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12 Orest

Leben mit der Schuld Der deutsche Komponist Manfred Trojahn hat mit «Orest» eines der stärksten Musiktheaterwerke der vergangenen Jahrzehnte geschrieben. Jetzt hat das Werk, das in seiner Handlung dort anknüpft, wo die «Elektra» von Richard Strauss endet, am Opernhaus Zürich Premiere Herr Trojahn, Sie haben die Oper Orest vor sieben Jahren im Auftrag der Amsterdamer Oper komponiert und dafür einen Stoff aus der griechi­ schen Mythologie gewählt. Was hat Sie damals zu dieser Entscheidung bewogen? Mich hat vor allem die Figur des Orest interessiert, die ja auch aus der Elektra von Richard Strauss bekannt ist. Dort kehrt er als totgeglaubter Bruder der Elektra überraschend nach Mykene zurück und rächt seinen Vater Agamemnon, der nach seiner Heim­kehr aus dem Trojanischen Krieg von Orests Mutter Klytämnestra brutal umgebracht wurde. Er rächt sich, indem er seine Mutter und ihren neuen Geliebten, Ägisth, erschlägt. Ich wollte über diesen Orest und sein weiteres Schicksal mehr wissen und habe ihn zur Titel­figur meiner Oper gemacht. Was hat Sie an dieser Figur inter­ essiert? Die Situation, in der sich Orest nach dem Mord an seiner Mutter befindet, sein innerer Zustand. Und damit verbunden ist die Frage, wie sich ein Mensch aus dem Dilemma befreien kann, folgerichtig gehandelt und sich trotzdem als Mörder schuldig ge­ macht zu haben. Mein Orest sagt: «Ich will neu denken» – und das heisst, dass er sich sowohl von den gesell­

schaftlichen Problemen und Zwängen seiner Mitmenschen, als auch von der Übermacht der Götter befreien muss. Dass letzterer Punkt in unseren Tagen durch die Zunahme des religiösen Fanatismus eine ganz aktuelle Perspektive bekommen würde, war mir damals nicht bewusst. Die Vorlage für Ihre Oper haben Sie in der Orest-Tragödie des Euripides gefunden … Bei der Beschäftigung mit Euripides habe ich aber festgestellt, dass ich den Stoff bearbeiten muss. Problematisch er­ schien mir vor allem der Schluss der Tragödie, in dem der Gott Apollo als Deus ex machina auftritt und Orest freispricht. Für eine Oper im heutigen Zeitalter hat mich dieser Schluss nicht überzeugt, und es hätte mich auch nicht interessiert, ein solch pathetisches Ende musikalisch umzusetzen. Ihre Oper hat also einen anderen Schluss? Ja, das Ende ist offener. Die verfahrene Situation, in der sich Orest befindet, wird in meiner Oper nicht mehr durch einen Gott geklärt. Es ist sogar um­ gekehrt: Orest muss begreifen, dass ihm weder ein Gott, noch ein anderer Mensch die Schuld nehmen kann, die er sich durch den Muttermord auf­ geladen hat. Er muss eine andere Ein­

MAG 46: Orest  

Schwerpunkte: Premiere «Orest», Wiederaufnahme «Don Giovanni»

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