Regisseur und Dirigent, die patchworkartige Handlung mit ihren sprunghaft wechselnden Spielorten, raumgreifenden Chorpassagen sowie die tragischen und grotesken, emotional packenden und komischen Elemente zu einem kohärenten Ganzen zusammenzuzwingen. An La forza del destino wird bis heute gerne das buntscheckig Krude und Un­ glaubwürdige des Spielgeschehens kritisiert – als ob Verdi je an einem vordergründi­ gen Realismus in seinen Opern interessiert gewesen wäre. Seine Theatralität folgt einem fast schon filmschnittartigen szenischen Denken und setzt bewusst auf starke Kontraste, Brüche und Montagecharakter. So ist es auch in La forza del destino. Das Werk fügt sich geradezu revueartig zu einem abgründigen Welttheater, das sich wie eine böse Spieluhr zu drehen scheint. Alle Figuren sind ihrer Mechanik aus­ geliefert. Unerbittlich schnurrt sie ab und mündet in die Katastrophe. Typisch Verdi. Auch dass das Unwahrscheinliche in Form eines versehentlich ausgelösten, tödlichen Revolverschusses das Mahlwerk des Verhängnisvollen in Gang setzt, kennen wir von dem Italiener. Verdi, im eigenen Leben von Schicksalsschlägen schwer gebeutelt, war Antikleriker im katholischen Italien. Er zweifelte an einer übergeordneten Sinnhaftig­ keit des Daseins. In seinem Otello lässt er Jago singen: «Ich glaube, dass der Mensch Spielball des ungerechten Schicksals ist, vom Keim der Wiege bis zum Wurm des Grabes. Nach all diesem Spott kommt der Tod. Und dann? – Der Tod ist das Nichts, und eine alte Lüge der Himmel.» Solche nihilistische Daseinsschwärze, die sich auch über La forza del destino legt, hat Verdi freilich nie daran gehindert, die Zuhörer mit grossartigen Arien, Duetten und Chorpartien in seinen Opern zu entlohnen. La forza del destino ist ein Werk für ausgefuchste, metiersichere Könner ihres Fachs in allen künstlerischen Bereichen, und wir sind sicher, dass sich mit Fabio Luisi am Dirigentenpult und Andreas Homoki als Regisseur, mit Hibla Gerzmava als Leo­ nora, Marcelo Puente als Alvaro und George Petean als Don Carlo in den Sänger-­ Hauptrollen ein den Aufgaben in jeder Hinsicht gewachsenes Team zusammenge­ funden hat. Lassen Sie sich, verehrtes Publikum, auch auf das Verdi-Abenteuer dieser Spielzeit ein, zu dem Sie unser aktuelles MAG wie immer mit Hintergrundinformatio­nen, Porträts und essayistischen Gedanken versorgt. Claus Spahn MAG 59 / Mai 2018 Unser Titelbild zeigt Hibla Gerzmava, die Leonora aus unserer Neu­produktion. Lesen Sie das Porträt auf Seite 22. (Foto Florian Kalotay)

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MAG 59: La forza del destino  

Schwerpunkte: Premiere «La forza del destino», «oper für alle» am 16. Juni 2018, Wiederaufnahmen «Schwanensee» und «Das Land des Lächelns»

MAG 59: La forza del destino  

Schwerpunkte: Premiere «La forza del destino», «oper für alle» am 16. Juni 2018, Wiederaufnahmen «Schwanensee» und «Das Land des Lächelns»