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oper leipzig

 dreiklang — MAGAZIN DER OPER LEIPZIG

Oper Leipziger Ballett Musikalische Komödie

ausgabe 05

Oktober, november, Dezember 2013


2 Editorial

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Liebe Leser, —   am 10. April dieses Jahres hat die Bundesrepublik Deutschland bei der UNESCO in Paris die Beitrittsurkunde zum Übereinkommen der Erhal­ tung des immateriellen Kulturerbes unterzeichnet. »Von der kultu­rellen Vielfalt zeugen nicht nur Denkmäler und archäologische Stätten«, so die Bundesregierung, »Tanz, Theater und Sprachen prägen die kultu­ relle Identität der Menschen noch weitaus stärker«. Dies gilt in beson­ derem Maße für den mitteldeutschen Raum mit seiner vielfältigen Kulturlandschaft und seiner Jahrhunderte alten Musik- und Theater­ tradition. Allein in Leipzig zeugen dafür die Thomaner, das Gewand­ haus und nicht zuletzt das nach Venedig und Hamburg drittälteste bür­ gerliche Opernhaus Europas und ein traditionsreiches Operettentheater wie die Musikalische Komödie. Wie wichtig es für die Identität und das Selbstbewusstsein einer Stadt ist, dieses Erbe zu pflegen, das zeigt das laufende Wagnerjahr 2013, mit dem wir die Menschen wieder für ih­ ren großen Sohn der Stadt begeistern konnten. Aber auch die jüngere Geschichte liefert Beispiele der Auseinandersetzung und Selbstbespie­ gelung. Knapp ein Vierteljahrhundert nach der Friedlichen Revoluti­ on knüpft Ballettdirektor Mario Schröder mit dem Ballettabend »Pax 2013« an das Erbe seines Mentors Uwe Scholz an, der vor 21 Jahren das Werk des damaligen Intendanten Udo Zimmermann choreografisch ur­ aufführte. Tradition ist nicht das Weitertragen der Asche, sondern das Bewahren des Feuers. Lassen Sie sich anstecken von dem Enthusiasmus, mit dem die Mitglieder von Oper, Ballett und Musikalischer Komödie je­ den Abend Tradition lebendig werden lassen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine anregende Spielzeit 2013 /14. 

Ihr Prof. Ulf Schirmer Intendant und Generalmusikdirektor

Foto: Kirsten Nijhof


Inhalt

magazin der oper leipzig

INHALT —    S. 04 

S. 08   S.  12   S.  14   S.  17   S.  18   S. 20   S. 21   S. 22   S. 23   S. 24   S. 28   S. 29   S. 30   S. 32   S. 33   S. 34   S. 35 

»Erbe kann nur in der Gegenwart lebendig sein« Das Interview Leipziger Ballett: »Pax 2013« Die Reportage Wiederaufnahme und Rekonstruktion Außenansicht wagner kann auch komisch sein Leipzig-Premiere: »Das Liebesverbot« Vorsprung durch Technik Audi unterstützt Leipziger »Rheingold« von leipzig nach bayreuth – ein mammutprojekt B  ildstrecke zu neuer blüte erweckt Wiederaufnahme »La Traviata« in erneuertem Bühnenbild zum frühstück nach bayreuth R   ückblick: Oper neue gesichter in der company Ballett Extra die nibelungen tanzen R   ückblick: Ballett »Wagner in Reimkultur« Uraufführung von »Wagners Ding mit dem Ring« klangfarben Neue Reihe an der Musikalischen Komödie unterwegs im gastspielsommer Rückblick: Musikalische Komödie blickwechsel Neue Projekte der Education-Abteilung unterwegs in leipzig Mitarbeiter der Oper Leipzig empfehlen empfehlungen Reingehört. Reingelesen. Reingeschaut. seitenblicke Die neuen Ensemblemitglieder vorgestellt service & impressum

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4 Thema Erbe

Gegenwärtiges Erbe: Das Leipziger Ballett spürt mit »Pax 2013« dem Schaffen von Uwe Scholz nach.

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Thema Erbe

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Das Interview

»Erbe kann nur in der Gegenwart lebendig sein.« —  

 Ein Gespräch mit Madeline Ritter, Projektleiterin von TANZFONDS ERBE,   ü ber das deutsche Tanzerbe anlässlich der Rekonstruktion von »Pax questuosa«   an der Oper Leipzig. 

MADELINE RITTER – Projektleiterin TANZFONDS, Gesellschafterin und Geschäftsführerin des Kulturbüros »DIEHL + RITTER«

interview Philipp Amelungsen Fotos Andreas Birkigt, bettina stöSS Berlin Schöneberg im Sommer. Ganz in der Nähe des Kleist­ parks: Cafés säumen die Straßenzüge, ein Tante-Emma-Laden dazwischen, Linden spenden rechts des Gehsteigs Schatten. In einem modernisierten Industriekomplex nahe den S-Bahn­ gleisen befindet sich das Kulturbüro »Diehl + Ritter«. Dort treffe ich die Geschäftsführerin und Projektleiterin von TANZFONDS ERBE – einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes – Madeline Ritter. Die studierte Juristin brennt seit Jahren für den Tanz. Be­ vor sie tief in das deutsche Tanzerbe abtauchte, hat sie mit dem »Tanzplan« zeitgenössische Tanzprojekte gefördert und mit dem »Tanzatlas Deutschland« kartographiert.

Madeline Ritter ist ausgebildete Volljuristin, Kulturmanagerin und Kuratorin für internationale Festivals und Programmreihen im Bereich Tanz, Film und neue Me­dien. Seit 2004 konzipiert und leitet sie die Tanzförderprogramme der Kulturstiftung des Bundes (Tanzplan Deutschland, Tanzfonds). Sie ist zertifizierter Coach, lehrt Kulturmanagement an verschiedenen europäischen Universitäten und ist u. a. Mitglied des Aufsichtsrats der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg und des Beirats des Deutschen Tanzarchivs Köln.

Ohne die Förderung der Kulturstiftung des Bundes in Verbin­ dung mit TANZFONDS ERBE hätte die Neuproduktion »Pax 2013« kaum realisiert werden können. Die Bundesmittel er­ möglichen dem Leipziger Ballett unter Mario Schröder, eines der zentralen Werke von Uwe Scholz wieder in Leipzig zeigen zu können: »Pax questuosa« (»Der klagende Friede«) nach der gleichnamigen Komposition von Udo Zimmermann. Es war 1992 die erste Neuproduktion von Uwe Scholz als Ballettdirek­ tor und Chefchoreograf der Leipziger Company. Gerade hier in jener Stadt, die Ausgangsort der Montagsdemonstrationen war, welche die »Wende« 1989 maßgeblich mit herbeigeführt haben, setzte er sich mit den ersten Jahren nach Beendigung des Kalten Krieges choreografisch auseinander.

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6 Thema Erbe

Heute, 21 Jahre später, geht Mario Schröder mit seiner choreo­ grafischen Arbeit »Blühende Landschaft« auf Spurensuche, ­anknüpfend an das Werk seines Freundes und Lehrmeisters. Zusammen werden die Werke unter dem Titel »Pax 2013« am 16. November im Opernhaus Premiere haben. Grund genug, dem deutschen Tanzerbe gemeinsam mit Madeline Ritter nachzu­ spüren.

 »Wir schauen aus dem Körper heraus in   die Welt hinein. Das ist das Besondere   an Tanz, genau hier kann er politisch und   v on besonderer Relevanz sein.«  Madeline Ritter

Tanz, sagt man gemeinhin, ist flüchtig. Im Moment, in dem eine Bewegung passiert, ist sie schon wieder vorbei. An »Erbe« mag man im ersten Moment gar nicht denken. Wie kommt man also dazu, das Erbe zu einem zentralen Förderkriterium zu machen? Madeline Ritter lacht. Das habe schon öfter zu Verwunderung geführt. Das Vorgängerprojekt habe sie auf die Erbe-Problematik gestoßen: »Der ›Tanzplan Deutschland‹ hatte als Agenda, die Wahrnehmung des Tanzes in der Gesellschaft zu stärken; auch die aller Beteiligten, der Kunstschaffenden, der TänzerInnen etc. Wir wollten die gesamte Kunstform betrachten, den Produktions­prozess, die Produktionsbedingungen, verschiedene Resi­ denzprogramme und wir sind auch in die Ausbildung gegangen. Das Thema ›Erbe‹ lag da etwas brach, keine der Städte, die wir gefördert haben, hat sich damit auseinandergesetzt. Das hat sich eher aus der Zusammenarbeit mit verschiedenen Archiven er­ geben. Da denkt man ja auch zuerst dran: Im Archiv, da liegen die Erbstücke, die Materialien, Filme, Skizzenbücher, Bühnen­

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bilder und vielleicht noch ein Ballettschuh. Wir haben uns dann gefragt: Wer geht eigentlich in Archive? Das sind Tanzwissen­ schaftler, einzelne Künstler, die sich für ein Thema interessieren, einige wenige arbeiten auch mit den Archiven zusammen. Aber normalerweise ist es wirklich so, dass man – klopft ein Archiv an – als Künstler schon am Ende seiner Laufbahn ist.« Kann Erbe also mehr als Archivpraxis sein? Und vor allem, wie ist die Resonanz der Theater, sich den Erbe-Stücken wieder anzuneh­ men? Bei den Stadttheatern, so Ritter, habe man ganz praktische Handicaps erlebt, die meist mit der Organisationsstruktur der Häuser als Mehrspartentheater zu tun hatten. Der Tanz sei ja nur eine Kunstform unter vielen anderen, wie Oper, Schauspiel oder Operette. Da ist der Spielplan immer sehr eng gestrickt und Neuproduktionen stehen im Vordergrund. Trotzdem waren sich die Initiatoren sicher, dass die Erbe-Stücke sowohl für Tanzschaf­ fende, als auch für das Publikum eine spannende Wiederent­ deckung sind. Allerdings ist der Kostenaufwand für die meisten Theater sehr hoch. Die Rechte liegen teilweise noch bei den Choreografen oder den entsprechenden Erbengemeinschaften, das trifft oft auch auf die verwendete Musik zu. Es stellt sich da­ her eine ganz wesentliche Frage nach der Finanzierung. Deshalb hat die Kulturstiftung des Bundes TANZFONDS ERBE ins Leben gerufen: Durch ihn sollen Kompanien und Tanzschaffende der freien Szene Unterstützung bei der Finanzierung finden. Ähnlich findet sich die Situation in Leipzig. Allerdings wird hier das Scholz-Erbe sehr aktiv gepflegt, deshalb spricht Madeline Ritter von einem absoluten Wunschprojekt: »Wenn man an die großen Namen der deutschen Tanzgeschichte denkt, ist man natürlich bei den Avantgarden der Vorkriegszeit, wie z. B. Mary Wigman, aber auch bei den Großen der deutschen Nachkriegs­ zeit und da gehört Uwe Scholz definitiv dazu. Er hat mit sei­ nem Stil auch eine ganz eigene Tradition geschaffen. Wir sind deshalb glücklich, zwei Projekte zu fördern, die sich mit diesem Erbe befassen. Die Fachjury hat nach zwei Kriterien bewertet.

Fotos: Andreas Birkigt – Impressionen aus der Uraufführung »Pax questuosa« 1992


Thema Erbe

magazin der oper leipzig Zum einen hat sie nach der Relevanz des Werkes bzw. Choreogra­ fen gefragt, das ist bei Uwe Scholz und ›Pax questuosa‹ natürlich gegeben und geht hier in den Kern des Schaffens. Zum ande­ ren wurde die Herangehensweise in die Bewertung einbezogen. Besonders spannend war die inhaltliche Verbindung zweier Ar­ beiten – die Rekonstruktion eines Erbestückes und die thema­ tische Beschäftigung mit einem ähnlichen Thema durch Mario Schröder in einer zeitgenössischen Neuproduktion, vereint in einem Abend.

Natürlich wird Madeline Ritter auch zur Premiere von »Pax 2013« im November kommen, mit ihrem gesamten Team. »Wir freuen uns schon jetzt riesig auf Leipzig und sind natürlich sehr neugierig! Da haben wir uns schon einen großen roten Kringel in den Kalender gemacht.« Für Mario Schröder und seine Com­ pany gibt es bis dahin noch eine Menge Arbeit. Ab September erarbeiten sie »Pax 2013« gemeinsam im Ballettsaal.

Hier gibt es auch eine Annäherung an den Kern der Erbedis­ kussion: die Frage nach dem Kontext. Wir können das Erleben im Moment der Uraufführung nicht rekonstruieren oder selbst nachvollziehen, darüber erzählen Quellen, das ist dann fast schon historische Aufarbeitung. Aber wenn wir die Werke heute wieder zeigen, fragt man sich eher, was uns ein Erbe-Stück im Jetzt erzählen kann. Was passiert, wenn wir ihm eine zeitgenös­ sische Aussage an die Seite stellen? Auf der anderen Seite: Wel­ che Aussagen des Erbestückes sind vielleicht auch zeitlos oder universell? Und natürlich geht es auch darum, sich Zeitgeschehen bewusst zu machen. Das passiert im Tanz mit dem Körper. Und Körper agieren nicht nur in einem reinen Kunstrahmen, sondern auch in einem gesellschaftlichen. Wir schauen aus dem Körper her­ aus in die Welt hinein. Das ist das Besondere an Tanz, genau hier kann er politisch und von besonderer Relevanz sein.«

TANZFONDS ERBE

Alle geförderten Werke werden übrigens nachhaltig dokumen­ tiert. Es wird Fachinterviews geben und der Produktionsprozess wird begleitet. Natürlich werden die geförderten Produktionen auch aufgezeichnet. Das Besondere: Im Nachhinein sollen alle Erbe-Stücke in einem Onlinearchiv für jedermann abrufbar sein. Das ist eine ganz eigene Art von Archivarbeit. Lebendige Tanz­ geschichte kann so außerhalb der Theater erfahrbar gemacht werden. Damit zeigt TANZFONDS ERBE ihre »best practice«Kompetenz im Umgang mit gesellschaftlich relevanter Kunst­ produktion. Lebendigkeit und gesellschaftliche Relevanz sind ohnehin Wor­ te, die Madeline Ritter gerne in Verbindung mit dem Tanzerbe bringt. Eigentlich ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass das Wort Erbe negativ besetzt ist. Gab es auch Vorbehalte? – »Alle geförderten Projekte sollen im Untertitel den Förderer, also TANZFONDS ERBE, tragen. Da gab es schon kritische Reaktio­ nen: Wenn ich das auf ein Plakat schreibe, denken die Leute, dass sie etwas Verstaubtes sehen. Insofern ist ›Erbe‹ erstmal nicht positiv besetzt, man denkt an Tod oder Streit. Wir haben uns dennoch für den Begriff entschieden, um ihm nachzuspü­ ren, um ihn wieder positiv zu besetzen. Das Erbe kann nur in der Gegenwart lebendig sein, von daher beschreibt es gar nichts Gestriges, sondern etwas Heutiges. Das Jetzt ist der einzige Ort, wo es lebendig sein kann. Beim Tanz ist das ganz klar in den Kör­ pern der Tänzer. Somit möchten wir den Begriff des Erbes wieder mit etwas Positivem belegen.«

»TANZFONDS ERBE fördert künstlerische Projekte zum Kultur­­­­­­erbe Tanz. […] Mit TANZFONDS ERBE wird der Grundstein gelegt für eine exemplarische Aufarbeitung der Geschichte des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland. Die Offenheit des Projektes – der Art der Annäherung sind kaum Grenzen gesetzt – erleichtert den Zugang zur Moderne und schlägt eine Brücke zum Tanz der Gegenwart. TANZFONDS ERBE schafft keine Musealisierung von Werken und Personen vergangener Epochen, sondern eine lebendige Erinnerungskultur, die die Aktualität des modernen Tanzes offenlegt.« — Aus dem öffentlichen Auftrag TANZFONDS ERBE Eine unabhängige Fachjury entscheidet letztlich über die Förderung der Anträge. Insgesamt werden 32 Projekte gefördert. Darunter sind Stadttheaterproduktionen, aber auch Arbeiten aus der »Freien Szene«, dem Festivalbereich sowie Hochschul- und Stiftungsprojekte.

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8 Thema Erbe

Die Reportage

LEIPZIGER BALLETT: »PAX 2013« —  

 D ie große Hommage an Leipzigs Ballett-Genie Uwe Scholz 

Fotostrecke an historischen Orten der Stadt mit Tänzerinnen und Tänzern des Leipziger Balletts; von Ida Zenna

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Thema Erbe

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reportage Olaf Bargheer und Philipp Amelungsen Fotos Ida Zenna, Kirsten Nijhof und Astrid ackermann

Straße getrieben hat. Heute sehen wir die Freiheit an ganz vielen Orten auf der Welt noch immer bedroht.

»Pax 2013« steht wie kaum ein anderer Ballettabend für die Stadt Leipzig und ihre Geschichte der vergangenen 25 Jahre. Uwe Scholz’ Choreografie »Pax questuosa« war 1992 die sehr persönli­ che Reaktion eines feinfühligen Künst­ lers auf die unerfüllten Träume wenige Jahre nach der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989. Mario Schröders Cho­ reografie »Blühende Landschaft« trägt diesen Gedanken bereits im Titel weiter. 21 Jahre nach Uwe Scholz begibt sich die Company erneut auf eine Spurensuche in einer Stadt, die sich architektonisch, gewerblich und mental stark gewandelt hat. Die »Blühenden Landschaften« fin­ den sich gleichermaßen in den kulturell und wirtschaftlich boomenden Hot Spots und Vierteln der Stadt – aber auch real, als Dotterblumen und Krautwiesen, die sich über ehemalige Industriestandorte und leer stehende Plattenbauten gelegt haben. Die Autoren dieses Themenschwerpunk­ tes blicken zurück auf »Pax questuosa«. Sie schlagen eine Brücke zur internati­ onal besetzen Company des Jahres 2013 und zeigen uns, worin die Herausforde­ rung besteht, ein Stück »Tanzerbe« zu re­ konstruieren. An einem Opernhaus, mit einem Publikum und mit einem Ballettensemble, das ein anderes ist als das des Jahres 1992.

Ich habe lange nach einer passenden Mu­ sik gesucht, die meine choreografischen Gedanken widerspiegelt, aber auch in Verbindung zu »Pax« steht. Überall in meinem Büro waren CD-Stapel, ich habe sie thematisch sortiert, ganz viele schöne Hochglanzcover. Auf einem Stapel lag eine CD in einer schlichten Papierhülle, sie sah ganz unscheinbar aus. Ohne so recht auf den Titel zu schauen, habe ich sie angehört und gefunden, wonach ich gesucht habe. Oder vielleicht hat die Musik auch mich gefunden? Ich weiß es nicht. Es waren die »Lieder von einer Insel« von Udo Zimmer­ mann. Wie seltsam dieser Zufall ist, und doch so folgerichtig. So werden die bei­ den Teile des Ballettabends Musik dessel­ ben Komponisten verwenden – es bleibt jeweils bei Zimmermann und Bach –­ dennoch werden zwei unterschiedliche Geschichten erzählt.

Bebildert haben wir den Themenschwer­ punkt mit einer Fotostrecke von Ida Zenna, die im Herbst die Proben zu »Pax 2013« begleitet. Die Neu-Leipzigerin war zwei Tage lang mit der Kamera in der Messe­ stadt unterwegs, um dem städtebaulichen Wandel der vergangenen 25 Jahre nach­ zuspüren. Ihre Aufnahmen collagierte sie anschließend mit ausdrucksvollen Tanz­bewegungen unserer Company-Mit­ glieder.

Geschichte als Zyklus Mario Schröder, Ballettdirektor und Chefchoreograf, über »Pax 2013« »Pax questuosa« ist ein zentraler Moment im Schaffen von Uwe Scholz. Nicht nur choreografisch, auch inhaltlich. Hier hat sich Ballett ganz radikal mit Zeitgeschich­ te auseinandergesetzt. Dazu die Musik von Udo Zimmermann: seine Vertonun­ gen der Verse von Nelly Sachs, Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll. Da sprachen plötzlich die großen, kritischen Stimmen der Kriegsgeneration im Heute: Der Frie­ de beklagt immer noch den Krieg. Das ist immer noch zeitlos, genau wie Uwes Werk.

 »Freiheit ist die Sehnsucht   gewesen, die uns im Osten   1989 auf die Straße getrieben   hat«  Mario Schröder

Meine Arbeit für den Abend werde ich in direkte inhaltliche Verwandtschaft stellen. »Blühende Landschaft«, so der Titel, ist eine Anspielung auf die Aussicht einer schönen Zukunft, die in den Nachwende­ jahren versprochen wurde. Schauen wir uns heute um, dann sehen wir, dass die­ ses Versprechen sich nicht – oder noch nicht – erfüllt hat. Ich meine das gar nicht hinaus ganz aktuell an Syrien. Ich denke auch an den NSA-Skandal. Überall auf der Welt finden Kämpfe um die Freiheit statt. Dabei ist Freiheit die Sehnsucht ge­ wesen, die uns im Osten 1989 auf die

Schon allein weil die Zeit weitergelaufen ist, weil die Konflikte auf der Welt sich in ihrer Struktur verändert haben. Schaut man genauer hin, kann man aber doch feststellen, dass gewisse geschichtliche Momente zyklisch zu verlaufen scheinen: Geschichte wiederholt sich, lediglich die Erscheinungsformen verändern sich. In­ sofern wird die »Blühende Landschaft« tatsächlich sowohl Hommage als auch Fortsetzung von »Pax questuosa« sein. Natürlich ist meine Ästhetik eine ande­ re als die von Uwe, auch wenn sie stark von der gemeinsamen Zusammenarbeit geprägt ist. Aber auch hier ist Zeit vergan­ gen und eine Entwicklung in der Tanz­ sprache geschehen. Ich freue mich, diesen Abend mit der Com­pany einzustudieren. Wir haben Tänzer aus so vielen unterschiedlichen Natio­ nen, in deren Heimatländer die (Un)Frei­ heit ein ganz aktuelles Thema ist. Diese Diskussion bereichert die gemeinsame Arbeit.

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10 Thema Erbe

Erinnerungen an die Probenarbeit und die Uraufführung von »Pax questuosa« 1992. Von Sibylle Naundorf, 1992 Solotänzerin in Uwe Scholz’ Company, 2013 Leiterin des Vorderhauses der Oper Leipzig. »Pax questuosa« kommt wieder auf die Bühne; und damit auch die vielen Erin­ nerungen. Für den Choreografen Uwe Scholz war es damals, 1992, an der Zeit, ein Zeichen zu setzen – mit den Mitteln der Kunst. Die Weltlage, zum Beispiel die Kriege in Jugoslawien und die Verände­ rungen in den ehemaligen Ostblockstaa­ ten, brachten viel Unruhe und den gro­ ßen Wunsch nach Frieden.

 » Es wird ein großer Stern   i n meinen Schoß fallen«  Sibylle Naundorf

Uwe hatte ein enormes Gespür dafür, uns Tänzern in einer hoch konzentrierten Ar­ beitsatmosphäre seine choreografischen Ideen zu vermitteln. Auch Udo Zimmer­ mann verfolgte unsere Probenarbeit, und es war deutlich spürbar, dass er Uwe Scholz vertraute, seine Komposition sen­ sibel und tief bewegend auf die Bühne zu bringen. »Pax questuosa« war auch für mich eine Musik, die mir sehr am Herzen lag und mich innerlich stark berührte. Das Herzstück der Choreografie, ein Trio, getanzt zu dem Sopransolo »Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen«, strahlte eine große Harmonie und fried­ volle Ruhe aus, sodass, nachdem wir uns im Lichtkegel wie ein Uhrpendel beweg­ ten, die folgende Szene zu einem brutalen Schock wurde: Uwe Scholz wollte diese Szene, in der ich misshandelt und verge­

dreiklang 05 waltigt wurde, in voller Härte wirken las­ sen. Das führte dazu, dass mich besonders die Endproben an meine physischen und psychischen Grenzen brachten. In dieser Szene war Christoph Böhm mein Partner. Nach jeder Vorstellung kam er zu mir, umarmte mich und sagte: »Ich bin jedes Mal froh, wenn du wieder aufstehst und in Marinas Armen bist«. Marina Otto hob mich in der folgenden Szene behutsam auf und trug mich von der Bühne.

damalige Atmosphäre von »Pax questuosa« für sich zu entdecken. Was war der Im­ puls, was war das Grundgefühl bei den Proben 1992?

Das Trio »Es wird ein großer Stern in mei­ nen Schoß fallen« ging auch über die deut­ schen Grenzen auf Reisen, bis nach War­ schau, bis nach Tokio, und wir zeigten es in San Francisco als offiziellen deutschen Bei­ trag anlässlich des fünfzigsten Jahres­tages der Gründung der Vereinten Nationen.

Matthew Bindley

»Pax questuosa« endet mit einem star­ ken Schlussbild und der Musik »Dona nobis pacem« aus Johann Sebastian Bachs h-moll­­-Messe. Der Chor schreitet über die darniederliegenden Tänzer hinweg, nimmt diese langsam, nach und nach, in seine Reihen auf und bewegt sich fast unmerklich auf die Publikumsreihen zu. Die Musik ebbt ab, Dunkelheit, Vorhang. Nach jeder meiner Vorstellungen einen Moment lang ergriffenes Schweigen im Zuschauerraum.

Die Atmosphäre wiederentdecken ! Von Matthew Bindley (Australien), seit ​ Beginn dieser Spielzeit neuer Ballettmeister und Kollege von Roman Słomski und Valentin Vassilev beim Leipziger Ballett. Unsere Tänzer werden im Oktober nicht nur vor der Herausforderung stehen, Uwe Scholz’ Choreografie einzustudieren. Die Schritte sind für einen guten Tänzer er­ lernbar und nicht das Ausschließliche bei diesem Ballettstück. Wesentlich ist, die

 » Jeder von ihnen trägt   Geschichten von Hoffnung,    E nttäuschung, Niederlage  oder Aufbruch in sich.« 

Unsere Tänzer kommen aus 24 unter­ schiedlichen Nationen, aus Südkorea, Brasilien, Japan oder Südafrika. Als in Europa der Eiserne Vorhang fiel, waren die meisten von ihnen gerade erst gebo­ ren. Nun sind sie aufgefordert, sich mit dieser Epoche der Zeitgeschichte ausein­ anderzusetzen, sich einzulassen mit der jüngeren europäischen und deutschen Geschichte und Kultur. Ich glaube, die Tänzer aus unserer Com­ pany werden das schaffen. Jeder von ih­ nen trägt Geschichten von Hoffnung, Enttäuschung, Niederlage oder Aufbruch in sich. Alle kennen das Gefühl von Ori­ entierungslosigkeit oder Euphorie. Aus ihrer Heimat bringen sie Geschichten von Rassenkonflikten, sozialen Missstän­ den, Trennlinien oder religiösen Auseinandersetzungen mit. Erfahrungen, die de­ nen des Jahres 1989 nicht unähnlich sind. Eine Sache verbindet die Company von 2013 mit der von 1992: Auch unsere nach­ geborenen Tänzer – ganz gleich aus wel­ chem Kulturkreis sie kommen – haben bereits am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich in einem neuen gesellschaftli­ chen, politischen, kulturellen und sozia­ len System zurecht zu finden. Alle diese Erfahrungen werden jedem Einzelnen helfen, die »Mischung aus Auf­ bruchsgeist und Orientierungslosigkeit«, von der Sibylle Naundorf uns erzählt hat, nachzuempfinden. Und »Pax questuosa« auf der Bühne als ein aufwühlendes Stück Zeitgeschichte zu erzählen.


Thema Erbe

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Ich glaube Mutter Teresa so zu verstehen, dass sie uns mahnt, unsere Existenz in der heutigen Welt tätig und wissend im Mit­ leid um den Frieden der Welt einzusetzen. Denn der Frieden leidet Not, fast schon hoffnungslose Not. Wache und kritische Geister unserer Zeit sind längst der Über­ zeugung, dass wir bereits mitten in der Katastrophe leben.

Mitten in der Katastrophe Komponist Udo Zimmermann über »Pax questuosa« und »Lieder von einer Insel«. Notate und Fragmente. Mutter Teresa begann ihre Dankesworte für den ihr verliehenen Friedensnobel­ preis am 11. Dezember 1979 in Oslo mit dem Wunsch an die Festversammlung, mit ihr das Friedensgebet des Heiligen Franziskus zu sprechen: »Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens …« Dieses Gebet, meinte Mutter Teresa, sei für unsere Zeit genauso passend wie für die Menschen vor fast 800 Jahren.

Ich bekenne mich durch meine Kompo­ sition zur persönlichen Verantwortung des Einzelnen, aus seinem Gewissen he­ raus mit dem Frieden Ernst zu machen. (»Pax questuosa« : Aus dem Programmheft der Uraufführung, Oper Leipzig 1992) Bei mir muss immer zuerst ein Titel da sein, mit konkreten, beinahe szenischen Assoziationen. Erst daraus entwickelt sich dann eine Vorstellung von der Musik. Ingeborg Bachmanns »Lieder von einer Insel« von 1954 ist ein Text, der große Assoziationsräume öffnet, der eine Struk­ tur vorgibt und der bei mir eine starke

Affinität ausgelöst hat, weil er meiner Befindlichkeit entspricht. Es ist ein in besonderem Maße metaphysischer Text, weil es um Tod und Leben geht. Wir kön­ nen nicht bleiben an diesem Ort. Alles ist Kommen und Gehen. Wie wir auch nicht wissen, wo diese Insel liegt – irgendwo im Ungewissen.

 »Wir können nicht bleiben   an diesem Ort.«  Udo Zimmermann

Außer einem Gebets-Zitat von Franz von Assisi spielen noch drei weitere Texte für das Stück eine wichtige Rolle. Diese Texte kreisen um Liebe, Abschied, Trauer und Unbehaustheit und sind im Grunde alle miteinander verwandt, weil sie von einer großen Sehnsucht bestimmt sind. (»Lieder von einer Insel«: Aus dem Programmheft der Uraufführung im »musica viva«-Konzert des Bayerischen Rundfunks vom 15. Mai 2009)

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12 Thema Erbe

Theaterwissenschaftler Patrick Primavesi von der Universit채t Leipzig

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Thema Erbe

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Außenansicht

wiederaufnahme und rekonstruktion —    Patrick Primavesi über »Pax questuosa«  text Prof. dr. patrick primavesi  Foto Ida Zenna Zum Spielbetrieb städtischer Bühnen gehört es in allen Spar­ ten, ältere Produktionen gelegentlich wiederaufzunehmen. Dabei sind zumeist Umbesetzungen nötig, oft sind aber die Details einer Inszenierung nicht mehr präsent. In Wiederauf­ nahmeproben wird mit Regiebüchern, Notationen aller Art, Videoaufzeichnungen und unter Anleitung der Regisseure oder Choreografen und ihrer Assistenten versucht, die Inszenierung möglichst wieder herzustellen, ein komplexes, nach eigenen Ge­ setzen funktio­nierendes künstlerisches Gebilde. Schon kleine, scheinbar neben­sächliche Veränderungen können die Wirkung des Ganzen massiv verändern. Dass an jeder Inszenierung eine Vielzahl von Menschen auf und hinter der Bühne beteiligt sind, macht das Besondere der Arbeit im Theater aus. Was aber wäre, im Unterschied zur Wiederaufnahme, eine Re­ konstruktion? Der Begriff legt eine Wiederherstellung nahe, von etwas, das bereits zerstört oder verloren ist. Tatsächlich sind Re­ konstruktionen der einzige Weg zur erneuten Annäherung an eine frühere Inszenierung, wenn deren letzte Aufführung schon so weit zurückliegt, dass eine Wiederaufnahme nicht mehr mög­ lich ist. Während die Wiederaufnahme trotz unvermeidlicher Änderungen noch als Teil des Repertoires erscheint, verweist die Rekonstruktion darauf, dass es hier keine kontinuierliche Tradi­ tion mehr gibt. Uwe Scholz’ Choreografie von »Pax questuosa«, dieser 1982 entstandenen Komposition von Udo Zimmermann, ist in vie­ ler Hinsicht exemplarisch – für den intensiven Bezug zur Zeit­ geschichte wie für die Auseinandersetzung des Choreografen und seines Ensembles mit einem anspruchsvollen Werk neuer Musik. Dafür gab es, als Zimmermann selbst Intendant der Oper Leipzig war, eine eigene Tradition. So konnte »Pax questuosa« nach der Uraufführung von Scholz’ Choreografie 1992 beinahe

alle zwei Jahre wieder erscheinen: 1994, 1996, 1998 und 2002, im Jahr 2000 gar an einem besonderen Ort außerhalb des Opernhau­ ses, im ehemaligen Gasometer II (heute Panometer). Bereits zur ersten Premiere 1992 hatte Scholz notiert, dass man zehn Jahre nach der Uraufführung der Komposition von 1982 doch meinen könnte, »die Jahre hätten die Aktualität des Stoffes reduziert – das Gegenteil ist der Fall.« So hat sich das Stück seit seiner Entstehung weiter aufgeladen mit zeitgeschichtlicher Er­ fahrung, von der noch auf den Zweiten Weltkrieg zurückgehen­ den Realität des Kalten Krieges und der Bedrohung durch ato­ mares Wettrüsten über den Jugoslawienkrieg und die Angriffe auf Ausländer im wiedervereinigten Deutschland bis hin zu den Golfkriegen und dem Attentat auf das World Trade Center 2001. Szenisch eröffnet mit dem Gemälde »Der Schrei« von Edvard Munch und aktualisiert mit Bildern neuer Kriegsschauplätze ist das Stück stets geblieben, als was es Scholz 1992 empfand: »ein unglaublich zeitgemäßer Aufschrei des Humanismus«. Und heute? Die zehn Jahre währende Phase der Wiederauf­ nahmen liegt ihrerseits schon mehr als zehn Jahre zurück. Das Leipziger Ballett hat inzwischen mit Mario Schröder einen Neuanfang geschafft, der an die Ära Scholz anknüpft und doch ganz eigene Wege geht. Insofern war es keine Frage, dass es bei einer Rekonstruktion von »Pax« einen anderen Teil – »Blühende Landschaft« von Mario Schröder – geben würde, der eine heutige Perspektive markiert, in einer Welt, die kaum weniger von Krie­ gen gezeichnet ist, deren Wahrnehmung sich aber immer weiter verändert hat. Die Verbindung der beiden Teile könnte nicht zuletzt zeigen, dass die im Aufschrei von »Pax« in Leipzig immer noch mitschwin­ gende Hoffnung, die Erinnerung an den Aufbruch von 1989, ebenso gefährdet und fragil ist wie die Tänzerin im Trio und wie das »Werk« des Tanzes insgesamt. Auch die Rekonstruktion kann nichts davon identisch wiederherstellen, wohl aber den Verlust erfahrbar machen, der das Werk von Anfang an geprägt hat.

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14 Oper

Wagnerjahr 2013

Wagner kann auch komisch sein ! —    L eipzig-Premiere: »Das Liebesverbot« 

text Christian Geltinger Fotos Kirsten Nijhof, Markus Spona Es ist gewissermaßen das Satyrspiel zu der ein Jahrzehnt später entstandenen romanti­ schen Oper »Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf Wartburg«: Richard Wagners Große Komische Oper »Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo«, eine Mischung aus Venusberg und Pilgerfahrt mit einer starken Prise italienischer Opera buffa. Nach der Ablehnung seines Opernerstlings »Die Feen« durch die Leipziger Theaterdirektion schlägt der Anfang 20jährige Komponist einen fundamentalen ästhetischen Richtungs­ wechsel ein und schreibt seine einzige komische und damit wahrscheinlich auch seine untypischste Oper. Selbst ausgewiesene Wagner-Kenner würden beim Hören der einen oder anderen Musiknummer aus dem »Liebesverbot« nicht sofort auf den Leipziger Komponisten tippen, sondern vielleicht eher auf Albert Lortzing oder Otto Nicolai. In Ermangelung einer spezifischen deutschen Operntradition – Beethovens »Fidelio« oder Webers »Freischütz« waren in ihrer Zeit singuläre Erscheinungen – orientier­ te sich Wagner an den zu Beginn des 19. Jahrhunderts äußerst populären Vertretern der italienischen Opera buffa und der französischen Opéra comique: »Schönheit des ­Stoffes, Witz und Geist waren mir herrliche Dinge: Was die Musik betraf, fand ich bei­ des bei den Italienern und Franzosen.« Nach der Flucht in eine romantisch entrückte Feenwelt entschied sich Wagner in ­seiner zweiten Oper für die Schilderung des »warmen, wahren Lebens«. Bei aller ­Komik exponiert er in seinem »Liebesverbot« ein Thema, das ihn Zeit seines Lebens be­ schäftigen wird, die Diskrepanz zwischen Eros und Moral, zwischen leidenschaftlicher

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Oper

Armer Friedrich (Tuomas Pursio): Vergebens versucht er, seiner Lust davonzulaufen.

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16 Oper Lust und »reiner« Liebe, zwischen dem Ausleben der menschli­ chen Triebnatur und den Folgen ihrer Unterdrückung. Wagners ­»Liebesverbot« ist ein Plädoyer für die »freie Sinnlichkeit« und gegen »puritanische Heuchelei«. Es ist die sexuelle Befreiung in Tönen eines Spätpubertierenden: »Der Gährung sich zu überlas­ sen, dünkte mich das Natürlichste.« Musikalisch besticht die Partitur des »Liebesverbots« durch sehr unterschiedliche Klangfarben. Es klingt nach Rossini, Donizetti oder Auber, dessen »Stumme von Portici« Wagner in seiner Zeit als Chordirektor studierte. Zum ersten Mal verwendet Wagner aber auch das Dresdner »Amen«, das ein Jahrzehnt später die Rom-Pilger im »Tannhäuser« begleitet. Ganz im Sinne Shakes­ peares, der mit »Maß für Maß« die Vorlage zu dieser Oper gelie­ fert hat, wechseln Komik und Ernst einander ab. Und so nimmt auch Regisseur Aron Stiehl den Konflikt, der aus dem absoluten Verbot des Karnevals resultiert, das Aufbegehren des Volkes ge­ gen den Kontrollwahn von Statthalter Friedrich, das Todesurteil, das als warnendes Exempel über Claudio verhängt wird, die Weltfremdheit seiner Schwester Isabella, die vor ihren eigenen Gefühlen ins Kloster flüchtet, schließlich den inneren Kampf Friedrichs zwischen der Unterdrückung seiner Gefühle und dem Scheitern an seinem eigenen Gebot, zunächst einmal ernst. Nichtsdestotrotz kostet die Inszenierung die lustspielhaften Elemente voll aus, wenn Friedrichs scheinheiliger Polizeichef ­Brighella, nachdem er sich verbotenerweise das Amt des Rich­ ters angemaßt hat, den Reizen der schönen Dorella erliegt oder wenn die ach so vergeistigten Nonnen Isabella und Mariana in den Mauern ihres Klosters von dem leidenschaftlichen Drauf­ gänger Luzio überrascht werden, der Schwester Isabella vom Fleck weg heiraten möchte. Richtig pikant wird es schließlich, als sich Friedrich ausgerechnet in die Nonne Isabella verliebt,

dreiklang 05 sich mit dieser zum Stelldichein verabredet und dabei sein blau­ es Wunder erlebt … Es geht also heiß her in Palermo. Wer hätte gedacht, dass Richard Wagner so turbulent sein kann? Spaß hatten auf jeden Fall auch die Sänger bei den Proben in Leipzig und bei den ersten Auffüh­ rungen im Rahmen der Kooperation mit den BF-Medien in Bay­ reuth, allen voran Christiane Libor als Isabella, Reinhard Dorn als Brighella und Tuomas Pursio als Statthalter Friedrich, die endlich mal ihr komisches Talent auspacken durften. Mit der Premiere des »Liebesverbots« hat die Oper Leipzig nun alle drei Frühwerke Richard Wagners im Repertoire. Das ist weltweit ein­ zigartig!

Jeder Mensch ist ein vernünftiges Tier. Statement des Regisseurs Aron Stiehl In jedem Menschen stecken – unterschiedlich stark verteilt –­­­­ beide Pole, die geistige und die triebhafte Seite. Friedrich ver­ bietet die Liebe. Alles, was Lust bereitet, ist verboten. Jeder, der nach dem Lustprinzip lebt, wird hingerichtet. Für Friedrich ist es absolut bedrohlich, wenn er selbst und die Menschen um ihn herum die Kontrolle über sich verlieren. Letztlich ist das zutiefst menschlich. Wir alle haben Angst vor Dingen, die wir nicht kontrollieren können, und versuchen diese zu unterdrücken. Bei Friedrich wird die Kontrolle über sich und über die Menschen zur Obsession. In seinem Kontrollzwang trennt er einen kompletten Teil seiner Persönlichkeit, die trieb­ hafte Seite, von sich ab und grenzt ihn aus. Er geht sogar so weit, dass er mit dem Liebesverbot seine Autorität als Macht­ mensch untermauert. Aber irgendwann versagt der Verdrän­ gungsmechanismus und das Ganze fliegt ihm um die Ohren.

Szenenfoto aus der Oberfrankenhalle Bayreuth mit Solisten und Chor der Oper Leipzig


Oper

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Vorsprung durch Technik —  

 O per Leipzig und Audi lassen im »Rheingold« technisch raffinierten Regenbogen erstrahlen.  text Philipp Amelungsen  foto tom schulze Es ist ein imposanter Opern-Moment: Die Götter entschwinden der ziemlich dünn gewordenen Erdenluft, um in schwindel­ erregender Höhe über den Wolken ihr neues Heim Walhall zu beziehen. Standesgemäß erstrahlt zum Einzug ein schillernder Regenbogen in den schönsten Farben, der ihnen als Brücke in die neue Heimstatt dient. So schön kann Wagner sein! Es ist das letzte Bild zum »Rheingold«, dem Vorabend des Bühnenfestspiels »Der Ring des Nibelungen«. Was für die Zuschauer ein beeindrucken­ der sinnlicher Moment dieser Aufführung ist, war für die techni­ sche Planung im Vorfeld eine große Herausforderung: Wie kann man mit finanziell begrenzten Mitteln einen möglichst effekt­ vollen Regenbogen auf die Bühne zaubern? Die entsprechenden LED-Lampen erfordern einen hohen finanziellen Aufwand, der nicht im Produktionsetat vorgesehen ist. Glücklicherweise kann sich die Oper Leipzig hier auf einen starken Partner aus der Wirt­ schaft verlassen: Die AUDI AG unterstützt4die »Ring«-Tetralogie

an der Leipziger Oper und ermöglicht somit die Anschaffung von Speziallampen. Diese lassen einen Regenbogen erstrahlen, der nicht nur täuschend echt aussieht, sondern zudem technisch höchst raffiniert ist. In der Lichttechnik sind mehr als 450 Spots installiert, die, einzeln ansteuerbar, einen perfekten Farbverlauf zaubern. Übrigens: Die gesamte Anlage hat unseren Technikern einiges an Planung und Frickelei abverlangt. Letztlich haben sie ein Highend-Produkt gebaut, das sich sehen lassen kann. Die Neuanschaffung ist auch über den Ring-Zyklus hinaus eine Be­ reicherung. Die neuen Lampen sind bereits im Ballettabend »Das Nibelungenlied« zum Einsatz gekommen und werden auch un­ serem »Liebesverbot« die richtige Atmosphäre geben.

DAS RHEINGOLD Aufführung 10. Nov. 2013, Opernhaus DIE WALKÜRE Premiere 07. Dez. 2013, Opernhaus Aufführungen 22. Dez. 2013 / 05. und 11. Jan. 2014

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18 Oper

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Bildstrecke

Ein Mammutprojekt —    »Von Leipzig nach Bayreuth« in der letzten Phase 

Unter dem Motto »Von Leipzig nach Bayreuth« fanden sich die Oper Leipzig, das ­Gewandhausorchester und die Bayreuther Festspiele (BF Medien) zu einer Kooperation zusammen, welche die Aufführung der drei Frühwerke Richard Wagners »Die Feen«, »Das Liebesverbot« und »Rienzi« beinhaltete. Nach einer zweijährigen Vorbereitungsund Produktionsphase war es nun endlich so weit: Die Oberfrankenhalle in Bayreuth wurde für die Präsentation dieses Mammutprojektes vorbereitet. Hier einige Impres­ sionen dieses technischen und logistischen Kraftaktes. 1

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(1) Nach mehrwöchiger Probenphase in Leipzig wurden mit zwölf Sattelschleppern alle Requisiten, Bühnenteile, Technik und auch die Instrumente nach Bayreuth transportiert. (2 und 3) Für die Präsentation der Frühwerke wurde die Oberfrankenhalle umgebaut. Die Installation einer Zuschauertribüne und die Abhängung im Hintergrund für eine bessere Akustik waren nur ein Teil der Aufgaben.

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(4) Provisorisch und trotzdem voll funktionsfähig: Das Inspizientenpult von Peter Makswitat. (5) Scheinwerfer und Requisiten wurden mit einer Hubbühne installiert. (6) Der Aufbau von »Rienzi« ist fast abgeschlossen. Fotos: Markus Spona

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zu neuer Blüte erweckt —  

 Wiederaufnahme der Erfolgsinszenierung von Verdis »La Traviata«   i n erneuertem Bühnenbild 

text Philipp Amelungsen und Marita Müller  Foto Kirsten Nijhof Frühlingserwachen in der Kaschierabteilung der Theaterwerk­ stätten. Ein warmes cremeweißes Leuchten geht von den 500 Kamelien aus, die in Körben zusammengesteckt über den Raum verteilt sind. Berührt man die Blütenpracht, merkt man schnell: alles Theater! Mirko Frosch lächelt: »Ja, unsere Kamelien sehen täuschend echt aus, dabei bestehen die Blüten aus gefärbter Sei­ de, der Stängel aus einem mit grünem Band umwickelten Me­ tallstab.« Den ganzen Sommer über haben die Mitarbeiter die Blumen in liebevoller Handarbeit hergestellt. Im Nebenraum, dem lichtdurchfluteten Malsaal der Theaterwerkstätten, ist der Bühnengrund aus den edel schwarz spiegelnden Bodenplatten bereits aufgebaut. Hier werden pünktlich zur Wiederaufnahme von Verdis »La Traviata« am 2. November die Kamelien zu neuer Blüte erweckt. Zur Erinnerung: Nach mehr als 100 Vorstellungen wurde die »Traviata«-Inszenierung von Andreas Homoki zum Ende der Spielzeit 2011 / 12 in den Dornröschenschlaf versetzt. Die 16 Jah­ re erfolgreicher Aufführungsgeschichte haben deutliche Spuren am Bühnenbild hinterlassen. Um die Produktion im Repertoire

behalten zu können, wurde eine Neuanfertigung des Bühenbil­ des unerlässlich. Hier war echtes bürgerschaftliches Engage­ ment gefragt, denn der Oper fehlten dazu die finanziellen Mittel. Deshalb bat die Oper Leipzig vor einem Jahr die Opernfreunde und Bürger der Stadt um Hilfe und Unterstützung bei der Erneu­ erung des Bühnenbildes. Der Förderkreis der Oper und die AUDI AG appellierten an die Leipziger, Patenschaften für die zahlrei­ chen Platten des Bühnenbodens zu übernehmen. Nur durch das Engagement der Leipzigerinnen und Leipziger kann unsere »Traviata« nun wieder in neuem Glanz erstrahlen. Auch Prof. Ulf Schirmer freut sich: »Wir sind sehr berührt und froh über die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer, die uns geholfen haben, die notwendige Summe einzunehmen, um den Neubau des Bühnenbildes zu realisieren. Es ist ein deut­ liches Zeichen, dass den Leipzigern ihr Opernhaus am Herzen liegt und zeigt gleichsam, dass sich qualitativ hochwertige und zeitlose Inszenierungen auch über viele Jahre einen festen Platz im Repertoire sichern können.« LA TRAVIATA Wiederaufnahme 02. Nov. 2013, Opernhaus Aufführungen 17. Nov. / 12. Dez. / 23. Mär. / 13. Apr. / 29. Mai


Oper

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Rückblick: Oper

ZUM »FrühStück« NACH BAYREUTH —  

 Vom 7. bis zum 14. Juli leiteten Oper Leipzig und BF Medien mit der Aufführung der drei   Frühwerke Richard Wagners in Bayreuth die Jubiläumssaison der Bayreuther Festspiele ein.   T rotz Julihitze trieb es tausende Interessierte und Wagnerianer in die Festspielhalle im  Oberfränkischen. 

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(1) Den Auftakt zu den Vor-Festspielen in Bayreuth gab die Neuproduktion von »Rienzi« mit Solisten und dem Chor der Oper Leipzig. Am Pult des Gewandhausorchesters in Bayreuth stand Christian Thielemann. (2 und 3) Am Tag darauf folgte in der Inszenierung von Aron Stiehl die umjubelte Premiere von »Das Liebesverbot«. Mit Sinnlichkeit, Spaß und Spielfreude der Solisten und des Chores der Oper Leipzig ließ der zweite Teil des »FrühStücks 1–3« die Presse wie auch das Publikum begeistert zurück. Diese hemmungslose Opera buffa wird die Eröffnungspremiere der Oper Leipzig sein. (4) Last but not least war das Erstlingswerk Wagners »Die Feen«, welches im Februar in Leipzig szenische Premiere feierte, in der Bayreuther Oberfrankenhalle als einmalige konzertante Aufführung unter der Leitung des Intendanten und Generalmusikdirektors der Oper Leipzig, Prof. Ulf Schirmer, zu hören.

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3 Fotos: Markus Spona

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22 Leipziger Ballett

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Ballett Extra

Neue Gesichter in der Company —    Zum Spielzeitbeginn starten acht neue Tänzerinnen und Tänzer ihre Arbeit   i n der Company des Leipziger Balletts. 

text olaf bargheer  Foto Kirsten Nijhof Der Saisonstart stellt für eine Ballett-Company jedes Jahr einen Einschnitt dar: Einige der Tänzer verabschieden sich, mehrere be­ enden ihre Karriere, widmen sich ein Jahr lang dem Nachwuchs oder wechseln an andere Häuser. Für die Neuengagierten steht ein Riesenberg Arbeit an: Sich binnen kürzester Zeit in die Choreo­ grafien einzuarbeiten, kostet Kraft und Konzentration. ­Gleiches gilt auch für die Ballettmeister: Sie nehmen Umbesetzungen vor, arbeiten detaillierte Probenpläne aus und führen die vielen un­ terschiedlichen Nationalitäten, Kulturkreise und Charaktere der Tänzer zu einem Ensemble zusammen. Für den neuen Ballett­ meister Matthew Bindley und die acht neuen Tänzer des Leip­ ziger Balletts ist das eine große Herausforderung. Die Entschei­ dung für Leipzig erreichte sie kurz vor der Sommerpause, kaum

zwei Monate Zeit blieben für die Organisation eines ganz neuen Lebensabschnittes. Pünktlich zum Saisonstart hat jeder von ­ihnen Wohnung, erste Kontakte und eine vage Vorstellung von der neuen Heimat Leipzig – einer Stadt, die sie mit ihrer Kunst begeistern wollen, einer Stadt, die jeden der jungen Tänzer künstlerisch und persönlich prägen wird. Im Juni noch auf allen Kontinenten der Welt zu Hause – mit Spielzeitbeginn angekommen in der Company des Leipziger Balletts: Matthew Bindley (Ballettmeister, 37, Australien), Frieda Mennen (26, Südafrika), Nikolaus Tudorin (30, Australien / Itali­ en), Naiara de Matos (19, Brasilien), Ronan dos Santos Clemente (20, Brasilien), Anna Jo (27, Südkorea), Laura Costa Chaud (30, Brasilien), Jake Burden (23, Großbritannien), Anastasia Paschali (26, Zypern / USA).


Leipziger Ballett

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Rückblick: Ballett

Die Nibelungen tanzen ! —  

 D ie Premiere des »Nibelungenliedes« vergangene Spielzeit war in jeder Hinsicht ein ungewöhnlicher und herausfordernder Ballettabend im Wagner-Jubiläumsjahr: Eine Rückschau in Bildern. 

Mario Schröder inszenierte den mittelalterlichen Stoff als intimes Kammerspiel, als moderne Familientragödie, in deren Epizentrum eine junge Frau steht, die selbstbestimmt ihren Platz sucht inmitten eines intriganten, kriegslüsternen, zaudernden Hofstaates. Kriemhild geht in der neunzigminütigen Ballettinszenierung einen radikalen Weg von der wohlerzogenen Königstochter zur entschlossenen Rachegöttin. Weitere Aufführungen 17. und 25. Okt. / 3. Nov. 2013 / 3. März / 04. und 17. April 2014

Fotos: Bettina Stöß

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24 Musikalische Komödie

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Uraufführung

»wagner in reimkultur« —  

 »Wagners Ding mit dem Ring« als Musical-Comedy an der   M usikalischen Komödie. Dreiklang traf Komponist Thomas Zaufke und   Textdichter Ulrich Michauel Heißig zum Interview. 

interview Marita Müller  Fotos Kirsten Nijhof und Christian Gross Gleich drei Versionen vom »Ring des Nibelungen« präsentiert die Oper Leipzig 2013. Mit dem »Ring für Kinder« läutete die Musikalische Komödie im Januar das Wagner-Jubiläumsjahr ein, im Mai folgte mit »Rheingold« der Auftakt für den szenischen »Ring« im Opernhaus und mit der Uraufführung eines Musicals zum gleichen Thema in der Musikalischen Komödie rundet sich in Kürze ein weiterer »Ring« in Leipzig.

»WAGNER IN REIMKULTUR« Gespräch mit dem Librettisten Ulrich Michael Heissig

Dreiklang > Wie gehen Sie als Textautor des Musicals mit dem über­ lieferten Erbe, der »Ring«-Tetralogie von Richard Wagner, um?

Ulrich Michael Heissig > Wagners Mammutwerk »Der Ring des Nibe­ lungen« stellt an jeden, der sich damit beschäftigt – als Inter­ pret oder als Zuschauer – höchste Anforderungen. Es ist nicht nur eine Herausforderung an den Geist, sondern auch an das Sitzfleisch. Deshalb sehe ich meine Aufgabe unter anderem da­ rin, die »Ring«-Story von ca. 16 Stunden Dauer in einen etwa zweistündigen kurzweiligen Abend zu verwandeln, in dem alle wichtigen Aspekte und Zusammenhänge berücksichtigt werden. Auf retardierende Momente, die alles noch einmal erzählen, was Zuschauer und Stückfiguren schon längst wissen sollten, habe ich zugunsten einer Stringenz und Verknappung des gewaltigen Stoffes verzichtet. Wir haben die Geschichte des »Rings« auf un­ terhaltsame Weise neu geschrieben und bringen sie als Musical Comedy (wovon sich der Begriff des Musicals ja herleitet) auf die Bühne der Musikalischen Komödie.


Musikalische Komödie

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Dreiklang > Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Wagner und zum »Ring«? Ulrich Michael Heissig > Die Person Richard Wagners ist für mich sehr zwiespältig, vor allem durch seinen Antisemitismus. Seine Mu­ sik und seine kulturgeschichtliche Bedeutung sind natürlich un­ angefochten. Seine Melodie-Erfindungsgabe fasziniert mich und sein gesamtmusiktheatralischer Ansatz!

Dreiklang > Welchem Genre würden Sie Ihr Stück zuordnen – Parodie, Persiflage? Ulrich Michael Heissig > Es ist einfach eine Bearbeitung, eine Adap­ tion eines alten Stoffes. Die bekannten Vorgänge aus dem »Ring des Nibelungen« werden erzählt, aber in Form einer Charakter­ variation oder Pop-Variante. Wo es bei Wagner ernst und episch ist, geht es bei uns lustig und temporeich zu. Bei Richard Wag­ ner geht am Ende der »Götterdämmerung« die Welt unter – im Musi­cal gibt’s ein Happy End. Dreiklang > Auf welche Weise wird die Geschichte bearbeitet?

Ulrich Michael Heissig > Sie wird »amerikanisiert« durch eine von uns erfundene Rahmenhandlung. Diese berichtet, dass ein gewisser Traugott Wagner, Blechblasinstrumentenbauer und Cousin von Richard, kurz nach der Uraufführung des »Rings« nach Amerika ausgewandert ist und mitten in der Prärie die Stadt »New Bay­ reuth« gegründet hat. Dort ließ er auf einem grünen Hügel ein Musicaltheater errichten, um den Leuten in der Prärie die Stücke seines berühmten Cousins in kürzeren, unterhaltsamen Bearbei­ tungen zu zeigen. Das Konzept läuft seit vier Generationen mit Erfolg. Nun ist Traugotts Urenkel Wotan Wagner jr. zum ersten Mal auf einer Europa-Tournee unterwegs und führt mit seiner Musical-Truppe die Musical-Comedy-Show seines Urgroßvaters auf. »Traugott Wagner« ist natürlich eine Erfindung des Autors. Dreiklang > Im Musical-Libretto wird ebenfalls heftig gereimt, Wagners »Ring« in neue Reime gefasst …

Ulrich Michael Heissig > Ja, »Traugott Wagner« bedient sich einer gebundenen Sprache, die sozusagen eine Verbeugung vor der Kunstsprache des Originals mit seinen Stabreimen ist. Gerade in Sachsen gibt es dafür eine große »Reim«-Tradition. Denken wir Milko Milev als Wagner-Ur-Großcousin und Entertainer W. W.  jr.

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26 Musikalische Komödie

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an Vorbilder wie Erich Kästner, Joachim Ringelnatz oder Lene Voigt. Auch in der Gegenwart haben wir wieder eine Reim-Kul­ tur, z. B. in der Hip-Hop-Szene. Außerdem kann ein Reim einen Vorgang oft schneller auf den Punkt bringen. Das Libretto bietet Wagner in Reimkultur.

Eine amerikanische Parallelwelt zum »Ring des Nibelungen«

Dreiklang > Welche Zielgruppe(n) möchten Sie mit dem Musical ansprechen?

Dreiklang > Worin bestand für Sie der Reiz, die Musik für dieses »Ring«-Musical zu komponieren?

Ulrich Michael Heissig > Wir denken an Zuschauer aller Altersgruppen

Thomas Zaufke > Ein Wagner-Musical für Leipzig, die Geburtsstadt

und wollen die Geschichte vom »Ring des Nibelungen« Men­ schen nahebringen, die zunächst lieber ins Musical als in die Oper gehen. Besonders wichtig sind uns dabei junge Leute, denen wir auf verständliche und kurzweilige Weise die Handlung des »Rings« erzählen wollen – lustig und leicht, mit Mitteln aus dem Comic-Bereich und der amerikanischen Musical Comedy.

Ulrich Michael Heissig ist Autor, Schauspieler, Sänger und Kabarettist. 1996 kreierte er die Kunstfigur Irmgard Knef, die fiktive Zwillingsschwester und das Alter Ego von Hildegard Knef. In dieser Rolle tritt er mit Programmen auf wie »Ich, Irmgard Knef« (1999), »Schwester­ seelenallein« (2002) oder »Die letzte Mohikanerin« (2005). Im Jahr 2005 erhielt er den Deutschen Kabarettpreis.

Thomas Zaufke zählt zu den erfolgreichsten Komponisten im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Peter Lund schrieb er u. a. die Musicals »Babytalk«, »Elternabend« und »Held Müller«. Außerdem komponierte er für das Schauspielhaus Han­ nover, das Leipziger Gewandhaus, den Musikverein in Wien, das Kurt-Weill-Fest Dessau und das Theater des Westens in Berlin.

Gespräch mit dem Komponisten Thomas Zaufke

des Komponisten, zu schreiben ist natürlich eine tolle Sache und eine echte Herausforderung, die mich gereizt hat. Für Uli Heissig und mich stand von Anfang an fest, dass wir Wagners Musik nicht einfach eins zu eins in ein Musical verwandeln können. Es stellte sich die Frage: Wie die Geschichte darstellen, ohne Wag­ ners Musik in ihrer Substanz zu verändern? So kamen wir auf die Idee, Wagner und seinen »Ring« aus der Sicht des amerika­ nischen Show-Business und seiner Musik zu erzählen.

Dreiklang > Kommt noch Wagner-Musik in dem Musical vor und wenn, in welcher Weise? Thomas Zaufke > Viele seiner bekanntesten Leitmotive sind wieder­ zufinden, wie Siegfrieds Hornruf oder das Walhall-Motiv. Sie kommen aber eher in Form von Zitaten vor. Wenn Siegfried z. B. seinen Song »Ein echter Held« singt, dann ist in der Orchester­ begleitung der Hornruf zu hören. Auch die Walküren sind ver­ treten, das »Ring«-Motiv, das Schicksals-Motiv – all die markan­ ten Motive, die man kennt. Aber wir haben davon abgesehen, ganze Passagen von Wagner zu zitieren.

Dreiklang > In welche Richtung geht der musikalische Stil des Stückes?

Thomas Zaufke > Unser Musical ist eine Liebeserklärung an den ameri­kanischen Broadway-Stil der 40er Jahre, der Zeit von Cole Porter, George Gershwin und Rodgers & Hart, bis in die 60er und 70er Jahre, also Jerry Herman oder Cy Coleman. Man denke an bekannte Musical-Klassiker wie »Kiss Me, Kate«, »Hello, Dolly!« oder auch »Fiddler on the Roof.«

Dreiklang > Hat ihre Musik Ohrwurmpotenzial? Thomas Zaufke > Ich hoffe, die Musik ist so eingängig wie die meiner Broadway-Vorbilder. Ohrwurmpotenzial haben z. B. das Terzett der Rheintöchter im Andrew Sisters-Stil und das große Opening. Diese Nummer fungiert auch als musikalische Überleitung zwi­ schen den vier Teilen des »Rings«. Dreiklang > Werden die Figuren musikalisch charakterisiert? Thomas Zaufke > Ja, alle Hauptfiguren – Brünnhilde, Wotan, Siegfried, Alberich und Mime – haben ihre eigenen Lieder, deren Themen im Verlauf des Musicals immer wieder zitiert werden. Am Ende werden in unserer »Götterdämmerung«, die musikalisch ein


Musikalische Komödie

magazin der oper leipzig Konglomerat von allem vorher Gewesenen ist, die Zaufke-Moti­ ve mit Wagner-Zitaten verbunden.

Dreiklang > Sie sind humorvoll und auch etwas respektlos mit dem »Ring« umgegangen. Hatten Sie dabei den großen Meister im Genick? Thomas Zaufke > Ich bin voller Respekt für Wagners Welt. Sein »Ring« ist eine wunderbare Geschichte mit einer tollen Musik, welche die Menschen seit fast 140 Jahren begeistert. Obwohl wir uns dem Ganzen mit Humor genähert haben, handelt es sich bei unserem »Ding mit dem Ring« um keine Parodie. Gerade weil ich Wagners Musik liebe, bleibt sie unangetastet. Wir haben eher eine amerikanische Parallelwelt zum »Ring des Nibelun­ gen« geschaffen.

Ich bin voller Respekt für Wagners Welt. Sein »Ring« ist eine wunderbare Geschichte mit einer tollen Musik, welche die Menschen seit fast 140 Jahren begeistert. Thomas Zaufke

05. Nov. – 10. Nov. 2013

»Schwarze Milch« Theater und Tanz aus dem alten und neuen Europa Unter der Schirmherrschaft von Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig 12 Gastspiele aus 11 Ländern in 24 Vorstellungen und 8 Spielstätten

Schwerpunkt: 100 Jahre »Le sacre du printemps« (»Das Frühlingsopfer«) Ballett von Igor Strawinsky

Dreiklang > Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit mit dem Textautor? Thomas Zaufke > Der Auftrag der Oper Leipzig bestand darin, den ge­ samten »Ring« in maximal zweieinhalb Stunden nachvollzieh­ bar und mit Humor zu erzählen. Wir hoffen, das Publikum hat bei unserem »Ding mit dem Ring« so viel Spaß, wie wir beim Komponieren und Texten hatten !

© Steve Appel

Im Hauptprogramm:

Di. 05. Nov. // 19.30 – 22.30 Uhr Schauspielhaus Festivaleröffnung

Choreografien von David Wampach, Montpellier / Tero Saarinen, Helsinki / Georges Momboye, Paris Georges Momboye

Sa. 09. Nov. & So. 10. Nov. // jeweils 17.00 – 18.00 Uhr Diskothek im Schauspielhaus 2nd nature / Christine Gaigg, Wien »DeSacre !«

Im Rahmenprogramm:

Filme / Passage Kinos (Eintritt frei):

Mi. 06. Nov. // 16.30 – ca. 18.30 Uhr

»1913 – Tanz auf dem Vulkan«

Dokumentarfilm von Dag Freyer (ARTE / ZDF 2013) zu Entstehung und gesellschaftlichem Kontext von »Le sacre du printemps« Do. 07. Nov. // 16.00 – ca. 19.15 Uhr »Le sacre du printemps«

Filmaufzeichnungen der Choreografien von Vaslav Nijinsky (Original Paris 1913), Sasha Waltz (Paris 2013), Dietmar Seyffert (Leipzig 1981) und Pina Bausch (Wuppertal 1975)

© Helga Wallmüller

wagners ding mit dem ring Premiere 26. Okt. 2013, Musikalische Komödie Aufführungen 27. Okt. / 02., 03., 05., 26., 27. Nov. 2013 / 25., 26. Jan. / 01., 02. Mär. / 05. und 06. Apr. 2014

Choreografie von Dietmar Seyffert mit dem Ballett der Oper Leipzig Mit freundlicher Unterstützung:

Infos _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Tel. 0341-980 02 84 // info@euro-scene.de // www.euro-scene.de Karten _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Tel. 0341-215 49 35 // tickets@euro-scene.de Filme _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Reservierung empfohlen (kostenlose Zählkarten)

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Neue Reihe

KLANGFARBEN —  

 Vom Graben auf die Bühne: das Orchester der Musikalischen Komödie   i m klassischen Konzert 

text Johanna Mangold Foto Kirsten Nijhof Die Musikalische Komödie ist einzigartig. Einzigartig in ihren Inszenierungen, in ihrem Leipziger Charme und in ihrem cha­ rakteristischen Klang. Als Zuschauer kennt man den Orchester­ klang vor allem aus dem Graben, wenn die Musiker mit ihrer spielfreudigen Strahlkraft Spieloper, Operette und Musical zum Klingen bringen und den unverwechselbaren Sound generieren. Das Orchester der Musikalischen Komödie ist Teil dieser Stadt und trägt wesentlich zur künstlerischen Vielfalt Leipzigs bei. Stefan Diederich, Musikalischer Oberleiter und Chefdirigent, ist sich der Ausnahmestellung dieses Orchesters bewusst: Mit der neu geschaffenen sinfonischen Konzertreihe »Klangfarben« steht deshalb auch das Orchester im Mittelpunkt. »Wir wollen zeigen, dass wir nicht nur Musik aus dem heiteren Unterhaltungsgenre spielen können, sondern auch dem ernsten, klassischen Repertoire gewachsen sind.« Für Diederich liegt der

Schwerpunkt des Programms auf jenem »Sowohl-als-auch«: Hei­ ter-populäre und ernste Musik als kontrastreiche Kombination. Das erste »Klangfarben«-Konzert ist am 20. November 2013. Auf dem Programm stehen Antonio Vivaldis »Le quattro stagioni« (Die vier Jahreszeiten, 1725), Joseph Haydns Sinfonie in D-Dur »Die Uhr« (1794) sowie Giacomo Puccinis romantisches Pre­ ludio Sinfonico in A-Dur (1882). Für Diederich geht es bei dem ersten Konzert aber nicht nur darum, die sinfonische Seite des Orchesters zu präsentieren, sondern auch Agnes Farkas, Erste Konzertmeisterin, dem Publikum als Solistin näher zu bringen. Das erste »Klangfarben«-Konzert will noch einen weiteren Markstein setzen: Die musikalische Leitung übernimmt näm­ lich nicht Diederich, der Initiator der Reihe, sondern David Timm, Musikdirektor der Universität Leipzig, der mit seinem Engagement die künstlerische Vielfalt der Stadt im Wagnerjahr geprägt hat. Nehmen Sie Teil an diesem besonderen Ereignis, an dem sich das Orchester der MuKo von einer neuen spannenden Seite zeigt.


Musikalische Komödie

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Rückblick: Musikalische Komödie

unterwegs im gastspielsommer —  

 M it mehreren Gastspielen beendete die Musikalische Komödie die Spielzeit 2012 / 13.   D er Juli führte das Ensemble u. a. zum »Classic Open« auf den Berliner Gendarmenmarkt   u nd zu den »Schlossfestspielen Thurn und Taxis« 

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(1–2) Bereits zum fünften Mal gastierten Orchester, ­Chor, Ballett und Solisten der Musikalischen Komödie beim renommierten »Classic Open Air Festival« am Berliner Gendarmenmarkt. Unter dem Motto »Wiener Leben und Pariser Blut« traten an diesem Abend die Dirigenten Stefan Diederich und Lukas Beikircher als die zwei Operettenkönige Jacques Offenbach und Johann Strauß in einem unterhaltsamen Duell gegeneinander an. (3–4) Den glanzvollen Abschluss der Saison erlebten die Ensemblemitglieder am 18. Juli mit der Leipziger Erfolgsinszenierung »Rocky Horror Show« auf Schloss Emmeram bei den »Thurn und Taxis Schlossfestspielen« in ­Regensburg. Die größte Überraschung des Abends war der Auftritt von Fürstin Gloria höchstpersönlich. Mit einer Harley heizte die 53jährige Gutsbe­ sitzerin auf die Bühne und wurde später auch noch in einem Pinguinkostüm als Anführerin der Außerirdischen gesichtet.

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Neue Projekte der Education-Abteilung

Blickwechsel —  

 I m Rahmen der Premieren-Projekte haben in der vergangenen Spielzeit   Kindergartengruppen, Schulklassen und Senioren zu »Pinocchio«, »Rheingold« und   zur Persönlichkeit Richard Wagners recherchiert, Texte geschrieben, Musik   k omponiert, Spielszenen erarbeitet und die Ergebnisse in öffentlichen Präsentationen   v orgestellt. Diese erfolgreiche Arbeit soll auch 2013/14 fortgeführt werden: 

Text Heidi Zippel und Christina GeiSSler

  P remierenklasse 

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Für eine interessierte Schulklasse heißt es ab Februar: »Ich will nicht!«. Dabei geht es nicht um pubertäre Befindlichkeiten, son­ dern um die neue Operninszenierung »Die Frau ohne Schatten«. Denn mit der Entscheidung »Ich will nicht!« befreit sich die schatten- und damit kinderlose Kaiserin – Tochter des Geister­ königs Keikobad – aus dem Fluch der bösen Mächte und nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie hat begriffen, dass sie ihr ei­ genes Glück nicht auf Kosten anderer erlangen kann. Und auch dazu gibt es natürlich am Premierenabend am 14. Juni 2014 ein öffentliches Vorspiel.

 L iebe ist viel mehr 

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»Das einzig wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.« – Dieser Spruch von Albert Schweitzer könnte über dem Seniorenprojekt stehen, welches die Neuproduktion des Balletts »Romeo und Julia« in der Musi­ kalischen Komödie begleitet. Spielfreudige Senioren erarbeiten bis zum Premierenabend am 31. Januar 2014 eigene Szenen zum Thema. Fotos: Andreas Birkigt


Education

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Mehr Oper für Kinder

für kinder und familien —    H umperdincks musikalisches Märchen »Dornröschen« 

Jedes Kind kennt Engelbert Humperdinck. Seine Oper »Hänsel und Gretel« gehört für viele Familien seit Generationen zum fes­ ten Ritual in der Weihnachtszeit. Was die meisten nicht wissen: Humperdinck hat auch noch eine zweite Märchenoper geschrie­ ben: »Dornröschen«. Die Aufführung zum Saisonabschluss der Spielzeit 2011 / 12 war ein Erlebnis für die ganze Familie, insbe­ sondere für unsere jungen Zuschauer. Mit Spannung verfolg­ ten sie, wie Prinz Reinhold den Zauber der bösen Fee Dämonia überwindet und sein Dornröschen aus dem 100jährigen Schlaf befreit. Auf Grund der großen Nachfrage zeigt die Oper Leipzig jetzt vier Vorstellungen dieser Produktion. Die Kinder können dem Gewandhausorchester, das bei dieser Vorstellung auf der Bühne sitzt, beim Spielen zuschauen. Mit Friedhelm Eberle führt ein klassischer »Märchenonkel« von der Loge des Inten­ danten aus durch dieses musikalische Märchen. Begleitet wird das Ganze von jede Menge Bühnenzauber. Ein idealer Einstieg in das Erlebnis Oper! Dass wir auch bei unseren Kinder- und Jugendproduktionen auf höchste musikalische Qualität setzen, zeigt die Besetzung der Titel­partie. Olena Tokar, Gewinnerin des ARD-Musikwett­

bewerbs, steht in der Titelpartie auf der Bühne. Im Dezember können sie die Kleinen dann auch als Gretel in »Hänsel und ­Gretel« erleben! Musiktheater für Familien ist ein zentrales Anliegen auch die­ ser Spielzeit. Schon jetzt darf man sich wieder auf märchen­ hafte Stücke wie »Hänsel und Gretel«, »Pinocchio« oder »Eine Weihnachtsgeschichte« nach Charles Dickens in der Choreo­ grafie von Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder freuen. Wiederaufgenommen wird auch »Papageno und die Zauberflöte« mit Vorstellungen für Familien. In der Musikali­ schen Komödie laden der »Ring für Kinder«, »Der Zauberer von Oss«, »Aschenputtel« und »Peter und der Wolf« vor allem Fami­ lien ein. Für unser jugendliches Publikum wird ein besonderes MuKo-Highlight in dieser Spielzeit die Aufführung des Prokof­ jev-Balletts »Romeo und Julia« sein. DORNRÖSCHEN Wiederaufnahme 26. Okt. 2013, Opernhaus Aufführungen 18. Dez. 2013 / 28. Feb. 2014 Foto: Andreas Birkigt

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Mitarbeiter der Oper Leipzig empfehlen

Unterwegs in Leipzig Freizeit-Tipp

Kultur -Tipp

 S katen in Leipzigs    g rüner Lunge. 

 S pinnen im Leipziger Westen. 

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Sportlich: Christian Groß

Kunstinteressiert: Johanna Mangold in der Baumwollspinnerei

Verstreut sitzen Menschen auf Decken, nach Grillfleisch duftende Rauchschwa­ den wabern über die Wiesen, Kinder to­ ben mit ihren Eltern herum, Senioren füttern Eichhörnchen. Im Sommer gibt es keinen schöneren Ort als den Clara Zetkin Park. Auf den Wegen zwischen Bruckner-Allee und Auwald wuseln Jog­ ger, Nordic Walker und Inlineskater um­ her. Einer von ihnen ist Christian Groß. Mit seinen Skates gleitet er flink über die Sachsenbrücke, vorbei an Studenten und Straßenmusikern. Er ist seit dieser Spiel­ zeit Mitarbeiter in der Abteilung Marke­ ting/Öffentlichkeitsarbeit und kümmert sich unter anderem um die Sozialen Netzwerke und die Beiträge auf Leipzig Fern­sehen. Der studierte Sportmanager liebt Bewegung, »Skaten ist ein super Ausgleich zum Alltag. Nach der Arbeit schnell in den Park und ein paar Runden drehen! Das macht den Kopf frei und gibt neue Energie.« Danach, gesteht der gebür­ tige Niedersachse, freut er sich aber auch auf eine Kugel Eis, die er sich in der Sonne genehmigt.

Der Leipziger Westen im Augustsonnen­ schein. Wir kommen mit dem Fahrrad auf dem Spinnereigelände an, ein paar Plagwitz-Hippster mit Jutebeutel und fal­ schen Ray Ban Sonnenbrillen kommen uns entgegen. Handwerker machen auf einer Bank vor dem Café »Versorgung« Mittags­p ause. Johanna Mangold freut sich, sie hat schon viel über die Leipzi­ ger Bauwollspinnerei gehört und es ist ihr erster Besuch. Seit dieser Spielzeit ist sie Dramaturgin an der Oper Leipzig, nachdem sie schon letzte Spielzeit als Assistentin tätig war. In Plagwitz war sie schon öfter, hier gibt es tolle Cafés und Kneipen. Sie mag den Charme der Indust­ riebauten mit ihrem roten Backstein und den großen Fensterfronten. »Die Spin­ nerei hat eine unglaublich lebendige Ausstrahlung!«, sagt die gebürtige Berli­ nerin, die bei Klaus Zehelein in München Dramaturgie studiert hat. All die Gale­ rien, Ate­liers, die kleinen Geschäfte und die Kreativ-Büros, das steht für eine Seite Leipzigs, die sie schnell lieben gelernt hat: »Die Stadt ist unheimlich jung und welt­

Fotos: Kirsten Nijhof

offen, hier gibt es viel zu erleben, so viele innovative Projekte. Kein Wunder, dass so viele junge Kunstschaffende gern hier­ herkommen.« Die junge Dramaturgin muss es wissen, schließlich hat sie ihre Arbeit schon in ei­ nige hippe Metropolen geführt. Projektar­ beiten und Assistenzen brachten sie nach New York zur »Kurt Weill Foundation« oder nach Amsterdam an die »Nederland­ se Opera«. Wir schlendern über das Gelände, besuchen die Werkschau. Vier Leipziger Künstler zeigen unter dem Titel »Why Gray« bis Mitte September Fotografien, Grafiken und Installationen. Zweimal jährlich haben alle Galerien geöffnet, an diesen Wochenenden finden die traditionellen Rundgänge auf dem Spinnereigelände statt, die jeweils viele hundert Besucher nach Plagwitz locken. Auch Johanna Man­ gold weiß, dass sie bei der nächsten Gele­ genheit eine davon sein wird.


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Reingehört. Reingelesen. Reingeschaut.

Empfehlungen Buch

Film

 A hnung und Erinnerung 

 Parallelwelt mit eigenen Spielregeln 

leitmotive bei Wagner

Bernardo Bertolucci »Die Träumer«

Der Begriff des Leitmotivs ist ein Schlag­ wort in der Wagnerrezeption, schon al­ lein deshalb, weil die Musik in Wagners Musikdramen eine tragende Rolle spielt. Die Musikwissenschaftler Melanie Wald und Wolfgang Fuhrmann haben in ihrer Veröffentlichung das Ziel, die Leitmotive »in ihrer Bedeutung für das dramatische Geschehen« zu erläutern. Dabei geht es ihnen explizit nicht darum, dem Leser stumpfe Leitmotiv-Tabellen zu präsen­ tieren, sondern anhand der Musikdra­ men »Der Ring«, »Tristan und Isolde«, »Meistersinger« und »Parsifal« Kernmo­ mente exemplarisch zu beschreiben. Eine lesenswerte Lektüre für denjenigen, der sich jenseits von Bedeutungstabellen mit dem Thema befassen will.

Normalerweise sind die hintersten Plät­ ze im Kino die begehrtesten. Wer vorne sitzt, verrenkt sich nur den Hals und ist zu nah dran. Nicht für den cinephilen Matthew (Michael Pitt), ein amerikani­ scher Austauschstudent in Paris der 68er Jahre: Er sitzt konsequent in der ersten Reihe. Nur dort erfährt er den Film unver­ braucht, bevor die Bilder abgelutscht die letzten Reihen erreichen. Seine Hingabe für Kino und die Cinématèque Française eint ihn mit dem Geschwisterpaar Isabel­ le (Eva Green) und Théo (Louis Garrel). Auch sie sind Filmverrückte und sehen in Matthew den perfekten Partner für ei­ nen langgehegten Wunsch: einmal wie in Godards Film »Bande à part« (1964) quer durch den Louvre laufen und den Rekord von 9 Minuten und 45 Sekunden brechen. Für die drei Protagonisten in Bertoluccis Film »Die Träumer« ist Kino kein All­ tagsvergnügen, sondern eine Parallelwelt mit eigenen Spielregeln. Abgekapselt von

Melanie Wald, Wolfgang Fuhrmann: »Ahnung und Erinnerung. Die Dramaturgie der Leitmotive bei Richard Wagner.«, Bärenreiter Verlag, Kassel 2013

Realität und Außenwelt suchen sie in ihr nach Grenzüberschreitungen jeglicher Hinsicht und der Erfüllung jugendlicher Sehnsüchte und Träume. Der Nebenschauplatz der Handlung sind die Pariser Mai-Revolten 1968 und die Langlois-Affäre: Die legendäre Cinéma­ thèque Française sollte geschlossen wer­ den, was durch Proteste und Demonstra­ tionen von Vertretern der Nouvelle Vague verhindert wurde. Bertolucci inszeniert seinen Film in sinn­ lich-atmosphärischen Bildern mit Musik von The Doors, Jimi Hendrix und Janis Jo­ plin. Ein Film wie ein Traum, in dem die Tabubrüche in ihrer Schönheit bezwin­ gend sind und an dessen Ende Édith Piafs: »Non, je ne regrette rien!« triumphiert. Bernardo Bertolucci »Die Träumer«, 2003 (Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel)

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Die neuen Ensemblemitglieder vorgestellt

Seitenblicke Mathias Hausmann

Ab 2010 war der Tenor an der Musika­ lischen Komödie engagiert und wechselt nun in das Ensemble der Oper, wo er Partien wie Tamino in »Die Zauber­ flöte«, Prinz Reinhold in »Dornröschen«, Edmondo in »Manon Lescaut« sowie die Tenor-Partie im Ballett »Mozart Requi­ em« singt.

Lilli Wünscher Der Österreichische Bariton erhielt seine wichtigsten musikalischen Impulse von Koryphäen wie Cecilia Bartoli, Grace Bumbry, Christa Ludwig, Thomas Quasthoff und Thomas Hampson. Neben zahlreichen Gastengagements an bedeu­ tenden Opern- und Konzerthäusern der Welt erhält er regelmäßig Einladun­ gen zu international renommierten Fest­spielen. An der Oper Leipzig wird er in »­ Elektra«, »La Traviata«, »Manon Lescaut«, »Parsifal« und »Die Feen« zu hören sein.

Sebastian Fuchsberger

Der amerikanische Tenor war bis zum Ende der letzten Spielzeit mit vielsei­ tigen Partien als Ensemblemitglied am Theater Hagen zu sehen. Nun begrüßt ihn die Musikalische Komödie in Lin­ denau. Hier wird er u. a. Loge, Gunther und Fuchs in »Wagners Ding mit dem Ring«, Camille de Rosillon in »Die lus­ tige Witwe«, Henri in »Der Opernball«, Alfred in »Die Fledermaus« oder Georg in »Der Waffenschmied« geben. Aber auch »Mein Freund Bunbury«, »My Fair Lady«, »Der Zauberer von Oss« und »Lend me a Tenor !« stehen auf seinem Spielplan. ­Jeffery Krueger ist Stipendiat des Inter­ nationalen Wagner-Verbands und Preis­ träger des NATS Wettbewerbs (USA).

Michael Raschle Mit einer neuen Sopranistin wartet die Musikalische Komödie auf. Lilly Wünscher begann bereits mit sechs ­Jahren ihre musikalische Ausbildung. Ihr Gesangsstudium absolvierte sie in Hannover und ist seitdem regelmäßiger Gast bei Opern- und Operettenproduk­ tionen in ganz Deutschland und Europa. Ab dieser Saison ist sie festes Ensemble­ mitglied der Musikalischen Komödie und wird u. a. in den Neuproduktionen »Die lustige Witwe« und »Der Opern­ ball« die Hauptpartien singen.

Jeffery Krueger Der Salzburger Tenor und Posaunist studierte am Mozarteum und an der Wiener Musikhochschule. Als Posaunist absolvierte er nicht nur Konzerte und Aufnahmen mit den Wiener Philhar­ monikern und anderen, sondern war Gründungsmitglied der Gruppen »Mnozil Brass« und »Global Kryner«. ­ Fotos: Kirsten Nijhof, Wilfried Hösl, Agenturfotos: Wünscher, Krueger, Raschle

Der Schweizer trat als gefragter Konzertund Opernsänger in den verschiedensten Bereichen auf. Als lyrischer Bariton und Musicaldarsteller stand er auf Thea­ter­ bühnen, aber auch zahlreiche Lieder­ abende und Konzerte finden sich in seiner Diskographie. Im Haus Dreilinden wird er mit Partien in den Inszenierun­ gen von »Der Opernball«, »Die lustige Witwe«, »My Fair Lady«, »Der Ring für Kinder«, »Der Wildschütz«, »Frau Luna«, »Mein Freund Bunbury« und »Jekyll & Hyde« des Öfteren zu erleben sein.


Service

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impressum oper leipzig Spielzeit 2013/14 Intendant und Generalmusikdirektor Prof. Ulf Schirmer Verwaltungsdirektor Ulrich Jagels Herausgeber Marketing / Öffentlichkeitsarbeit, Dramaturgie Redaktion Philipp Amelungsen, Uwe Möller Texte Philipp Amelungsen, Bettina Auge, Olaf Bargheer, Dr. Christian Geltinger, Christina Geißler, Johanna Mangold, Marita Müller, Prof. Dr. Patrick Primavesi, Dr. Heidi Zippel fotoredaktion Philipp Amelungsen fotos Kirsten Nijhof | Astrid Ackermann, Andreas Birkigt, Emilie Cattin, Christian Groß, Tom Schulze, Markus Spona, Bettina Stöß, Ida Zenna, Agenturfotos Gestaltung formdusche, Berlin Druck Druckerei Hennig

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