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WEIBLICHE SPIRITUALITÄT

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sache durch Transzendenz und Abwendung, die weibliche über die Hinwendung, das tiefer Eintauchen, mitten ins Leben hinein. Sehr deutlich ist das in diversen Religionen, die von Männern gegründet wurden. Sie haben die Welt fein säuberlich in gut und böse sortiert. Heute läuft das oft subtiler ab. Da wird dann erleuchtet von nicht erleuchtet getrennt, Erwachte von nicht Erwachten. Bei Frauen ist hingegen Spiritualität alles. Sie geschieht mitten im Leben und ist überall im Alltag integriert. Meditation ist für mich zum Beispiel etwas, das genauso beim Spülen passiert wie beim Kuscheln, beim Arbeiten wie beim Tanzen. Eine spirituelle Praxis zu erschaffen, die getrennt vom Alltag passiert, ist in meinem Verständnis ein männlicher Zugang. Auch wenn ich den weiblichen Zugang klar bevorzuge, hat natürlich auch die männliche Unterscheidungskraft ihren Platz. Menschen leben in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen, und es ist hilfreich, das zu benennen, denn Unterscheidung bringt Klarheit. Abseits des Alltags in Klöstern oder Ashrams können ganz besondere Räume kultiviert werden, die wertvoll sind. Doch wie in vielen Lebensbereichen haben wir in den letzten Jahrhunderten auch hier den weiblichen Zugang aus den Augen verloren, während das männliche Paradigma die Oberhand hatte. Das ändert sich meines Erachtens gerade. Du bist ja auch Mutter. Glaubst du, dass deine Mutterschaft etwas mit deiner Spiritualität zu tun hat? Auf jeden Fall! Ich bin sehr jung Mutter geworden. Damit ist das »Wunder des Lebens« durch mich gekommen und war in Form von einem Kind mitten in meinem Leben. Es schien absurd, sich vom Leben abzuwenden, um dem Leben näher zu kommen. Du merkst schon, dass ich Leben und Gott synonym verwende. Das ist für mich weibliche Spiritualität. Nicht dass Gott nun Göttin heißt, sondern dass das Leben als das Göttliche erkannt wird. In vielen männlichen Zugängen hingegen müssen wir uns vom Leben abwenden, um uns Gott zuzuwenden. In vielen männlich geprägten Schulen wird daher eine Reduzierung der Beziehungen gelehrt und praktiziert, bis hin zum Zölibat. Die Idee dahinter ist, dass man sich dadurch ganz auf die Beziehung zu Gott (oder in Religionen ohne Gott auf das Erwachen) konzentrieren kann. In einer weiblichen Spiritualität ermöglicht gerade das Eintauchen in Beziehungen, Einheit zu erfahren. Sexualität ist für mich zum Beispiel das ureigentliche Gebet weiblicher Spiritualität. In Beziehungen kann ich Verbundenheit erfahren, während ich meine Individualität erlebe — also Einheit und Trennung zugleich. Die Verschmelzung von Gegensätzen, die unio mystica, die Alchemie ist dann kein

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theoretisches Konstrukt mehr, das Momenten theologischer oder mystischer Höhenflüge vorbehalten ist, sondern sie ist Alltagspraxis. Was ist, wenn du etwas anderes möchtest als ich? Was ist, wenn mein Kind gerade schwierig und anstrengend ist und ich mich nach Ruhe sehne? Diese Gleichzeitigkeit ist für mich das Spannende und auch das Einzigartige an der menschlichen Erfahrung. Die reine Einheit kann ich auch ohne Körper erfahren, das finde ich weit weniger interessant. Welche Rolle spielen denn hier die Gefühle? Viele spirituelle Lehrer predigen ja den Gleichmut, deshalb denken viele, es ginge darum, die Gefühle loszuwerden. Das finde ich eines der tragischsten Missverständnisse. In spirituellen Schulen wird oft von »verhaftet sein« gesprochen, und jedes Gefühl — außer der bedingungslosen Freude — wird als Ausdruck dessen gedeutet. Das Tragische hieran ist, dass es von der Nichtanhaftung zum »Ist mir doch alles egal« nicht weit ist. Letztere ist jedoch eine Haltung, die mich vom Leben entfernt, statt mich tiefer zu verbinden, und kann daher schnell in die Isolation bis hin zur Depression führen. Gefühle sind tatsächlich der Schlüssel, um das Leben in diesem Menschsein zu erfahren. Gefühle sind Beziehungskräfte. Natürlich ist nicht jedes Gefühl in jeder Form hilfreich, und ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, was den Unterschied macht. Heute weiß ich, dass Gefühle sich als Kräf-

Hierzu ein Beispiel. Nehmen wir die negativen Gefühle, mit denen haben wir mehr Probleme: Wut, Trauer, Angst und Scham. Sie treten auf, wenn etwas anders ist, als wir es gerne hätten. Ich komme nach Hause und sehe, dass die Küche nicht aufgeräumt ist. Jetzt kann ich sagen: Das geht nicht, wir haben doch eine Vereinbarung, dass die Küche aufgeräumt sein soll! Das ist der Absolutheitsanspruch. Der führt dazu, dass ich nicht bereit bin, mit dem, was ist, in Beziehung zu gehen, denn es sollte ja gar nicht sein. Das wiederum führt dazu, dass die Gefühle, die ich produziere, Schattengefühle sind. Die Wut, die ich erzeuge, wird dann zerstörerisch. Ich fange an, innerlich zu schimpfen über meine Kinder oder meinen Partner und verurteile sie. Ich kann auch in die Trauer gehen. Wenn die im Schatten ist, gleite ich in Passivität oder Depression. »Nie schaut jemand, ob es auch für mich richtig ist, es ist immer das Gleiche.« Ähnlich kann ich Angst oder Scham wählen. Der Fakt ist einfach nur, dass die Küche nicht aufgeräumt ist. Wenn ich auf meinem Absolutheitsanspruch beharre, produziere ich den Schatten und trenne mich ab. Aber ich kann auch anders damit umgehen und einfach feststellen, dass die Küche nicht aufgeräumt ist und dass das nicht meinem Bedürfnis entspricht. Mir ist eine aufgeräumte Küche lieber. Hier bleibe ich in Kontakt mit meinem Bedürfnis und der Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was meinem Bedürfnis nach sein sollte. Diese Lücke ist

Bei Frauen ist Spiritualität alles. Sie findet mitten im Leben statt und fördert nicht das sich Raushalten, sondern das Eintauchen in Beziehungen

te oder in ihrem Schattenausdruck zeigen können. In vielen spirituellen und psychologischen Schulen wird das alles in einen Topf geschmissen und gilt als solches Gesamtpaket dann als unpraktisch und nicht hilfreich. Erkläre doch mal den Unterschied! Es geht hier um die Unterscheidung zwischen einem persönlichen Bedürfnis und einem Absolutheitsanspruch. Als Menschen haben wir Bedürfnisse, und es ist unsere Verantwortung, uns um diese zu kümmern. Wenn wir der Versuchung widerstehen, Gefühle als unspirituell und unerwacht abzustempeln, dann können wir über das Eintauchen in Gefühle diesen ganz feinen Unterschied kennenlernen und nehmen wieder wahr, dass sie die Richtung der Verbindung angeben zu dem, was ist.

schmerzhaft. Wenn ich sie jedoch annehme, dann ist da Intensität oder Energie. Natürlich kann ich mich dann da auch rausmeditieren. Das ist der klassische Ansatz, den finde ich allerdings nicht so interessant. Spannender ist, diese Intensität in Gefühlskraft zu übersetzen. Die positive Wutkraft hilft mir, aktiv zu werden, zu handeln, für meine Bedürfnisse einzustehen – das würde heißen: Ich suche das Gespräch, ich mache die Küche selbst sauber oder bitte jemand, es zu tun. Der Unterschied zwischen der Schatten- und der Gefühlskraft ist folgender: Das Gefühl ist eine Brücke zwischen mir und der Situation. Es befähigt mich, mit der Situation umzugehen. Der Schatten hingegen trennt mich von der Situation. Das Gleiche gilt für die anderen Gefühle. Trauer bringt mich in ihrer Kraft zum Hinnehmen eines Verlustes. Angst gibt mir die Kraft, mich mit dem

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Spirit 5/6 2015  

Weibliche Spiritualität

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