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Die Stadt der Blinden Oper von Anno Schreier nach dem gleichnamigen Roman von JosĂŠ Saramago Libretto von Kerstin Maria PĂśhler


opernhaus zürich

In der «Stadt der Blinden» erzählen wir eine Parabel über das Zusammenleben von Menschen unter Extrembedingungen, unter dem Einfluss einer unvorhergesehenen Katastrophe – so ähnlich, wie wir es oft in den Nachrichten hören und lesen. Doch hier ist es nicht Krieg, Naturkatastrophe oder nukleares Desaster, was die Menschen bedroht. Hier steckt die Katastrophe in den Menschen selbst. Ihnen ist die Fähigkeit zu sehen genommen worden. Sie blicken in blendendes Weiss und sind gänzlich einander und ihrer Umwelt ausgeliefert. Es ist wie eine Versuchsanordnung. Von der Staatsgewalt in einem Isolationslager zusammengepfercht und sich selbst überlassen, bilden die Blinden eine Art Miniatur-Gesellschaft, aus der schliesslich im Kampf ums blanke Überleben eine Tyrannei wird. Eine einzige Sehende ist unter den Blinden: die Frau eines Augenarztes, die bei ihrem erblindeten Mann bleiben will. Sie hätte das Zeug zur Heldin, begeht schliesslich den – vermeintlich – befreienden Tyrannenmord, bleibt aber allein mit ihrer Schuld und den Erinnerungen an das, was sie als Einzige ansehen musste.

In dieser Versuchsanordnung erscheinen alle menschlichen Gefühle, Verhaltensweisen und Charakterzüge – gute wie schlechte – wie unter einem monströsen Vergrösserungsglas. Normale Menschen ‹wie du und ich› werden so zu Opernfiguren – zu Helden und Tyrannen, zu Verzweifelten, Hoffenden und Liebenden. Denn das ist es, was uns auf der Opernbühne bewegt und mitreisst: Menschen, die extremen Situationen und extremen Gefühlen ausgeliefert sind – so extrem, dass ihnen als Ausdrucksmöglichkeit nichts anderes mehr bleibt als der Gesang. Die Gefühle, Gedanken und Erinnerungen der Blinden hinterlassen Spuren im undurchdringlichenWeiss, das sie beherrscht. Diese Spuren nachzuzeichnen, habe ich mit Hilfe der Musik versucht. Denn genau darum geht es in diesem Stück – wie in jeder Oper: das hörbar und sichtbar zu machen, was normalerweise auch den Sehenden verborgen bleibt. Anno Schreier


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1. Akt Eine Epidemie ist ausgebrochen, die die Menschen erblinden lässt. Um die Ausbreitung der Blindheit zu verhindern, lässt die Regierung die Erblindeten in einem leerstehenden Gebäude einsperren: einen Augenarzt, eine junge Frau, einen kleinen Jungen, den ersten Blinden – von dem die Epidemie ausging – und einen Dieb, der dem ersten Blinden das Auto gestohlen hat. Die Einzige, die von der Krankheit bisher verschont blieb, ist die Frau des Augenarztes, die bei ihrem Mann bleiben will. Sie und ihr Mann behalten für sich, dass sie sehen kann. Allmählich treffen weitere Blinde ein: ein Polizist, ein Apothekengehilfe, ein Zimmermädchen und die Frau des ersten Blinden. Der Autodieb belästigt die junge Frau, die ihn mit ihrem Absatz ins Bein tritt. Die Wunde entzündet sich, er leidet an Fieber. Um Medikamente für den Autodieb zu besorgen, wenden sich der Augenarzt und seine Frau an die vor dem Gebäude postierten Soldaten, die sie mit der Drohung zurückweisen, sie augenblicklich zu erschiessen. Unter den Männern entspinnt sich eine Diskussion über die Ursachen der Blindheit. Das Zimmermädchen erzählt, wie es im Hotel die junge Frau gesehen hat, als diese erblindete. Weitere Blinde werden ins Lager gebracht. Sie streiten sich um die Betten. Das Fieber des Autodiebs wird immer unerträglicher; vergeblich versucht die Frau des Augenarztes ihm zu helfen. Er schleppt sich nach draussen, um frische Luft zu atmen, und wird erschossen.

2. Akt In der Nacht bemerkt die Frau des Augenarztes, dass ihre Uhr stehengeblieben ist. Die junge Frau kann nicht einschlafen. Sie fühlt sich am Tod des Autodiebs schuldig. Das gewaltsame Eingreifen der Soldaten hat die Erblindeten verunsichert. Der Augenarzt und seine Frau trauen sich dennoch, die Essensration zu holen. Der Polizist ruft zum Kampf gegen die Soldaten auf. Als der Arzt und seine Frau die Lebensmittel verteilen, stimmt die Nahrung die Blinden etwas optimistischer. Die Frau des ersten Blinden singt ein wehmütiges Lied. Ein Patient des Augenarztes, ein alter Mann, wird ins Lager gebracht. Er und die junge Frau fühlen sich zueinander hingezogen. Der alte Mann hat ein Radio dabei und kann berichten, wie die Lage draussen ist. Die Blinden erkennen, immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Sie versinken in Erinnerungen und denken an das letzte Bild, das sie gesehen haben.


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3. Akt Im Lager herrscht nun ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben. Zwei Blinde streiten ums Essen, der eine schlägt den anderen nieder. Die Frau des Augenarztes ist nunmehr entschlossen, zuzugeben, dass sie noch sehen kann und in der Lage sein könnte, den anderen zu helfen. Ihr Mann, der Angst hat, sie könne sich dadurch zur Sklavin aller machen, verbietet es ihr. Inzwischen haben der Polizist und der Apothekengehilfe ein Terrorregime errichtet. Sie verlangen Wertsachen und Geld im Tausch gegen Essen. Die Frau des Augenarztes findet in ihrer Tasche eine Schere. Nach einigen Tagen geht der Terror noch weiter: Nun werden Frauen im Tausch gegen Lebensmittel gefordert. Ein Streit bricht aus, ob sich die Frauen ihnen hingeben sollen. Als sich die Frau des Augenarztes bereit erklärt, zu gehen, schliessen sich ihr auch die anderen Frauen an.

4. Akt Die Frau des Augenarztes hat den Polizisten als Anführer der niederträchtigen Gruppe mit der Schere erstochen. Die Niederträchtigen stürzen herein und verlangen die Herausgabe der Mörderin. Die Frau des Augenarztes gibt sich als Sehende und Schuldige zu erkennen. Während sie gejagt wird, legt das Zimmermädchen einen Brand und kommt in den Flammen um. Die anderen retten sich ins Freie.

5. Akt Im Freien herrschen ebenso desolate Zustände wie in der Anstalt. Die Frau des Augenarztes verzweifelt an ihrer Hilflosigkeit. Die junge Frau und der alte Mann gestehen sich ihre Liebe. Plötzlich bricht Jubel aus: Die Erblindeten haben ihr Augenlicht wieder erlangt. Die Frau des Augenarztes jedoch kann die Erinnerungen an den Mord und an das, was sie mitansehen musste, nicht loswerden. Sie blickt zum Himmel und sieht nur noch Weiss. Ist sie jetzt auch erblindet?


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Synopsis «Die Stadt der Blinden»  
Synopsis «Die Stadt der Blinden»  

Uraufführung am 12. November 2011 im Opernhaus Zürich