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R E T S U M


20 aktuell

Parlamentarier-Jobs

Sie nehmen, was sie kriegen In der ersten Hälfte der Legislatur haben die eidgenössischen Parlamentarier zusammen 147 zusätzliche Posten und Mandate angehäuft. Einige haben sich durch eine regelrechte Sammelwut hervorgetan. Text: Thomas Angeli; Infografik: Anne Seeger

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itzungen à discrétion. Und daneben noch ein Job, oft in Vollzeit: Eigentlich, sollte man meinen, ist das Arbeitsleben eines Nationalrats oder einer Ständerätin ausgefüllt und hat sicher nicht in 40 Stunden pro Woche Platz. Dennoch waren die 246 Parlamentarier schon beim Antritt ihres Amts im Dezember 2011 in insgesamt 1702 Vereinsvorständen, Verbandsgremien, Verwaltungs- oder Beiräten engagiert. Pro Ratsmitglied kamen so im Durchschnitt 6,9 Posten zusammen. Nun zeigt eine Auswertung des Beobachters zur Halbzeit der Legislatur: Die Parlamentarier sind nicht untätig geblieben, was das Postensammeln angeht. Die Zahl der Mandate hat sich innert bloss zweier Jahre um 147 auf 1849 erhöht, was einen Pro-Kopf-Durchschnitt von 7,5 Mandaten ergibt (Stand: Anfang Oktober 2013).

Das sind pro Ratsmitglied 7,5 Posten, die Zeit beanspruchen und Abhängigkeiten schaffen. Schliesslich will man nicht gegen die Interessen eines Verbands oder eines Unternehmens stimmen, wenn man bei diesem Geld verdient oder bei der nächsten Wahl auf Unterstützung hoffen darf.

Die FDP hat – noch – die Nase vorn Bei den 1849 Nebenämtern handelt es sich nur um die von Ratsmitgliedern deklarierten Mandate. Frühere Auswertungen des Beobachters (Nr. 18/2010) haben gezeigt,

Beobachter direkt Ist es in Ordnung, wenn Volksvertreter private Interessengruppen vertreten? Diskutieren Sie im Internet mit unter www.beobachter.ch/direkt

dass es die Parlamentarier mit der Deklaration ihrer Interessenbindungen längst nicht so genau nehmen, wie sie von Gesetzes wegen müssten. So verschwieg – oder vergass – Bundesrat Schneider-Ammann, damals noch einfacher FDP-Nationalrat, vor seiner Wahl in die Landesregierung nicht weniger als neun Mandate in Firmen und Verbänden. Eine Kontrolle, ob die Parlamentarier alle ihre Interessenbindungen offenlegen, gibt es bis heute nicht. So bleibt der Blick ins offizielle Register, und dort hat die FDP – noch – die Nase vorn. Ihre insgesamt 41 National- und Ständeräte (Sitzanteil im Parlament: 16,7 Prozent) bringen es auf beachtliche 419 Mandate, was 22,7 Prozent aller aufgelisteten Posten entspricht. Dabei hatte die freisinnige Fraktion in den ersten zwei Jahren der Legislatur

Posten und Parteien: Noch mehr Nebenämter für SP, SVP und CVP Mandate National- und Ständeräte insgesamt der sieben grössten Parteien

419 Mandate (+14 seit 2011)

397 Mandate (+35 seit 2011)

381 Mandate (+40 seit 2011)

Nationalrat 2011–2013 neue Mandate seit 2011 seit 2011 bestehende Mandate ab 2011 weggefallene Mandate

273 (285–12)

320 (279+41)

Ständerat 2011–2013 neue Mandate seit 2011 seit 2011 bestehende Mandate ab 2011 weggefallene Mandate

Mandate pro Kopf durchschnittliche Anzahl Mandate pro Nationalrat  2011 2013 Foto: parlament.ch

durchschnittliche Anzahl Mandate pro Ständerat  2011 2013

146 (120+26)

28 (25+3)

61 (62–1)

9,5

9,1

6,2

6,8

6,0

7,0

10,9

13,3

5,0

5,6

5,6

5,6

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24 | 2013   Beobachter 

können

Bundeshaus: 246 Parlamentarier halten 1849 Mandate.

368 Mandate (+34 seit 2011)

103 Mandate (+7 seit 2011)

88 Mandate (+11 seit 2011)

71 Mandate (+12 seit 2011)

228 (202+26)

80 (76+4)

65 (62+3)

76 (64+12)

140 (132+8)

23 (20+3)

23 (15+8)

5 (5+0)

7,2

8,1

5,1

5,3

6,9

7,2

4,5

5,5

10,2

10,8

10,0

11,5

15,0

23,0

2,5

2,5

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34 aktuell

Sparpakete

Der Rotstift an den Schulen «Bei der Bildung darf man nicht sparen», heisst es. Doch viele Kantone haben die Steuern so sehr gesenkt, dass sie nun auch in den Schulen Millionenbeträge streichen müssen. Text: Thomas Buomberger

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enn die Kassen leer sind, fallen die Tabus. Dann wird auch bei der Bildung gespart. Rein fi­ nanzpolitisch scheint das logisch: Bil­ dungsausgaben machen im Schnitt etwa einen Viertel des Kantonsbudgets aus. Wenn man dort an der Sparschraube dreht, schenkt es ein. Über die Sparmassnahmen müssen zwar oft noch die Parlamente oder allenfalls das Volk entscheiden. Doch der Kurs ist vorgezeigt (siehe «Grössere Klas­ sen, weniger Lektionen», Seite 36). Und die Lehrerschaft ist schon jetzt in Aufruhr. «Wer bei der Bildung spart, gefährdet die Qua­ lität der Schule», heisst das Credo. «Bildung ist doch unser einziger Rohstoff.»

22 statt 20 Schüler: Leidet die Leistung? Beim Sparen wird am liebsten bei der Klas­ sengrösse angesetzt. Hier stellt sich die Frage: Haben einzelne Schüler mehr oder weniger tatsächlich Einfluss auf die Quali­ tät? Falls ja, müssten heute schon Unter­ schiede spürbar sein, denn die Klassen­ grössen variieren. So sitzen im Kanton Ob­ walden durchschnittlich 17 Kinder in einer Primarklasse, in Bern und St. Gallen sind es 19,2, im Kanton Zürich 20,8. Sind nun die Zürcher Schüler weniger gut gebildet als die Schülerinnen in Obwalden? Stefan

Wolter, Verfasser des Bildungsberichts Schweiz 2014, winkt ab. Für ihn ist das Schrauben an der Klassengrösse jene Massnahme, die finanziell am meisten bringt: etwa 3 bis 5 Prozent Einsparungen pro zusätzlichen Schüler. «Bei Klassengrössen um 20 Schüler lei­ det die Leistung nicht, wenn noch ein bis zwei Schüler dazukommen», so Wolter.

«Natürlich kann man bei der Klassengrösse sparen. Das kann jedoch fatale Folgen haben.» Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

«Zudem werden in den nächsten Jahren die Schülerzahlen sinken – bis 2017 um rund drei Prozent, ehe sie bis 2022 wieder um 7,5 Prozent steigen.» Eine Flexibilisie­ rung der Klassengrössen drängt sich also auch aus demografischen Gründen auf. Wolter, Bildungsökonom der Universi­ tät Bern, mag das Gejammer über die an­

geblich zu grossen Klassen nicht mehr hö­ ren. «Es wird häufig so getan, als hätten wir Klassen mit 40 Kindern», kritisiert er. Dass sich die Lehrer gegen grössere Klassen wehren, versteht er aus ihrer Sicht. «Für die Lehrpersonen bedeutet es Mehrarbeit, deshalb sind sie dagegen.» Mit solchen Äus­ se­ rungen hat sich Wolter allerdings nicht nur Freunde gemacht; Hassmails ge­ hören zu seinem Alltag. Ebenfalls nicht grundsätzlich gegen grössere Klassen ist Sandra Zehren von der Organisation Schule und Elternhaus: «Wir kämpfen aber für die Einführungsklassen, weil sie verhindern, dass ein schwächeres Kind in der ersten Klasse untergeht.»

«Man müsste die Lehrerlöhne erhöhen» Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), meint nicht sehr enthu­ sias­tisch: «Ich nehme zur Kenntnis, dass man bei der Klassengrösse sparen kann. Bei kleinen Schulen kann das jedoch fatale Folgen haben – bis hin zur Schliessung.» Für sie ist eine rote Linie überschritten, wenn man Einschulungsklassen, Über­ gangsklassen oder Freifächer streicht. Und auch die Lehrerlöhne sind für Peterhans tabu: «Die Löhne in vielen Kantonen müs­

Sekundarschüler: In Obwalden kosten sie 9000 Franken weniger als in Basel-Stadt Ausgaben für Bildung pro Schülerin oder Schüler auf Sekundarstufe I im Jahr 2010, gemessen am Schweizer Durchschnitt der Lehrerlöhne. Lesebeispiel: Thurgau gab 2010 pro Schüler 3000 Franken mehr aus als Zug. Vom Aargau waren keine Zahlen erhältlich. 3000.– 2000.– 1000.–

Schweizer Durchschnitt

0.– -1000.– -2000.– -3000.–

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TG

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Fotos: PD, Gaetan Bally/keystone; infografik: beo/as; quelle: BFS; Berechnungen: SKBF


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6 | 2014   Beobachter 

sen im Gegenteil deutlich erhöht werden. Denn wir benötigen doppelt so viele Lehrpersonen, wie heute ausgebildet werden.» Die Lehrerschaft argumentiert, wegen der vielen fremdsprachigen Kinder seien kleine Klassen nötig, denn es gebe mehr Betreuungsaufwand. «Doch gerade mit der Zuwanderung vieler deutschsprechender Kinder von gut ausgebildeten Eltern hat dieser Aufwand stark abgenommen», entgegnet Uni-Professor Stefan Wolter. Dass die Integration heute in gewissen Bereichen einfacher ist, sieht auch Franziska Peter­hans von LCH. «Dass wir mehr Schülerinnen und Schüler aus bildungs­nahen Schichten haben, heisst aber noch nicht, dass es keine Probleme gibt.»

Mehr Geld heisst nicht bessere Bildung

«Bildung, einziger Rohstoff der Schweiz»: Jetzt drohen einschneidende Sparmassnahmen.

Ein anderes potentielles Sparziel ist die Zahl der Pflichtlektionen. Sie schwankt je nach Kanton stark, in der Primarstufe von jährlich 751 Lektionen (Luzern) bis 911 (St. Gallen). Ebenso stark gehen die Aus­ gaben auseinander: Basel-Stadt gibt für die Lehrerlöhne fast 9000 Franken pro Schülerin und Schüler mehr aus als Obwalden. Doch so wie mehr Lektionen keine bessere Bildung garantieren, bedeutet auch mehr Geld im Schulsystem nicht unbedingt eine bessere Leistung. Laut Bildungsforscher Stefan Wolter hat nämlich Schaffhausen, das pro Schüler über 4000 Franken weniger ausgibt als Spitzenreiter Basel und nur rund 800 Lektionen offeriert, die effi­ zien­teste Schule – sie bringt für den Input, also die Pflichtlektionen, die beste Leistung. Warum das so ist, bleibt allerdings unklar. «Die Effizienz in der Schule wurde noch nie untersucht, weil das ein Tabu ist», sagt Wolter. «Man weiss deshalb nicht, welche Lektionen man streichen könnte, ohne dass die Leistung leidet.» Die Kürzungen der Bildungsausgaben haben die Lehrerschaft und ihre Verbände aufgeschreckt. Im Wallis sind sie über die «unglaublichen Sparmassnahmen» empört und diskutieren mit andern Verbänden des Staatspersonals mögliche Protest-

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34 reportage

1722 Meter Kanal: Ein gutes Dutzend Vinschgauer errichten die Bobbahn St. Moritz–Celerina – zumeist von Hand.

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26 | 2013   Beobachter 

Bobbahn

Schaufeln für die perfekte Kurve

Die Bobbahn in St. Moritz entsteht jedes Jahr neu wie aus dem Nichts. Hinter der grandiosen Eisskulptur steckt ein Bautrupp von Südtirolern. Die absolute Kurve bauen sie nach Gefühl. Text: Daniel Bütler; Fotos: Daniel Martinek

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38 reportage

Konrad (rechts) und Paul: ein Baum, ein Abstand, eine Kurve

ST. MORITZ

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Dieser ist in rauen Mengen vorproduzierbar, kompakter und daher besser zum ­Bauen geeignet als natürlicher Schnee. Vor der Verarbeitung wird das Material gewässert, damit es besser zusammenhält, wenn es zu überhängenden Kurven aufgetürmt wird. «Dabei ist es wichtig, dass die Linien von Anfang an stimmen», sagt Paul. «Eine einmal gebaute Kurve lässt sich praktisch nicht mehr verändern. Die ist eisig und hart wie Beton.» Ist Konrad «das Auge», so ist Paul «die Hand» im Team. Der gelernte Maurer schneidet mit der Schaufel die Bahnwand schön gerade. Auch hier ist Präzision gefragt: Diese Bahn sei schwieriger zu bauen als ein Haus, meint Paul. «Bei ­einem Haus kannst du dich an einen Bauplan halten. Doch hier zählt nur das Gefühl.» Deshalb sieht die Piste auch jedes Jahr ein wenig anders aus. Manche Kurven werden flacher, andere steiler – auch dies eine Besonderheit der St. Moritzer Bahn. Um halb fünf Uhr beginnt es einzudunkeln. Die Gipfel der umliegenden Berge glühen rötlich, und man hört nur noch das regelmässige Klopfen der Schaufeln. Wie viele tausend Schaufelbewegungen wohl nötig sind, bis aus den notwendigen 10 000 Kubikmetern Schnee die 1722 Meter lange Piste geworden ist?

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Wall Corner

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Devils Dyke Corner Gunter Sachs Corner Martineau

Hart ist hier nur die Währung

Sunny Corner Nash Dixon Corner

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Portago Corner CELERINA Bobbahn St. Moritz 1722 m Länge Höhenunterschied 130 m Maximales Gefälle 15% Höchstgeschwindigkeit 145 km/h INFOGRAFIK: BEOBACHTER/REH

Eine halbe Stunde später machen sich die Arbeiter auf den Weg in die Unterkunft. Dort ist das Essen schon angerichtet. Die Bahnbauer haben ihren eigenen Koch. Dieser, im Sommer Hirt auf Schweizer Alpen, verbringt schon den 21. Winter an der Bahn. Das Menü ist nahrhaft: Backerbsensuppe, Salat, viel Rindfleisch und Brot.

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Nun ist die Stimmung locker. Was motiviert die Truppe, einen Winter an der Bobbahn zu verbringen? «Vermutlich ist es das Geld», feixt einer. Die Südtiroler verdienen hier besser als in der Heimat, nur schon wegen des Lohns in Schweizer Franken. Und sie erleben ein Abenteuer, das zusammenschweisst: Die Vinschgauer sind eine eingeschworene Truppe. Nachwuchsprobleme kennen sie nicht. Sind sie als Erbauer der weltberühmten Bobbahn Helden in der Heimat? Paul schüttelt den Kopf: «Da weiss keiner, dass wir die bauen.» Doch die Gastarbeit im Engadin hat es in sich. Freie Tage gibt es, mit Ausnahme des Weihnachtstags, nicht. Und die Plackerei bei Temperaturen von bis zu minus 25 Grad ist nichts für Schönwetterarbeiter. Ist das nicht knüppelhart? «Ach was, hart ist hier nur die Währung!», brüllt einer. Und

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26 | 2013   Beobachter 

Höher und schneller geht nimmer: Der Eiskanal nimmt sichtbar Form an.

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42 augenzeuge

Armin Dett

«Ich zeige eine Welt, die kaum jemand kennt» Wenn andere schlafen, geht Armin Dett seinem Hobby nach: Er setzt sich in den Garten und fotografiert Nachtfalter – bisher 250 verschiedene Arten. Aufgezeichnet von Susanne Loacker; Foto: Daniel Ammann

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eine Lieblingstiere sind Insekten und Reptilien. Reptilien gibt es hier am Bodensee nicht so viele, Insekten aber schon. Da ich tagsüber arbeiten muss, habe ich mir ein Hobby gesucht, das ich während der Nacht ausüben kann: Ich fotografiere Nachtfalter. Und zwar bei mir zu Hause, im eigenen Garten. Ich stehe irgendwann in der Nacht auf – je nach Flugzeiten der Falter, die ich inzwischen recht gut kenne –, setze mich mit einem Glas Tee oder Rotwein in den Garten und warte. Ich locke die Falter mit einer UV-Lampe auf ein weisses Leintuch, von dem ich sie dann zum Fotografieren wegnehme und in mein selbstgebasteltes Fotostudio setze, einen grossen Joghurtbecher mit Styropor und Blitzlicht. Grundsätzlich fliegen Nachtfalter von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, aber es fliegt eben nicht jede Art die ganze Nacht lang. Zwischen den Flugzeiten schlafe ich. Und zwischen November und Februar mache ich meinen Winterschlaf, weil dann fast keine Falter fliegen.

Der Schlehdorn-Streit mit der Ehefrau Ich arbeite nicht mit Serienauslöser, der Blitz käme da nie mit. Ich verwende auch keinen Autofokus, der ist viel zu langsam. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, wie sich die Nachtfalter verhalten, wie lange sie still sitzen, wann sie die Flügel heben, wann ich abdrücken muss. Inzwischen habe ich zwischen 7000 und 8000 Bilder von Nachtfaltern. Meine Frau schläft während meiner Fotosessionen – sie ist froh, wenn ich ihr nicht immer am Rockzipfel hänge. Sie ist Gartenbauingenieurin, also auch eng mit der Natur verbunden. Allerdings haben wir nicht immer die gleichen Interessen: Über die Schlehe in unserem Garten führen wir

einen kleinen Grabenkampf. Ich hege sie, weil der Strauch vielen Schmetterlingen Nahrung bietet und er der einzige weit und breit ist. Meine Frau würde ihn am liebsten stark stutzen. Gewisse Futterpflanzen habe ich extra für die Raupen und Schmetter­ linge angepflanzt. Wir schauen auch, dass möglichst immer etwas blüht bei uns im Garten. Das nützt uns Menschen ja auch. Es gibt immer wieder speziell schöne Erlebnisse. Einmal konnte sich ein Falter direkt vor meinen Augen aus den Fängen einer Fledermaus befreien und fiel mir mit einem angebissenen Vorderflügel vor die Füsse. Dort rappelte er sich auf und flog in die Nacht hinaus – vorher habe ich ihn aber noch fotografiert.

«Besonders schön ist es, wenn ein Falter ein zweites Mal vorbeikommt.» Armin Dett, 47, Designer

Besonders schön ist es, wenn ein Falter, den ich schon einmal fotografiert habe, ein zweites Mal vorbeikommt. Sehr gern würde ich einmal in die Tropen reisen und dort Nachtfalter oder Frösche beobachten und die Bilder dann publizieren. Dazu würde ich aber einen Verleger brauchen, der mich unterstützt. Schon als Kind bin ich mit einem Schmetterlingsnetz den Faltern hinterhergerannt. Ich habe alle damit genervt, dass ich immer wusste oder zumindest wissen wollte, was da kreucht und fleucht. Auch heute noch finde ich es hoch spannend, mehr über das Leben der Falter zu erfahren – man weiss herzlich wenig davon. Da man Falter schlecht mit Sendern ausstatten kann, kann man zum Beispiel nicht

abschätzen, in welchem Radius sie sich bewegen. Man weiss zwar, dass es Arten gibt, die wandern, aber das ist schon fast alles. Meine Beobachtungen gebe ich auch an die Wissenschaft weiter, dieser Austausch macht mir grossen Spass.

Manche Arten verschwinden Die etwa 250 Falterarten, die in unserem Garten vorkommen, kenne ich natürlich alle. Diese Welt, die sonst kaum jemand kennt, habe ich in meinem Buch «Schönbär und Nonne» vorgestellt. Durch sie erfahre ich auch vieles über die mich umgebende Natur: Verschiedene Insektenarten brauchen spezielle Pflanzen. Verschwindet eine Pflanze, verschwindet auch das Tier, das sie frisst. Kommt durch den Klimawandel eine neue Pflanze dazu, erscheint unter Umständen auch eine neue Tierart. Dass der Mensch allein am Klimawandel schuld sein soll, greift meines Erachtens zu kurz. Die Natur ist auf Veränderung ausgelegt. Wir Menschen beschleunigen diese Veränderung allerdings, nicht zuletzt dadurch, dass wir dauernd «aufräumen» müssen, Sträucher schneiden, Rasen mähen, Unkraut vertilgen. Ich habe auch schon Falter fotografiert, die ich heute in der Nachbarschaft nicht mehr antreffe. Schmetterlingsforscher im Hauptberuf möchte ich trotzdem nicht werden. Ich muss auch kreativ sein können. Meine Falterbilder sind zwar schon kreativ, aber für mich sind es keine Kunstbilder. Die Kunstobjekte sind die Schmetterlinge selbst. Es genügt vollauf, sie möglichst unverfälscht zu zeigen. Die Ausstellung «Schönbär und Nonne – Licht ins geheime Leben der Nachtfalter» mit Armin Detts Fotografien ist noch bis zum 25. Mai im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld zu sehen.

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foto: ARMIN DETT


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5 | 2014   Beobachter 

Ein Herz für Nachtschwärmer: Armin Dett mit seiner «Falter-Fotofalle»

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50 ratgeber Job

Sorgerecht

Mein Geschäft schliesst – was heisst das für mich?

Kommt unser Kind zur Gotte?

Ende Monat schliesst unsere Filiale. Es ist noch unklar, wer an einem anderen Standort einen Arbeitsvertrag erhält und wem gekündigt wird. Was gilt, wenn ich die Filiale wechseln kann? Und was passiert, wenn ich nicht übernommen werde?

Für den Fall, dass mein Mann und ich gleichzeitig verunglücken sollten, wollen wir das Sorgerecht für unsere kleine Tochter auf die Taufpatin übertragen lassen. Ist das möglich?

Wenn Sie in eine andere Filiale desselben Arbeit­ gebers wechseln, ist das lediglich eine Änderung des Arbeitsorts, aber kein neues Anstellungs­ Gitta Limacher verhältnis. Sie sind so­ Fachbereich Arbeit mit nicht plötzlich wie­ der im ersten Dienstjahr oder gar in der Probezeit – vielmehr wird die bisherige Vertragsdauer angerechnet. Das ist wichtig, weil langjährige Mitarbeiter zum Beispiel bei Krankheit länger Anspruch auf Lohnfortzahlung haben und einen besseren Kündigungs­ schutz geniessen. Auch die gesetzliche Kündigungsfrist ist von der Anstellungs­ dauer abhängig. Eine neue Probezeit wäre dagegen nur zulässig, wenn Sie eine komplett neue Aufgabe übernehmen. Aber: Ein Wechsel des Arbeitsorts gilt dann als wesentliche Vertragsänderung, wenn das für Sie einen längeren Arbeits­ weg und höhere Fahrtkosten mit sich bringt. Eine solche Änderung müssen Sie nicht von heute auf morgen akzeptieren, sondern erst nach Einhaltung der Kündi­ gungsfrist. Man nennt das daher eine Än­ derungskündigung. In der Zwischenzeit

Nein. Das Sorgerecht können nur der recht­ liche Vater, die Mutter oder beide zusammen ausüben. Wenn Kinder unter 18 Jahren beide Tinka Lazarevic Eltern verlieren, muss die Fachbereich Familie Kindes- und Erwachse­ nenschutzbehörde einen gesetzlichen Vertreter bestellen – einen Vormund oder eine Vormundin. Allerdings: Sie können vorsorglich ein Schreiben verfassen und darin die Gotte als Wunschvormundin vorschlagen. Die Behörde wäre zwar nicht an diesen Wunsch gebunden. Vielmehr müsste sie aufgrund der Verhältnisse entscheiden, was die beste Lösung für das Kind ist. Falls die Tochter zum fraglichen Zeit­ punkt schon urteilsfähig wäre, würde man versuchen, auch auf ihre Meinung Rück­ sicht zu nehmen. Wenn nichts dagegen­ spricht, könnte die Behörde also Ihren Wunsch berücksichtigen. Am besten bewahren Sie den schrift­ lichen Wunsch nach der Vormundin bei Ihren wichtigen Dokumenten auf und übergeben auch der von Ihnen vor­ gesehenen Person ein Exemplar.

WWW.helponline.ch

kann der Arbeitgeber Sie dennoch in eine neue Filiale versetzen. Die Zeitdifferenz zum alten Arbeitsweg gilt aber als Arbeits­ zeit, und für die Zusatzkosten können Sie Spesenentschädigung verlangen. Erst nach Ablauf der Kündigungsfrist gilt die neue Filiale als vertraglicher Arbeitsort. Zeit und Kosten für den gewöhnlichen Arbeitsweg müssen Sie dann wieder selber tragen.

Unter Umständen Lohn ohne Arbeit Falls Sie nicht weiterbeschäftigt werden können, gilt die Kündigungsfrist. Kann der Arbeitgeber Ihnen während dieser keine zumutbare Ersatzarbeit bieten, kommt er in sogenannten Annahme­ verzug und schuldet Ihnen auch ohne Arbeit den Lohn. Sie sind aber verpflich­ tet, Ihre Arbeitskraft anzubieten. Aus Beweisgründen sollten Sie das per Ein­ schreiben tun oder auf einer schriftlichen Bestätigung der Freistellung bestehen. Und Vorsicht bei Freistellungsver­ einbarungen: Unterschreiben Sie nichts, womit Sie auf Rechte verzichten, etwa auf Auszahlung der Überstunden. Handeln Sie eine Bedenkfrist aus und lassen Sie sich wenn nötig professionell beraten.

Telefonberatung für Abonnentinnen und Abonnenten

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Arbeit  043 444 54 01

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5 | 2014   Beobachter 

Anlegerfalle

Aktionsware

Mietwohnung

Die Aktien zurückgeben?

Wieso nicht mehr Darf ich den Geld zurück? Hund behalten?

Ein Vermittler hat mir Aktien einer Firma verkauft, die bis heute nicht an der Börse gehandelt werden. Jetzt will ich mein Geld zurück. Wie muss ich vorgehen?

Ich habe eine Waschmaschine zum Aktionspreis gekauft. Doch sie ist defekt. Der Verkäufer will mir jetzt nur den bezahlten Preis zurückerstatten. Zu Recht?

Ich bin mit meinem Hund in eine neue Wohnung gezogen. Bei der Besichtigung sah der Vermieter das Tier und sagte nichts. Jetzt sagt er, Hunde seien verboten. Was nun?

Leider können Sie die Aktien nicht einfach zurückgeben und das Kapital zurückfordern. Als Aktionär sind Sie Mitbesitzer der AG. Sie Marcel Weigele müssten Ihre Anteile an Fachbereich einen anderen Investor Finanzen und Steuern verkaufen. Bei Aktien, die an einer Börse gehandelt werden, ist das in der Regel einfach. Die Börse ist der Marktplatz, wo sich Käufer und Verkäufer treffen. Die Aktienkurse widerspiegeln den Wert der Firma. Da Ihre Aktien jedoch nie an der Börse gelistet wurden, fehlt der Markt. Sie müssten nun selbst einen Käufer suchen und mit ihm einen Kaufpreis vereinbaren. Gelingt das nicht, bleiben Sie wohl oder übel auf den Aktien sitzen. Wir raten Kleinanlegern grundsätzlich von solchen Engagements ab. Das Risiko, dass etwas schiefgeht, ist viel zu hoch. Meistens geht es den Vermittlern einzig darum, Provisionen zu kassieren. Um das zu erreichen, versprechen sie den Anlegern mitunter hohe Börsengewinne, die beim angeblichen Börsengang erzielt werden könnten.

Ja. Sie haben keinen Anspruch auf den aktuellen Marktpreis, obwohl die Aktion nun vorbei ist. Wenn Sie die Maschine neu kaufen Nicole Müller wollen, müssen Sie die Fachbereich Konsum Differenz zum regulären Preis selber zahlen. Denn das Gesetz gewährt bei einem erheblichen Mangel lediglich «Wandlung», also die Rückabwicklung des Kaufvertrags: Der tatsächlich bezahlte Preis muss erstattet und der defekte Gegenstand zurückgegeben werden. Damit ist die Wandlung abgeschlossen – was Sie mit dem zurückerhaltenen Geld kaufen, ist nicht mehr relevant. Für die Mehr­ kosten beim Kauf eines Ersatzes schuldet der Verkäufer keinen Schadenersatz. Anders sähe es bei Kleidern aus, die durch die defekte Maschine kaputtgingen. Diesen sogenannten unmittelbaren Mangelfolgeschaden muss Ihnen der Verkäufer bezahlen, selbst wenn er kein Verschulden daran trägt – aber nur den Zeitwert der Kleider. Da Textilien aber eine relativ kurze Lebensdauer haben, fiele auch Ihr Anspruch tief aus.

Wenn Sie mit dem Vermieter vertraglich nichts Spezielles zur Hundehaltung abgemacht haben, dürfen Sie ohne seine ZustimMy Chau Ha mung keinen Hund Fachbereich Wohnen in der Wohnung halten. Auch wenn er Sie mit dem Hund gesehen hat, bedeutet das nicht automatisch eine Erlaubnis. Vernünftigerweise hätte er Sie aber fragen und entsprechend aufklären sollen. Daraus können Sie jedoch keine Rechte ableiten. Im Normalfall steht im Mietvertrag, dass die Haltung von grösseren oder spezielleren Haustieren eine Bewilligung des Vermieters braucht. Ohne dessen Zustimmung darf man nur Kleintiere halten, etwa Hamster, Meerschweinchen oder Fische. Ein Hund gehört nicht mehr zur Kategorie Kleintier, weil er in der Regel ein erhöhtes Stör- oder Gefährdungspotenzial bedeutet. Wenn Sie den Hund nun trotzdem behalten, müssen Sie leider mit der Kündigung rechnen. Am besten suchen Sie das Gespräch mit dem Vermieter. www.sichermelden.ch

Finanzen und Steuern  043 444 54 07 Geldanlagen, private Vorsorge, Steuern, Lebensversicherungen, Hypotheken und Bankenprobleme

Für Fürden dentelefonischen telefonischenKontakt Kontaktbitten bittenwir wir Sie, Sie,Folgendes Folgendeszuzubeachten: beachten: n nHalten HaltenSie SieIhre IhreMitgliedsnummer Mitgliedsnummerund und

allfällige allfälligeUnterlagen Unterlagenbereit. bereit. n nUnsere UnsereTelefonlinien Telefonliniensind sindzuzuBeginn Beginn

Sozialberatung  043 444 54 08 Beistandschaften, Vorsorgeaufträge, Patienten­ verfügungen, Klinikaufenthalte, Sozialhilfe, Schule, Erziehungsberatung und Lebenshilfe

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oft oftsehr sehrstark starkausgelastet. ausgelastet.Ab Ab1010Uhr Uhr werden werdenSie Sierascher raschermit miteiner einerBeraterin Beraterin oder odereinem einemBerater Beraterverbunden. verbunden. n nSenden SendenSie Sieuns unskeine keineschriftlichen schriftlichen Anfragen Anfragenoder oderUnterlagen. Unterlagen. n nDetaillierte DetaillierteInformationen Informationenzuzuden den Beratungsangeboten Beratungsangebotenfinden findenSie Sieunter unter www.beobachter.ch/beratung. www.beobachter.ch/beratung. n nBitte Bittelesen lesenSie Sieauch auchdie dieBedingungen Bedingungen unter unterwww.beobachter.ch/nutzungs­ www.beobachter.ch/nutzungs­ bedingungen. bedingungen.

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www.sichermelden.ch

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Beobachter ratgeber

Gärtnern

Mein erstes Radieschen

Zum Niederknien, wie gut frische Erde riecht! Wie stolz man auf den eigenen Garten ist. Und wie köstlich selbstgezogene Bohnen schmecken! Tipps und Tricks für Einsteiger. Text: Sarah Fasolin; Fotos: Marco Zanoni

Monika granito, 31, Wiler bei Seedorf BE

«Ich habe einfach mal angefangen» Als mein Mann und ich noch in einer Mietwohnung mit Balkon lebten, kaufte ich mir einmal hübsche Gartenhandschuhe. Ich wollte unbedingt irgendwann einen Garten haben und vertraute darauf, dass der Zeitpunkt für die Handschuhe sicher kommen würde. Dann fanden wir die jetzige Wohnung mit Garten – viel Garten! Und sogar mit Treibhaus, bereits vorhandenen Spargelbeeten und Himbeerstöcken. Für den Anfang war mir das doch etwas viel, und ich trat einige Beete einer Nachbarin ab. So hatte ich immer noch acht. Es war April, als wir einzogen – genau dann muss man wissen, was man im

Garten wie angehen möchte. Ich kaufte mir ein Buch, fragte eine Freundin und die Grosseltern meines Mannes und legte einfach los. Weil Kartoffeln viel Platz brauchen, setzte ich reichlich. Dann säte ich Radieschen, Salat und Karotten. Viele Setzlinge und auch das eine oder andere Garten­ gerät bekam ich geschenkt. Die Nachbarn waren sehr hilfs­ bereit mit Rat und Tat. Ich war froh um all die Gespräche über den Gartenzaun. So wuchsen nicht nur Bohnen und Zucchetti besser, sondern auch die Beziehungen. Als ich auf den Kartoffelstauden Käfer entdeckte, fotografierte ich sie und schickte das Foto meinem

Vater. Er antwortete: «Kartoffel­ käfer. Musst du alle ablesen.» So lernte ich immer etwas dazu. Das erste Radiesli letztes Jahr trugen mein Mann und ich feierlich ins Haus, teilten es und stiessen darauf sogar an. Herrlich ist es, wenn man sich im Garten bedienen kann. Bei den Bohnen verpasste ich zwar manchmal den richtigen Zeitpunkt zur Ernte, und sie waren etwas zäh. Und der vermeintliche Kürbisstock produzierte schliess­ lich Patissons – da hatte ich beim Kauf wohl zu wenig genau aufs Schild geachtet. Ich möchte, dass der Garten Genuss bedeutet und nicht Stress. Und ich möchte noch viel mehr Beeren.

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7 | 2014


60 ratgeber

Am Telefon

Der Kran und die Mistvögel «Ich bin ja sehr naturverbunden und tolerant. Aber das war einfach zu viel. Diese Mistvögel! Kennen Sie diesen Horrorfilm ‹Die Vögel› von Hitchcock?», eröffnet ein Ratsuchender aus dem Tessin das Gespräch an der Hotline des Beobachters. Ohne eine Antwort abzuwarten, erzählt der Mann, dass sein Nachbar baue und deshalb einen Kran aufgestellt habe. «Bei einem Sturm hat der Wind den Arm des Krans über mein Grundstück geschwenkt.» – «Das ist nicht illegal», beginne ich zu erklären, frage mich aber, was das alles mit dem Filmklassiker zu tun haben könnte. «Wegen des sogenannten Hammerschlagrechts des Bauherrn müssen Sie sich als Nachbar grundsätzlich gefallen lassen, dass der Schwenkarm eines Krans über Ihr Grundstück ragt.»

Der Tag, an dem der Regen kam «Der Arm des Krans ist mir doch völlig egal!», wird der Abonnent laut. «Das Problem waren die Vögel. Es hat sich ein riesiger Schwarm Schwalben auf dem Kran niedergelassen.» – «Aha», sage ich etwas verständnislos. «Die Vögel haben auf dem Weg in den Süden eine Pause gemacht. Doch die wollten nicht nur ausruhen: Geprasselt hat es wie ein Gewitterregen, ein unerträglicher Lärm während Minuten.» Das Resultat sei eine Schneise der Verwüstung quer über das Grundstück unter dem Arm des Krans gewesen. Da endlich dämmert es mir: «Ach du Sch…»  Nicole Müller

online-shopping

Schnell zum Schnäppchen Wer Preise vergleicht, kann Geld sparen. Im Internet geht das dank Preissuchmaschinen besonders einfach. Doch erhält man immer das Beste und Günstigste? Text: Gian Signorell

N

icht alle Preissuchmaschinen sind gleich gut. Das zeigt eine Stichprobe des Beobachters: Für fünf zufällig ausgewählte Elektronik- und Haushalt­ geräte lieferten sie Resultate, die erheblich voneinander abweichen. Durchwegs gut war nur Toppreise.ch. Die Website fand bei allen Produkten den günstigsten Anbieter. Auch bei der Anzahl Angebote schwang sie obenaus. Neben Toppreise.ch liefern auch Guenstiger.ch und Preissuchmaschine.ch gute Resultate. Diese drei sowie Preisvergleich.ch zeigen die Händlerbewertungen an. Wird ein Verkäufer oft positiv bewertet, kann man davon ausgehen, dass er seriös ist. Hat er nur wenig Bewertungen, ist Vorsicht angebracht. Die aufgespürten Preisunterschiede sind beträchtlich. Für den Blu-Ray-Player LG BP630 etwa findet Toppreise.ch ein Angebot für Fr. 102.50. Finder.ch schlägt den gleichen Player für Fr. 148.95 vor. Das sind 46 Prozent mehr. Für alle fünf Produkte zusammen ergibt sich zwischen Toppreise.ch

und Preisvergleich.ch ein Spar­ potential von rund 9,5 Prozent (Einkaufssumme von Fr. 698.40 gegenüber Fr. 764.30). Alfred Rossi von Finder.ch sagt zum Resultat: «Der Vergleich berücksichtigt vorab Produkte aus der Unterhaltungselektronik. Finder dagegen ist in der ITWelt zu Hause.» Preisvergleich.ch hat auf die Anfrage des Beobachters nicht reagiert.

«Manche mit zweifelhaften Methoden» Preissuchmaschinen gibt es nicht nur für Elektronik- und Haushaltgeräte. Billig-­ buch.ch sucht Angebote für Bücher, Filme, Musik und Games in der Schweiz. Preiswerte Flüge stöbern laut der deutschen Stiftung Warentest Seiten wie Swoodoo.ch, Momondo.de und Billigflieger.de auf. ­Cheaptickets.de und Expedia.de sind gute Online-Reisebüros. Comparis.ch vergleicht Krankenkassenprämien, Versicherungen, Finanzdienstleistungen und Mobilfunkangebote. Den gleichen Service für Kranken-

Preisvergleiche: Auf Toppreise.ch, Guenstiger.ch und Preissuchmaschine.ch Toppreise.ch Preis

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Blu-Ray-Player LG BP630

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Staubsauger Miele S 6270-CH

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Elektrische Zahnbürste Braun Oral-B Vitality Precision Clean Wasserkocher Siemens TW86103 Verfügbarkeitsanzeige

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Geprüft wurden drei Kriterien: Preis, Anzahl Angebote, Angabe der Verfügbarkeit. Die drei Kriterien wurden unterschiedlich gewichtet. Die Punkte für den Preis wurden mit 5 multipliziert, die Punkte für die Anzahl der Angebote mit 3. Für die Angabe

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24 | 2013   Beobachter 

Online-Handel: Vorsicht vor Zusatzgebühren!

kassenprämien bietet die vom Schweizer Staat betriebene Seite Priminfo.ch. «Wir empfehlen, sich beim Shoppen im Internet nicht nur auf die Ergebnisse einer einzigen Preisvergleichsseite zu stützen», sagt Sara Stalder von der Stif­ tung für Konsumentenschutz. Man könne sich nicht blindlings darauf ver­ lassen, dass der günstigste Preis immer im Internet zu finden sei. «Erkundigen Sie sich auch in den entsprechenden Läden nach günstigen Angeboten», empfiehlt Stalder. Im Laden ist der Service nach dem Kauf in der Regel einfacher. Im Internet ist der Wettbe­ werbsdruck hoch. Das hat Fol­ gen. «Der überwiegende Anteil der Anbieter verhält sich kor­ rekt. Manche versuchen aber, mit zweifelhaften Methoden die Preisführerschaft zu er­ langen», sagt Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhan­ dels. So würden mitunter zu­ sätzliche Gebühren verlangt, deren Berechtigung nicht nach­ vollziehbar sei. Händler mit beson­ ders tiefen Preisen hätten oft keine Lager. Man wartet länger auf die Ware, und ein Rückgaberecht werde oft nicht gewährt. Kesslers Fazit: «Meiner Erfahrung nach ist das günstigste Angebot nicht unbedingt immer auch das Beste.» Bevor man ans Preisvergleichen geht, sollte man wissen, welches Produkt man überhaupt kaufen will. Webseiten wie Test­ berichte.de, Testbeste.ch, Topten.ch oder n Alatest.ch helfen hier weiter.

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Der Lokführer war nie in Gefahr

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Ein Lokführer entdeckte nachts vor seinem fahrenden Zug ein längliches graues Objekt. Er hielt es für ein Rohrstück. Die Zeit zum Bremsen fehlte. Er spürte ein leichtes Rumpeln. Kurz danach forderte ihn die Betriebsleitung auf, den Zug anzuhalten und auf die Polizei zu warten. Erst dann erkannte der Lokführer, dass er wohl einen Menschen überfahren und getötet hatte. Das löste bei ihm einen seelischen Schock und psychische Probleme aus. Er war rund zwei Wochen arbeitsunfähig. Weil Schreckereignisse unter bestimmten Bedingungen als versicherte Unfälle gelten, reichte der Lokführer eine Unfallmeldung bei der Suva ein. Die Suva sah jedoch keinen Unfall im Rechtssinn und verweigerte die Zahlung.

Abgefragt wurden die Preise am 8. November 2013.

Google.ch/shopping

Anzahl Angebote Punkte

Schreckereignis: Suva zahlt nicht

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der Verfügbarkeit gab es pauschal 10 Punkte. Für jedes Kriterium wurde eine Rangliste erstellt. Die Punktevergabe erfolgte entsprechend dem Ergebnis der Rangliste (erster Rang: 7 Punkte, letzter Rang: 1 Punkt).

FOTO: 123rf; IllustrationEN: Samuel Jordi

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DAS NEUE URTEIL

Wie zuvor das Kantonsgericht Basel-Landschaft wies auch das Bundesgericht die Beschwerde des Lokführers ab. Für die Bundesrichter war entscheidend, dass sich der Lokführer selbst nie in Gefahr befand und er das schreckliche Ereignis nicht unmittelbar mit eigenen Sinnen wahrgenommen hatte. Der Schreck sei erst später aufgrund der blossen Vorstellung ausgelöst worden, dass er den Tod eines Menschen verursacht habe. Der Vorfall an sich habe hingegen keine gewaltsame seelische Einwirkung auf den Mann gehabt.  Gitta Inderhees Bundesgericht, Urteil vom 9. Oktober 2013 (8C_376/2013)

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Beobachter familie

64 familie 64

«Ich geniesse ein komfortables Leben» MissChievous alias Julia Graf Ein Pult, auf dem viel Schminkzeug liegt. Davor eine Kamera. Der Raum hinter dem Stuhl, auf dem Julia Graf in den Videos sitzt, ist je nach Thema anders dekoriert. Graf zog mit ­ihrem Freund in eine grössere Wohnung, um dieses Studio einrichten zu können. Sie weiss: Erfolg braucht ideale Voraussetzungen. Graf dreht Schminktipps, die sie auf ­Youtube stellt. An einer Wand stapeln sich ­Kartons. ­Make-up-Firmen haben den Erfolg mitbekommen und schicken ungefragt ­Produkte. ­Zuletzt bekam Graf gar eine neue ­Kamera. «Ich könnte wohl auch Geld verlangen, wenn ich ein Produkt erwähne», sagt sie. Das macht sie nicht. «Nur wenn ich von etwas wirklich überzeugt bin, ­drehe ich ein Video damit.» Rund 600 000 Menschen haben ihren YoutubeKanal abonniert. Ihre Videos wurden bereits 135 Millionen Mal angeklickt. Vom Geld, das sie aus den Werbeeinnahmen von Youtube erhält, lebt sie. «Ich geniesse ein komfortables Leben, ich würde mich aber nicht als reich bezeichnen.» Genaueres verbietet Google. Ursprünglich hat Graf Politikwissenschaften studiert. Wer mit ihr spricht, tippt eher auf Marketing. Das Konzept ihres Youtube-Kanals ist klar: nur Beauty-Videos. «Wer ein Autoheft abonniert, will auch nicht plötzlich ­einen Artikel übers Skifahren lesen», sagt sie. Für ihre anderen Interessen wie Kochen oder Reisen gibt es einen zweiten Kanal. Ihr Alter und ihren Wohnort im Berner ­Oberland hält Graf geheim. Ein bisschen Privatsphäre muss sein. «Wer Videos dreht, gibt ­automatisch einiges von sich preis.» Ihre Videos seien authentisch. «Es ist offensichtlich, wenn man sich verstellt. Dadurch wird man unglaubwürdig.» Grafs akzentfreies Hochdeutsch ist gespickt mit Begriffen wie «Views», «Pop-up» oder «Content». Wenn die Kanada-Schweizerin über Youtube spricht oder sich über das neue Design der Homepage aufregt, klingt es, als würde sie einen Freund charakterisieren. «Natürlich identifiziere ich mich in gewissem Mass mit You­tube. Es ist mein Job. Aber wenn ich nicht filme, habe ich ein ganz normales Leben.» Pro Woche dreht sie ein bis zwei Videos. Im Schnitt braucht sie für eines zwei Tage – inklusive Fotos für den Blog, Bildbearbeitung, Schnitt, Vertonung, Hochladen und Anpreisen in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. «Manchmal ist es stressig. Oder mir fehlt die Motivation – wie es das in jedem Job mal gibt», sagt Graf. Was in zehn Jahren sei, wisse sie natürlich nicht. «Wieder einen Bürojob zu machen, das kann ich mir aber gar nicht vorstellen.» www.youtube.com/misschievous

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25 | 2013   Beobachter  25 | 2013

Internet

Klick für Klick zum Erfolg Drei Beispiele von jungen Schweizern, die Tausende Fans im Internet haben – und damit sogar Geld verdienen. Text: Raphael Rehmann; Fotos: Raffael Waldner/13Photo

A

uf dem Videokanal Youtube können seit April dieses Jahres auch Schweizer Benutzer als sogenannte Partner ihre selbstgedrehten Filme für Werbung freigeben. Für jeden Klick auf das Video verdient Youtube mit der angezeigten Werbung Geld. Daran sollen auch die Macher der Videos verdienen. «Den Grossteil der Einnahmen geben wir direkt weiter an die Nutzer», teilt die Firma Google mit, der Youtube gehört. Genaue Zahlen gibt der Internetgigant aber nicht bekannt, weder zum Geld noch zur Anzahl Schweizer Nutzer. Auch die Youtuber dürfen nicht sagen, wie viel sie verdienen. Google verbietet das in den Nutzungsbedingungen. Klar ist: Für den Lebensunterhalt reicht es hierzulande nur in den seltensten Fällen. Ein witziges Bild kreieren und auf Facebook laden oder ein Video für Youtube drehen, das Freunde dann weiterschicken, kann die Aufmerksamkeit Tausender wecken. Wer Freude daran hat, möchte die Beachtung aufrechterhalten und professioneller werden. Doch das kostet viel Zeit. Und das Publikum erwartet regelmäs­sig neue Beiträge.

Perfektes Englisch ist Bedingung Dieser grosse Aufwand lässt sich zu Geld machen. In den USA gebe es «einige hundert Youtube-Partner, die sechsstellige Beträge verdienen», teilt Google mit – nur mit den Videos, allfällige Sponsorenver­ träge sind dabei nicht mitgerechnet. Eine

wichtige Voraussetzung, um ein möglichst weltweites Publikum anzusprechen, ist aber ein akzentfreies Englisch. Diesen Sprachvorteil hat Julia Graf: Der einzige Schweizer Youtube-Star lebt von Schminkanleitungen, die Graf ein- bis zweimal pro Woche ins Netz stellt – als kanadisch-schweizerische Doppelbürgerin tut sie das meist auf Englisch. Knapp 600 000 Leute werden auf Youtube benachrichtigt, wenn Graf ein neues Video produziert hat. Dazu kommen über 200 000 Fans auf Facebook und 50 000 Twitter-Follower. Wie Graf hat auch der Genfer Julien Donzé durch seine Muttersprache einen grossen Vorteil. Seine Parodien und Spassvideos werden ebenfalls von mehreren hunderttausend Leuten geschaut – hauptsächlich Franzosen. Sein meistgesehenes Video hat acht Millionen Klicks. Viel Geld verdient Donzé jedoch nicht. Dafür müsste er häufiger Videos hochladen. Doch auch ohne Sprachvorteil, You­ tube, Partnerprogramme oder aufwendig gestaltete Videos kann man sich etwas aufbauen: Die Fotomontagen mit Huskys, die ein 34-Jähriger als Parodie über das Zürcher Nachtleben auf Facebook stellt und mit Sprüchen in Zürcher Mundart versieht, haben mittlerweile 35 000 Fans auf Facebook. «Zukkihund» nennt sich der Husky, Rafi Hazera der Schöpfer. Den Internet­ erfolg will Hazera nun in die reale Welt transportieren. Lesen Sie auch die Porträts auf den nächsten Seiten.

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66 familie

«Ich war schon immer der Pausenclown» Rafi Hazera, 34, mit Kunstfigur Zukkihund Bilder von Tieren mit Sprüchen zu versehen ist keine neue Idee. «Aber ich habe es auf ‹ZüriTüütsch› getan. Damit können sich die Leute identifizieren», sagt Rafi Hazera. Tatsächlich hat er einen Nerv getroffen. Die Fanseite der ­Figur, die Hazera in Anlehnung an den Zürcher Club «Zukunft» «Zukkihund» taufte, wurde ­innert Kürze von Tausenden angeklickt. «Ich war schon immer der Pausenclown», sagt Rafi Hazera. Früher in der Schule, später auf ­Facebook. Eines Tages stiess er im Internet auf das Bild eines Huskys. «Der sah total kaputt aus. Als wäre er die ganze Nacht durch jeden Club der Stadt gezogen.» Er ergänzte das Bild mit Sprüchen zu der Odyssee, die der Hund ­hinter sich haben könnte. Das war ein grosser Erfolg auf Facebook, viele Freunde schickten das Bild weiter. Die Abenteuer des Zukkihunds drehten sich anfangs nur ums Nachtleben. Später postete er auch kurze Texte oder Alltagsbeobachtungen: «Meinsch gits bide Wölf söttig wo sich bi Leermond in Mänsche verwandled und denn eifach z.B. is Restaurant gönd oder go schaffe?» Mit der steigenden Beliebtheit kamen Anfragen für Auftritte und Interviews. Mittlerweile hat der Zukkihund rund 35 000 Fans auf Facebook. Auf Kommentare reagiert er meist angriffs­ lustig. Als jemand einen Beitrag nicht verstand, schrieb der Zukkihund: «Ich gib zue: Joke isch nöd grad fü Tramkontrollör.» Am meisten Freude hätten die Fans, wenn der Zukkihund jemanden fertigmache, sagt Hazera. Der Zukkihund lebt von der Unkorrektheit: «Der grösste Teil der Kommentierenden auf ­Facebook sind Vollidioten.» Seinen Erfolg schreibt Hazera auch dem Zufall zu. «Ein Glück, dass es so viele Husky-Bilder gibt. Hätte ich ein Gnu genommen, wäre wohl nach drei ­Monaten alles vorbei gewesen», scherzt er. Mit dem Erfolg kam für Hazera aber nicht das Geld, sondern die Arbeit. Der Aufwand, den er für den Zukkihund betreibe, entspreche einer 60-Prozent-Anstellung – zusätzlich zu den 90 Prozent, die er als selbständiger Grafiker arbeitet. «Manchmal nerve ich mein Umfeld mit meinen Zukkihund-Geschichten. Vor allem meine Freundin», sagt Hazera. Der Zukkihund treibt noch weitere Projekte v­oran. Gerade erscheint ein Buch mit seinen ­gesammelten Abenteuern. Vor kurzem hat ­Hazera einen Online-Shop mit ZukkihundT-Shirts eröffnet. Und regelmässig steht er im Club «Zukunft» mit Stand-up-­Comedy auf der Bühne. Vielleicht gleichen sich so Aufwand und Ertrag eines Tages aus. «Mein einziger Profit bisher sind die vielen Kontakte, die ich knüpfen konnte.» www.facebook.com/zukkihund

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25 | 2013   Beobachter 

«Bei Youtube redet mir niemand drein» Wer mit Julien Donzé essen geht, wappnet sich: Der Genfer ist in seinen Videos auf Youtube als «legrandjd» zappelig, spricht hektisch und albert ständig herum. Ein richtiger Chaot, denkt man. In ­Wahrheit spricht Donzé ruhig und überlegt. Mit «legrandjd» hat er nur das Aussehen und die Kamera gemeinsam. Während Julien Donzé fünf Tage die Woche als Kamera­mann und Cutter arbeitet, steht «legrandjd» in regelmässigen Abständen davor. Die meisten Videos veröffentlichte Donzé unter dem Titel «Les étranges expériences» – die seltsamen Experimente. Darin lässt er sich etwa mit einem Luftgewehr beschiessen, während er versucht, einen Hamburger zu essen, oder er schickt eine Kakerlake mit einer Rakete in die Luft. In einem anderen Video parodiert er die Fernsehserie «The Walking Dead». Er nennt es «The Fucking Dead». Grenzen gibt es für ihn

legrandjd alias Julien Donzé, 26

keine. «Ich mache die Videos, die ich will», sagt Donzé. Das provoziert auch mal negative Kommentare. «Damit muss man als Youtuber leben. Man darf das nicht zu ernst nehmen.» Sein ­direktes Umfeld, Kollegen und Eltern, seien stolz auf ihn und seine Werke. Seine ersten Videos verschickte Donzé vor rund sechs Jahren an Freunde und Bekannte. Seit drei Jahren ist er auf Youtube, knapp 70 Videos hat er veröffentlicht. «Ideen hätte ich etwa zehnmal mehr», sagt er. «Wenn ich die Notizen später anschaue, verwerfe ich vieles. Weil es nicht lustig oder nicht umsetzbar ist.» Seine Videos sind aufwendig gestaltet. Über 300 000 Leute haben seinen Youtube-Kanal abonniert. Das erfolgreichste Video, eine ­Parodie der französischen TV-Serie «Bref», wurde mehr als acht Millionen Mal angeklickt. Dennoch kann Donzé nicht von seinen Videos

leben. Er verdiene «ein bisschen» Geld damit, sagt er. Seinen 100-Prozent-Job könne er dennoch nicht aufgeben. Dazu müsste er viel mehr als die bisherigen zwei Videos pro Monat produzieren; an einem Video arbeite er insgesamt zwei Wochen. Seine Berühmtheit im Internet hat ihm schon mehrere Auftritte im Fernsehen verschafft. ­Etwa in einem Spot für einen Optiker oder in ­einer Sendung im Genfer Privatfernsehen. Seinen grössten Auftritt hatte Donzé auf dem französischen Sender Canal+: Seine Parodie von «Bref» gefiel den Machern der TV-Serie so gut, dass sie Donzé einluden. «Das alles waren tolle Erfahrungen», sagt Donzé. Dennoch bleibe er lieber bei Youtube. «Mir gefällt, dass ich alles so umsetzen kann, wie ich es will. Niemand redet mir drein.»

www.youtube.com/legrandjd

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76 titelthema erziehung

Kinder unter der Käseglocke

Aus Sorge, dem Nachwuchs könnte etwas zustossen, packen Eltern ihre Kinder in Watte. Die Angst der «Helikopter-Eltern» kommt nicht von ungefähr: Versicherungen, Präventionsstellen und Medien kultivieren das Bild einer bösen, gefährlichen Welt. Text: Tanja Polli, Daniel Benz und Birthe Homann

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ascal duscht in der Unterhose. Nicht, weil er das will. Er muss. Der Goalie einer Aargauer Junioren-Fussballmannschaft darf sein Schnäbi niemandem zeigen, auch seinen Fussballkollegen nicht. Der Sechsjährige hat keine ansteckende Krankheit und auch kein missgebildetes Organ, er hat bloss eine Mutter, die sich Sorgen macht. «Man hört so viel», erklärt sie dem Trainer, «von Pädophilen in Sportvereinen.» Marco ist bereits 16 und entfällt daher langsam dem Beuteschema von Kinderschändern. Trotzdem scheint der gross­ gewachsene Zürcher Gymnasiast, der Eishockey spielt, ein besonders schutzbedürftiges Wesen zu sein. Eben hat er erfahren, dass er mit seiner Klasse ohne Hammer und Meissel zur Fossiliensuche aufbrechen muss. Zu gross sei die Verletzungsgefahr, befanden ein paar Eltern.

Man nennt einfach schockierende Zahlen Fragt man Marco, sind diese Eltern «alle Psychos». Was er nicht weiss: Die Angst der Eltern kommt nicht von ungefähr. Sie wird bewirtschaftet von Präventions- und anderen Fachstellen, von Versicherungen und nicht zuletzt von den Medien. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im Briefkasten oder im Schulthek farbige Broschüren mit besorgniserregendem Inhalt auftauchen. Gefahr lauert überall: im Znünitäschli, auf

dem Schulweg, in der Badi, vor dem Computer (siehe auch «Achtung, das Leben ist gefährlich!», ab Seite 78). Die Angst bringt Geld. Von Spendern, von der öffentlichen Hand, von Abonnentinnen und Lesern. Beispiele, die stutzig machen, sind schnell gefunden. Auch im Bereich der Übergriffe in Garderoben. So operierte die Fachstelle Mira, die sich dem Problem der sexuellen Ausbeutung in Sport- und Freizeitvereinen verschrieben hat, bis vor kurzem in Broschüren und gegenüber den Medien mit schockierenden Hochrechnungen: 2500 bis 5000 sexuelle Übergriffe pro Jahr gebe es in Schweizer Vereinen – das wären über zehn pro Tag. Fragt man nach, wie diese Zahlen ­zustande kommen, sagt Geschäftsleiterin Janine Graf: «Diese Zahlen verwenden wir heute nicht mehr. Heute sagen wir: Es ist unbestritten, dass es solche Übergriffe gibt. Wie viele, kann mit gutem Gewissen niemand sagen.» Erhellend auch zwei neue Studien zum Schreckgespenst Cybermobbing, dem Fertigmachen von Jugendlichen im Internet.

Beobachter direkt Ist in der Erziehung der gesunde ­Menschenverstand verlorengegangen? Diskutieren Sie im Internet mit unter www.beobachter.ch/direkt

Während Polizei, Jugendberatungs- und spezifische Fachstellen Eltern und Kinder sensibilisieren, kommen die Nationalfonds-Studien zum Schluss: «Die Bedeutung des Phänomens wird in der öffentlichen Wahrnehmung überschätzt.» Cybermobbing sei etwa dreimal weniger häufig als Mobbing in der realen Welt, massive Attacken seien selten. Die Forscher folgern: «Spezielle Prävention gegen Cybermobbing braucht es nicht.»

Die Medien tröten die Empörung hinaus Erschreckend auch die Schlagzeile im Sommer 2011: «Eltern am Anschlag». Grundlage: alarmierende Aussagen der Stiftung Pro Juventute. «Das Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche wird zurzeit von überforderten Eltern überrannt», schreibt die «Sonntags-Zeitung» und lässt den Direktor der Pro Juventute zu Wort kommen, Stephan Oetiker: «Die Probleme, denen sich Eltern stellen müssen, werden immer schwieriger.» Früher sei es bei den Problemen der Kinder oft ums Flirten gegangen, heute um Mobbing und Suizid­ absichten. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das erste Kind in der Schweiz ­wegen Cybermobbing umbringt.» Die telefonische Nachfrage bei der Pro Juventute führte zu einer Erklärung, die nur noch halb so wild klingt: «Die Beratung und Hilfe 147 erhält in den letzten

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Foto: Hugh Kretschmer


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22 | 2013   Beobachter 

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78 titelthema erziehung Monaten 40 Prozent mehr Anfragen von Eltern und Erwachsenen als ein Jahr zuvor, wobei es sich nicht um eine Zunahme der insgesamt entgegengenommenen Anrufe handelt, sondern um eine prozentuale Ver­ schiebung innerhalb der Anrufe.» Martin Hafen, Soziologe und Präven­ tionsfachmann, wundert sich nicht: «Prä­ vention lebt immer auch davon, den Teufel an die Wand zu malen. Um auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen und, nicht zuletzt, um sich selber zu legitimie­ ren.» Hauptverantwortlich für das Gefühl vieler Menschen, die Welt werde immer gefährlicher, seien aber nicht Präventions­ fachstellen, sondern die «Daueralarmie­ rung» durch die Massenmedien. «Wäre die Welt so, wie sie uns dort tagtäglich dar­ gestellt wird, würde ich hier nicht mehr ­leben wollen», sagt Hafen.

ist unter allen Umständen dafür verant­ wortlich, dass dem Kind nichts Böses ­widerfährt. Zwei Drittel aller Eltern, ergab eine aktuelle deutsche Umfrage, haben Angst, wenn ihre Kinder draussen spielen. Alina Geiger* schüttelt den Kopf. Die 35-jährige Mutter einer vierjährigen Toch­ ter arbeitet seit zehn Jahren als Kindergärt­ nerin im Kanton Bern. Elternängste sind in ihrer Arbeit inzwischen omnipräsent. So­ gar auf der jährlichen Kindergartenreise. Seit ein paar Jahren hat Geiger neben den Kindern immer auch Mütter dabei. Sie be­

Es bleibt alles beim Alten, also bei Mama

Jürg Frick, Psychologe und Buchautor

Dass Eltern über Dinge wie richtige Ernäh­ rung oder förderliche Erziehungsmetho­ den aufgeklärt werden, hält Hafen grund­ sätzlich für eine gute Sache. Dass ein Z ­ uviel davon zu Verunsicherung und zur Ver­ stärkung von Ängsten führen kann, sieht er aber durchaus. «Das Problem vieler Prä­ ventionskampagnen ist die Fokussierung auf die Verhaltensänderung des Indivi­ duums.» In vielen Fällen wären laut dem Soziologen konkrete Verbesserungen der Lebensumstände der Zielgruppe hilfrei­ cher. Elternurlaube etwa oder mehr Frei­ räume für Kinder. Diese Forderungen allerdings stiessen meist auf politischen Widerstand. So bleibt alles beim Alten respektive bei Mama. Sie

stehen darauf, ihre Kinder zu begleiten. «Viel zu gefährlich» sei das Wandern ohne mütterliches Geleit. Einmal auf überbesorgte Eltern an­ gesprochen, sprudeln die Geschichten nur so aus Geiger heraus: Da sind jene, die ihr vorschreiben wollen, die Kinder in der Pause vom Kletterbaum fernzuhalten. Stimmt Geiger nicht zu, stehen sie in der Pause am Zaun und übernehmen die Überwachung gleich selber. Da ist das Mädchen, das vom Fruchtsalatschneiden dispensiert wurde: Den Eltern erschien der Umgang mit einem Messer zu gefährlich. Und da sind die Eltern, die die Versetzung eines Mädchens in eine andere Klasse be­

«Genau die Kinder, deren ­Mami alle Scheren und ­Messer unter Verschluss hält, schneiden sich im ­Kindergarten in den Finger.»

antragten, weil dieses ihre Tochter beim Spielen ausgeschlossen habe. Seither organisiert Alina Geiger Eltern­ abende, an denen der Schulsozialarbeiter erklärt, dass Rangeleien auf dem Pausen­ platz zwischen Buben nicht mit echten ­Gewalterfahrungen gleich­zusetzen seien. Und dass Mädchen, die ihre Freundinnen wechseln, kein Mobbing betrieben. Jürg Frick hat bei solchen Anlässen sogar noch eine deutlichere Botschaft an die Zuhörer:

*Name geändert

Achtung, das Leben ist gefährlich! Kampagnen, ­Warnungen, Überwachung: wie Eltern Über­ängstlichkeit ­eingeimpft wird.

Das Böse lauert in der Küche und im Kinderzimmer Medien und Behörden schrecken Eltern auf, wenn sie über Folgen von zu viel Fett und Zucker berichten. Zur Weihnachtszeit ertönen die Warnrufe besonders schrill.

«Zimtsterne gefährlich für ­Kinder» ist eine beliebte Schlag­zeile, seit man im Gebäck den Aroma­stoff Cumarin ­nachwies. Er kann in grossen Mengen die Leber schädigen. Das Bundesamt für Gesundheit nahm den Warnruf auf und ­empfiehlt, Kinder dürften am Tag maximal vier Zimt­sterne essen. Dabei ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung überhaupt anfällig, auf Zimt möglicherweise mit Gesundheitsproblemen zu reagieren.

«Mehr Gift im Kinderzimmer», las man im laufenden Jahr besonders oft, weil die Schweiz die Richtlinien der EU zu Spielzeug übernahm und in Kraft setzte. Somit gelangt Spielzeug mit höherem ­Anteil an bedenklichen Farbstoffen, ­Weichmachern und Schwermetallen in den Verkauf, als bisher erlaubt war.

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Fotos: David Hurn/Magnum photos, 123rf.com, Vulli


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Wie sollen Kinder balancieren lernen, wenn man sie ständig hält? Kinderspielplatz um 1970

Noch zu Zeiten der Eltern, die heute ihre Kinder rund um die Uhr bewachen, schlug man sich beim Rollschuhlaufen die Knie auf. Unter der rostigen Reckstange hinter dem Schulhaus lag keine Fallschutzmatte. Den Felgaufschwung übte man trotzdem. Den ersten Helm kaufte man sich mit 15, dann, wenn man sich mit Babysitten das Töffli zusammengespart hatte – und trug ihn bevorzugt am rechten Ellbogen. Beim Indianerspielen im Wald schloss man Blutsbrüderschaften und fesselte den ­dicken Thomas an den Marterpfahl. Wenn Thomas sich daheim beklagte, sagten die Eltern: «Wehr dich halt.»

FotoS: Water Safety, Gallerystock, TCS

«Zum Glück gibt es noch Normalos»

«Ängstliche Eltern fördern durch ihr Ver­ halten genau das, was sie eigentlich ver­ hindern wollen», sagt der Psychologe und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich (siehe Interview, Seite 84). Kinder, denen man alles abnehme, ­seien letztlich stärker gefährdet, weil sie nie mit Risiken konfrontiert würden und somit nicht lernen könnten, damit umzugehen. «Genau sie sind es, die sich im Kinder­ garten in den Finger schneiden», so Frick,

«weil zu Hause das Mami alle Scheren und Messer unter Verschluss hält.» Die Freiburger Erziehungswissenschaft­ lerin Margrit Stamm ist überzeugt, dass viele übervorsichtige Mütter und Väter ­ahnen, dass ihnen der gesunde Menschen­ verstand abhandengekommen ist: «Viele Eltern erkennen, dass die Erfahrungen ­ihrer Kinder nichts mehr mit ihrer eigenen Kindheit zu tun haben.» Tatsächlich ist Kindheit nicht mehr das, was sie mal war.

Thomas arbeitet heute als Marketingleiter, ist glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder im Primarschulalter. Seine Jungs werden nie gefesselt werden. Es gibt keine bösen Banden mehr, keine Prügeleien. Wenn die Kinder im Wald spielen, ist ­immer jemand dabei, der zum Rechten schaut, ein Pädagoge, ein Pfadileiter oder ein Elternteil. Das ist beruhigend. Aber das heisst auch: Kinder lernen nicht mehr, al­ lein mit anderen klarzukommen, Konflikte selber zu regeln, erfahren nicht, dass man streiten kann und sich danach versöhnen. «Zum Glück gibt es noch Normalos», sagt Kindergärtnerin Alina Geiger. Ja, es gibt sie noch, die Normalos unter den ­Eltern. Aber spätestens wenn die sich mit ihrem Nachwuchs zum ersten Mal einem Spielplatz nähern, geraten sie unter Druck. «Trägt er keinen Helm?», fragen andere Mütter, wenn der eigene Knirps mit dem Laufvelo anrückt. «Ich würde ihn in den

Obacht: Wasser, Sonne und Strassenverkehr Ausgerechnet im Sommer, wenn die Kinder oft im Freien sind, scheint es kein Entrinnen vor allen möglichen Gefahren zu geben. Beispiele von Kampagnen, im Einzelnen sinnvoll, in ihrer Vielzahl aber eher einschüchternd.

«Ein Kind kann in 20 Sekunden ­untergehen und ertrinken», warnt die Sicherheitskampagne ­Water-safety.ch der Beratungsstelle

für Unfallverhütung in Zusammen­ arbeit mit dem Versicherer Concordia. In den Schweizer Badis bläut das Maskottchen Didi Dusche den Eltern die Kernbotschaft ein: «Kinder immer im Auge behalten – Kleine in Reich­ weite».

Drastisch warnen das Bundes­

amt für Gesundheit und die Krebsliga vor den Gefahren der UV-Strahlung: «Jeder ­Sonnenbrand im Kindesalter ­erhöht das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken.» Von 11 bis 15 Uhr sollen die Kleinen mit Sonnen­brille, ­T-Shirt, Hosen und Hut mit Nackenschutz im Schatten gehalten und nackte Haut regelmässig eingecremt werden.

«Mehr als ein Kind pro Schultag» verunfalle auf dem Schulweg, behauptet der Touring-Club Schweiz im TV-Spot «Halt, bevors knallt!». Der zeigt, wie ein Kind vom Auto angefahren wird und ins Spital kommt. Dieses Jahr verschenkte der TCS 80 000 Sicherheitswesten an Erstklässler – mit TCS- und LotsenLogo. In der Stadt Zürich regte sich Widerstand: Die Aktion wiege die Kinder in falscher Sicherheit.

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