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Aber hier leben, nein Danke!

Zeitung der ÖH Uni Wien Nr. 03/17 | Österreichische Post AG/Sponsoring.Post 04Z035561 S | www.unique-online.at | E-Mail: unique@reflex.at | ÖH Uni Wien: oeh.univie.ac.at


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Editorial

Tirili, liebe Fans! Es regnet bei sieben Grad und arktische Winde fegen gefrorene Tauben von den Dächern, aber tief in uns spüren wir wie ihr: der Lenz, er naht. Diese wonnige Frühlingszeit, die im Reich der Vöglein, Mäuschen und Kätzchen eine neue Phase naturgewollten Reproduktionstaumels einläutet, lässt unsere tauenden Hirne sinnend sich erfreuen an der Tatsache, dass wir uns doch ein kleines Stückchen über die gute Mutter Natur erhoben haben und also gewichtigere und noblere Sorgen haben dürfen als Nestbau und Würmerwürgerei. Zu diesen gehören zum Beispiel Geld, Arbeit, Herrschaft und Unterdrückung – und auch wenn die Auseinandersetzung mit entsprechenden Fragen nicht immer ein erhebendes Gefühl vermitteln mag, so dient sie doch ganz bestimmt der Erhellung. Solche strahlt gleich von Seite 5, wo Christian Hofmann praktische Auf klärung über das Arbeitsverhältnis Praktikum gibt und darüber, dass wir uns nicht ausschließlich in Kompetenzerweiterung und Dankesworten bezahlen lassen müssen. Hundert Jahre in die Vergangenheit blickt Phillipe Diente auf Seite 6 und fragt sich, warum Anton Pannekoeks hellsichtige Kritik an der Oktoberrevolution von 1917 so wenig Beachtung findet. Mehr als die Haare schön machte Vidal Sassoon, dessen Engagement gegen den Faschismus und für die israelische Unabhängigkeit nicht neben seiner Karriere als Friseur in Vergessenheit geraten sollte, findet David Hellbrück auf Seite 8. Unschön wird es auf Seite 10, wo Neva Rosinger über Geschlechterkonstruktionen in der extremen Rechten am Beispiel der peinlichen „Identitären“ und ihrer Papis im Geiste schreibt. Ebenfalls – wenn auch anders – widerlich ist die Situation auf vielen US-amerikanischen Campus, wo antiisraelisches Engagement und Übergriffe gegen Juden und Jüdinnen auf der studentischen Tagesordnung stehen – Minna Großneig erhellt auf Seite 12 das Elend und geht auf die Versuche ein, das Problem juristisch zu lösen. Die Bewegung, die nach der Wahl Donald Trumps in die Reihen US-amerikanischer NaturwissenschaftlerInnen gekommen ist, hat Felix Schmidtner bemerkt und fragt auf Seite 14 nach den Gründen. Im Feuilleton auf den Seiten zwölf und 16 geht es Moritz Schwab um das vernachlässigte Dasein der Psychoanalyse in der antideutschen Kritik, während Colin Kaggl sich den Film Elle angesehen hat und einiges darüber enthüllt. Den Schwerpunkt zum Weltfrauen*tag am 8. März findet Ihr ab Seite 17. Beim Taubenvergiften im Park an den kommenden ersten warmen Tagen im Jahr ist diese Frühlingsausgabe der UNIQUE genauso wie beim Turteln und Balzen im Bibliotheksfoyer oder zur vollständigen Abschottung von jeglichem Frühlingsgefühl auf jeden Fall ein must have!

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Herausgeberin Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien Unicampus AAKH, Hof 1, Spitalgasse 2–4, 1090 Wien; ­­T el. 0043 (0)1-4277-19501 Redaktion Josefa Stiegler, Yasemin Makineci, Ronja Schonscheck Beteiligt an dieser Ausgabe Dorothea Born, Barbara Eder, Michael Fischer, Marlene Gallner, Minna Großneig, Mathias Haas, David Hellbrück, Christian Hofmann, Phillipe Diente, Colin Kaggl, Yasemin Makineci, Neva Rosinger, Felix Schmidtner, Moritz Schwab, Lucilio Zwerk und das Vorsitzteam der ÖH Uni Wien Layout Stefanie Hintersteiner Lektorat Karin Lederer, Birgitt Wagner Illustrationen Kathrin-Paula Amtsfeld Anzeigen Wirtschaftsreferat ÖH Uni Wien, inserate@oeh.univie.ac.at, Tel. 0043-(0)1-4277-19511

Erscheinungsdatum März 2017 KRITISCH DEN MÄCHTIGEN, HILFREICH DEN SCHWACHEN, DEN TATSACHEN VERPFLICHTET – ABER HIER LEBEN, NEIN DANKE!

BILDSTRECKE Kathrin-Paula Amtsfeld

INHALT

Eure Redaktion der U N IQU E

S. S. S. S. S. S. S. S. S.

IMPRESSUM

KOMMENTAR DES VORSITZTEAMS A NEVER-ENDING STORY – STUDIERENDE UND DAS PRAKTIKUM MYTHOS OKTOBERREVOLUTION DAS LEBEN DES VIDAL SASSOON VON SPARTANERN UND WEIßEN WÖLFEN AUF US–CAMPUS WIRD ANTIZIONISMUS VERBOTEN WISSENSCHAFTLER_INNEN AUF DIE BARRIKADEN? DAS ELEND DER PSYCHOANALYSE IN DER ANTIDEUTSCHEN KRITIK FILMREZENSION ELLE

SCHWERPUNKT AB SEITE 18 S. 18 S. S. S. S. S. S. S. S.

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PSEUDOMASKULINITÄT ODER: WARUM (UN)ECHTE MÄNNER KEINE SCHWÄCHE ZEIGEN KÖNNEN MOUNT NASTY EURE ‚EHRE‘ ZWISCHEN UNSEREN BEINEN MIT DEM ISLAM FÜR DIE SELBSTBESTIMMUNG DER FRAU ABSTRAKTION UND GEWALT NATÜRLICH, GESUND, ANTIEMANZIPATORISCH UNGLEICHE DEBATTE WEIBLICHKEIT ALS DENKMANTEL DER WARE NIX STATT X!

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unileben Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Interessierte! Ende Jänner 2017 einigte sich die Regierungskoalition aus SPÖ und ÖVP nach langen Verhandlungen auf ein Regierungspaket, das neben Verschärfungen in den Bereichen Arbeits- und Asylpolitik auch eine gefährliche Wende in puncto Uni-Politik ankündigte: Das Konzept der „Studienplatzfinanzierung“. Anfang des Jahres ist dieser Vorstoß bereits im Rahmen des – von Bundeskanzler Christian Kern auf den Weg gebrachten – Plan A an die Öffentlichkeit gelangt. Seither schwebt jener verschleiernde Begriff im Raum, der letzten Endes auf eine ziemlich klare politische Konsequenz hinauslaufen wird: Die Einführung von Zugangsbeschränkungen an österreichischen Hochschulen und damit einen Angriff auf den offenen und freien Hochschulzugang. Der Vorschlag der Regierung kann keine Alternative sein. Wir werden uns gegen die geplanten Zugangsbeschränkungen wehren. Die besagte Studienplatzfinanzierung sieht vor, dass sich die Zuweisung des Hochschulbudgets in Zukunft an einer Zahl „aktiver Studierender“ orientiert. Das würde bedeuten, dass je Studiengang eine absurde Maximalgrenze an Studienanfänger_innen und damit ein Kontingent an Studienplätzen festgelegt würde. Verhandelt wird im Ministerium gerade vor allem über das Studium der Rechtswissenschaften, weitere Studiengänge werden folgen. Ergebnis könnte sein, dass viele – obwohl sie die Matura gemacht haben – nächstes Jahr ein Selektionsverfahren durchlaufen müssen, das die Jus-Studienanfänger_innen an der Uni Wien auf die Hälfte, also von derzeit rund 2.600 auf 1.300 drückt. Zugangsbeschränkungen halten vor allem Menschen aus Arbeiter_innen-Familien und bildungsfernen Schichten vom Studieren ab, wie Studien zeigen. Das wird am Beispiel des Medizinstudiums deutlich: Der Anteil von Studierenden, die in erster Generation ihrer Familie eine Hochschule besuchten, sank nach der Einführung der Zugangsbeschränkungen von 59 auf 43 Prozent. Die Tatsache, dass die Teilnahmegebühren für die Tests und die Kosten für die Vorbereitungskurse vor allem für Menschen mit niedrigerem Einkommen abschreckend sind, ist nur ein Umstand, der hier hineinspielt. Diese Form der sozialen Selektion in Bezug auf den Zugang zu Bildung und, damit verbunden, auf die Möglichkeit einer Karriere und damit einhergehend auf gesellschaftlichen Aufstieg und Wohlstand, führt zur Verfestigung gesellschaftlicher Ungleichverteilung. Bildung wird zum Privileg von Akademiker_innenkindern, für die sich nunmal der Zugang zur Hochschule um einiges einfacher gestaltet. Dazu darf es nicht kommen, wenn unser Ziel eine emanzipatorische Gesellschaft ist, in der jede und jeder gleiche Möglichkeiten zur Findung und Umsetzung eigener Lebensentwürfe haben soll! Wir werden uns weiterhin für den freien Hochschulzugang einsetzen. Auf ein kämpferisches Sommersemester! Euer Vorsitzteam, Karin, Alina & Anna

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Christian Hofmann

A NEVER-ENDING STORY – Studierende und das Praktikum

Mehr als die Hälfte der Studierenden wird durch ihren Lehrplan gezwungen, ein Praktikum zu absolvieren. Viele versuchen, so den Weg in das Berufsleben zu finden. Vielfach handelt es sich bei sogenannten Praktika aber einfach nur um unter- oder unbezahlte Arbeitsverhältnisse. Mythos Praktikum Das österreichische Arbeitsrecht kennt keine Praktikant*Innen, sondern nur eine grobe Unterteilung in zwei Kategorien: Arbeitsverhältnisse auf der einen und Ausbildungsverhältnisse auf der anderen Seite. Überwiegt der Arbeitsaspekt, so handelt es sich um ein Arbeitsverhältnis. Vielfach beschränken sich die Tätigkeiten von Praktikant*Innen auf Hilfsdienste wie zum Beispiel Kaffeekochen, E-Mails beantworten, Anrufe tätigen und Recherche. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen klar um Arbeit: Praktikant*Innen helfen dabei, dem Unternehmen Gewinne zu erwirtschaften. Menschen können als Arbeiter*Innen oder Angestellte beschäftigt werden, als Vollzeit-, Teilzeit- oder geringf ügige A rbeitskräf te. Aber die Anstellungsform „Praktikant*In“ gibt es nicht. 1 Die meisten Praktika sind im Grunde zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse, die entsprechend dem gültigen Kollektivvertrag der Branche entlohnt werden müssten.

Zwangsbeglückt durch Universität und Fachhochschule Mehr als die Hälfte aller Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen s i nd du r c h i h r e n S t ud ie npl a n ge z w u nge n, e i n P f l ic ht pra k t i k u m z u machen. Ohne Praktikum gibt es keinen Studienabschluss. Das ist für viele

Arbeitgeber*Innen natürlich die ideale Möglichkeit, um Studierende unter Druck zu setzen: Akzeptiere ein schlecht oder gar nicht bezahltes Praktikum, oder du kannst dein Studium nicht abschließen. In einer Befragung unter Studierenden gaben 34 Prozent an, bereits unbezahlte Praktika absolviert zu haben. 43 Prozent haben Praktika geleistet, welche mit maximal 800 Euro entlohnt wurden. Gleichzeitig liegt der Prozentsatz der Studierenden, die mit dem Gedanken an ein Praktikum spielen, bei über 90 Prozent. 2 Der Druck auf Studierende wächst. Einerseits durch den Zwang zum Praktikum, um das Studium abschließen zu können. Andererseits auch durch das Bestreben, den eigenen Lebenslauf aufzubessern, bzw. durch wachsende Anforderungen an junge Arbeitskräfte. Der Berufseinstieg für Studierende droht immer prekärer zu werden.

und das Praktikum ist tatsächlich der Türöffner zum Wunschjob. In vielen Fällen geht die Gleichung jedoch nicht auf. Einziges Ergebnis sind vielfach nur unterbezahlte Arbeits- und vergeudete Lebenszeit. Nun kann man sich zurücklehnen und meinen: „Was soll ich da tun?“ Die Gewerkschaft der Privatangestellten hat für Praktikant*Innen die Initiative Watchlist-Praktikum ins Leben gerufen; auf dieser Internetplattform können Praktika anonym geprüft werden. Anhand einiger kurzer Fragen und mit Unterstützung von Jurist*Innen erhalten die Praktikant*Innen eine Rückmeldung, ob die erhaltene Bezahlung angemessen war. Außerdem können Praktikumsausschreibungen gemeldet werden, welche gegen arbeitsrechtliche wie kollektivvertragliche Bestimmungen verstoßen. Denn auch im Bereich der Praktika gilt: Fair statt prekär ist einfach besser.

Warum sich eigentlich nicht einmal wehren?

Christian Hofmann ist Jugendsekretär in der Gewerkschaft der Privatangestellten und hat Volkswirtschaftslehre und Internationale Entwicklung studiert.

Den meisten Studierenden ist bewusst, dass v iele Pra k t i k a in Wirk lich keit schlecht bezahlte, unsichere Arbeitsverhä lt n isse sind. Nach dem Mot to „einfach in den sauren Apfel beißen“ versuchen viele Studierende trotzdem, durch Praktika jene Berufserfahrung zu sammeln, welche ihnen später zu einem guten Job verhelfen soll. Oft gelingt dies

Anmerkungen 1 Es gibt Ausnahmen, z. B. das Gerichtsjahr für Jurist*Innen. 2 Diese und weitere Informationen unter https://www.watchlist-praktikum.at/2016/12/21/ praktika-duerfen-nicht-zum-lohnenden-geschaeftsmodell-fuer-unternehmen-auf-kostenjunger-menschen-gehen/ (Zugriff zuletzt am 02.03.2017)

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gesellschaft Phillip Diente

Mythos Oktoberrevolution

Erinnerung an Anton Pannekoek

Die Oktoberrevolution galt als Fanal der Revolution. Schon bald sollte sie allerdings zum Mythos der Linken werden. Weitestgehend in Vergessenheit geraten sind heute MarxistInnen wie Anton Pannekoek, denen sie vor allem eines war: Gegenstand der Kritik. Die sozialistische Oktoberrevolution jährt sich am 7. November 2017 zum einhundertsten Mal. Die politische Erschütterung, die sie auslöste, und die Signalw irkung, die von ihr ausging, lassen sich auch im Nachhinein kaum überschätzen. Insbesondere in den westeuropäischen Staaten galt die Russische Revolution als Fanal für die sozialistische Weltrevolution. Sie wurde gleichermaßen von ArbeiterInnen wie von sozialistischen Intellektuellen euphorisch begrüßt. Nach all dem entsetzlichen Leid, das die Menschen sich und anderen über die Jahrtausende hinweg angetan hatten, schien der Zustand, in dem die freie Entfaltung des Einzelnen die Bedingung für die freie Entfaltung aller bilden sollte, endlich in greif bare Nähe gerückt zu sein. Die weitere Entwicklung der Sowjetunion, die in der Etablierung eines roten Behemoths anstatt der Befreiung resultierte, sollte dieser Hoffnung allerdings schon bald ein schmerzliches Ende bereiten – auch wenn sich diese Erkenntnis bei vielen SympathisantInnen erst spät, bei manchen sogar nie durchsetzen sollte und der Mythos Oktoberrevolution in der Linken bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat. Und doch hat es nicht immer schon so kommen müssen, wie es kam: Mit der Revolution hätte es klappen können, hätte sich ihr Zentrum nur, so wie Lenin es immer gefordert hatte, in eines der ökonomisch höher entwickelten europäischen Länder wie Deutschland verlagern können. Mit der Pleite der Novemberrevolution 1918 in Deutschland, dem fortgesetzten roten Terror, der Ausschaltung der letzten innerbolschewistischen Opposition durch den Beschluss auf dem X. Parteitag der Bolschewiki 1921, der Niederschlagung des Aufstands in Kronstadt und dem Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik offenbarte sich allerdings, dass das Schicksal der Russischen Revolution besiegelt und sie vollkommen gescheitert war.

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Anton Pannekoeks Werdegang Weitestgehend in Vergessenheit geraten oder der Ignoranz anheimgefallen sind heute diejenigen, die neben Rosa Luxemburg bereits sehr früh eine hellsichtige Kritik von links an Theorie und Praxis der leninistischen Revolution formulierten. Einer von ihnen war der Holländer Anton Pannekoek (1873–1960), der sich im Laufe seines Lebens vom Anhänger des linken Flügels der Sozialdemokratie zu einem entschiedenen Kritiker des Bolschewismus und einem der wichtigsten Theoretiker des Rätekommunismus entwickeln sollte. 1 Anton Pannekoek wurde 1873 in einer kleinen Ortschaft in der niederländischen Provinz Gelderland geboren. Er stammte aus gutbürgerlichem Hause, sein Vater war der Besitzer einer Eisengießerei. Nach der Schule studierte Pannekoek Mathematik und Physik in Leiden, wo er 1902 über ein astronomisches Thema promovierte. Bereits ein Jahr zuvor war Pannekoek der SDAP beigetreten und mit dem Kreis rund um die sozialdemokratische Zeitschrift De Nieuwe Tied (Die neue Zeit) in Kontakt gekommen, dem auch Herman Gorter angehörte, der später ebenfalls zu den führenden Köpfen des Rätekommunismus zählen sollte. 1906 begann Pannekoek seine Arbeit als Lehrer an einer Parteischule der SPD in Berlin und hatte dabei KollegInnen wie Rosa Luxemburg und Rudolf Hilferding. Im selben Jahr mischte er sich mit seinem Text Ethik und Sozialismus in den sozialdemokratischen ‚Revisionismusstreit‘ ein, wo er auf Seite der orthodoxen MarxistInnen für eine grundsätzliche Verteidigung der marxistischen Methode Partei ergriff. Der Erste Weltkrieg trieb ihn wieder in die Niederlande zurück. Von dort pf legte er weiterhin enge Kontakte nach Deutschland und publizierte in verschiedenen Zeitschriften der radikalen Arbeiterbewegung, durch die er Einf luss auf die theoretische und praktische Ent-

wick lung des antiparlamentarischen Flügels der Linken rund um die KAPD und die proletarischen Streikbewegungen im Umfeld der Allgemeinen Arbeiter Union (A AU) nahm.

Marxismus und Naturwissenschaft Pannekoeks Auffassung des Marxismus war sehr von seinem naturwissenschaftlichen Methodenverständnis geprägt. Letztlich war auch sein Interesse an den Gesetzen der Natur ein Grund für seine Hinwendung zum Marxismus, den Pannekoek vor allem als eine Forschungsmethode zur Erkenntnis der f ür den gesellschaftlichen Wandel ausschlaggebenden sozialen Gesetze sah. Mit ‚Gesetz‘ ist hier nicht ein absolutes Gebot gemeint, nach dem die Natur oder die Gesellschaft sich zu richten hätten, sondern durch die Tätigkeit des Verstandes von den mannigfaltigen Erscheinungen abstrahierte allgemeine Regel, die das historische Geschehen und die gesellschaftlichen Vorgänge ursächlich erklärbar machen soll. Im Zentrum des Interesses steht dabei nicht das subjektive Ziel einer Bewegung oder der Wille der Menschen, sondern die gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Taten. 2 „Der Sozialismus“, heißt es bei Pannekoek, „ist nicht einfach eine Lektion, ein Lehrbuch oder eine Reihe von Thesen, die man ein für allemal lernt […]. Er ist ein Lernen, eine Erweiterung von Ansichten, die niemals auf hört. Die sozialistische Einsicht ist kein abgemessenes Ding, das vollendet ist, sondern ein Prozess immer for tschreitender Entwicklung.“3 Es war nicht zuletzt dieses Marxismusverständnis, das Pannekoek – aller anfänglichen Begeisterung für die Oktoberrevolution zum Trotz – dazu befähigte, ihren Charakter zu durchschauen. Auch wenn er schon früh eine Kritik an der Organisation in Gewerkschaften und A rbeiterpar teien mit Führ ungsriege


gesellschaft

formulierte, die er für bürgerliche Institutionen hielt, die einer früheren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung entstammten und den praktischen Erfordernissen einer dezidiert proletarischen Revolution nicht mehr länger adäquat waren, 4 so entwickelte er doch erst im Angesicht der nach-revolutionären Praxis der Bolschewiki eine grundlegende Kritik an der Russischen Revolution.

Marxismus oder Bolschewismus Ihren theoretischen Höhepunkt erreicht diese Kritik an Philosophie und Praxis des Bolschewismus in den beiden Schriften Lenin als Philosoph (1938) und Die Arbeiterräte (1942). Pannekoek unternimmt darin den Versuch, den Bolschew ismus gemäß der marxistischen Methode zu kritisieren und ihn als Ausdruck der spezif ischen sozioökonomischen Verhältnisse in Russland zu begreifen.5 Für Pannekoek war das vorrevolutionäre Russland eine feudalistische Agrargesellschaft unter der Herrschaft einer ökonomisch abgehalfterten Autokratie. Die Bourgeoisie war schwach entwickelt und hatte noch kaum eine Rolle gespielt. Damit fehlte die Grundbedingung der proletarischen Revolution. Die Russische Revolution musste unter solchen Voraussetzungen einen spezifischen Charakter annehmen, deren theoretischer Ausdruck der Bolschewismus war: Ihm musste es um die Befreiung der Bauern und die Abschaffung des Feudalismus durch die Auf hebung des Großgrundbesitzes und die anschließende Industrialisierung der Produktion gehen, die unter Leitung der

Partei in den Kommunismus überführt werden sollte. Die Russische Revolution hatte damit bürgerlichen und proletarischen Charakter zugleich. 6 Diesen Widerspruch konnte sie aufgrund der anstehenden Aufgaben letztlich nur durch die Installierung eines zentralistisch und autoritär organisierten Staatskapitalismus lösen, der auf der staatlichen Direktion der Produktion basierte und somit notwendig auf Kosten des Proletariats gehen musste. Das Ergebnis war eine Parteidiktatur, in der die ProletarierInnen noch schlimmer unterdrückt werden sollten als unter westlich-kapitalistischen Verhältnissen.7 Pannekoek bietet damit eine materialistische Begründung für das Scheitern der Russischen Revolution, die über die verbreitete These vom Verrat der Bolschewisten an ihren ursprünglich guten Idealen hinausgeht: „Es besteht die weit verbreitete Meinung, daß die bolschewistische Partei marxistisch war und daß Lenin, als der große Vertreter des Marxismus nur den praktischen Notwendigkeiten Rußlands entsprechend, dort nach der Revolution etwas anderes durchführte, als was in Westeuropa Kommunismus hieß […]. So wird dann auch versucht, die despotische Staatspraxis des neuen Rußland in Widerspruch zu den guten marxistischen Prinzipien des alten Bolschewismus zu setzen. Diese Meinung ist unrichtig. Der Marxismus des Lenin und der bolschewistischen Partei ist eine Legende. […] Der Marxismus zeigt aber zugleich die Notwendigkeit dieser Legende; jede bürgerliche Revolution braucht die Illusion, daß sie mehr und anderes sei.“ 8

Anmerkungen 1 Vgl. dazu: Brendel, Cajo (2001): Anton Pannekoek. Denker der Revolution. Freiburg: ça ira Verlag. In Brendels theoretischer Biographie von Anton Pannekoek wird dessen theoretische Entwicklung in all ihren zeitweiligen Widersprüchen sehr kleinschrittig und detailliert nachgezeichnet. 2 Aufsatztitel wie Kants Philosophie und der Marxismus (1901) oder Marxismus und Darwinismus (1909) zeigen an, woran sich Pannekoeks marxistische Methode orientierte. Vgl. ebd., S. 16–25. 3 Zitiert nach: Brendel (2001), S. 32. 4 Vgl. Wallat, Hendrik (2012): Staat oder Re volution. A spekte und Probleme linker Bolschewismuskritik. Münster, Edition Assemblage. S. 151 ff. 5 Die gedrängte Form dieses Artikels fordert ihren Tribut und verlangt im Folgenden eine fast schon gewaltsame Beschränkung auf einen zentralen Aspekt von Pannekoeks Argumentation. Pannekoek liefert in Lenin als Philosoph allerdings eine weitaus umfassendere und letztlich vernichtende Kritik an Lenins Schaffen. Er zeigt unwiderleglich, dass Lenins ‚Marxismus‘, den russischen Verhältnissen entsprungen, nie über das Niveau eines frühbürgerlichen Materialismus hinausgelangt ist und dass es für einen Marxismus auf der Höhe der Zeit theoretisch bei Lenin schon damals nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen gab. 6 Vgl. ebd., S. 156 ff. und Pannekoek, Anton (1991): Lenin als Philosoph, S. 138–145 , in: Marxistischer Antileninismus. Freiburg: ça ira Verlag. 7 Ebd. 8 Pannekoek, Lenin als Philosoph, S.143.

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gesellschaft

David Hellbrück

Das Leben des Vidal Sassoon

Mit Vidal Sassoon assoziiert man allenfalls Haarstylingprodukte. Doch der 1928 in London geborene Vidal Sassoon ist eine verkannte Persönlichkeit mit einer überaus spannenden Biographie.1 Auf der Flucht vor antisemitischen Pogromen in der Ukraine wanderte die Familie Betty Berlins, 2 der späteren Mutter Vidal Sassoons, in den 1890er Jahren nach England aus. Der Vater stammte aus Thessaloniki und lernte seine künftige Ehefrau 1925 in England kennen. Drei Jahre später kam Vidal Sassoon zur Welt, kurz darauf verließ sein Vater die Familie für eine andere Frau. Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern war Betty Berlin bald finanziell ruiniert; nach einer kurzen Phase der Obdachlosigkeit fand die Familie schließlich Zuf lucht bei Verwandten und fristete ihr Leben unter ärmlichen Verhältnissen.3 „There were no bathrooms, no internal toilets – just cold running water in tiny kitchens. The roof was falling apart and leaked – sometimes water simply poured through it. There was one toilet shared by four families on the landing outside. […] All we could see from our windows was the greyness of the tenements across the street. There was ugliness all around, and yet my aunt Katie and her family had a spirit and humour that rose above the dingy circumstances of life in our crowded home.“4 Die Mutter sollte zeitlebens eine bedeutende Rolle in Vidal Sassoons Leben einnehmen. „She had an answer for everything. If you asked her what the historical rationale was for matzo ball soup she would answer, ‚It will keep you out of hospital and get you into the synagogue‘.“5 Seine Mutter erklärte ihm auch,

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welche Pläne sie für ihn hatte. Sie legte ihm den Beruf des Friseurs nahe. Es gab kein Entkommen! Sie packte ihn an den Armen und zerrte ihn regelrecht in den Salon von Adolph Cohen. Er bekam den Job. Mr. Cohen war damals der Friseur im ärmlichen Londoner East End und sollte Sassoons Angaben zufolge sein Mentor werden und bleiben. 6

The 43 Group Nach Kriegsende propagierte Oswald Mosley, der Anführer der British Union of Fascists, öffentlich auf Londons Straßen: „We’ve got to get rid of the Yids!“ Sassoon empfand die damalige Zeit mehr als bedrohlich. „We Jews were, so they thought, an easy target.“ 7 Diese Reden weckten in ihnen die Erinnerungen an die Horrorbilder aus „Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Belsen“ 8 und ähnlichen Orten und lösten einen Willen zum Kämpfen aus. Die Idee, eine Gruppe zu organisieren, die insbesondere auf der Straße gegen FaschistInnen kämpfen sollte, stammt von Morris Beckman,9 der während des Krieges in der britischen Navy gedient hatte. Im März 1946 beraumte er ein Treffen an, bei dem sich 43 jüdische Ex-SoldatInnen, viele von ihnen KriegsheldInnen, anschlossen, um die FaschistInnen auf den Straßen Großbritanniens zu stoppen. Die britische FaschistInnenbewegung schlief im Sommer 1949 immer mehr ein; sie zersplitterte in mehrere bedeutungslo-

se Einzelgruppierungen, die höchstens noch mit dem Namen an eine Massenorganisationen erinnern konnten, etwa die National and Empire Unity Party. Morris Beckman hielt dies auch für einen Verdienst der 43 Group.10 Die 43 Group machte nicht nur Sassoon, mit 17 Jahren das jüngste Gruppenmitglied, bewusst, dass alles möglich werden kann, wenn man zusammensteht, sondern auch etlichen MitstreiterInnen. 11

Die Zeit in Israel Am 29. November 1947 votierten die neu gegründeten Vereinten Nationen zugunsten eines israelischen Staates. „There was elation in the hearts of Jews worldwide, and for everyone who had been appalled by the shocking truth of the Holocaust“12 , notiert Sassoon in seiner Autobiographie. „Once the British Army had left, volunteers streamed to Israel and I was one of them. Nothing and no one could have stopped me signing on.“ 13 Am 15. Mai 1948, dem Gründungstag Israels, überfielen Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon und Irak das Land, unterstützt von Truppen aus Marokko, dem Sudan, dem Jemen und Saudi-Arabien. Zu diesem Zeitpunkt lebten nur etwa 600.000 Jüdinnen und Juden in Israel und daher war niemand zum Kämpfen zu alt. Alle waren gezwungen, ob sie wollten oder nicht, zu den Waffen zu greifen, um sich zu verteidigen. Vidal Sassoon selbst


gesellschaft

beteiligte sich als Infanteriesoldat am israelischen Unabhängigkeitskrieg. Nur die Nachricht der Mutter, dass Vidal Sassoons Stiefvater einen Herzinfarkt erlitten hatte und er auf dem schnellstmöglichen Wege heimkommen möge, machten seine Überlegungen zunichte, weiter in Israel zu bleiben. Erst 1954 eröffnete Vidal Sassoon seinen eigenen Friseursalon in London. Zu seinen ersten KundInnen zählte die in der Nachbarschaft lebende Sängerin Georgia Brown. Von da an zeichnete sich sein Weg zum späteren Erfolg bereits ab. 1964 erfand er den ‚Bob‘, jenen Haarschnitt, der die 1960er Jahre prägte und für viel Wirbel sorgen sollte. Im Jahr darauf eröffnete er eine zweite Filiale in der Madison Avenue in New York. In den frühen 1970er Jahren wurde Los Angeles seine endgültige Heimat, wo er schließlich am 9. Mai 2012 starb und beerdigt wurde. In den frühen 1980er Jahren gab er seine Geschäfte weitestgehend auf und gründete u. a. 1982 das interdisziplinäre Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA). Das an die Hebräische Universität von Jerusalem angegliederte Forschungszentrum sammelt wichtige Informationen über Antisemitismus aus aller Welt und führt zudem das umfangreichste bibliographische Datenbankarchiv von Publikationen über Antisemitismus. 14 Vidal Sassoons Leben lässt sich nicht in verschiedene Abschnitte zerstückeln,

für ihn gehörte das alles zu seiner Biographie. Er kannte keine Trennung zwischen seiner Tätigkeit als Friseur, dem Kampf gegen Antisemitismus und der Beteiligung am israelischen Unabhängigkeitskrieg. Es ist verdächtig, dass er bis heute im deutschsprachigen Raum ausschließlich auf seine Rolle als Friseur reduziert wird.

Anmerkungen 1 Im Folgenden sind alle Zitate – falls nicht anders gekennzeichnet – der Autobiografie Vidal. The Autobiography entnommen. Die Darstellung der Ereignisse folgt der Erzählung der Autobiographie und wurde nach bestem Wissen (sofern möglich) vom Autor überprüft, ggf. korrigiert oder um eine weitere Quelle ergänzt. Es wurde behutsam darauf geachtet, Sassoons witzigen und gewieften Erzählstil beizubehalten und ihn nicht etwa zum Opfer einer wissenschaftlichen Bearbeitung und Darstellung werden zu lassen. 2 Vidal Sassoon: Vidal. The Autobiography. Macmillan 2010. E-Book. Im Kapitel: An East End Childhood. 3 Ebd. 4 Ebd. 5 Ebd. 6 Siehe hierzu Morris Beckmann: The 43 Group. Antifaschistischer Kampf in Großbritannien 1946–1950. Berlin 1995. S. 9. 7 Sassoon: Autobiography. Im Kapitel: Professor Cohen. 8 Ebd. 9 Morris Beckmann ist auch der Autor der Monographie über die 43 Group. 10 Siehe hierzu Beckmann: 43 Group. S. 188 f. 11 Vgl. ebd., S. 191 f. 12 Sassoon: Autobiography. Im Kapitel: Private Sassoon. 13 Ebd. 14 Ruth Beloff: Never at a loss for words, Jerusalem Post, 12.04.2018. http://www.jpost.com/ Local-Israel/In-Jerusalem/Never-at-a-loss-forwords, 19.02.2017

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gesellschaft

Neva Rosinger

Von Spartanern und weißen Wölfen

Geschlechterkonstruktion in der extremen Rechten am Beispiel der „Identitären Bewegung“1 und ihrer Vorbilder

Das griechische Lambda – ein Kreis mit einem darin eingeschlossenen Winkel – dient der neofaschistischen Gruppe der „Identitären“ als Erkennungszeichen. Es steht dabei nicht bloß für den elften Buchstaben des griechischen Alphabets, sondern ist vor allem eine popkulturelle Referenz: Im Hollywoodschinken 300 werden die spartanischen Krieger in ihrer komplett überzeichneten Männlichkeit mit Lambda-verzierten Schilden dargestellt. Wie diese Spartiaten, die im Film gegen die bedrohliche Übermacht von als androgyn, hinterhältig und ‚verweichlicht‘ dargestellten Persern in eine schier aussichtslose Schlacht ziehen, so versuchen sich die „Identitären“ selbst zu inszenieren: als letztes Aufgebot gegen eine imaginierte ‚Invasion‘ von Migrant_innen, die die europäische Kultur unwiderruf lich zu zerstören drohe. Als Phalanx tapferer Männer, die ‚unsere Frauen‘ schützen und die ‚gefährdete Heimat‘ vor dem Untergang bewahren.

Heroische Männlichkeit im faschistischen Stil Das hegemoniale Bild, das die „Identitären“ von sich zeichnen, ist ein dezidiert männliches, welches sich durch Kampfund Todesbereitschaft auszeichnet. Es geht um die Konstruktion heroischer Männlichkeit, um Furchtlosigkeit und Tapferkeit. Zur Herstellung eben dieser Konstruktion spielt der Männerbund eine

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wichtige Rolle: Er bietet Schutz vor den Zumutungen der Geschlechterdifferenz, die als bedrohlich wahrgenommen wird. 2 Im Erziehungsideal der Härte, wie es im burschenschaftlichen Mensurwesen gepflegt wird, soll sich der Einzelne durch Selbstaufgabe dem Kollektiv unterordnen. Keine große Überraschung, dass die „Identitären“ diesem ‚studentischen Brauchtum‘ ein eigenes T-Shirt in ihrer Kollektion gewidmet haben. In der Produktbeschreibung heißt es dann erfrischend ehrlich: „Der ‚Schmiss‘, die Narbe, die man sich bei der studentischen Mensur einfangen kann, ist (...) ein Symbol der Selbstüberwindung, der Treue zum eigenen Bund.“ 3 In dieser Opferbereitschaft für Volk und Vaterland, welche nur unter Aufgabe der eigenen Individualität zu haben ist, wird ein starker Antiindividualismus kultiviert. Autoritäre Unterwürfigkeit und autoritäre Aggression gegen Fremdgruppen sind hier die zwei Seiten der Medaille. Der starke Staat dient als Quelle von Kraft in einer Welt voller Ohnmacht, dem man sich unterzuordnen habe. Die Aggressionen und Bestrafungsphantasien werden auf Einzelne und Gruppen abgeleitet, die als schwach gelten. Diese heroische Männlichkeit und das antiliberale völkische Denken prägen Inhalt und Form der Inszenierung der „Identitären Bewegung“. Dieser faschistische Stil soll eine Revitalisierung der extremen Rechten als Einheit von Geist und Form darstellen. Dass sie

diesen Stil nicht nur sprachlich, sondern durchaus mit physischer Gewalt artikulieren, wurde anhand zahlreicher Angriffe von Mitgliedern der „Identitären“ auf Antifaschist*innen unter Beweis gestellt.

Maskulinistische Tagträume: Die Utopie einer Welt ohne weibliches Subjekt Plakatives Beispiel für die maskulinistische und im Kern zutiefst frauenverachtende Ideologie ist Jack Donovans Utopie The Way of Men. Dessen kommentierte Übersetzung erschien 2016 im ‚identitären‘ Antaios-Verlag. 4 Sie sehnt eine Zukunft herbei, die von gewalttätigen Männerbanden gelenkt wird, die mittels Recht des Stärkeren die Macht übernehmen sollen. Das Buch wird vom ‚identitären‘ Label Phalanx Europa vertrieben und nimmt stark Bezug auf die Themen Männlichkeit und Gewalt. Die Rolle der Frau ist hier auf die der Mutter und Hausfrau, also der reinen Reproduktion, beschränkt. Ein eigenständiger Subjektstatus mit Wünschen, Zielen und Bedürfnissen wird ihr ausdrücklich abgesprochen. Feminismus bzw. die Idee der Gleichstellung der Geschlechter sind das absolute Feindbild. Auch in den Publikationen der „Identitären“ selbst ist die Rollenzuweisung an Frauen klar: Im Kampf gegen den ‚großen Austausch‘ proklamieren die „Iden-


gesellschaft

titären“ neben Zuwanderungsstopp und Massenabschiebungen vor allem eine kinderfreundliche Familienpolitik. Frauen werden hier auf ihre Gebärfähigkeit reduziert. Der extremen Rechten geht es um eine Steigerung der Geburtenrate, ein Verbot oder eine Delegitimierung von Schwangerschaftsabbrüchen und um ein Rollenbild, das die Frau vordergründig als Hausfrau und Mutter begreift. Dies ist in ihren Augen eine ehrenvolle Aufgabe und von höchster Priorität, denn „[d]urch die niedrige Geburtenrate verschwindet die einheimische Bevölkerung Europas“.5 Natürlich wäre es verkürzend, die Rollen rechtsextremer Frauen auf das völkische Ideal der Mutter zu beschränken. Auch wenn die „Identitären“ eine stark männlich dominierte Gruppe sind, die stellenweise die Form eines Männerbundes annimmt, gibt es einige Frauen in dieser rechtsextremen Szene, die sich in ihrem Lebensentwurf nicht auf die schöne, stille, sorgsame Frau beschränken lassen (wollen). Rechtsextreme Frauen werden oft in ihrem Einf luss und ihrer Gefährlichkeit unterschätzt, Gewalt und Menschenfeindlichkeit werden ihnen nicht zugetraut, ihre Rolle in rechtsextremen Strukturen und bei Straftaten allzu oft fälschlicherweise als die einer ‚Mitläuferin‘ verstanden, wie dies der Zuschreibung von Sanftheit, Emotionalität und Fürsorglichkeit entspricht. 6 Diese Eigenschaften passen auch zu dem Bild,

das sich großteils in der rechtsextremen Propaganda der „Identitären“ finden lässt. Frauenkörper dienen hier vordergründig der sexualisierten Inszenierung von politischer Propaganda. Mit diesen Vorstellungen einher geht die Zuschreibung, dass Frauen aufgrund ihrer Passivität, Emotionalität bzw. ‚naturgegebenen Konfliktscheue‘ eher einem herbeiphantasierten linken Mainstream folgen und sich politisch eher links orientieren. Die wenigen Frauen, die bei den österreichischen und deutschen „Identitären“ aktiv sind, inszenieren sich öffentlich zumeist als naturbezogen-romantische Künstlerinnen und erfüllen damit eine wichtige Nischenfunktion innerhalb der Gruppe. Bei Demonstrationen sind quasi alle bekannten Frauen der Gruppe in den ersten beiden Reihen zu finden, dahinter fast ausschließlich Männer. Auch hier geht es um die erzeugten Bilder. Für eine diversere und weniger aggressive Außenwirkung soll das Motiv der kämpferischlauten, offensiv auftretenden Männer abgeschwächt werden, um so zusätzliche Zielgruppen anzusprechen. Über die Position als öffentliches Aushängeschild, als symbolische Spitze der Phalanx hinaus findet man in den relevanten Funktionen der „Identitären Bewegung“ keine einzige Frau – von den Vereinsvorsitzenden über die Pressesprecher und Themenreferenten, die Demoordner und Vorschreier bis hin zu ihren zahlreichen Publizisten. Auch wenn sie sich gerne und bildreich

anders inszenieren: Die „Identitären“ sind ein gewaltbereiter, rechtsextremer Männerbund.

Anmerkungen 1 Die Schreibweise „Identitäre“ wurde gewählt, um zu kennzeichnen, dass es sich nicht lediglich um einen Eigennamen handelt, sondern auch um optisch hervorzuheben, dass die von ihnen selbst gewählte Bezeichnung verharmlosend ist. Es ist nicht bloß ein Gruppenname, sondern eine ideologische Strömung im Neofaschismus. 2 Wollner, Sophie; Schiedel, Heribert (2010): Phobie und Germanomanie. Funktionen des Männerbundes. In: ÖH Uni Wien: Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich. RemaPrint, Wien. S. 104. 3 Phalanx Europa, Produktbeschreibung „Schmiss happens“. URL: https://www.phalanx- europa. com/de/herrenshirts/76-herrenshirt-schmisshappens.html. 4 Donovan, Jack (2016): Der Weg der Männer, Verlag Antaios, Schnellroda. 5 Identitäre Bewegung Österreich: Der große Austausch. URL: https://iboesterreich.at/dergrosse-austausch/ 6 Lehnert, Esther / Radvan, Heike: Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik. Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2016.

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internationales Minna Großneig

Auf US-Campus wird Antizionismus verboten

An den amerikanischen Hochschulen floriert der Kampf gegen Israel – und damit der Antisemitismus. Nun bemüht der Kongress das bürgerliche Recht gegen diese Zustände. Am 1. Februar erhob sich der Campus der University of California Berkeley. Mü l lton ne n s t a nde n i n F l a m me n , Straßenlaternen wurden umgeworfen. Studierende skandierten: „This is what community looks like!“1 Die Polizei zog die Konsequenzen: Milo Yiannopoulos durfte nicht sprechen. Der glamouröse Star der Alt-right-Bewegung hätte an diesem Abend auf Einladung der College Republicans einen Vortrag halten sollen. 1.500 Menschen stellten sich erfolgreich dagegen. Zumindest einer von ihnen verprügelte bei dieser Gelegenheit einen Anzug tragenden Studenten, weil dieser wie ein Faschist aussehe. 2 „Fascist Free Zone“ stand auf einigen Schildern.3 Der Campus blieb rein. Am 18. September 2015 ereignete sich nichts Außergewöhnliches an der UC Berkeley. Das Center for Race and Gender hatte Omar Barghouti zu einem Vortrag über „Freiheit und Gerechtigkeit in Palästina“4 eingeladen. Dazu gehört für den Mitbegründer der BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, and Sanctions) das „Ende von Israels Existenz als jüdischer Staat“.5 Ganze fünf Menschen protestierten still im Hörsaal, während Barghouti sprach. In derselben Woche führten lokale BDSGruppen in Sprechchören aus, wie sich Barghoutis Vision in Politik übersetzen lässt: „Intifada, Intifada, we support the Intifada! From the river to the sea: Palestine will be free!“6 Bei einer akademischen Veranstaltung auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco, an der SFSU, brüllte einige Jahre zuvor Imam Amir Abdul Malik Ali von der islamistischen Sabiqun-Bewegung ins Publikum: „This is a Zionist-free zone!“.7 Neben ihm am Panel saß lächelnd Hatem Bazian, der in Berkeley die Grußworte für Barghouti sprach. Der Campus blieb rein.

Alltäglicher Antizionismus Die gegensätzlichen Reaktionen auf Yiannopoulos und Barghouti illustrieren:

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Die liberale College-Szene interessiert sich nicht für Antisemitismus – schon gar nicht, wenn er sich als Israelkritik aus weist. Mehr noch: Sie bietet ihm einen safe space. In den letzten Jahren verabschiedeten etliche Studierendenparlamente Resolutionen, die zum Boykott von Israel aufriefen. 8 An nahezu jeder größeren Universität finden sich antiisraelische Organisationen wie etwa Students for Justice in Palestine (SJP), die an über hundert Hochschulen Filialen unterhalten. 9 In vielen Studienprogrammen ist antiisraelische Propaganda ein fester Bestandteil des Curriculums. 10 Der Kampf gegen Israel ist nicht einfach politischer Aktivismus. Studien der Brandeis University und der AMCHA Initiative bemerken einen Zusammenhang zwischen der Präsenz von antizionistischen Gr uppen und antijüdischen Übergriffen. 11 Vor allem das System der University of California ist ein Biotop des Antisemitismus: Mehr als ein Drittel der dort inskribierten jüdischen Studierenden spricht von einer „feindseligen Stimmung gegenüber Jüdinnen und Juden“, die am Campus herrsche.12 Doch das Problem ist kein spezifisch kalifornisches, sondern eines des akademischen Milieus: Obwohl sich die Zahl antisemitischer Vorfälle allgemein auf einem „historischen Tief “ befindet, stieg sie in den letzten Jahren an Colleges und Universitäten signifikant an. 13 Das fehlende Interesse für diese Zusammenhänge korrespondiert mit einer fehlenden Wahrnehmung. Während etwa 40 Prozent der jüdischen Studierenden an amerikanischen Hochschulen von antisemitischen Ausf ällen und Übergriffen berichten können, hat nur ein Zehntel der nicht-jüdischen Studierenden antijüdische Ressentiments in seinen Umfeld registriert. 14 „Meine aktivistischen Kolleginnen und Kollegen nehmen den Antisemitismus nicht ernst, den Studierende wie ich regelmäßig am Campus erfahren“, schreibt ein Student in der

New York Times. 15

Von Rechts wegen antisemitisch Die Autoren des Anti-Semitism Awareness Act (AAA) stellen dagegen fest, dass Antisemitismus ein „hartnäckiges, verstörendes Problem […] auf College-Campus bleibt“. 16 Das Gesetz, das im Dezember letzten Jahres einstimmig im Senat verabschiedet wurde und nun auf die Bestätigung durch das Repräsentantenhaus wartet, bemüht sich um eine rechtliche Antwort auf die beschriebenen Zustände im akademischen Betrieb. Bildungseinrichtungen, die Bundesgelder in Anspruch nehmen, sind im Sinne des Civil Rights Act von 1964 dazu verpf lichtet, rassistische Diskriminierung und insbesondere das Entstehen einer „feindseligen Atmosphäre“ in ihrer Institution zu unterbinden. 17 Der Anti-Semitism Awareness Act hält die betreffende Behörde an, bei der Überprüfung, ob ein Verstoß gegen den Civil Rights Act vorliegt, die AntisemitismusDefinition des U.S. State Departments zu berücksichtigen. 18 Bis dato gibt es keine Klarheit darüber, worin Antisemitismus im Sinne des Gesetzes besteht. Die Initiative des Senats führte prompt zu einem medialen Aufschrei. Das Außenministerium zieht nämlich in Betracht, dass sich Antisemitismus auch in der Dämonisierung und Delegitimierung von Israel sow ie in antiisraelischen doppelten Standards ausdrücken kann. Selbst die hässlichsten antizionistischen Diffamierungen, schreibt das New YorkMagazine, seien jedoch „ohne jeglichen Zweifel verfassungsmäßig geschützt“ 19 – die Berücksichtigung der Definition würde Universitätsleitungen demnach zum Verfassungsbruch motivieren. Für die L A Times liegt das Problem noch tiefer: Beim Anti-Semitism Awareness Act „geht es um etwas ganz anderes: um Israel“20 – um Politik also, nicht um Diskriminierung. In dieselbe Kerbe schlägt die ACLU, die einf lussreichste liberale NGO in den USA: „Es geht nicht an“,


internationales

heißt es in einem Brief an den Kongress, „dass unsere Bürgerrechtsgesetze […] zur Kriminalisierung von politischem Engagement genutzt werden“. 21 Und sogar Kenneth Stern, der die Definition des State Department mitverfasst hat, wehrt sich gegen ihre Anwendung im Rahmen des Civil Rights Act: „Ein Campus muss ein Ort sein, wo Studierende durch schwierige – und ja, verstörende und sogar abscheuliche – Ideen herausgefordert werden.“22 Für Stern ist klar, worin die bessere Alternative besteht: „Es sollte mehr Kurse über Antisemitismus geben, über die menschliche Fähigkeit zu hassen, über die sich widersprechenden Narrative zum Israel-Palästina-Konf likt und darüber, wie man schwierige Themen diskutiert. Anstatt die Debatten über den Konf likt einzuschränken, sollten wir sie einfordern. Wie sonst werden Studierende lernen?“23

Wo das Ressentiment atmet

und Tor geöffnet: Delegitimieren manche proisraelische AktivistInnen nicht den palästinensischen Staat? Handelt es sich beim Widerstand gegen das iranische Regime vielleicht um Dämonisierung? Messen manche den Islam an doppelten Standards? Und müssen also solche Positionen am Campus eingeschränkt werden, um eine ‚islamophobe feindselige Atmosphäre‘ unmöglich zu machen? Auch in seiner zeitgemäßen Form des Antizionismus ist Antisemitismus keine Meinung, sondern ein Ressentiment. Den Staat kümmert diese Unterscheidung in aller Regel freilich nicht. Sie ihm im Kampf gegen die akademischen Zustände aufzubürden, ist die hohe Wette des Kongresses. Das Wagnis ist nicht ohne Grund: Die sogenannten progressiven Kräfte am Campus bescheiden sich inzwischen mit Identitätspolitik. Ihr Projekt besteht darin, die Hochschulen rein zu halten: von FaschistInnen, ZionistInnen und Urteilskraft.

In den USA fällt die Sympathie mit den KritikerInnen des Anti-Semitism Awareness Act leicht. Wer die Redefreiheit beschneidet, stellt sich gegen den grundbürgerlichen Geist der amerikanischen Verfassung. Der Kampf gegen Antisemitismus, so das liberale Argument, müsse am vielbeschworenen ‚Marktplatz der Ideen‘ gewonnen werden, nicht im Gerichtssaal. Doch letztlich leiden beide, die FreeSpeech-AdvokatInnen und die besorgten SenatorInnen, an liberalem Optimismus. Den einen gilt Antisemitismus als eine Meinung auf Abwegen, die nur im öffentlichen und offenen Diskurs korrigiert werden kann. Der Supreme Court verlieh diesem Verständnis Ausdruck: „Wir müssen beleidigende, sogar ungeheuerliche Sprache zulassen, um den Freiheiten, die durch den Ersten Zusatzartikel [der Verfassung] geschützt sind, genügend ‚Raum zum Atmen‘ zu geben.“24 Die anderen vertrauen auf die Fähigkeit der staatlichen Behörde, das Besondere der Feindschaft gegen den jüdischen Staat zu bestimmen. Denn tut sie das nicht, sind wilden – und falschen – Analogien Tür

Anmerkungen 1 Michael McLaughlin: Milo Yiannopoulos speech at Berkeley canceled amid violent protests. http://www.huffingtonpost.com/entry/miloyiannopoulos-speech-at-berkeley-canceled-amidviolent-protests_us_58911132e4b02772c4ea10d0 2 Malini Ramaiyer: How violence undermined the Berkeley protest. https://nyti.ms/2k1ENok 3 Siehe Diashow in Matt Hamilton et al.: Trump hints at cutting federal funds to UC Berkeley after violent protests over Milo Yiannopoulos. http://www.latimes.com/local/lanow/la-memilo-yiannopoulos-berkeley-20170201-story.html 4 http://crg.berkeley.edu/node/897; eigene Übersetzung. 5 Ali Mustafa: ‚Boycotts work‘: An interview with Omar Barghouti. https://electronicintifada. net/content/boycotts-work-interview-omarbarghouti/8263; eigene Übersetzung. 6 h tt p s : / / w w w. yo u t u b e . co m / watch?v=eO774Ygod5s 7 https://diva.sfsu.edu/bundles/189511 8 Brackman, Harold: Anti-Semitism on Campus: A Clear-and-Present Danger. (Simon Wiesenthal Center). Report (2015). 9 Bret Stephens: The anti-Israel money trail. http://www.wsj.com/articles/the-anti-

israel-money-trail-1461624250 10 Rossman-Benjamin, Tammi: Identity Politics, the Pursuit of Social Justice, and the Rise of Campus Antisemitism: A Case Study. In: Resurgent Antisemitism: A Global Perspective. Hrsg. von Alvin H. Rosenfeld. Bloomington 2013, S. 482–520, hier: S. 510–514. 11 AMCHA Initiative: Report on Antisemitic Activity in 2015 at U.S. Colleges and Universities With the Largest Jewish Undergraduate Populations. Report (2016), S. 11–12. Vgl. auch Leonard Saxe et al.: Hotspots of Antisemitism and Anti-Israel Sentiment on US Campuses. (Cohen Center for Modern Jewish Studies, Brandeis University). Report (2016), S. 25. 12 Saxe et al., Hotspots, S. 16; eigene Übersetzung. 13 ADL Audit: Anti-Semitic Assaults Rise Dramatically Across the Country in 2015. http:// www.adl.org/press-center/press-releases/antisemitism-usa/2015-audit-anti-semitic-incidents. html; eigene Übersetzung. 14 Kenneth L. Marcus: Introduction: Special Issue on Campus Antisemitism. In: Journal for the Study of Antisemitism 3(2) (2011), S. 321–324, hier: S. 321. 15 Benjamin Gladstone: Anti-Semitism at my university, hidden in plain sight. https://nyti. ms/2jR0cTE; eigene Übersetzung. 16 https://www.congress.gov/bill/114th-congress/ senate-bill/10/; eigene Übersetzung. 17 https://www2.ed.gov/about/offices/list/ocr/ docs/race394.html; eigene Übersetzung. 18 Die Definition findet sich unter https://www. state.gov/s/rga/resources/267538.htm 19 Jesse Singal: The anti-anti-Semitism bill the ADL is pushing is (still) such a free-speech mess. http://nymag.com/daily/intelligencer/2016/12/ the-adl-is-pushing-a-bad-anti-free-speechcampus-law.html; eigene Übersetzung. 20 Editorial: Undermining free speech on campus. http://www.latimes.com/opinion/editorials/ la-ed-senate-antisemitism-20161202-story.html; eigene Übersetzung. 21 https://www.aclu.org/sites/default/f iles/ field_document/16_12_5_-_antisemitismawarenessact_-_house.pdf; eigene Übersetzung. 22 http://jkrfoundation.org/wp-content/uploads/2016/12/Stern-Letter-links-corrected.pdf 23 Kenneth S. Stern: Will campus criticism of Israel violate federal law? https://nyti.ms/2k1AMQm; eigene Übersetzung. 24 Snyder v. Phelps, 562 U.S. 443 (2011), S. 12; eigene Übersetzung.

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internationales

Felix Korbinian Schmidtner

Wissenschaftler_innen auf die Barrikaden? Wie die Naturwissenschaften auf Trump reagieren

Am 11. November 2016, zwei Tage nachdem Donald Trump – jener Präsidentschaftskandidat, der den Klimawandel als eine Erf indung Chinas bezeichnet hatte 1 – zum Präsidenten gewählt wurde, ging eine Mail an 14 Forscher_innen aus. Von dieser ausgehend entstand ein Netzwerk von 65 Wissenschaftler_innen an 21 Instituten mit dem Ziel, die staatlichen Klimadaten zu sichern. 2 Die Environmental Data and Governance Initiative (EDGI) startete am 17. Dezember in Toronto ihre erste Datenrettungsaktion, es folgten im Jänner Philadelphia, Indianapolis, Los Angeles, im Februar Boston und New York. Es sollte sichergestellt werden, dass die Klimadaten nationaler Behörden wie der NASA oder der nationalen Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) unabhängig von Trumps Politik Forscher_innen weiter zur Verfügung stehen. Nach der Inauguration am 20. Jänner verschwanden nämlich von der Webseite des Weißen Hauses alle klimapolitischen Inhalte,3 vier Tage später fror Trump Verträge und Förderungen der EPA ein. 4 Zudem verbot Trump der EPA und dem US-Landwirtschaftsministerium USDA Kontakt mit Externen wie der Presse zu führen.5 Mittlerweile wurde zudem mit Scott Pruitt einem Mann die Leitung der EPA übertragen, der diese in der Vergangenheit verklagt hatte, da sie der Ölwirtschaft schade. 6 Entgegen dem auch unter Wissenschaftler_innen populären Narrativ, dass Wissenschaft mit reinen Fakten und nicht persönlicher Meinung verbunden sei – wie es Alan Chalmers in der Einleitung seiner Einführung zur Wissenschaftstheorie beschreibt 7 – und dem Ideal der Objektivität

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der Wissenschaft, das Wissenschaft frei von Partikularinteressen, persönlicher Meinung und Normen sieht, 8 woraus eine unpolitische Haltung für die Wissenschaft folge, erhob sich bereits vor der Inauguration Trumps Widerstand von Seiten USamerikanischer Wissenschaftler_innen. So entschieden sich Geophysiker_innen während ihrer Konferenz im Dezember 2016 in San Francisco, eine Demonstration für die Klimapolitik abzuhalten. Kelly Ramirez und weitere begannen bereits am Tag der Wahl, einen offenen Brief zu schreiben.9 Heraus kam der Pledge of 500 Women Scientists, 10 in dem Grundsätze für „mehr Inklusion in Gesellschaft und wissenschaftlichem Betrieb“ formuliert und die „hasserfüllte Rethorik Trumps gegen Minderheiten wie Frauen, LGBTQIAs, Migrant_innen sowie Behinderte“ verurteilt wurden. Mittlerweile haben über 16.000 Frauen diesen Brief unterzeichnet.11 Der Evolutionsbiologe Michael Eisen entschloss sich, im nächsten Jahr in Kalifornien für die Wissenschaft zur Senatorenwahl anzutreten.12 Zur gleichen Zeit ließen sich Wissenschaftler_innen vom Women’s March inspirieren und riefen einen Science March ins Leben. 13 Die Hauptveranstaltung findet am 22. April, dem Earth Day, in Washington statt, es gibt aber bereits Partnerveranstaltungen auf der ganzen Welt, mit dem Science March Vienna auch eine in Österreich. Das Team hinter dem Science March Vienna solidarisiert sich mit den Kolleg_innen und kritisiert hiesige Parallelen zur US-Politik. „Wer glaubt, dass Trump mit seiner offen zur Schau gestellten Ignoranz ein US-amerikanisches Phänomen ist, verschließt die Augen vor der Realität in der EU. ‚Fake News‘ sind auch in

Europa längst zum Kampf begriff gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen geworden. Neben tatsächlicher Meinungsbildung durch gelenkte Onlinemedien, die Halb- und Unwahrheiten verbreiten, werden auch seriöse Berichterstattungen zu Fake News diskreditiert. Darüber hinaus tappen auch immer wieder Journalist_innen in die Falle, im Bestreben, Geschehen neutral abzubilden, nicht diskursfähigen oder unwissenschaftlichen Denkweisen im Sinne einer ‚objektiven‘ Darstellung unterschiedlicher Blickwinkel eine Bühne zu bieten“, so Olivia Fischer vom ScienceMarch-Vienna-Team. „Zudem ist auch bei uns zu beobachten, wie wissenschaftliche Erkenntnis für reißerische Darstellungen geopfert wird – im Boulevard wird wortwörtlich der Weltuntergang herbeigeschrieben 14 – und in vielen Medien werden unwissenschaftliche Behauptungen von Chemtrails bis zu ‚alternativmedizinischen‘ Impfgegner_innen eine Plattform gegeben; mit Susanne Winter von der FPÖ stellte sogar eine Nationalratsabgeordnete den Klimawandel in Frage.“15 Als Satellitenmarsch trägt der Wiener Science March Ziele und Prinzipien des Washingtoner Pendants mit. Dessen Team setzt sich zusammen aus „Wissenschaftler_innen und Wissenschaftsenthusiast_innen aller Kulturen, Religionen, Gender, sexueller Orientierungen, sozioökonomischer Hintergründe, politischen Perspektiven und Nationalitäten, deren Diversität ihre größte Stärke ist“ 16 . Genauso inklusiv möchte die Wiener Veranstaltung sein. „Zentral ist für uns aber auch, dass – auch wenn wir wissen, dass es sich um ein hochpolitisches Thema handelt – wir parteiunabhängig auftreten und uns von keiner politischen Bewegung


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oder Interessensgruppe vereinnahmen lassen“, schließt Fischer ab. Umgesetzt wird die Demonstration nun vom Verein Wien Wissen, der unter anderem den Wissenschaftsball organisiert, da dieser auch die Ressourcen dafür habe.

„Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken“ im Urteil über die ‚Unpolitischen‘ anschließen muss.

Dem Üblichen entsprechen die jetzigen Reaktionen nicht. Andrew Rosenberg vom Center for Science and Democracy der Union of Concerned Scientists sagte gegenüber der Zeitschrift Nature, dass Forscher_innen schneller reagierten als bei früheren Präsidenten. So hätten sie 2004 für das Unterzeichnen eines offenen Briefes 18 an George W. Bush – nachdem Bush mehrere Berichte von Wissenschaftler_innen an Regierungsbehörden ignoriert und unterdrückt hatte – wesentlich länger gebraucht, was Rosenberg auf ein „Unbehagen gegenüber Trump“ zurückführt. 17 Das Thema war jedenfalls auch bei der diesjährigen Konferenz der Wissenschaftsgemeinschaft A A AS in Boston präsent: nicht nur weil der Präsident der World Academy of Sciences zuvor auf Grund von Trumps Einreiseverboten seine Teilnahme abgesagt hatte, 19 sondern auch, weil über Trump diskutiert und gegen seine Politik demonstriert wurde. 20 So stehen Wissenschaftler_innen offen für ihre Standpunkte ein. Fraglich bleibt nur, ob dies als Politisierung der Wissenschaft interpretiert werden kann, oder ob man sich Rosa Luxemburgs Satz

Anmerkungen 1 https://twitter.com/realDonaldTrump/status/265895292191248385 (Zugriff auf alle Internetquellen am 09.03.2017) 2 EDGI Introduction and Accomplishments Report, Stand 1. Februar 2017 (https://envirodatagov. org/wp-content/uploads/2017/02/EDGI-Introduction-and-Accomplishments-Report.pdf ) 3 https://www.nytimes.com/2017/01/20/us/politics/trump-white-house-website.html?_r=1 4 https://www.washingtonpost.com/news/ energy-environment/wp/2017/01/23/trump-administration-tells-epa-to-freeze-all-grants-contracts/?utm_term=.db001c6d3982 5 https://www.scientificamerican.com/article/ trump-administration-restricts-news-from-federal-scientists-at-usda-epa/ 6 https://www.nytimes.com/2017/02/17/us/politics/scott-pruitt-environmental-protectionagency.html?_r=1 7 Bergemann (Hrsg.)/Chalmers, Einführung in die Wissenschaftstheorie. What is this Thing Called Science?, Heidelberg 2007, S. 1–2. 8 https://plato.stanford.edu/entries/scientificobjectivity 9 http://www.nature.com/news/is-donald-trumppushing-more-scientists-towards-political-activism-1.21130

10 Der vollständige Brief ist hier einsehbar: https://500womenscientists.org/#our-pledge 11 Stand 19.02.2017 12 http://www.nature.com/news/geneticist-launches-bid-for-us-senate-1.21381?WT.mc_id=TWT_ NatureNews 13 https://www.statnews.com/2017/01/25/sciencemarch-washington/ 14 Olivia Fischer von Science March Vienna hat folgenden Text ihrer schriftlichen Fragenbeantwortung an dieser Stelle hinterlegt: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/10/26/ schlechte-schlagzeilen-17-forscher-sagen-dasende-der-welt-voraus-planet-9-und-sein-einflussauf-das-sonnensystem/ 15 Olivia Fischer von Science March Vienna hat folgenden Text ihrer schriftlichen Fragenbeantwortung an dieser Stelle hinterlegt: http:// derstandard.at/2000018839122/FPOe-Umweltsprecherin-Winter-nennt-Klimawandel-Luegengebaeude 16 https://www.marchforscience.com/ 17 http://www.nature.com/news/is-donaldtrump-pushing-more-scientists-towards-political-activism-1.21130 18 Der vollständige Brief findet sich hier: http:// www.ucsusa.org/our-work/center-science-anddemocracy/promoting-scientific-integrity/scientists-sign-on-statement.html 19 http://twas.org/article/twas-us-travel-orderprofoundly-disruptive 2 0 h t t p s : / / w w w. b o s t o n g l o b e . c o m / m e tro/2017/02/19/hundreds-expectedg a t h e r - n o o n - b o s t o n - s ta n d - f o r - s c i e n c e / JVIHjU86mzRkyz2emeLTLN/story.html

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feuilleton

Moritz Schwab

Das Elend der Psychoanalyse in der antideutschen Kritik Uli Krugs neues Buch Der Wert und das Es. Über Marxismus und Psychoanalyse in Zeiten sexueller Konterrevolution1 verspricht dem Titel nach mehr, als es einhalten kann. Und trotzdem gehört es zum Besten, was in den letzten Jahren zum Thema erschienen ist. Das liegt allerdings weniger am Inhalt des etwa 100 Seiten starken Büchleins, sondern hauptsächlich daran, dass es heute kaum bis keine ernstzunehmenden Bemühungen mehr gibt, Gesellschaftskritik und Psychoanalyse zusammenzudenken. Die wenigen ‚kritischen‘ Versuche, die in der Linken und an Unis fabriziert werden, sind dabei zutiefst reaktionär. Denn gerade dort, wo linke Gesellschaftskritik die Psychoanalyse noch nicht vollständig aus ihrem Bewusstsein getilgt hat, kommt deren Rezeption selten ohne kritisches Freud-Bashing und die völlige oder partielle Verleugnung von Unbewusstem und Trieb aus. Genau dieser Tendenz entgegenzuwirken ist Krugs erklärtes Ziel, also: „Marx’ und Freuds Theorie nicht durch doppelte Revision zusammenzuzwingen, sondern durch doppelte Orthodoxie ihre fremde Nähe zu entdecken.“2 Davon findet sich im Verlauf des Buches aber leider recht wenig. Die meiste Zeit verwendet Krug auf die Kritik eher wenig aktueller Versuche, Freud zu denunzieren oder zu revidieren, wie sie von Sartre, Lacan, Reich und vielen anderen unternommen wurden. Und auch dort, wo er explizit Psychoanalyse und Kritik der politischen Ökonomie zusammenführt,3 findet sich nur wenig Neues. Das Buch macht kaum mehr, als 30 Jahre antideutsche Theorieproduktion zum Thema Psychoanalyse zusammenfassen. Dass es dafür gerade mal 100 Seiten braucht, ist vor allem ein Armutszeugnis für diejenigen, die als einzige Psychoanalyse als Gesellschaftskritik noch ernst nehmen. Prototypisch steht Krugs neues Buch für die Stagnation Kritischer Theorie, wenn es darum geht, Psychoanalyse und Gesellschaftsanalyse auf dem Stand der aktuellen Entwicklungen zusammenzudenken. Man verweilt recht bequem bei Freud, oder dem, was man von Adorno und Marcuse über Freuds Orthodoxie gelernt zu haben glaubt, und weigert sich, diese um neuere Erkenntnisse zu bereichern. Die Orthodoxie Freuds zeichnet sich aber wesentlich aus durch das Bestehen auf der Bedeutung des Triebs, des Unbewussten, des Konf likts von nach Lust strebender Innenwelt und versagender Außenwelt und des daraus resultierenden zunehmenden Irrewerdens menschlichen Daseins. 4 Genau daran wäre die neuere psychoanalytische Theorie zu messen. Aber scheinbar haben die VerfechterInnen der immanenten Kritik vergessen, wie man Psychoanalyse immanent kritisiert. Und deswegen verharren sie starr im Begriffsapparat einer Psychoanalyse, die ihre Theorie noch an PatientInnen entwickelte, die schon in Freuds Tagen nicht exemplarisch für die sie umgebende Gesellschaftsordnung mehr waren. Anders die Britische Schule um Melanie Klein: die Objekte ihrer Theorie

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waren nicht das anachronistische, jüdische Bürgertum einer rückständigen Nation, sondern die Mittelschicht Londons seit den 1930er Jahren: also das spätkapitalistische Subjekt, wie es heute weiter zugespitzt in Erscheinung tritt. Trotz oder gerade wegen ihrer fatalen Ontologisierung des Todestriebs, der den menschlichen Konf likt mit der Außenwelt völlig leugnet und zu einem des Seelenlebens selbst macht, traf Klein mit erstaunlicher Präzision das Wesen menschlichen Daseins im Spätkapitalismus. Indem sie das Individuum als zwischen depressiver und paranoid-schizoider Position schwankendes und permanent projizierendes hypostasierte, beschrieb sie es adäquater, als die psychoanalytischen Vertreter der Freudschen Orthodoxie es jemals gekonnt hätten. In ihrem Beharren auf der menschlichen Aggression und ihrem destruktiven Potential, auf der Bedeutung von Spaltung und Projektion im Alltagsleben und der Betonung von Neid und Schuld war Melanie Klein den Bestimmungen der Kritischen Theorie weit näher als ihre kontinentaleuropäischen Kontrahenten, die sich in ähnlicher Starre auf Freuds Orthodoxie beriefen, wie Antideutsche es heute tun. Deren einziges Glück ist es, dass Adorno seiner Zeit so weit voraus war, dass sie heute noch von seinem Begriff der Psychoanalyse zehren können, ohne Gefahr zu laufen, in ihren Analysen völlig irrezugehen. Richtig ist, dass der immer schon gleichlautende Vorwurf, Freuds Theorie sei veraltet, gerade auch in der heutigen Psychoanalyse zur bloßen Abwehr ihres kritischen Potentials dient.5 Falsch wäre es aber, deswegen neue Einsichten von vornherein abzulehnen oder zu ignorieren. Eben das aber ist der Fall. Dass die Psychoanalyse mausetot ist,6 ist nicht abzustreiten. Leider gilt das auch in der Kritischen Theorie: dort ist sie mit Adorno gestorben. Bei aller Kritik ist Uli Krugs Buch trotzdem als eine gelungene Zusammenfassung des aktuellen Stands antideutscher Psychoanalyserezeption zu empfehlen. Wer sich aber eine eingängige Auseinandersetzung mit Psychoanalyse als kritischer Theorie erwartet, wird enttäuscht werden. Anmerkungen 1 Uli Krug: Der Wert und das Es. ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2016. 2 Krug: Wert und Es, S. 15. 3 Vgl. ebd., Kap. 3. 4 Vgl. ebd., S. 32 ff., S. 38 f. 5 Vgl. ebd., S. 17. 6 Vgl. ebd., S. 7.


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Colin Kaggl

A Men‘s World? Ja, aber eine äußerst fragile SPOILER- ALARM! Der neueste Film von Regisseur Paul Verhoeven beginnt mit einem schrecklichen Verbrechen. Die erfolgreiche Businesswoman, ‚Powerfrau‘ und Mutter eines erwachsenen Sohnes, Michèle LeBlanc (großartig: Isabelle Huppert!), wird Opfer sexualisierter Gewalt. Ein Einbrecher verschafft sich Zugang zu ihrer Pariser Wohnung und vergewaltigt sie. Die Szene ist extrem gewalttätig und sehr detailliert dargestellt, Flashbacks werden die Hauptfigur den ganzen weiteren Film über begleiten. Verhoeven gelingt es damit allerdings, die Angst vor der Wiederholung des Verbrechens zu porträtieren, damit zwingt er die Zuseher*innen, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Film zeigt Michèles ganz individuellen Umgang damit: Sie macht sich auf die Suche nach dem Täter, um ihn zur Strecke zu bringen. Aber nicht nur Michèle selbst, auch die anderen dargestellten Figuren, auf die Verhoeven immer großen Wert legt, fallen sofort ins Auge: Die dargestellten Frauen sind komplex, sie sind gleichzeitig liebende Mutter und traumatisierte Toch­ter, erfolgreiche Businesswoman und betrogene Ehefrau. Die Frauen zeichnen sich dabei gerade nicht durch ihre Angewie­s enheit auf die männlichen Charaktere aus, sondern schaffen es ihnen zum Trotz, irgendwie ihren. Diese wirken zwar auf den ersten Blick alle ‚typisch‘ männlich, geradezu hegemonial, ihre Machtpositionen sind aber komplett auf das weibliche ‚Andere‘ angewiesen. Verhoeven schafft es, unterschiedliche Formen hegemonialer Männlichkeit darzustellen und diese nach und nach zu dekonstruieren, sie zu entlarven und geradezu bloßzustellen. Die Verachtung und Geringschätzung der Männer werden als Projektionen aus deren eigener Schwäche und Unzulänglich-

keit enttarnt. Um sich selbst mächtig – männlich – zu fühlen, müssen Frauen abgewertet und bevormundend oder physisch gewalttätig behandelt werden. Gleichzeitig wird die eigene Geschlechtlichkeit idealisiert und aufgewertet. Die dargestellten Männer sind durch Angst, Neid und Hass, aber auch Lust und Verehrung, die sich in Grausamkeit und Gewalt zu entladen droht, gekennzeichnet. Sie alle hätten also der Einbrecher sein können, das ist als eine der Hauptaussagen des Filmes hängengeblieben. Dennoch stellt sich am Ende heraus, dass es nur einer gewesen ist, dass es eben auch kein Fremder war, sondern der gutaussehende und sympathisch wirkende Nachbar: Patrick. Der Film lässt das Publikum die ganze Zeit glauben, es hätte den Täter identifiziert, nur um es dann gegen Ende den, auf den ersten Blick, am wenigsten zu erwartenden Mann sein zu lassen. Es ist der einzige Mann, für den Michèle wirklich etwas übrig zu haben scheint. Patrick wird dargestellt als unauffällig, höf lich, sexy und liebenswert. Insofern spielt der Film auch mit gesellschaftlichen Vorstellungen und Vorurteilen, wie ein Vergewaltiger auszusehen hat – eben nicht der offen misogyne oder schmierige Typ, sondern viel wahrscheinlicher der ‚liebenswerte‘, sympathische und gut in die Community integrierte Nachbar. Michèle nimmt schließlich auf ihre ganz persönliche Art und Weise Rache. Sie gewinnt sein Vertrauen und spielt die ihr gegebenen Karten bis zur Perfektion aus. So behält sie letztlich die Oberhand. Sie mag in einer männerdominierten Welt leben, doch am Ende schafft sie es mit den ihr gegeben Mitteln, die Deutungshoheit über, das Geschehene zurückzuerobern.

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schwerpunkt

Weltfrauen*tag Am 8. März sind wir uns alle für einen kurzen Moment lang einig,

das brandaktuelle Thema des Kopftuchverbots. Noch einmal wird

dass man ‚den Frauen‘ an diesem Tag einmal etwas gönnen kann.

das Tragen des Hijabs als feministischer Akt in Frage gestellt

Zum Beispiel eine Blume. Oder sogar einen ganzen Strauß davon.

und gefragt, wie viel emanzipatorisches Potenzial wir dem Staat

Tolle Rabatte gibt‘s auch. Alternativ kann man eine Hetzkampagne

überhaupt abverlangen können. Wer aber vom Feminismus reden

gegen Stefanie Sargnagel initiieren (gesehen bei Richard Schmitt

will, sollte auch vom Geschlechterverhältnis nicht schweigen.

in der Kronen Zeitung), sich darüber beklagen, dass cis-Männer

Phillipe Diente schreibt ab Seite 26 über „das berüchtigte Haupt- und

bei den Demos am 8. März in Wien nicht mitmachen durften (zur

Nebenwiderspruchsgeplänkel“.

Genüge gesehen im Internet) oder sich einen Pussy Hat aufsetzen

Bei Dorothea Born geht es ab Seite 28 um die (Un)Möglichkeiten von

und glauben, man habe Frauen* damit genug unterstützt (gesehen

Kinderbetreuung. Wie äußert sich der antifeministische Backlash im

beim Vorstand der schwedischen Bauarbeitergewerkschaft). So

Feld der Erziehung? Und wie schwer ist das Dasein als Rabenmutter

haben halt alle ihren eigenen Zugang.

eigentlich? Auf Seite 31 greift Mathias Haas ein Thema auf, das wir

Die unterschiedlichen Perspektiven auf den Feminismus werden auch in den Schwerpunkt-Beiträgen deutlich.

in gefühlt jedem Uni-Seminar beobachten können: das ungleiche Redeverhalten. Dazu gibt es außerdem noch einen kurzen historischen

Euch erwartet Folgendes:

Exkurs zur Oktoberrevolution. Kapitalismus und Weiblichkeit ist

Colin Kaggl schreibt gleich im Anschluss über Geschlechterdi-

auch Thema von Lucilio Zwerk ab Seite 32. Er stellt Ilse Bindseils

chotomien, echte bzw. unechte Männer (auch dichotom) und was

Theorie der Weiblichkeit vor. Den Abschluss des Schwerpunkts

das alles mit Herrschaft zu tun hat. Marlene Gallner berichtet ab

bildet Barbara Eders Artikel zu Intergeschlechtlichkeit. Ab Seite

Seite 20 über den Women’s March on Washington und thematisiert

34 geht es bei ihr um fehlende sexuelle Selbstbestimmung durch

die Eignung eines Stars-and-Stripes-Hijabs als feministisches

medizinische Eingriffe und um diskriminierende Geschlechtseinträge.

Symbol. Weiter geht es ab Seite 21 mit einem Artikel von Yasemin Makineci über patriarchale Ehrvorstellungen, die in den sogenannten Ehrenmorden gipfeln. Ab Seite 24 geht es bei Michael Fischer um

Viel Spaß beim Lesen!

Colin Kaggl

Pseudomaskulinität oder:

Warum (un)echte Männer keine Schwäche zeigen können

„Fu rc htba res hat d ie Men sc h heit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“1 In den Arbeiten der Kritischen Theorie und vor allem der Forschungsgruppe um Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson und Sanford spielt die autoritäre Persönlichkeit eine herausragende Rolle. Dieser Charaktertypus, auch bekannt als autoritätsgebundener Charakter, ist nicht nur durch den Wunsch nach Unterwerfung und Aggression gegen alles ‚Schwache‘ gekennzeichnet, sondern auch durch eine spezifische Positionierung

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gegenüber dem, was ihm als ‚typisch‘ männlich oder weiblich gilt. Unter den Begriffen Pseudomaskulinität und Pseudofeminität (von pseudo= scheinbar, unecht oder falsch) fassten die Autor*innen in ihrer Arbeit The Authoritarian Personality Vorstellungen zusammen, die auf strikt dichotomen Geschlechterkategorien und Geschlechterrollen basieren. Adorno und seine Kolleg*innen konnten vor allem bei Männern einen starken Zusammenhang zwischen Pseudomaskulinität und der autoritären Persönlichkeit feststellen, wiesen Pseudofeminität aber auch bei Frauen nach. Den Geschlechtern werden, gemäß den gesellschaf tlichen Konventionen dichotomer Geschlechterverhältnisse,

jeweils spezifische Attribute zugeordnet, die als starr, eindeutig, naturgegeben und unveränderlich verstanden werden. Eigenschaf ten wie zum Beispiel Entschlossenheit, Energie, Entschlusskraft oder Willensstärke werden dabei als ‚rein männlich‘ betrachtet, während Passivität, Sanftheit und Schwäche als ‚rein weiblich‘ gelten. Jene Züge, die gesellschaftlich dem jeweils anderen Geschlecht zugeordnet sind, werden vom Subjekt verleugnet, abgespalten und bekämpft. Dabei ist für die Autor*innen wichtig zu betonen, dass es sich eben nicht um Vorhandensein oder Abwesenheit gewisser Züge im Subjekt handelt, sondern vielmehr um die strikte Einhaltung, Reproduktion und das Propagieren von


schwerpunkt

als ‚typisch‘ verinnerlichten Zügen und Vorstellungen. Damit einher geht auch eine Fehlintegration in die eigenen erlebten und gelebten Vorstellungen und die ständige Angst vor einem Verstoß gegen die Geschlechterkonventionen und damit dem Ausschluss aus der identitären Geschlechtlichkeit. Diese Angst führt zu konformistischer Rebellion und kann in Gewalt enden. Unfähig, die eigene Verstricktheit und den Zwang der Verhältnisse zu ref lektieren, und ohnmächtig, sie zu verändern, werden der Hass und das Unbehagen gegenüber einer derar tigen Vergesellschaf tung externalisiert. In allerlei pathischen Projektionen werden stellver tretend diejenigen verantwortlich gemacht, die vermeintlich oder tatsächlich gegen bestehende Normen rebellieren oder nicht in das verinnerlichte Bild dieser Menschen passen (z. B. Feminst*innen, ‚verweichlichte‘ Männer oder Transpersonen). Gleichzeitig bieten diese unterdrückenden Verhältnisse und starren Bilder von Geschlechtlichkeit auch eine gewisse Sicherheit für das Subjekt, weshalb das Bestehende auch manchmal von denen unterstützt wird, die von einer Veränderung eigentlich profitieren würden. Solche starren Vorstellungen der Geschlechter sind Abdrücke und Produkte der (männlichen) Herrschaft, wie sie sich im Prozess der Zivilisationswerdung durchgesetzt hat. Die Gleichsetzung der Frau mit ‚Natur‘ ist wesentlich hier entstanden. Für den Menschen war es, um überhaupt zivilisiert zu werden, notwendig, sich der äußeren Natur zu unterwerfen. 2 Männer

konstituierten sich als Subjekte; Frauen wurden auf ihre Geschlechtlichkeit und damit ‚Natur‘ reduziert. Das Männliche wurden zum Inbegriff der Herrschaft und alles Starken; das Nicht-Beherrschbare zum Weiblichen abgespalten und durch Herrschaft versucht, verwaltbar zu machen und mit Schwäche assoziiert. Karin Stögner weist darauf hin, dass in der Überbetonung der Pseudomännlichkeit und damit der Ablehnung alles ‚Schwachen‘ aber auch die unbewusste Angst vor Verlust der Kontrolle, Passivität und Abhängigkeit verborgen sind. Schwäche wird, wie oben erwähnt, als etwas Weibliches, Unmännliches betrachtet und verachtet, dennoch schwingen in den Vorstellungen der Pseudomännlichen immer auch Bilder weiblicher Macht mit, was ihren ambivalenten Charakter deutlich macht: Die Angst vor der Rebellion der Frauen gegen die Herrschaft.3 Zuletzt ist die Frau für die Autoritären aber eine ständige Erinnerung an die missglückte Unterwerfung der ‚Natur‘ in ihrer Beherrschung. Frauen, die jahrhundertelang von der aktiven Herrschaft ausgenommen waren, haben es dennoch irgendwie geschafft, in der männerdominierten Welt zu überleben und zu Glück zu finden. Adorno und Horkheimer stellten schon in der Dialektik der Auf klärung fest, dass allein der Gedanke an Glück ohne Macht unerträglich sein muss, da er überhaupt erst Glück wäre. Die Frauen (ebenso wie ,die Juden‘) erinnern ständig an die erzwungenen Versagungen moderner Vergesellschaftung, sie erinnern daran, dass eine Welt ohne Herrschaft

möglich wäre, dass Glück ohne Herrschaft möglich wäre. Das aber zu erdenken, dazu sind die autoritätsgebundenen Charaktere unfähig. Anmerkungen 1 Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Auf klärung: Philosophische Fragmente. S. Fischer Verlag, 2010. 2 Karin Stögner geht mit Bezugnahme auf Herbert Marcuse davon aus, dass „Herrschaft heute zu einem Großteil zurücknehmbar wäre, da sie nicht mehr notwendig sei, um Sicherheit und größtmögliches Glück zu ermöglichen“ (vgl. S. 26). Dennoch passiere dies nicht und auf dem ‚Höhepunkt der Kultur‘ komme es zu immer größerer Unfreiheit, zu Massenvernichtung und Konzentrationslagern. Marcuse machte in Triebstruktur und Gesellschaft darauf aufmerksam, dass die Unterdrückung vielleicht umso nachdrücklicher geübt wird, je unnötiger sie zu sein scheint. Die insgeheime Sehnsucht nach dem Leben ohne Herrschaft sei so für die geübte Vehemenz von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus mitverantwortlich. 3 Karin Stögner macht in ihrem Buch Antisemitismus und Sexismus gerade an diesen Vorstellungen von ‚Übermacht‘ die Ähnlichkeit von Sexismus und Antisemitismus fest.

Literatur . Marcuse, Herbert. Schriften: Triebstruktur und Gesellschaft. Vol. 5. Suhrkamp, 1979. . Adorno, Theodor W., et al.: The authoritarian personality. Harper & Brothers, 1950. . Stögner, Karin: Antisemitismus und Sexismus: historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Nomos Verlagsgesellschaft, 2014.

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schwerpunkt Marlene Gallner

Mount Nasty

Über den Women’s March on Washington, den neuen USPräsidenten Donald Trump und den aktuellsten Seitensprung des Feminismus Am 21. Januar 2017 – einen Tag nach der Inauguration Trumps – fand in Washington, D. C. mit 500.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die größte Demonstration seit Jahrzehnten statt. Zählt man die SchwesterDemonstrationen in anderen amerikanischen Städten mit, war der Women’s March die bislang größte Protestbewegung in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Größer noch als die Anti-VietnamkriegDemonstrationen Ende der 1960er. Seinen Ursprung hatte der verblüffende Erfolg in einem zunächst unscheinbaren Facebook-Post kurz nach den US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen November. Dass der Politikneuling Trump mit seiner ungehobelten Art seine erfahrene Kontrahentin Hillary Clinton geschlagen hatte, erzeugte über Parteigrenzen hinweg insbesondere bei jenen Fassungslosigkeit, die während des Wahlkampfes vielfach in seine verbale Schusslinie geraten waren: Frauen. Trump gab sich während seiner öffentlichen Auftritte keine Mühe, seine Misogynie zu verbergen. Dass höf liche Umgangsformen für den umstrittenen fünfundvierzigsten US-Präsidenten nichts gelten, stellte er viele Male unter Beweis – was wohl erheblichen Anteil an seinem Erfolg bei der Wählerschaft hatte. Kein seriöser Politiker würde in den USA heutzutage mit derart frauenfeindlichen Äußerungen um sich werfen. Trumps Attacken gegen ‚das Establishment‘ mit seinen ‚Benimmregeln‘ zahlten sich jedoch aus. Die spöttischen Bemerkungen über das Gesicht der republikanischen Präsidentschaftskandidatin Carly Fiorina 1 bildeten 2015 den Auftakt zu einer Reihe an erniedrigenden Kommentaren, die – tragisch genug – eher an Schulmobbing erinnern als an einen Wahlkampf. So machte er sich im Fernsehen über die vermeintliche Menstruation der FoxNews-Moderatorin Megyn Kelly lustig, als diese ihm unangenehme Fragen stellte, 2 und nannte Clinton während des letzten Wahlkampfduells „a nasty woman“3 , eine hässliche, garstige Frau. Ein Kommentar, der auf zahlreichen T-Shirts, Schildern und Transparenten während des Women’s March wiederaufgenommen und ironisch gegen ihn verwendet wurde. Den zwischenzeitlichen Höhepunkt der frauen-

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verachtenden Äußerungen bildete das im Oktober 2016 öffentlich gewordene Video, in dem Trump damit prahlt, Frauen wider ihren Willen zwischen die Beine zu fassen. 4 Auch dieses Zitat, „Grab them by the pussy“, erlangte bittere Berühmtheit. Für die einen ist Trump endlich derjenige, der sich traut, frei heraus zu sagen, was er denkt. Für die anderen bedeuten derartige Kommentare von dem Staatsoberhaupt der westlichen Welt die Gefahr, dass Misogynie, die ohnehin mal mehr, mal weniger versteckt existiert, nun wieder salonfähig gemacht wird. So fand die anfangs kleine FacebookVeranstaltung raschen Zulauf und wuchs bald zu einem riesigen Event. Der Women’s March on Washington war der erste heftige Gegenwind der amerikanischen Zivilgesellschaft, der dem neu amtierenden Präsidenten entgegenschlug. Sogar weltberühmte Stars wie Scarlett Johansson, Alicia Keys und Madonna waren angereist und hielten zum Teil Reden vor der Menge.5 Die frauenfeindlichen Ausfälle Trumps und die nun zu befürchtenden neuerlichen Benachteiligungen von Frauen waren jedoch nicht das einzige Thema, das am 21. Januar in der amerikanischen Hauptstadt angesprochen wurde. Neben Plakaten mit der Aufschrift „Pussy grabs back“ und Bildern von „Mount Nasty“, eine Anspielung auf das berühmte Denkmal Mount Rushmore, wurden auch andere Schilder getragen, die dagegen eher aus der Reihe fielen.

Die US-Fahne als Hijab Eine seltsame thematische Verquickung fiel besonders ins Auge: Neben der wachsenden Misogynie befürchteten viele Demonstrantinnen und Demonstranten für

die kommende Legislaturperiode auch die rassistische Diskriminierung insbesondere von Musliminnen und Muslimen. Mediale Aufmerksamkeit erhielt vor allem ein Bild: ein Gemälde von einer mit US-amerikanischer Fahne verschleierten Frau. Während des Protestmarsches verteilten Aktivistinnen und Aktivisten Flaggen, die sie Freiwilligen als Hijab umbanden. 6 Warum gerade dieses Symbol? Angenommen, es ginge den Aktivistinnen und Aktivisten tatsächlich um Rassismus, also die Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Aussehen, warum wird dann ausgerechnet ein politisch-religiöses Zeichen, das auch noch auf dem Prinzip der Ungleichheit der Geschlechter beruht, gewählt? Elham Manea wandte sich mit einem Artikel in der Huffington Post mit genau dieser Frage an die Organisatorinnen des Women’s March und schlüsselte auf, warum der Hijab als Solidaritätsbekundung denkbar ungeeignet ist.7 Manea, die für Frauenrechte im Nahen Osten und Nordafrika eintritt, betont, dass das Kopftuch von vielen deshalb getragen wird, weil sie dazu gedrängt oder gezwungen werden. In einigen islamischen Staaten steht für Frauen das Zeigen ihrer Haut und ihrer Haare unter schwerer Strafe. Im Iran formierte sich deshalb die Plattform My Stealthy Freedom, die gegen die strenge Tabuisierung des weiblichen Körpers durch das klerikale Regime auftritt. Manea plädiert dafür, kein Symbol der Unterdrückung als Zeichen der Solidarität mit Musliminnen zu wählen. Die Konsequenz müsste also lauten: Das aktive Werben für die Verschleierung des weiblichen Körpers hat auf einer Demonstration gegen Sexismus und die Ungleichbehandlung von Frauen nichts verloren. Gerade das Gegenteil:


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möglichst große Bewegungsfreiheit für alle Frauen – egal woher sie kommen und wie sie aussehen – ohne sexistische Kommentare, auch wenn man den eigenen Körper nicht verhüllen möchte, müsste das Anliegen des Feminismus sein.

Misogynie für und gegen Trump Hinzu kommt, dass eine der Organisatorinnen des Women’s March, Linda Sarsour, dem eigentlichen Anliegen des Protestes gänzlich zuwiderlaufende Positionen vertritt. Sie selbst sieht sich als Repräsentantin von Musliminnen, dabei redet sie stattdessen dem politischen Islam das Wort. Auf ihrem Twitter-Account warb sie für die Sharia 8 , das religiöse Gesetz des Islam, und spottete über das Anliegen von Frauen in Saudi-Arabien, autofahren zu dürfen.9 Den Gipfel markierte ein Tweet von Sarsour gegen Ayaan Hirsi Ali, die vor allem dafür bekannt ist, sich gegen weibliche Genitalverstümmelung zu engagieren. Sarsour schrieb öffentlich: „Brigitte Gabriel = Ayaan Hirsi Ali. She’s asking 4 an a$$ whippin‘. I wish I could

take their vaginas away – they don’t deserve to be women.“10 Die Misogynie schleicht sich über einen kruden Antirassismus wieder ein und ein großer Teil der linken und liberalen Öffentlichkeit scheint dies entweder zu tolerieren oder gar zu begrüßen. Nicht alle Auftritte gegen den neuen Präsidenten bedeuten also automatisch, dass diese auch richtig sind. Es wäre wünschenswert, dass insbesondere die hiesigen Kommentatorinnen und Kommentatoren einen kühlen Kopf bewahren und – statt sich auf dem plumpen Feindbild Trump auszuruhen – die tatsächlichen Inhalte der aktuellen Regierung sowie der Opposition und der vielschichtigen Akteure dazwischen genauer unter die Lupe nehmen würden. Anmerkungen 1 Siehe Dann, Carrie: Donald Trump Defends Fiorina ‚Face‘ Insult. NBC News, 10.09.2015. 2 Siehe Chavez, Paola et al.: A History of the Donald Trump – Megyn Kelly Feud. ABC News, 26.10.2016. 3 Siehe Abad-Santos, Alex: Clinton supporters

leaned into Trump’s „nasty woman“ insult and turned it into a compliment. Vox, 20.10.2016. 4 Siehe Fahrenthold, David A.: Trump recorded having extremely lewd conversation about women in 2005. Washington Post, 08.10.2016. 5 Siehe Sheppard, Ciara: There was a big celebrity turn out at the Women’s March on Washington. http://www.glamourmagazine.co.uk/gallery/ celebrities-who-marched-in-the-womens-march (19.02.17) 6 Siehe http://www.tahireen.com/2016/american-f lag-hijab-maga_fd651c502.html (19.02.17) 7 Manea, Elham: Women’s March. Why Use The Headscarf (Veil) As A Symbol For Islam? The Huffington Post, 22.01.2017. 8 Siehe Linda Sarsour auf Twitter: https://twitter.com/lsarsour/status/598327052727615488 (19.02.17) 9 Siehe Linda Sarsour auf Twitter: https://twitter.com/lsarsour/status/534073703588700160 (19.02.17) 10 Siehe Women in the World Summit Staff: Ayaan Hirsi Ali says controversial Women’s March organizer is a ‚fake feminist‘. http://nytlive.nytimes. com/womenintheworld/2017/02/02/ayaan-hirsiali-says-controversial-womens-march-organizeris-a-fake-feminist/ (19.02.17)

Yasemin Makineci

Eure ,Ehre' zwischen unseren Beinen

Zum Mord im Namen der ‚Ehre‘ Mit 16 Jahren wurde Hatun Sürücü mit ihrem Cousin in der Türkei zwangsverheiratet, drei Jahre später kehrte sie nach einem Streit mit der Familie ihres Ehemannes nach Berlin zurück und gebar ihren gemeinsamen Sohn Can. Nach ihrer Rückkehr legte sie das Kopftuch ab und zog aus ihrem Elternhaus aus. Sie wollte nach ihrer Ausbildung zur Elektroinstallateurin ihr Fachabitur nachholen – wenige Tage vor ihrer Gesellinnenprüfung wurde sie am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle nahe ihrer eigenen Wohnung von einem ihrer Brüder erschossen. Der Ermordung von innerhalb islamisch-konservativer Familien als ‚unehrenhaft‘ geschmähten Töchtern und Schwestern durch ihre Väter, Brüder und/oder Cousins geht eine lange Reihe von in anderen Formen ausgeschöpften Misshandlungen voraus. Diese Fami-

lien üben oftmals vorher soziale Kontrolle über die Mädchen und Frauen aus; verfolgen ihre Ausgänge, verbieten den Kontakt zu Männern, zw ingen sie unter das Kopftuch, sperren sie ein, drohen damit, sie ins ‚Heimatland‘ zu schicken, zwangsverheiraten sie. Im Falle Hatuns meldete ihr Vater sie nach dem achten Schuljahr vom Gymnasium ab, um sie zur Zwangsheirat in die Türkei zu schicken. „Ihre Familie hatte sie verstoßen, als sie ihrer Mutter erzählt hat, dass ihr Bruder sie sexuell belästigt hat.“ 1 Hatuns beste Freundin Gülsah S. lebte nur fünf Minuten von Hatun entfernt – doch nahm sich Hatun für diesen kurzen Weg stets ein Taxi. Gülsah wurde mehrfach Zeugin der von Hatuns Brüdern unter anderem auch am Telefon ausgesprochenen Morddrohungen. Zwar ist der Mord die letzte Konsequenz islamischer Gewalt, jedoch kein Einzelfall.

Islamische Angstpädagogik: Geschlechtersegregation und Jungfrauenkult „Die Ehre der Familie liegt zwischen den Beinen der Frauen“ ist ein Sprichwort, dessen sprachlicher Ursprung unbekannt ist, aber das jede und jeder aus einer islamisch-konservativen Familie zumindest gehört hat. Zum Verständnis von ‚Ehre‘ als Instrument islamischer Bestrafungsphantasie bedarf es einen genaueren Betrachtung. „Ehre“ ist, um am Sozialisationsbeispiel des Mordfalles Hatun Sürücü zu bleiben, im Kontext traditioneller Zusammenschlüsse türkisch-kurdischer Prägung weitaus komplizierter zu übersetzen als in rechtsstaatlich durchsetzten Gefilden wie in Mitteleuropa mit „Achtung“.

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schwerpunkt

Die Großfamilie als traditionelle Familienform in der Türkei 2 lässt sich beispielhaft als Gegenteil des Wertes eines Individuums verstehen: Die Imagination des ‚Ehr‘-Kollektivs kennt daher im Türkischen şeref, saygi und namus. Şeref bezeichnet dabei das Ansehen innerhalb einer größeren Gemeinschaft, beispielsweise in einem durch Clanstrukturen gekennzeichneten Dorf, wobei die Achtung gegenüber einer Person aus einer Familie, qua Stand der eigenen Familie, durch andere gemeint ist. Şeref kann nur durch Satisfaktion wiederhergestellt werden.3 Saygi bezieht sich dagegen auf die Binnenhierarchie innerhalb einer Familie, beispielsweise den Vater als höchsten Vorstand und ihm untergeordnet seine Kinder, analog dazu Männer und die ihnen untergeordneten Frauen oder Ältere und die ihnen untergeordneten Jüngeren. 4 Namus bezeichnet eine angeborene Eigenschaft, die nicht aufgebessert, sondern nur durch ‚unsittsames‘ Verhalten eines Individuums verloren werden kann und den Ehrverlust des Kollektivs bewirkt. In diesem Sinne ist die Verantwortlichmachung eines Individuums, wie zum Beispiel das eines Mädchens, das Zärtlichkeiten mit einem Jungen, auf das es verliebte Augen legte, austauschen möchte, hier mit dem Zwang angelegt, das Individuum der sozialen Kontrolle der Familie zu unterwerfen. Allen voran stellt der Vater das Aushängeschild der Familie dar; die Söhne werden als Stellvertreter des Vaters zu tyrannischen Sittenwächtern und somit zu Hütern des islamischen Geschlechterschicksals erzogen. Dieses ist durch Strafandrohung reguliert: Der Sohn als Vize ist des Patriarchen strenge Hand. Das islamische Geschlechterverhältnis trifft – postmoderne DifferenzfeministInnen werden sich wohl nun erschrecken – nicht nur Mädchen und Frauen, sondern nimmt auch Jungen und Männer in seine Gewalt: „Sie sind es, die Schwestern und Cousinen auch mit Gewalt ‚zur Raison‘ bringen sollen.“5 In der Vorstellung von namus zeigt sich, was viele islamisch geprägte Gesellschaften gemein haben: den Hass auf die Sexualität. Der Reinheitskult ob der Jungfräulichkeit der Frau, als ein qua Geschlecht mit geringerem Wert bemessenes Objekt, welches lästigerweise für das Gebären und das Dienen dann doch notwendig

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für die Sippe ist, findet sich nicht nur in Großfamilien in der ländlichen Türkei. Ein für Frauen straffreier unehelicher Geschlechtsverkehr würde der Frau eine eigenständige Sexualität eingestehen – diese muss im Sinne der islamischen Kultur der Keuschheit und Reinheit geleugnet werden.

„Auch in Anatolien gibt es Schwule, aber man spricht nicht darüber“6 Ahmet Yıldız, geboren in der Osttürkei, wurde am 15. Juli 2008 von seiner kurdischen Familie in Istanbul, kurz bevor er mit seinem Auto vor der Wohnung seines Lebensgefährten Ibrahim Can eintraf, ermordet. Ahmet hatte Anrufe erhalten, war von seiner Familie, die plötzlich vor seiner Türe stand, bedrängt worden, sich doch „therapieren zu lassen“. Der Hauptverdächtige, Ahmets Vater, scheint sich in den Nordirak abgesetzt zu haben, bevor der Prozess gegen ihn begann. Stünde Ahmets Vater vor Gericht, hätte Ibrahim ihm mitgeteilt: „Woher hat er sich das Recht genommen, Ahmet zu töten und mir so weh zu tun? Und dann möchte ich aus seinem Mund hören: Ich habe ihn getötet, weil er schwul war.“ 7 Doch handelt es sich hier eben nicht um einen Mord durch eine Einzelperson, sondern es ist die Beteiligung mehrerer Familienmitglieder zu vermuten: „Da war nicht nur der gelbe Fiat, aus dem auf Ahmets Auto geschossen wurde, sondern auch ein schwarzer Mercedes, der die Straße blockierte“8, so eine Zeugin. Verhasste Schwule, die die wegen der Reproduktion in der Kernfamilie notwendige Geschlechterdichotomie auf brechen, können sich im Sinne der islamischen Gesellschaft nur in ihrer Rolle im schwulen Sex noch etwaige ‚Ehre‘ erretten: ibne bezeichnet in der türkischen Sprache „den Penetrierten“ und stellt damit etwas ähnlich Minderwertiges wie die Frau 9 dar – ibne ist im islamischen Raum eine äußerst grobe Beleidigung. Ahmet hatte zwar wegen der Morddrohungen Anzeige erstattet. Doch die türkischen Behörden hatten nichts unternommen. Der Mordfall gilt in der Türkei nun als erster schwulenfeindlicher ‚Ehren‘-Mord, 10 denn „[d]ass dieselbe Behörde nun Anklage erhebe, sei nur der internationalen Aufmerksamkeit geschuldet, die dem Fall zuteil wurde“. 11

Der kultursensible Staat: Zur Strafrechtsordnung in Deutschland und Österreich Für Deutschland lassen sich keine realistischen Zahlen zu begangenen ‚Ehren‘-Morden nennen. Im deutschen Familienministerium zeigt sich Resignation, eine breitgefächerte Unterstützung für misshandelte Mädchen und Frauen aus muslimischen Familien zu stellen, da „[...] die ‚Dunkelziffer der unerreichbar Eingeschüchterten‘ nicht abzuschätzen“ sei. 12 In Kürze gefasst besteht zwischen Mord und Totschlag der entscheidende Unterschied darin, dass eine Tötung dann als Mord gilt, wenn sie planvoll und nüchtern durchgeführt wird. Der Totschlag hingegen zeichnet sich durch seinen Affekt aus. In Betrachtung der Problematik von Straf barkeit von Verbrechen im Namen der ‚Ehre‘ im Strafgesetz ist es notwendig, einen Blick auf die Paragraphen zu jeweils Mord und Totschlag zu werfen und ihre Formulierung im österreichischen und deutschen Strafgesetz gegenüberzustellen. Der Jurist Christoph Zehetgruber leistete dies. Als ein Beispiel aus dem Jahr 1981 ist ein Fall anzuführen, in dem in Vorarlberg ein Mann türkischer Herkunft versucht hatte, mit einem PKW seine Ehefrau, die ihn betrogen hatte, zu überfahren und zu töten. Er wurde wegen versuchten Totschlags verurteilt, da für das Gericht der Affekt (Eifersucht) nachvollziehbar war – der Angeklagte hingegen forderte in der Hauptverhandlung einen Sachverständigen, welcher in seinem Sinne strafmildernd erläutern solle, „dass es im türkisch-moslemischen Kulturkreis zum Ehrenkodex gehöre, dass eine Ehefrau, die sich mit einem anderen Mann eingelassen habe, rigiden Sanktionen unterzogen“ werde. 13 Hätte ein Sachverständiger dies tatsächlich bestätigt und der kulturrelativistischen Praxis stattgegeben, so wäre der Angeklagte für versuchten Mord sogar noch wesentlich härter verurteilt worden. In Deutschland ist Mord (§ 211 StGB) 14 grundsätzlich mit lebenslanger Haft zu bestrafen, Totschlag als Tötungshandlung im Affekt (Österreich) zeigt sich im deutschen Strafgesetz (§ 213 StGB) 15 als „eine denkbare Form des minderschweren Falles von Totschlag“16 und wäre da-


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mit wesentlich milder zu bestrafen. Um im Wortlaut des deutschen Mordparagraphen zu prüfen, ob der ‚Ehren‘-Mord davon abgedeckt sei, müsse man „nun auf das Merkmal ‚sonstige niedrige Beweggründe‘ besonderes Augenmerk legen“17. Ein Fallbeispiel des Bundesgerichtshofs zeigt eine Tendenz dieser Rechtsauslegung: ein Iraner, der seine Ehefrau mit Messerstichen getötet hatte, wurde lediglich wegen Totschlags und nicht wegen Mordes verurteilt. Die Begründung des Bundesgerichtshofs bezog sich hierbei auf die Annahme, dass der Täter „von den Vorstellungen und Anschauungen [seiner] Heimat noch derart stark beherrscht werde“ (zitiert nach Zehetgruber), dass es ihm unmöglich gewesen sei, „sein Handeln bestimmende Gefühlsregungen zu beherrschen“14 und er damit aus Affekt gehandelt habe. In dieser Rechtsprechung sei eine Tendenz zu erkennen, dass vermehrt Angeklagte aufgrund ihrer herkunftsgebundenen Wertvorstellungen wegen Totschlags, seltener wegen Mordes, verurteilt würden. 18 Der verurteilte Mörder Hatun Sürücüs, ihr jüngster Bruder Ayhan, wurde nach Jugendstrafrecht in Berlin zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt und nach Absitzen seiner Haft in die Türkei abgeschoben. Die beiden älteren Brüder Alpaslan und Mutlu wurden mangels Beweis freigesprochen. Der familiäre Rat zum Mord wählt gezielt eine junge Person als Mörder aus, da diese Alters wegen unter das Jugendstrafrecht fällt und daher die Freiheitsstrafe wesentlich kürzer ausfällt als im normalen Strafrecht. Der Freispruch der beiden älteren Brüder wurde im August 2007 aufgehoben 19; zu diesem Zeitpunkt hatten sie sich bereits in die Türkei abgesetzt. 2013 wurde ein Strafverfahren wegen Mordes gegen die beiden Brüder in der Türkei eingeleitet, dessen Verhandlung 2016 begann. Ebenfalls verweigern die türkischen Behörden die Auslieferung nach Deutschland. 20 Die ebenfalls von den türkischen Behörden auferlegte Ausreisesperre der beiden Angeklagten ist mittlerweile aufgehoben. 21 Die Ex-Freundin von Hatuns Mörder sagte im Berliner Prozess aus, dass „mehrere Familienmitglieder von dem sogenannten Ehrenmord [sic!] gewusst hätten“ – mittlerweile lebt sie im Zeugenschutzprogramm. 22 Es ist davon auszugehen, dass sie kein zweites Mal

aussagen wird, wie dies türkische Behörden fordern. ProzessbeobachterInnen in der Türkei vermuten daher, dass die beiden angeklagten älteren Brüder Hatuns freigesprochen werden.

Eine Chronik der ‚Ehren‘-Morde in Deutschland ist auf der Website www.ehrenmord.de verzeichnet.

Im Gedenken an Hatun Ay nur Sü r üc ü, A h met Yı ld ı z u nd a n alle weiteren bekannten wie unbek a n nten Opfer isla m isc her Familientyrannei.

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Anmerkungen 1 Ulrike Beseke: „Hatuns Bruder hat sie sexuell belästigt“. http://www.stern.de/politik/ deutschland/-ehrenmord---hatuns-bruder-hatsie-sexuell-belaestigt--3495820.html (Zugriff auf alle Internetquellen: 2.3.2017) 2 Moni Libisch: Das Konzept der Ehre in traditionellen Familien aus der Türkei und sein Wandel in der Diaspora, S. 20, in: Nina Scholz (Hg.): Gewalt im Namen der Ehre. 2. Auf lage, 2015. Wien: Passagen-Verlag. S. 19-36. 3 Ebd., S. 22. 4 Ebd., S. 24. 5 Nina Scholz: Der Zwang zur Jungfräulichkeit und seine Auswirkungen auf Entwicklung und Rechte von Mädchen und Frauen, S. 75 in: Scholz (Hg.): Gewalt im Namen der Ehre. S. 69-85. 6 Deniz Yücel: „Jeder soll wissen, ich bin schwul“. taz vom 07.09.2009. http://www.taz.de/!5156656/ 7 Ebd. 8 Ebd. 9 Libisch: Konzept der Ehre, S. 28. 10 Nicholas Birch: „Was Ahmet Yildiz the victim of Turkey’s first gay honour killing?“. T he Independent, 18.07.2008. http://w w w. i n d e p e n d e n t .c o .u k /n e w s/ w o r l d /e u r o p e/ was-ahmet-yildiz-the-victim-of-turkeys-firstgay-honour-killing-871822.html 11 „Jeder soll wissen, ich bin schwul” 12 Scholz: Zwang zur Junfräulichkeit, S. 79. 13 Christoph Zehetgruber: Der Ehrenmord in Österreich, Deutschland und der Türkei – Strafrechtliche Fragen eines gesellschaftlichen Phänomens. Berliner Online-Beiträge zum Völker- und Verfassungsrecht, Beitrag Nr. 6. 20.12.07. S. 29–34, hier S. 33. http://www.jura. fu-berlin.de/fachbereich/einrichtungen/oeffentliches-recht/lehrende/kriegerh/dokumente/

berliner_online_beitraege_zehetgruber.pdf 14 https://dejure.org/gesetze/StGB/211.html 15 https://dejure.org/gesetze/StGB/213.html 16 Zehetgruber: Ehrenmord, S. 35. 17 Ebd., S. 36. 18 Ebd., S. 38. 19 „Mord an Hatun Sürücü – Prozess gegen zwei Brüder beginnt“ http://www.morgenpost.de/ berlin/article206943769/Mord-an-Hatun-Sueruecue-Prozess-gegen-zwei-Brueder-beginnt. html 20 „Prozess gegen Sürücü-Brüder tritt auf der Stelle“ http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/ 2017/02/prozess-hatun-sueruecue-istanbulwird-fortgesetzt.html 21 dpa/mim: „Mordfall Hatun Sürücü: Ausr e i s e s p e r r e g e g e n B r ü d e r a u f g e h o b e n“ . Berliner Morgenpost, 20.01.2016. http://www. berliner-kurier.de/berlin/polizei-und-justiz/ ehrenmord-prozess-mordfall-hatun-sueruecue--ausreisesperre-gegen-brueder-aufgehoben-25751558 2 2 Ohne Autor: „ P roze s s gegen Sür üc üBrüder tritt auf der Stelle“. rbb|24, 16.02.2017. htt p://w w w.rbb - online.de/polit ik/beit rag/ 2017/02/prozess-hatun-sueruecue-istanbulwird-fortgesetzt.html

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schwerpunkt

Michael Fischer

Mit dem Islam für die Selbstbestimmung der Frau Anfang des Jahres entbrannte kurz eine Debatte über ein mögliches Kopftuchverbot für Lehrerinnen. Die Organisationen des konservativen Islam und fast die gesamte Linke waren dagegen. Doch beginnt der Zwang erst mit einem Verbot? Die Sonne durchbrach zum ersten Mal seit Monaten das typische Wiener Grau in Grau und am Platz der Menschenrechte trudelten die ersten Menschen ein. 2.000 Personen kamen an diesem Februartag, um für die Selbstbestimmung der Frau einzutreten. Ein kopftuchtragendes Mädchen, kaum älter als zehn Jahre, hielt zu diesem Zweck ein Plakat in der Hand, auf dem völlig ironiefrei zu lesen war: „Ich will meine Freiheit“. Unter dem Motto No-Muslim-Ban hat ten muslimische Organisationen, unterstützt von wenigen linken und feministischen Gruppen und dem österreichischen Ableger der türkischen Religionsbehörde Atib, zur Demonstration aufgerufen. Anders als das Motto vermuten ließ, ging es nicht gegen die Politik Trumps, sondern gegen ein mögliches Kopftuchverbot im österreichischen öffentlichen Dienst. Sebastian Kurz hatte dies Anfang Jänner vorgeschlagen und drang vor allem auf ein solches Verbot für Lehrerinnen. Das Verbot des Kopftuches fand im Arbeitspapier der Bundesregierung keine Erwähnung mehr. Dagegen wurde ein Neutralitätsgebot verabschiedet, von dem jedoch nur Polizist_innen und Richter_innen betroffen sein werden. Im Aufruf stellten die Organistor_innen klar: Es gehe nicht nur gegen das Kopf t uchverbot. Nein, h ier w ü rden Menschen- und Minderheitenrechte verteidigt. Ein Verbot des Kopftuches sei ein Berufsverbot für Frauen, die einer religiösen Minderheit angehörten. Dies impliziert jedoch einen Allmachtsanspruch des Islam, der Frauen nicht einmal für ein paar Stunden am Tag von den K leider vorschrif ten befreit. Das beste und gleichzeitig verlogenste ihrer Argumente hatten sie sich bis zum Schluss aufgehoben. Denn mit dem Verbot würden Männer darüber bestimmen, was Frauen zu tragen hätten. Mädchen und Frauen, die heute dazu gezwungen sind, Kopftuch zu tragen, wurden einfach

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unterschlagen. Aus taktischen Gründen ist das nur logisch. Gelten Frauen, die sich dem Kopf tuch widersetzen, den konservativen Muslim_innen doch als politische Gegnerinnen. Warum diese Gruppe auch in der linken und feministischen Diskussion kaum eine Rolle spielt, ist jedoch erklärungsbedürftig.

Anti-islamischer Rassismus? An der Demonstration beteiligten sich nur wenige Feministinnen und Linke. Kritik aus dieser Ecke am dreisten feministischen Etikettenschwindel drang kaum nach außen. Grund dafür ist wohl ein Antirassismus, der nicht mehr als ein Spiegelbild des Rassismus der Nationalist_innen ist. In Bezug auf den Islam oder das Kopftuch gibt es jedoch keine Position, mit der man sich per se gegen Rassismus positionieren könnte. Es ist eine politische Frage, in der man auch innerhalb der migrantischen Community für eine Fraktion gegen die andere Partei ergreift. Die niederträchtigen nationalistischen Parteien und identitären Bewegungen, die heute so erfolgreich sind, lehnen den Islam aus einer ethnopluralistischen Perspektive ab. Das Ziel ist klar: Sie wollen ein ethnisch reines Europa. Ginge es nicht gegen den Islam, diese Bewegungen würden schnell andere Argumente gegen Zuwanderung und Asyl finden. Die Ablehnung des Islam beschränkt sich bei diesen Parteien auf die Aussage: Jeder wie er will, aber bitte nur bei sich daheim – was auf die Forderung nach Abschottung und Abschiebung hinausläuft. Die Verteidiger des Abendlandes halten den Menschen grundsätzlich für ein Anhängsel einer Kultur. Deshalb geht dort die Ablehnung des Islam mit der Ablehnung aller Menschen aus islamischen Ländern Hand in Hand, egal wie es die/ der Einzelne nun mit dem Islam hält.

Doch die Kultur oder der Islam sind den Menschen nicht angeboren, deshalb gibt es keinen Grund, weshalb die Islamkritik notwendigerweise zu fremdenfeindlichen Konsequenzen führen muss. Die Kritik des Islam kann durchaus eine Methode sein, Menschen aus islamischen Ländern besser in Europa zu integrieren, sie von religiöser Gängelung zu befreien und ein friedliches Leben der Menschen untereinander zu befördern.

Der Hijab – ein feministisches Zeichen? Noch verrückter als in Österreich stellt sich die Situation in den USA dar. Dort wird der Hijab von einigen längst zum feministischsten Zeichen unserer Tage erkoren. Anders als erhofft, ist dies keine verrückte Einzelmeinung. Im Oktober 2016 erschien im einf lussreichsten Alternativmedium der USA, der Huffington Post, der Artikel Muslims are the True Feminists.1 Dort war zu lesen, der Hijab befreie die Frau von den Zwängen des Patriachats, und Khadija, die erste Frau Mohammeds, sei durch ihr Wirken ein feministisches Vorbild. Die Botschaft war klar: Die wirklichen Feminist_innen sind die Muslim_innen, alle anderen nur Büttel des Patriachats. M it s o e i ne m Fe m i n i s mu s k a n n auch Ca rla A m ina Bag hajat i, die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, etwas anfangen. Sie war Rednerin auf der NoMuslim-Ban-Demo und ist Autorin des Buches Muslimin sein. Drei Grundmotive ziehen sich durch dieses Werk: Erstens rechtfertigten der Koran und mit ihm der Islam keine Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Sei die Ungleichbehandlung nicht zu leugnen, habe dies zweitens alles nichts mit dem Islam zu tun. Dies entspringe lediglich der arabischen bzw. türkischen Kultur. Wenn der Koran der Frau drittens doch den vollen


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Subjektstatus abspreche, tue er dies nur zu ihrem Besten. So diene der männliche Vormund der Frau bei der Eheschließung nur der Wahrung ihrer Interessen. In Sachen Kopftuch ist sie eine Hardlinerin. Auch wenn sie persönlich nie wirklich Stellung dazu nimmt, lässt sie doch nur Stimmen zu Wort kommen, die f ür eine Durchsetzung des Kopftuchszwangs stehen. So wird Scheich Mohammad Tantawi von der Al-AzharUniversität dafür kritisiert, in Hinblick auf das Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen in Frankreich empfohlen zu haben, das Kopftuch abzulegen. Denn Bildung sei wichtiger. Solche Aussagen erschwerten das politische Eintreten für das Kopftuch und könnten als Argument für ein Kopftuchverbot missbraucht werden. 2 Für die islamische Feministin Amina Wadud ist das Kopftuch dagegen keine islamische Pf licht. Sie betreibt eine Kontextualisierung und Historisierung des Korans. Für Wadud ist lediglich eine ,sittsame‘ Bekleidung für Frauen obligatorisch. Was für sich schon problematisch genug wäre. Den konservativen Koranexegeten geht dies allerdings schon zu weit, sie sehen in der Kontextualisierung und Historisierung eine unzulässige Übertragung von Methoden der Bibelforschung auf den Koran. Im Jahre 2005 leitete Wadud ein Freitagsgebet vor Männern und Frauen. Ein Skandal, der Bombendrohungen zur Folge hatte. Für sie kam es jedoch noch schlimmer. Aufgrund massiver Drohungen wurde sie unter Polizeischutz gestellt und konnte ihre Student_innen in diesem Semester nur mehr per Video unterrichten.3 Dies illustriert das Standing jenes Feminismus im Islam, dem es um mehr geht, als nur für das Tragen des Kopftuches einzustehen.

Was spricht gegen ein Kopftuchverbot? Die volle Emanzipation der Frau ist in der österreichischen Mehrheitsgesellschaft noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, in den letzten Jahren ist ein

aggressiver antifeministischer Rollback zu beobachten. Dies kann jedoch kein Argument dafür sein, die spezif ische Unterdrückung der Frau im Islam zu ignorieren und sich keine Gedanken über Maßnahmen wie ein partielles Kopftuchverbot zu machen. Ein solches Verbot für Lehrerinnen bedient sich des Zwangs. Dies ist ein gew ichtiges A rg ument dagegen. Für Staatskritiker_innen stellt sich zudem grundsätzlich die Frage: Kann der Staat durch Gesetze die Emanzipation der Frau voranbringen? Ein Vehikel der menschlichen Emanzipation, also des Kommunismus, ist er natürlich nicht. Er kann jedoch für die politische Emanzipation der/des Einzelnen sorgen, indem er ihnen volle Bürger_innenrechte garantiert. Sich selbst kann der Staat von der Religion emanzipieren, nicht aber die Staatsbürger_innen. 4 Genau darum ginge es beim Kopftuchverbot für Lehrerinnen: die öffentliche Schule soll zumindest auf der Ebene der Autoritätspersonen ein Ort sein, an dem der Allmachtsanspruch des Islam eine Pause einlegt. Für viele Mädchen aus konservativen muslimischen Familien ist die Schule oft die einzige Umgebung, wo sie den religiösen Regeln nicht unterworfen sind. Doch ginge ein solches Gesetzt weit genug? Es gibt drei Gruppen von Frauen, die das Kopftuch tragen: Jene, die dazu gezwungen werden; Frauen, die das Kopftuch selbstbewusst tragen, mit ihm als Zeichen spielen, in ihrem Selbstverständnis sehr modern sind und mit dem konservativen Islam wenig am Hut haben; und dann natürlich noch jene, die das Tragen des Kopftuches als politisches Bekenntnis gegen die Freiheiten des Westens und für den konservativen Alltagsislam verstehen. Für die erste Gruppe wäre ein allgemeines Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen eine ungemeine Erleichterung. Für die Zweite sollte es kein Problem darstellen, es sei denn, das Kopftuch ist doch mehr als Spielerei, womit sie zur dritten Gruppe gerechnet werden müssten, gegen

die ein solches Kopftuchverbot explizit gerichtet wäre. Die muslimischen Männer und Familien erführen durch ein solches Verbot zwar einen kollektiven ‚Ehrverlust‘ und könnten sich deshalb in dieser Sache nicht mehr ganz so stark gegenseitig unter Druck setzen,5 doch in ihrer Freizeit wären die Mädchen und Frauen weiterhin der Kontrolle ihrer Familien ausgesetzt. Der Islam ist keine Religion wie jede andere, denn er lässt sich nicht einfach ins Private verdrängen. Auch wenn ein solches Gesetz versucht, gerade dies zu leisten. Das Kopftuch würde seinen ideologischen und repressiven Charakter, der darin besteht, dass sich Frauen fremden Männern nicht ohne Kopftuch zu zeigen haben, wahrscheinlich nicht verlieren. Die unverschleierte Frau gilt dem konservativen Alltagsislam als Komplizin des Westens, die alle unislamischen Versuchungen verkörpert, die der Mann begehrt, sich aber nicht eingestehen darf. Aus diesem Grund wird die unverschleierte Frau den islamischen Brüdern und Schwestern zur ‚Hure‘. Zwang besteht auch ohne ein Gesetz: für jene Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen und dazu gezwungen werden. Eine Äquidistanz in dieser Frage liefe deshalb auf die Komplizenschaft mit dem konservativen Islam hinaus. Anmerkungen 1 Vgl. Gabby Aossey: Muslims Are the True F e m i n i s t s , h t t p : // w w w. h u f f i n g t o n p o s t . com/gabby- aosse y/muslims- are-the-t r uefeminists_b_9877692.html, Zugriff 20.02.2017. 2 Vgl. Carla Amina Baghajati: Muslimin sein. 25 Fragen – 25 Orientierungen, Innsbruck/ Wien 2015, S. 97. 3 Vgl. Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, München 2013, S. 128–129 und 133–134. 4 Vgl. Thomas Maul: Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Auf klärungsverrat ihrer linken Verteidiger, Freiburg 2006, S. 163. 5 Vgl. ebd. S. 164–166.

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Philippe Diente

Abstraktion und Gewalt

Wiederkehr und Persistenz des Geschlechterverhältnisses

Beim Geschlechterverhältnis handelt es sich sowohl um das allerälteste als auch um das sich scheinbar am hartnäckigsten haltende Herrschaftsverhältnis. Seine Existenz ist nach wie vor ein böses Rätsel: Wie verträgt sich die abstrakte Herrschaft des Kapitals mit der persönlichen Herrschaft des Geschlechterverhältnisses? Auf den ersten Blick scheint es erfreulich, dass das Geschlechterverhältnis heute von fast allen Seiten traktiert wird und der Feminismus in aller Munde zu sein scheint. Je hegemonialer sich dabei allerdings eine bestimmte Spielart des Feminismus durchsetzt, die philosophisch bei der Postmoderne und dem Poststrukturalismus Anleihen nimmt und dem Geschlechterverhältnis vor allem mit den Mitteln der Dekonstruktion und feministischen Sprachverordnungen, wie etwa dem Binnen-I, zu Leibe rücken möchte, desto weniger scheint gegenwärtig wirklich Substanzielles zur Auflösung dieses Rätsels beigetragen zu werden. Zumindest um die Voraussetzungen dafür war es schon einmal besser bestellt. Die Debatten darüber, in welcher inneren Beziehung Kapitalismus und Patriarchat zueinander stehen, sind Legion. Auch wenn das berüchtigte Hauptund Nebenwiderspruchsgeplänkel, das zumeist zielsicher auf diese Frage folgt, einen kaum klüger macht, so verweist diese Frage letztlich doch auf ein allgemeineres Problem, mit dem sich auch jede ernstzunehmende Gesellschaftskritik konfrontiert sieht. Die Klärung der Frage, in welchem Verhältnis die entwickelte, abstrakte Herrschaft des Kapitals zu den unbestreitbar nach wie vor vorhandenen, unmittelbaren, persönlichen Formen der Herrschaft steht, wäre überhaupt erst die Voraussetzung dafür, vom Geschlechterverhältnis sinnvoll sprechen zu können.

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Der Fortschritt des Werts Für den Materialismus auf der Höhe des Kommunistischen Manifests schien die Sache klar zu liegen. Marx und Engels stehen hier noch ganz im Zeichen eines sozialistisch gewendeten, bürgerlichen Fortschrittsoptimismus. Das Manifest wird getragen von der Überzeugung, dass der entstehende Weltmarkt einheitliche, moderne Verkehrsformen schaffen und die abstrakte Herrschaft des Kapitals an die Stelle der persönlichen Herrschaftsverhältnisse setzen würde: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare Zahlung‘. […] Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.“1 Es scheint sich hier um eine materialistische Reprise der Hegelschen Philosophie zu handeln, bei der der Weltmarkt an die Stelle des Weltgeistes gerückt ist. Die weltumspannenden Marktbeziehungen, die die eine Menschheit – wenn auch vorerst in sich verkehrt – überhaupt erst hervorbringen, und ein Proletariat, das frei

von allen überlieferten und naturwüchsigen Bindungen ist, sollen die Menschen an den Rand der Schwelle zum Übergang zur freien und universellen Assoziation der Individuen führen.

Der Formwandel der Knechtschaft Diese Hoffnung hat sich historisch blamiert. Allem anfänglichen Fortschrittsoptimismus und allem Bruch mit der alten Ordnung zum Trotz leitete der Kapitalismus nur einen Formwandel der Knechtschaft ein. Auch wenn der Warentausch zum allgemeinen Prinzip gerät und an die Stelle der vorkapitalistischen Beziehungen tritt, kann er seine Voraussetzungen nicht aus sich selbst erzeugen. Der Wert ist nur eine Kategorie der Vermittlung, die die gesellschaftliche Synthesis leistet. Das bürgerliche Subjekt ist hierbei die historische Form, auf die das Kapital die unterworfene Menschheit gebracht hat. Der Bruch, der mit dem Eindringen des Kapitals in die traditionellen Gemeinschaften einherging, bewirkte also nicht nur eine Zerschlagung der personengebundenen Herrschaft und althergebrachten Tradition, sondern zugleich auch eine Neuanordnung ihrer Splitter unter kapitalistischen Bedingungen. Damit ist gesagt, dass nach der Durchsetzung des Kapitals keine der Traditionen die gleiche ist wie zuvor. Durch die veränderte gesellschaftliche Synthesis durch den


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Wert sind sie auf einen anderen gesellschaftlichen Geltungsgrund bezogen, der sie neu arrangiert und synthetisiert. Das bedeutet, dass auch das scheinbar ungebrochene Fortwesen des Patriarchats in Wahrheit eine moderne Antwort auf ein modernes Problem darstellt. 2

Abstraktion und Gewalt Nichtsdestotrotz sind vor dem Kapital tatsächlich alle mindestens so gleich, wie sie gleichgültig sind. Die abstrakte Gleichheit aller im Äquivalententausch abstrahiert von den besonderen Eigenschaften der konkreten Individuen. Für das Kapital ist es in der Tat belanglos, ob ein Individuum männlich oder weiblich ist. Das einzige, was für das Kapital an den Warenhütern von Interesse ist, ist ihre Eigenschaft, Behälter von potenziell verwertbarer Arbeitskraft zu sein. „Die Schwierigkeit besteht darin“, heißt es bei Gerhard Scheit, „diese […] Form zu begreifen, also Integration der Gewalt und Abstraktion von ihr als Einheit zu fassen. Wovon in der Durchsetzung des Kapitalverhältnisses auf der einen Seite abstrahiert wird, das schlägt sich auf der anderen in den Gewaltverhältnissen nieder, die diese Durchsetzung erst ermöglichen und absichern.“3 Jede Logik hat Voraussetzungen, die außerhalb ihrer selbst liegen und sich immanent, also rein aus ihr selbst heraus, nicht begründen lassen. Die Gesetze der Zirkulationssphäre sind real und Schein zugleich, weil die Freiheit und Gleichheit der Subjekte letztlich in Zwang und Gewalt gründet. Das Kapital kann der unmittelbar persönlichen Gewalt im Zwangszusammenhang der Familie ebenso wenig wie der des Staates entraten. Vom Standpunkt der Zirkulationssphäre sind diese Voraussetzungen des stummen

Zwangs allerdings unsichtbar geworden: „Die logische Form sieht von dem ab, was sie voraussetzt; ist Abstraktion von den Bedingungen der Abstraktion.“4

Persistenz und Wiederkehr des Geschlechterverhältnisses Der eigenartig zwieschlächtige Charakter der kapitalistischen Gesellschaft wird somit sowohl von einem Feminismus, der von der ungebrochenen Herrschaft des Patriarchats ausgeht und sich keine, oder nur unzureichend Rechenschaft über die abstrakte Herrschaft des Kapitals ablegen möchte, wie auch von einer Art Liberalomarxismus, der dem Schein der Zirkulationssphäre erliegt und durch sein Vertrauen in den Fortschritt des Werts das notwendige Fortbestehen unmittelbarer Gewalt verdrängt, jeweils auf seine Weise verfehlt. „Einerseits wird in der modernen Gesellschaft von allen voraufgegangenen Herrschaftsformen abstrahiert, also etwa auch von Sklaverei, Patriarchat etc. – andererseits werden alle voraufgegangenen Herrschaftsformen, eben auch Sklaverei, Patriarchat etc. integriert. So schafft das Kapital eine Welt, in der ‚keine Art der Knechtschaft gebrochen werden kann, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen‘. Das entspricht genau der Struktur der Ware. Wie der Wert den Gebrauchswert, braucht das Kapitalverhältnis die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse – um davon abstrahieren zu können. Absurd darum die Vorstellung, patriarchalisch geprägte, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse existierten nicht mehr, seien vom Kapitalverhältnis abgeschafft, Gleichberechtigung durch gleichen Tausch hergestellt. Ebenso absurd die Behauptung, das Patriarchat und personale Machtstrukturen existierten fort

wie eh und je, in ihrem Wesen ungebrochen, alle Emanzipation sei nicht einmal der Möglichkeit nach vorhanden.“5 Die Wiederkehr und Persistenz der persönlichen Herrschaft in Form des Geschlechterverhältnisses wäre am ehesten als sekundäre Archaisierung in Form einer projektiven Reaktionsbildung auf den Auf lösungsprozess persönlicher Herrschaftsbeziehungen zu verstehen, die mit der Durchsetzung des Kapitals und der bürgerlichen Subjektform notwendig einhergeht und folglich jeden Glauben an den Fortschritt des Werts zuschanden gehen lässt. 6 Der Kapitalismus ist nur die Auf hebung der vorangegangenen Herrschaftsformationen, die er in sich begreift und als Voraussetzung der abstrakten Herrschaft weiter fortschleppt. In ihm ist alle vorherige Knechtschaft nicht einfach überwunden, sondern vielmehr immer noch enthalten. Im Kapitalismus verdichtet sich das gesamte Unglück der Menschheit, alle vorangegangene Gewalt ist in ihm aufgespeichert und aktualisiert sich potenziell in der Krise.

Anmerkungen 1 Engels, Friedrich / Marx, Karl (1974): Das Manifest der kommunistischen Partei. In: Werke, Bd. 4. Berlin: Dietz Verlag. S. 464 f. 2 Vgl. Machunsky, Niklaas: Weltmarkt und Totalität. In: Prodomo #16. http://www.prodomo-online.org/ausgabe-16/archiv/artikel/n/ weltmarkt-und-totalitaet.html (07.03.2017) 3 Scheit, Gerhard (2004): Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt. Freiburg: ça ira Verlag. S. 124. 4 Ebd.,S. 144. 5 Ebd., S. 124. 6 Vgl. Scheit, Gerhard (2016): Kritik des politischen Engagements. Freiburg: ça ira Verlag. S. 197 f.

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Dorothea Born

Natürlich, gesund, antiemanzipatorisch Über die Verirrungen moderner Kindererziehung, den antifeministischen Backlash und die (Un)Möglichkeiten von Kinderbetreuung Um es gleich vorweg zu sagen: dies ist kein sich in vermeintlicher Objektivität wiegender Artikel, sondern eine Polemik, die sich vorwiegend auf meine mittlerweile fast zweijährige Erfahrung als junge, feministische und arbeitende Mutter stützt. Eigentlich sollte man meinen, dass die Frage, welche Rollen jenen Menschen zugedacht sind, die aufgrund bestimmter physischer Eignungen die Möglichkeit haben, neue Menschlein zu produzieren, und welchen Zwängen sie sich gegenüber sehen, im Prinzip ein grundfeministisches Thema wäre; leider aber fühle ich mich als junge Mutter mit dieser Thematik oft alleine. Der Queerfeminismus scheint manchmal mehr mit der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts beschäftigt zu sein als mit den praktischen Herausforderungen, die gewisse biologische Veranlagungen und Fähigkeiten nun mal mit sich bringen. Und überhaupt werden so profane Dinge wie Kinder zu bekommen und großzuziehen, sich also nicht der Theorie und/oder der Revolution zu widmen, von der Linken scheinbar nicht goutiert. Wer es dennoch wagt, ist schnell draußen aus den sich zu später Stunde in verrauchten Kämmerchen treffenden Politgruppen; schon rekrutiert sich das neue soziale Umfeld aus Stillgruppen, dem Mama-Baby-Yoga oder dem Tragetreff. Dort ist eins alsbald konfrontiert mit den verschiedensten Meinungen und normativen Bewertungen von allem, was mit Kindern zu tun hat – von der Schwangerschaft über die Geburt bis zur Verpf legung und Erziehung. Irgendwie auch logisch, schließlich hat eins die kleinen Quälgeister ja ins Herz geschlossen und will deshalb nur das Beste für sie. Und diejenigen, die selbst keine Kinder haben,

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mischen trotzdem gerne mit, schließlich wird hier ja die nächste Generation, die Zukunft der Gesellschaft herangezogen. Ob allerdings durch richtige Ernährung in der Schwangerschaft wirklich Fettleibigkeit verhindert werden kann oder ob durch eine gute Bindung tatsächlich die besseren Menschen entstehen, sei einmal dahingestellt. Die gerade vorherrschenden Vorstellungen über den besten Umgang mit (ungeborenen) Kindern sagt wohl vor allem viel über den Stand der Gesellschaft aus.

Zurück zur Natur? Während die Generation der fröhlichen Milupakinder noch meistens mit Milchpulver und Fläschchen unter strikten Fütterungs- und Schlafenszeiten großgezogen wurde und schon mal ein wenig schreien musste, weil das angeblich die Stimmbildung förderte, hat sich im Spätkapitalismus das Blatt gewendet. In der voll digitalisierten und technologisierten Welt sehnen sich die vereinzelten Individuen zurück zu einer imaginierten, natürlichen Ursprünglichkeit. Dies äußert sich nicht nur in cremeweißen Bodys aus Bio-Fairtrade-Baumwolle und selbst püriertem Babybrei mit Gemüse aus der lokalen Food-coop, sondern auch in vermeintlich progressiven Erziehungsratschlägen. Diese entpuppen sich auf den zweiten Blick als Verfestigungen eines antifeministischen Backlashs. Natural Parenting kann dabei als Überbegriff für eine Reihe von Praktiken verstanden werden, die viele Errungenschaften der modernen Medizin, wie z. B. Schmerzmittel bei der Geburt oder Wunschkaiserschnitt, ablehnen und den verunsicherten, frischgebackenen Eltern stattdessen raten, auf ihre angenommenen Instinkte zu hören. 1

Dazu gehört auch, auf Milupa und Co. zu verzichten und stattdessen anfangs ausschließlich und grundsätzlich möglichst lange zu stillen. „Breast is best“ wird jetzt von Hebammen und stillfreundlichen Krankenhäusern verkündet. Tatsächlich ist das Stillen, so es denn funktioniert, eine ganz praktische Angelegenheit. Aber in dem Slogan schwingt auch die Moralkeule mit, denn wer nicht stillt, will offensichtlich nicht das Beste für die Kleinen. Neben diesem Druck auf die ohnehin meist überforderten Jungeltern hat das Stilldogma aber auch die praktische Implikation, dass sich der Entfernungsradius der stillenden Person auf ein Zeitfenster von wenigen Stunden beschränkt. Diese Ko-Dependenz wird dann gerne euphemistisch als besonders gut für das Bonding bezeichnet.

An-Bindung Eigentlich kommt „Bonding“ aus der psychologischen Bindungstheorie, aber William und Martha Sear haben es rückwirkend als zentrales Element ihres Konzepts des Attachment Parenting, einer prominenten Spielart des Natural Parenting, proklamiert. Zwar heißt es Attachment Parenting, letztlich aber stehen die Mutter und ihre ‚sichere‘ Bindung zum Kind im Vordergrund. Um diese zu erlangen, sollte die Mutter u. a. ihr Kind stets beobachten, um jegliche Signale des Unmutes schon vor dem Geschrei zu erkennen und zu beseitigen. Neben diesem „babyreading“ propagiert Attachment Parenting außerdem möglichst langes Stillen (Tschüss, Freiheit und Ungebundenheit!), das Kind möglichst viel zu tragen (Hallo, Kreuzweh!), das Kind im eigenen Bett schlafen zu lassen (Baba, Sexleben!) und nur ja kein Schlaftraining


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zu machen (Guten Morgen, Augenringe!).2 Denkt man Attachment Parenting logisch zu Ende, überrascht es kaum, dass die Sears evangelikale ChristInnen sind. Mit einer Berufstätigkeit jener Menschen, die die Kinder ausgebrütet haben, oder einer gleichberechtigt geteilten Elternschaft ist das Konzept kaum vereinbar. Interessanterweise habe ich in unterschiedlichen Situationen viele Anweisungen des Attachment Parenting gehört, ohne dass die jeweiligen Personen dabei auf dieses Konzept verwiesen hätten. Vieles scheint in den Mainstream der heutigen Kindererziehung eingegangen zu sein, ohne die ideologische Herkunft des Konzeptes zu kennen oder zu hinterfragen.

Rabenmutter schwer gemacht Ich selbst hatte schon bald beschlossen, dass ich mir gerne das RabenmuttervTicket umhänge, dass sich das Kind meinem Rhythmus anpassen sollte und auch mal bei den Großeltern geparkt wird, damit ich Party machen kann, dass ich lieber Brei aus dem Gläschen füttere als ewig Gemüse zu dünsten und zu pürieren, und dass die Karenzzeit zu gleichen Teilen aufgeteilt wird. Dies bedeutete auch, dass ich schon nach sechs Monaten Karenz wieder meine Arbeit aufnahm und mich nach einer geeigneten Kinderbetreuungsstätte umzusehen begann. Doch das Rabenmutterdasein erwies sich in dieser Hinsicht schwieriger als gedacht. Anspruch auf einen städtischen Kindergarten haben v. a. berufstätige Eltern. Im

akademischen Alltag die Karenz geschickt zwischen zwei Verträge einzubauen ist in dieser Hinsicht keine gute Strategie. Zusätzlich ist die Anmeldung für diese raren Plätze auch auf die Monate November und Dezember beschränkt und dafür außerdem die Geburtsurkunde notwendig. Kinder, die nach Dezember geboren werden, können also erst im darauffolgenden Jahr für einen Platz ab September angemeldet werden. Mit den Bezugszeiten des Kinderbetreuungsgeldes bis zum Ende des 14. Lebensmonats ist das schwer koordinierbar. Die freundliche Beamtin der MA 40 sagte dazu: „Haben Sie keine Großmutter, die da einspringen könnte?“ Wenig Unterstützung bekam ich auch von meiner Arbeitgeberin, der Universität Wien. Zwar betreibt das Kinderbüro der Uni fünf Kindergruppen mit so klingenden Namen wie Staunemäuse und Forscherf löhe 3 , doch ob der angebotenen Betreuungszeiten ist es fraglich, ob die Eltern der Flöhe groß zum Forschen kommen werden. Kinder bis 18 Monate werden nur halbtags von 8:30 bis 12:30 betreut. Und die ‚Ganztagsbetreuung‘ bis 15:00 lässt tatsächlich staunen. Auf diese völlig an der Realität von arbeitenden Uniangestellten vorbeigehenden Zeiten angesprochen, bekamen wir vom Kinderbüro zu hören, dass man sich dort zwar darüber bewusst sei, dass durch dieses Angebot wohl nicht beide Elternteile arbeiten können, man aber versuche, eine Lösung zu finden, die auch für die Kinder und die BetreuerInnen passend ist. Wer

die halbzeitarbeitende Person sein wird, ist zu 90 Prozent schon ausgemacht. Damit reproduziert die Uni diskursiv und praktisch eine Politik, die eine wirklich egalitär aufgeteilte Kinderbetreuung und ‑erziehung unmöglich macht. Für mein Kind musste ich letztlich auf eine private Krabbelstube zurückgreifen. Schön für diejenigen, die sich das leisten können. Mei ne Er fa h r u ngen i m W ien des 21. Jahrhunderts, einer wunderbaren, lebenswerten Stadt mit einem guten Netzwerk an öffentlichen Kinderbetreuungsstätten und sonstigen Angeboten für Kindern, also eigentlich guten Voraussetzungen, um möglichst egalitäre und fortschrittliche Verhältnisse vorzufinden, lassen vielleicht auch Rückschlüsse darauf zu, wie es in anderen Kontexten zugeht. Mein Fazit: Das mit der Emanzipation, der allgemein menschlichen, dauert wohl noch ein bisschen.

Anmerkungen 1 https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2016/jul/30/attachment-parenting-best-wayraise-child-or-maternal-masochism 2 http://www.attachmentparenting.org/principles/principles.php 3 http://kinder.univie.ac.at/425.html

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Mathias Haas

Ungleiche Debatte Oftmals fällt ins Auge – ob im Uniseminar oder bei öffentlichen Veranstaltungen – dass es eine eklatante Ungleichverteilung der Redebeiträge von Männern 1 und Frauen gibt. Wird diese Tatsache einmal zum Gegenstand gemacht, wird sie entweder mit einer entsprechenden ‚natürlichen Veranlagung‘ der Frau begründet oder damit, dass Frauen in dieser Gesellschaft Opfer von Diskriminierung sind. Dass Letzteres zweifelsohne plausibler klingt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch lange keine ausreichende Erklärung für die weibliche Schweigsamkeit ist. Hierfür lohnt es sich zu fragen, an welchen gesellschaftlichen Orten denn überhaupt was diskutiert wird – und was es jeweils heißt, mitreden zu dürfen. Bürgerliches Glücksversprechen und das beste Argument

Emanzipation der Frau mit dem Ersten Weltkrieg

Der bürgerliche Staat sollte die optimalen Voraussetzungen für das größtmögliche Glück schaffen, wie genau war Gegenstand zahlreicher hitziger Debatten im britischen Unterhaus. Die Kapitalisten stritten sich in der Öffentlichkeit darum, wer nun das beste Argument dafür bereitstellen könne. Dieses Glücksversprechen konnte die bürgerliche Gesellschaft jedoch nicht einlösen. Für den Großteil der Bevölkerung war das Elend bis zu ihrem Lebensende ausgemachte Sache; Frauen waren im Privaten strukturell gefangen und mussten dort die Bedingungen für die sie ausschließende männliche Öffentlichkeit erst herstellen.

Mit dem Tod hunderttausender Männer im Ersten Weltkrieg wurden mehr Frauen in der Produktion benötigt. Mit der Zeit mussten ihnen eingeschränkte Eigentumsrechte gesellschaftlich zuerkannt werden. „Frauen wurden Subjekte in einer Zeit, in der das freie und gleiche Rechtssubjekt in klassischer Form überhaupt nicht mehr existierte. Das ist die große historische Tragödie der Frauenemanzipation.“2 Frauen wurden zu Subjekten, als die Diskussion um die vernünftige Einrichtung der Welt nicht mehr im Parlament, also im politischen Ausdruck der Subjektform geführt wurde, sondern unter GenossInnen in Partei und Bewegung. Die Diskussion wurde nicht mit der Gesellschaft, sondern gegen sie geführt. Das beste Argument war woanders schlicht fehl am Platz. Doch auch die Partei hatte mit dem Ersten Weltkrieg bereits diese eindeutige Position verloren und sich im Namen des Sozialismus lieber in einen Krieg für die Aufrechterhaltung des Bestehenden begeben, statt für seine revolutionäre Überwindung zu kämpfen.

Die bürgerliche Gesellschaft konnte das Glück nicht verwirklichen. Das Versprechen musste gestrichen werden, um weiterhin die Kapitalverwertung aufrechterhalten zu können. Eine vernünftig eingerichtete Gesellschaft war damit als Ziel des bürgerlichen Staates verlorengegangen. Die Überwindung des Kapitalismus war also zu einer Grundvoraussetzung geworden, die ArbeiterInnenbewegung der einzige Ort, an dem eine Diskussion darüber möglich war – weil sie die Möglichkeit barg, ihn zu überwinden.

Mit der bolschewistischen Revolution von 1917 im Hintergrund schrieb Clara Zetkin über Gespräche mit Lenin: „Der unlösbare Zusammenhang zwischen der

sozialen und menschlichen Stellung der Frau und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln ist stark herauszuarbeiten. Damit wird die feste, unverwischbare Trennungslinie gegen die Frauenrechtlerei gezogen. Damit ist aber auch die Grundlage gegeben, die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage, der Arbeiterfrage aufzufassen und als solche fest mit dem proletarischen Klassenkampf und der Revolution zu verbinden.“3 Ziel war die Überwindung jener ans Eigentum gehefteten Subjektform, von der nur die Herrschaft übriggeblieben war.

Aktuelle Debatte und vermeintliche Ausweglosigkeit 100 Jahre nach der Oktoberrevolution ist der Ort verloren gegangen, an dem auf die Emanzipation der Menschheit hingearbeitet werden kann. Anstatt politisch Bedingungen zu schaffen, die an den Kern des Problems gehen könnten, sieht man sich an die Unmittelbarkeit des Problems gebunden. „Nur durch ständige Thematisierung von dominantem Redeverhalten und Mackertum kann diesem Phänomen entgegengewirkt werden.“4 Indem das Phänomen der ungleichen Redezeiten nur als Phänomen behandelt wird, wird nicht einmal mehr die Illusion behauptet, damit grundlegend etwas am Geschlechterverhältnis zu ändern.

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schwerpunkt Wenn dies jedoch eingefordert werden soll, muss eben die dargelegte historische Entwicklung bedacht werden, um überhaupt Ref lexion zu ermöglichen. Ref lexion bedeutet das Verstehen von Zusammenhängen und nicht das bloße Anerkennen von Ungleichheiten. Es wäre zuallererst als Problem zu fassen, dass man als höchsten Maßstab für das Diskussionsverhalten auf die Intention der Gesprächsregeln des britischen House of Commons, damit auf den Liberalismus, zurückverwiesen ist – dass nämlich das Argument gehört werden muss, um es bewerten zu können, und Gewalt 5 zu unterlassen ist. Damit fällt man weit hinter die politischen Möglichkeiten zurück, die schon einmal da waren. In der Kenntnis dieser Problemlage

und dem Bewusstsein seiner historischen Implikationen liegt die Möglichkeit, eine Debattenkultur zu entwickeln, die sich sowohl des Geschlechterverhältnisses in seinen unmittelbaren Auswirkungen als auch seiner Grundlage annimmt. Ohne sich darüber zu streiten, wie denn nun dieser Ort hergestellt werden könnte, an dem man erste Schritte in eine neue Gesellschaft machen könnte, bleibt es von vornherein ausgemachte Sache, dass die kapitalistische Gesellschaft mit ihren Subjektformen verewigt bleibt und sich damit jeder noch so gut gemeinte Vorschlag, ,Privilegien abzubauen‘ vor der feministischen Parteilichkeit blamiert. Diese zielt notwendig auf die Befreiung der Menschheit.

Anmerkungen 1 Wenn in weiterer Folge von Männlichkeit/Weiblichkeit und der entsprechenden Subjektbildung geschrieben wird, handelt es sich um die Beschreibung sozialer, also gesellschaftlicher Kategorien. 2 Martin Dornis: Die negative Dialektik des männlichen Subjekts, Dezember 2009. http://www.outside-mag.de/issues/1/posts/53 (Zugriff auf alle Links am 21.02.2017) 3 Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin, Januar 1925 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/ zetkin/1925/erinnerungen/lenin.html 4 Anne-Marie Faisst: Dann sag’ halt du was!, Unique 11/12 2012 http://www.univie.ac.at/unique/ uniquecms/?p=2737, 07.03.2017 5 Die im House of Commons geltende Regelung zieht zwei Linien, die während der Sitzung nicht überschritten werden dürfen und deren Abstand sich mit zwei Schwertlängen bemisst.

Lucilio Zwerk

Weiblichkeit als Denkmantel der Ware Ilse Bindseils Theorie der Weiblichkeit deckt den Zusammenhang von weiblicher Subjektivität und der Warenförmigkeit menschlicher Beziehungen unter kapitalistischen Verhältnissen auf. Gesellschaftliche Fabrikation der weiblichen Subjektivität Ilse Bindseils Theorie der Weiblichkeit orientiert sich ganz explizit an der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sowie an der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Demnach geht Bindseil davon aus, dass jede Theorie des Geschlechterverhältnisses historisch, also auf die konkreten, gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse bezogen sein muss. Heute bedeutet das, wie Bindseil im Vorwort zu ihrem Essay-Band Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen schreibt, „dass folglich Weiblichkeit nicht begriffen werden kann, ohne daß zugleich Kapitalismus begriffen wird“. 1 Dieser und die von ihm produzierte Subjektivität haben sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, was auch die weibliche Subjektivität nicht unberührt ließ. Waren Frauen im bürgerlichen Zeitalter des Kapitalismus noch in die Privatsphäre eingeschlossen, so haben sie durch ihre Emanzipation im 20. Jahrhundert historisch erstmals die virtuell schon seit jeher universelle Subjektivität des Bürgers erlangt.

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Seitdem tritt, so Bindseil, die weibliche Subjektivität in so manchen feministischen Theorien und Debatten mit „einem programmatischen Anspruch auf Selbstverwirklichung und utopische Lebensform“2 auf, welcher sich gegen die männliche, d. h. mit den kapitalistischen Verhältnissen identifizierte, Subjektivität richtet bzw. diese überwinden soll. Dagegen erhebt Bindseil ganz entschieden Einspruch, indem sie weibliche Subjektivität und die mit ihr assoziierten Eigenschaften der gefühlsbetonten Erfahrung, der Empathie oder sozialen Intelligenz als ebenso wie die männliche von den kapitalistischen Verhältnissen hervorgebrachte dechiffriert. Kurz gesagt: Es verbietet sich jedes Ausspielen etwa des ‚weiblichen‘ Gefühls gegen die ‚männliche‘ Ratio, da die beiden notwendige Komplemente darstellen.3

Warenförmige Subjektivität Diese weibliche Subjektivität, so lautet Bindseils grundlegende These, hat – schon als sie noch in die Privatsphäre verbannt war – die Subjektivität unter den Bedingungen des Spätkapitalismus bereits vorweggenommen. Trat die Sub-

jektivität des industriellen Zeitalters noch als Synonym für die Produktivität der Bourgeoisie (bzw. marxistisch gewendet: als jene des Proletariats und des Kapitals) auf, so ist sie heute wesentlich mit der Waren- und Konsumwelt verknüpft. In der Epoche des Massenkonsums, in der die meisten Lohnabhängigen nicht mehr im unmittelbaren Produktionsprozess beschäftigt sind, schmückt sich das Subjekt jeglichen Geschlechts nicht mehr mit der Vorstellung, sich durch eigene schöpferische Produktivität die Natur untertan zu machen, sondern identifiziert sich eher mit den Verheißungen der Warenwelt. Statt den gesellschaftlichen Reichtum zu produzieren und davon eine zumindest leise Ahnung zu haben, produziert das Subjekt nur noch sich selbst, indem es die Leerstelle, die die einstige Rolle in der Produktion hinterließ, mit umso eifrigerem Konsum von Waren wettmacht. 4 Die narzisstischen Individuen, die dieser Situation entsprechen, haben begriffen, „daß man [...] die Löcher in der Persönlichkeit nicht nur mit Persönlichem, sondern sehr wohl auch mit Waren stopfen kann“.5 Zu dieser Subjektivität, so Bindseil, seien die Frauen qua Ausschluss aus der


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Produktionssphäre durch die Männer jedoch seit jeher verdammt. Die Frauenemanzipation, d. h. das Erstreiten der bürgerlichen Rechtssubjektivität, geschieht in einer Zeit, in der auch die Männer durch technologische Entwicklungen zunehmend von Maschinen ersetzt werden, ihrer ehemals mit Produktivität gefüllten Subjektivität also auch neuen Inhalt verschaffen müssen. Deshalb, so Bindseil, sei die von ihr beschriebene neue Subjektivität keine wie auch immer geartete utopische Lebensform, die man der rationalen, ‚männlichen‘ Subjektivität gegenüberstellen könne, sondern eben die Verallgemeinerung dessen, was lange das Schicksal der Frauen war: „als Zwitterding [...] zwischen fabriziertem Ding und menschlicher Natur“6 zu existieren.

‚Typisch weiblich‘ Gerade deshalb geht es keineswegs darum, die ‚weibliche‘ Subjektivität zu affirmieren oder gar mit emanzipatorischer Weihe auszustatten. Vielmehr müsse „dem Mythos der Weiblichkeit [...] der Prozeß gemacht werden, damit die Frauen eine Chance haben“ 7 und die hinter diesem Mythos verborgenen gesellschaftlichen Verhältnisse aufgedeckt würden, da jene Phantasien nichts anderes als „Projektionen gesellschaftlicher Primärprozesse in den Kulturhimmel der Ideologie“ 8 seien. Mit dieser neuen, wesentlich durch den

Konsum hergestellten Subjektivierung geht, so Bindseil, auch die allmähliche Verallgemeinerung jener Eigenschaften einher, die Männer den Frauen zu ihrer Unterdrückung seit jeher zugeschrieben haben: fehlendes Abstraktionsvermögen, irrationale, ‚privatisierende‘ und gefühlsbzw. erfahrungsbetonte Argumentation sowie das Bevorzugen der Praxis und des Erlebens vor der Theorie.9 Dies wieder vor allem deshalb, da jene Sphären, denen rationales Denken, Abstraktion, Kalkulation und Logik zugehören, also die Sphären der Naturbeherrschung einerseits und der Warenproduktion andererseits, für das Leben der meisten Individuen eine immer geringere Bedeutung haben. Demgegenüber erfährt der ehemals rein weiblich besetzte Bereich – jener des gesellschaftlichen Verkehrs – eine Bedeutungszunahme, weshalb, so Bindseil, auch die diesem Bereich zugehörenden ‚weiblichen‘ Eigenschaften ins Zentrum der Gesellschaft rücken. 10

Die Frauen schaffen die Weiblichkeit ab Angesichts dieser Entwicklungen fordert Bindseil das Engagement der Frauen ein. Denn die Zunahme ‚weiblicher‘ Eigenschaften und Denkformen sei keineswegs als ein Sieg der Frauen zu verstehen, sondern als ein Sieg der Warenförmigkeit menschlicher Beziehungen, die sich tief im Subjekt sedimentiert. Gegen einen

gesellschaftlichen Zustand, in dem die Geschlechter zwar erfreulicherweise zunehmend gleichgestellt sind, dies aber nur um den Preis der Gleichmacherei aller Individuen zu Objekten der ihnen gegenübertretenden Warenwelt zu haben ist, erinnert Bindseil an einen vielleicht banal anmutenden, jedoch das Problem klar umreißenden Umstand: „Es nützt mir nichts, wenn auch der Mann sich zum Objekt machen läßt. Nur eins nützt, sich nicht zum Objekt machen lassen.“11

Anmerkungen 1 Ilse Bindseil (1991): Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen. Freiburg : ça ira Verlag. S. 8. 2 Ilse Bindseil (1991): Zur gesellschaftlichen Fa brikation weiblicher Subjektivität. In: Dies.: Elend der Weiblichkeit, a. a. O., S. 13. 3 Ebd., S. 15. 4 Ebd., S. 26. 5 Ilse Bindseil (1991): Feminismus in der BRD. In: Dies.: Elend der Weiblichkeit, a. a. O., S. 108 f. 6 Bindseil, Zur gesellschaftlichen Fabrikation, S. 25. 7 Bindseil, Elend der Weiblichkeit, S. 10. 8 Ebd. 9 Ilse Bindseil (1991): Typisch weiblich. Notizen zur gesellschaftlichen Weiblichkeit und zur neuen Weiblichkeit der Gesellschaft. In: Dies.: Elend der Weiblichkeit, a. a. O., S. 34. 10 Ebd., S. 35. 11 Bindseil, Zur gesellschaftlichen Fabrikation, S. 30.

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Barbara Eder

Nix statt X!

Zum aktuellen Stand der rechtlichen Anerkennung von Inter*

Die Existenz von Inter*-Personen ist nicht einfach nur ein Störfaktor für das bestehende Geschlechterregime; bis heute sieht das österreichische Rechtssystem keine Bezeichnung für Menschen vor, die sich weder als Frauen noch als Männer sehen. Bei intergeschlechtlichen Personen handelt es sich um Menschen, die aufgrund ihrer chromosomalen, gonodalen oder anatomischen Beschaffenheit von den Normen einer dual strukturierten Geschlechterordnung abweichen. Obgleich das öffentliche Bewusstsein über Intersex* in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, ist diese Form des geschlechtlichen Erlebens kein neues Phänomen. Einer der ersten, gut dokumentierten ,Fälle‘ von Inter* geht auf das Jahr 1868 zurück. Dazumal begann der/die französische Inter*-Person Abel Barbin, der/die 1838 als Adéläine Herculine Barbin geboren wurde, eine handvoll französischer Ärzte zu beschäftigen. Die einen behaupteten, dass das Fehlen eines Uterus nebst dem Vorhandensein eines Urethralkanals, insbesondere aber einer „Klitoris, die größer war, als sie sein sollte“1 , Alexina/ Abels Männlichkeit unter Beweis stelle; von anderer Seite wurde vermutet, dass eine „völlig weibliche Urethrea“ nebst einer „Schamspalte“ für ihre Weiblichkeit bürge, wobei es sich bei ersterer auch um „die zwei Hälften eines geteilten Skrotums“ handeln könne. 2 Seinen/ihren Tagebuchaufzeichnungen zufolge hat sich Alexina/Abel immer wieder gefragt, was ihn/sie „diese absurde Rolle“3 – gemeint ist die eines Objekts von Ärzt_innen, Priestern und Richter_innen – bis zum Ende durchhalten hat lassen.

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Damit teilt er/sie die Erfahrung all jener, die eine Inkongruenz zwischen sozialem und biologischem Geschlecht empfinden. Transsexuelle Frauen oder Männer zählen ebenso dazu wie diverse Formen von Inter*, von denen es den Schätzungen des Inter*-Aktivisten* Gorji Marzban zufolge bislang mehr als 236 Varianten gibt.

Medizinische Eingriffe vs. sexuelle Selbstbestimmung Im Gegensatz zu Trans*-Personen, die sich mit Vollendung des 18. Lebensjahrs für oder gegen Operationen entscheiden können, werden medizinische Eingriffe an Inter* zumeist ohne ihre explizite Zustimmung vorgenommen. Unter dem Aspekt der Wahrung des Kindeswohls entscheiden die Eltern für ihre Kinder, wobei derartige Entscheidungen nicht ohne Druck von Außen zustande kommen. Ärzt_innen legen es nahe, möglichst schnell zu operieren, da das Kind andernfalls mit den sozialen Konsequenzen seiner geschlechtsbezogenen Uneindeutigkeit zu rechnen hätte. Um ein vermeintliches Leiden zu lindern, wird in diesen Fällen ein Geschlecht zugewiesen und der vorhandene Körper an dasselbe angepasst. Dies müsste jedoch nicht so sein: laut österreichischer Rechtsprechung kann der Geschlechtseintrag im Geburtenbuch bis zum 18. Lebensjahr offen bleiben.

Aufgrund des psychischen Drucks, dem Inter*-Personen und ihre Eltern ausgesetzt sind, entscheiden sich viele jedoch für ein Erziehungsgeschlecht; chirurgische Angleichungen an dieses können, müssen aber nicht vorgenommen werden.

X oder nix? Inter*-Forderungen und Rechtsordnung Laut österreichischem Strafrechtsänderungsgesetz aus dem Jahr 2016 werden die vormals als Heilbehandlungen deklarierten Operationen von Inter* als problematisch eingestuft. Ohne medizinische Indikation – dies ist nur bei einem androgenitalen Syndrom mit Salzverlust sowie bei Verschlüssen oder Behinderungen des Harnableiters der Fall – sind derartige Operationen zwar unzulässig, nicht aber verboten. Als rechtswidrig gelten Behandlungen, die ohne Einwilligung eines/einer Patient_in unter 14 Jahren stattfinden, wobei es in Österreich aufgrund dessen noch keine Klagen gab. Eine Klage, die sich gegen das für Inter* strukturell diskriminierende System der dualen Geschlechtsbezeichnung richtet, langte im Juni 2016 im Standesamt Steyr ein. Der/die Inter*-Aktivist* Alex Jürgen hat gegen den Geschlechtsvermerk im Geburtenbuch Beschwerde eingereicht. Er/sie fordert – anders als DieStandard vom 21. Juni 2016 4 berichtet – nicht etwa


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eine nachträgliche Berichtigung des Eintrags auf „x“ im Sinne eines Vermerks für ein drittes Geschlecht, sondern vielmehr ein Freilassen des dazugehörigen Feldes. Alex Jürgen begründet dies damit, einen Fehler korrigieren zu müssen, der ihn/sie zu fortwährenden Falschaussagen über sich zwinge. Er/sie erlebe sich seit seiner Geburt weder als männlich noch als weiblich und ziehe anstelle der Anrede als „Herr“ oder „Frau“ die als „Herm*“ vor. Alex Jürgen ist eine von zwanzig Personen, die jedes Jahr in Österreich als Inter* zur Welt kommen. Infolge des Vorhandenseins von Hoden und Penis wurde er/sie vorerst als „männlich“ eingestuft. Mit der Vollendung des zweiten Lebensjahrs begann eine Leidensgeschichte, die aus einer zwangsweisen Anpassung an das weibliche Geschlecht – oder das, was Ärzt_innen dafür halten – resultiert. Mit Beginn der Pubertät schufen diese eine „Neovagina“, die mithilfe von Dildos – Alex Jürgen hat diese in Elisabeth Scharangs Dokumentation „Tintenfischalarm“ (2016) als „Phantome“ bezeichnet – immer wieder aufgedehnt wurde. Dies kommt einer Missbrauchserfahrung gleich und geht mit einer dauerhaften Beschädigung der körperlichen Integrität einher. Alex, der/die die Folgen einer fremdinduzierten Östrogen-Behandlung später rückgängig machen ließ, nennt sich heute Inter* oder Zwitter. Der besseren

Verständlichkeit wegen bevorzugt er/sie letztere Bezeichnung. Alex Jürgens Klage erfolgte in Reaktion auf einen vom Standesamt Steyr abgelehnten Bescheid auf Berichtigung seines/ihres Geschlechtseintrags im Geburtenbuch. Er/sie wird derzeit durch den Wiener Rechtsanwalt Helmut Graupner vertreten. Dieser legte der österreichischen Bioethik-Kommission, die in Bezug auf die bevorstehende Entscheidung noch unschlüssig ist, einen Antrag vor. Graupner beruft sich darauf, dass es innerhalb der österreichischen Rechtsordnung keinen Paragraphen gebe, der besage, dass nur zwei Geschlechter existierten. Alex Jürgens ,Fall’ sei ein Präzedenzfall; bei entsprechendem Entscheid käme die Republik Österreich einer Empfehlung des Europarats aus dem Jahr 2015 nach.5 Diese sieht mehr Selbstbestimmung für Inter* vor und will die Möglichkeit schaffen, in Ausweisen und amtlichen Dokumenten einen Geschlechtseintrag abseits von „männlich“ und „weiblich“ zu wählen. Diesbezüglich gibt es zwei Alternativen: „x“ oder „ “ [sprich: nichts]. Letztere Variante stünde für ein nicht weiter bezeichenbares Außerhalb von Geschlecht, während ersteres mit der Sichtbarmachung bzw. Schaffung eines dritten Geschlechtsstands einherginge. In Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch, Deutschland, Neuseeland und Austra-

lien kann man sich – teilweise jedoch erst nach Vorlage eines entsprechenden medizinischen Attests – ein „x“ im Pass eintragen lassen. Dafür, dass dies auch im Geburtenbuch möglich wird, kämpft derzeit der/die Berliner Inter*-Aktivist Ins A. Kromminga: ein vermeintlich wahres Geschlecht muss darin bis heute vermerkt werden – selbst wenn es das falscheste von allen ist.

Anmerkungen 1 Foucault, Michel (Hg.): Dossier zum Fall Barbin (unterschiedliche Autoren), in: Ders., Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin, Frankfurt/ Main, Suhrkamp, 1998, S. 175–205. 2 Ebd. 3 Barbin, Herculine, Meine Erinnerungen (1874), in: Foucault, Über Hermaphrodismus, S. 19–126, hier S. 26. 4 Im dazugehörigen Artikel wird von einem „x“ als gefordertem Eintrag gesprochen, siehe: dieStandard, Oberösterreich: Klage auf Anerkennung eines dritten Geschlechts, 21.06.2016. http:// derstandard.at/2000039461912/Kampf-um-Anerkennung-eines-dritten-Geschlechts (letzter Zugriff am 26.2.2017) 5 Europarat verurteilt Intersex-Genitalverstümmelungen, 5.10.2013. http://blog. zwischengeschlecht.info/post/2013/10/05/Europarat-verurteilt-Intersex-Genitalverstummelungen (letzter Zugriff am 10.03.2017)

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