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Deutschland 8,00 € / www.feldhommes.de

Blut

Schweiß

Tränen

Zu Besuch beim härtesten Kampfsportfestival der Welt.

Da hilft kein Deo: ein sauberes Ende mit Super Cock und Fläsh.

Verlassen werden kann so schrecklich sein. Aber auch ziemlich sexy.

Sekt

Selters

Die dramatischsten Finalerlebnisse der Sportgeschichte.

Hockeystar Moritz Fürste über den Geschmack der Niederlage.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: das Heft zum Höhepunkt

Sommer 10


Von Phillip Bittner und Zhoi Hy (Redaktion) sowie Sabine Bories, Harald Braun, Sabine Cole, Caroline Ellert, Michel Jan Foertsch, Christoph Gähwiler, Johannes L’hoest, Alexander Lipp, Peter Matz, Kurt Müller-Fleischer, Björn Neugebauer, Tobias Schmid, Judith Stoletzky und Sebastian Trojand (Text)

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. 1. Arsch auf Eimer. Aus recycelten amerikanischen Verkehrsschildern ist dieser Sessel. Oder eher Hochsitz? Wer dazu neigt, am Gesäß zu schwitzen, hält sich von diesem urigen Möbel lieber fern. Wegen der Rostgefahr auf der Sitzfläche. Boris Bally Chair über www.borisbally.com 2. Für Stammkunden. Die Natur verfolgt eine höhere Ordnung. Und das Büro auch. Also in Zukunft bitte einfach Rechnungen, Belege und Manuskripte in diesen schönen Mappen mit Baumdruck sortieren. Und eines wächst und gedeiht garantiert gar nicht mehr: Unordnung und Chaos. www.greenergrassdesign.com 3. Juwelen. Marina and the Diamonds. Der Name erinnert sofort an Katrina and the Waves. Doch mit „Walking on Sunshine“ hat Marina Diamandis, Tochter eines griechischen Vaters und einer walisischen Mutter, eher wenig zu tun. Musikalisch pendelt sich das Album „The Family Jewels“ zwischen Pop und Indie ein, wobei Marinas Stimme die Hauptlast der Songs trägt. Glasklar und geschliffen wie ein Diamant. Und jetzt dürfen Sie dreimal raten, was Diamandis auf Deutsch heißt. www.marinaandthediamonds.com 4. Casio-Klunker. Pünktlichkeit ist die Tugend der Könige? Dann ist diese Uhr was fürs Volk. Sieht gut aus und zeigt viel, aber nicht die Zeit. Erhältlich in nickelfreiem Metall, mit Gold- oder Silberauflage. T1MEPEACE, made in Germany, über www.reytan.de

5. Zugfahren 2.0. Eine Zugfahrt von, sagen wir mal, Hamburg nach München bringt einen nicht nur von, sagen wir mal, Hamburg nach München – sie gibt einem auch wunderbar Auskunft über den Digitalisierungsgrad im Lande. Alle sind sie hier vertreten: alte IBM-Laptops mit ExcelTabellen, neuere Dell-Laptops mit den gleichen Excel-Tabellen, Nintendos in allen Größen und Farben, Smartphones, auf denen Filme geschaut . werden. Und seit ein, zwei Jahren in zunehmendem Maße: Subnotebooks. Wahlweise mit der Excel-Tabelle oder dem Film. Und hiervon gibt es jetzt welche der Extraklasse. Von Sony, die VAIO X Serie. Unterhaltsam wie der Nintendo – leistungsstark wie der Dell. Und der Akku würde sogar noch für die Weiterfahrt nach Zürich halten. . Subnotebook, VAIO X Serie www.sony.de 6. Schwesternwirtschaft. Auch das mittlerweile sechste Studioalbum „Sainthood“ der beiden Schwestern Sara Kiersten Quin und Tegan Rain Quin alias Tegan and Sara ist wieder ein Stück Indie auf allerhöchstem Nivau. Poppig mit punkiger Note, garniert mit eingängigen Melodien. Eine einfache, aber wieder einmal absolut aufgehende Formel. Fußwippen inklusive. www.teganandsara.com

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7. PuzzlePerser. Statt sich einen Teppich von geschundenen Kinderhänden knüpfen zu lassen, können Sie diesen Läufer mit manikürten Erwachsenenhänden selbst puzzeln. Sogar das Design können Sie selbst bestimmen. Und wenn Ihre Geduld für 2 m2 nicht reicht: Einen Bieruntersetzer schaffen Sie bestimmt. Puzzle aus synthetischem und Naturkautschuk über www.katrin-sonnleitner.de 8. Ein Barren Olivenöl, bitte. Olivenöl ist für viele Spanier das Gold des Landes. Und auch für die Verpackungsdesigner dieses Olivenöls Extra Vergine lagen die Assoziationen von Öl und Gold auf der Hand. Und so kam es zu dieser pur goldenen Blechdose im Format eines Goldbarrens. So weit kann jeder folgen, für alles andere braucht man Abitur. „Au.“ heißt das Öl, weil dies das Symbol für Gold in der Chemie ist, abgeleitet vom lateinischen „Aurum“. Dass der seitlich auf die Dose gedruckte Stempel „79“ die Atomzahl von Gold ist, ergibt sich nun ja wohl von selbst. www.wesemua.com

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. 9. Sechs, setzen. Aber bitte wenigstens auf den Tangram Chair von Roberta Rampazzo. Der expressiv nach den Regeln des mathematischen Legespiels geformte Stuhl ist ein Kontrastpunkt in jeder Wohnung und macht einem das Sitzenbleiben leichter. www.robertarampazzodesign.com 10. Schön ist die Liebe. „Me Luv“ sagt der Engländer mit starkem Nordakzent, wenn er seine Liebste anspricht. Der neue Laden mit dem Kosenamen LUV im schicken Hamburger Schanzenviertel will alles anbieten, was man braucht, um seine Bude ebenfalls sehr schick einzurichten. Interior, Beratung, Planung, Entwurf und wirklich liebevoll ausgesuchte Designermöbel, vor allem Kleinmöbel wie Stühle, Lampen, Accessoires, und alles unter einem Dach. Wir haben einiges gesehen, was wir in unserem ebenfalls der Liebe verpflichteten loved Büro auch gerne hätten. www.luv-hamburg.com

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11. Darth Vader und die sieben Zwerge. Diese Nachttischlampe sieht nicht nur aus, als ob der Bösewicht aus Star Wars sich an einem von Schneewittchens Zwergen vergriffen hätte, nein, sie hat auch noch viel mehr drauf als ein herkömmliches Laserschwert. Je nachdem, wie man sie aufstellt, tut die Lichtquelle entweder als Lese-, Mood- oder Nachtlicht ihren Dienst. Sehr clever und hübsch anzusehen, was sich die Schweizer Designer Fries&Zumbühl da ausgedacht haben. Stillvoller kannst du der dunklen Seite der Macht garantiert kein Schnippchen schlagen. www.frieszumbuehl.ch

12. Ein sicheres Zeichen, dass es mit FELD HOMMES zu Ende geht, ... ist eine StützstrumpfEmpfehlung in den „100 Sachen“. Denkt man auf den ersten und überdenkt es auf den zweiten Blick. Denn diese Strümpfe sehen aus wie hippe Kniestrümpfe, haben aber dank der „ultimate compression technology“ eine belebende Wirkung auf Mann und Frau. Wer also viel geht, steht, sitzt oder fliegt, sollte seinen Venen etwas Unterstützung gönnen. Außerdem steckt hinter dem Label Wolfgang Joop. Da muss doch irgendwas dran sein. Alles Weitere auf www.mj-1.de

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13. Next Exit Schlafzimmer. Sie suchen noch nach einer originellen Wanddekoration, weil Ihnen der Picasso aus der blauen Phase, den Sie mal von der geliebten Großmutter geerbt haben, langsam auf den Sack geht? Dann sind die original NYC Subway Signs genau das, was Sie brauchen. Egal ob Downtown & Brooklyn oder Yankee Stadium – mit den Subwayschildern der Metropolitan Transportation Authority fahren Sie immer richtig. www.underground-signs.com

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14. Schwarze Nippel. Da mag der ein oder andere nicht sofort an Geschirr denken. Durchaus verständlich. Dabei hat der Teller des tschechischen Designers Martin Žampach gleich vier davon. Der aus schwarzem Glas geformte und in einer speziellen Gussform gefertigte Teller, eignet sich laut Designer hervorragend zum Servieren von Obst und Nüssen. Na dann: guten Appetit. www.bouf.com

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. 15. Plädoyer für den Zucker. Die berühmteste Architektin der Welt, Zaha Hadid, hat dem Pfui-Nahrungsmittel Zucker ein Denkmal gesetzt. Geschwungene Zuckerdose über www.alessi.com 16. Jetzt schlägt’s 13! Es wurde allerhöchste Zeit, dass mal einer die Uhr neu erfindet. Der Designer Arman Emami hat’s dankenswerterweise endlich getan und die Neolog erschaffen. Fast vollständig aus Silikon gefertigt, ist diese Uhr geschmeidiger, als Dalí es sich jemals hätte träumen lassen, und die Stunden vergehen ganz spielerisch. Auf Knopfdruck lässt sich die digitale Anzeige verändern und zeigt uns die Zeit mal gewürfelt, mal als Balkendiagramm. Die Älteren unter uns wird das an die Mengenlehre erinnern, und siehe da, in der Expertenbeurteilung gibt es eine große Schnittmenge zwischen Patentamt und Designpreis-Jurys. Man ist sich über die innovative Kraft dieser Schöpfung einig. Für die Nostalgiker unter den Uhrenliebhabern erscheinen die Stunden in klassischen digitalen Ziffern. In vielen Formen, in vielen Farben, eine Website: www.neolog.de 17. Arschgeil. Welcher Inspiration wir die Anomaly Bench von Dima Loginoff verdanken, konnten wir leider nicht klären, die wundervolle Form finden wir jedoch absolut preisverdächtig. Und Preise gab’s bisher schon richtig dicke: den Design Award und den Design International Award. www.dimaloginoff.com


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. 18. Ja, spinn ich denn? LOHAS pflegen ihren gesunden und nachhaltigen Lebensstil meist auch sehr stilbewusst. Die niederländische Designerin Greetje van Tiem bietet eine sehr schöne Möglichkeit, genau dies zu tun. Denn sie hat eine Methode entwickelt, mit der aus einer einzelnen Seite Zeitungspapier 20 m Garn gesponnen werden können. Das dann wiederum zu Vorhängen, Teppichen oder Taschen verarbeitet werden kann. So sieht zeitgemäßes Recycling aus. www.greetjevantiem.nl 19. Es werde Licht. Egal welcher Konfession man angehört: Dass Gott seine Schöpfung perfekt vollendet hat, muss man neidlos anerkennen. Wer schon immer überirdisches Potenzial in sich schlummern sah, kann nun bei der Entstehung des Lichts selbst Hand anlegen. Im ausgeschalteten Zustand liegt die Brick Lamp auf ihrer Leuchtfläche und sieht vor allem gut aus. Stellt man sie auf, vollzieht sich die Flutung des Raumes mit Licht, wie es die Hand Gottes kaum besser hinbekommen hätte. Doch Vorsicht: Größenwahn beginnt bereits im Kleinen – es soll niemand nachher sagen, wir hätten nicht gewarnt. www.hcwangdesign.com 20. Achtung, Mittagspausen-Eisdielenansteher! Bei drei Kugeln wird es ganz klar Stracciatella, Schoko und Zitrone. Bei vier Kugeln vielleicht noch was Exotisches dazu. Papaya? Oder Grüner Apfel-Minze? Aber neun Kugeln? Da empfehlen wir eindeutig die 9-globe Branching Bubble von Lindsey Adelman Studio. Denn die Lampe hat sogar ohne künstliche Zusatzstoffe Geschmack. www.lindseyadelman.com 21. Hängen Sie alles an ein Anagramm. Anna. Der Name dieses Hakens ist Programm, denn genau, wie sich Anna von beiden Seiten gleich liest, kann man den genialen Haken gleichen Namens von beiden Seiten gleich benutzen. Gürtel, Taschen, Karriere, was immer Sie an den Haken hängen wollen, Anna ist bereit. Aus eloxiertem Aluminium und in neun schönen Farben, warten diese Haken auf ihren Einsatz. Wo man sie bekommt, kann man hier sehen: www.raumgestalt.net

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22. Mit Fisch gegen den Ledermann. Was für alle Styler das iPhone, ist für den echten Veranstaltungsprofi sein Leatherman. Lässig am Gürtel getragen, signalisiert der Vater aller Multifunktionstools seinen Artgenossen: Vorsicht, ich meine es ernst. Für alle Individualisten gibt es jetzt das Piranha Pocket Tool. Mindestens genauso praktisch und vor allem: Es hat nicht jeder. www.pockettoolx.com

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23. Rentenreform für Fahrradschläuche. Einfach so in Rente gehen kann heutzutage ja niemand mehr. Das betrifft ab 2010 sogar Fahrradschläuche. Schläuche, die jahrelang ihren Dienst am Drahtesel abgeleistet haben, können sich nicht mehr wie bisher in den wohlverdienten Ruhestand begeben. Dafür haben Brigitta und Benedikt Martig-Imhof gesorgt. Sie lassen die Schläuche in Küchen weiterarbeiten: als Haushaltsgummis mit Geschichte. Und für die Reform gab’s sogar einen Preis: den Design Plus Award 2010. Einweggummi über www.taet-tat.ch 24. Her mit der Kohle. Sieht aus wie ein Brandschaden, ist aber was ganz Wertvolles: Binchotan, ein asiatisches Naturprodukt, soll elektromagnetische Strahlung und unangenehme Gerüche neutralisieren, negative Ionen und Infrarotstrahlung generieren, schädliche Substanzen aus Wasser und Luft absorbieren sowie die Luftfeuchtigkeit regulieren. Das wäre natürlich fabelhaft, zumindest dann, wenn man negative Ionen zu Hause haben möchte. www.binchotan.de 25. Hinterhältig. In der Redaktion herrscht Krieg. Grund dafür sind die mit Kreide beschriftbaren Porzellanflaschen von ASA. Denn seitdem irgendein Scherzbold den Inhalt einer solchen Milchflasche durch eine übel schmeckende Flüssigkeit ausgetauscht hat, überbieten sich Redakteure und Grafiker mit fiesen Tricks. Leckerer Orangen- wird durch Grapefruitsaft ersetzt. Apfelschorle durch Sauerkrautsaft. Wir empfehlen diese schicken Flaschen deshalb nur in Haushalten mit großem gegenseitigem Vertrauen. www.asa-selection.com 26. Kabelsalat. Warum die Künstlerin dieses „Selbstporträt“ mit dem Titel „Das globale Hirn“ versehen hat, verstehen wir angesichts der Pose nicht. Oder macht das Kabelgewirr Yoga? Na, wer die Lady aus farbigem kunststoffummanteltem Draht erwerben will, z. B. um während der WM eine Frau am Start zu haben, die die Klappe hält, informiert sich via www.atypicalart.com

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27. Mathe oder Geometrie? Die meisten in unserer Redaktion könnte man auch zwischen Teeren und Federn wählen lassen. Das alte Vorurteil, Kreative seien schlechte Mathematiker, müssen wir leider bestätigen. Aber das heißt natürlich gar nichts. Die Künstlerin Tauba Auerbach ist das beste Gegenbeispiel, denn sie hat die beiden Kartenspiele entworfen, bei dem eines auf mathematischen Funktionen und das andere auf geometrischen Mustern basiert, die aus der Nähe betrachtet sogar sehr simpel, ’tschuldigung, reduziert aussehen. Schön in Schwarz-Weiß und den Grundfarben Rot, Gelb, Blau gehalten, sind sie ein Spaß für die ganze Bauhaus-Familie. Kultivierte Zocker informieren sich unter www.dzekdzekdzek.com 28. Gegen die Wand. Für unsere Lieblingsspielzeuge mit dem i gibt es ja bereits eine Unmenge an Zubehörspielzeugen. Besonders clever: das WallDock, das schnöde Steckdosen in eine kabellose Ladestation für iPhones oder iPods verwandelt. Nicht so clever: Bisher wird das gute Stück lediglich für Steckdosen nach US-Norm gebaut und ist deshalb erst mal nur für den Urlaub zu gebrauchen. www.dlo.com

32. Der Stoff, aus dem die Helden sind. Die Rede ist von Aluminium. Aus diesem Metall waren die legendären Rosinenbomber gemacht, von denen aus während der Luftbrücke 1948/49 das Berliner Volk mit Nahrungsmitteln und an selbst gebastelten Fallschirmen befestigten Süßigkeiten versorgt wurde. Sie dienten als Inspiration der schicken Garderobe „Tempelhof“. Die Form ist dem Vorfeld des Flughafens, auf dem die Helden der Lüfte während der Blockade landeten, nachempfunden. Sie bietet Platz für 10 (Flieger-) Jacken. www.mom.eu 33. Gut aufgestellt. Zum Kauf dieses ungewöhnlichen Garderobenständers können wir nur ganz dringend raten. Vor allem jenen losen Gesellen unter Ihnen, die Verbindlichkeit nicht schätzen. Und sei es auch nur die zwischen einer Wand und einem Garderobenhaken. www.limestudio.co.uk

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29. Tür zu, es zieht. Diese Lampen des Designers Victor Boëda haben permanent den Hosenstall offen. Darauf muss man den Besitzer aber nicht aufmerksam machen, denn wenn man den Verschluss zumacht, kommt ja kein Licht mehr durch. Schicke Idee. Cache-cache über www.victorboeda.com 30. Neue alte Öfen. Die Wrenchmonkees aus Kopenhagen haben eine Leidenschaft für alte Motorräder. Sie machen customisierte Unikate z. B. aus einer alten Honda CB 750 Four. Gefällt uns sehr gut! www.wrenchmonkees.com 31. Superaffentittengeil. Gesammelt in den abgelegensten Wäldern des Planeten, inspiriert durch die höchsten Berge der Erde und tiefsten Gräben des Ozeans, gebraut aus Teufelsposaunen und Engelstrompeten, verfeinert mit geriebenen Zehennägeln und gegärtem Hopfen und Malz, aufgespielt in Rock-Dur und Chill-Moll, geprüft von Opa Herbert: das Debütalbum von Super Flu. Ein Stück heile Welt – ein Stück Heimat ... „Heimatmelodien“. Super Flu: „Heimatmelodien“ (Monaberry), www.myspace.com/superflude

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37. Spa im Regenwald. Es gibt leider nicht mehr viele Gründe, auf der latent übervölkerten thailändischen Insel Ko Samui Station zu machen, aber ab Juli 2010 immerhin einen mehr. In der vergleichsweise ruhigen Lamai-Bucht eröffnet ein neues Luxushotel der Banyan-Tree-Gruppe: 78 großzügige Pool-Villen, gewohnt exklusive Restaurants plus einem außergewöhnlichen Hydrotherapie-Spa mit dem vielversprechenden Namen Banyan Tree Rainforest. www.banyantree.com

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38. Ein Häuslein brennt. Sag einem Architekten, er soll eine Lampe entwerfen – und er baut ein Haus. So ungefähr muss es zwischen dem schwedischen Architekten Thomas Sandell und dem ebenfalls schwedischen Lampenhersteller zero abgelaufen sein. Die vier Wände mit dem Giebeldach über der Birne leuchten zwar auch ganz wunderbar. Aber eine Frage bleibt trotzdem: Was würde der Designer Sandell wohl konstruieren, wenn zero sich einen neuen Firmensitz von ihm wünschen würde? www.zero.se 39. Jäger und Sammler. Die Jungs von Bike Porter haben ein tolles Konzept entwickelt. Sie vereinigen, was eh schon seit Gedenken der Transportgeschichte zusammengehört hat. Lenker und Fahrradkorb. Zumindest verschmilzt beides in ihren Designkonzepten so selbstverständlich, dass man denkt, Lenker und Korb seien schon immer füreinander bestimmt gewesen. Fast schon romantisch! www.gmtn.dk

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34. Den Weltfrieden mit Füßen treten. Das kann man jetzt mit diesem ebenso schönen wie strapazierfähigen Ball von Puma tun. Er wird symbolträchtig aus Material mit verschiedenen Mustern zusammengenäht, die in den Heimatländern der multinationalen Fußballspieler anzutreffen sind. Schieß, Alter, schieß! www.puma.com

40. Von der Hand ins Buch. „Die Hand des Designers“ ist nach „Die Hand des Architekten“ schon das zweite Buch, in dem Moleskine, Hersteller von hübschen Notizbüchern, dem Freihandzeichnen huldigt. Moleskine kündigte mit diesem Band eine Sammlung von 462 Reproduktionen handgefertigter Skizzen von 150 international anerkannten Designern an, darunter die Brüder Bouroullec, Michael Graves, Hella Jongerius und Karim Rashid. www.moleskine.com 41. 60 Sekunden. Der niederländische Designer Marcel Wanders bemalt in einer Minute Porzellan und hat daraus die Serie „One Minute Delft Blue“ gemacht. Zu dieser Serie gehören unter anderem auch Vasen und Lampen. www.marcelwanders.com 42. Einfach genial. Theoretisch konnte man Schlafsäcke schon immer als Kissen, als Decke und natürlich als Schlafsack verwenden. Aber mit dem Monday’s von Olivia Spinelli möchte man es auch tun. Und das eigentlich nur, weil er nicht gerollt wird. Sondern gefaltet. Einfach – aber irgendwie auch genial. www.skitsch.it

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35. Rockiger Kristall. Jetzt wissen wir auch, was bei Indiana Jones zum Musikhören auf dem Schreibtisch steht. Denn wer sich obsessiv auf die Suche nach Kristallschädeln begibt, der wird sich mit der Harman Kardon GLA-55 sehr wohlfühlen. Und der Sound? Kristallklar. www.harmankardon.com 36. Swinging Schrebergarten. Wenn Sie bei dem Wort Hollywoodschaukel eine Schrebergartensiedlung im Jahr 1993 vor sich sehen, sollten Sie umdenken! Die Firma Viteo hat jetzt nämlich mit der Swing aus der Home Collection ein Exemplar herausgebracht, mit dem Sie stilvoll, elegant und völlig ohne geblümte Auflagen durch den Sommer schaukeln können. Mit den passenden Light Cubes neben der Schaukel werden Sie sich fühlen wie im Schrebergarten Eden! www.viteo.at

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43. Ich komme heute später. Wenn Sie sowieso zu den Kollegen gehören, die Zeit eher schätzen, als präzise zu bestimmen, dann haben Sie mit dieser Uhr endlich eine herrliche Ausrede: Das Ding dreht sich, die Kugel rollt durch das Labyrinth, und da, wo sie liegen bleibt, ist die Uhrzeit. Nur welche? www.aspiralclocks.com

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44. Unsere absolute Lieblingssache. Getoppt wird die Sache an sich von der Web-Adresse des Herstellers, denn deren spröde Sachlichkeit steht in geradezu elektrisierendem Kontrast zur psychedelisch-verschwenderischen Schönheit des Produkts, um dessen Kauf Sie sich in diesem Jahr keinesfalls herumdrücken können. www.wm-troeten.de 45. Recall. Da haben wir uns schon die DieterBohlen-Gedächtnisfrisur sowie eine komplett neue Zahnleiste zugelegt, und dennoch will keiner mit uns ’ne Band gründen. Doch Thomas Anders sei Dank gibt es jetzt die Lucky Voice Party Box. Einfach die festplattengroße Party Box anschließen, im Internet registrieren, und schon stehen über 6.000 chartaktuelle Songs bereit. Wer braucht da schon Freunde, die Instrumente spielen können? www.luckyvoice.com 46. Voll Psycho. Für alle, die gerne mal ein Blutbad anrichten wollen, aber nicht den Mumm haben, irgendjemanden vorher abzuschlachten: Mit dieser Badematte sieht es in der Nasszelle aus, als hieße Ihr Mitbewohner Norman Bates. Blutbad-Badematte über www.enjoymedia.ch

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47. Friss Blei. Kugelschreiber, Tintenroller, Bluetooth-Tastatur. Unter allem, womit heute so geschrieben wird, ist der Bleistift mittlerweile der Exot. Dabei gibt es ihn mit harter, weicher, bunter und auf Wunsch wahrscheinlich bald sogar mit gütiger oder auch böser Mine (zum guten Spiel, versteht sich). Und es gibt ihn jetzt sogar mit handgefrästem eingearbeitetem Clip. So ist auch die letzte Schwäche des Bleistifts ausgemerzt: Man kann ihn endlich überall bequem hinstecken. Und nicht nur in den Mund! www.uponafold.com.au 48. Pille für den Mann. Ob Salbe, Hantel oder Tablette. Mittelchen, mit denen Mann länger kann, gibt es viele. Mit dieser Pille können Sie jedoch nicht länger, sondern kürzer. Und zwar trainieren. Denn die instabile Ellipsenform des io-Balls bewirkt ein hochintensives Workout, bei dem man zur permanenten Muskelanspannung gezwungen ist. Und das gibt in kürzester Zeit richtig Muckis. Frau wird es freuen. www.ioball.de 49. Haltung bewahren! Eine richtige Haltung ist ja bekanntermaßen nicht nur bei der Mahlzeitaufnahme sehr gesund. Und so ist SquareMeal gerade bei edlen Rasseexemplaren eine gute Investition. Gebürsteter und rostfreier Stahl mit einem matten Acrylook. Der Rücken dankt es! www.docapet.com 50. Steingarten. Was Mutti früher im Vorgarten pflanzte, kann der geneigte Loft-Bewohner heute auf seiner Fensterbank anrichten. Statt Kakteen zwischen Kieselsteinen: Pflanzen in Vasen, die aussehen wie geschliffene Edelsteine. Wie modern. Vasenkollektion Rock über www.jinkuramoto.com


. 51. Troubadix lässt grüßen. Bei den Galliern waren ein ordentlicher Strauß Petersilie oder eine schallende Ohrfeige das probate Mittel gegen schief singende Barden oder andere lästige Geräusche. Heutzutage bevorzugt vor allem der Musikkenner den In-Ear-Kopfhörer. Der lässt den Sound direkt ins Ohr und alles andere außen vor. Der Harman Kardon K390NC macht dies besonders gut, denn er unterdrückt störende Geräusche neben dem perfekten Sitz auch noch mit einer speziellen Frequenz, die die Töne der Außenwelt eliminiert. Da verzichten wir doch gerne auf den Zaubertrank. www.harmankardon.com 52. Schubladendenken. Es gibt Möbelgeschäfte und Lampenläden. Für dieses Produkt muss die richtige Verkaufsfläche erst gefunden werden. Denn das Möbelstück leuchtet. Einfach die Schublade öffnen, dann geht das Licht an. Schöne Idee aus der Schweiz. At-At Walker über www.lifegoods.ch 53. Eine Satire vom Laufguru. Nie in der Geschichte der Menschheit steckte der Mann in derart vielen Krisen. Die moderne Frau ernährt sich selbst, weiß den Akkuschrauber zu führen und lässt in Reagenzgläsern mannfrei befruchten. Die Emanzipation hat stolze Krieger in verunsicherte Schluffis verwandelt, das Land sehnt sich nach echten Kerlen. Die simple Botschaft des Buchhelden Achim Achilles: Wenn die Frauen uns unser Leben nicht zurückgeben, dann holen wir es uns eben! Achim Achilles: „Der Vollzeitmann“, www.randomhouse.de

54. Die Männerversteherin. Dana Lee, Modedesignerin aus NY, ist Fashionistas und Fashionistos bekannt als Designerin der A-Z Collection. Unter ihrem neuen Label kreiert sie Männermode für jeden Tag. Lieblingsteile, in denen man lässig, aber nie langweilig aussieht, denn Dana Lee wacht bei aller Unaufgeregtheit ihrer Kollektion akribisch über die richtige Verarbeitung von Details. www.danaleenewyork.com 55. Rosebud. Aus dem wilden Brooklyn kommt diese erstaunliche Rosenblüten-Filzschale zu uns. Sie lässt sich dank Magneten zu allerhand anderen Formen umgestalten, und man kann Nähnadeln darin verschwinden lassen, Schwarzgeld, Autoschlüssel oder kleinere Haustiere. Echte Handarbeit aus recycelten Resten der Wollfabrikation. Durchmesser der Schale 6-1/2 x 9 Inch. www.abode-newyork.com

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56. Holz vor Hütten. Zusammengeschnürt und in Form gepresst. Die beiden Sitzmöbel von Twig bestehen aus den chemisch unbehandelten Ästen des Walnussstrauches und verbinden minimalistisches Design mit natürlichen Materialien. Twig Bench und Cube über www.pinchdesign.com 57. Schaumschlacht. Mit dieser Seifenkiste, nennen wir das gute Stück mal Holzkiste oder einfach Badewanne, kann man die eine oder andere Schaumschlacht veranstalten. Einen steifen Nacken werden Sie in der Wanne auch nicht bekommen, weil die Innenform einer Chaiselongue nachempfunden wurde. Zu finden bei www.neumann-luz.de oder www.bath-italy.com

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58. Ich komme heute noch später. Schenken Sie diese Uhr Ihrer Lebensgefährtin. Dann weiß sie, wann sie menstruieren sollte, die Haare schneiden oder die Blumen gießen und hat eine noch bessere Ausrede, warum sie abends immer Stunden zu spät ist. Diese Uhr zeigt nachts die Mondphasen, und das sieht nun wirklich sehr hübsch aus. Moonwatch über www.theemotionlab.com

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59. Kill Billy! Die weniger Sesshaften unter uns wissen, dass ein Umzug kein Spaziergang ist, erst recht nicht, wenn man zu denen gehört, die die Gesellschaft von Büchern schätzen und einige Meter des weltweit meistverkauften schwedischen Möbels ihr Eigen nennen. Konkurrenz kommt jetzt aus Dänemark. Dort wurde nicht das Rad, aber das Regal neu erfunden, und dieses ersetzt den Umzugswagen. Ein anderer Entwurf aus der Archive-Serie illustriert sehr anschaulich, was die Leser unter uns bisher im übertragenen Sinn erfahren haben: Bücher erheben den Menschen. Diese und noch viel mehr praktische Einrichtungsideen: www.davidgarciastudio.blogspot.com 60. So wohnt man im Jahre 2010. Anfang diesen Jahres gewann ein junger Student namens Teddy Luong in Kanada den ersten Preis für seinen aufsehenerregenden Entwurf eines Eigenheims. Seine Architektur besticht durch Transparenz und Offenheit. Der völlige Verzicht auf Trennwände und die mutig durchbrochene Fassade erlauben großzügige Aus-, aber auch Einblicke. 19 x 19 cm im Quadrat und eine lichte Raumhöhe von 20 cm – so lässt es sich leben als Goldfisch in diesem Aquarium. Die ganze Wahrheit über Umbra auf www.unicahome.com 61. Der komische Deutsche. In seinem dritten Roman „The Funny German“ erzählt Ronald Reng, vom Feuilleton der „deutsche Nick Hornby“ getauft, von einem Deutschen, der in London Politik studiert und zufällig in eine etwas andere Karriere gerät. Er wird: der lustige Deutsche.

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65. SkulptUhr. Von wegen Kunst ist zeitlos. Diese Oblique Clock geht locker als kinetisches Kunstwerk durch und zeigt gleichzeitig noch die Zeit an. Abstrakt und exakt. Gerade mal 20 dieser Präzisionsskulpturen hat Tristan Zimmermann für die Designausstellung Come Up To My Room entworfen. Wer gerade 3.900 Dollar zur Hand hat und eine ergattern will, sollte sich also beeilen. www.scienceandsons.com

Er tritt als Komiker in den Pubs der englischen Hauptstadt auf und ist dabei nach Meinung des englischen Publikums selbst sein bester Witz: Ein Deutscher mit Humor, das gibt es doch gar nicht! Ronald Reng: „The Funny German“, www.kiwi-verlag.de

66. Die Wand steht von alleine! Sich bei der Bundeswehr zum kleinen Päuschen an einer Mauer auszuruhen zog unweigerlich ein herzhaft gebrülltes „Die Wand steht von alleine!“ nach sich. Gott sei Dank war der niederländische Designer Peter van de Water anscheinend nicht beim Militär, denn ansonsten hätte er uns mit Sicherheit nicht die einfach geniale Garderobe Lean-on geschenkt. www.cascando.nl

62. Hallo, Werber, aufgepasst! Eine geniale Eigenwerbung hat sich da die Tontechnikfirma GGRP Sound aus den USA ausgedacht. Sie schickten an Kreativdirektoren in ganz Nordamerika einen Umschlag aus Wellpappe mit einer Single und einer aus einem Schritt bestehenden Aufbauanleitung für einen Papp-Plattenspieler. Antreiben ließ sich dieser mit einem Bleistift. Aber jetzt kommt das eigentlich Geniale: Die Vibrationen der einfachen Nadel wurden in die Wellpappe geleitet, dort verstärkt und so hörbar gemacht. Wenn das kein Beweis für kreative Soundtechnik ist, dann wissen wir es auch nicht. www.gizmodo.com 63. Turnschuh der Queen. Einen Sneaker kann man dieses Kunstwerk wohl nicht nennen, das Alexander McQueen für Puma kreiert hat. Für nasse Wiesen denkbar ungeeignet, wir empfehlen, diesen sehr teuren, sehr hübschen weißen Turnschuh zum Hochzeitsanzug zu tragen. AMQ Luxe Technical K.O. über www.puma.com

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67. Wir zitieren: „Einrichtungsgegenstand, Spielzeug, Luxusgut, Skulptur. Kuscheltier, Turngerät. Projektionsfläche. Irritierend. Liebenswert. So oder so, die lebensgroßen Schweine gepolstert mit traditioneller, lederner Rautenheftung entziehen sich bewusst jedem Terminus. Das hat etwas Irritierendes und auch etwas Befreiendes. Sie sind ein willkommener Ausfallschritt in eine unerwartete Richtung.“ Hört, hört! Und vor allem, lest es nach! Still lives – objects for domestic space unter www.kraud.de

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64. Martins Haus. Der Modeschöpfer Martin Margiela dekonstruiert den Blick auf die Mode und das Fashion-Business, dessen Regeln er konstant ignoriert. Weder Bilder noch Interviews existieren von ihm, doch dieses selbst gestaltete Buch gewährt einen intimen Einblick in den Schaffensprozess eines einzigartigen Designers und ist in seiner handgemachten Fertigung ein Kunstwerk für sich. „Maison Martin Margiela“ über www.maisonmartinmargiela.com

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Die beiden haben die fünf Materialien miteinander kombiniert, und herausgekommen ist ein toller Schrank. www.minustio.com

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73. Weltmusik. Rober Babicz hat etwas auf sein zweites Artist Album warten lassen. Aber dass gut Ding Weile haben will, beweist sein neuer Long Player allemal. „Immortal Changes“ ist eine Bestandsaufnahme seiner Eindrücke und Erfahrungen, die er auf seiner Welttour sammeln konnte. Der Long Player erscheint bei Systematic und glänzt mit warmen Melodien, live eingespielten Streichern und Saxofon, gepaart mit analogen Bässen und deepen Grooves. This is real electronica! Rober Babicz: „Immortal Changes“, Systematic, www.robertbabicz.de

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74. #9. Ein Krieg zwischen Mensch und Maschine hat die Welt in eine apokalyptische Trümmerwüste verwandelt. Die einzigen Überlebenden sind neun kleine Stoffpuppen, auf die ein Heer von mechanischen Bestien gnadenlos Jagd macht. Die Gründe für die Angriffe auf #9: Ein Wissenschaftler hatte die Puppen in den letzten Tagen der Menschheit erschaffen und auf eine Mission geschickt. Sie sollen die Herrschaft der Maschinen beenden und dem Leben auf der Erde eine neue Chance erkämpfen. Klaro. Produzent Tim Burton hat den Film zum   Finale. Das Endzeitabenteuer „#9“, ca. 76 Min., Universal, ab 22.7.2010 auf DVD und Blu-ray, www.filminfocus.com/focusfeatures/film/9

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68. Ein Must-have für alle, die keine It-Bag haben wollen. Die Kurzfassung der Taschenfirma, deren Produkte schön, haltbar, politisch korrekt, aber nicht berühmt werden sollen, heißt KIM. In Deutschland erdacht, in L. A. (aus italienischem Leder) zusammengesetzt, wollen diese Taschen lebenslange Begleiter für alle Frauen mit Geschmack sein – nein, nicht für alle, denn dann würde KIM ja vielleicht zum Aushängeschild werden. Oder bei ganz großem Erfolg sogar das globale Wachstum in Schieflage bringen. Ach, Understatement ist gar nicht so einfach. www.kimkimartifacts.com 69. Morgenkonzert in Ess-Dur. Über Georg Bohles Tischmanieren kann man nur Vermutungen anstellen. Klar ist: Bei jemandem, der einen Esstisch zum Klavier und ein Klavier zum Esstisch macht, muss man mit allem rechnen. Er: „Spielst du mir mal die Butter rüber?“ Sie: „Gerne, Schatz, wenn du mir mal das hohe C gibst.“ Wir finden, mit Essen sollte man spielen. Zumindest zwischen den Tasten. Mahlzeit! www.behance.net

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70. Ecken und Kanten. haben interessante Menschen oder auch interessante Regale wie das Angle Shelf. Anecken kann man damit vielleicht nicht, aber wer Lust hat, sich mal richtig die Kante zu geben, hier der Link: www.alsdesigns.com/angleshelf.html 71. Du riechst so gut. Man hat es nicht leicht in diesen Zeiten, Mann zu sein. Denn Parfums kommen heute gerne mal Unisex daher. Zum Glück gibt es da die Jungs von Hickoree’s Hard Goods. Die haben Aftershaves mit Whiskeynote, Seife, die nach frischen Tabakblättern riecht, oder einen Tweed Lotion Stick (wie auch immer der riecht). HarrrrHarrrrr. www.hickorees.com 72. Baukastenprinzip. Ein Gedicht aus Stahl, Glas, Stein, Holz und Plastik. So nennen Designer Mats Theselius und Künstler Andreas Roth ihr Kunstwerk. Was steckt dahinter?

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75. Schicke Augenringe. Ob nun London, Rio, Paris, New York oder Rom – PRISM Glasses haben, von den Metropolen schlechthin inspiriert, modische Augenringe designt, die einen Jan Delay neidisch aus seinen übermüdeten Glupschern gucken lassen. Das Ganze ist dann in Cases verpackt, die allein schon den Kauf wert wären. Gleich mal einen Blick drauf werfen: www.prismlondon.com/collection.html 76. Kreisrund. Die 360° LAMP von Pavel Sidorenko hat das Zeug zum Stilklassiker. Denn sie besteht im Prinzip aus einem kreisrunden Stück Kunststoff, das nach oben gebogen wird. Erhältlich mit vier verschiedenen Lasergravuren oder auch ohne, ist diese Lampe ein echter Blickfang. Sie taucht ihre Umgebung in weiches, beruhigendes Licht und ist zudem äußerst einfach zusammenzubauen. Übrigens: Das Mittelstück der Lampe dient auch als Lesezeichen. Warum auch immer. www.adensen.com

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77. Voll im Eimer. Einen Korb bekommt man nicht gerne. Es sei denn, er ist von Cordula Kehrer. Die findige Designerin möbelt alte und kaputte Plastikeimer auf. Mit Binse, Weide oder Rattan werden Löcher geflickt und die schrottreifen Eimer so zu schicken Unikaten. www.cordulakehrer.de 78. African Arenas. Der wunderbar fotografierte Bildband zur Frage: „Warum muss die WM ausgerechnet in dem ultragefährlichen Afrika stattfinden, wo so viele wilde Tiere frei rumlaufen?“ Weil in Afrika, und das sind sehr viele sehr verschiedene Länder, überall mit maximaler Hingabe Fußball gespielt wird. Fußball ohne Glamour, auf Staub und Beton, mit einer Würde, die man bewundern muss. Thomas Hoeffgen: „African Arenas“, www.hatjecantz.de 79. Feinschmecker. In Sachen gustatorische Wahrnehmung haben wir unser Heft immer weit vorne gesehen. Feinster Papiergeschmack trifft auf industrielle Klebernuancen. Typolade zeigt uns nun aber die Grenzen auf. Mindestens 60 % Kakaoanteil sorgt bei jedem Buchstaben für die passende Portion Zartbittergeschmack. Dafür können sie uns in Sachen Grauwert noch nicht das Wasser reichen. www.typolade.de 80. Tief durchatmen. Das hilft nicht nur bei Stress, sondern jetzt auch, wenn man Lust auf Schokolade hat. Und zwar dank der „breathable chocolate“ von Le Whif. Bei der von einem Harvard-Professor erdachten Neuheit inhaliert man Hunderte Schokoladenpartikel durch ein kleines Plastikröhrchen. Ein schokoladiges Vergnügen ganz ohne lästiges Kauen und die noch viel lästigeren Kalorien. Und wer sich jetzt den Kaffee zum Kuchen sparen will, kann neuerdings auch Kaffeegeschmack einatmen. Ganz schön gewhift! www.lewhif.com

81. White socks. In manchem Schlafzimmer eines Junggesellen sieht es ohnehin aus wie im Spind eines Highschool-Footballers. Wer den Charme schwitziger Klamottenhaufen auch in den Flur tragen möchte, ist mit dieser Garderobe gut beraten. YOUTOO, www.atelierhaussmann.de 82. Bretterbuden von der Rolle. Haben Sie auch schon mal ein altes Brett am Strand gefunden, sich an den verwitterten Farben erfreut und sich gefragt, welche Geschichten dieses Brett erzählen könnte, wenn es könnte? Jeder, der sich jetzt angesprochen fühlt, wird sich über diese Tapete freuen. Es gibt sie in drei Farbnuancen, und es sind immer wunderschöne Bretter darauf. Damit tapeziert, wird aus Ihrem Schlafzimmer eine romantische Strandhütte. Mehr Ideen finden sich auf www.studioditte.nl 83. Black Chocolate oder Silver Cherry. Was klingt wie die neuesten Eiskompositionen von Ben & Jerry’s, sind in Wahrheit die Holztöne des neuesten In-Ear-Kopfhörers aus dem Hause thinksound. Glasiert mit einem Goldstecker und Aluminiumelementen lassen die Jungs jede Höhe eines noch so düsteren Dubstep-Tracks zuckersüß klingen.www.thinksound.com

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87. Geometrie leicht gemacht. Zwischendurch ein wenig Mathe. Ein Ikosaeder hat sechs fünfzählige Drehachsen, zehn dreizählige Drehachsen, 15 zweizählige Drehachsen und 15 Symmetrieebenen. Und warum diese beängstigenden Fakten? Weil es in Wahrheit kinderleicht ist, ein Ikosaeder selber zu basteln. Und zwar mit diesem von Michiel Cornelissen erdachten Montagekit und 30 herkömmlichen Bleistiften. Verwendung findet er als futuristischer Lampenschirm oder einfach als buntes Spielzeug. www.michielcornelissen.com 88. my i. 42 Millionen iPhones gibt es auf der Welt. Besonders individuell ist das nicht mehr, und nicht nur in Werbeagenturen besteht auf Konferenztischen akute Verwechslungsgefahr. Der Weg zur Rettung: iPhone-Hüllen mit Motivdruck nach eigenem Design – die 100 % Einzelstückgarantie. www.getuncommon.com

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84. Effe lässt grüßen. Sollte der Sommer feucht und ungemütlich werden, wird es höchste Zeit, dem Wetter unmissverständlich die Meinung zu sagen, z. B. mit dem Effe-Gruß in Richtung Regenwolken. Regenschirm über www.artlebedev.com 85. Ich will ein Bild – und zwar sofort! Die Lomografie steht für kreatives und experimentelles analoges Fotografieren. Die Perspektiven sind ungewöhnlich, die Bilder farbintensiv und kontrastreich. Das „LC-A Instant Back+“-System zum Aufstecken auf die passende Kamera macht nun möglich, was wir sonst nur von der guten alten Polaroid kennen: die Sofortbildfotografie. So können Schnappschüsse direkt vor Ort begutachtet und schöne Fotografien sofort gefeiert werden. Shake it like a lomography picture! www.lomography.de 86. Filmriss. Wenn Ihr nächster Kinoausflug mal ein bisschen dekadenter ausfallen soll, liegen Sie mit diesem Luxus-Popcorn richtig. Mit Geschmacksrichtungen wie Alderwood Smoked Sea Salt oder Chipotle Caramel + Almonds gerät sogar ein Film mit Steven Seagal zum Film noir. www.479popcorn.com

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89. Sitzblockade. Das Sitzband Chairless hält den Rücken und die Beine zusammen, wie es sonst die Arme tun. So kann der Körper diese Sitzposition länger einnehmen, und die Hände bleiben frei für Essen, Trinken, Schreiben, SMS-Versenden etc. Je mehr die Beine ermüden, desto weiter öffnen sie sich und desto mehr drücken sie den Rücken hinauf. Das Band sitzt also besser, je müder der Sitzende wird. Das ist natürlich toll, wenn man z. B. 24 Stunden streiken will und in der Uni nicht genug Stühle vorhanden sind. Chairless ist 85 cm lang und 5 cm breit. Mehr Infos über www.vitra.de 90. Skater-Hocker. Oh, herrliches Recycling. Aus allem kann man was machen. Selbst aus zerrockten und schrammeligen Skateboards. Man darf sogar das eigene Brettchen abliefern. Dann kann man wenigstens auf seinem alten Board sitzen, wenn es aus gesundheitlichen Gründen mit dem Stehen nicht mehr klappt. www.deckstool.com

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91. Scheibenkleister. Rollladen hoch, wenn es dunkel ist, Jalousien runter, wenn die Sonne scheint. Mit dem Verschließen der Lamellen können Sie Ihrem Gegenüber auch wunderbar vermitteln, wenn bei Ihnen gleich die Lampen ausgehen. Romain-Brille von Mykita in Kooperation mit Romain Kremer über www.mykita.com

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92. Brandschatz. Um Männer unter freiem Himmel zu beeindrucken, reicht ein Holzkohlegrill mit beeindruckenden Maßen. Um Frauen zu imponieren, sollten Sie dagegen schon zur Fuego Outdoor Kitchen greifen. Ob Wärmen, Kühlen, Verstauen oder Waschen, die Module sind für jeden romantischen Abend geeignet. Und für das Steak danach. www.fuegoliving.com

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Die Zeit läuft für die letzten 3200 Tiger. Kämpfe mit! Deine 5 Euro helfen:

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Die Zeit läuft: Vor 100 Jahren gab es 100000 frei lebende Tiger, heute sind es nur noch 3200. Durch Zerstörung des Lebensraums und rücksichtslose Wilderei besteht die Gefahr, dass auch sie bald für immer von unserer Welt verschwinden. Es ist höchste Zeit! Kämpfe mit und hilf dem WWF, die Tiger zu retten! Deine schnellsten Spendenmöglichkeiten: per SMS*, per Mobile Tagging** oder per Klick auf wwf.de *Eine SMS kostet 5 Euro, davon gehen 4,83 Euro direkt an den WWF. Kein Abo; zzgl. Kosten für eine SMS. **Nutzt Du das Mobile Tagging, wirst Du auf wwf.de weitergeleitet; zzgl. Kosten für mobile Internetverbindungen je nach eigenen Vertragskonditionen.


98. Ultimo geilo. Keine Ahnung, wie die Italiener das immer machen, aber egal was sie in die Hand nehmen, und sei es nur ein Stück Butter, es sieht danach immer sexy aus. Genauso ist es mit der Hi-Fi-Anlage RR226 von Brionvega. Schon 1965 schufen die Brüder Castiglioni dieses Monument der Musik. Die Klangskulptur aus Radio, Plattenspieler und Boxen als schnöde Hi-Fi-Anlage zu bezeichnen, kommt allerdings im gläubigen Italien schon einer Blasphemie gleich. Als Wiedergutmachung zunächst 5.890 Euro Ablass zahlen, zehn Ave-Maria beten und auf der Anlage, ääh Skulptur einen Tag lang Radio Vatikan laufen lassen! Zu beziehen unter www.connox.de

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93. Exklusive Mörtel. Delay, Flanger, Chorus, Hall, Phaser, Trem, Rotary, Pitch, Filter, U-Vibe, Slap, Echo, Multi, Air, Room, Plate, Spring und ein breites ausgefülltes Stereobild sollten zur Wall of Sound gehören wie Männer zu  . Wir klopfen Maurermeister Phil Spector anerkennend auf die Schulter und empfehlen deshalb den wohl kraftvollsten Lautsprecher für den iPod. www.thewosexperience.com

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94. Grillmaster Flash! Schöner als der schwedische Hersteller exklusiver Gartengrille und -Møbler selbst kann man es gar nicht sagen: „Unsere Produkte schafft Atmosphäre und Harmonie zu Hause, vermittelt ein Gefühl der öffentlichen Räume, verwandeln den Garten in ein magischer Ort. Gather Freunden um ein Feuer in der Sommernacht. Lassen Sie den Garten in die Küche gekommen. Einrichten mit Licht. Was denken Sie passiert?“ Wahrscheinlich können auch Sie es uns bald sagen. www.roshults.se/products 95. Wie die Karnickel. Quasi das Vitra-Haus für Mümmelmänner, gestapelte Ministallungen in elegant dunkel gebeiztem Holz von Frederik Roijé. Hase möchte man sein. Oder Chinchilla. Breed Retreat über www.roije.com

99. Jetzt bloß nicht sentimental werden! Bislang kannte man die berühmten handgeschmiedeten französischen Laguiole-Messer mit der noch berühmteren Biene (vielleicht auch Fliege) am Schaft nur in der nostalgischen Version mit ornamental verziertem Griff aus Holz. Sie riefen Assoziationen von rustikalen Vespern in den Weinbergen hervor, von groben Bauernhänden, die damit noch gröberer Brotlaibe zerteilen. Beim Anblick dieses Klappmessers für Forge de Laguiole vom französischen Designer Ora-Ito, der das Kantige liebt,

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96. Was sind Sie denn für einer? Nehmen wir mal an, Sie sind wie die meisten unserer Leser Executive Vice President von irgendwas, dann sollte Ihre Visitenkarte ein bisschen was hermachen. Wenn schon Rock ’n’ Roll-Friseure in Rom so tolle Dinger haben wie diese: Fährt man mit dem Fingernagel an den Zähnen entlang (denen des Kamms), erklingt ein bekanntes Rock ’n’ RollThema. She-bop-a-lu-la! Und jetzt kommen Sie! www.cardview.net 97. Nichts zu verbergen. Man scheut sich, diese Lampen von Dima Longinoff nur Lampen zu nennen, denn diese Leuchtobjekte können mehr als Licht ins Dunkel bringen. Sie werfen durch ihre skizzenhaft wirkenden Körper bestaunenswerte Schatten, dass man sich ein leeres Zimmer allein für diese Lampe wünscht. Überzeugt nicht nur uns, sondern auch internationale DesignFachjurys: International Design Awards, Los Angeles. www.dimaloginoff.com

durchzuckt es uns eher futuristisch. In elegantem Mattschwarz, mit einem Griff aus Carbonfiber hat es Höheres zu tun, als durch müffelnde Camemberts zu gleiten: Depotauszüge öffnen, die Kehle eines Rivalen oder die Kapsel eines 78er-PulignyMontrachet. Scharfe Seite: www.ora-ito.com 100. Ausgerechnet! Ein Ehepaar, das gemeinsam arbeitet, hat sich diesen schönen hölzernen Paravent ausgedacht, hinter dem ganz schnell verschwindet, was man nicht mehr sehen kann oder will. Aber wir wollen hier gar keine künstlichen Zusammenhänge herstellen, hier sei nur so viel gesagt: herrlich, wie harmonisch sich Konvexes an Konkaves schmiegt. Wie fügt sich doch ein Paneel ins andere! Beliebig verlängerbar, in hellem und dunklem Finish zu haben und hier näher zu bestaunen: www.soorikian.com


DIE . SACHE

101. Wie weit würdest du gehen, um jemanden zu retten, den du liebst? Puh, was für eine Frage. Ja, wie weit? Und was ist eigentlich Liebe? Schwierige Fragen, die wir zu Beginn des Nachmittags erst einmal zur Seite schieben wollten. Denn schließlich war kein Grundkurs in Philosophie, sondern Daddeln angesagt. Also PS3 an, Spiel rein und die Controller in die Hand genommen. So dachten wir zumindest. Doch allein bei der ersten Spielszene dämmert uns: Dies wird kein einfacher Nachmittag. Denn „Heavy Rain“ von Quantic Dream ist viel mehr als nur ein Spiel. Es ist ein Spielfilm, der durch die eigenen Handlungen maßgeblich beeinflusst wird. Und vor allem ein Film, der richtig an die Nieren geht. Damit wir nicht zu viel verraten, hier die Kurzfassung des Anfangs: Familienidyll, Autounfall, einer der beiden Söhne tot. Vater Koma, Depression, Frau trennt sich von ihm. Zweiter Sohn wird von einem Psychokiller entführt, seine Opfer, ausschließlich Jungen, werden einige Tage nach dem Verschwinden ertränkt aufgefunden mit einer Orchidee auf der Brust und einer Origami-Figur

in der Hand. Starker Tobak. Nicht nur für Väter und Mütter, sondern auch für Junggesellen. Neben der unglaublich dichten Atmosphäre zeichnet sich „Heavy Rain“ durch eine innovative Steuerung und extrem offene Handlungsmöglichkeiten aus. Jede Aktion des Spielers hat Konsequenzen für den weiteren Verlauf. Da vier verschiedene Hauptcharaktere gespielt werden müssen, gilt dies sogar gleich vierfach. „Heavy Rain“ ist ein Spiel der Konflikte und Entscheidungen, der Emotionen und Konsequenzen. Und des Regens. Denn der plätschert unaufhörlich, untermalt von melancholischer Musik. In „Heavy Rain“ regiert die Angst ums Leben. Um das eigene und um das von geliebten Menschen. „Heavy Rain“ ist ein Spiel, in dem man für Stunden vollständig versunken ist. Ohne Aussicht auf Wiederkehr. Und vor allem ohne Aussicht auf Sonnenschein. Das perfekte Spiel für alle, die trotz Sommer die Lust auf ein dunkles Adventure haben. „Heavy Rain“, exklusiv für PS3, von Quantic Dream. www.heavyrainps3.com

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www.appel-grafik.de


»Das Stück ist nicht zu Ende, bevor der Vorhang fällt.« (Englisches S prichwort)

Finale von lat. finis, das Ende. In der Kunst und Musik bezeichnet das Finale den letzten Satz oder Akt. Im Sport das Endspiel, allgemein steht „Finale“ für Schluss oder Abschluss. Die Spannung ist zuvor ins Unermessliche gestiegen, die Katharsis haben wir auch schon hinter uns gebracht, noch einmal ein kräftiger Tusch, dann endlich Läuterung, Erlösung, Abpfiff und: Schluss. Wie im wahren Leben. Eine Sache zu beenden kann schön oder auch schrecklich sein. Man kann als Sieger, Held und erfolgreicher Liebhaber vom Platz gehen. Alternativ als begossener Pudel, gestorbener Bösewicht oder WM-Zweiter. In jedem Fall ist ein Ende mit starken Illustration: Herr Müller (www.183off.com)

Gefühlen verbunden. Das ist wiederum nicht unrelevant für unser psychisches Wohlbefinden. Etwas zu beenden heißt eben auch, an ein Ziel zu gelangen, etwas geklärt, gemeistert oder verstanden zu haben und es nun einen Moment bewundernd zu betrachten oder loslassen zu können. Wir genießen diesen Gefühlscocktail aus Blut, Schweiß und Tränen, Leiden und Erlösung. Deswegen gibt es auch FußballWM-Finalspiele oder Filme wie „Heat“ (eines der schönsten Duelle der Filmgeschichte: De Niro und Pacino im Diner beim verbalen Schlagabtausch, bevor sie sich für das Finale auf das Rollfeld stürzen). Im Norden sagt man, man soll aufhören, wenn’s am Schönsten ist, denn dann macht man’s gerne wieder. In diesem Sinne, ein praller Schlussakkord für ein rauschendes Finale … INTRO

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Zur Eröffnung der Expo haben die Chinesen das größte Feuerwerk aller Zeiten abgefackelt. Was die können, kann unser chinesisches Stylingwunder Zhoi Hy schon lange. Ein Feuerwerk zum Abschied mit Prada, Hugo by Hugo Boss, Hermès, Louis Vuitton, Jil Sander und Wunderkind. Auf Wiedersehen! Von Christian Schildmacher und Joshua Scott (Fotos) sowie Zhoi Hy (Styling)

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links, heRMÈs: Der Designerin Véronique Nichanian scheint Stil angeboren zu sein – alle anderen Frauen können nur von ihr lernen, besonders wenn es um Männermode geht: luxuriöse Pullis mit Halstüchern sowie Shorts in dezenten Braun- und Sandtönen.

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Rechts oben, Jil Sander: In Raf Simons’ Kollektion dominieren Weißtöne, und durch das spezielle Pikeegewebe bekommen Anzugstoffe eine neue Oberflächenanmutung. So sieht Schwerelosigkeit aus. Rechts unten, Prada: Als Grau wird ein Farbreiz bezeichnet, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, aber keinen farbigen Eindruck erzeugt. Die Designerin Miuccia Prada brilliert in ihrer Kollektion mit verschiedenen Graustufen und zeigt körperbetonte Anzüge mit ausgefransten Säumen. Der aktuelle Werbefilm „First Spring“ wurde vom chinesischen Starfotografen Yang Fudong gedreht. Auch er hat eine Farbvorliebe: Schwarz-Weiß.

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Unten, Louis Vuitton: Designer Paul Helbers ließ sich von den „Straßen-Schmetterlinge“ genannten Fahrradkurieren New Yorks inspirieren. Aerodynamische Schnitte, gepaart mit Funktionalität wie Kurierkapuzen, die sich über das elegante Outfit überziehen lassen. Für Jacken werden Nylon, Neopren sowie Leinen kombiniert, während Seide oder gebürstete Baumwollstoffe zusammen mit gewaschenem Kalbsleder auftreten.

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Rechts oben, Hugo by Hugo Boss: Artdirektor Bruno Pieters hat sich das Meer genau angeguckt – mal frisch und in Bewegung, mal ruhig und klar. Sein Ergebnis: ärmellose Westen und leichte Stoffe aus feinem Leinen und Baumwollvoile sowie Mäntel mit goldenen Pailletten. Rechts unten, wunderkind: Hochsensibel und rebellisch, immer auf der Suche nach Anerkennung, dabei treu und anständig. Designer Wolfgang Joop sieht den Wunderkind-Mann als solchen und steckt ihn in edelste Anzüge.

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Fotografie: Christian Schildmacher, Mode, und Joshua Scott, Stils (www.k2creativemanagement.com) Styling: Zhoi Hy (www.zhoihy.de) Stylingassistenz: Ava Carstens Haare & Make-up: Thuy Diep (www.optixagency.de) und Jasmin Koch Models: Florent, James J. und James S., alle von Kult Model Agency (www.kultmodelagency.com) Vielen Dank an Hanne von Kult Model Agency.

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Der eine spuckte als Kind mitten in der Nacht selig in seine Torwarthandschuhe, der andere verfluchte auf der Laufstrecke einen greisen Marathonläufer.   bat acht sportbegeisterte Autoren um ein besonderes Finalstück. Sie lieferten Geschichten, die tatsächlich nur der Sport schreibt. Vom Wunder von Bern bis zum stillen Abgang einer Tenniskönigin. 46

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Illustration: Pascal Constanty

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„Junge, heute schreiben wir Geschichte“, sagte sein Vater. Baha Kutup setzte sich neben ihn vor den Fernseher. An diesem Maiabend  entflammte seine Leidenschaft für den HSV. Ich war ein Butscher von acht Jahren, mein Papa für mich damals ein Held. Ich habe meinen Papa verehrt, weil er zu jedem HSV-Spiel gehen konnte, er hatte ja schließlich eine Dauerkarte, und ich durfte (aus welchen Gründen auch immer) noch nicht mit. Die Spiele des HSV habe ich schon damals innig verfolgt, am Radio oder in der „Sportschau“. Internet gab es damals noch nicht. Bis zu besagtem Moment habe ich meinen Papa stets als korrekten, zurückhaltenden, liebevollen und respektvollen Menschen gekannt, aber was sich an diesem Tag in unserem Hause abspielte, das war für mich prägend, von dem Tag an war nichts mehr, wie es vorher war, zumindest für mich nicht. Was war geschehen? Der HSV hatte ein Auswärtsspiel im fernen Griechenland, in Athen. Wir schreiben das Jahr . Ich durfte an diesem Abend für meine Verhältnisse unvorstellbar lange aufbleiben. Mein Papa sagte mir (ich erinnere mich genau): „Junge, wir schreiben heute Geschichte.“ Ich wusste damals nicht so genau, was er damit meinte. Papa trank also ein Bier (für mich ein Novum, ich hatte ihn bis dahin noch nie Bier trinken sehen) und das Spiel ging los. Bereits früh ging der HSV in Führung, und da geschah es,

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mein Papa sprang auf, umarmte mich, meine Mutter und die gesamte Nachbarschaft. Wie er das tat? Nun, er riss das Fenster auf und brüllte so laut er konnte, so laut wie ich ihn noch nie gehört hatte, die drei magischen Buchstaben H-S-V in die dunkle Straße hinein. Er, mein Papa, normalerweise zurückhaltend und beinahe emotionslos (zumindest kam er mir damals so vor), zeigte mir just an dem Tag, was der Fußball, was der HSV bewirken kann. Pure Emotion! Als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff (vorangegangen waren nervenzerreißende Minuten), habe ich meinen Papa erlebt, wie ich ihn privat, also zu Hause, noch nie erlebt hatte. Glücklich, ausgelassen, laut, beinahe elektrisiert. Er nahm mich in den Arm, sah mir tief in die Augen und sagte: „Junge, wir haben heute Geschichte geschrieben. Diesen Tag wirst du in deinem ganzen Leben NIE vergessen!“ So war es dann auch. Ich pochte auf mein Recht, auch mit zum HSV kommen zu dürfen, und mein Papa hatte ein Einsehen. Seit der Saison / bin ich jedes Spiel dabei, und immer begleiten mich die Gedanken an das Spiel in Athen, im Jahr , als ich noch ein Butscher im Alter von acht Jahren war. Danke, Papa!


Sportautor Ronald Reng hat in seinem Berufsleben über etliche große Fußball-Endspiele berichtet. In der Nacht vor seinem persönlich größten Finale machte er kein Auge zu. In der Nacht vor dem Finale wachte ich auf. Ohne Licht zu machen, stieg ich aus dem Bett. Die Kälte des Parkettbodens kitzelte meine nackten Füße, aber mit wenigen Schritten hatte ich den Schreibtisch erreicht. Meine Hände brauchten meine Augen nicht, um in der Dunkelheit zu finden, was ich suchte. Ich zog die Torwarthandschuhe allerdings erst an, als ich wieder ins Bett geklettert war. Ich lauschte dem Kraschpeln des Klettverschlusses, als ich ihn öffnete. Der zauberhafte Duft einer chronisch schlecht gelüfteten Umkleidekabine kam mir aus den Handschuhen entgegen. In dem Moment, in dem sie

meine Hände umschlossen, spürte ich unmittelbar diese Mischung aus totaler Geborgenheit und Sicherheit, die die CSU immer verspricht und nur ein Torwarthandschuh liefern kann. Ich spuckte in die Innenflächen, verrieb die Spucke auf dem Schaumstoffbelag und fuhr mir mit den Handschuhen über die Wangen, um zu testen, ob der Schaumstoff auch ordentlich klebrig war. Zufrieden verschränkte ich die Hände hinter dem Kopf, so dass er sicher wie ein Ball in den Handschuhen ruhte. So lag ich bis zum Morgen wach. Ich war , und ich war mir sehr sicher, dass es kein größeres Spiel auf der Welt gab als das Kreispokalfinale gegen die DJK Hattersheim.

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Innerhalb eines Wimpernschlags flogen beim Grand Prix von Monza  vier Rennwagen über den Zielstrich. Motorsportexperte Hermann Müller über das heißeste Formel--Finish aller Zeiten. Was Fußball und Formel  verbindet? Ganz klar, das F am Anfang. Und nicht nur das. Fußball ist, wenn  Kerle  Minuten hinter einem Ball herlaufen, und am Ende gewinnt Deutschland. Formel  ist, wenn  Kerle  Minuten hintereinander herfahren, und am Ende gewinnt – manchmal – ein Deutscher. Aber das war nicht immer so. Früher, vor ,  Jahren, war die Formel  ganz anders. Das fing an mit den Fahrern. Deutsche waren nur selten dabei. Und im Unterschied zu den Rosbergs und Vettels unserer Tage gingen damals ausschließlich reife, mental abgehangene Persönlichkeiten an den Start, die sich in einem Alter, in dem man heutzutage Weltmeister werden kann, noch in untermotorisierten Nachwuchsklassen, gern auch auf Motorrädern, herumflegelten und dort ihre Fähigkeiten und Charaktere ausbildeten. Wenn sie sich dabei nicht tot fuhren, landeten sie mit Glück in einem Alter von etwa  Jahren in der Formel  und wirkten dann oft schon so gereift, dass man ihnen rein optisch betrachtet lieber nicht im Dunkeln begegnen wollte. Auch die Autos waren anders. Sie hatten zwar auch schon Flügel, die aber nicht im Windkanal, sondern nach dem Pimal-Daumen-Prinzip entstanden waren und dementsprechend wirkungsarm blieben. Das machte die Boliden in den Kurven zwar relativ langsam, auf den Geraden dafür aber schneller – vor allem konnte man sich mangels aerodynamischer Turbulenzen auf längeren Geraden hervorragend im Windschatten an seinen Vordermann ansaugen, dann blitzartig ausscheren und locker an ihm vorbeiglühen. Natürlich waren auch die Strecken anders. Computerberechnete und ultrasterile Pissrinnen, wie sie ein Aachener Architekt heute reihenweise in den Sand von Abu Dhabi oder auf die grüne Wiese bei Kuala Lumpur setzt, gab es noch nicht. Stattdessen feuerten sich die Cracks der frühen Tage um die altehrwürdige, von Hecken statt Leitplanken umsäumte Nürburgring-Nordschleife, um ausgediente Weltkriegsflugplätze wie den im britischen Silverstone oder durch den königlichen Park von Monza, wo es sich die Italiener mal wieder ganz einfach gemacht hatten: Spärliche fünf Kurven, verbunden durch elend lange Geraden, mussten schon seit  reichen, um als klassische Kulisse für einen würdigen Grand Prix zu dienen – und taten das auch, ganz besonders am . September . Während Michael Schumacher im heimischen Kerpen den aufrechten Gang übt, strömen gefühlte . Ferrari-Fans und etwa  weitere Zuschauer bei  Grad im Schatten ins Autodromo di Monza, um Ferrari siegen zu sehen. Doch daraus wird nichts. Die Lokalmatadoren Clay Regazzoni und Jacky Ickx fallen frühzeitig mit technischen Defekten aus, genau wie der beste Pilot jener Tage, der Schotte Jackie Stewart. Emotional wie Italiener nun mal sind, bewerfen die Tifosi die ausrollenden roten Renner mit Steinen, doch nur wenige Fans verlassen vorzeitig die Rennstrecke. Der Grund: Auf der Piste tobt ein ebenso erbitterter wie spannender Kampf unter sechs Piloten, von denen bis dato noch keiner einen Grand Prix gewonnen hat. Dabei sind drei von ihnen längst fällig: Allen voran der Neuseeländer Chris Amon, der schon  Große Preise fuhr, aber nie über ein siegfähiges Auto verfügte, der Franzose François Cevert und der Schwede Ronnie Peterson, beide erst in ihrer zweiten Saison, aber ausgesprochen clever und rasant 50

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unterwegs. Die drei anderen Kombattanten fahren normalerweise unter „ferner liefen“: die Briten Peter Gethin und Mike Hailwood sowie der Neuseeländer Howden Ganley. Doch heute sind sie ganz vorn mit dabei: Wie ein Schnellzug mit sechs Waggons prasselt die Spitzengruppe die Geraden herunter, ein permanentes Ansaugen, Überholen und Überholtwerden. Mehrmals pro Runde wechselt die Führung, kein Mensch wird am Ende des Rennens wissen, wie oft sich die Kontrahenten gegenseitig passiert haben, denn auch für die Zeitnahme gab es damals noch keine Computer. Und kein Fahrer hat die Chance, den anderen wegzufahren, weil jeder seinen Hintermann im Windschatten mitzieht. Schon gar nicht der ewige Pechvogel Amon, dem zwei Runden vor dem Ziel das Helmvisier wegfliegt, worauf er im wahrsten Wortsinn tränenden Auges vom Gas gehen muss. Derweil legen sich die anderen ihre Taktik zurecht. Wer eingangs der letzten Kurve mit dem schönen Namen Parabolica vorn und außen ist, hat die größte Chance auf den Sieg – das wissen alle. Cevert fährt sie außen an, lädt Peterson damit ein, die Innenbahn zu wählen, was er auch tut. Aber der Schwede bremst zu spät, rutscht nach außen, blockiert Cevert damit den Weg – und Gethin presst seinen BRM innen durch. Und dann geben sie alle einfach nur noch Gas … Was dann kommt, hat die Formel  nie zuvor und nie danach auch nur ansatzweise gesehen: Nach  Minuten Renndauer,  gefahrenen Kilometern und einem Durchschnittstempo (!) von  km/h kreuzt Gethin im Foto-Finish eine Hundertstelsekunde vor Peterson als Erster den Zielstrich, Dritter wird Cevert mit acht Hundertsteln Rückstand, selbst der viertplatzierte Hailwood liegt nur  Hundertstel hinter dem Sieger. Und Peter Gethin, der am Morgen des Renntags noch in einem geliehenen Fiat  vom Hotel zur Rennstrecke tuckerte, bekommt für seinen Sieg außer Punkten, Preisgeld, Pokal und Lorbeerkranz noch eine ganz besondere Prämie: Sein etwas exzentrischer Teamchef Louis Stanley lädt ihn zum Abendessen ein, Gethin darf im Cadillac des Multimillionärs mitfahren – und sogar neben seinem Boss sitzen, bis ein Reifenschaden die schwarze Limousine ereilt und der Held des Tages zum Radwechsel abkommandiert wird. Wie gesagt: Früher war die Formel  ganz anders.


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Udo Muras, selbst begeisterter Fußball-Historiker, traf Heizungstechniker Johann Schlüper, der seit  wie besessen jedem Filmschnipsel des Wunders von Bern nachjagt. Neulich hat er wieder Post bekommen. Von wo genau, das verrät er nicht, und er hatte auch angeblich noch gar keine Zeit, das Filmmaterial komplett zu sichten. Aber so viel weiß Johann Schlüper, der Jäger des verlorenen deutschen Fußballschatzes, dann doch: „Es sind vier Minuten. Darunter Aufnahmen vom Tag nach dem Finale von Bern, als die Alphornbläser die Mannschaft in Spiez verabschieden, als sie in den Bus steigt.“ Spiez, Bern, . Bei Millionen Deutschen lösen diese Begrifflichkeiten noch immer eine Gänsehaut aus. Hier wurde nicht nur eine Elf, hier wurde ein ganzes Volk Weltmeister, ist es wiederauferstanden aus Ruinen. Von der eigentlichen Gründung der Bundesrepublik sprachen Historiker nach dem Fußballtriumph gegen Ungarn, und tausendfach wurde er schon dokumentiert. Nur niemals lückenlos. Vom Finale existiert keine komplette Aufzeichnung, nicht mal eine komplette Halbzeit. Die Münchner Produktionsfirma, die die Filmrechte hatte, hat einst die Filmrollen aus Platzgründen weggeworfen. Ein Sakrileg, das jahrzehntelang keinen störte – bis Schlüper  auf die Suche ging.

„Die Uruguayer haben ihr Endspiel von  noch, von uns ist erbärmlich wenig da. Das ist unfassbar“, regt er sich auf. Man spürt es bei jedem Wort: Der Techniker einer Heizungsfirma aus Erkelenz, Jahrgang , hat sein Leben dem deutschen Fußballmythos gewidmet. Er hat noch Fritz Walter kennengelernt. Und er hat Bücher geschrieben, was sein musste, denn „in allen Büchern zu  sind Fehler drin, nur in meinem nicht“. Er kann sich richtig darüber aufregen, wenn in druckfrischen Publikationen seitenverkehrte Bilder erscheinen. Über  Ausstellungen hat er organisiert und mittlerweile in Berlin sogar ein „Deutsches Fußball-Museum“ gegründet – mindestens drei Jahre vor dem DFB, der das erst  in Dortmund anstrebt. Es geht nicht nur um Bern in seinem Museum, auch München  und Rom  haben ihren Ehrenplatz. Aber den Raum, in dem an die Sternstunde der Männer von Sepp Herberger erinnert wird – dort steht unter anderem der original Lattenzaun von Wankdorf – „nennen die Leute das Bernsteinzimmer“, sagt Schlüper nicht ohne Stolz. Das -Quadratmeter-Museum fordert viel Kraft, der Jäger kommt nicht mehr so zum Jagen. Vom Geld ganz zu schweigen, Sponsoren hat er nicht für sein hehres Unterfangen. Wenn er  bis . Euro hätte, würde er in seinem Museum eine Art Kinoraum einrichten und das vorhandene Material in Bild und Ton zu einem Film zusammenfügen. Rund  Minuten, darunter drei in Farbe, habe er jetzt zusammengetragen, aus aller Herren Länder. Ein Spiel aber dauert  Minuten, Herberger hat es ja immer gewusst, und Schlüper will auch nicht vorher abpfeifen. Das Ganze ist so mühsam, weil er nur noch auf Zufallstreffer auf privaten Dachböden hoffen kann. Hunderte Zuschauer haben damals auf den Rängen ihre Aufnahmen gemacht, kein Fifa-Funktionär hatte was dagegen. Die Super--Filmrollen aber umfassen immer nur drei Minuten, und kein Privatmann auf den Rängen in Bern hat die Rolle  Mal gewechselt. Und die offiziellen Aufnahmen sind, wie erwähnt, vernichtet worden. Bis auf die legendären Ausschnitte, von denen es vor Schlüpers Schnipseljagd auch keine zehn Minuten gab. Seine Passion begann mit dem Hören einer Schellack-Platte von Herbert Zimmermanns legendärer Rundfunkreportage, die er für  D-Mark komplett vom NDR in Kopie abkaufte. Sie endet mit den legendären Worten: „Aus, Aus, Aus. Deutschland ist Fußball-Weltmeister!“ Johann Schlüpers Spiel ist noch immer nicht aus, er träumt davon, endlich eine Aufnahme zu bekommen von „Hans Schäfers Schuss gleich in der dritten Minute. Datt wär’n Ding.“ Aber der Jäger wird müde. „ kann man es wohl sein lassen, dann ist es  Jahre her. Dann will das doch keiner mehr wissen.“ Das sagt er nur so dahin. Hoffentlich.

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Erst im allerletzten Aufschlagspiel gab sie ihre gewohnte Zurückhaltung auf. Jürgen Kalwa, damals als Tennisreporter vor Ort, über das seltsame Karriereende der Stefanie Graf. Eingeprägt in die Erinnerung haben sich folgende Eindrücke: ein sternenklarer, kalter Sommerabend. Zuschauer auf den Tribünen in Jacken und Sweat-Shirts. Motten und Mücken im Flutlicht, das den weißen Linien auf dem graugrünen Hartplatz eine surreale Schärfe gibt. Laute Rufe schläfriger Linienrichter. Und das Geplänkel zweier Spielerinnen, die einander in der Manier des Damentennis von jenseits der Grundlinie mit monotonen Schlägen in Verlegenheit zu bringen versuchen. Wer in den Archiven nach Szenen von dieser Begegnung sucht, müht sich vergeblich. Das Fernsehen war nicht da. Wer denkt, es war ein Triumph, der liegt falsch. Das Spiel endete mit der Aufgabe der Favoritin. Und doch war dieser Abend im Sommer  auf der Anlage des Hotel-Resorts La Costa in Südkalifornien ein sporthistorischer Augenblick. Denn dies war die Szenerie, in der Steffi Graf das letzte reguläre Spiel ihrer Karriere bestritt. Es endete damit, dass sie eine Oberschenkelzerrung erlitt und aufgab. Den wenigen Reportern, die damals wissen wollten, wie es weitergehen würde, erklärte sie: Sie werde die Verletzung auskurieren und dann weitermachen. Daraus wurde nichts. Zehn Jahre später erfuhren wir endlich, weshalb. Da stellte sie in einem Fernsehinterview in den USA die Ereignisse von La Costa folgendermaßen dar: „Ich saß im Flugzeug auf meinem Weg nach San Diego und dachte: Was soll das? Das läuft falsch. Ich weiß, dass ich nicht mehr spielen will. Und gleich auf dem Platz wusste ich: Das war’s. Ich habe das Ende meiner Tennislaufbahn erreicht. Das war so klar, wie es nur sein konnte.“ Die Fans, die die ganz Großen des Sports verehren und immer auf große Gesten und große Worte hoffen, wurden auf diese Weise um ein besonderes Erlebnis gebracht. Steffi Graf ging nicht im Stil einer überragenden Figur von der Bühne. Sie schlich sich einfach davon. Sie verschwand grußlos aus der Kulisse jenes schlechten Films, in dem sie jahrelang gefangen schien. Mit einem Vater und Förderer, der als Steuerbetrüger ins Gefängnis musste. Und mit einem Körper, der sie häufiger zu Pausen zwang, als ihr lieb war. Trotzdem ereignete sich an diesem Abend in Kalifornien etwas, das wert ist, geschildert zu werden. Ich hatte Steffi Graf in jenen Jahren oft spielen gesehen, darunter bei jener legendären Fünf-Sätze-Schlacht im Madison Square Garden in New York 54

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gegen Martina Hingis, wo beide unter massiven Krämpfen litten, aber die Deutsche einen Hauch fitter war. Und ich habe mich damals ständig gefragt, ob sie außer dieser knallharten Vorhand und dem ätzend scharfen Rückhand-Slice noch andere Schläge beherrscht. Ob sie eine Tennisspielerin ist oder eine Maschine. Ich erlebte an diesem Abend in La Costa eine Offenbarung. Sie gab im letzten Aufschlagspiel ihrer Karriere alle Zurückhaltung auf und lief unbekümmert jedes Mal ans Netz und machte sicher den Punkt. So mischt sich in die Enttäuschung über die Lüge auch ein bisschen Stolz. Ich habe Steffi Graf nicht nur in ihrem letzten Match erlebt, sondern sie auch beim „serve and volley“ gesehen. Wer kann das schon von sich behaupten?


Eigentlich wollte Achim Achilles, alias Hajo Schumacher, nur einen entspannten Halbmarathon laufen.  Meter vor dem Ziel aber trieb ihn ein zäher Opa erst in den Wahnsinn und dann ans körperliche Limit. Der Plänterwald-Lauf ist der New-York-Marathon der Ostberliner: nur halb so lang, dafür doppelt so vermüffelt. Wahrscheinlich feuert Hans Modrow den Startschuss ab. Hier trifft Westberliner Spaß-Guerilla auf finster dreinblickende Ostberliner Lauf-Hamas. Der Wessi legt für den Plänterwald-Lauf unweigerlich seine ältesten Klamotten an. Neue Laufschuhe provozieren eisige Blicke, die sagen: „Soso! Der Herr aus dem Westen hat’s natürlich richtig dicke und muss es allen zeigen.“ Ossis können wahnsinnig vorwurfsvoll gucken. Ich werde mir bei eBay ein paar original NVATurnschuhe besorgen, wegen der Gerechtigkeit. Andererseits: Einfach mal einen Spoiler für den tiefergelegten Kia weniger, dann sind auch ein Paar neue Treter drin. Ein älterer Herr hat offenbar den gleichen Zeitplan wie ich. Er lässt sich nicht abschütteln. Der Opa trägt einen grauen Jogging-Anzug, Modell Lichtenhagen, garantiert funktionsfrei. Dem Ostrentner werde ich die Hacken zeigen. Zentimeter für Zentimeter Zwischensprint. Der Asphalt glüht. Achim, der weiße Kenianer. Porsche gegen Trabi. Der Senior fällt ab. Endlich laufe ich allein. Aber das Sprintduell gegen den Rentner hat Kraft gekostet. Meine Oberschenkel fühlen sich an, als schwappe flüssiges Blei darin. Ich biege ins Unterholz, pinkele drei Tropfen, quäle mich zurück auf den Weg. Hölle! Keine  Meter entfernt kommt

dieser alte Gnom angewackelt. Der Infarkt soll ihn fällen. Ich kann nur noch Schlurfschritt. Knie wie Flummis. Herr, wirf Epo vom Himmel. Hinter mir der Klang von  Jahre alten Turnschuhen, fest und rhythmisch. Aber er überholt nicht. Der verdammte Sausack lässt sich ziehen. Noch knapp zwei Kilometer. Die Spaziergänger auf dem Weg an der Spree drehen sich entsetzt um. Was früher mein Atem war, rasselt wie eine Kettensäge. Meine Zunge schmeckt wie Gandhis Sandale. Klare Gedanken, Achim, auch wenn kaum noch Blut im Hirn fließt. Olympisches Finale: du und der Russe allein an der Spitze. Wie lockt man den Dämon nach vorn? Klar, vorsichtig langsamer werden. Und schon kommt Opa aus dem Rhythmus. Jetzt hat er es satt. Haha. Er zieht vorbei. Natürlich denkt er, dass er mich jetzt abhängt. Aber nicht Achim, den Beißer. Ich starre auf seine abgelaufenen Sohlen, den knochigen Hintern. Nicht nachlassen. Letzte Kurve. Sabber rinnt aus meinen Lefzen. Noch  Meter. Opa zieht an. Ich auch. Meine Lunge fliegt in . Stücke. Ich will nur noch kotzen. Brennen überall. Egal, hier fightet der Westen. Opa kommt nicht weg.  Meter noch. Brich dir die Beine und fall in den Graben, elender Zausel! Ein Dutzend Zuschauer feuert den Alten an. Alles elende PDS-Wähler. Brust an Brust jagen wir über die Ziellinie. FotoFinish. Ich falle ins Laub. Als ich wieder zu mir komme, steht Gevatter mit einem Plastikbecher Tee vor mir. Er sagt irgendetwas auf Sächsisch. Ich liebe ihn. Wahre Freundschaft gibt es nur unter Läufern.

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Hölzenbeins Schwalbe weckt bei Buchautor Harald Braun („Fußball – kleine Philosophie der Passionen“, DTV) Erinnerungen: an das WM-Finale Deutschland gegen Holland , klar. Aber auch an Flavia … WM-Endspiel  in München, Deutschland gegen Holland. Im Eschweiler Eiscafé „Capri“ verfügte die Familie Pianazzola bereits über einen Farbfernseher, ein echter Luxus. Zwei Dinge haben mich an diesem Tag wirklich beschäftigt. Zum einen verstand ich den Schlachtgesang nicht so ganz, der immer dann aufbrandete, wenn Torhüter Sepp Maier mal wieder einen Ball der Holländer entschärfte. „Sepp, Sepp, Sepp vom Zillertal, immer wieder muss er mal“ sangen die älteren Herren im Eiscafé ausdauernd. Inzwischen habe ich eine Ahnung, was sie gemeint haben könnten. Das zweite Problem an diesem Nachmittag stand hinter der Bar vor den Eistrommeln, hörte auf den Namen Flavia und kam dem, was ich mir unter einer italienischen Prinzessin vorstellte, schon ziemlich nahe. Sie beachtete mich nicht, obwohl ich an diesem Tag meine braune Knautschlederjacke trug und sich meine Frisur bereits erkennbar an der Föhnwelle von Sweet-Sänger Brian Connolly orientierte. Ich pubertierte zu dieser Zeit erst halbherzig, so dass mir eine wichtige Erfahrung noch bevorstand: Junge Mädchen verachten Jungs, die sich für Fußball interessieren. (Später machte ich noch eine dramatischere Entdeckung: Auch mittelalte Mädchen verachten Jungs, die dem Fußball verfallen sind. Aber das ist eine andere Geschichte.) Jedenfalls ignorierte Flavia mich konsequent, ganz gleich, wie häufig ich mir geschmeidig durch die blonden Locken fuhr. Das vergällte mir damals den WM-Sieg  ein wenig. Jahre später kamen Flavia und ich dann aber doch noch zusammen. Nicht wirklich, nur in eine Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium. Sie interessierte sich immer noch nicht sonderlich für mich, aber ich mochte sie wirklich gern. Es reichte, sie zu sehen, und gleich startete die Filmvorführung: Hölzenbeins Schwalbe, Breitners lässiger Elfmeter und Gerd Müllers Tor aus der Drehung. Schöne Erinnerungen. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch. Sehe ich heute Bilder dieses Spiels, denke ich: Flavia. Vermutlich werde ich sie mein ganzes Leben nicht vergessen. Ich wünschte, ich könnte das wenigstens von einem Teil meiner späteren Freundinnen mit dieser Sicherheit behaupten.

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Artwork: Pascal Constanty x

Als Peter Stützer am . April  den Zug nach Hamburg bestieg, freute er sich auf das letzte Saisonspiel und die Meisterfeier seines . FC Köln. Er ahnte nicht, dass er Bundesliga-Historie erleben würde. Es gibt so Tage. Ganz selten bloß, aber es gibt sie. Diese Tage zum Heldenzeugen. Tage, an denen alles gelingt. Tage für die Ewigkeit. Die nie mehr wiederkehren. Der . April  war so ein Tag. Dass ich den Zug nach Hamburg erwischte, war schon eine kleine Sensation. Aber dem Tag angemessen. Ich pflege Züge und Flüge auch gerne mal zu verpassen. Aber nicht, wenn es um etwas geht. Und ob es diesmal um etwas ging! Ehrlich gesagt: Es ging um alles. Ganz ehrlich: Es ging ums Leben. Mehr noch: Es ging um die deutsche Fußballmeisterschaft. Der . FC Köln hatte alle Trümpfe in der Hand. Letzter Spieltag und Tabellenführer. : Punkte. Trainer Hennes Weisweiler, der Unglaubliche. Auf Platz zwei: Borussia Mönchengladbach. : Punkte. Trainer Udo Lattek, der Unsägliche. Aber: + und +, zehn Treffer vorne in der Tordifferenz. Die Sache schien gelaufen. Nichts wie hin. Weisweiler hatte doch eigens den Overath dafür rasiert, bravo. Die letzte Meisterschaft des . FC Köln war immerhin  Jahre alt. Und, das ahnten wir Experten damals schon: Es sollte nie wieder eine folgen. Der Kommilitone stieg in Recklinghausen dazu. Wir studierten an der Deutschen Sporthochschule zu Köln. Und ich jobbte bei der WELT in Bonn. Wollte Sportjournalist werden. Reporter bekommen Pressekarten. Schon deshalb. Bundesliga für lau. An diesem glorreichen Tag bekam ich zwei. Eine für Peter, eine für mich. Wir fuhren im Fan-Zug, FC-subventioniert. Weil Köln auf keinen Fall im engen Millerntor antreten wollte, hatte Manager Karl-Heinz Thielen, dieser Pfiffikus, ein

größeres Kartenkontingent geordert. Das wurde zwar nicht verkauft, aber man spielte vor . Zuschauern im großen Volksparkstadion. Und wie. Wir im Innenraum, hingemogelt, hinters Tor. Bei Toni Schumacher tote Hose, bei Werner Rynio tanzte der Bär. Es gab weder Anzeigetafeln noch Durchsagen von Zwischenständen, es gab stattdessen Gerüchte, üble Gerüchte. Aber sie schienen zu stimmen. Warum trieb Weisweiler unsere Jungs nach jedem Tor wie bescheuert immer weiter nach vorne? Weil Gladbach gegen Borussia Dortmund, Trainer Otto Rehhagel, der Unmögliche, zur Halbzeit schon : vorne lag. Weil keine Zeit war, deshalb Betrug zu rufen. Es begann ein irres Wettschießen. Jupp Heynckes traf allein fünf Mal. Hinter dem St.-Pauli-Tor quälte uns die Ungewissheit. Hatten wir Rehhagel nicht immer schon übelsten Betrug zugetraut? Warum stellte er zu diesem wichtigen Spiel den Ersatztorwart Peter Endrulat ins Tor? Zwölf Eier fing der sich, es sollte sein letzter Arbeitstag in der Bundesliga sein. Zwischenzeitlich stand es da :, hier :, bis auf drei Tore war der Vorsprung schon aufgebraucht. Jetzt erreichten die skandalösen Ergebnisse auch die Tribünen im Volksparkstadion. Die St.Pauli-Fans gingen dazu über, den Gegner aus Köln anzufeuern, damals entstand die Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und Köln. Und der FC? Auf den war damals noch Verlass. Mönchengladbach gewann zwar aufs Übelste mit :, das ist noch heute das höchste aller Bundesliga-Ergebnisse. Rehhagel flog tags drauf raus, recht so. Doch Peter und Peter tanzten auf dem Hamburger Rasen. Der eine wurde tatsächlich Sportjournalist. Der andere Fußballtrainer. FC-Trainer sogar. Auch Peter Neururer wird diesen Tag nie vergessen. Flohe (), Okudera () und Cullmann sei es gedankt. :. Deutscher Meister . FC Köln. Auf ewig. Und nie mehr wieder. Das Double. Es gibt so Tage. Tage zum Heldenzeugen. Dä aale Lückscher in Kölle verzälle noh hück davun. SPORT

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In Johannesburg findet am 11. Juli das Finale der Fußball-WM 010 statt. Von den drei Millionen Einwohnern der Metropole leben über eine Million in den Townships von Soweto. Fotograf Peter Bialobrzeski hat 800 Menschen in ihren Hütten besucht. Eine Auswahl. Von Peter Bialobrzeski (Fotos) und Phillip Bittner (Text)

Als die FIFA die Vergabe der Weltmeisterschaft 010 nach Südafrika bekannt gab, jubelte ein ganzer Kontinent. Im Gastgeberland selbst jubelte aber nur ein Teil der Bevölkerung. Denn Fußball ist in Südafrika vor allem eins: schwarz. Die Weißen interessieren sich hauptsächlich für Rugby oder Kricket. Die beiden beliebtesten Fußball-Mannschaften des Landes sind in Johannesburg beheimatet. Orlando Pirates oder Kaizer Chiefs. Das ist eine Glaubensfrage wie in Deutschland Dortmund oder Schalke.

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Gleich zwei Stadien, in denen Spiele ausgetragen werden, liegen in Südafrikas größter Metropole. In Johannesburg findet auch das Finale der Weltmeisterschaft statt, in der neu erbauten Soccer City mit einer Kapazität von rund 89.000 Plätzen. Soccer City steht nur zehn Kilometer von Kliptown entfernt und ist Heimat der Kaizer Chiefs. Kliptown ist eines der Townships in Soweto, bekannt durch die Anti-Apartheid-Unruhen im Jahr 1955, und eines der Armenviertel Johannesburgs. Und obwohl in Kliptown die Begeisterung für den Fußball riesig ist,

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ein Ticket für das WM-Finale wird sich wohl keiner der Bewohner leisten können. Denn die billigste Karte kostet trotz eigener Kategorie für Einheimische 1.050 Rand, das entspricht rund 100 Euro. Das Durchschnittseinkommen pro Monat in ganz Südafrika liegt bei knapp 350 Euro. In den Townships noch mal um einiges niedriger. Das Hochglanz-Finale spielt, um beim Fußball zu bleiben, in einer ganz anderen Liga, in einer vollkommen fremden Welt.

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Fotografie: Peter Bialobrezski (www.bialobrzeski.de) Abbildungen aus dem Buch „Informal Arrangements“, Hatje Cantz Verlag (www.hatjecantz.de)

Fotograf und „World Press Photo“-Preisträger Peter Bialobrzeski hat Kliptown für sein neues Projekt „Informal Arrangements“ besucht und schaute in die Hütten, in denen sich dank der kostenlosen Fernsehübertragung der Fußball während der WM wirklich abspielen wird. Seine Fotos zeigen Räume, die vor allem eines ausdrücken: den Wunsch, das eigene Heim mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wohnlich zu machen. Mit Liebe zum Detail und unglaublicher Sorgfalt. Auch wenn die gesamte Einrichtung manchmal weniger kostet als ein Finalticket.

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Zur WM in Südafrika darf man sich nicht nur auf spannende Spiele auf dem Rasen freuen, denn auch auf den Tribünen wird es hitzige Duelle geben: Zeit für einen neuen Fan-Superhit.

Von Yaniv Ben Simon (Foto) und Phillip Bittner (Text)

Der Countdown läuft. Nur noch wenige Wochen bis zum Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Wir dürfen uns nicht nur auf spannende Spiele auf dem Rasen freuen, sondern auch auf den Tribünen wird es hitzige Duelle geben. Zeit für einen neuen Fan-Superhit! Wir sollten allmählich anfangen, uns warm zu singen. Die wichtigste Frage lautet zwar: Wer wird Weltmeister am Kap? Die zweitwichtigste Frage ist aber: Wer präsentiert der Welt den besten Fangesang? Vor vier Jahren kamen Titelträger und Sangesmeister bekanntlich aus einem Land. Nee, was war das schön, das Sommermärchen . Poldi und Schweini tollten über den Platz wie junge Hunde, Arne ließ die Gegenspieler seinen Atem spüren, und Jens Lehmann hielt dank Zettel im Stutzen die Elfmeter der wie immer tretenden und schlagenden Argentinier. Ganz Deutschland im Freudentaumel, jedoch nur bis zum Halbfinale. Denn dort bereiteten die Italiener den deutschen Finalträumen ein jähes Ende. Und mitten in die deutsche Trauer hinein erschall ein Gesang, der selbst den Verlierern nicht mehr aus dem Kopf ging. MUSIQUE

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PO PO PO PO PO POOOO! NOI – CAMPIONE DEL MONDOOOO! Ein simpler Text mit einer eingängigen Melodie. Die Deutschen hatten nicht nur das Duell auf dem Rasen verloren, auch auf den Rängen gab es einen eindeutigen Sieger. Der Song der italienischen Tifosi wurde der Hit des Turniers und nach dem Sieg im Finale gegen Frankreich der berühmteste Fangesang der Welt. Dabei war der Ursprung des neuen Fan-Superhits den meisten Sängern vollkommen unbekannt. Es war „Seven Nation Army“ der White Stripes, einer Band aus dem IndependentUniversum. Doch nicht die Tifosi hatten sich des inhaltlich überhaupt nicht mit Fußball zusammenhängenden Songs bemächtigt, vielmehr machten die Italiener das, was im Fußball auf den Rängen üblich ist – sie klauten oder besser gesagt „adaptierten“ den Fangesang von anderen Fangruppen.  veröffentlichten die White Stripes ihren Song, im gleichen Jahr sangen ihn die Fans des FC Brügge in ihrem Jan-Breydel-Stadion.  war der AS Rom in der ersten Runde des UEFA Cup dort zu Gast. Und an diesem Abend sprang der Funke über: „Seven Nation Army“ wurde Teil des italienischen Liedguts. Zunächst sangen es nur die Fans von AS Rom, später hörte man es auch bei den Spielen der Squadra Azzurra. Bei solchen Übernahmen bleibt die Melodie stets unangetastet, der Text wird jedoch pragmatisch den eigenen Bedürfnissen angepasst. So hieß es dann im Sommer  nach dem gewonnenen Finale logischerweise auch „Noi – Campione del mondo“: Wir sind Weltmeister. Italien hatte zwar den Titel geholt, wer aber glaubte, dass „Seven Nation Army“ für immer in den Besitz der italienischen Fans übergegangen sei, sah sich getäuscht. Schon in der nächsten Bundesligasaison schallte der Titel durch die deutschen Arenen – der Einfachheit halber vollkommen der Worte entkleidet, die durch simples Gegröle ersetzt wurden.

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Warum und vor allem wann die Fans Lieder der Gegner adaptieren, ist bisher wissenschaftlich noch nicht geklärt. Selbst die Herkunft der musikalischen Vorlagen ist so vielfältig, dass ein stringentes Muster nicht erkennbar ist. Die Musikwissenschaftler Guido Brink und Reinhard Kopiez verorteten  die Quellen eher im traditionellen Liedgut des Schlagers oder anderer volksnaher Musikgattungen. Eine These, die sich mittlerweile nicht mehr empirisch halten lässt. Zwar stammen viele der immer noch aktuellen Fanklassiker aus diesen Bereichen, jedoch zeigt allen voran „Seven Nation Army“, dass sich die Fans mittlerweile bei der Generierung von neuen Fanliedern in den Musikgattungen bedienen, die ihrer Lebenswelt entsprechen. Komponist Jack White fühlt sich auf jeden Fall geschmeichelt und sagte in einem Interview mit dem NME: „I am honoured that the Italians have adopted this song as their own. Nothing is more beautiful in music than when people embrace a melody and allow it to enter the pantheon of folk music.“ Die White Stripes als Volksmusiker, aber im allerbesten Sinne. Nun also Südafrika. Im Juni kommt es nicht nur zum Treffen der weltbesten Nationalmannschaften, sondern auch zu dem vielleicht größten Gesangswettbewerb der Welt. Oder um bei Jack White zu bleiben: zum größten Musikantenstadl des Planeten. Wer mit welchen Gesängen antreten wird, bleibt abzuwarten. Zum Standardrepertoire werden auch diesmal die Nationalhymnen zählen. Mittlerweile auch die deutsche. Denn nachdem die britische, französische oder die italienische Hymne in Form von eigenen Gesängen in deutschen Stadien gesungen wurden, war die Heim-WM  auch in dieser Hinsicht musikalisch prägend. Vor dem Hintergrund der weltoffenen Stimmung im Land bestand nun auf den Rängen keine Scham mehr, die Hymne auch während des Spiels ohne formellen Anlass und Blaskapelle zu intonieren. Eine Tatsache, die noch vor wenigen Jahren einen dringenden Nazi-Verdacht in der Weltöffentlichkeit ausgelöst hätte. Der Fanclub Deutsche Nationalmannschaft organisiert in Pretoria ein Fan-Village: ein perfekter Ort, um sich schon einmal einzusingen – zumindest wenn man auf Studentenwohnheim-Charme afrikanischer Prägung steht. Eigene Lieder sind nach Auskunft des Ansprechpartners des Fanclubs, Gerald von Gorrissen, jedoch nicht geplant. Alle Songs ergäben sich spontan.

Dass die WM zum ersten Mal auf afrikanischem Boden stattfinden wird, macht das Zusammentreffen der Fans besonders interessant. Zum einen, da die afrikanische Musikkultur eine vollkommen andere ist als bisher bei Weltmeisterschaften bekannt. Zum anderen, da die südafrikanische Fankultur sehr stark von einem Instrument bestimmt wird: der Vuvuzela. Jene infernalisch laute Tröte, die auf den Rängen für Stimmung unter den Fans sorgt – und anderen Kulturen bis zum letztjährigen Confed Cup vollkommen unbekannt war. Und wie immer sorgte etwas Neues für Irritationen unter den Etablierten. „Sie sind ein Ärgernis und tragen nichts zur Atmosphäre bei“, sagte Spaniens Xabi Alonso in der BILD. Zuschauer beschwerten sich wegen komischer Töne aus ihrem Fernsehgerät, und schnell war man in Deutschland auch mit Verboten bei der Hand, zumindest im Kölner Stadion. Davon will die FIFA nichts wissen. „Das ist Afrika. Da ist es laut, da gibt es Energie, Rhythmus, Trommeln. Wir werden uns anpassen müssen“, so der FIFA-Boss Sepp Blatter. Und das ist auch gut so, denn die großen Fußballkontinente müssen endlich aufhören, Afrika kolonialistisch als Reservoir für neue Talente zu sehen. Die afrikanische Fankultur hat ein Anrecht auf Anerkennung – mit all ihren Facetten. Außerdem müssen die eigenen Fans ja nicht mitmachen. Eine riesige Kurve englischer Hardcore-Fans wird dem Getröte mit Sicherheit ein „Rule, Britannia“ entgegenbrüllen. Ist das etwa schöner? Vielleicht schlummert ja in der südafrikanischen Fankultur bereits der nächste Fan-Superhit. Südafrikas „zweite“ Nationalhymne „Shosholoza“ hätte durchaus das Zeug dazu. Das traditionelle Volkslied wurde früher von Minenarbeitern auf dem Weg zur Arbeit gesungen und ist mittlerweile einer der Favoriten in der Kurve der Orlando Pirates, eines der erfolgreichsten Klubs in Südafrika. Kultstatus erreichte der Song zudem schon einmal bei einer WM in Südafrika – den Rugby-Titelkämpfen im Jahr . Und da gewannen, wie nicht wenige Taxifahrer bei einem Besuch am Kap betonen, die Gastgeber. Am Ende wird man sehen, wer gewinnt – auf dem Rasen und auf den Tribünen. Zur Sicherheit haben alle Fanlager ja ein Lied als Joker im Gepäck. PO PO PO PO PO POOOO.

Fotografie: Pierre Andrieu, Roberto Baretti, Jack Guez (www.gettyimages.de) und Yaniv Ben Simon (www.flickr.de)

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Kein Finale ohne Mo! Olympia, WM, Champions Trophy, Euro Hockey League – Moritz Fürste, , einer der erfolgreichsten Hockeyspieler der Welt, hat bereits unzählige Finalspiele in seinen noch jungen Knochen. Ein  Gespräch über WM-Bärte, Scooter, Motivationssprüche, große Gefühle und ein Goldstück über dem Bett. Von Nicola Fürste (Fotos) und Oliver Wurm, Phillip Bittner (Interview)

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Weil er zu spät zum ersten

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Training kam, blieb für Klei

n-Moritz kein Trikot mit Num

mer über. Er klebte mit Tap

e die 21 drauf – und trägt

sie bis heute!


FELD HOMMES: Anders als beim Fußball, wo eine Nachspielzeit schon mal quälend lange dauern kann, läuft beim Hockey die offizielle Spielzeit auf einer Anzeigetafel für alle sichtbar herunter. Wie hast du die letzten  Sekunden des olympischen Hockey-Finals  in Peking erlebt? MORITZ FÜRSTE:  Sekunden vor Schluss, ich war zu dem Zeitpunkt bereits ausgewechselt, habe ich tatsächlich noch mal auf die Uhr geschaut. Wir führten mit :. Die Spanier, unsere Gegner im Finale, waren im Ballbesitz. Noch  Sekunden bis zum Gold – natürlich schießt einem dieser Gedanke durch den Kopf. Einer unserer Verteidiger fing dann einen Pass ab und rannte mit dem Ball in Richtung Mittellinie. Keiner der Spanier war eng genug an ihm dran, so dass wir wussten: Er wird die Kugel nicht mehr verlieren. Das war schon ein super Gefühl. Fünf Sekunden vor Schluss reckte er während des Dribblings schon die Siegerfaust in die Luft. Die Spanier warfen ihre Schläger weg – und dann ertönte auch schon die Schlusssirene. Diesen Sound habe ich noch immer im Ohr ... An was hast du in diesen Sekunden gedacht? Ganz ehrlich: Gar nichts. Da muss man jetzt auch im Nachhinein nicht groß was hineininterpretieren. Die Euphorie ist einfach grenzenlos, man liegt sich mit den Kameraden und den Trainern in den Armen, schreit rum und quatscht nur noch sinnloses Zeug. In der Kabine haben wir uns dann die Turnierbärte gestutzt – das ist ja so eine Tradition bei großen Turnieren, dass man vom ersten Spiel an den Bart sprießen lässt. Aber das war es dann auch schon mit Sinnvollem. Nach einem Finalsieg bei Olympia brauchst du lange, um wieder runterzukommen. Da surfst du noch eine ganze Weile durch eine Art Parallelwelt.

Wiegt Teamgold gefühlt schwerer als eine Einzelmedaille? Ich maße mir nicht an, das so zu sagen. Aber wir als Team sehen uns in einem Olympiajahr an über  Tagen, sind quasi von morgens bis abends zusammen. Da entwickelt sich natürlich eine besondere Gemeinschaft. Am Ende rückt man auch emotional sehr zusammen. Im Gegensatz zum Handball oder Fußball sind wir ja keine Vollprofis, Hockey ist nicht unser Job. Wir tun das alles aus Liebe zum Sport. Vielleicht ist der Zusammenhalt daher noch einen Tick größer. Eine Niederlage wird gemeinsam verarbeitet, Siege ausgelassen gefeiert ... Hockeypartys gelten gemeinhin als legendär. (lacht) Stimmt. Aber nach dem Olympiasieg haben wir es im deutschen Haus in Peking ganz besonders krachen lassen. Die Schwimmer, Ruderer, Leichtathleten und Funktionäre wussten gar nicht, wie ihnen geschah – haben sich dann aber schnell mitreißen lassen. Eine geile Nacht. Das letzte große Finale, im März dieses Jahres bei der WM in Indien gegen Australien, ging denkbar knapp mit : verloren. Hakt man eine solche Enttäuschung schnell ab? Nein, absolut nicht. In so ein wichtiges Finale kommst du ja in deiner Karriere nicht häufig. Natürlich war schon Platz zwei mit der jungen Mannschaft ein toller Erfolg. Aber wenn du im Finale auf dem Platz stehst, Weltmeister werden kannst, ist alles außer dem Turniersieg eine Enttäuschung. Manchmal denke ich auch heute noch: Mist, wenn ich den Pass anders gespielt oder wenn wir diese Strafecke anders genutzt hätten ... Aber solche Gedanken habe ich auch noch von einem verlorenen Meisterschaftsfinale mit dem Uhlenhorster Hockey-Club (UHC) von . Da hatten wir eine Chance, zwei Minuten vor Schluss, wenn der Ball reinsegelt, hätten wir damals den Titel geholt. Hätte, wenn, aber. Diese Gedanken quälen mich nicht, aber sie sind schon da, logo. Dafür bin ich als Sportler einfach auch zu ehrgeizig. Übrigens: An die letzten Sekunden des WM-Finals in Indien erinnere ich mich natürlich auch sehr genau.  Sekunden vor Schluss lupft ein Australier den Ball über meinen Schläger und läuft an mir vorbei. Ich will noch hinterhersprinten, schaue dann noch mal auf die Uhr und sehe, es sind nur noch  Sekunden. Der Ball war zu weit weg vom gegnerischen Tor. Da bin ich stehen geblieben.

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Immerhin hast du im Finale den einzigen Treffer für Deutschland erzielt. Ist das ein kleiner Trost? Ich hasse Mannschaftssportler, die sich nach einem Spiel vor die Kamera stellen und sagen: „Ich habe zwar zwei Tore gemacht, aber das ist nicht so wichtig.“ Die müssten gleich drei Euro ins Phrasenschwein werfen. Natürlich ist es für jeden Sportler eine tolle Sache, in einem WM-Finale ein Tor zu schießen. Ich habe jetzt drei WM-Finale in meiner Karriere gespielt und habe in jedem ein Tor gemacht. Das ist definitiv etwas, was ich in  Jahren den Leuten erzählen kann. Aber klar ist auch: Ich hätte lieber dreimal gewonnen! Bist du vor einem Finale nervös? Es wird besser. In diesem Jahr war ich nicht mehr annähernd so aufgeregt wie vor meinem ersten WM-Finale . Damals habe ich in der Nacht zuvor kaum geschlafen. Mein Zimmerkollege Florian Fuchs, der Jüngste im Team, war natürlich – so wie ich damals –meganervös. Ich habe dann wie ein Buddha auf ihn eingeredet, mit bewusst entspannter Stimme, damit ich endlich schlafen konnte und er auch noch ein wenig die Augen zumacht. Ganz schön abgezockt. Nein, nein. Ich bin auch noch immer angespannt. Wenn es zu viel wird, gehe ich den nächsten Tag am Vorabend schon mal in Gedanken durch, rufe mir dabei ausschließlich positive Bilder vors geistige Auge. Das hilft.

Mentale Trainingsmethoden werden im Sport zunehmend akzeptiert. Auch die Fußball-Nationalmannschaft hatte  unter Jürgen Klinsmann einen Mentaltrainer. Hans-Dieter Hermann, ja. Der war auch bei uns dabei. Für mich ist das mentale Training eines der Mosaiksteinchen, die zusammengesetzt letztlich den Erfolg bringen. Der Kopf ist so ein großer und undurchschaubarer Faktor im Sport. Wenn du im Kopf nicht frei bist, kann dich das im Spiel total blockieren. Manchmal reicht auch ein Motivationsvideo, das ablenkt und Kräfte freisetzt. Vor dem Champions-League-Viertelfinale in Rotterdam zeigte unser Trainer plötzlich eine Videobotschaft von HSV-Fußball-Profi Zé Roberto. Er wünschte uns viel Glück. Und dann folgten die besten Momente aus seiner großartigen Karriere. Das hatte nicht direkt mit Hockey zu tun, aber das war trotzdem cool. Mir gibt so etwas einen Kick. Vor dem er-Finale hat HDM (Anm.: Hans-Dieter Hermann) nur einen Spruch an die Tafel geschrieben. Verrätst du uns, welchen? „It needs a team to build a dream.“ Wie läuft so ein Finaltag bei dir ab? Das ist ein sehr routinierter Ablauf, fast schon automatisiert. Zum Frühstück Müsli mit Kaffee, anschließend die taktische Morgenbesprechung, mittags ordentlich Kohlenhydrate, dann die Besprechung zu den Standardsituationen. Bevor der Bus am Hotel abfährt, gehe ich noch mal duschen. Viel gesprochen wird auf der Fahrt ins Stadion dann nicht mehr. An so einem Tag ist für Gedanken, die nichts mit dem Spiel zu tun haben, kein Platz. Nimmt man taktische Feinheiten des Trainers kurz vor dem Spiel noch auf? Auf jeden Fall! Letztlich sind es die kleinen Dinge, die in den Duellen gegen die Weltklasse am Ende entscheidend sind. Wie spielt man Standards, wie passt man sich dem Gegner an.

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Passt man sich denn als Olympiasieger und Weltmeister wirklich noch dem Gegner an? Genau das ist eine unserer größten Stärken. Wir variieren unser Spiel und richten uns nach den Gegnern – aber natürlich mit dem Ziel, ihm dann unser Spiel vollends aufzuzwingen. Wenn man weiß, dass Australien den besten Rechtsangriff der Welt hat, muss man eben taktisch so agieren, dass sie im Spiel nach vorne automatisch auf links gedrängt werden. Überheblichkeit hat in einem Finale nichts zu suchen. Man sieht immer mehr Sportler, die bis kurz vor dem Wettkampf Kopfhörer tragen. Welche Rolle spielt bei euch Musik? Eine sehr wichtige. Während einer WM oder bei Olympia entwickelt sich mit der Zeit so eine Art Turniersound. Es gibt eine CD, zu der jeder Spieler einen Song beisteuert. In den ersten Tagen der Vorbereitung laufen die Stücke rauf und runter. In der Kabine, im Bus, überall. Irgendwann ist klar: Unsere Songs sind zum Beispiel die Nummern vier, sechs, neun und zehn. Vor jedem Spiel laufen die dann exakt in dieser Reihenfolge. Die Musik wird zum Ritual. Und je weiter du in einem Turnier kommst, desto wichtiger wird dieses Ritual. Welche Stücke avancierten in Indien zum WM-Soundtrack? Angefangen haben wir immer mit „Empire State of Mind“ von Alicia Keys und aufgehört mit „Alors on danse“ von Stromae. Dazwischen lief viel House. Wenn diese Musik heute im Radio gespielt wird, ist bei mir gleich wieder dieses spezielle WM-Feeling da. Welcher Song trieb euch  zu Olympiagold? „I feel hardcore“ von Scooter. Oh Gott, wer hat das denn mitgebracht? (lacht) Das müsste Philipp Zeller gewesen sein. Ich habe Scooter kurz nach Peking zufällig in Hamburg getroffen und ihm das erzählt. Das fand er natürlich lässig.

Die Hockey-WM  im eigenen Land war – unmittelbar nach der Fußball-WM – von der Stimmung her eine Art zweites Sommermärchen. Hat euch diese spezielle Atmosphäre beflügelt? Absolut, das war der Wahnsinn. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Finale. Was da über den Rücken lief, kann man schon nicht mehr Gänsehaut nennen, das wäre untertrieben. Ein Kinderchor sang die Nationalhymne. Allein schon diese hohen Stimmen haben mich sehr berührt. Und dann schaust du auf die Ränge. Auf . Menschen, auf für Hockeyverhältnisse unfassbar viele deutsche Fahnen und Trikots. Genau für solche Momente verzichte ich auf vieles. Dafür bin ich Sportler. Ein super Gefühl. Dein Weg war mehr oder weniger vorgezeichnet. Du kommst aus einer richtigen Hockeyfamilie. Wann hast du den ersten Schläger in der Hand gehalten? Mein Vater hat beim Uhlenhorster Hockey-Club früher in der zweiten und bei Klipper in der ersten Bundesliga gespielt. Danach war er Betreuer der ersten Herren beim UHC. Mit fünf war ich schon im Hockeykindergarten, mein Bruder später auch. Heute trainiert meine Mutter die Kids dort. Keine Frage: Hockey ist schon ein wichtiger Teil unseres Lebens. Aber so klassische Sporteltern waren Mutter und Vater zum Glück nicht. Ich habe nie Druck gespürt, im Gegenteil: Meine Eltern waren in meiner Jugend so ziemlich die Einzigen an der Seitenlinie, die während der Spiele nie was hineingerufen haben. Wer hat dich denn zu den Top-Leistungen gepusht? Mein Jugendtrainer Siegfried Lück spielt da sicher eine wichtige Rolle. Er hat mich vom Kindergarten bis zum . Lebensjahr betreut. Wir hatten damals ja eine eher schwache Mannschaft, zählten in Hamburg nicht zu den Top Fünf. An einer Deutschen Meisterschaft habe ich als Jugendspieler nie teilgenommen. Aber ein paar Finals – darum geht’s ja – habe ich natürlich trotzdem gespielt. Das erste im C-Bereich, so mit acht Jahren. Wir haben sogar gewonnen, wurden überraschend Hamburger Meister. Zwei Jahre später dann noch mal. Dann war sechs Jahre Titelpause. Erst im letzten Jugendjahr sind wir noch einmal Hamburger Hallenmeister geworden.

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Wie viele Finals hast du als Senior eigentlich gespielt? Da kommt schon was zusammen. Dreimal stand ich im Finale um die Deutsche Meisterschaft, leider habe ich alle drei verloren. Hinzu kommen zwei Champions-League-Finals – eins gewonnen, eins verloren. Drei WM-Finals, ein olympisches Finale und drei Champions-Trophy-Finals. Macht es einen Unterschied, ob man für seinen Klub oder für Deutschland im Finale steht? Du erwartest jetzt sicher eine andere Antwort. Aber bei den Spielen für den Verein bin ich mit noch mehr Herzblut dabei – wenn man das überhaupt abstufen kann. Als wir  mit unseren UHC-Jungs die Champions League gewonnen haben, war das wirklich unfassbar. Es war der erste große Titel auf dem Feld für den Club überhaupt. Mit einem halben Dutzend Mitspielern stehe ich jetzt fast  Jahre gemeinsam auf dem Hockeyplatz. Das schweißt zusammen. Die drei verlorenen Meisterschaftsendspiele mit dem Club sind zugleich auch meine bittersten Niederlagen. Im Alter von neun Jahren hast du deinen Vater verloren. Er starb  beim Untergang der Ostseefähre Estonia, bei der insgesamt  Menschen ihr Leben ließen. Steigen besonders nach den ganz großen Spielen Erinnerungen an ihn in dir auf? Es gab nach dem olympischen Finale dieses eine Foto von mir mit der Medaille auf dem Siegerpodest, auf dem ich etwas in Gedanken versunken in den Himmel schaue. Ich wurde damals tatsächlich oft gefragt: Widmest du dieses Gold deinem Vater? Hast du in diesem Moment an deinen Vater gedacht? Was soll ich darauf groß antworten ...? Ich denke immer an meinen Vater. Jeden Tag, nicht nur in solch einem emotionalen Moment. Aber es stimmt natürlich auch, dass man in den Minuten nach einem großen Sieg besonders ergriffen ist. Mein Vater hat mich schließlich zum Hockey gebracht. Alles, was ich durch diesen Sport erleben darf, habe ich ihm zu verdanken. Natürlich gehen einem diese Gedanken durch den Kopf, wenn die Nationalhymne gespielt wird und eine Goldmedaille um den Hals baumelt.

Dem letzten Hamburger Einzel-Olympiasieger, dem Hammerwerfer Rolf Danneberg, ist die Medaille ja tatsächlich geklaut worden. Auch Angst vor Dieben? Okay, was soll’s. Sie hängt, ganz klassisch, über dem Bett. Ich habe von meinen Teamkollegen zum WM-Sieg  ein schwarzes Brett mit goldenem Hockeyschläger und allen Unterschriften bekommen. Darunter hängt das gute Stück. Du bist seit  Jahren Jugendtrainer beim UHC, coachst seit acht Jahren die weibliche B-Jugend. Bist du eigentlich an der Seitenlinie nervöser, als wenn du selbst auf dem Platz stehst? Ich bin als Trainer definitiv viel aufgeregter. Beim Finale zu den Deutschen Feldmeisterschaften vor zwei Jahren hab ich sogar eine vorher abgesprochene Auswechslung vergessen. Vielleicht, weil ich mein Adrenalin an der Seitenlinie nicht abbauen kann. Welches Finale hat den Sport-Fan Moritz Fürste eigentlich am meisten bewegt? Das Champions-League-Finale . Real Madrid gegen Bayer Leverkusen. Das Tor von Zinedine Zidane zum Sieg von Real, mit links oben in den Winkel, das war unglaublich. Und dann natürlich , der unfassbare Krimi zwischen Manchester United und den Bayern. Da habe ich auch das erste Mal auf ein Fußballspiel gewettet. : für Bayern München. Ich hatte natürlich einen entsprechenden Hals, als Man United das Ding in der Verlängerung noch drehte und : gewann. Tja, da zählte eben keine Uhr runter. Da hat erst der Schiri das Spiel beendet.

Moritz Fürste, geboren am 28. Oktober 1984, ist einer der erfolgreichsten Hockeyspieler der Welt. Mit fünf Jahren begann er im Hockeykindergarten beim Hamburger Traditionsverein Uhlenhorster HC (UHC), für den er auch heute noch spielt. Sein Debüt in der Nationalmannschaft gab er im Jahr 2005 beim 4:3-Sieg gegen Polen in Leipzig. Mittlerweile hat er 145 Mal für Deutschland gespielt (Stand 7.5.2010). Mit der Nationalmannschaft gewann er zwei Weltmeistertitel, die Champions Trophy und Gold bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Mit dem Verein triumphierte er

Wo hängt eigentlich deine Goldmedaille? (lacht) Man hat mir mal gesagt, das soll man nicht erzählen.

im gleichen Jahr in der Euro Hockey League, der Champions League des Hockeysports. Bei Olympia 2012 in London will er in jedem Fall noch spielen – „wenn möglich, natürlich auch wieder im Finale!“ Seit 2007 absolviert Moritz Fürste in Hamburg ein duales Studium im Fach Medienmanagement an der Hamburg Business School of Administration. Für den praktischen Teil dieses Studiums arbeitet er bei der Werbeagentur kempertrautmann.

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e bei der WM 2006 (o.). GruppenJonas mit Mos Freundin Stephani Blick ins Familienalbum: Bruder v. l.) in den Ferien auf Sylt (u.). (2. s Jona mit 2008 (l.). Mo (2. v. r.) foto vor dem Abug nach Peking

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Endlich alle weg! Publikum, Regisseur, Kritiker, Kollegen! Nur Mephistopheles, der Beleuchter, Medusa, die Maskenbildnerin, und Klytämnestra, die seherische Souffleuse, sind noch da. „Steig hinab“, flüstert sie Narziss ins Ohr, „in den Fundus mit dir und hülle dich in extravagante Roben. Schön sein oder nicht sein, DAS ist hier die Frage!“ Von Twin-Shotone (Fotos) und Marcell Naubert (Styling)

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: Kette von Ann Demeulemeester und Lederuhr von Natalia Brilli : Blazer in Capeoptik von fabrics interseason, Hemd von Kris Van Assche und Hose von Petar Petrov

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: Brille von Wooyoungmi, Shirt von Raf Simons und Armband von Natalia Brilli : Jacke, Overall sowie Schuhe, alles von Damir Doma, Kapuzenjacke von Romain Kremer und Rock von Julius

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WeiĂ&#x;es Westenjackett von Dior Homme, schwarzsilberne Kette von Blaak, weiĂ&#x;es Lederarmband von Natalia Brilli und schwarzer Trunk von Romain Kremer

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: schwarze Jacke von Valentino Homme, schwarzweißes Hemd von Prada, schwarze Hose von Damir Doma und schwarzweiße Fliege von Dries Van Noten : Regenjacke von Petar Petrov, Jackett von Viktor & Rolf und Hemd von Wooyoungmi

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Lederjacke sowie Shirt von Jean Paul Gaultier und Hose sowie Schuhe von John Galliano

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: Shirt von Georgy Baratashvili und Hose von Kris Van Assche : Weste von Ann Demeulemeester, Hose sowie Gürtel von Kris Van Assche, Armband von Natalia Brilli, Schuhe von Pierre Hardy und Strümpfe von Falke

Fotografie: Twin-Shotone (www.twin-shotone.com) Styling: Marcell Naubert (www.bigoudi.de) Haare: Terry Millet (www.mariefrance-thavonekham.com) mit Produkten von Leonor Greyl Fotoassistenz: Christian Borth Stylingassistenz: Nathalie Jean Make-up: Eny Whitehead (www.callisteparis.com) Models: Adrien Brunier (www.bananasmodels.com) und Mark Cox (www.successmodels.com) Vielen Dank an Daniel Hettmann (www.zoestica.com)

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luss.

t letzter Sch

ei Der Weish

Man sagt, der erste Satz eines Romans entscheidet darüber, ob er gelesen wird oder nicht. Wir meinen: Fangen Sie doch mal von hinten an. Entscheiden Sie anhand des letzten Satzes, ob Sie dieses Buch gelesen haben müssen oder nicht. Unsere Empfehlung fällt eindeutig aus. Ja! Jedes dieser Bücher wird Sie um eine Erfahrung reicher und am Ende dem Leben gegenüber noch ein bisschen ratloser machen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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Von Sabine Cole und Timm Weber (Auswahl)

ingeborg bachmann »Das dreißigste Jahr «

Ich sage Dir: Steh auf und geh! Es ist Dir kein Knochen gebrochen.

friedrich schiller »Maria Stuart«

Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.

john steinbeck »Die Perle« thomas bernhard »Heldenplatz« johann wolfgang goethe »Faust. Zweiter Teil«

Und die Musik der Perle wurde zu einem Flüstern und verklang. Aber die Welt besteht ja nur aus absurden Ideen. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche, hier wird es Ereignis; das Unbeschreibliche hier ist es getan; das ewig Weibliche zieht uns hinan.

daniel kehlmann »Die Vermessung der Welt«

Er stopfte den letzten Tabak in seine Pfeife, ging zum Bug und stand dort so lange mit vom Wind tränenden Augen, bis etwas sich im Abenddunst abzeichnete, durchscheinend zunächst und noch nicht ganz wirklich, aber dann immer deutlicher, und der Kapitän antwortete lachend, nein, diesmal sei es keine Schimäre und auch kein Wetterleuchten, das sei Amerika.

walter moers »Die 1 ½ Leben des Käpt’n Blaubär«

Das Leben ist kurz, behauptet man. Ansichtssache, sage ich. Die einen sind kurz, die anderen sind lang, und manche sind mittel. Außerdem hatte ich noch dreizehneinhalb andere davon.

walter kempowski »Aus großer Zeit«

Nicht dass sie tot sind, all die Kameraden, ist der Schmerz, sondern, dass man sie vergessen wird. Trotz aller Monumente.

jonathan franzen »Die Korrekturen«

Und doch, als er gestorben war, als sie ihm ihre Lippen auf die Stirn gedrückt hatte und mit Denise und Gary in die warme Frühlingsnacht hinausging, da spürte sie, dass es nun nichts mehr gab, was ihre Hoffnungen zunichte machen konnte, nichts. Sie war  Jahre alt, und sie würde einiges in ihrem Leben ändern.

william s. burroughs »Naked Lunch« albert camus »Der Mythos des Sisyphos« erich maria remarQue »Der Himmel kennt keine Günstlinge« 94

SAVOIR

Blick hinunter, blick jene Straße des Opiats hinunter, bevor du sie entlangreist und dich mit dem falschen Haufen einlässt. Wer schlau ist, lässt sich das gesagt sein. Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Er glaubte auch, dass sie glücklich gewesen sei, soweit man einen Menschen je glücklich nennen könne.


john irving »Garp und wie er die Welt sah« louis-ferdinand celine »Reise ans Ende der Nacht«

Ich gestand ihnen, dass ich nie ein Kind verloren hatte. Ich bin bloß ein Vater mit viel Fantasie. Im meiner Fantasie verliere ich meine Kinder jeden Tag. Er rief alle Lastkähne des Flusses zu sich, alle, und die ganze Stadt, und den Himmel und die Landschaft, und uns auch, er trug alles fort, die Seine auch, alles, damit das alles ein Ende hat.

t.c. boyle »Ein Freund der Erde«

„Genau“, sage ich, „ganz recht, das ist ein Hund“. Und dann, aus keinem Grund, den ich benennen könnte, sage ich noch, ohne es zu wollen: „Und ich, ich bin ein Mensch.“

jack london »Der Seewolf«

„Einen Kuss, Liebste“, flüsterte ich. „Noch einen Kuss, ehe sie kommen.“ „Und uns vor uns selbst retten“, vollendete sie mit einem hinreißenden Lächeln, wunderbar, wie ich es nie zuvor gesehen hatte, denn es enthielt das Wunder der Liebe.

patrick süsskind »Das Parfum« christa wolf »Was bleibt« helene hegemann »Axolotl Roadkill« irvine welsh »Trainspotting« steve tesich »Abspann« leo tolstoj »Anna Karenina« haruki murakami »Mister Aufziehvogel« andreas münzner »Geographien« peter licht »Wir werden siegen!« helmut krausser »Fette Welt«

Als sie es dann wagten, verstohlen erst und dann ganz offen, da mussten sie lächeln. Sie waren außerordentlich stolz. Sie hatten zum ersten Mal etwas aus Liebe getan. Was meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde geht: dass es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben. Und du sagst: Deine Familie hatte recht. Du bist Dreck, den sie nur mit Schweigen aus der Welt schaffen können. Er würde es allein schaffen oder allein untergehen. Dieser Gedanke erschreckte und begeisterte ihn zugleich, während er über ein neues Leben in Amsterdam nachdachte. „Gesegnet sei alles, was lebt. Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Kinder der Erde, seid gesegnet um eures Lebens willen, denn dieses ist die Freude der Welt“. Und dann segelt er weiter. Aber jetzt ist mein Leben, mein ganzes Leben, unabhängig von allem, was mir geschehen kann, jetzt ist jede Minute dieses Lebens nicht mehr sinnlos wie bisher, sondern hat einen unzweifelhaften Sinn: das Gute, das ich in mein Leben hineinlegen kann. Ich schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Aber es sollte noch sehr lange dauern, ehe ich wirklich Schlaf fand. Irgendwo, fern von jedem Mensch und Ort, nickte ich für einen Augenblick ein. Und plötzlich noch einmal der Meister: Man lernt nie aus, stößt er hervor, und wieder ist dieses Lachen im Raum, so ein herrlicher Reinfall. Die Menschen haben einen Ängstlichkeitsblick und ein normales, durchschnittliches mitteleuropäisches Sicherheitsbedürfnis. „Judith“, murmele ich, „sei ganz vorsichtig neben mir ... Ich bin jetzt ein Elefant.“

franz kafka »Der Prozeß«

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als wollte die Scham ihn überleben.

tom kummer »Blow up«

Und um zu entspannen, laufen wir eine Weile ziellos über diesen Friedhof, zwischen Grabsteinen berühmter Toter, die uns irgendwie beruhigen: Rudolph Valentino, Jane Mansfield, Bugsy Siegel, Peter Lorre, Tyrone Power. Wir besuchen das Monument von Joey und Dee Dee Ramone, wo Fans auf Wolldecken im Kreis sitzen, Hot Dogs essen und Budweiser trinken.

christian kracht »1979« fjodor dostojewskij »Schuld und Sühne«

Alle zwei Wochen gab es eine freiwillige Selbstkritik. Ich ging immer hin. Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten. Ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen. Das könnte das Thema für eine neue Erzählung sein – doch unsere Erzählung ist hier zu Ende. SAVOIR

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DIE LETZTEN MINUTEN EINES KINOFILMS SIND ENTSCHEIDEND: TRÄNEN DER RÜHRUNG ODER DES MITLEIDS, NACHDENKLICHE STILLE ODER SCHLICHTE ENTTÄUSCHUNG. VOR DEM ABSPANN KULMINIEREN DIE EMOTIONEN. FELD HOMMES KINOSPEZIALIST ROLAND HUSCHKE ÜBER DIE MACHT DES ENDES, DAS NICHT IMMER EIN HAPPY END SEIN MUSS. ODER WIE GROSSMEISTER ORSON WELLES ES AUSDRÜCKTE: „OB ES EIN HAPPY END GIBT ODER NICHT, HÄNGT DAVON AB, WO MAN DIE GESCHICHTE AUFHÖREN LÄSST.“ Von Roland Huschke (Text)

Mullholland Drive

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Wann immer von einem Finale gesprochen wird, sei es im sportlichen Duell oder bei einem musikalischen Crescendo, sind unvergessliche Emotionen impliziert, die wiederum nichts so dramatisch für die Ewigkeit zu inszenieren versteht wie das Kino. Ob Happy Ends, schmerzhafte HerzschlagFinales, Überraschungs-Clous oder abrupte Story-Brüche, deretwegen man sich noch wochenlang das Hirn zermartert – was immer wir uns an Intensität in der Realität erhoffen, wird von Filmemachern vorgezeichnet, die damit natürlich auch Bedürfnisse prägen. Nicht umsonst beginnt etwa das Endspiel der Champions League seit Jahren mit dem Soundtrack von „Gladiator“ – mit dem Unterschied, dass wir beim europä„Gladiator ischen Spiel der Spiele nicht wissen, welcher der Gladiatoren am Ende siegreich ist und wer geschlagen am Boden liegt. Grund genug für FELD HOMMES, um in einem kleinen Abriss filmische Final-Standards zu untersuchen. Sie nehmen das unberechenbare Leben zwar nicht immer vorweg, können aber sehr wohl begleiten und Sehnsüchte vielleicht auch erst richtig zum Leben erwecken. Wann zum Beispiel war der Anfang vom Happy End? Nun, bisher hat noch kein Filmhistoriker für die Nachwelt recherchiert, wann dieser Begriff erstmals Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch hielt. Unzweifelhaft ist hingegen, dass die Wortschöpfung zum Kino gehört wie ein Last-MinuteTreffer zum FC Bayern München – und dass der Appetit auf Happy Ends beim geneigten Publikum auch überdrehte Begehrlichkeiten auslösen kann. Filme haben es schließlich leicht: Sie dürfen nach zwei Stunden den Vorhang fallen lassen und ihre endlich vereinten Liebespaare in eine glückliche Zukunft oder siegreiche Helden in den Sonnuntergang entlassen. Bis zur manchmal leidigen Fortsetzung jedenfalls. Unser schnödes Realleben verläuft dagegen dummerweise meistens auf komplizierteren Pfaden. Für die Geschichten nach der Hochzeit stehen gemeinhin Drehbuchautoren eher weniger zur Verfügung – was im Film als Finale mit Pauken und Trompeten gefeiert wird, markiert tatsächlich nur den Anfang des alltäglichen Abenteuers Zweisamkeit. Dementsprechend unersättlich ist die Sehnsucht des (nicht nur) weiblichen Publikums nach Geschichten, die zumindest das flüchtige Gefühl endgültigen Glücks vermitteln können.

Da wird es noch nicht einmal als störend empfunden, wenn in einer der erfolgreichsten Romanzen aller Zeiten eine hochgestiefelte Bordsteinschwalbe von einem ungleich älteren Geldsack aufgegabelt wird: Als Julia Roberts dem weißhaarigen Ritter Richard Gere am Ende von „Pretty Woman“ in die Arme fällt, seufzte das Publikum kollektiv vor Rührung auf, um dann auf einer Welle der surrealen Rührung zurück zum unwirtlichen Planeten Erde gespült zu werden. Gerade Hollywood weiß genau um solche Effekte und liefert Jahr für Jahr Stoffe, bei denen man nach fünf Minuten ganz genau weiß, wer am Ende siegreich ist und welches Star-Pärchen zueinander gehört. Das Happy End gehört zu romantischen Komödienklassikern mit Audrey Hepburn oder Marilyn Monroe und zu jüngeren Schmalzstoffen (Kevin-„Bodyguard“-Costner meets Whitney„I Will Always Love You“-Huston) ebenso wie zum aktuellem Überhit „Avatar“, der am Ende auch den Sieg der Liebe über unmögliche Widerstände zeigt. Kritik am künstlichen Konstrukt wäre so sinnvoll, als erwartete man von Fast-FoodKetten jede Woche veränderte Rezepturen. McMovies mit Happy-End-Garantie existieren allein, um den schnellen Hunger nach einem romantischen Ideal zu stillen, bei dem das Gute stets gewinnt und jeder noch so beschwerliche Weg gemeistert werden kann.

Gladiator

Pretty Woman

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The Sixth Sense

Der Clou

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No Country for Old Men

Happy Ends sind das offensichtlichste Beispiel dafür, dass – anders als in der Literatur oder beim Theater – der finale Moment einer Geschichte zu den stärksten Waffen des Kinos gehört. In den besten Fällen nehmen Filme in den Köpfen der Zuschauer nach dem Genuss ein Eigenleben an. Der Grad der Emotionalisierung ist nicht unwesentlich von den zuletzt gesehenen Bildern bestimmt, die manchmal nur Sekunden zu dauern brauchen, um jahrelangen Eindruck zu hinterlassen. So auch beim sogenannten Überraschungsende, das selbst den abgebrühtesten Kinogänger geradezu schockieren kann wie eine eisige Dusche und ihn dazu zwingt, die soeben gesehene Geschichte komplett in Frage zu stellen. Mehr noch: Es verführt zur zweiten Sichtung, wenn sich die Momente vor dem Abspann als brillante Kehrtwende erweisen. Wenn zum Beispiel Bruce Willis in „The Sixth Sense“ erfährt, dass er tatsächlich schon einen ganzen Film lang mausetot ist oder wenn im furiosen Finale von „Die üblichen Verdächtigen“ die Identität des unscheinbaren Gangster-Genies Kevin Spacey preisgegeben wird – dann geraten die Schlusssequenzen zu unvergesslichen Stromschlägen. Effektiv sind solch ausgeklügelten Clous (siehe, genau, „Der Clou“ mit Robert Redford und Paul Newman) freilich nur sehr selten, da der Kunstgriff vom Überraschungsende inflationäre Ausmaße angenommen hat und heutzutage gar als PR-Trick eingesetzt wird. Wenn wie jüngst bei „Shutter Island“ jeder Zeitungsartikel und Trailer insinuiert, dass kurz vor Schicht im Schacht mit einer unerhörten Wendung zu rechen ist, dann braucht man kein Detektiv zu sein, um das Schicksal Leonardo DiCaprios zu erahnen. Schlimmer noch: Ein Regisseur wie „Sixth Sense“-Macher M. Night Shyamalan, bei dem „the surprise ending“ zum Markenzeichen wurde, setzte sogar seine Karriere aufs Spiel, weil er sich mit jedem Film wie „The Village“ oder „Signs“ selbst übertreffen zu müssen meinte – und keiner mehr seinen Storys traut, weil alle bloß noch nach Indizien für den letzten Kniff suchten.

Doch es braucht nicht zwangsläufig ausgefeilte Script-Konstruktionen, um die Erwartungshaltungen des Publikums brutal zu brechen. Manchmal genügt auch der unvorhersehbare Tod einer Schlüsselfigur, sei es die Gattin James Bonds in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ oder Gwyneth Paltrows (nie zu sehender) Kopf in der Kiste am Ende von „Sieben“. Sprichwörtliche Sekundentode, die im Sport einer Niederlage in letzter Sekunde nahekommen und sich in beiden Fällen unauslöschlich ins Gedächtnis brennen. Neben Happy Ends und Überraschungsschlüssen sei zudem noch das Anti-Ende als fester Bestandteil des Kino-Kanons erwähnt, dessen sich mit Vorliebe Independent-Regisseure bedienen. Cineasten lieben so etwas, während es das Mainstream-Publikum richtiggehend aufregt, wenn es eine Geschichte mit völlig offenem Ende vorgesetzt bekommt. Wie zum Beispiel in David Lynchs Meisterwerk „Mulholland Drive“, wo wir auch nach wiederholter Filmsichtung keinen Schimmer haben, ob Naomi Watts als hoffnungsfrohes Starlet all die alptraumhaften Episoden der Story nur geträumt hat und am Ende einer stabilen Zukunft entgegensehen darf. Meisterlich in dieser Disziplin auch die Gebrüder Coen. Zuletzt schloss sich der Vorhang über ihrem „A Serious Man“ just in dem Moment, in dem die geplagte Hauptfigur die niederschmetternde Diagnose eines Arztes erhielt und sich am Horizont sinnbildlich ein Tornado näherte. Doch wir werden wohl nie erfahren, wie es um das Schicksal dieses Mannes bestellt gewesen ist, die Coens verraten in Interviews zumindest ganz sicher nichts. Auch ihr Meis­terwerk „No Country for Old Men“, oscargekrönt und nach Einschätzung vieler Kritiker der beste Film der Nullerjahre, endet wie die Romanvorlage von Cormac McCarthy narrativ absolut offen und verstörend unbefriedigend. Der gewohnt saubere Sieg des Guten fällt aus, zurück bleiben ein desillusionierter Sheriff (Tommy Lee Jones) und ein angeschlagener Killer (Javier Bardem), die beide zum kryptischen Philosophieren neigen und dem Zuschauer ein mulmiges Gefühl mit auf den Heimweg geben. Da ist jede Interpretation erlaubt, doch so sehr man sich auch den Kopf zerbricht, so wenig kommen die Gedanken zu den Schicksalen der Figuren zur Ruhe. So hören manche Filme nie wirklich auf, nur die Kamera läuft irgendwann nicht mehr weiter. Was dann doch wieder wie im wahren Leben ist, wo jedem Ende ja tatsächlich auch ein ungewisser Anfang innewohnt.

Filmcredits: DVD „Mulholland Drive“, (Concorde Home Entertainment), DVD „Pretty Woman“ (The Walt Disney Company Germany GmbH), DVD „Gladiator“, „Der Clou“ (Universal-Pictures Germany), DVD „No Country for Old Men“ und DVD „The Sixth Sense“ (Paramount Home Entertainment)

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... Einkaufswagenfahren, Fußspurenhinterlassen, Windeinfangen, Rumblödeln, Wasserkantenichtberühren, Kumpelsumhauen, und am Ende gewinnt immer die Jeans. Sehr Neunziger, sehr hellblau, sehr cool. Von Misha Taylor (Fotos) und Christian Stemmler (Styling)

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Jhonnes: Weste von Diesel, Tanktop von Petar Petrov, Shorts von H&M und Sonnenbrille von Bernhard Willhelm f端r Mykita.

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Oben: Jhonnes: graue Badeshorts von Insight Levi: weiĂ&#x;es T-Shirt und blaue Jeans von Boss Orange Rechts: Jhonnes: Weste von Diesel, Tanktop von Petar Petrov, Shorts von H&M und Sonnenbrille von Bernhard Willhelm fĂźr Mykita

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Oben: Jhonnes: Tanktop von Petar Petrov und Jeansshorts von Boss Orange Rechts: Raoul: Jeansweste von Levi’s, Jeans von Insight, Kette Model’s own und Skin Art by Wildfire

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Levi: Jeans mit Hosentr채gern von JOOP! Jeans und T-Shirt mit Jeansprint von Postweiler Hauber Raoul: Hose mit Jeansprint von Postweiler Hauber, T-Shirt vintage und Skin Art by Wildfire

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Links: Levi: Latzhose von Lee und T-Shirt von Diesel Rechts: Levi: Jeansjacke von Levi’s, T-Shirt von Petar Petrov, Jeans von Replay und Sneakers von Boss Orange Jhonnes: Jeansjacke von Calvin Klein Jeans, Tanktop von Weekday, Jeans von Levi’s und Sneakers von Boss Orange

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Raoul: Jeanshemd von Levi’s, Tanktop von H&M, Badeshorts von Woolrich, Sonnenbrille von Ray-Ban und Skin Art by Wildfire Levi: Jacke von H&M und Jeans von Stone Island Jhonnes: Jeanshemd von Denham, T-Shirt und Jeans von Boss Orange Jhonnes: graue Badeshorts von Insight

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Fotografie: Misha Taylor (www.mishataylor.com) Styling: Christian Stemmler (www.bigoudi.de) Fotoassistenz: Devin Paisley und Matt Thomas Haare & Make-up: Henriette Hรถft (www.blossommanagement.de) mit Produkten von Aveda und Chanel Models: Jhonnes Mattos (www.3dmodelagency.com), Levi Lomey (www.icemodels.co.za) und Raoul (www.myfriendned.co.za)

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Strickkleid von Sonia Rykiel

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Kaltherzig, wie nur Männer sein können, nahm er, kaum dass er gekommen war, seinen Hut und ging. Während die schöne Egle, noch ganz erhitzt vom nachmittäglichen Liebesspiel, so gar nicht weiß, wohin mit sich. Auf den Balkon, zurück ins Bett, unter den Teppich, in den Schrank? Und vor allem, in welchem ihrer atemberaubenden Outfitts? Von Markus Jans (Fotos) und Isabelle Thiry (Styling)

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Kleid von Paule Ka und Schuhe von Sonia Rykiel

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Kleid von Karl Lagerfeld

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Schuhe von Viktor & Rolf

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Kleid von Karl Lagerfeld und Schuhe von Viktor & Rolf

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Fotografie: Markus Jans (www.jans-photography.net) Styling: Isabelle Thiry (www.thiry.info) Fotoassistenz: Nina Pieroth Haare & Make-up: Hauke Krause (www.bigoudi.de) mit Produkten von Aveda und Mac Cosmetics Model: Egle (www.modelwerk.de)

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Der gl辰ubige Mensch hat auf alles eine Antwort. Wie die Welt entstanden ist, was wir nach dem Leben zu erwarten haben, und manche wissen sogar, wann die Welt untergeht. Nur der Agnostiker hat keine Ahnung, wie es mit uns weitergeht. Essayist und Journalist J端rgen Kalwa macht sich auf die Suche nach dem Untergang. Von Herr M端ller (Illustration) und J端rgen Kalwa (Text)

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Ich weiß nicht, wie die Welt entstanden ist. Und auch nicht, wie sie auseinanderbrechen wird. Aber ich weiß, dass die Phase dazwischen ziemlich aufregend war und ist. Wie meinte schon Heraklit? „Alles fließt.“ Das Leben der Einzeller genauso wie das der komplexen Lebewesen. Das verdanken wir der Evolution, die manchmal solche hübschen Entwicklungsschritte produziert wie diese: PHASE EINS – der Urknall: In einer kleinen Stadt im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin wird ein Mann unter Mordverdacht verhaftet, bei dem die Polizei Kleidungsstücke aus menschlicher Haut findet. Bei Vernehmungen nennt er als Motiv für sein Verhalten: Er wollte aussehen wie seine tote Mutter. PHASE ZWEI – natürliche Selektion: Der amerikanische Pulp-Autor Robert Bloch, der nur  km vom Ort des Mordes entfernt wohnt, erfindet eine Geschichte, die in einem abgelegenen Motel in Kalifornien spielt, wo ein Mann mit einer extremen Persönlichkeitsstörung die mumifizierte Leiche seiner Mutter aufbewahrt und zwischendurch hinter einem Duschvorhang einem weiblichen Gast den Kopf abschneidet. Er nennt sein Buch „Psycho“. PHASE DREI  Mutation: Der Regisseur Alfred Hitchcock verfilmt das Buch, inszeniert eine der beeindruckendsten Bildfolgen der Kinogeschichte, um den Mord zu dramatisieren, und gilt von da an als absoluter Meister der Cinematographie. PHASE VIER  Rekombination: Der schottische Videokünstler Douglas Gordon zerdehnt den  Minuten langen Kinofilm auf  Stunden, den er allerdings zunächst nur wenigen Interessenten in seinem Schlafzimmer zeigt. „ Hour Psycho“ ist nicht jedermanns Sache. PHASE FÜNF  Gendrift: Der amerikanische Schriftsteller Don DeDillo entdeckt das Gordon-Video in einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York, kehrt zweimal zurück, setzt sich an seine alte Olympia-Schreibmaschine und schreibt einen für seine Verhältnisse vergleichsweise kurzen Roman. Er nennt ihn „Omegapunkt“. Ich finde das nicht nur einen passenden Titel für das vorläufige Ende dieser fünfphasigen Schöpfungskette. DeLillos neues Werk ist nämlich ein Text zur Evolution an und für sich. Ein Gedankengebäude, das durch Charles Darwins Arbeit über „Die Entstehung der Art“ zum ersten Mal ein wissenschaftliches Fundament erhalten hat, aber das sich seitdem immer um eine entscheidende Frage drückt: Wohin führt diese Evolution? Und was steht an ihrem Ende?

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Das weiß natürlich auch DeLillo nicht, auch wenn er als einer der ganz großen Visionäre der neuen Literatur gelten darf und ein ernsthafter Aspirant für den Literaturnobelpreis ist. Aber er hat sich zumindest an diese Vorstellungswelt herangetastet und zeigt ganz weit nach vorne. Auf das dramatischste Ereignis der Evolution überhaupt: auf jenen Tag, an dem das ganze Universum ausgelöscht wird. Letzte Ausfahrt: schwarzes Megaloch. So markant der Begriff „Omegapunkt“ ist (Omega ist der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet), so irritierend wirkt er. Er stammt aus dem Repertoire eines gewissen Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin, Jesuit und Vordenker eines wortreichen, aber de facto völlig nebligen Erklärungskatasters für gläubige Katholiken, die den Sinn des Lebens verstehen wollen. DeLillos Hauptfigur ist beeinflusst von dieser Mystik. Die Figur ist ein moderner Einsiedler, der der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs als Berater diente, um ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenzrahmen zu versehen. Nun macht er sich – desillusioniert – Gedanken zu dem „Erlöschen des Bewusstseins, dem Aussterben der Arten, der Sehnsucht des Menschen, wieder zu totem Gestein auf dem Feld zu werden“. Er kristallisiert in der Einsamkeit der kalifornischen Wüste den ernüchternden Verdacht, dass die Evolution des Bewusstseins zu Beginn des dritten Jahrtausends an ihren Endpunkt gelangt ist. „Wir sind völlig ausgespielt … Es ist Zeit, das alles dichtzumachen.“ APOCALYPSE NOW? Die meisten Menschen greifen in der Auseinandersetzung mit solchen Problemstellungen gerne zu den Deutungen und Prophezeiungen irgendwelcher Glaubensbekenntnisse. Und das, obwohl Religionsgemeinschaften noch nie irgendetwas zum besseren Verständnis der Abläufe beigetragen haben. Im Gegenteil, alles, was Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus anzubieten haben, sind Variationen auf ein einziges Erklärungsmodell: Es gibt eine höhere Instanz. Und die regelt das Geschehen. Bis hin zu einem Leben nach dem Tode in einem imaginierten Himmel oder einem zusammenfantasierten Paradies. Man muss dem Meister des Visionären in der Literatur, einem von der Kirche abgefallenen Katholiken, dankbar sein, dass er sich mit solchen Dingen beschäftigt. Denn eine öffentliche Unterhaltung zwischen Agnostikern, Atheisten und Anhängern des Rationalismus und des Empirismus über das Ende der Welt täte dringend not. Zumal selbst nach  Jahren Aufklärung und einem Füllhorn an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse Gruppen unverdrossen immer wieder die Auferstehung des Irrationalen feiern. In DeLillos Echt-Amerika zum Beispiel dominieren zurzeit Gruppen den öffentlichen Raum, die man auf Deutsch mit dem Wort „evangelikal“ einordnet. Ihre wichtigste Botschaft: Alles, was in der Bibel steht, ist historische Wahrheit. Die Erde wäre demnach rund . Jahre alt. Und das Ende? Das ist nah. Solche Vorstellungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Geopolitik. So unterstützen Millionen von „wiedergeborenen“ Christen den jüdischen Staat Israel und seine Politik der Vertreibung der Palästinenser, weil nach ihren Verheißungen die Rückkehr der Juden die Rückkehr von Jesus als jüdischem und christlichem Messias ermöglicht. Was folgt, so prophezeit es das wirre Endzeit-Papier namens „Offenbarung


des Johannes“, ist eine endzeitliche Entscheidungsschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“. Bei der müssen die Juden allerdings zum Christentum konvertieren, sonst kommen sie unter die endzeitlichen Räder. Solche Wahnvorstellungen sind aktuell geistige Nahrung von etwa einem Viertel der US-Bevölkerung. Das sind nicht Leute, die etwa DeLillo, den „Sprengmeister der Paranoia“ (Spiegel Online) lesen, sondern apokalyptische Trivialgeschichten wie die Romanserie „Left Behind“ (deutsch: „Finale“) über die letzten Jahre der Menschheit. DeLillos Überlegungen und die Litanei der Prophezeiungen gehen seltsamerweise von einem homozentrischen Weltbild aus. Das ignoriert gerne, dass die Lebewesen auf unserem Planeten auf einer Zeitachse von mehreren Milliarden Jahren angesiedelt sind. Dieses Raumschiff geht nicht deshalb gleich kaputt, nur weil das Impulssystem der Evolution zerstört oder ausgelöscht wird. Aber davon ist bei den Heilslehren nie die Rede. Die erfolgreichste von allen, die katholische Kirche, die seit mehreren Jahrhunderten Platz eins der Hitparade der Glaubensbekenntnisse hält (Stand von heute: , Milliarden Anhänger, . Priester, . Ordensleute, die ständig damit beschäftigt sind, die größtmögliche Schnittmenge aus frömmelndem Fundamentalismus und intellektueller Anpassungsfähigkeit zu erzielen), schiebt ständig neue Bretter unter das biblische Wolkenkuckucksheim, damit man auf irgendetwas stehen kann, wenn man von dort auf die Welt hinabschaut. Auch wenn der Papst heute nicht mehr über die Macht verfügt, Wissenschaftler nach Rom zu zitieren und von ihnen zu verlangen, von ihren Theorien abzuschwören (und sie andernfalls auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen), hat sie im Umgang mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften noch immer gerne das allerletzte Wort. O-Ton Joseph Ratzinger bei seiner Amtseinführung: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes.“ Die Theorie dahinter ist imposant: Wir und die zwei Milliarden Sterne in der Milchstraße sowie die  Milliarden Galaxien und das sich ständig ausdehnende Universum drum herum sind einem Starterkit entsprungen, den ein ziemlich pfiffiger Typ vor ein paar Milliarden Jahren entwickelt hat. Und den wird er irgendwann wieder einsammeln, um bei der Gelegenheit alle Spuren zu beseitigen. Von diesem Universum wird es hinterher nicht mal mehr Fingerabdrücke geben.

Die verblüffendste Ableitung aus solchen Einsichten: Eine solche Deutung stellt das einzige Dokument infrage, auf das sich Juden und Christen steif und fest berufen, wenn sie ihren Geltungsanspruch anmelden: das Alte Testament. Gleichzeitig jedoch werden die neuen Fantasien von einem Alpha und Omega, die die Bibel ersetzen sollen, im eurozentrischen Alltag von heute kaum noch hinterfragt. Warum kommt der Vatikan damit durch? Wahrscheinlich weil er mal wieder das Unvorstellbare so schön plastisch macht. Dabei wirkt die Evolution als Prozess auch ohne Sinn und Zweck durchaus ziemlich sinnig. Besonders wenn man akzeptiert, dass sich keine Spezies als Ziel der Evolution betrachten kann – auch nicht der Mensch, der eher so etwas ist wie das größte Los einer Lotterie, wie der  verstorbene amerikanische Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould mal gesagt hat. Aber Evolutionsforscher schauen meistens nicht nach vorne. Ihre Vorstellungs- und Imaginationskraft blüht nur halb so kräftig wie die von Literaten und Religionsstiftern. Man nehme nur diesen Dialog in einem Interview von Süddeutsche Zeitung Wissen mit dem britischen Paläobiologen Conway Morris von der Universität Cambridge: Wie würden Sie die Zukunft der Menschheit darstellen? Das Problem ist: Wissenschaftlich gesehen habe ich keine Ahnung. Aber ich glaube nicht, dass wir noch viel erwarten können. Der Genetiker Steve Jones von der Universität London hat kürzlich gesagt, die Evolution des Menschen sei abgeschlossen. Ich glaube, damit liegt er richtig. Aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht hat die Menschheit eine völlig neue Stufe der Organisation erreicht. Was solche Aussagen ignorieren, ist, dass vor allem im Bereich der technologischen, aber auch der kulturellen Evolution der Fortschritt noch sehr viel an Entwicklungspotenzial besitzt, das nicht mal andeutungsweise ausgeschöpft worden ist. Während auf der einen Seite mit der Erfindung und dem Bau von Atom- und Wasserstoffbomben die Verwüstung (aber nicht notwendigerweise die komplette Selbstauflösung) des gesamten Planeten als Schreckensvision immer realistischer geworden ist, sind wir mit den synthetischen Prozessen – sei es via künstlicher Computer-Intelligenz oder durch die Nachahmung natürlicher Abläufe (Stichwort: Cloning) – noch gar nicht mal richtig an der Startlinie. Was würde passieren, wenn wir die natürlichen Ressourcen der Erde nicht länger ausbeuten und verzehren, sondern durch neue Ideen eine Art Hybridlebensweise ermöglichen, die der Natur Stoffe zurückgibt, die sie wie eine Batterie speichern kann? Natürlich klappt das nur, wenn nicht am . Dezember die Welt untergeht, wie das nach dem alten Kalender der Mayas zu erwarten ist. Ich persönlich habe übrigens die Absicht, am Tag darauf wie jedes Jahr meinen Geburtstag zu feiern. Diesmal allerdings trinke ich auf etwas Besonderes: Auf Hitchcock, DeLillo und die nächsten zwei bis drei Millionen Jahre.

Illustration: Herr Müller (www.183off.com)

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Willkommen am Ende der Welt, im kleinen Ort Prerow auf dem Darß! Wir haben die Reise in den hohen deutschen Norden gewagt und dort High Fashion für kühlere Sommertage fotografiert. Shorts kombiniert mit Mänteln, Jacken, Pullovern. Unten luftig, oben warm. Herrlich. Von Sabrina Theissen (Fotos) und Christian Stemmler (Styling)

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matvey: braune Wildlederjacke und gelbes Hemd von Louis Vuitton William: orangefarbener Mantel und braunes Hemd von Louis Vuitton

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William (links): Regenmantel, Weste, Hemd sowie Shorts von Hannibal und Strickpullover von Boss Black (rechts): beigefarbener Trenchcoat, apricotfarbene Jacke, lilafarbenes Hemd und dunkelblaue Shorts von Sopopular

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matvey: Lederhut, Mantel, Cardigan, T-Shirt, alles in Schwarz, und grau-schwarze Hose von Prada William: schwarz-weiĂ&#x;er Mantel, schwarzer Cardigan, schwarz-graues T-Shirt und graue Shorts von Prada matvey (rechts): Strickpullover, Mantel und Hose von Salvatore Ferragamo

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William (links): Mantel von Etro, Strickpullover von Maison Martin Margiela, Shorts von A.D.Deertz und Strohhut von Stetson matvey (rechts): braune Lederjacke, dunkelblauer Pullover, brauner Strickpullover sowie blaue Shorts von Hermès und brauner Lederhut von Stetson

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William (links): dunkelblauer Anzug von Emporio Armani und hellblaues Hemd von Hugo by Hugo Boss (rechts): Mantel, Hemd und Shorts von Hugo by Hugo Boss, Strickpullover von Carin Wester und Stiefel Model’s own

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Fotografie: Sabrina Theissen (www.sabrinatheissen.com) Styling: Christian Stemmler (www.bigoudi.de) Fotoassistenz: Christoph Mack Haare & Make-up: Henriette Hรถft (www.blossommanagement.de) mit Produkten von Aveda und Chanel Models: Matvey Lykov (www.m4models.de) und William Eustache (www.successmodels.com)

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Die Fäuste fliegen, Nasen und Finger werden knirschend gebrochen, ab und zu segelt ein Zahn durch die Gegend. Beim Tinku in Bolivien geht es mit den blanken Fäusten Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Ein ritualisierter Kampf um Leben und Tod, bei dem das Blut in Strömen fließt. Und tatsächlich: ein Tinku ohne Tote ist ein schlechtes Omen für die Ernte. Von Luca Zanetti (Fotos und Text) und Martina Behrens (Übersetzung)

Ein australischer Tourist, der ein T-Shirt mit der Aufschrift trägt „Smile and the world stands with you, Fart and you stand alone“, erzählt mir, dass das „Tinku“, zu Deutsch „Treffen“, eines der gefährlichsten Kampfsportfestivals der ganzen Welt sei. Er habe einen Bericht darüber im australischen Fernsehen gesehen und ist deswegen mit seiner Freundin hierhergekommen – sie würden beide Extremsituationen irgendwie mögen. Eigentlich wollte ich mit einer Gruppe wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Ethnologie und Folklore aus La Paz sowie einigen Angestellten des bolivianischen Kultusministeriums in die Andenstadt Macha reisen, die nördlich der alten und legendären Silberstadt Potosí liegt. Dieser Plan wurde aber plötzlich geändert. Ein paar von ihnen wurden vorher krank, andere konnten die notwendigen Fördergelder für die Reise nicht beschaffen, und der Kameramann wei-

gerte sich aufgrund der unzureichenden Sicherheitsbedingungen mitzukommen. Der Einzige, der sich bereit erklärt hatte, mich zu begleiten, war Tito Burgoa. Ein pensionierter Bergbauingenieur, der aus Macha stammt und jetzt Hobbyhistoriker ist. Er will die UNESCO dazu bewegen, dass das Tinku zum Weltkulturerbe erklärt sowie besonders geschützt und gefördert wird. Ich fahre zusammen mit Tito in den frühen Morgenstunden los. Der Bus schleppt sich klappernd von La Paz die Berge hoch nach El Alto und von dort aus direkt nach Oruro. Tito ist eingeschlafen, und ich nutze die Zeit, um im hellen Morgenlicht meinen Blick über das scheinbar endlose Hochplateau schweifen zu lassen.

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Ab und zu wird das Panorama von einem schneebedeckten Gipfel unterbrochen, der in der spröden Landschaft aussieht wie ein mit Puderzucker bestäubter Panettone. Es ist das Ende der Kartoffelernte, die Bauern stehen mit ihren Familien auf den Feldern, füllen die letzten Säcke und stapeln sie am Straßenrand auf. Meine kontemplativen Ausschweifungen werden jedoch jäh unterbrochen. Ein großer Mann in einer glänzenden neuen Lederjacke und behängt mit so viel Gold, dass jede indische Braut vor Neid erblassen würde, preist lautstark die Wunderkraft südkoreanischen Ginsengs an, den er verkauft. Eindringlich zählt er verschiedenste Krankheiten von Krebs über Nierensteine bis hin zu übel riechenden Vaginalsäften auf, um den Fahrgästen dann die heilende Wirkungskraft seines magischen Produktes zu verkünden. Angst ist das beste aller Hauptverkaufsargumente für so ziemlich alles, egal ob man einen Krieg oder südkoreanischen Ginseng verkaufen muss. Wenn ich ehrlich bin, ist Angst auch der Beweggrund dafür, dass ich zu dem Tinku nach Macha reise. Warum sonst sollte ich mir ansehen wollen, wie die Menschen aus den rund 60 umliegenden Dörfern den Weg hinauf nach Macha steigen, um dort gegenseitig ihr Blut zu verspritzen und zu feiern? Es ist die Chance, die Angst zu besiegen. Riskiere etwas, und du wirst sowohl persönlich als auch beruflich viel Anerkennung ernten. Viele Fotojournalisten sind an ihre Grenzen gegangen und haben sich unter Einsatz ihres Lebens in Krisengebiete begeben, um den Respekt derjenigen zu bekommen, die zu Hause sicher im Warmen und Trockenen sitzen. Ich denke mir, dass die Menschen, die am Tinku teilnehmen, einem ganz ähnlichen Effekt in der sozialen Wahrnehmung unterliegen. Die Männer, die in einem Tinku kämpfen, tun dies, um ihren persönlichen Status und den ihrer (Dorf-) Gemeinschaft zu heben. In Oruro wechseln wir den Bus. Einsteigen heißt für mich: Es geht kein Weg mehr an der blutigen Klopperei in Macha vorbei. Ich mache mir selbst Mut, indem ich daran denke, dass die Welt nie so schrecklich ist, wie wir sie uns in Gedanken ausmalen. Meiner Erfahrung nach waren die Orte meistens viel weniger schrecklich und dafür deutlich menschlicher und freundlicher, als ich es mir vorher vorgestellt habe. Von Oruro fahren wir vier Stunden nach Macha, die Hälfte der Zeit auf der asphaltierten Hauptstraße von Oruro nach Potosí, den Rest der Strecke geht es über eine Schotterpiste. Der Bus ist bis oben vollgepackt mit Menschen, Kleintieren und Waren. Die Crew besteht aus dem Fahrer und seiner Frau, die ihm ab und zu ein Glas Wasser und ein Stück Kuchen reicht. Außerdem ist da noch der Bordmechaniker, ein junger Mann in einem aufgetragenen blauen Arbeitsanzug, der dafür zuständig ist, die Tür mit den Händen zu öffnen und zu schließen, weil das hydraulische System kaputt ist. Er gießt regelmäßig Kühlwasser nach, wenn der Volvo-Motor heiß gelaufen ist.

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Ich glaube nicht wirklich an übernatürliche Kräfte und bete nur selten zu Gott. Wenn man mit einem bolivianischen Bus reist und sich die Reste von Autounfällen am Wegesrand ansieht, fühlt man sich allerdings so hilflos, dass man gar nicht anders kann, als sein Leben hoffnungsvoll einer überirdischen Macht anzuvertrauen. Meine Mutter hat mir einen arabischen Talisman geschenkt. Das Auge der Fatima soll mich beschützen und das Übel von mir abwenden. Die Bolivianer opfern lieber Coca-Blätter oder Schnaps der „pachamama“, der Mutter Erde. Tito hat mittlerweile ausgeschlafen und ist hellwach, so dass ich ihn über das Tinku ausfragen kann. Ein Tinku bedeutet, dass Gegensätze aufeinandertreffen. Die Menschen, die oben in den Bergen leben, „los del altiplano“, stoßen mit den Talbewohnern, „los del valle“, zusammen. Männer mit Frauen, der eine Fluss mit dem anderen. Es ist ein ritualisierter Kampf, das Vergießen menschlichen Blutes hat dabei eine starke symbolische Bedeutung. Es kann vorkommen, dass auch jemand dabei stirbt – das hat jedoch keine negative Bedeutung, sondern wirkt sich durchaus positiv auf „pachamama“ aus. Ach so? Immer wenn man glaubt, gerade eine klare Argumentationslinie bei einem Bolivianer erkannt zu haben, kommt garantiert ein Widerspruch. Die Leute sagen, das komme daher, dass die bolivianische Geschichte zu komplex und deshalb nie eine klare Antwort möglich sei. Tito erklärt mir weiter, dass ein Tinku ohne Tote ein schlechtes Omen für die nächste Ernte sei, denn dann habe man nicht mit vollem Einsatz gekämpft. Das Tinku ist außerdem eine Möglichkeit, um Streitereien zwischen Dörfern um Land oder zwischen zwei Männern um eine Frau zu klären. Auch Zwistigkeiten um beispielsweise einen Viehdiebstahl können so beigelegt werden. Für junge Männer ist ein Tinku die Gelegenheit, in der Gemeinde Respekt zu erlangen und gegenüber den Frauen ihre Stärke zu beweisen. Für heranwachsende Jungen ist es ein Initiationsritus, für junge Mädchen und Frauen ein Anlass, sich herauszuputzen und von ihrer schönsten Seite zu zeigen, um vielleicht einen Mann zu finden.


An der Kreuzung nach Macha verlassen wir die asphaltierte Straße und biegen auf die staubige Schotterpiste ab. Die Sonne geht bereits unter, als wir Macha erreichen, das umgeben von Bergen am Ende eines Tales liegt, wo die Flüsse Caranca und Jatemayo auf einer Höhe von 3.500 Metern über dem Meeresspiegel aufeinandertreffen. Am Eingang der Stadt wird der Besucher mit der Inschrift „Macha la capital del Tinku“ über dem Torbogen begrüßt. Macha ist eine kleine Stadt mit rund 800 Einwohnern. Der Hauptplatz mit seinem weißen Kirchturm und einigen wenigen Herbergen ist nicht größer als ein Fußballfeld. Tito zeigt mir, wo ich wohnen kann, im Pfarrhaus bei Padre Cabezas. Einer der beiden Hilfspfarrer des Padre zeigt mir meinen Schlafraum, der im Hinterhof liegt. Als der Hilfspfarrer wieder weg ist, spaziere ich in dem Hinterhof herum, schaue mir den Sonnenuntergang und die ersten Sterne an, sauge die staubfreie klare Luft tief ein. Und werde von einem Ziegenbock angegriffen, der mich in eine Ecke drängt und immer wieder versucht, mich mit gesenktem Kopf zu attackieren. Das TinkuFieber hängt über der ganzen Stadt, und mir scheint, dass davon sowohl Menschen als auch Tiere ergriffen sind. Nicht nur mein Freund, der Bock, auch die herumstreunenden Hunde in der Stadt schauen maliziös drein und starren einen länger an, als man es ertragen kann. Am nächsten Tag siedle ich in eine der Herbergen am Ort um. In dem Hostal, das Don Diogenes mit seiner Frau zusammen führt, sind kaum Gäste, das mag daran liegen, dass ich drei Tage zu früh hier bin. Todmüde liege ich im Bett, aber es ist gar nicht so einfach, in den Schlaf zu kommen, denn die Vorbereitungen für das Tinku sind bereits in vollem Gange. Hin und wieder sorgt der Knall von Dynamitstangen dafür, dass man wach bleibt.

In den folgenden Tagen wird Don Diogenes’ Hostal von Anthropologen, Ethnologen, Soziologen, Touristen, Journalisten, Musikwissenschaftlern, Fotojournalisten und allen möglichen anderen Leuten aus der ganzen Welt bevölkert. Ein paar Doktoranden sind auch dabei, die jeden Aspekt des Tinku analysieren und nach Hinweisen zu seiner Entstehungsgeschichte suchen. Viele von ihnen sind enttäuscht, weil sie in der Realität nicht das vorfinden, was sie in ihren Schulbüchern darüber gelesen haben. Genau wie in der Physik das Gesetz gilt, dass man ein Experiment verändert, indem man es beobachtet, trifft dies auch auf die Sozialwissenschaften zu, und somit ist es kein Wunder, dass das Tinku sich verändert hat, weil so viel internationales Publikum dabei zusieht. In der Nacht vom 3. Mai ruft der „pasante“ von Macha, also derjenige, der das Kreuz in die Kirche trägt, eine Auswahl von Menschen zusammen und lädt sie ein, ihm auf einen Hügel zu folgen, von dem aus man die Stadt überblicken kann. Dort verteilt er „chicha“, ein alkoholhaltiges Getränk, das aus Roggen hergestellt wird, und Coca-Blätter zum Kauen. Die Leute sind farbenfroh in traditionellen Kostümen gekleidet, einige Photo Essai

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Frauen tragen die typischen runden Filzhüte auf dem Kopf, die sie mit Plastikblumen geschmückt haben. Die Männer tragen Helme, an denen lange Straußenfedern stecken, so wie sie die spanischen Konquistadoren getragen haben. Es erklingt eine traurige Volksweise, gespielt auf einem hiesigen Zupfinstrument, einem Charango, und einer Flöte. Dazu tanzen die Menschen im Kreis und singen „Vamos a pelear“ – Lasst uns in den Kampf ziehen! Das ist der einzige Satz, den ich verstehe, denn der Rest des Liedes wird in der Indianersprache Quechua gesungen. Nach ungefähr einer Stunde macht sich die Gruppe bereit für den Abstieg und bewegt sich Richtung Kirche. Nachdem das Kreuz Padre Cabezas übergeben wurde, lädt uns der Kreuzträger José Luis Pelaez zu sich nach Hause ein, um dort die ganze Nacht zu feiern. Es gibt wieder Chicha und Coca-Blätter, aber auch 96%igen, nahezu reinen, Alkohol. Später am Abend sind alle ausländischen Gäste von Macha, wir sind rund 40 „gringos“, dazu eingeladen, sich im Haus von Padre Cabezas mit den Honoratioren aus der Stadt 144

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und der Region zu treffen. Es soll einen Vortrag über das Tinku-Ritual geben. Es stellt sich jedoch heraus, dass diese Versammlung nur dazu dient, den Ausländern zu erzählen, wie viel Geld sie bezahlen müssen, wenn sie filmen oder fotografieren oder beides wollen. Es wird auch einiges zu dem Imageschaden gesagt, den bisherige Film- und Fotoreportagen angerichtet hätten, weil sie das Tinku zu Unrecht als eine wilde, brutale Veranstaltung dargestellt haben. Die erste Ansage der Offiziellen lautet, dass jeder mit einer Filmausrüstung 200 Dollar zahlen müsse, normale Fotografen wären mit 50 Dollar dabei. Ein Reisegruppenleiter, der acht Touristen im Schlepptau hat, beschwert sich, dass diese Tarife nicht im Vorfeld bekannt gegeben worden sind, und bietet zehn Bolivianos, was


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umgerechnet ungefähr 1,30 Dollar ergibt. Die Honoratioren sind empört, wenn nicht sogar tief beleidigt. Einer der Stadtväter fällt daraufhin die Entscheidung, dass überhaupt niemand auch nur irgendwas filmt oder fotografiert. Was genau gesagt wurde, weiß ich nicht, weil er es auf Quechua sagte, aber ein Mann neben mir übersetzt sinngemäß: Wenn jemand dabei erwischt wird, wie er Fotos macht, wird er windelweich geschlagen. Also lasse ich die Kamera in meiner Tasche. Es ist klar, dass Outsider – und damit sind nicht nur Ausländer gemeint, sondern auch die eigenen Landsleute, die nicht aus der Region kommen – bei den meisten Leuten aus Macha und den umliegenden Dörfern nicht willkommen sind. Die einzigen wirklich freundlichen Gesichter, die ich hier sehe, gehören älteren Frauen und Kindern. Wenn ich dagegen einem Mann in die Augen schaue, dann wird mein Blick sogleich mit einer Aufforderung zum Kampf erwidert. Erst nach ein paar Tagen begreife ich, dass man sich hier nicht direkt in die Augen blickt, weil es als Distanzlosigkeit empfunden wird. Die neue Situation, dass weder gefilmt noch fotografiert werden darf, entspannt mich, und ich gehe direkt ins Bett, um mich richtig auszuschlafen. Ein paar Stunden später weckt mich einer der HostalGäste und erzählt, dass die Stadtväter es sich jetzt doch noch mal ganz anders überlegt hätten und es nun erlaubt sei, gegen eine Gebühr von 20 Dollar zu fotografieren bzw. für 50 Dollar sogar zu filmen. Die Nachtruhe ist gelaufen, Kanonenschläge detonieren, die Leute aus dem Dorf ziehen in ihren bunten Kleidern und mit ihren Kreuzen auf den Hauptplatz von Macha. Ich höre das rhythmische Stampfen ihrer Füße und die „Vamos a pelear“-Rufe. 146

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Sie sind mächtig in Stimmung von dem unglaublichen Schnaps. Ich nehme meine Kamera in die Hand und gehe raus auf die Straße. In der Nähe der Kirche hat die Polizei ihr Hauptquartier eingerichtet. 30 unbewaffnete Polizisten aus Potosí halten die Menge in Schach und sollen dafür sorgen, dass keiner schwer verletzt oder gar getötet wird. Für den Notfall haben sie Tränengas dabei, um die Menge auseinanderzutreiben. Der Platz ist voll mit Menschen, und es kommen immer noch mehr Dorfbewohner von allen Seiten dazu, die sich im Rhythmus des Charango und der Flöte bewegen. „Vamos a pelear“, stampfende Füße, Staub, der in einer Wolke aufsteigt – die ganze Szenerie atmet Kampfeslust. Ich hab die 20 Dollar gezahlt und einen ordentlich abgestempelten Berechtigungsschein erhalten, damit ich Fotos machen kann. In der Nähe der Polizei fühle ich mich am sichersten, dort baue ich mich auf. Die Kämpfe zwischen verschiedenen Gruppen aus den Dörfern oder auch direkte Zweikämpfe finden überall in der Menge statt. Am meisten ist aber in der Nähe der Kirche los.

Die Regeln in diesem Jahr lauten, dass es verboten ist, mit Steinen zu werfen, und dass nicht mehr als vier Leute in einem Kampf involviert sein dürfen. Die erste Regel wird befolgt, soweit ich das sehen kann, die zweite eher nicht. Ich habe Dutzende von Männern gesehen, die zur gleichen Zeit aufeinander losgestürzt sind. Ein Tinku ist mehr als ein kämpferisches Zusammentreffen, es ist auch ein beeindruckendes ritualisiertes Wiedersehen. Viele Männer, die nach Argentinien ausgewandert sind, um dort zu arbeiten, kommen einmal im Jahr den ganzen weiten Weg nach Macha zurück, um mit ihren Verwandten und ihrer Dorfgemeinschaft zusammen zu sein. Wenn sie zu einem Dorf aus dem Tal gehören, kämpfen sie gegen die Männer aus den Bergen und umgekehrt. Sie suchen sich Gegner, die ihnen ebenbürtig sind, vom Alter und von der körperlichen Konstitution her. Im Publikum sind alle Altersgruppen vertreten: Kinder, Halbstarke, verheiratete Frauen und unverheiratete (den Unterschied erkennt man an der Kleidung) sowie alte Männer und Frauen, die dem ganzen Spektakel aufmerksam zuschauen. Photo Essai

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Fotografie: Luca Zanetti (www.fotozanetti.com)

Die Fäuste fliegen, Nasen und Finger werden knirschend gebrochen, ab und zu segelt ein Zahn durch die Gegend, und es sieht so aus, als wenn mehr Leute mit einem dicken blauen Auge herumlaufen als ohne. Die meisten Kämpfe enden, indem die Kombattanten sich umarmen und damit gegenseitigen Respekt ausdrücken. Diejenigen, die schon einen Kampf hinter sich haben, versuchen andere aus ihren Reihen dazu zu überreden, sich ebenfalls in einen Kampf zu stürzen, um Ehre und Anerkennung zu erhalten. Einige Frauen stacheln die Männer auf, sich einem Kampf zu stellen. Andere versorgen die Wunden ihrer Männer. Manche Frauen kämpfen auch miteinander – genauso wie die Männer es tun. Die 30 Polizisten fangen sich hier und da eine blutige Nase, wenn sie versuchen, zwischen den 2.500 Zuschauern die Kämpfer auseinanderzubringen, etwa wenn einer am Boden liegt. Eine unmögliche Aufgabe. Die anderen Outsider, die nicht zum Filmen und Fotografieren hierhergekommen sind, haben das einzig Richtige getan, das in dieser Situation angeraten ist: Sie stehen auf den Balkonen der Herbergen und schauen aus sicherer Entfernung zu. Ein paar von ihnen sind sogar den Kirchturm hochgestiegen.

Die kämpfenden, feiernden Menschen auf dem Platz sind gekommen und gegangen wie Ebbe und Flut. Am Morgen spülten sie voller Elan in die Stadt, gegen Abend wird es allmählich ruhiger, viele sind abgekämpft, liegen fix und fertig schlafend im Straßenstaub und haben sich im Suff und vor Erschöpfung die Hosen vollgepisst. Als ich ein paar Tage später wieder zu Hause bin, erfahre ich, dass beim diesjährigen Tinku niemand gestorben ist. Einige werden jetzt denken, dass es kein gutes Tinku war und die Ernte im nächsten Jahr schlecht werden wird. Andere werden sagen, dass Mutter Erde zufrieden ist.

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Ă„rmelloser Anzug sowie Jackett von Dior Homme, Weste von Thom Browne, Klauen- sowie Adlerhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay

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Der Letzte macht das Licht aus. Und am Ende der Nacht wieder ein bisschen an. Was aussieht wie der nat端rliche Gang der Dinge, ist vollkommen synthetisch. Pailletten, Gummi, Kunstleder. Und das alles in freier Natur. Von Thomas Lohr (Fotos) und Shandi Alexander (Styling)

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links: Anzug sowie Tanktop von Issey Miyake und Schuhe von Louis Vuitton rechts: Jackett von Hugo by Hugo Boss, Klauen- sowie Adlerhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay

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links: Kette als Weste von Bliss Lau, Hose von Thom Browne, Kreuzhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay rechts: Cape von Burberry, Hose von Issey Miyake, Kette als Weste von Bliss Lau und Halsketten von Pamela Love

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Jacke sowie Hose von Maison Martin Margiela, Tanktop von Ashish und Hose von Dries Van Noten

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links: Jacke mit Blumenapplikation von Adrienne Landau, 채rmellose Jacke von John Varvatos, beides in Rot, Klauen- sowie Adlerhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay rechts: Anzug sowie Hemd von Thom Browne

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links: Hemd von Jil Sander, Hose von Etro, G端rtel von Marc by Marc Jacobs, Klauen- sowie Adlerhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay rechts: Trenchcoat von Tim Hamilton, Hose von Prada, Pfeilhalskette von Pamela Love und Holzhalskette von Matthew Ronay

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Fotografie: Thomas Lohr (www.thomaslohr.com) Styling: Shandi Alexander (www.shandialexander.com) Stylingassistenz: Neysha Melissa Vázquez Haare: Damien Monzillo (www.kateryaninc.com) mit Produkten von René Furterer Hair Care Make-up: Samantha Trinh (www.ateliermanagement.com) Model: Francisco (www.fordmodels.com) Vielen Dank an Mila McKey 

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Die allerbeste Art, Liebeskummer endgültig loszuwerden, ist folgende: nicht an sich selbst zweifeln, sondern am Verflossenen und den miesen Sack selbstbewusst derart erotisieren, dass er sich fragt, ob er nicht einen verdammt großen Fehler gemacht hat. Von Markus Pritzi (Fotos) und Isabelle Thiry (Styling)

Top sowie Shorts von Prada und Schuhe von Costume National

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Oben: Kleid von Gemma Slack Rechts: Smokingjackett von Hermès, Unterhose von Tiger of Sweden und Strumpfhose von Wolford

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Unten: Pelzjacke von Vested und Badeanzug von H&M Rechts: Tanktop von Pringle of Scotland, Strapse und Unterwäsche vintage

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Oben: Kleid von Valentino und Armband von Hermès Links: Kleid von Minimarket und Schuhe von Hermès

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Fotografie: Markus Pritzi (www.pritzi.com) Styling: Isabelle Thiry (www.thiry.info) Fotoassistenz: Frank Müller und Zelinda Zanichelli Stylingassistenz: Hans Bussert Digital Service: D-i Services (www.d-i-services.com) Bildbearbeitung: PX1 Berlin (www.px-group.de) Haare & Make-up: Nadine Bauer (www.ballsaal.com) mit Produkten von Chanel Model: Anna Kozun (www.iconicmanagement.com) Vielen Dank an Sabrina Transiskus und an das Hotel Opéra München für die freundliche Unterstützung

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Richard Weize, der Mann mit der Latzhose, ist Gründer und Besitzer des besten WiederveröffentlichungsLabels der Welt. Im Bereich Country, Blues und Rock ’n’ Roll ist für jeden Musiker eine limitierte CD-Box der Bear Family die maximale Ehrung, die sein Werk erfahren kann. Zu Lebzeiten oder auch posthum. Im Herbst wird Bear Family Records  Jahre alt. Wir gratulieren. Von Gulliver Theis (Fotos) und Jan Schlüter (Text)

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Wer Richard Weize besuchen möchte, sollte auf jeden Fall ein Navigationsgerät dabeihaben. Der große, alte Bauernhof, in dem sein Unternehmen Bear Family residiert, liegt versteckt im Irgendwo zwischen Bremen und der Künstlerkolonie Worpswede. „In der Stadt könnten wir die Mieten gar nicht bezahlen, hier gibt es überall genug Platz.“, erklärt Weize pragmatisch seine Residenz in der musikalischen Provinz. Mit MailorderLager und Plattenpresse in der Umgebung hat er ein ganzes Imperium im niedersächsischen Vollersode gegründet. Richard Weize ist ein Bär von einem Mann. Die Latzhose trägt er aus Prinzip, schon immer, und weigert sich auch bei festlichen Gelegenheiten heftig, etwas anderes zu tragen. Dass dem Herrn irgendwie egal ist, was andere von ihm denken, erzählen schon der Teddy-Anstecker auf der Latzhose und die breite Haarspange im Silberzopf, die ebenfalls von drei Bären verziert ist. Denn auch sein ausgeprägter Bärenfimmel vermag nicht seine Autorität, die er von der ersten Sekunde an verströmt, zu schmälern. „Na, ihr seid ja pünktlich“, begrüßt er seine Besucher freundlich brummend. Das Bear-Family-Anwesen liegt idyllisch zwischen ausgedehnten Feldern am Waldrand. Im Hof eine Holzskulptur, die an das Ungetüm der Frankfurter Börse erinnert. Mit dem Unterschied natürlich, dass statt eines Bullen Bärenkinder zu Füßen der Bärenmutter Neewa sitzen. „Neben dem Ding werde ich sonst immer fotografiert“, bemerkt Richard, das lassen wir also schön bleiben. Wir beginnen mit einer Hausführung. Verschiedenste kleine Labels hat er über die Jahre aufgekauft und auch Kuriositäten wie alle Plattenhüllen der Polydor aus den er Jahren: „Weil die so schön scheiße aussehen.“ Stimmt. Drei Archive vollgestopft mit Platten aus Vinyl und Schellack, Bücher, Fotos, Negative, ein unglaublicher Schatz der Musikgeschichte. Name it, we got it. Auf Richards Bitte, einen Lieblingskünstler zu benennen, fischt er nach kurzem Zögern ein Bild von Curtis Mayfield aus einem der Rollcontainer. Wer hier nicht ist, hat, musikhistorisch gesehen, noch nicht genug geleistet. Auch die Wohnräume des Ehepaars Birgit und Richard Weize dürfen wir besichtigen: Und stellen fest, Birgit ist nicht nur Ehefrau, Musikkennerin, Kritikerin und wichtigste Mitarbeiterin des Hauses, sie hat es auch geschafft, dem bärigen Mann etwas entgegenzusetzen. Das Nilpferd. In allen Zimmern tobt ein tierischer Kampf. Hier die Bären und Teddys in allen Größen, Altersklassen und Materialien, dort die Flusspferde in gleicher Mannigfaltigkeit. Fehlt nur noch ein Label, Hippo Records vielleicht, in dem Birgit Weize ihre Leidenschaft, das Hörbuch, eigenständig ausleben könnte. Zum Interview setzen wir uns in die geräumige Diele des alten Bauernhauses. MUSIQUE

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„Als ich zehn Jahre alt war, habe ich meine erste Single gekauft. Ab da war ich infiziert. Ich bin am Harzrand in Bad Gandersheim aufgewachsen. Damals las man Bravo und so habe ich meine Informationen gesammelt. Eines Tages kam mein Freund Beppo vorbei und hat mir Songs von Jim Reeves und Don Gibson vorgespielt. Platten waren damals ja ziemlich selten, und dann brachte er diese kleine Sammlung von seinem Bruder mit, das war unglaublich. Ab  etwa habe ich angefangen, direkt von einem Großhändler in den USA zu kaufen. Die US-Import-LPs kosteten mich damals  Mark, aber im Laden haben die damals  Mark gekostet. Ich hab gleich immer mehrere bestellt und die an meine Freunde für  Mark weiterverkauft und mir so dann die eigenen Platten finanziert. Da war der Dollar noch bei  Mark . Ich habe sogar nur die Mono-Platten bestellt, die waren günstiger.“ Weil Richard Weize aber nicht daran glaubte, dass man von Plattenimporten leben konnte, ging er anderen Beschäftigungen nach. Er arbeitete in einer Eisengießerei, lernte Schaufensterdekorateur und zog als Weinhändler  nach England. „Ich hatte mich bei einem Weingut als Vertreter beworben und wurde genommen“, erzählt Weize. Aber schon  schlug seine Leidenschaft für Platten wieder durch. Richard Weize sah auf einer Verkaufstour durch London ein Ankündigungsschild für das Wembley Country Festival und fuhr hin. Weize dazu: „Da habe ich dann wieder angefangen zu sammeln und meine ersten Bootlegs gemacht, so drei oder vier Stück. Die wurden in Deutschland gemacht, aber in England konzipiert.“ Ein paar Jahre später ging es wieder zurück nach Deutschland. Weize, der selber gar keinen Alkohol trinkt, verkaufte immer noch Wein. „Ich hatte ein riesiges Bauernhaus gekauft und mich total verspekuliert. Danach hatte ich fast . Mark Schulden. Hedy West, eine befreundete Folk-Sängerin, hat mir dann zum Glück Geld geliehen. Dann hat mich das Weingut auch noch rausgeschmissen, da hatte ich gar nichts mehr.“ Bis auf eine Familie mit zwei Kindern wohlgemerkt, die ernährt werden mussten. „Das Einzige, wovon ich was verstand, waren Platten“, sagt Richard Weize. Und so besann er sich auf seine Jungentage zurück und begann mit einem Freund wieder Platten zu importieren und an Kunden zu versenden. Auf Neudeutsch also: Richard stieg ins Mailorder-Business ein. Als der Kollege später in die Politik wechselte, übernahm Richard Weize den Kundenstamm und etwa  Platten. „Das war .“ Zu viel Arbeit gesellten sich ein bisschen Glück und der richtige

Moment: „Es war gerade die Hoch-Zeit der Outlaw-Welle mit Johnny Cash, Willie Nelson und Waylon Jennings. Der Trend schwappte nach Deutschland, dadurch war mein Umsatz gesichert.“ Das war der Anfang der Bear Family. Richard Weize hatte es geschafft, aus seinem Hobby einen Beruf zu machen. Dass aus dem Mailorder-Versand eine richtige Plattenfirma wurde, erklärt Richard Weize so: „Ich hatte von einer kleinen US-Plattenfirma gehört, die von einem US-Major eine LP lizenziert hatte. Damals war das ein Ding der Unmöglichkeit, eine kleine Firma bekommt was von den Großen. Trotzdem versuchte ich das auch und erfragte von der CBS (heute Sony/ BMG) Material für Deutschland. Und es klappte. Ich habe dann zwölf Songs von Johnny Cash lizenziert, die weltweit in dieser Form nicht erhältlich waren. Die CBS hat diese Auflage dann gepresst, und ich musste . Stück abnehmen. Insgesamt . Mark hat das gekostet, das war viel Geld.“ Johnny Cash hatte Weize schon  in England kennengelernt. Es folgten eine lange Freundschaft und viele weitere Veröffentlichungen von alten und vergessenen Songs des Künstlers. Auch aus der Familie von Johnny Cashs Frau June Carter, der Carter Family. Nur einmal gab es Ärger mit der CountryLegende. Weize klärt auf: „Irgendwann dachte Cash, wir zahlen ihm keine Lizenzen. Aber das war die Schuld von Sony in Amerika.  hat sich das erst zwischen uns geklärt.“ Und tatsächlich schuldete seine Plattenfirma Sony Johnny Cash fast zehn Millionen Dollar. Weize erzählt vom letzten Treffen mit Cash: „Ich habe dann zu ihm gesagt: Du, ich habe das Gefühl, Du bist immer so muffelig. Gefallen dir meine Veröffentlichungen nicht? Da dreht er sich zu mir um, und Johnny war ein Riese von einem Mann, sah mir genau in die Augen und sagte dann: ,Das Beste, was von mir jemals veröffentlicht wurde, hast Du gemacht.‘“ Auf so ein Kompliment ist sogar Richard Weize stolz, auch wenn er nicht gerne von seiner Freundschaft mit einem der wohl berühmtesten Musiker dieses Planeten erzählt. Noch weiter in seiner Ehrerbietung ob Richard Weizes musikverlegerischer Leistung geht John Mangold, der Regisseur des Oscar-prämierten Films über Johnny Cash, „Walk the Line“. Mangold wandte sich in der Vorbereitung zu dem Film an Weize und erklärte hinterher: „Ohne die Bear-Family-Boxen wäre der Film nie zustande gekommen.“ Durch Richard Weizes akribische Arbeit und seine vehemente Sammelleidenschaft wurde Bear Family schnell die beste Wiederveröffentlichungsfirma der Welt. Mittlerweile blickt man MUSIQUE

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auf knapp . verschiedene CDs, LPs und DVDs zurück. Keiner gibt sich mehr Mühe bei der liebevollen Zusammenstellung, dem sorgsamen Wiederaufbereiten von altem Tonmaterial und der Gestaltung der Booklets. Weize sucht nach einem verlorenen Song auch mal sieben Jahre, wenn er meint, genau dieser Song müsse mit dabei sein. Ganze Bücher liegen oft den Boxsets bei, mit manchmal mehr als  Seiten und einer unfassbaren Bebilderung. So ein prächtiges und kiloschweres Boxset ist wie ein kleines Museum, das man hören und durchblättern kann. Dafür heimste Richard Weize verdienterweise diverse Preise der Tonträgerindustrie ein. Im letzten Jahr erhielt er dann endlich den Echo für sein Lebenswerk und seine herausragenden Leistungen. Weize erinnert sich gerne an den Anruf von der Deutschen Phono-Akademie: „Als die Dame anrief und sagte, ,Herr Weize, Sie bekommen den Echo‘, habe ich gesagt, ich ruf gleich mal zurück.“ Und nach nur drei Tagen tat er das auch und konfrontierte die Dame mit seinem höchst eigenen Humor: „An ,Verstehen Sie Spaß‘ nehme ich nur ungern teil.“ Auszeichnungen sind seine Sache nicht und schon gar nicht die oberflächliche und flüchtige Welt der Musikbranche. „Das war ja ein Erlebnis. Ich kam mit meiner Latzhose zur Verleihung nach Berlin, da haben die Typen in ihren schicken Anzügen aber gestaunt. Die Leute waren alle sehr nett, aber irgendwie sind die alle auf einer ganz anderen Ebene.“ Vielleicht ist aber auch Weizes Ebene eine ganz andere. Die Liebe und der große Sachverstand, mit denen er sein Unternehmen mit über  Mitarbeitern führt, sind unüblich geworden in der Branche. Seine grandiosen CD-Boxen macht Weize dagegen letztendlich für sich. „Ich bin ein bekloppter Sammler und muss das einfach tun. Wenn es Menschen gefällt, was wir tun, dann freut mich das natürlich.“ Das weiß man auch in den USA, und viele Kollegen warten darauf, dass Weize in seiner Latzhose endlich einen Grammy kassiert. In den USA sind Weize und die Bear Family längst eine Institution. Wissen die Angehörigen eines Künstlers nicht, wohin mit dem musikalischen Erbe oder mit Instrumenten, Noten oder Tonbändern, landen sie schnell bei Weize. So geschehen zum Beispiel mit dem Nachlass des Cadence-Labels. Bei Weize ist er in den besten Händen. Aber auch deutsche Größen finden in Vollersode ihre allerletzte Ruhe. Von den angeblich letzten Aufnahmen Hans Albers’, entstanden am Starnberger See, bekam Ulrich Tukur ein ominöses Tonband vom ehemaligen Chauffeur des verstorbenen deutschen Barden. Tukur leitete das Band an Richard Weize weiter. Beim 176

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Durchhören war allerdings eine Blaskapelle deutlich lauter zu hören als Alber’s letzte Lieder. Dass Richard Weize auch immer noch ein großer Musikfan ist, zeigt ein Erlebnis, das er mit Bob Dylan in Hamburg hatte. Das -jährige Groupie wünschte sich ein Autogramm von seinem nur wenige Jahre älteren Idol. „Dylan hatte seinen eigenen Psychiater dabei, und der führte mich zu meinem Platz hinter der Bühne. Er sagte mir auch rechtzeitig Bescheid, dass Dylan gleich von der Bühne ginge. Dylan schoss an mir vorbei, der Psychiater hielt ihn am Arm fest und stellte uns vor. Und dann habe ich mir von ihm ein Autogramm auf einen silbernen Fotokoffer geben lassen. Bob Dylan gibt ja sonst keine Autogramme! Und da Dylan deshalb auch nicht wusste, was er schreiben sollte, kopierte er einfach den Spruch von Willie Nelson – „once again“ – und schrieb „once again Bob Dylan“. Vielleicht schreibt Dylan ja zu guter Letzt einen Kommentar für eine neue Bear Family Box. Doch Richard Weize bleibt skeptisch und meint lapidar: „Wenn Dylan schlechte Laune hat, dann redet er mit keinem. Er ist ein sehr verschlossener Mensch. Würde er für mich was schreiben, dann wollen das andere auch. Auf so einen Trubel hat er einfach keine Lust.“ Es gibt eben auch für einen Richard Weize Künstler, die er einfach nicht kriegt. „Du kriegst die Beatles nicht und Elvis auch nicht. Oder Jimi Hendrix. Aber das meiste, was ich machen wollte, habe ich auch gemacht. Zum Beispiel haben mir The Doors persönlich mal ein Lied freigegeben. Das machen die sonst nie!“ Über die letzten dreieinhalb Dekaden hat Richard Weize viele rare Masterbänder archiviert und aufgekauft. Das hat sich rumgesprochen, und so rufen sogar amerikanische Major Labels bei Weize an, um verloren gegangene Master wieder zu finden. Und manchmal kann er helfen. Allerdings werden solche Anfragen immer seltener. „Die Leute in den Plattenfirmen haben an der „alten“ Musik immer weniger Interesse. Und die Leute, die mal Ahnung davon hatten, wurden fast alle rausgeschmissen oder sind in Rente gegangen.“ Doch wie sieht es mit neuen Talenten und frischen Künstlern aus? Wenn man so viele alte und oft schon verstorbene Künstler veröffentlicht hat wie die Bear Family, will man da nicht manchmal gerne junge Leute protegieren und begleiten? Dazu hat Weize eine klare Meinung: „Ich hatte nie mit jungen Künstlern zu tun, und ich habe auch keine Nerven dazu, Künstler aufzubauen. Dann müsste man auch viel Promotion machen, und dazu habe ich einfach keine Lust. Das ist nicht meine Welt. Außerdem erwarten die Leute, dass die Bear Family sich um die Vergangenheit kümmert. Irgendwer muss das ja tun.“


Fotografie: Gulliver Theis (www.gullivertheis.de) Danke an: Bela B., Birgit Weize, Konstanze Habermann und R端diger Ladwig

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Raumfahrzeug: 6 m Stahlblech zeigen würdevolle Größe.

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Autos und Tod sind eine schwierige Kombination. Außer, es handelt sich um Automobile, die einzig dazu gebaut wurden, Tote von A nach B zu schaffen. Schaurig-schöne Gesamtkunstwerke auf vier Rädern – geschaffen für die Ewigkeit. Von Jan van Endert (Fotos) und Michael Benzinger (Text)

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Seitdem Menschen das Ende ihrer physikalischen Existenz zugleich als Beginn einer neuen, „überirdischen“ Daseinsform begreifen, spielt der Transport des Leichnams zur Grabstätte eine zentrale Rolle bei der Bestattungszeremonie. Soll es der Verstorbene auf seinem Weg ins Reich der Toten doch so angenehm wie möglich haben. Die alten Ägypter haben ihre Toten in auf Schlitten montierten Barken zu Grabe gezogen, die in Honig gesalbten sterblichen Überreste Alexanders des Großen wurden in einem von  Pferden gezogenen,  m großen goldenen Prunkwagen von Babylon nach Alexandria überführt, und den sowjetischen Diktator Stalin kutschierte man nach seinem Ableben in einem gläsernen Sarg durch Moskau. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen der unbedingte Glaube an Himmel, Hölle und Fegefeuer. Geblieben ist der Wunsch nach einem adäquaten, stilvollen Leichentransportmittel. Gut, dass es auch heute noch Menschen gibt, die diesen Wunsch erfüllen können. Menschen wie Ingo Rappold. Ingo Rappold ist Perfektionist. Ein Umstand, der den Erzeugnissen seiner gleichnamigen Karosseriebaufirma zu einer gewissen Berühmtheit verholfen hat. Ein Rappold – da schnalzt der Kenner mit der Zunge. Und doch ist der Name Rappold nur den wenigsten Deutschen ein Begriff – auch wenn die meisten wohl irgendwann einmal mit einem Fahrzeug des Wülfrather Unternehmens fahren werden. Oder besser: gefahren werden. Denn Rappold ist Marktführer einer fast totgeschwiegenen Branche: die der Bestattungswagenhersteller, im Allgemeinen meist leicht despektierlich „Leichenwagenbauer“ genannt.

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Bis zu 700 Stunden Handarbeit stecken in einem Fahrzeug.

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Ein Beruf, den Ingo Rappold mit jeder Faser seines Körpers lebt und liebt. Und das schon seit fast  Jahren, seit er damals den elterlichen Betrieb von seinem Vater übernahm. Denn Bestattungswagen baut man bei Rappold seit . Und das in einer solch überragenden Qualität, dass noch heute einige Exemplare aus den ersten Fertigungsjahren im aktiven Dienst tätig sind. Das Besondere an einem Rappold-Bestattungswagen ist die handgefertigte Karosserie in Ganzstahlbauweise. Auf Basis einer Mercedes E-Klasse werden die Karosserieteile am Computer durchkonstruiert und mit den original Herstellerdaten abgeglichen. So ist es möglich, absolut hochwertige Karosserien aus präzise gefertigten Einzelteilen herzustellen. Und das in einer Formensprache, die der des zum Leichenwagen umgebauten Jaguar E-Type im Filmklassiker „Harold and Maude“ in nichts nachsteht. Landau, Heidelberg oder Skylight Panorama – Namen, die in all ihrer Unverbindlichkeit für Fahrzeuge stehen, die den Spagat zwischen morbider Romantik und zeitloser Eleganz mühelos bewältigen. Und denen die Branche respektvoll Anerkennung zollt: Im Jahr  wurde Rappold mit dem International Funeral Award ausgezeichnet.

Das Modell Heidelberg ist 5,5 m lang und bietet Platz für zwei Särge.

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Unter den j채hrlich fast 100 hergestellten Fahrzeugen finden sich echte Exoten. So zum Beispiel eine E-Klasse mit rundum verglastem Aufbau f체r einen Kunden in Estland. Auch der Wunsch eines japanischen Bestatters blieb nicht unerf체llt: ein komplett mit Leder bezogenes Fahrzeugdach. Halleluja!

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Klassische Eleganz auch für Sonderkraftfahrzeuge.

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Auf Anfrage sind selbstverständlich auch Sonderwünsche jeglicher Art möglich, schließlich exportiert Rappold einen Teil seiner Fahrzeuge in den boomenden Markt in Nah- und Fernost. Die mittlerweile leider gänzlich ausgestorbene Sitte der Dienstleistung am Kunden steht hier eben noch ganz oben auf der Agenda. Auch wenn derjenige, um den sich letzten Ende alles dreht, die Leiche nämlich, von dem ganzen Zauber nicht mehr viel mitbekommen wird, ist es doch beruhigend zu wissen, dass man die letzten Meter bis zur endgültigen Ruhe in einem von Hand gefertigten deutschen Qualitätsprodukt zurücklegt. Oder wie schon mein – verstorbener – Großvater beim Anblick eines durch die Straßen unseres Vororts gleitenden Leichenwagens augenzwinkernd zu sagen pflegte: Irgendwann mal fährt jeder Mercedes.


Fotografie: Jan van Endert (www.van-endert.com) Fotoassistenz: Benno Teubner

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Die Glasglocke wird über den geöffneten Sarg gestellt, falls die Angehörigen den Verstorbenen noch einmal sehen möchten.

In Deutschland sind gegenwärtig 46 % aller Bestattungen Einäscherungen. In Großstädten sind es sogar mehr als die Hälfte. Zum einen aus Kostengründen, zum anderen auch, weil der Gedanke der Verwesung in der Erde zunehmend als unhygienisch empfunden wird. Wie aber sieht es aus in einem Krematorium? Und wie funktioniert eine Einäscherung? Der Fotograf Jannis Chavakis hat sich im Berliner Krematorium Baumschulenweg, einem der modernsten Europas, mit gebotenem Respekt umgesehen. Von Jannis Chavakis (Fotos)

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In der Einlieferungshalle stehen Rolltische, auf die die Särge gestellt werden. Durch die Strichcodierung über den Tischen werden die Särge digital erfasst.

In der antiken Vorstellung überquerten die Toten den LetheStrom, den Fluss des Vergessens, ehe sie in das Land der Schatten kamen. Später, im Mittelalter, drängten sich die Gräber auf dem Kirchhof, um den Toten am Tag des Jüngsten Gerichts den kürzesten Weg in den Himmel zu weisen. Den Tod fassbar machen, ihn verstehen konnte der menschliche Geist jedoch nie. Der Glaube ist eine Art Klettergerüst für Trauernde. Kaum eine Epoche tut sich so schwer mit dem Sterben wie die unsrige. Wir fürchten den Tod. Er scheint nicht in unsere schnelle und säkularisierte Wirklichkeit zu gehören. Mehr als 30.000 Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Konfessionen sterben jährlich in Berlin. Sie alle haben andere Vorstellungen von einem Ort des Abschieds. Das Krematorium am Berliner Baumschulenweg, entworfen von Axel Schultes und Charlotte Frank, ist eine Reaktion darauf. Mit 13.000 Einäscherungen jährlich ist es das größte in der Hauptstadt und ein Grenzfall: eine Mischung aus modernem Besinnungstempel und kühlem Zwecksystem. Ein moderner Dom aus Glas, Beton und Licht. Dort soll getrauert werden, sollen die Menschen in hellen Säulenhallen und hinter Aluminiumlamellen wieder zu sich finden, sollen sich erinnern. Ist es ein Ausblick auf das Land ohne Wiederkehr, ein Ort der Besinnung? Oder doch nur die Flucht vor dem Unausweichlichen in einer Gesellschaft, in der Manieriertheit bis an das Ende geht? Ein Krematorium ist aber auch ein funktionaler Ort. Für die Öffentlichkeit nicht sichtbar, weil im Untergeschoss eingebaut, sind die Bestandteile des Krematoriums, die es eigentlich so teuer machen: drei Kremierungsanlagen sowie das

vollautomatische Sarglager. Im Sarglager Baumschulenweg können gleichzeitig 652 Särge verwahrt werden, unter anderem in 24 Sonderkühlzellen. Eingeäschert werden kann nur, wer in einem Sarg eingebettet ist. In den Sarg wird ein feuerfester Stein mit einer Registrierungsnummer gelegt. Dieser Stein wird nach der Einäscherung mit in die Urne gegeben, damit die Asche jederzeit zweifelsfrei zugeordnet werden kann. Krematorien unterliegen sehr strengen Abgasvorschriften, dem sogenannten Bundesimissionsschutzgesetz (BImSchG). In der Nachverbrennung werden bei Temperaturen von weit über 1.000 °C belastende Stoffe neutralisiert bzw. bei der Rauchgasfilterung über Additive gebunden. Dadurch wird sichergestellt, dass weder Geruch noch Rauch ausgestoßen werden. Von den Toten bleibt also tatsächlich nichts weiter als eine Urne, gefüllt mit Asche. Und natürlich Erinnerungen an den Verstorbenen und die Hoffnung, dass die Seele an dem ein oder anderen Ort Zuflucht gefunden hat.

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Ein Roboter legt einen Sarg vor den Ofen.

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Oben links: Hohe Säulen prägen den Eingangsbereich des Krematoriums. Oben Rechts: Ein Sarg hängt an einem Kran vor der Einlieferungshalle auf der Rückseite des Krematoriums. rechts: Um Verwechselungen der Asche auszuschließen, liegt jedem Sarg bei der Verbrennung ein nummerierter Stein bei. Unten: Ein Sarg steht in der Kühlhalle im Regal.

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Oben: Die gef端llten Urnen werden in einem kleinen Raum bis zur Beerdigung gelagert. Rechts: Alles, was nach der Verbrennung vom Menschen 端brig bleibt, wird gesammelt und verschrottet.

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Fotografie: Jannis Chavakis (www.chavakis.de)

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Ich spreche von der Situation vor dem Absprung. Diese ist, ungeachtet der psychologischen Motivierung, der seelischen Kausalzusammenhänge, an deren Ende der unbeschreibliche Akt steht, fundamental in allen Fällen die gleiche. Der Suizidant oder Suizidär – denn hier kommt es nicht darauf an, ob der Tod eintritt oder nicht – schlägt mit seinem Kopf den rasenden Trommelwirbel gegen die anrückenden Wände und stößt schließlich mit diesem dünngewordenen und schon wunden Schädel durch die Mauer. Er mag in großer Serenität den Freitod geplant haben als einen, wie die einschlägige Wissenschaft es nennt, „Bilanz-Suizid“; er mag unter dem jähen Druck einer ihm unerträglichen äußeren Lage zu dem getrieben worden sein, was als „Kurzschluß-Selbstmord“ bezeichnet wird; der Suizidär mag im Zustand von Trauer und Melancholie lange schon hingedöst haben oder, im Gegenteil, noch wenige Stunden zuvor, zeugenschaftlich belegt, guten Mutes gewesen sein – der Moment vor dem Absprung macht alle Unterschiede irrelevant und stellt eine aberwitzige Egalität her. Differenzen sind allemal Sache der Angehörigen oder auch der Wissenschaft. Diese spricht, wenn es beispielsweise um den Fall unserer Hausgehilfin geht, von „unbeträchtlichen Anlässen“. Was weiß sie? Alles, was man von außen wissen kann, das heißt: nichts. Ich kannte einen Mann, der wegen einer ehelichen Szene eine ausreichende Anzahl von Schlaftabletten einnahm, durch puren Zufall „gerettet“ wurde, vierundzwanzig Stunden im Koma lag und heute noch lebt. Man schleppte ihn zu einem befreundeten Neurologen, der weise sagte: Denken Sie doch daran, daß derlei Dinge, Ehekrachs, Tränen, Versöhnungen, ins Gebiet des Vaudeville gehören. Dem Mediziner war eine Bagatelle entgangen: Was Vaudeville sein soll, und was Tragödie, entscheidet der Autor. Die Situation vor dem Absprung, die manchmal nur einen Augenblick währt, ein andermal aber auch zu qualvollen Stunden sich hinzieht, löscht mit allen anderen Unterschieden auch den des Ranges aus: dann macht die Hausgehilfin die gleiche heroische oder jammervolle Figur wie ein großer Dichter, ein berühmter Psychologe. Die vielleicht einfältige Person, die da vor vielen Jahrzehnten aus dem Fenster sprang, werde ich nicht los. Wie begann das? Mit „Zwei Märchenaugen, wie die Sterne so schön“, schmelzend gesungen und im Kopfhörer, mit dem sie allein auf ihrem

schmalen Bettrand saß, leise wiedertönend. Undenkbar, dieser zärtlichen Lockung Willen entgegenzustemmen. Vielleicht hat sie über die Funkanstalt der herzaufweichenden Stimme geschrieben und keine Antwort erhalten. Mag sein, sie hat in irgendeinem Papierwarenladen das Photo des Künstlers gefunden, eines Mannes mit ölglatt am Kopfe klebenden schwarzen Haaren, weichen Wangen und gegenstandslos-süßem Lächeln. Sie liebt, wird nicht wiedergeliebt, es kann nicht weitergehen mit dem bloßen Zuhören. Die Welt wird, wenn nicht der Arm des Mannes im Smoking sie umfängt, zu einer Welt der Tortur und des Wahnsinns. Wem immer sie davon spricht, dem Mädchen von der Nebenstiege, dem Fleischerburschen, es ist das nämliche: man hört nicht hin. Sie sagt, ich kann nicht mehr. Sigmund Freud sagte: Das ist jetzt nur noch Quälerei. Vor dem Absprung finden sie sich – und wagt da jemand ein ironisches Lächeln oder ein gelehrtes Wort? Dieses entziehe ich auf der Stelle einem jeden, und habe er sich glänzend ausgewiesen durch suizidologische Veröffentlichungen. Mitreden darf nur, wer da eingetreten ist in die Finsternis. Er wird nichts herausfördern, was im Lichte draußen als nützlich erscheint. Es wird ihm das aus der Tiefe Hervorgeholte im Tage zwischen den Fingern durchlaufen wie feiner Sand. Daß dennoch er, und nur er, auf dem rechten, das heißt: dem Ereignis entsprechenden Wege war, wird jeder Suizidär ihm bestätigen, wenn er bei sich bleibt, sich nicht selbst verleugnet. Angenommen sei gern, man hätte die Köchin oder Pavese oder Celan gerettet, in Therapie genommen, und einhellig hätten alle drei bekundet, sie wären nur augenblicksweise verstört gewesen, nun sei alles gut. Vergeben, vergessen. Erfüllt seien sie nun von Dankbarkeit gegenüber den rettenden Händen und den aufklärungsreichen Worten. Freunde, das Leben ist doch schön. Aber was beweist dies? Doch wohl nur, daß sie nach erfolgreicher Therapie andere Menschen sind, nicht aber, daß sie bessere, würdigere wurden. Hier ist, meine ich, der Temporalität und der Historizität Einhalt zu gebieten. Jean Barois, Titelheld des Romans von Roger Martin du Gard, schrieb im Alter von vierzig Jahren ein Testament: Er wünsche kein christliches Begräbnis, denn jetzt, im Vollbesitz seiner moralischen und intellektuellen Kräfte bekenne er sich als Atheist, und was er später, in herabgesetzter Verfassung, sagen oder tun werde, dürfe nicht gelten. Jean Barois, als alter und kranker Mann, ließ in der Sterbensstunde den Pfarrer kommen. Wer war nun der Eigentliche? Wo es mit Temporalität und Historizität gehalten wird, dort muß es logischerweise heißen: Jean Barois war der sterbende alte Mann, der um den Priester bat, denn alle voraufgegangenen Lebensmomente hätten sich aufgeschichtet in ihm, hätten in der Schichtung einander durchdrungen, jegliche spätere habe alle je früheren assimiliert und damit verwandelt. – Ich sage nicht dezidiert, daß dies nicht so sei, wiewohl meine persönliche Sympathie dem in Kräften stehenden Vierzigjährigen gehört. Ich sehe ab von dieser meiner persönlichen Neigung und gebe nur zu bedenken, OBJET TROUVÉ

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daß jeder zeitliche Abschnitt unserer Existenz, ja de facto jeder Moment, seine eigene Logik und eigene Ehre hat, daß der zeitliche Reifungsprozeß zugleich auch ein Sterbensprozeß ist und daß denn also mein armes Hausmädchen möglicherweise später niemals den gleichen Grad von Authentizität erreicht haben würde wie damals, als sie aus dem Fenster sprang. Hat also die große Liebe sie geadelt? Unsinn. Sie hat sie nur voll erfüllt, hat ihrer Existenz eine Densität verliehen, die ihr später beim braven Mann und inmitten fröhlicher Kinderschar kaum noch vergönnt gewesen wäre. Am extremsten und hierdurch wahrsten lebte sie im Moment des Absprungs. (…) Ich bin abgekommen vom Gegenstand, aber nicht weit genug, um nicht den Faden wiederaufnehmen zu können. Denn wenn hier Irresein und Gesellschaft ins Gespräch kamen, so konnte dies ja nur geschehen, weil eben die Gesellschaft im Suizidär grosso modo einen Narren oder Halbirren sieht, weil sie nicht einzutreten vermag in seine geschlossene Welt. Gerade dies aber soll hier versucht werden – soweit die Mittel der Sprache reichen. Wir sprechen vom échec* und vom Weltekel, der den Todesekel mit umgreift. Beide sind Phänomene, denen die Wissenschaften Psychologie und Psychiatrie ihre Dignität geraubt haben. Sie stellen sie hin als Krankheiten, wohlwissend und einverständlich, daß Krankheit Schande ist. (Wer kennte nicht den Mann, der einen kleinen Schlaganfall erlitt, dies aber fürsorglich und hartnäckig verbirgt, so gut, so schlecht es geht?) Die Forschungszweige meinen, sie wüßten manches über die für sie krankhaften Zustände von Weltekel und échec. In Wahrheit kennen sie nur Verhaltensweisen. Nicht mehr, als Konrad Lorenz von seinen lieben Graugänsen versteht, wissen sie vom Menschen. Da ist der Melancholiker. Seine Maske ist starr, ausdruckslos oder schmerzlich. Der „Patient“, denn geduldig muß er wohl sein angesichts der lächerlichen Wichtigtuerei, die um ihn herum veranstaltet wird, zieht sich aus der Welt zurück. Nur selten geht die Wissenschaft einen kleinen Schritt über behavioristische Konstatierung hinaus, beziehungsweise löst sich von vorgegebenen hypothetischen Spekulationen. Dann liest man Sätze wie diesen: „Die Vergangenheit war unwürdig, die Gegenwart ist schmerzhaft, die Zukunft nichtexistent“ (L. Colonna in der Veröffentlichung „Suicide et nosographie psychiatrique“). Irgendeinmal versucht dieser aus dem Patienten zum Ungeduldigen gewordene Mensch den Suizid. War ihm wirklich seine Vergangenheit unwürdig? In seinem Sinne gewiß: im Gefühl des échec summiert er alle Mißerfolge seiner Existenz. Das ergibt schon ein erdrückendes Resultat. Andererseits aber waren alle Demütigungen, die er erlitt, alle Leiden, die man ihm zugefügt hat, die enttäuschten Hoffnungen, ja doch ein Stück von ihm: er trennt sich schwer von ihnen; der von Freud festgestellte „Trennungsschmerz“ tut ihm wehe, wenn er vor einer Zukunft, die freilich nur er als neues Erleiden voraussehen kann, davonrennt, geradenwegs in die verborgene Nichtexistenz, den Tod, der nunmehr für ihn der einzig natürliche Ausweg ist: er hat weder Zeit noch Lust, zu warten auf ein Sterben, das als „natürliches“ kommt und von dem er weiß, daß sein agonisierender Leib sich ihm blöde und hoffnungslos entgegenbäumen und blähen wird. Wie krank ist der Melancholiker? Wie krank ist der Depressive? Ich habe keinen Beruf,

* Échec: französischer Begriff für Misserfolg, Fiasko, Schlappe.

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keine Qualifikation, hierüber so zu reden, daß mein Diskurs von wissenschaftlichen Instanzen angenommen, ja nur angehört würde. Mir scheint nur, nach allem, was ich gelesen und selber erfahren habe, daß die Grenzen von psychischer (und, beiläufig, körperlicher) Gesundheit gegen den Bereich der Krankheit stets willkürlich und nach dem jeweils in Geltung stehenden Bezugssystem der Gesellschaft gezogen werden. Wie krank waren die Visionäre, die Mystiker, die Ekstatiker? Wie gesund die von Schopenhauer also benannten Vielzuvielen, die da unter Anrufung des gesunden Menschenverstands je und je den himmelschreiendsten Widersinn von sich gaben? Erst gestern las ich von einem französischen Minister des Königs Louis Philippe, der gesagt habe, es sei höchst gesund für Arbeiterkinder von acht Jahren, zehn bis zwölf Stunden am Tage in Manufakturen zu arbeiten, anders würden sie in ihrer Freizeit Allotria treiben. Der Mann war für unsere Begriffe ein Schurke oder geisteskrank: seinen Mitbürgern und Zeitgenossen erschien er als ein unanzweifelbar vernünftiger Mensch: auch als ein humaner. Hatte er nicht die Gesundheit der Kinder im Auge? Wie krank, frage ich mich, bin ich selber, weil ich des Tabakgenusses mich nicht enthalten kann, der mir ärztlicherweise längst untersagt wurde? Wie krank bin ich, wenn ich versuche, mitten im Leben vom Tode mich umfangen zu lassen und die absurde Todeslogik einer nicht weniger absurden Lebenslogik als gleichberechtigt an die Seite zu stellen? Sehe ich richtig, beginnt geistige Krankheit erst dort, wo jemand dem Ganzen der Erfahrung Fehlurteile voransetzt, wo er behauptet, er sei, was er nicht ist, sei gewesen, wo er niemals war, sei schon gestorben, wo er doch in der Tat noch lebt. Der Depressive oder der Melancholiker, für welchen „die Vergangenheit unwürdig, die Gegenwart schmerzhaft, die Zukunft nichtexistent“ sind, wie der Fachmann seinen Zustand beschreibt, ist so wenig krank wie der Homoerotiker. Er ist nur anders. Die Wissenschaft meint, er habe alle Proportionen verloren, ein belangloser Zwischenfall werde von ihm durch psychischen „blow-up“ aufgetrieben, ein Ameisenhaufen sei ihm ein Berg. Der logische Unsinn solcher Aussagen liegt auf der Hand. Das „Ding“ (der Ameisenhügel in unserem Beispielsfalle, bzw. der Berg) ist niemals etwas anderes als Zweckkonstruktion. Ein Tisch ist für mich ein Tisch dann und nur dann, wenn ich ihn als solchen benutze:


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an ihm arbeite, auf ihm mir meine Speisen serviert werden. Er ist kein Tisch im umgangssprachlichen Sinne mehr, wenn ich ihn stets nur als Hilfsleiter gebrauche, um meine Zimmerwand zu bemalen. Und durchaus kann ich auch in De-facto-Situationen kommen, wo der Ameisenhaufen mir zum Berg wird, so etwa, wenn ich platt am Boden liege und mit zusammengekniffenem Auge die dort eilig auf und ab trabenden Termiten beobachte. Die „Proportionen“ werden von der Gesellschaft gemessen. Aber außerdem hat noch jeder sein eigenes Maß zur Hand. Mein Urteil, sofern es nicht das Total aller Erfahrung in Frage stellt, muß schließlich als das gültige anerkannt werden. Ich bin befugt zu sagen: Der Zwischenfall, der euch belanglos erscheint, mag es ja für euch sein, das leugne ich nicht; für mich aber ist er ein entscheidendes Lebensereignis, entscheidend genug, daß ich mir seinetwegen den Tod gebe. Den natürlichen Tod. Dieser ist mir natürlich nicht nur, weil ich den umgangssprachlich als natürlichen Tod bezeichneten geistig nicht verarbeiten kann, sondern auch, weil ich mich einem gesellschaftlichen Urteil über mein Sein und Tun zu unterwerfen nicht gesonnen bin. Es ist dieses ja wesentlich durch Funktionalität bestimmt. Wer als Melancholiker seiner Berufstätigkeit nur mit Widerwillen und darum unzulänglich, schließlich gar nicht mehr nachgeht, nur am Bette kauert und die Dinge an sich herankommen läßt, ist für die Gesellschaft nicht brauchbar, funktioniert nicht. Die Sozietät muß also danach sehen, daß man ihn „heile“, durch psychotherapeutisches Herumgerede, durch Elektroschocks, durch chemotherapeutische Behandlung, und wenn all dies nicht hilft, ihn aus- und einsperre. Erst einmal im Narrenturm, ist er unsichtbar, stört nicht, ist außerdem so gut bewacht, daß der Freitod ihm nicht gelingen kann: so hat die Gemeinschaft der Tätigen ein gutes Gewissen. Einspruch. Ich stehe nicht an zu sagen, daß hier die soziale Justiz nicht nur einen Irrtum begeht, der noch verzeihlich wäre, sondern eine Untat, deren sie sich vage bewußt sein muß. Herumgerede und Schocks und Präparate stehen hier im Begriff, einen, der anders war, von sich heraus, zum Noch-Anderen zu machen. Ein Ich, einem Menschen oktroyiert, welches nur das fragwürdige Produkt äußerer Eingriffe ist, die ihm seinen Eigen-Interessen entfremden. Es nehmen, dies ist wahr, äußere Eingriffe auch der Dentist, der Chirurg vor, und kein vollsinniger Mensch wird behaupten wollen, es dürfe ein entzündeter Blinddarm nicht operativ entfernt, ein periostitischer Zahn nicht extra-

hiert werden. Aber Eingeweide und Zähne sind, auf die Person des Kranken bezogen, die Außenwelt: wem ein Blinddarm entfernt wird, dem stößt nichts Schlimmeres zu als einem, der aus einer Wohnung, in der ihn Lärm stört, in eine andere übersiedelt. Hier ist es die res extensa, die alteriert wird, zum Guten. Wo aber die Depression, die Melancholie angegangen, wo gar ein Freitod-Projekt vereitelt wird, dort geschieht der res cogitans ein Leids, ein übleres, als trübste Seelenverfassung es jemals sein kann. Daß allenfalls der „Geheilte“, wenn er erst selber nichts mehr weiß und stumpfsinnig funktioniert, dankbar sagt, es habe Dr. Soundso ihm ein Medikament verschrieben und seither sehe er die Welt wieder im rosigen Licht, meint gar nichts. Da plappert einer, dem man andere Rede untersagte. Läuft also zu schlechter Letzt alles auf den Kampf zwischen dem Ich und den Anderen, dem Individuum und der Gesellschaft hinaus? Ja und Nein. Der Konflikt wird ausgefochten oder beigelegt, zugunsten der Gesellschaft allerwegen, es ist ja klar: sie bildet dem einsamen Ich gegenüber die erdrückende Mehrheit. Wer aber erst so weit ist, daß er das Majoritätsurteil von sich weist, da er die Unüberschreitbarkeit der Kluft von Individualität und Funktionalität einerseits, von subjektiver Befindlichkeit und intersubjektiver Konstatierung andererseits eingesehen hat, wird diesem Urteil gegenüber zwar nicht blind feindlich sein (dann wäre er irrsinnig), wird aber recht wohl es einschränken und seine Verbindlichkeit nicht als allgemein und unwidersprechlich anerkennen. Er hat die Widernatürlichkeit des natürlichen Todes vorausgespürt: also kann er dem Suizidär und Suizidanten das Recht auf die Natürlichkeit des von ihnen frei gewählten Todes nicht länger absprechen. Damit ändert sich radikal das Gesamtbild der Welt. Der Tod, der uns alle umfängt zu jeder Stunde, ist nicht mehr „le faux“, als das Sartre ihn logisch schwer angreifbar, aber human unzulänglich bezeichnet hat. Auch das Todesantlitz trägt andere Züge. Der Tod kann nicht verdrängt werden, weil er nicht verdrängt werden darf: ein neuer Humanismus, der das Prinzip Hoffnung als gerechtfertigt ansieht, zugleich aber das in sich widersprüchliche und dennoch unausweichliche Prinzip Nihil anerkennt, erscheint vor unserem Horizont. Der Suizidär wird zur ebenso beispielhaften Figur wie der Held. Der Weltflüchtling ist nicht schlechter als der Welteroberer – vielleicht sogar um eine Spur besser. Wo die ihr wechselndes und doch im Sinne der Funktionalität ewig gleiches Gesetz aufstellende Majorität nicht mehr das letzte Wort hat, wirft der Mensch der Einsicht und umfassenden Toleranz das seine in die Waagschale. Nun ist der Suizid so wenig Schande mehr wie Armut und Krankheit. Er ist nicht mehr die Un-Tat eines verdüsterten (im Mittelalter hätte man gesagt, eines von Dämonen besessenen) Gemüts, sondern Antwort auf die drangvollen Herausforderungen des Daseins und namentlich des Zeitvergehens, in dessen Strom wir mitschwimmen und uns selber ertrinken zusehen; Stück um Stück unseres Ich wird schon weggeschwemmt, wenn die Erinnerungen verblassen und die Realität unserer Person schließlich in einen Strudel gerät, der sie in die Untiefen reißt. Was ist der Suizid als natürlicher Tod? Das schmetternde Nein zum schmetternden, zerschmetternden échec des Daseins. OBJET TROUVÉ

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Der Händler hat sich umgebracht? Es war besser, als die Schmach auf sich zu nehmen und zu warten, daß die Gesellschaft seine Wechselmachenschaften vergesse. Der durchgefallene Abiturient hat sich erschossen? Er war darum kein misfit, im Gegenteil, beugte der Drohung vor, daß er einer werde. Ein Melancholiker zog Konsequenzen aus seiner düsteren Weltschau, von der niemand sagen darf, daß sie eine verkehrte war. Wir wollen ihm zumindest zugestehen, daß er rational gehandelt hat, nämlich seiner eigenen und unveräußerlichen Ratio entsprechend. „Man muß schließlich leben“, sagen die Leute in ihrer Leuteweisheit. Man muß nicht, muß dies um so weniger, als ohnehin alles darauf hinausläuft, daß wir irgendeines mit Sicherheit heraufkommenden Tages nicht mehr leben müssen, sondern nicht leben dürfen. Ist ein Schnitter, der heißt Tod. Da kann ein jeder die Sense zur Hand nehmen und sie selber schwingen. Der Metapher Grenzen sind schon erreicht. Man kann sich nicht selber hinmähen. Aber nicht leben dürfen: dies wird Gebot dort, wo Dignität und Freiheit der Widernatur des Lebens zum Tode, des Lebens im échec das Unwesen verbieten. Das Subjekt entscheidet in voller Souveränität für sich, was nicht heißt: gegen die Gesellschaft. Der Einzige kann ein Eigentum, das nie wirklich sein eigen war, zerstören um der Eigentlichkeit willen, nach der es ihn verlangt. Er legt Hand an sich. – Hiervon des weiteren. (…) Ich denke, also bin ich: Am Sinn dieses Satzes kann man zweifeln. Kein Geringerer als Wittgenstein hat es getan. Ich sterbe, also werde ich nicht mehr sein: daran kann nicht gerüttelt werden, es ist der Fels unserer subjektiven Wahrheit, die zur objektiven wird, wenn wir im Aufprallen zerschellen. Weiteres Argument dafür, daß der Freitod in seiner Widersprüchlichkeit der einzige Weg ins Freie ist, der uns offensteht. Er ist absurd, nicht aber närrisch, da doch seine Absurdität die des Lebens nicht mehrt, sondern verringert. Das mindeste, was wir ihm rechtens zubilligen dürfen, ist die Zurücknahme aller Lebenslügen, die wir erlitten und nur kraft eben der Lügen zu erleiden vermögen. Manchmal meine ich, der Suizid müsse weniger absurd sein vor allen jenen Toden, von denen man meint, sie seien eine Passage, ein Durchgang zum Absoluten, wie er sich versinnbildlicht in gewissen präkolumbianischen Skulpturen, die kleine Tore, eigentlich nur längsschlitzige Öffnungen haben – dahinter steht nichts mehr. Durchgänge also von nichts nach nichts. Ästhetische Spielerei, einem drangvollen Verlangen freilich nachgebend. Solchem Verlangen kann kein sprachlich ausdrückbarer Gedanke mehr entsprechen, und wenn ich die Gedankenkette weiter schmiede, muß ich erkennen, daß das „Absolute“ nur ein Wort ist. Keine vorstellbare Realität entspricht ihm, nur die des irrealen, des irrealisierenden Bedürfnisses. Es ist kein Staat damit zu machen. Einer sagt, er ersehne etwas, doch wisse er nicht was, außer daß er sich wegsehne von etwas, das in seiner Etwaigkeit nun freilich als Bedrängnis von jedermann erfahren wird. Ein anderer spricht uns von seinem Hingezogensein zu Gott, er werde nach dem Tode in dessen Nähe kommen. Befragt nach dieses Gottes Wesensmerkmalen, verweigert er die Auskunft, einem Beschuldigten gleich, der vor dem Untersuchungsrichter Gebrauch macht von seinem Recht, nichts auszusagen, was ihn und seine Sache belasten könnte. Allein damit belastet er sich allerdings schon: Der Richter nimmt die Verweigerung zur Kenntnis, als sei sie Selbstanklage. Der Begriff Gott, anschauungslos und darum leer, ist nicht besser als das Absolute, und mit dem Herrn

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als dem Garanten für der Aussage guten Sinn kann niemand auftrumpfen. Der Kontrahent, wenn er sagt, es sei das Leben als Leben-zum-Tode absurd, es erwecke Ekel in seiner LügenOpazität, die Todesneigung sei die einzige Haltung, die der Seinslast gemäß sei, und der Gott des Anderen sei vorstellbar nur als Demiurg, und der Freitod als Entschluß und Akt, wenn auch nicht als Ergebnis, sei Antwort auf alle unlösbaren Fragen, die gestellt werden dürfen auch ohne Hoffnung auf Antwort – er ist in besserer Position als der Mann Gottes und des Absoluten. Der wartet ergeben, bis der Schnitter kommt in irgendeiner von den vielen ganz abscheulichen und unzumutbaren Gestalten, in denen sich zu verkörpern es ihm gerade beliebt. Der schnelle Herztod ist die freundlichste. Aber die Gehirnerweichung, an deren Ende die Lähmung des Respirationszentrums steht? Aber der Krebs, dessen Metastasen das Leben als „Reizwucherung des Seins“ greifbar und in gräßlichen Schmerzen fühlbar machen? Aber der Streik der Nieren, der nur gebrochen werden kann von streikbrecherischen Geräten, so daß ein atmender Kadaver auf einem Hospitalbett liegt und röchelt? Ich weiß, daß, was Schopenhauer so dumm nicht, wenn auch begrifflich ausgezerrt bis zur Auszehrung, den Willen genannt hat und was als Trieb zur Ich- und Arterhaltung uns alle leben und aushalten macht, so daß der höchst ungleiche, weil von vorneherein schon verlorene Kampf ausgefochten wird bis zum Ende, so machtvoll ist, daß er die Absurdität des Daseins zwar nicht ausgleichen, doch wohl verdrängen kann. Ich weiß, daß dieser Wille unseren Respekt fordert. Wer ihm gehorcht, der verwirklicht die Natur, ist Vollstrecker des obersten Seinsgesetzes. Wahnsinnig bis verbrecherisch wäre, wer da zum Weg ins Freie aufriefe. „Man muß doch leben“, heißt es, und „Man will leben“ ist die Tatsache, vor der wir stehen.

Artwork: Axel Peemöller (www.axelpeemoeller.com) und Paul Marcus Fuog (www.co-oponline.net.au) Auszug aus:. Jean Améry, „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ (Erstausgabe 1976) In: Werke (herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard) Band 3 (herausgegeben von Monique Boussart) – Klett-Cotta, Stuttgart 2005


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Jackett und Shorts von Lanvin

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Sigmund Freud begründete die Tiefenpsychologie und damit die Erkenntnis, dass wir unsere Erlebnisse nachts im Traum verarbeiten. Sex, Ertrinken, Ersticken, Rennen, Fallen. Was mag das für ein Tag gewesen sein, von dem der folgende Traum erzählt? Wir können uns nicht erinnern. Nur die Outfits, die sehen wir noch ganz genau vor uns. Von Markus Pritzi (Fotos) und Isabelle Thiry (Styling)

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Schwarze Jacke, cremefarbener Strickoverall, camelfarbene Hose und G端rtel, alles von Yves Saint Laurent


Hemdjacke von Dior Homme, Hose von Prada und Schuhe von Jil Sander

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Cremefarbenes Tanktop von Jil Sander

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Body vintage

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Latzhose von H&M

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T-Shirt von Francisco Vanbenthum, Pyjamahose von Dries Van Noten und Schuhe von Jil Sander

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T-Shirt von Cerruti und Badehose von Gucci

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Mantel von Prada

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Cardigan von Gucci und Shorts von Hugo by Hugo Boss Fotografie: Markus Pritzi (www.pritzi.com) Styling: Isabelle Thiry (www.thiry.info) Fotoassistenz: Frank M端ller und Zelinda Zanichelli Stylingassistenz: Hans Bussert Digital Service: D-i Services (www.d-i-services.com) Bildbearbeitung: PX1 Berlin (www.px-group.de) Haare & Make-up: Spiri Fountoglou (www.spirihairandmakeup.com) mit Produkten von Chanel Model: Arthur D. (www.vivamodels.de) Vielen Dank an Sabrina Transiskus

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Höher. Immer höher. Ganz nach oben wollen wir. Und das wollen wir schnell. Den Gipfel stürmen, ihn überrollen. Unsere Bergtour mit dem Mercedes E63 AMG soll das ultimative Abenteuer werden. Von Bernhard Spöttel (Fotos) und Michael Benzinger, Jan Strahl (Text)

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3 ... 2 ... 1 ... Z端ndung! Vor uns nur Weite, hinter uns br端llen die Trompeten von Jericho ihr zorniges Lied. Laut Datenblatt kann man das Schwaben-Shuttle mit knapp 13 Litern Durchschnittsverbrauch fahren. Will man aber nicht.

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Im Steigflug auf 2.750 Meter dr체ckt der E63 AMG 630 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle. Das pulverisiert nicht nur Luft- und Fahrwiderst채nde, sondern auch den letzten Rest physikalischen Halbwissens.

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Gipfelsturm – das klingt nach Mallory, Hillary, Krakauer, eisigen Höhen und nach denen, die weder Tod noch Teufel fürchten. Zugegeben – es klingt auch nach Luis Trenker, fieser Plackerei, Durchfall und abgefrorenen Zehen. Deshalb bleiben die Steigeisen und Karabinerhaken im Schuppen. Wir nehmen den Wagen. Und zwar einen Mercedes-Kombi. Klingt unsportlich? Hört sich nach Außendienstler im Alprausch an? Oder nach Familienurlaub mit Gore-Tex im Partnerlook? Von wegen – wir nehmen das Maximum-Mobil unter den Kombis. Den Mercedes-Benz E63 AMG, T-Modell mit 6,2-Liter-Achtzylinder und 525 PS. Diese Rakete verwandelt unser Alpenabenteuer in eine Apollomission. Trenker meets Armstrong. Kein Daimler von der Stange, pardon, vom Band, könnte uns hier hochkicken. Wir brauchen die topgepimpte Mutation von der hauseigenen Performance Marke AMG. Mehr geht nicht. Und die zwei Kubikmeter Kofferraum können auch nicht schaden. Platz genug für ein Steilwandzelt und zwei Daunenschlafsäcke, damit stilvoll auf dem Grat genächtigt werden könnte, wenn die Wetterwand solche Sperenzien nötig machen sollte. Da fehlt doch der Nervenkitzel? Hier ist er: Endlose Abgründe, ewiges Eis, Steinschläge, Lawinen, Felswände aus Granit und ungehaltene Einheimische haben schon Hannibal und seinen 37 Kriegselefanten in den Alpen zugesetzt. Aber wir treiben sogar eine Herde von 525 wilden Pferden über die engen Serpentinen.

Donnernd fliegen wir die 2.750 Meter auf den Kaunertaler Gletscher. Dann der Schreck. Mein Gott, wir sind jenseits jeder Zivilisation: Hier gibt es nicht mal eine Tankstelle. Zum Glück hat unser E63 einen 80-Liter-Tank. Klar, wir könnten zur Not sogar wieder runterrollen. Aber dann kämen wir wohl kaum in 4,5 Sekunden auf Tempo 100, wie das Datenblatt verspricht. Aber das wollen die engen Kurven uns sowieso schon vermasseln. Ach herrje, wir haben das Zelt vergessen und die Nacht ganz oben und überhaupt ein Gipfelbild mit Mercedes-Flagge. Dazu hätten wir allerdings den Stern zu Fuß auf 3.535 Meter hochtragen müssen, und das war nicht in unserem Sinne. Das Ziel ist halt nicht unser Weg. Unser Ziel ist die Straße. Also geht es zurück, tiefer und immer tiefer bis ins Tal. Und das schneller als bergauf. Versteht sich. Fazit: Wir hatten mehr Spaß, Action und Thrill als jede andere Bergexpedition vor uns. Und wir haben das Ganze erheblich flotter über die Bühne gebracht. Unser Dank geht an AMG. Und in noch einem Punkt haben wir sogar die ambitioniertesten Kraxler getoppt. Selbst eine Everest-Expedition kann man für schlappe 50.000 Euro kriegen. Aber unser Mountain-Mercedes kostet mal locker das Doppelte. Und düst natürlich sogar durchs Flachland – mit 280 Sachen übrigens. Natürlich nicht abgeregelt, wie sonst üblich, sondern mit Performance Package. Versteht sich.

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Die Pirellis haften wie Sekundenkleber, die Nadeln von Tacho und Drehzahlmesser bewegen sich fast synchron. L채sst man seine 525 Pferde frei, zoomt der E63 den Horizont schneller heran, als man AMG sagen kann.

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Fotografie: Bernhard Spรถttel (www.spoettel.com) Consulting: Zhoi Hy (www.zhoihy.de) Bildbearbeitung: Tommy Szewczuk (www.primatepostproduction.com)

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Jacke von Romain Kremer, Lederhose und G端rtel von Ann Demeulemeester, beides in Schwarz, und silberner Armschmuck von Maison Martin Margiela

Bevor der brave Polizist Max Rockatansky sich in Mad Max verwandelt, um einsam und von seinem Auto verlassen unter der sengenden Sonne Australiens ganz f端rchterlich Amok zu laufen, hat er sich schnell noch umgezogen. Von Yves Borgwardt (Fotos) und Cathrin Sonntag (Styling)

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Schlammfarbener Oversize-Pullover von Bless

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Anthrazitfarbene Jacke von Diesel Black Gold, schwarze Lederkette (als Kopfschmuck) von Ann Demeulemeester, Gliederkette von Kathleen Hennemann, Gebetsstab am Lederband von Ibrahim Alsac und silberne Kette mit Anh채nger sowie Kette mit Tasche von Arielle de Pinto

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Transparenter schwarzer Mantel von Juun J. und schwarze Lederhose von Ann Demeulemeester

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Maske von Romain Kremer und Pullover von Wester, beides in Schwarz

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Anzug von Jeremy Scott for Adidas und Kummerbund aus Leder von Ann Demeulemeester, beides in Schwarz

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Hemd von Diesel, Pullover von Maison Martin Margiela, beides in Beige, und silberne Kette von Ibrahim Alsac

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Schwarzer Anzug von Jeremy Scott for Adidas und silberner Ring von Olaf Dรถring

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Jacke von Romain Kremer, Hose von Bless und Schuhe von Giuliano Fujiwara, alles in Schwarz

Fotografie: Yves Borgwardt (www.yvesborgwardt.com) Styling: Cathrin Sonntag (www.cathrinsonntag.de) Fotoassistenz: Johannes Grellmann Stylingassistenz: Saskia Schmidt Haare & Make-up: Nino Allegro (www.ninoallegro.com) mit Produkten von Aveda Produktion: Wesley Davis und Ila Nazar (www.ilanazar.com) Models: Garth (www.icemodels.co.za) und Samuel (www.bossmodels.co.za) Vielen Dank an Claudia Becker

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Brandkatastrophe Ludwigshafen 2008. In der größten anzunehmenden Tragödie gibt es einen tröstenden Augenblick. Ein Mann wirft ein Baby aus dem Fenster eines brennenden Hauses. Ein Polizist fängt das Kind. Die Chronik des unumkehrbaren Moments, in dem die Freundschaft von Kamil Kaplan und Uwe Reuber begann. Von Philipp Wente (Fotos) und Sabine Cole (Text)

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Am 3. Februar 2008 ist Kamil Kaplan allein in der Wohnung seiner Mutter. Er hatte am Abend zuvor gearbeitet, Musik gemacht und ruht sich nun ein wenig aus. Fast jedes Wochenende kommt Kamil nach Ludwigshafen, um dort ein oder zwei Tage bei der Mutter und den jüngeren Geschwistern zu bleiben. Heute sind alle da, die anderen Geschwister mit ihren Familien, Tante, Onkel, Kamils Kinder, alle Kaplans wollen sich an diesem Sonntag den Faschingsumzug anschauen. Es ist ein schöner Wintertag, trocken und kalt, die Sonne scheint. Kinder und Erwachsene stehen an der Straße, die Kleinen sammeln Süßigkeiten ein. Kamil liegt mit seinem neun Monate alten Neffen auf dem Bett und spielt. Am Nachmittag, als der Umzug vorbei ist, kommen alle nach oben zurück in die Wohnung. Zehn Minuten später riecht Kamils Mutter zum ersten Mal etwas Verbranntes. Schwester, Bruder und Schwägerin laufen in die Küche, überprüfen Herd und Toaster, finden aber nichts. Dann öffnen sie die Tür zum Treppenhaus. Flammen schlagen ihnen entgegen. Das Haus brennt.

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Die Familie ist in der Wohnung gefangen, Angst macht sich breit bei den Kaplans. Sie sind 15 Menschen in drei Zimmern im dritten Stock des Wohnhauses. Der Weg durchs Treppenhaus ist durch das Feuer versperrt, einen anderen Weg nach draußen gibt es nicht, der oberste Stock hat keine Balkone. Die Frauen ziehen den Kindern Jacken an, ziehen ihnen die Kapuzen über, damit das Haar nicht Feuer fangen kann. Alle drängen sich in den äußersten Raum, möglichst weit weg vom Hausflur. Zwei der Männer klettern aus dem Fenster auf die 20 cm breite umlaufende Balustrade und klammern sich an der Fassade fest. Der Rauch wird immer dichter, Kamil schlägt ein Fenster ein. Die Scheibe fällt wie eine Guillotine nach unten. Der Polizeibeamte Uwe Reuber ist an diesem Sonntag mit seinen Kollegen im Großeinsatz. Sie stehen an der Straße und beobachten den Faschingsumzug. Der verläuft in geordneten Bahnen, fast ohne Zwischenfälle. Als der Umzug an der Einsatzstelle vorbeigezogen ist, werden die Beamten zur Kräftesammelstelle zurückbeordert. Sie fahren gerade ab, da kommt der erste Funkspruch: Rauchentwicklung in der Danziger Straße. Die Beamten sind nur ein paar Hundert Meter entfernt, sie drehen um und fahren Richtung Brand. Der nächste Funkspruch ist schon dramatischer: Menschen stehen in den Fenstern und auf den Balkonen und schreien verzweifelt um Hilfe. Die Polizisten sind unmittelbar danach vor Ort. Sie kapern einen Rettungswagen, der zufällig vorbeifährt, dirigieren


ihn unter den Balkon des ersten Stockwerks und holen die Menschen aus dem ersten Stock. Ein Polizist fungiert als Leiter, die Menschen rutschen an ihm nach unten, werden von den Kollegen gerettet. Die Ärzte von der Sanitätsstelle in der Schule nebenan sind sofort da. Die freiwillige Feuerwehr, ebenfalls wegen des Umzugs in Bereitschaft, kommt mit Leitern, die Bewohner des zweiten Stocks werden gerettet. Alles geht schnell. Nur die Menschen im Stockwerk darüber können sie nicht erreichen. Die Leitern der freiwilligen Feuerwehr sind zu kurz. Die Hilfeschreie sind furchtbar. „Rettet uns, rettet uns!“, hört Uwe Reuber. Er kann für die Menschen oben nichts tun. Er sieht Leute auf der Balustrade stehen, hat Angst, sie könnten fallen, nicht absichtlich springen, sondern einfach herunterfallen. Während er nach oben schaut, zieht ihn ein Kollege an der Schulter zur Seite. Neben ihm fällt eine Scheibe zu Boden, die aus dem dritten Stock aus dem Fenster geschlagen wurde. In dem Zimmer, in dem Kamil und seine Familie am Fenster verzweifelt auf Rettung hoffen, bricht eine Wand zusammen. Keiner wusste, dass die Wand nur eine mit Gips verkleidete Tür war, die nun dem Feuer nicht standhält. Das Feuer wälzt sich ungehindert auf die Familie zu. Kamil kann in dem Rauch nur noch seine schreiende Schwester sehen, mit seinem Neffen, dem kleinen Onur auf dem Arm. Er nimmt seiner Schwester das Baby weg und hält den Jungen aus dem Fenster, damit er wenigstens nicht den Rauch einatmen muss. Er sieht nach unten auf den Platz vor dem Haus und schaut in die Augen eines Mannes. Der fuchtelt mit den Armen und schreit. Andere Polizisten stehen daneben, einer hat seinen Parka ausgebreitet wie ein kleines Sprungtuch. Aber Kamil hat sich für ein ganz bestimmtes Augenpaar entschieden. Nicht für ein Gesicht, nicht für einen speziellen Mann, nur für seine Augen. Kamil kann Onur nicht mehr halten, seine Schwester und sein Schwager zerren an ihm, flehen ihn an, das Baby festzuhalten. Doch Kamil vertraut dem Mann mit den Augen, küsst Onur und lässt ihn los. Er weiß, dieser Mann wird seinen Neffen fangen.

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Uwe Reuber sieht einen Mann, der ein Baby aus dem Fenster hält, und brüllt, er solle es festhalten. Er schaut in ein dunkles Paar Augen. Er hält den Blick und weiß sofort, was passieren wird, als der Mann, der dort oben aus dem Fenster lehnt, das Baby an sich zieht und küsst. Das Baby kommt in Zeitlupe auf ihn zu. Er hat das Gefühl, noch alle Zeit zu haben, sich in Position zu bringen. Die Arme genau dorthin heben zu können, woher das Baby kommen würde, die Hände zu justieren, um es zu fangen. Das Baby im Strampelanzug landet in seinen Armen. Von der Wucht des Aufpralls trägt er Prellungen im Gesicht davon, spürt in dem Moment aber nichts. Die Welt um ihn herum ist komplett ausgeblendet. Kamil verfolgt Onurs Fall. Das Baby schaut ihn die ganze Zeit an. Es dauert eine Ewigkeit, bis es unten ankommt. Der Mann fängt es sicher auf. Onur ist gerettet. REPORTAGE

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Notärzte nehmen Uwe Reuber das Baby ab und bringen es weg. Reuber starrt fassungslos auf seine leeren Arme. Er weiß nicht, was geschehen ist, schaut suchend auf den Boden, ob er das Kind nun doch hat fallen lassen. Er weiß, dass er das Baby gefangen hat, kann sich aber nicht erinnern, dass es ihm abgenommen wurde. Er läuft in Panik in die Schule nebenan, in der die Notfälle versorgt werden, und sucht nach dem Kind. Ein Arzt klärt ihn auf. Uwe Reuber hat seine Orientierung wieder, läuft sofort zurück zum Brand und ist wieder voll im Einsatz. Nachdem Onur in Sicherheit ist, klettern die Eltern des Babys über Kamil Kaplan hinweg aus dem Fenster und lassen sich gemeinsam mit dem anderen Bruder in das Sprungtuch der freiwilligen Feuerwehr fallen. Es ist noch nicht richtig mit Luft gefüllt. 30 Sekunden dauert es, bis ein Sprungkissen einsatzbereit ist. Es ist zu früh. Die drei prallen in dem Sack übereinander auf den Boden und werden schwer verletzt gerettet. Kamil klettert ebenfalls aus dem Fenster und krallt sich außen fest. Innen in der Wohnung explodiert etwas. Er versucht, wieder zurückzugelangen, lehnt sich nach innen, sieht seine Tochter, packt sie an den Haaren und zieht das ohnmächtige Mädchen durch das Fenster zu sich nach draußen. Endlich ist die Berufsfeuerwehr da. Uwe Reuber hört das Surren der elektrischen Drehleiter. Das Geräusch erleichtert ihn zutiefst. Als Kamil Kaplan sich nicht mehr halten kann, ziehen ihn Feuerwehrmänner in letzter Sekunde mit seiner Tochter in den Rettungskorb und bringen die beiden nach unten. In der Ambulanz versucht er, sich zu befreien, weiß er doch, dass seine Frau und seine anderen beiden Töchter, seine Mutter, seine Schwägerin, seine Neffen alle noch in der Wohnung sind. Er schlägt um sich, ein Sanitäter verpasst ihm eine Spritze. Dann verliert er das Bewusstsein.

Uwe Reuber und seine Kollegen wenden sich vom Brand ab. Es ist still geworden. Die Schreie sind verstummt. Sie wissen, dass es nichts mehr für sie zu tun gibt. Die Berufsfeuerwehr übernimmt, die Polizei wird zurückbeordert. Es fängt an zu regnen. Die Beamten fahren ins Präsidium und warten im großen Sitzungssaal. Das Kriseninterventionsteam ist angekündigt. In diesem Team arbeiten ehrenamtliche Polizisten, die selbst während der Arbeit traumatische Situationen durchlitten haben. Sie fahren zu Einsatzorten und helfen ihren Kollegen, weil sie aus eigenem Erleben wissen, was diese gerade durchmachen. So kann der erste Druck abgebaut werden. Die Kollegen, die in der Danziger Straße waren, werden mit der Erkenntnis nach Hause entlassen, dass es bei diesem Einsatz zwei Tote und elf Verletzte gab. Mitgezählt wird auch Uwe Reuber selbst, der am Jochbein und an der Lippe Hämatome vom Aufprall des Babys hat. Er ruft seine Frau an und bittet sie, ihn abzuholen. Uwe Reuber schießt immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Zwei Tote, damit kann man leben. Das ist doch noch ganz gut gegangen. Zu Hause angekommen, redet er die ganze Nacht mit seiner Frau, versucht, die Ereignisse zu sortieren. Um Mitternacht erwacht Kamil Kaplan im Krankenhaus. Am Morgen bestätigen ihm die Ärzte, dass sein Bruder und seine Schwester, sein Schwager und sein Neffe und seine mittlere Tochter überlebt haben. Alle anderen sind tot. Neun Menschen. Neun engste Angehörige. Davon fünf Kinder, auch seine älteste und seine jüngste Tochter. Uwe Reuber steht früh auf, geschlafen hat er ohnehin nicht. Er geht nach oben in die Küche. Startet die Kaffeemaschine, zündet sich eine Zigarette an, hört Radio. Sieben-Uhr-Nachrichten. Er erfährt: Bei einem Ludwigshafener Hausbrand gab es am Vortag, dem Faschingssonntag, neun Tote und 60 Verletzte. Die Welt bricht für Uwe Reuber zusammen. Er zweifelt an sich selbst, hat Schuldgefühle, fürchtet, er habe nicht genug getan. Er denkt an das Baby, aber dessen Rettung kann den Tod von so vielen Menschen, die er hat um ihr Leben flehen hören, nicht aufwiegen. Neun Tote. Seine Frau kommt in die Küche. Er sagt: Ist doch nicht gut gegangen. Er meldet sich in der Dienststelle ab und bleibt zu Hause, versucht, das Geschehene zu verarbeiten. Vier Tage nach dem Unglück, am Donnerstag, beginnt für Kamil Kaplan der schlimmste Tag nach dem Unfall. Er muss in der Klinik seinen Geschwistern erklären, was passiert ist. Sein Schwager liegt noch im Koma, seine Schwester ist schwer verletzt, aber bei Bewusstsein, sein Bruder ist querschnittgelähmt. In jedem Zimmer zählt er auf, wer gestorben ist. Er wird von einem Arzt begleitet, der ihn immer wieder ermutigt fortzufahren. Der schrecklichste Gang ist der in das Zimmer seiner Tochter. Sie ist die mittlere seiner drei Kinder. Er schaut sie an: Wir haben die Oma verloren. Und die Tante. Und die Mama. Und deine beiden Schwestern. Das Mädchen begreift nicht. Geht durch den Raum, kommt zurück. Setzt sich wieder vor ihn und fragt: Wen haben wir verloren?

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Freitag ist Uwe Reuber wieder an seinem Arbeitsplatz. Er hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Irgendwann war alles, was ihn ablenken könnte, getan, er kreist nur noch um das Unglück. Sein Kollege, mit dem er seit vier Jahren gemeinsam Einsätze fährt, begrüßt ihn. Uwe Reuber weiß, er wird ab jetzt immer reden können, wenn er reden will. Er wird anrufen können, wenn es nötig ist. Und der Kollege, mit dem er manchmal mehr Zeit verbringt als mit seiner Frau, ist einer der wenigen Menschen, denen er bedingungslos vertraut, auch und vor allem dann, wenn die Erinnerung ihn erwischt. Die beiden haben Sorge, wie es sein wird, wenn der erste Einsatz kommt, bei dem sie wieder zu einem Brand müssen. Das passiert schon nach kurzer Zeit. Der mit Angst erwartete Funkspruch kommt, sie fahren los, spüren, dass das der große erste Test ist. Uwe Reuber besteht. Kamil Kaplan ordnet das Leben nach der Tragödie. Die Beerdigung muss organisiert werden. Neun Särge bringt er mit seinem Vater in die Heimat seiner Eltern, in die Türkei. Nebenbei muss er die türkischen Medien beschwichtigen. Den Verdacht ausräumen, es habe sich um eine ausländerfeindliche Tat gehandelt. Die Berufsfeuerwehr wäre absichtlich spät gekommen, weil es ja nur Türken seien, die da brannten. Der türkische Botschafter, der Ministerpräsident, alle zündeln mit ihren Vermutungen, und Kamil Kaplan vermittelt, beruhigt, beschwichtigt. Vor der Beerdigung und danach. Er kämpft um Distanz, als die deutschen Boulevardmedien ihn überrollen. Die wenigen Interviews, die er gibt, werden auf respektlose Weise tendenziös oder reißerisch uminterpretiert. Er räumt die Wohnungen seiner Geschwister aus, besorgt neue Wohnungen, neue Möbel. Er sortiert Sofas, Tische, Stühle, als ob er so das zerstörte Leben wie ein Puzzle wieder zusammensetzen müsste. Ein Mitarbeiter der Stadt Ludwigshafen hilft ihm. Anträge stellen, Verträge aufsetzen, Schlüssel abholen. Nach drei Wochen kommt seine Tochter aus der Klinik. Die Brandblasen sind fast abgeheilt. REPORTAGE

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Kamil Kaplan beantragt Kuren, Rollstühle, Reha-Maßnahmen. Er hat keine Zeit, sich um sich selbst zu kümmern, er muss trösten. Die kleineren Geschwister, wenn sie ihre Mutter vermissen, die Tochter, den Bruder, die Schwägerin, die ihre Kinder verloren hat. Um seinen eigenen Schmerz zu bewältigen, sucht er nach dem Polizisten, der seinen Neffen Onur gefangen hat. Er fragt bei der Polizei, bei der Stadt, überall, bittet um den Namen dieses Mannes, mit dem er einfach nur kurz sprechen will. Die Polizei präsentiert ihm einen angeblichen Retter. Ein kleiner, rundlicher Türke, man will Kamil Kaplan einen seinesgleichen an die Hand geben, um ihn zu beruhigen. Kaplan wird wütend. Er hat in diese Augen gesehen. Er kann sich vielleicht nicht genau an das Gesicht erinnern. Aber die Augen waren hell. Die Augen des Mannes, den man ihm unterjubeln will, sind nicht die richtigen. Uwe Reuber erfährt, dass ihn der Mann, der ihm das Baby zugeworfen hat, sprechen will. Er kann es nicht. Er muss das Drama auf seine Weise verarbeiten. Vor einem Zusammentreffen mit dem Menschen, der den Schlüssel zu der Katastrophe bildet, hat er Angst. Es dauert drei Monate, bis Uwe Reuber dem Drängen des Polizeipräsidenten nachgibt und an einem Termin teilnimmt, bei dem er Kamil Kaplan treffen könnte. Uwe Reuber bittet darum, seine Anwesenheit nicht anzukündigen. Er will sich die Möglichkeit bewahren, weiterhin anonym zu bleiben.

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REPORTAGE


Am 26. Mai 2008 soll Kamil Kaplan der Genç-Preis verliehen werden. Der Preis ist nach Mevlüde Genç benannt, die bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag in Solingen fünf Angehörige verlor. Die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung will mit dem Genç-Preis Personen ehren, die in ihrem öffentlichen Wirken den Geist des Respekts und der Versöhnung vorbildhaft leben. Kaplan, der zahlreiche andere Angebote abgelehnt hat, in der Öffentlichkeit und vor allem neben Politikern weiter den verdienstvollen Immigranten zu verkörpern, nimmt den Genç-Preis dankbar an. Zur Verleihung am 15. Jahrestag des Anschlags erscheinen in Solingen 400 Menschen, unter ihnen das Ehepaar Genç, Wolfgang Schäuble und zahlreiche Medienvertreter. Uwe Reuber wird mitten unter den Gästen in der dritten Reihe platziert. Kamil Kaplan sitzt ganz vorne. Er hat von der Polizeipressestelle erfahren, dass heute der Mann anwesend ist, der seinen Neffen gefangen hatte. Mehrfach schaut er sich um, bleibt immer wieder an Uwe Reuber hängen. Ist sich aber nicht sicher. Kaplan muss auf die Bühne, hält eine Dankesrede und nimmt seinen Preis in Empfang. Dann passiert es. Der Polizeipräsident gratuliert, holt Uwe Reuber hoch. Die zwei Männer begegnen sich zum ersten Mal wieder, erkennen sich an den Augen. Der Blick, an den sich beide so intensiv erinnern und von dem sie beide immer wieder träumen, ist wieder da. Sie umarmen sich. Uwe Reuber soll ein paar Worte sagen. Er kann sich hinterher beim besten Willen nicht daran erinnern. Kamil Kaplan und Uwe Reuber verlassen die Bühne. Keiner hat diesen Moment vorbereitet. Es gibt keinen Raum, in den sich Retter und Überlebender zurückziehen können. Sie gehen stumm und überwältigt ihrer Wege.

Fotografie: Philipp Wente (www.philippwente.com)

Zwei Wochen später ist Uwe Reuber bei Kamil Kaplan zu Hause eingeladen. Kaplans Vater hat gekocht. Uwe Reuber hat für den kleinen Onur ein Polizeiauto mitgebracht. Er klingelt, Kamil öffnet die Tür, Onur flitzt um die Ecke, guckt kurz, verschwindet schnell wieder. Eine große Gewissheit erreicht Uwe Reuber. Er hat das Kind, das er gefangen hat, wiedergesehen. Es geht ihm gut. Wir treffen Kamil Kaplan und Uwe Reuber zwei Jahre später in Kamils Wohnung in Ludwigshafen. Uwe Reuber hat seine Frau dabei und seinen Kollegen, der ihm ein so wichtiger Freund ist. Kamils Lebensgefährtin und seine Tochter sind da, später kommt sein Vater dazu. Es sitzen die Menschen beieinander, die sich gegenseitig die wichtigsten sind, wenn es darum geht, die Katastrophe vom Faschingssonntag 2008 zu verarbeiten. Beide erzählen, dass der eine nun zur Familie des anderen gehöre. Wenn Uwe oder Kamil schlimme Erinnerungen haben, rufen sie sich einfach an. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Beide reden dann über dies und das, trotzdem weiß der andere immer, worum es eigentlich geht. Der Brand hat sie wieder erwischt. Zum Thema machen sie das Geschehene aber nur selten. Sie wissen, dass sie diesen Tag nie loswerden. Nicht einmal verarbeiten kann man die Katastrophe. Aber es hilft unendlich, jemanden zu haben, der dabei war. Mit dem man das Leid teilen kann. Und der, wie Reubers Frau es ausdrückt, drei Sachen kann: zuhören, zuhören, zuhören. REPORTAGE

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Am Ende des Großeinsatzes vom 3. Februar 2008 in der Danziger Straße in Ludwigshafen werden 250 Rettungskräfte gezählt. Viele Polizisten müssen mit Absperrungen dafür sorgen, dass die Ange­ hörigen und Nachbarn nicht versuchen, in das Haus zu gelangen. Auch zahlreiche Schaulustige sind am Unglücksort. Es werden nur sieben Notrufe bei der Zentrale abgesetzt, aber auf YouTube kursieren wenig später 14.000 Filme zur Katastrophe. Die Boule­ vardmedien bedrängen Kamil Kaplan immer weiter. Bei jedem Unglück, bei dem Menschen ihre Angehörigen verlieren, will man ihn zu Kommentaren bewegen. Noch heute, mehr als zwei Jahre danach, versuchen Reporter und Fotografen, die Familie bei Geburtstagen oder Jahrestagen „abzuschießen“. Die Ermittlungen zu dem Brand wurden im Juli 2008 ein­ gestellt. Die Staatsanwaltschaft konnte trotz der mehr als 200 Spuren und 120 befragten Zeugen nicht herausfinden, wie der Schwelbrand entstanden war, schließt Brandstiftung oder einen Anschlag aber „mit an Sicherheit grenzender Wahrschein­ lichkeit“ aus. Das Feuer sei durch ein „bislang nicht geklärtes fahrlässiges Verhalten“ verursacht worden. Ein technischer De­ fekt sei als Ursache ausgeschlossen. Kamil Kaplan versucht seit geraumer Zeit, einen Ansprechpart­ ner bei der Feuerwehr zu finden, der mit ihm über die Details der Brandkatastrophe spricht und ihm den Hergang erläutert. Er fragt sich, warum es den Feuerwehrmännern nicht möglich war, noch einmal in die Wohnung zu klettern. Im zweiten Stockwerk hatten zwei Kinder, stundenlang hinter einem Schrank sitzend, den Brand überlebt. Pressesprecher und Mitarbeiter der Feuer­ wehr haben versprochen, sich darum zu kümmern. Bisher hat sich kein Feuerwehrmann gefunden, der bereit wäre, Kaplans Fragen zu beantworten. Die Anfrage läuft weiter. Die Ruine des Hauses wurde 2009 abgerissen. An gleicher Stelle entsteht zurzeit ein neues Mehrfamilienhaus.

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Jeansjacke von Wrangler Blue Bell, Cardigan von Boss Orange, Tanktop von Fifth Avenue Shoe Repair und Hose von Hannibal

In dem berühmten Roman geht es um die  Lebensjahre des schwarzen Hengstes – vom behüteten Fohlen zum Reit- und Kutschpferd und über mehrere dramatische Stationen abwärts, bis er zum Schluss nur knapp dem Tod entrinnt. Glücklicherweise gerät er zuvor in die Hände seines einstigen Stalljungen, und die Erzählung endet mit der beruhigenden Aussicht, dass das Tier nun sein Gnadenbrot erhält und nie wieder verkauft werden soll. Diesem tierischen Happy End der Weltliteratur haben wir Outfits gewidmet, die den er-Jahren entsprungen zu sein scheinen. Sind sie aber nicht. Sie sind im Gegenteil brandaktuell. Von Detlef Schneider (Fotos) und Isabelle Thiry (Styling)

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Cardigan von Pringle of Scotland, Tanktop von Weekday, Hose von Fifth Avenue Shoe Repair, Schuhe von COS und Hosenträger Stylist’s

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Links: rote Hose von Hugo by Hugo Boss Rechts: Lederhemd von All Saints, Jeans von JOOP! Jeans, Socken von Falke und Schuhe von COS

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Links: Trenchcoat von Acne, Tanktop von Mexx und Shorts von COS Rechts: Trenchcoat von Pringle of Scotland, T-Shirt von Fifth Avenue Shoe Repair, Cardigan von Loft, Hose von Fifth Avenue Shoe Repair, Socken von Falke und Schuhe von COS

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Links: schwarze Denimjacke von Weekday, weiĂ&#x;es Hemd von Carin Wester und graue Hose von Boss Orange Rechts: Jeansweste von G-Star Raw, Netzshirt von COS, Hose von Pringle of Scotland, Socken von Falke und Schuhe von Boss Orange

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T-Shirt und Shorts von Jan iú Més

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Fotografie: Detlef Schneider (www.detlefschneider.com) Styling: Isabelle Thiry (www.thiry.info) Fotoassistenz: Jann Averwerser Digital Support: Florencia Serrot Haare & Make-up: Fabio Gomes (www.kasteelagent.com) mit Produkten von Bumble&Bumble und Mac Cosmetics Produktionsfirma: Hanns Berthold (www.ubicat.net) Model: Alex Dunstan (www.selectmodel.com) Vielen Dank an Adam Rankin

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Pudding So bezeichnet man im deutschen Sprachraum umgangssprachlich eine meist kalt servierte Süßspeise, die hauptsächlich durch Aufkochen von Milch mit Stärke, Grieß oder Eiern zubereitet wird. Zur Zubereitung wird – je nach Rezept – Grieß, Reis, Stärkemehl, Sago oder Grütze mit Zucker in Wasser, Wein, Milch oder Fruchtsaft gekocht, mit Eigelb und Eischnee vermischt und nach dem Erkalten gestürzt. Pudding kann mit verschiedenen weiteren Zutaten aromatisiert werden. Serviert wird er mit Kompott, Fruchtsaft (auch -sirup) oder einer süßen Sauce.

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Das Dessert ist der krönende Abschluss jedes Essens. Man kann es in seinem Ehrgeiz aber auch übertreiben. Kein vernünftiger Mensch braucht, wenn ihm der Sinn nach was Süßem steht, Wasabi-Eis mit Wodkaschaum oder ähnlichen Firlefanz. Zumindest wir nicht. Wir wollen Pudding. Oder Birne Helene. Die Reduktion auf das Wesentliche: einen klassischen Nachtisch. Von Oliver Schwarzwald (Fotos) und Michaela Pfeiffer (Foodstyling)

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Birne Helene Im Originalrezept werden für Poire belle Hélène geschälte frische Birnen in Läuterzucker pochiert, nach dem Auskühlen auf Vanilleeis angerichtet und mit kandierten Veilchen bestreut. Dazu wird eine heiße Schokoladensauce gesondert gereicht. Das Dessert wurde um 187 von Auguste Escoffier kreiert, als Jacques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“ in Paris aufgeführt wurde. Heute wird unter Birne Helene meist nur eine eingekochte oder in Dosen konservierte Birne verstanden, die mit kalter oder warmer Schokoladensauce übergossen wird.

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Tarte Tatin Der traditionelle französische Apfelkuchen wird meist als Dessert gereicht. Typisch für die Tarte Tatin ist eine Karamellschicht, die beim Backen auf dem Boden der Tarteform aus Kupfer oder Keramik entsteht. Die Tarte Tatin wird „kopfüber“ gebacken. Der Legende nach soll sie im 19. Jahrhundert von den betagten Schwestern Tatin aus Lamotte-Beuvron in der Sologne zufällig erfunden worden sein. Ein von den beiden Damen für ihre Gäste zubereiteter Apfelkuchen sei ihnen aus den Händen auf die Apfelseite gefallen. Daraufhin hätten sie ihn einfach mit der Fruchtseite nach unten wieder in die Form gelegt, mit frischem Teig bedeckt und noch einmal gebacken.

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Crêpe Suzette Die dünne Crêpe wird klassisch in einer Cointreau-Orangen-Sauce flambiert. Das Rezept wurde wohl durch einen Zufall erfunden. Die bekannteste Anekdote beschreibt, dass am 31. Januar 1896 der britische Kronprinz, der spätere König Edward VII., im legendären Café de Paris in Monte Carlo zu Gast war. Der 14-jährige Kochlehrling Henri Charpentier absolvierte dort seine Ausbildung und sollte für ihn und 18 Gäste am Tisch Pfannkuchen machen. Während Charpentier die Sauce zubereitete, fing ein Likör plötzlich Feuer. Der Lehrling tunkte die Crêpes in die entflammte Marinade, gab noch mehr Likör und Zucker hinzu und reichte die Crêpes zum Dessert. Edward kostete – und war begeistert.

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Fotografie: Oliver Schwarzwald (www.oliverschwarzwald.de) Foodstyling: Michaela Pfeiffer (www.michaelapfeiffer-foodstyling.de)

Fürst-Pückler-Eis Das Demi-glace à la Pückler ist eine Eisspezialität aus drei verschiedenen Eissorten, die gemeinsam gefroren werden. Es ist nach dem Parkgestalter und Reiseschriftsteller Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) benannt. Das älteste bekannte Rezept für ein Eis dieses Namens stammt von dem Königlich-Preußischen Hofkoch Louis Ferdinand Jungius, der Pückler 1839 in seinem Kochbuch ein dreischichtiges Sahneeis widmete. Dessen Hauptbestandteile waren geschlagene Sahne, Zucker und frische Früchte oder im Winter Konfitüre, die in einer Form in Schichten angeordnet waren. Wegen des hohen Fettgehalts der Sahne gefriert die Masse nur halb.

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Die Scorpions,  gegründet, setzen an zum großen Finale: Letzte Platte, letzte Tour, in zwei Jahren soll endlich Schluss sein. Aber womit? Mit Liedern wie „Raised on Rock“, „Spirit of Rock“, „Let’s Rock“? Diesen Verlust können wir grade noch verkraften. Aber was ist mit den krassen Kappen, mit denen Frontmann Klaus Meine die abnehmende Dichte seiner Fönfrisur verdeckte? Eine Huldigung an die stilistisch fragwürdige Konsequenz der erfolgreichsten deutschen „Hard“-„Rock“-Band aller Zeiten mit den besten Mützen, Caps und Hats der letzten  Jahre. Von Per Zennström (Fotos), Enzo Laera (Haare & Make-up) und Zhoi Hy (Styling)

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Wind of Change: schwarze M端tze von Weekday, schwarzsilberne Sonnenbrille von Mykita, silberne Halskette von Versace, schwarze Lederjacke von Diesel und grauschwarze Lederhose von Carin Wester

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Pure Instinct: Lederweste von Diesel, Netztop von Carin Wester, Ringe von Versace, Kappe, Kopftuch, Halskette und Armreif vintage

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Sting in the Tail: Jeansjacke von Carin Wester, Cowboyhut vintage und Halskette von Thomas Sabo

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Face the Heat: Cowboyhut vintage

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Blackout: Jackett von Carin Wester, M端tze von Kangol, Sonnenbrille von Giorgio Armani, alles in Schwarz, und silberne Halskette von Versace

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Rock You Like a Hurricane: Sonnenbrille von Mykita, gestreiftes Hemd von Wood Wood, Ring von Thomas Sabo und schwarze Kappe von Diesel vintage

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Still Loving You: schwarz graue Sonnenbrille von Mykita, Jackett sowie Shirt von Calvin Klein, Schal von Weekday, Ring von Thomas Sabo und Kappe vintage, alles in Schwarz

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Moment of Glory: Pullover von Sibling und Ring von Thomas Sabo

Fotografie: Per Zennstr枚m (www.objectivphotographen.com) Styling: Zhoi Hy (www.zhoihy.de) Haare & Make-up: Enzo Laera (www.ballsaal.com) Stylingassistenz: Madeleine Abeltshauser L贸pez-Cobo Model: Falco (www.vivamodels.de) Vielen Dank an Melanie

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Von Christiane Eckhardt (Artwork) und Kai Flemming (Text) Beim Warten an der Ampel ist oft zu beobachten, dass die Fahrer aus Langeweile Zeitung lesen, in der Nase bohren, mit dem Handy oder der Beifahrerin spielen. Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich lasse mich lieber von den vor mir stehenden Rückseiten der Fahrzeuge unterhalten. Denn wenn die Front eines Wagens sein Gesicht ist, dann ist das Heck desselben seine Seele. Oder die des Fahrers. Denn kein anderes Fahrzeugteil sagt so viel über Kraftwagen und Besitzer aus. Wir wissen, wie viele Kinder er hat und wie sie heißen (Mieke an Bord oder Sabine on tour). Eine hübsche Marotte, die ein Lächeln auf die Gesichter zaubert, besonders von Pädophilen, denen der persönliche Kontakt zu den Rackern erleichtert wird („Hallo Phillip, dein Papi hat gesagt, du sollst zu mir in den Kastenwagen steigen“). Dann doch lieber ein Herz für Kinder aufkleben, liebe Eltern! Außerdem erfährt man, welcher Fußballverein unterstützt wird. Oft durch einen hübschen Sticker mit dem Sinnspruch Nicht hupen, Fahrer träumt vom FCB oder ganz stilvoll am Kennzeichenhalter, wo dann nicht etwa Autohaus Zhoi– Mit uns fahren Sie gut steht, sondern der Schriftzug von Bayern München. Auch die Hutablage wird gern fremdverwendet, um Schals oder in Vereinsfarben verkleidete Teddybären zu präsentieren. Und von Vote Obama (!) über Atomkraft, nein danke bis hin zu Steuerwahnsinn – ich hab die Schnauze voll! bekommt man an der nächsten Ampel die Gelegenheit, mit dem Vordermann über die neuesten politischen Ereignisse zu diskutieren.

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Aber auch die vom Werk gelieferte Ausstattung weiß einiges über den Charakter des Besitzers zu berichten. Am prägnantesten sind da die in chromfarbenen Kunststofflettern angebrachten Bezeichnungen für Ausstattung und Motorisierung. Der Fabulierkunst der Werkstexter sind da offensichtlich keine Grenzen gesetzt. Es gibt hübsche Buchstaben-Zahlen-Kombinationen (GSLX ), die man auch gut als Passwort verwenden kann – auf so was kommt sonst niemand. Allerdings kann man sich in der Regel als kostenlosen Service davon befreien lassen und kommt so nicht in den Ruch, heckseitig etwa mit Ausstattung und Motorisierung protzen zu wollen. Gerade in gehobenen Wohngegenden mag man dieses Understatement bei luxuriösen Limousinen und Geländewagen, deren Wert man dann nur noch durch genaues Studieren der Fünftausendeurochromfelgen oder der Fünfsternehotelinneneinrichtung ausmachen kann. Im Autodesign ist das Heck der Hinterhof des Fahrzeugs. Oft wird es von den Designern stiefmütterlich behandelt. Man lässt dort Platz für einen Stauraum und die vorschriftsmäßigen Heckleuchten. Alles konzentriert sich auf die Vorderansicht, die leicht von rechts (Kontinent) bzw. links (Großbritannien) geschossene Perspektive, die mit der perfekten und eleganten Linie des Wagens werben soll. Hinten ist’s dann meistens nur praktisch. Nur bei den gänzlich unpraktischen Sportwagen, den Spielzeugen unter den Autos, ist das anders. Heckansichten werden enorm wichtig, weil alle anderen diese Wagen


ohnehin nur von hinten sehen. Der Popdiskurs spricht hier übrigens von mobilen Arschgeweihen: Ich sehe sie nicht, aber wer mich von hinten begehrt, bekommt eine hübsche Ansicht. Ein weit in den Himmel gerecktes Hinterteil, großäugige Bremsleuchten und brutale Doppelendrohre, die Raketenantrieb simulieren. Dahinter blieb nur Neid und Sehnsucht. Manchmal sind die Sportwagendesigner so verspielt, dass sie das Heck wie eine Vorderansicht gestalten. Wenn man beispielsweise beim Boxster die roten Gläser der Rückleuchten durch weiße ersetzen würde, könnte man denken, man hätte vor sich auf der Autobahn einen rückwärts fahrenden Geisterfahrer. Was allerdings ebenso wenig Sinn machen würde wie ein Heck, das wie eine Front aussieht. Den größten Unterhaltungswert bieten allerdings die Nummernschilder. Die sind zwar auch vorn angebracht, aber wer guckt schon in den Rückspiegel. Die Städte- bzw. Landkreiskürzel geben den Überheblichen wie den Neidern schöne Gelegenheiten, sich abzureagieren. So nennen die arroganten Hamburger (HH) die Pinneberger (PI) gern ProvinzIdioten, wofür sich die Vorstädter dann mit HH – halbes Hirn bedanken. Die Düsseldorfer grüßen die Mettmanner Fahrzeughalter (ME) gern mit motorisierter Esel, worauf diese kurz und trocken reagieren: D = Dussel. Zwischen Hauptstadt und jwd spinnen sich ganze Dialoge mit

sprichwörtlichem Mutterwitz: B (Berlin) wie Beulenmacher nennt BAR (Barnim) forsch Berlins asozialen Randbezirk und Barnim kontert mit B wie besoffen oder behämmert, worauf B gern Bauer auf Reisen oder bereifter asozialer Rocker entgegnet. Da sind wohl beiderseits besinnungslos analphabetische Racker am Werk. Meist hat man ja keinen Einfluss auf die ersten ein, zwei oder drei Buchstaben auf dem Nummernschild, die nächsten kann man sich aber aussuchen. Den langweiligen HH-KF-Typen, also Monogrammverwendern sind die Ulkigen vorzuziehen. Da dichtet man in Segeberg forsch SE-XY, in Pinneberg kindlich PI-PI, in Forchheim derbe FO-ZE, in Essen kurz E-TC usw. usf. Auch ich kann es nicht lassen und bin ein bekennender Rückseitenkommunizierer geworden. Bei mir prangt ein großer, schöner Aufkleber, auf dem steht Nicht hupen, Fahrer träumt von FELD HOMMES.

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Body von Agent Provocateur vintage, GĂźrtel sowie Ring von Maison Martin Margiela und High Heels von Versace


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Von Robert Grischek (Fotos) sowie Séraphine de Lima und Nadia Rath (Styling)

Vergessen Sie Cybersex, stimulierende Ganzkörperanzüge oder über USB an den Computer anschließbare Vibratoren. Die Sex-Maschine aus dem Entwicklungslabor von Second Life befriedigt reale Männerfantasien. Leicht verfügbar, sicher, anonym – bis dass der Techniktod sie scheidet.


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Hemd sowie Krawatte von Gucci und Brille von Maison Martin Margiela


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Mantel von Burberry Prorsum, Kette, Clutch sowie High Heels von Maison Martin Margiela, Slip von La Perla und Stay-ups von Wolford


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Rechts: Kerri-Lee: Kleid von Black Halo, High Heels von Burberry Prorsum und Fuchsschwanz von Louis Vuitton Michel: Strickjacke von Hermès, Hose sowie Schuhe von Maison Martin Margiela

LiNks: Michel: Anzug sowie Pullover von Maison Martin Margiela und Schuhe von Louis Vuitton


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Kerri-Lee: Lederweste und Collier von Christian Dior Michel: Hose von Maison Martin Margiela


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Metallkette von Maison Martin Margiela


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Bodyriemen von Diesel


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Body von Wunderkind


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Kleid von Jil Sander, Metallarmreif von Maison Martin Margiela und Uhr von Diesel


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Kerri-Lee: Minikleid und High Heels von Versace Arzt: Kittel sowie Pullover vintage und Hose sowie Schuhe von Maison Martin Margiela


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Fransenkleid von Pringle of Scotland, High Heels von Christian Dior und Metallschulterreif von Maison Martin Margiela

Fotografie: Robert Grischek (www.grischek.com) Styling: SĂŠraphine de Lima und Nadia Rath (www.ballsaal.com) Fotoassistenz: Benni Bock und Lena Jacobsen Artdirektion: Mieke Haase (www.loved.de) Haare & Make-up: Spiri Fountoglou (www.spirihairandmakeup.com) Models: Kerri-Lee (www.placemodels.com) und Michel (www.modelwerk.com)


Fig. 01

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„Ich bin etwas Besonderes“, nuschle ich in meine Zahnbürste. Hoffentlich kann sie mich hören, bei all dem Schaum. Der Spiegel hat’s zumindest begriffen.

FIN


Manche Tage stinken. Da hilft kein Deo und keine Dusche. Der Tag an sich – mit allen seinen Stunden, Minuten und Sekunden – muss gereinigt werden. Mein Name ist Super Cock, und das ist meine Mission. Von Timmo Schreiber (Fotos) und Ramin Schmiedekampf (Text)

Fig. 0

Mein Arbeitsweg ist nicht lang, dafür aber weilig. Zum Glück ist mein Alter Ego Fläsh dabei. Er ist treu wie ein Rauhaardackel und wie ich jedem Dreckstag auf der Schliche.

FIN

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Fig. 03

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Nachdem ich mich ums Firmament gekümmert habe, ist die Straße dran. Fluchtwagen hin, Fluchtwagen her. Glanz ist meine Prämisse. Sauberkeit meine Religion.

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Fig. 04

Zeit für einen Snack-Schnack. Fläsh spielt dick auf. Klar ist: Für ihn geht’s hier vorwiegend um die Wurst. Nur gut, dass er für andere nicht sichtbar ist. Und meine Frisur sitzt.

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And then a hero comes along ... Stell dir vor, du bist in allem der Beste, und jeder weiĂ&#x; das. Da verhallt der dir geltende Applaus schnell. Dein Schaffen wird zur Routine.

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Fotografie: Timmo Schreiber (www.timmo-schreiber.de)

Fig. 06

Nur wenn dein Ego zu guter Letzt zum Freund und Helfer transzendiert, hast du alles richtig gemacht: Der Tag strahlt. Du bleibst ein Held.

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ALLES MEINE SCHULD Vergesst Jens Lehmann, vergebt Philipp Lahm. Es gibt nur einen Hauptschuldigen für die knappe Niederlage im er-EM-Finale von Wien. Mich. Und meinen Fernseher. Denn: Bei jedem Sportereignis am Bildschirm hat der Gastgeber für optimale Bedingungen zu sorgen. Dazu gehören das perfekte Bild, optimaler Sound und vor allem: die richtigen Gäste. Mit meinem Fernsehgerät habe ich in puncto Sportveranstaltungen abgeschlossen. Ich habe es von meinem Vater geerbt. Die ernüchternde Bilanz der alten Röhre: tragisches WM-Aus in Frankreich, die Mutter aller Niederlagen im ChampionsLeague-Finale , von der desaströsen EM  ganz zu schweigen. Und auch im Halbfinale  machte der Gute seine Sache nicht viel besser. Der Höhepunkt aber war das Finale in Wien. Alles war perfekt durchgeplant. Das Wohnzimmer war beflaggt, der Kühlschrank befüllt, die Gäste handverlesen, als da waren: Lars, wandelndes Fußball-Lexikon („Da können wir drum wetten“), Claas, Spielertrainer bei St. Pauli . Herren (hängte als Torwart erst nach der dritten Schulterluxation die Handschuhe an den Nagel, um dann im Feld weiterzuspielen), Fiet, Fußballphilosoph und Fan von Borussia Mönchengladbach, samt Damen, die vor allem eins verinnerlicht hatten: während des Spiels nur in Ausnahmefällen ein nicht fachspezifisches Gespräch zu beginnen. Eine halbe Stunde vor Anpfiff klingelte das Telefon. Claas am Apparat: Von Phillip Bittner (Text)

Fotografie: Rolau für Plainpicture (www.plainpicture.de)

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AFFAIRE D’HOMMES

„Mein Bruder hat noch keinen zum Gucken. Kann ich ihn mitbringen?“ Mein zögerliches Ja läutete den Untergang ein. Fünf Minuten später – wieder Claas an der Strippe: „Mein Mitbewohner weiß auch noch nicht, wo er schauen kann.“ Gleiches Dilemma, und eine Viertelstunde später saßen zwei Menschen in meinem Wohnzimmer, die ich in so einem Ernstfall noch nicht erlebt hatte. Anpfiff. Starker Beginn unserer Elf – unqualifizierter Spaß im Wohnzimmer. Schwächeperiode unserer Jungs – unqualifizierter Spaß im Wohnzimmer. Dann die . Minute: starker Pass auf Fernando Torres, der enteilt Lahm und schiebt an Lehmann vorbei ins Tor. Und in die Fassungslosigkeit im Raum folgte dieser Satz: „Wollen wir nicht doch lieber das Traumschiff gucken?“ Und dann noch viel schlimmer: Gelächter bei den Damen. Ich wusste sofort: Alles ist aus und vorbei. Das können wir nicht mehr drehen. Ich war schuld. Ich hätte stark bleiben müssen. Um ein Desaster bei der WM in Südafrika zu verhindern, bereite ich mich ab heute noch penibler vor als sonst. Erstens: Als objektive Eintrittskarte zählt nur noch Fachwissen. Entsprechende Fragen sind in der Entstehung begriffen („In der wievielten Minute kam Carlos Valderrama bei der WM  nach simulierter Verletzung wieder aufs Feld?“). Zweitens: Ein neuer Fernseher muss her. Unbefleckt, rein, jungfräulich, bereit, um Geschichte in die Wohnzimmer zu tragen. Denn ich möchte am . Juli  voller Stolz sagen können: Wir sind Weltmeister. Und das ist alles meine Schuld.


Hermès / +49 89 55 21 53-0 / hermes.com HUGO by HUGO BOSS / Häberlein & Mauerer / +49 89 381 08-0 / hugoboss.com Louis Vuitton / +49 89 255 44 75-0 / louisvuitton.com

Jil Sander / Loews PR / +49 89 219 37 91-0 / jilsander.com

Prada / Loews PR / +49 89 219 37 91-0 / prada.com

Wunderkind / +49 331 233 191-11 / wunderkind.com

Ann Demeulemeester / Michèle Montagne / +33 1 42 03 91 00 / anndemeulemeester.be Blaak / Cristofolipress / +33 1 44 84 49 49 / cristofolipress.fr

Damir Doma / Totem Fashion / +33 1 49 23 79 79 / damirdoma.com

Dior Homme / Antje Campe Th ieling / +49 40 41 46 81 4 0 / act-pr.de Fabric Interseason / Cristofolipress / +33 1 44 84 49 49 / fabrics.at Jean Paul Gaultier / +39 02 76 05 91 / jeanpaulgaultier.com Kris Van Assche / +33 1 48 04 52 45 / krisvanassche.com

Dries Van Noten / +33 1 42 74 44 07 / driesvannoten.be

Falke / +49 297 27 99-1 / falke.com

Georgy Baratashvili / Système D / +33 1 40 26 47 81 / georgybaratashvili.com

John Galliano / +39 02 76 20 91 / johngalliano.com

Natalia Brilli / +33 1 42 74 43 70 / nataliabrilli.fr

Pierre Hardy / Marion Daumas-Duport / +33 1 53 19 19 24 / pierrehardy.com Romain Kremer / Totem Fashion / +33 1 49 23 79 79 / totemfashion.com Viktor & Rolf / Karla Otto Paris / +33 1 42 61 34 36 / viktor-rolf.com

Julius / Totem / +33 1 49 23 79 79 / totemfashion.com Petar Petrov / Système D / +33 1 40 26 47 81 / petarpetrov.com

Raf Simons / PR Consulting Paris / +33 1 73 54 19 50 / rafsimons.com

Valentino / +33 1 55 35 16 24 / valentino.it Wooyoungmi / Suchelpresse / +33 01 42 21 34 89 / wooyoungmi.com

Bernhard Wilhelm für Mykita / Agentur V / +49 30 420 19 200 / mykita.com BOSS Orange / Network PR / +49 89 20 00 11 80 / hugoboss.com Denham / denhamthejeanmaker.com

Calvin Klein Jeans / Loews PR / +49 89 219 37 91-0 / calvinklein.com

Diesel / Henri+Frank PR / +49 40 320 27 71-0 / diesel.com

H&M / +49 18 03 55 99 55 / hm.com

Insight / insight51.com

Lee / AbsolutionPR / +49 89 54 88 96-0 / lee.com

Gucci / Network PR / +49 40 450 30 60 / gucci.com

Joop! Jeans / Loews PR / +49 89 219 37 91-20 / joop.com

Levis / Haeberlein & Maurer AG / +49 89 381 08-0 / levi.com

Stone Island / Th ink Inc. PR / +49 89 724 67 60 / stoneisland.com Weekday / Agentur V / +49 30 420 19 200 / weekday.se

Replay / The Edge / +49 2 21 277 36 05 / replay.it

Tiger of Sweden (Jeans) / Silk Relations / +49 30 84 71 08 34 / tigerofsweden.com

Wrangler / Schröder & Schömbs PR / +49 30 349 964-0 / wrangler.com Karl Lagerfeld / +33 1 44 50 22 00 / karllagerfeld.com

Paule Ka / +33 1 40 29 03 06 / pauleka.fr

Martin Grand / +33 1 42 71 39 49 / martingrantparis.com

Sonia Rykiel / +33 1 49 54 60 00 / soniarykiel.fr

A.D. Deertz / Silk Relations / +49 30 84 71 08 30 / addeertz.com

Bally / +49 89 290 82 40 / bally.com

BOSS Black / Network PR / +49 89 20 00 11 80 / hugoboss.com

Burberry Prorsum / Loews PR / +49 89 219 37 91-20 / burberry.com

C.P. Company / Th ink Inc. PR / +49 89 724 67 60 / cpcompany.com

Diesel Black Gold / Henri+Frank PR / +49 40 320 27 71-0 / diesel.com

Emporio Armani / Schoeller & von Rehlingen / +49 89 550 52 80 / emporioarmani.com

Etro / Schoeller & von Rehlingen / +49 89 550 52 80 / etro.it

Hannibal / AbsolutionPR / +49 89 54 88 96-0 / hannibal-collection.com

Salvatore Ferragamo / Schoeller & von Rehlingen PR / +49 40 450 18 30 / salvatoreferragamo.it

SoPopular / +49 30 240 49 950 / sopopular.net

Stetson / +1 646 473 1440 / stetson.com Adrienne Landau / W29 Showroom / +1 212 563 01 63 / adriennelandau.com Ashish / W29 Showroom / +212 563 0163 / ashish.co.uk Issey Miyake / +1 212 226 1334 / isseymiyake.co.jp

Bliss Lau / +646 666 04 11 / blisslau.com

John Varvatos / +1 212 812 80 19 / johnvarvatos.com

Maison Martin Margiela / Henri + Frank PR / +49 40 320 27 71-0 / maisonmartinmargiela.com Pamela Love / +1 212 564 82 60 / pamelalovenyc.com

Marc by Marc Jacobs / +1 212 343 02 22 / marcjacobs.com

Thom Browne / Kaleidoscope PR / +1 212 414 8882 / thombrowne.com

Pamela Tuohy / W29 Showroom / +1 212 563 0163 / pamelatuohyjewelry.com

Tim Hamilton / timhamilton.com

Gemma Slack / Blow PR / +44 207 436 94 49 / gemmaslack.com Minimarket / Agentur V / +49 30 420 19 200 / minimarket.se

Pringle of Scotland / Nicole Weber Communications / +49 40 41 49 48-0 / pringlescotland.com

Vested / +49 17 77 32 23 991 / vested09.com cK Calvin Klein / Loews PR / +49 89 219 37 91-0 / calvinklein.com Francisco van Benthum / Station Service PR / +33 1 42 21 36 36 / franciscovanbenthum.com

Cerruti / +33 1 53 30 19 33 / cerruti.com

Lanvin / +33 1 44 71 33 36 / lanvin.com

Yves Saint Laurent / +33 1 56 62 64 00 / ysl.com

Adidas / Häberlein und Maurer / +49 30 7262 / haebmau.de Arielle de Pinto / Agentur V / +49 30 420 19 200 / agencyv.com

Bless / Agentur V / +49 30 420 19 200 / agencyv.com

Giuliano Fujiwara / Soncini Communication Agency / +39 02 5810 5520 / fsoncini.it Ibrahim Alsac / alsac.de

Juun J / Totem / +33 1 49 23 79 79 / juunj.com

Henrik Vibskov / Agentur V / +49 30 420 19 200 / agencyv.com

Kathleen Hennemann / khxx.com

Olaf Döring / inkarma.de

Acne / +45 33 14 00 30 / acnestudios.com Carin Wester / Agentur V / +49 30 420 19 200 / carinwester.com

Fifth Avenue Shoe Repair / Global Bohemians PR / +49 211 15 76 770 / global-bohemians.com Jan iu Mes / janiumes.com

G-Star Raw / Schoeller & von Rehlingen PR / +49 40 45 01 83-0 / g-star.com

Mexx / Nicole Weber Communications / +49 40 41 49 48-0 / eshop.mexx.com

Stetson / +1 646 473 1440 / stetson.com

All Saints / allsaints.com

COS / Loews PR / +49 89 219 37 91-0 / cosstores.com SoPopular / +49 30 240 49 950 / sopopular.net

Wrangler Blue Bell / Schröder & Schömbs PR / +49 30 349 964-0 / eu. wrangler.com/bluebell

Sibling / +44 20 76 50 77 24 / siblinglondon.com

Thomas Sabo / +49 91 23 971 50 / thomassabo.com

Versace / Loews Pr / +49 89 21 93 79 10 / versace.com

Agent Provocateur / +44 207 923 52 22 / agentprovocateur.com Black Halo / blackhalo.com

La Perla / laperla.com

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Mensch beim Abschlagen vorkriegszeitlicher Fliesenkruste.

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Kraftstoffverbrauch in l/100 km: innerorts 20,9–22,7; außerorts 9,9–10,4; kombiniert 13,9–14,9; CO2-Emission in g/km: kombiniert 332–356

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Feld Hommes #12 - Finale