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Non-Bi n a r y-,   Interund Trans-Identitäten an der Universität. Grenzen einer statistischen Erfassung 37


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Der hier vorliegende Gender Report als quantitatives Forschungsprojekt erfasst die Genderverteilung aller Studienvertreter_innen auf allen Ebenen der Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien. Wir orientieren uns in unserem Report an feministischer und queerer Theorie:

> Die Verwendung des Begriffs „Gender“ weist bereits darauf hin, dass in diesem Bericht Geschlecht nicht als biologisches Geschlecht verstanden wird, sondern dass berücksichtigt wird, dass Geschlecht primär eine soziale, kulturelle und historische Konstruktion ist. Mit dieser Konstruktion von Gender sind in unserer Gesellschaft auch ungleiche Machtverhältnisse verbunden, die wir in dieser Form angreifen. Deshalb ist es wichtig, Gender zu dekonstruieren. Und zwar, indem wir an einer Offenlegung und Veränderung der Machtungleichheiten und Konstruktionsprozesse von Gender arbeiten.

> Einer queer-feministischen Perspektive folgend, liegt unser Ziel in einer Gesellschaft, in der jede Art von (Identitäts-) Kategorien überflüssig geworden sind, sei es die Kategorie Mann, Frau, Inter, Trans oder andere, da sie Menschen dazu zwingen, sich mit einer „kleinen Box“ zu identifizieren und ein damit verbundenes Set an Erwartungen und Vorschriften zu erfüllen. Genau dieser Druck zur Einordung in eine bestimmte Kategorie wird aber auch von Universitäten im Alltag auf Studierende ausgeübt. Identitäten, die aus dem binären Geschlechtersystem und/oder den biologischen Vorstellungen von Geschlecht herausfallen, haben an der Universität scheinbar keinen Platz. Stattdessen kommt es immer wieder vor, dass Studierende im Unialltag wider Willen geoutet werden, wenn sie durch andere zwar ihrem Identitätsgeschlecht entsprechend eingeordnet werden, aber noch keine Personenstands- oder Vornamensänderung durchgeführt haben und die hochschulinternen Dateneinträge den aktuellen Richtlinien 39


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entsprechend nicht angepasst sind. Dann steht ein veralteter, falscher Namenseintrag in einer Anwesenheitsliste, der offiziellen E-Mail-Adresse oder in Moodle und eine Studentin, die alle ausschließlich als Frau kennen, kann im gesamten Kurs als trans oder inter geoutet werden. Auch der Antritt zu Prüfungen und das Vorzeigen des Studierendenausweises sind dann Situationen, in denen Misstrauen und Zwangsoutings erfolgen können. Zusätzlich kommt es immer wieder zu trans- und interfeindlichem Verhalten durch Lehrpersonal und Mitstudierende. Durch diese Belastungen meiden viele Betroffene die Hochschulen und verzögern oder beenden ihr Studium.

„ Um

diese Situation zu verändern, hat sich die Initiative NaGeH gegründet. Sie fordert eine Anerkennung von Geschlechteridentitäten, die sich nicht auf zwei Geschlechter und das Passgeschlecht begrenzen. Die Universität muss deshalb alle Studierende und Mitarbeiter_innen ihren Namen und Geschlecht auch ohne offizielle Schritte unbürokratisch innerhalb der Hochschule ändern lassen können, um ungestört im Identitätsgeschlecht leben und arbeiten zu können.“

Soweit die Situation im universitären Alltag – eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlecht steht jedoch wieder vor ganz anderen Herausforderungen. Gerade, wenn quantitative (sei es feministische oder queere) Forschung betrieben wird, ist es praktisch unerlässlich, Kategorien zu bilden. Nur so können signifikante, aussagekräftige Ergebnisse für einen spezifischen Sachverhalt ermittelt werden. Es ist also für diesen Bericht nötig, Menschen in die Kategorien Frau oder Mann einzuteilen. Ohne jegliche Kategorien aber auch mit zu vielen unterschiedlichen Kategorien lässt sich nicht arbeiten. (Wie) Ist also quantitative Forschung aus einer queer-feministischen Perspektive möglich? Ein Patentrezept gibt es nicht. Quantitative Methoden haben wie alle Methoden ihre Vor- und Nachteile. Daten sind nie perfekt und sie hängen immer auch von der Situierung der Menschen ab, die 41


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sie interpretieren. Entscheidend für Forschung sind aber nie nur die Methode, sondern immer auch der jeweilige theoretische Zugang und das Erkenntnisinteresse. Eine Orientierung an Queer Theory macht klar, dass Messungen und dafür gebildete Kategorien immer auch sozial, kulturell und historisch konstruiert sind. Deshalb nehmen Einteilungen manche Aspekte auf und verdecken gleichzeitig andere Zusammenhänge. In Bezug auf Inter- und Transidentitäten bedeutet das außerdem, dass Kategorien immer ungenügend sind, weil sie durch ihr Ziel der Vereinfachung nie die komplexen und vielfältigen Lebensrealitäten abbilden können. Eine queere quantitative Forschung kann jedoch versucht werden, indem auf diese Unzulänglichkeiten und Probleme aufmerksam gemacht wird. Indem im Hinterkopf behalten wird, dass Kategorien immer eine Konstruktion bestärken und eine Normalisierung der Kategorien bewirken, bzw. nicht aufgenommene Kategorien delegitimieren. Wir versuchen diesen Weg und machen klar, dass Inter-, Trans- und andere Gender Identitäten genauso legitim sind, dass hingegen Gender allgemein eine Konstruktion ist! In diesem Sinne -

Smash Binary!

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Nonbinary1  
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