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Fazit 301


Fazit Ergebnisse

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Mit dem vorliegenden Gender Report sind wir angetreten, Antworten auf sehr grundlegende Fragen zu finden: Wie ist das Geschlechterverhältnis der Studierendenvertreter_innen an der Universität Wien? In welcher Relation steht dieses Geschlechterverhältnis zu dem aller Studierender an der Universität Wien? Das erste Ergebnis der Untersuchung ist, dass auf allen drei Ebenen der Hochschüler_innenschaft – der Universitätsvertretungsebene (UV), der Fakultäts- und Zentrumsvertretungsebene (FV/ZV) und der Ebene der Studienvertretungen (StV) – Frauen im Mittelwert ebenso stark vertreten sind wie Männer. Der Frauenanteil der Studierendenvertreter_innen ist allerdings auf allen drei Ebenen durchgehend niedriger als jener der Studierenden. Der Mittelwert, so ein weiteres Ergebnis, verdeckt dabei die große Spannweite der jeweiligen Geschlechterverteilung sowohl innerhalb der verschiedenen Vertretungsebenen (UV, FV/ ZV, StV), als auch die Unterschiede zwischen den Stufen Kandidaturen, Mandate und Vorsitzpositionen. Auf der Ebene der Studienvertretungen kann der 60%-ige Studentinnen-Anteil großteils auf allen Stufen abgebildet werden, wenngleich der Frauenanteil durchgehend leicht darunter liegt. Auf der Stufe der Kandidaturen ist der Frauenanteil niedriger als bei Mandaten und Vorsitzpositionen. Dabei bestehen sowohl zwischen den einzelnen Studienvertretungen, als auch innerhalb einiger Studienvertretungen im Zeitverlauf große Differenzen. Wenn es innerhalb von Studienvertretunge so etwas wie Kontinuität gibt, dann bei der Besetzung der Vorsitzpositionen: Hier zeigen sich teilweise ähnliche Geschlechterverhältnisse über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg, was die Anwendung von Quoten bzw. einer bestimmten Vergabepraxis durch einzelne StVen vermuten lässt. 303


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Der Frauenanteil der Mandatar_innen und Vorsitzenden auf der Ebene der Fakultäts- und Zentrumsvertretungen ist im Vergleich zu jenem der StVen konstant niedriger. Gerade der Anteil an Frauen unter den Mandatar_innen fällt im Vergleich zu den Studierendenzahlen deutlich ab, wird jedoch auf der Stufe der Vorsitzenden wieder höher. Das lässt den Schluss zu, dass zwar im Vergleich zum Geschlechterverhältnis der Studierenden weniger Frauen als Mandatar_innen entsandt werden, allerdings vornehmlich Frauen Vorsitzpositionen ausüben. Auch auf der Ebene der Fakultäts- und Zentrumsvertretungen müssen die teilweise sehr großen Unterschiede der Organisationseinheiten untereinander, als auch die Veränderungen im Zeitverlauf beachtet werden. Auf der Ebene der Universitätsvertretung ist für den zeitlichen Verlauf hervorzuheben, dass eine hohe Kontinuität der Geschlechterverteilung auf den verschiedenen Stufen vorliegt. Auch hier ist der Frauenanteil in jeder Exekutive bei den Wahlvorschlägen am niedrigsten – es stehen durchgehend weniger Frauen als Männer als potenzielle Mandatar_innen zur Verfügung. Im Vergleich dazu steigt der Frauenanteil auf der Stufe der Mandatar_innen auf (knapp) über 50%, bleibt damit also auch deutlich unter dem der Studierenden. Alle Vorsitzpositionen wurden im Beobachtungszeitraum ausnahmslos von Frauen ausgeübt. Dieses positive Bild der zumindest ausgeglichenen Repräsentation von Frauen verdeckt allerdings die teilweise hohen Diskrepanzen zwischen den einzelnen Fraktionen, welche Mandate in der Universitätsvertretung halten: Werden die Geschlechterverhältnisse nach Fraktionen getrennt analysiert, zeigt sich, dass vor allem bei den Fraktionen GRAS, VSStÖ und KSV-LiLi deutlich mehr Frauen als Männer Mandate innehaben, was die teilweise sehr starke Unterrepräsentation von Frauen in anderen Fraktionen insgesamt ausgleicht.

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Fazit Ableitungen

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Insbesondere die starken Unterschiede und Schwankungen des Geschlechterverhältnisses zwischen und innerhalb der verschiedenen Ebenen der Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien zeigen deutlich die Handlungsmöglichkeiten, die für eine Erhöhung des Frauenanteils genutzt werden können. Die Zusammensetzung der Hochschüler_innenschaft wird prinzipiell durch Wahlen bestimmt. Bei genauer Betrachtung der Strukturen der ÖH zeigt sich allerdings, dass in vielen Bereichen vornehmlich die Studierendenvertreter_innen selbst für die Ausgestaltung des Geschlechterverhältnisses verantwortlich sind – diesem Handlungsspielraum müssen sich die Studierendenvertreter_innen bewusst sein. Auf der Ebene der Studienvertretungen findet eine Personenwahl statt, womit das Geschlechterverhältnis unter den Kandidat_innen über die Verteilung der Mandate (mit)entscheidet: Wenn keine Frauen kandidieren, können sie auch nicht als Mandatarinnen oder Vorsitzende gewählt werden. Zwar werden aus der Gesamtheit der Kandidat_innen überdurchschnittlich viele Frauen als Studienvertreter_innen gewählt, aber auf der Stufe der Kandidat_innen ist der Frauenanteil durchgehend am niedrigsten. Offenbar bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wahrnehmung der Möglichkeit einer Kandidatur. Die Option der Ausübung eines Mandats als Studienvertreter_in steht unter anderem in Zusammenhang mit der verfügbaren Zeit und damit der Frage nach der Notwendigkeit von Erwerbsarbeit zur Finanzierung des Studiums. Aber auch soziales Kapital entscheidet darüber, welche Personen sich ermächtigt fühlen und ermächtigt werden, in eine explizit politische Sphäre vorzudringen und sich öffentlich zu präsentieren. Innerhalb kontinuierlich arbeitender Gruppen kann gerade hierauf aktiv eingewirkt und eine Redefinition geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen forciert werden, indem beispielsweise Frauen aktiv angesprochen werden und die Frage der Kandidaturen nicht dem vermeintlichen Zufall überlassen wird.

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Im Unterschied zu den Studienvertretungen sind für das Geschlechterverhältnis der Fakultäts- und Zentrumsvertretungen keine Kandidaturen und direkte Wähler_innen-Präferenzen verantwortlich, denn diese Vertretungsebene wird allein durch die gewählten Studienvertretungen beschickt. Es wäre ohne weiteres möglich, interne Quoten zur Zusammensetzung der Mandatar_innen festzulegen. Das scheint allerdings bisher nicht erfolgt zu sein, denn insbesondere auf dieser Vertretungsebene ist der Frauenanteil unter den Mandatar_innen im Vergleich zu den beiden anderen Ebenen am niedrigsten. Die Ebene der Universitätsvertretung wird durch die ÖH-Wahlen bestimmt. Allerdings werden hier im Unterschied zu den Studienvertretungen nicht einzelne Personen gewählt, sondern Wahllisten der jeweiligen Fraktionen. Dabei ist nicht nur bedeutsam, welche Liste gewählt wird, sondern auch, wie jede Fraktion ihre Liste ausgestaltet: Einerseits wird durch die ÖH-Wahl entschieden wie viele Mandate eine Fraktion erhält, andererseits wird durch die Reihung der Kandidat_innen auf den Listen entschieden, welche Personen diese Mandate ausfüllen. Gerade die starken Unterschiede zwischen den Fraktionen in der Ausgestaltung der Listen zeigen, dass es politischen Willens bedarf, ausgewogene Geschlechterverhältnisse zu erreichen. Eine Vorgabe zur Gestaltung der Wahllisten – wie dies beispielsweise bei der Wahl zum universitären Senat etabliert ist – scheint hier ein sinnvoller Ansatz, um eine angemessene Repräsentation von Frauen zu ermöglichen. Eine Frauenquote darf dabei kein Selbstzweck sein, sondern kann nur Mittel zum Zweck sein: Auch bei adäquater Repräsentation von Frauen kann nicht notwendigerweise auf eine emanzipatorische Ausrichtung geschlossen werden. Nur wenn die Ursachen für die Notwendigkeit einer Quote in den Blick genommen werden, bleiben derartige Maßnahmen nicht oberflächlich.

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Aus den qualitativen Elementen des Gender Reports, also den Rückmeldungen der Studien-, Fakultäts- und Zentrumsvertretungen, zeigt sich in Übereinstimmung mit unseren eigenen Erfahrungen als ÖH-Aktive: Häufig werden die zeitlichen Ressourcen von Personen dafür verantwortlich gemacht, an wen bestimmte Positionen (Vorsitz, Nominierungen für Gremien etc.) vergeben werden. Das Argument des angeblichen Sachzwangs ist dabei ein oft gebrauchter Vorwand, der von Ignoranz gegenüber jenen sozialen Verhältnissen zeugt, in denen agiert wird: Anstatt nach Möglichkeiten zu suchen, bestehende Ungleichheiten zu reduzieren, werden diese durch ihr Ausblenden verstärkt. Der Aspekt der Verfügbarkeit und der zeitlichen Ressourcen weist allerdings auch auf die materielle Dimension ehrenamtlicher Arbeit hin: Zwar gibt es bestimmte Zugeständnisse für Studierendenvertreter_innen, doch müssen diese gerade in Hinblick auf die verkürzte Studiendauer im neoliberalen Bologna-System und in Anbetracht stetig eingeschränkter Stipendienprogramme ausgebaut werden. Einerseits muss also – unabhängig vom Geschlecht – verstärkt darum gekämpft werden, dass den Aktiven durch die Tätigkeit in der ÖH kein Nachteil entsteht. Andererseits müssen Fraktionen, Studien-, Fakultäts- sowie Zentrumsvertretungen dafür Sorge tragen, ein Umfeld zu etablieren, das es Männern und Frauen gleichermaßen ermöglicht, sich an der Vertretungsarbeit zu beteiligen. Geschlechtsspezifisch muss dies insofern berücksichtigt werden, als dass beispielsweise Frauen häufiger Betreuungspflichten übernehmen oder oftmals mit administrativen oder sogenannten reproduktiven Tätigkeiten so ausgelastet sind, dass kaum mehr Zeit für Anderes bleibt.

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Fazit Ausblick

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Im Zuge der Erarbeitung dieses Reports sind eine Reihe weiterführender Fragen entstanden, die erst in möglichen Nachfolgeuntersuchungen beantwortet werden könnten. Eine Ergänzung der vorliegenden quantitativen Erhebungen um weitere qualitative Methoden wäre wünschenswert, etwa damit unser Ansatz, auch Inter-, Trans- und Non-Binary-Identitäten mitzudenken, kein reiner Vorsatz bleibt. Außerdem muss genauer untersucht werden, wie sich verschiedene Kategorien der Ungleichheit in ihrer Verwobenheit auf die politische Arbeit in einer Studienvertretung auswirken: Dabei gilt es, die Verschränkung von Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, Nationalität und körperlich-geistigen Fähigkeiten etc. zu beachten. Um weitere Entwicklungen beobachten zu können, ist darüber hinaus eine fortlaufende Dokumentation und Aktualisierung unserer Erhebung notwendig. Dabei wissen wir, dass statistisches Datenmaterial allein die Gesellschaft nicht verändern wird – nur eine umfassende Gesellschaftskritik kann unserer Meinung nach die Voraussetzungen einer gleichberechtigten Teilhabe Aller schaffen. Für uns ist daher klar:

smash patriarchy 313

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