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Libelle

ZNR 02Z032680 Verlagspostamt 8010 Graz

www.libelle.me Jänner 2013

Die Zeitschrift der ÖH Uni Graz

Psychologie Geschlossene Veranstaltung Unterstützung Sozialtopf für Studierende Interview Was wir den Toten schulden Sherlock Is brainy really the new sexy?

Gestern ändert sich jeden Tag Schwerpunkt Vergangenheit


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Libelle Jänner 2013

Vorwort Liebe Leserin, Lieber Leser!

„Man kann nicht vor der Vergangenheit weglaufen. Man rennt nur im Kreis, bis man wieder in das gleiche Loch fällt, aus dem man entkommen wollte. Nur das es noch tiefer geworden ist.“ Ein Zitat des großen Philosophen Max Payne aus dem gleichnamigen Computerspiel prägt auch diese Ausgabe der Libelle: Vor der Vergangenheit zu flüchten ist ausweglos, sich ihr zu stellen die einzige Möglichkeit. Was passiert ist, können wir nicht ungeschehen machen. Der Opfer zu gedenken dient ihrer Anerkennung, sagt Philosoph Lukas Meyer im Interview (Seite 14). Wer alt ist, kann auf eine bewegte Lebensgeschichte zurückblicken (Seite 16), aber auch die Vergangenheit von Jüngeren ist voller unerwarteter Wendungen (Seite 17). Popkulturell ist Vergangenheit vor allem ein Fundus, um Geschichten (neu) zu erzählen. Selten geschieht dies so gut wie in „Sherlock“: Der Meisterdetektiv der 1890er Jahre ermittelt nun im modernen London der 2000er Jahre (Seite 25). Zurück zu Gegenwart & Zukunft: Hast du Lust im Libelle-Redaktionsteam mitzuarbeiten? Für die Ausgaben im Sommersemester suchen wir Interessierte für die Mitarbeit! Näheres erfährst du im Redaktionsblog: www.libelle.me/blog Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich Patrick Kloiber aus dem Redaktionsteam. Dankeschön für deine Ideen sagt die Libelle-Redaktion :-) Lesevergnügen wünschen,

Martina, Nora & Fuchsy

Thomas Knapp

Studiert in Graz Philosophie, ist dort Vorsitzender der Studienvertretung und studentischer Mitarbeiter am Institut für Philosophie (Arbeitsbereich Praktische Philosophie). Er ist politischer Blogger (neuwal.com), naiver Realist und engagierter Studienvertreter. Er mag Bücher, Fußball, Schach und Zigaretten. Martina Winkler

Ist begeisterungsfähig, manchmal hyperaktiv, manchmal faul, enervierend neugierig, unbeschreiblich stur und gelegentlich ein bisschen kreativ. Politisch konservativ, aber kein Fan von Essen aus der Dose, Harry-PotterFanatin und der Meinung, Star Wars ist keine Sci-Fi, sondern ein motivierter Blick in die Zukunft. Immer auf der Suche nach den drei A’s – Abenteuer, Alkohol und Alliterationen… Das Letzte zugegebenermaßen nur, weil Martina ein drittes A gesucht hat. Kristina Kotur

Ist süchtig nach Büchern, Filmen, Serien und Musik. Damit sie diesen Kulturdurst auch mehrsprachig stillen kann, studiert sie Translation und verfasst nebenbei auch selbst leidenschaftlich gern Texte aller Art. Recherchiert wird dafür auf ausgedehnten Welt- und Gedankenreisen, von denen sie nicht immer gern zurückkehrt: Im Kopf ist so viel los. Enesa Mujezinovic

Bücherwurm & Nerd. Vorlieben inkludieren Wein, Essen und lange Spaziergänge. Will so so sein wie Leslie Knope, wenn sie erwachsen ist. Beatrix Lorber

Ist freischaffende Theaterausstatterin und notorische Glückssucherin. Sie verbrachte das letzte Jahrzehnt in Barcelona und Stuttgart. Seit ihrer Rückkehr nach Graz studiert sie das Lehramt für Deutsch und Bildernische Erziehung an der PH, arbeitet als Projektkoordinatorin für die Caritas und leitet das Jugendprojekt Glücksbringer. Feel free to comment our homepage at www.gluecksbringer.co.at ; ) Illustration: Heidi Kofler Titelfoto: Nora Steinbach

Inhalt

AutorInnen Bildung

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Vorsitz der ÖH Uni Graz 6 ÖH: Was mach‘ ich? 7 Psychologie: Geschlossene Veranstaltung 7 Frag‘ die Franzi – Beratung 8 Zeit-Stimmen-Wächter 9 Studierende: Master of ... 10 Nachgefragt: Studierendenfeste 10 Sozialtopf für Studierende Schwerpunkt Vergangenheit

14 Interview: Was wir den Toten schulden 16 Lebensfreude in Person 17 Der Blick zurück 18 Lesen lernen 19 „Man muss seinen Hintern in die Vergangenheit bringen!“ 20 Hochschulen in der NS-Zeit

Pop

24 Theater: „Jack und Jill“ im TIK 25 Is brainy really the new sexy? 26 Kolumnen: Musik, Nerds & Sex 27 Comic: Zeitmanagement 27 10 Neujahrsvorsätze 27 Impressum


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* Anzahl der Studienfächer, für die ab 2013/14 die Studienplatzfinanzierung eingeführt wird Bei erhöhter Nachfrage nach diesen Studienfächern sind mögliche Zugangsbeschränkungen geplant Quelle: http://derstandard.at/1350261120883/ Foto: Nora Steinbach

Libelle Jänner 2013


Bildung

Geschlossene Veranstaltung

Psychologie-Lehrveranstaltungen nur mehr für zugelassene Studierende Zeit-Stimmen-Wächter

Das Oral-History-Archiv der Uni Graz Nachgefragt: Studierendenfeste

Interview mit dem Veranstaltungsservice der Uni Graz Sozialtopf für Studierende

Das Sozialreferat hilft

Nicht wählbar

Bei der Info-Veranstaltung der StV Psychologie am 11.12. zeigte sich in der Diskussion mit VerterterInnen von Institut und Dekanat, dass diese der Meinung sind, die neue Regelung, welche freie Wahlfächer und den Vorgriff auf Master-LVen beschränkt, komme den Studierenden zugute. Um zu zeigen, dass die Studierenden das nicht so sehen, haben StV Psychologie und das Referat für Bildung und Politik eine Petition aufgelegt, die im Sekretariat der ÖH und ab 14.01. am Campus unterschrieben werden kann.

Nicht anrechenbar

Für viele Studierende ist mit diesem Jänner das erste Semester zu Ende und so manche oder mancher denkt über einen Studienwechsel nach. Dabei gilt es, bei der Mitnahme von Prüfungen ins neue Studium („Anerkennung“), sorgfältig vorauszuplanen. Die STEOP muss in jedem Studium von neuem abgeschlossen werden und kann nicht als Modul oder Studienabschnitt gesamt angerechnet werden. Informationen zu Studienwechsel und STEOP finden sich in der STEOP-Broschüre der ÖH unter www.oeh.ac.at

Nicht verschiebbar

Seit letztem Semester sind österreichweit die Fristen für die Inskription von Bachelor- und Diplomstudien vorgezogen worden. Wer im kommenden Sommersemester ein solches Studium inskribieren will (z.B. aufgrund eines Studien- oder Studienortswechsels), kann dies nur von 7.1. bis 5.2. erledigen. Dies gilt nicht für Studien, bei denen die Inskription an ein Zulassungsverfahren gebunden ist, sowie für Master- und Doktoratsstudien - hier gelten eigene Fristen, die von der jeweiligen Universität festgelegt werden.


6 Bildung

Libelle Jänner 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Text Vorsitz der ÖH Uni Graz (Bitterer, Berger & Thum)

Eines der vielen brennenden Themen an der Universität ist sicher das Thema der freien Wahlfächer. Seit 1. Oktober 2012 schlug die Universität diesbezüglich eine mehr als bedenkliche Richtung ein. Sie schloss die Möglichkeit, freie Wahlfächer aus dem Studium „Psychologie“ (egal ob Bachelor oder Master) zu absolvieren. Dies mag rechtlich vielleicht zulässig sein – es kommt hier auf die Interpretation darauf an – allerdings muss man hier unbedingt über den rechtlichen Tellerrand hinwegsehen und sich mögliche Folgen dieser Entscheidung bewusst machen.

Illustration: svilen001 / sxc.hu

Freie Wahlfächer – es passt auch ein wenig zum Thema dieser Ausgabe – werden mit der Zeit immer mehr Vergangenheit. Aktuell existiert im Universitätsgesetz (kurz: UG, das fast alle Belange einer Universität regelt – oder vielmehr regeln soll) der Begriff „freie Wahlfächer“ schlichtweg nicht. Um korrekt zu bleiben, muss man hier sagen, dass er nicht mehr existiert. Denn im Vorläufer des Universitätsgesetzes – dem Universitäts-Studiengesetz (kurz: UniStG) war das noch der

Fall. Aber warum haben wir dann noch freie Wahlfächer? Weil sich die Universität dazu entschieden hat. Die Bestimmungen der Universität schreiben im Allgemeinen zumindest 5% an freien Wahlfächern im Studium vor (hier sei erwähnt, dass Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen). Wirklich interessant werden die Informationen erst dann, wenn man sich die Lage an anderen Universitäten ansieht und alle gegenüberstellt. Im UG sind keine freien Wahlfächer vorgesehen, daher gibt es sie in einigen Studienplänen anderer Universitäten nicht mehr. Das UniStG sah noch 10 bis 15 % der Gesamtstunden für freie Wahlfächer vor. Außer bei den geistes- und kulturwissenschaftlichen Studien, hier waren es 40 bis 50 % (Ausnahme der Ausnahme: Übersetzen und Dolmetschen). An der Universität Graz sind zumindest 5% vorgesehen. Soviel zu den Tatsachen. Kommen wir nun zum eigentlichen Sinn der freien Wahlfächer: Sie sollten den Studierenden die Möglichkeit bieten, im Rahmen ihres Studiums sinnvolle Ergänzungen zum Studium zu finden. Jetzt stellt sich aber das Problem „Was ist, wenn ich sinnvolle Lehrveranstaltungen nicht mehr besuchen darf?“. Im Moment lautet die Direktive: „Pech gehabt“. Unserer Ansicht nach ist das ein unhaltbarer Zustand, der in dieser Art und Weise nicht weiter fortgesetzt werden kann und darf. Daher werden wir in der kommenden Zeit alles Erdenkliche unternehmen, damit wieder Lehrveranstaltungen aus der Psychologie als freie Wahlfächer absolvierbar sind.

Was mach‘ ich? Über 300 Menschen sind in verschiedensten Funktionen an der ÖH Uni Graz tätig. Wir wollen dir einen Einblick in die unterschiedlichen Bereiche geben.

WER BIN ICH:

Johanna Mayr, 19 Jahre, ich studiere Mathematik im 3. Semester an der KFU. Was mach‘ ich:

Ich bin Mandatarin der Universitätsvertretung (UV), Vorsitzende des Ausschuss für Bildung, Politik und Gesellschaftskritik und in der ig Mathe tätig. Das mach‘ ich:

In der UV-Sitzung wird berichtet sowie über viele verschiedene Themen (z.B. darüber, ob Rücklagen aufgelöst werden sollen oder wie ein Vertrag mit denjenigen, die am Glühweinstand stehen, aussehen soll) diskutiert und auch gestritten. Manchmal werden bildungspolitische Anträge dann in den Ausschuss verschoben, wo im dortigen kleineren Rahmen der Antrag noch einmal debattiert wird. Anträge, die im Ausschuss eine Mehrheit finden, werden von mir in der nächsten UV-Sitzung eingebracht und dort erneut abgestimmt. In der ig Mathe helfe ich bei den verschiedensten Angelegenheiten mit. Warum?

Weil Studierende eine starke Vertretung brauchen, die sich um ihre Anliegen kümmert, sich für die Verbesserung der Studienbedingungen einsetzt und aktiv gegen Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen eintritt.


Bildung

Libelle Jänner 2013

Geschlossene Veranstaltung Lehrveranstaltungen des Bachelor-Studiums Psychologie sind seit diesem Semester nur noch für zugelassene Studierende offen. Text Laura Lehner – Mitglied der Stv. Psychologie

Seit dem Sommersemester 2012 hat sich für die Grazer Psychologiestudierenden einiges verändert. Nach vielen Diskussionen darüber, wie man die angeblich viel zu hohen Anmeldezahlen bei den einführenden Psychologie-Vorlesungen bzw. den jeweiligen Prüfungsterminen einschränken könnte, kam das Institut der Psychologie zu dem Entschluss, einfach alle nicht für das Bachelorstudium Psychologie zugelassenen Studierenden von diesen Prüfungen auszuschließen. Begründet wurde dieser Entschluss damit, dass dies ansonsten eine „Umgehung der Aufnahmeprüfung“ darstelle. Fragwürdig ist hier allerdings, warum die medizinische Universität Graz etwa trotz Aufnahmeverfahren und zahlreichen Studierenden kein Problem darin sieht, interessierten StudentInnen die Möglichkeit zu geben, Medizin mitzubelegen. Besonders problematisch ist auch, dass gerade ein Studium wie die Psychologie sich so abschottet und isoliert, da diese Disziplin ohnehin nach wie vor mit einem schlechten Ruf und vielen Vorurteilen zu kämpfen hat, die so garantiert nicht abgebaut werden können. Schließlich entstehen hier zusätzlich nicht nur idealistische, sondern auch praktische Probleme. So wurde dieser Entschluss vor allem für uns Psychologie-StudentInnen zu einem größeren Problem, als folglich auch die Möglichkeit gestrichen wurde, nach Absolvierung von 80% der ECTSCredits des Bachelors bereits Lehrveranstaltungen aus dem Master vorziehen zu können. Man müsse schließlich auch hier erst das jeweilige Aufnahmeverfahren bestehen, lautete die Argumentation. Für die Studierenden bedeutet dies konkret, dass, wenn sie ihren Bachelor in einem Wintersemester abschließen, auch zwangsläufig noch ein weiteres Semester und in manchen Fällen ihre

Beihilfen verlieren. Klug planen nun also StudentInnen, welche ihr Studium entweder in Mindeststudienzeit schaffen, was allein aufgrund von zu wenig Seminarplätzen kaum machbar ist, oder es umgekehrt künstlich in die Länge ziehen. Ansonsten bleibt nur die Inskription eines anderen Masterstudiums um zumindest den Studierendenstatus und die damit verbundenen Beihilfen- und Versicherungsansprüche zu behalten. Natürlich bedeutet dies auch, dass man in einem Studium Prüfungen ablegen muss, welches man eigentlich unnötig inskribiert hat. Am absurdesten ist jedoch, dass man als PsychologiestudentIn im Masterstudium nun auch keine freien Wahlfreifächer aus dem BachelorStudium mehr belegen darf; es wird einem so sogar verwehrt, sich auf seinem eigenen Gebiet zu vertiefen, selbiges lässt sich auch auf das Doktoratsstudium übertragen. Ob diese Veränderungen nun tatsächlich mehr Vorteile als Nachteile für Studierende, Institut und Universität bringen, sei nun erst einmal dahingestellt. Bedenklich ist, wie sich dies langfristig auf die universitäre Zukunft auswirken wird. Zurzeit werden weiter Aufnahmetests entwickelt, etwa an der KFU für Biologie, Molekularbiologie, Pharmazie, BWL und VWL. Sollten diese Studienrichtungen nun auf die gleiche Weise gesperrt werden, wird sich bald die Frage stellen, ob Wahlfreifächer nicht ganz abgeschafft werden sollen. Die Karl-Franzens-Universität Graz erfährt auf diese Weise leider eine Qualitätsminderung und wir Studierenden können nur hoffen, dass unsere Befürchtungen nicht wahr werden. Die Studierendenvertretung Psychologie ist natürlich auch zurzeit engagiert dabei, gemeinsam mit dem Institut eine passende Lösung zu finden.

Frag die Franzi! Liebe Franzi! Gestern war ich bei meiner Hausärztin und sie hat mir mitgeteilt, dass ich im Moment nicht krankenversichert bin. Kann das wirklich sein und was kann ich machen, um dies zu ändern? Liebe Grüße, Christian Lieber Christian!

Hast du deine Studienbestätigungen schon an die Krankenkasse geschickt? Der Großteil der Studierenden ist mit den Eltern mitversichert, Studienerfolg vorausgesetzt. Die Altersgrenze dafür ist der 27. Geburtstag. Es ist egal, wie lange du schon studierst, du musst nur auf Anfrage einen Leistungsnachweis von 8 Semesterwochenstunden pro Jahr vorweisen können. Sollte eine Mitzuversicherung bei dir nicht mehr möglich und du auch nicht pflichtversichert sein (z.B. aufgrund eines Dienstverhältnisses), gibt es folgende Möglichkeiten: Bei der studentischen Selbstversicherung bist du für knapp über 50 Euro im Monat krankenversichert. Solltest du ein geringfügiges Dienstverhältnis (gilt auch für Dienstleistungsschecks) haben, gibt es die Möglichkeit, eine freiwillige Selbstversicherung für geringfügig Beschäftigte abzuschließen. Diese ist nur minimal teurer als die studentische Selbstversicherung, hat aber den Vorteil, dass du zusätzlich pensionsversichert bist und somit Beitragszeiten erwirbst. Weitere Infos findest du im ÖH-Sozialrechtswiki unter http://wiki.oeh.ac.at/index.php/Krankenversicherung und in der neuen Sozialversicherungsbroschüre. Es grüsst deine Franzi

Schick‘ deine Fragen zum Studium an: franzi@oehunigraz.at

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8 Bildung

Zeit-Stimmen-Wächter Michael Egger arbeitet im Oral-History-Archiv der Uni Graz. TEXT Konstantinos Tzivanopoulos / Pressestelle Uni Graz

in Geschichte. „Unter den Befragten finden sich aber auch Mütter und Hausfrauen, die über ihr Leben in den 1940er Jahren und später berichten“, führt er aus. Die Vergangenheit für aktuelle Forschungsarbeit zur Verfügung zu stellen, ist das Kerngschäft von Egger. „Wir bekommen laufend Anfragen von Studierenden, die verwertbare Interviews für ihre Diplom- oder Masterarbeiten benötigen“, erklärt der Historiker, der seit 2009 diese Tätigkeit ausübt. Bevor das Tonmaterial in das Archiv wandert, wird es umfassend bearbeitet: „Es wird transkribiert und beschlagwortet. Bevor wir es für die Wissenschaft freigeben, werden die Personennamen anonymisiert.“ Ausgehoben wird das Material auch für Interessierte, die es für ihre Forschungen benötigen. „Wir haben in unserer Sammlung einen klaren Steiermark-Kärnten-Schwerpunkt. Allein 600 Interviews stammen aus dem Raum Graz“, weiß Egger. Viele der aufgezeichneten Gespräche erzählen und skizzieren den Alltag der letzten Jahrzehnte in der Stadt und am Land – fernab öffentlicher Mitteilungen und Zeitungsartikeln. „Wir speichern Michael Egger betreut das Oral-Historysozusagen auch Teile von FamiliengeArchiv der Uni Graz Foto: Uni Graz. schichten in unserem Archiv. Unter den zahlreichen Transkripten liegen auch Oral-History ist eine geschichtswis- wahre Schätze verborgen.“ senschaftliche Methode, die auf dem Sprechenlassen von ZeitzeugInnen Das konnte Egger sogar persönlich basiert; Oral-History ist mündlich erfahren:„Ich hatte vor ein zwei oder erzählte Geschichte. An der Uni Graz drei Jahren einmal eine Anfrage vom werden dazu Themen aus dem Arbeits- Schauspielhaus Graz, die für ein Stück und Alltagsleben unterschiedlicher die Kulisse eines Krämerladens aus Personengruppen aufgezeichnet, wie den 1920er Jahren bauen wollten und etwa Technikerinnen und Techniker, Material benötigten. Bei der Recherche Arbeiterinnen und Arbeiter, promi- im Archiv bin ich zufällig auf ein Internente Personen und Personen aus der view mit meinem Großvater gestoßen, Politik. „Unser ältester Zeitzeuge, den der zuletzt Kaufmann in Bruck war“, wir verzeichnet haben, wurde 1888 schmunzelt er. „Mein Großvater war geboren und 1988 interviewt“,erzählt damals schon verstorben. Er hat uns nie Michael Egger. Egger ist wissenschaft- von diesem Gespräch erzählt und plötzlicher Mitarbeiter im Archiv und lich habe ich seine Stimme gehört.“ schreibt gerade an seiner Dissertation http://wirtschaftsgeschichte.uni-graz.at Lebensläufe und Dorfgeschichten sind zwei von vier Konzepten, die das OralHistory-Archiv an der Karl-FranzensUniversität Graz beherbergt. Die Sammlung am Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte wurde 1984 initiiert und stellt im 2. Stock des RESOWI-Gebäudes rund 2.550 ZeitzeugInnen-Interviews, fein säuberlich transkribiert und in überschaubaren Regalwänden abgelegt, für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung.

In Kooperation mit der Pressestelle der Uni Graz: http://on.uni-graz.at

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Master of ... Studierende, ihr Studium und ihre Diplom-/Masterarbeit Antonia Maria Wagner, euroMACHS

Eine achtjährige Studienkarriere in 1200 Zeichen zusammenzufassen, ohne LeserInnen zu langweilen, scheint ein unmögliches Unterfangen zu sein. Ich versuche es dennoch, merkst du´s? Jetzt habe ich schon 244 Zeichen unwiederbringlich verplempert. Meine Zeit als Studierende lässt sich in folgende Abschnitte gliedern: 05/06 Magisterstudium „Umweltsystemwissenschaften“ KFU Graz (abgebrochen wegen mangelnder selbstständiger Studienplanung in den ersten 2 Semestern und einer Höllenangst vor mathematischen Kursen), 06-10 „Bachelorstudium Germanistik“ KFU Graz (Abschluss als Bakk.phil., das ist übrigens kein echter BA!), 10-12 „Masterstudium Vergleichende Literaturwissenschaft Uni Wien“ (Abschluss als MA, Freunde wissen nicht, ob sie mich mit Frau Master oder Master Wagner anreden sollen, die zweite Variante spricht dafür, dass ich mir einen Schnurrbart wachsen lasse), 12-? + inkl. 1 Auslandssemester in Portugal „Joint Degree Masterstudium EuroMACHS“ (= European Media Arts and Cultural Heritage Studies; ja, das gibt es tatsächlich an der KFU Graz). 1058 Zeichen. Studienerfahrungen lassen sich nicht auf ein paar Worte verknappen, ich habe nur folgenden Rat für die jüngeren Semester: Seid kritisch, habt Selbstvertrauen, seid interdisziplinär! Wenn ihr planlos seid: ÖH, Profs, StudienabteilungsBüro anschreiben oder hingehen! Kostet nichts, bringt viel.


Bildung

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Nachgefragt: Studierendenfeste Gabriela Pirsch ist Mitarbeiterin im Veranstaltungsservice an der Universität Graz INterview Franz Fuchs

Wie steht die Universität zu Studierendenfesten in der Uni? Studierendenfeste gehören zum fixen Repertoire eines Universitätsstandortes dazu. Die Universitätsverwaltung unterstützt die Studierenden im Rahmen der Veranstaltungsorganisation und bietet auch professionelle Beratung durch MitarbeiterInnen des Veranstaltungsservice der Universitätsdirektion an. Auch organisatorisch und handwerklich werden Veranstaltungen der Studierenden unterstützt. Ein Augenmerk liegt auch immer darauf, dass sich Feierlichkeiten der einen mit Studienverpflichtungen der andereren nicht überschneiden bzw. nicht konkurrieren . VeranstalterInnen klagen über gestiegene Auflagen bei Festen seitens der Universität. Warum? Im Lichte der privatrechtlichen Vollautonomie der Universitäten als juristische Personen öffentlichen Rechts sind

auch die geltenden Rechtsvorschriften für Veranstaltungen für die Universität Graz und für die VeranstalterInnen unmittelbar schlagend. Haftungs- und versicherungstechnische Anforderungen sowie immer komplexer werdende Veranstaltungen erfordern sowohl in der Privatwirtschaft als auch im universitären Bereich eine professionelle Vorbereitung und Durchführung. Von einigen VeranstalterInnen wird dies als beklagenswerte Auflage verstanden. Die Universitätsverwaltung hilft und unterstützt im Rahmen ihrer Möglichkeiten wo sie kann, weist aber auch auf die gesetzlichen Grenzen von Veranstaltungsdurchführungen hin. Sicherheitstechnische Aspekte verstärken sich dadurch, dass Feste von VeranstalterInnen nicht mehr alleine beworben werden, sondern mittels neuer Medien (Social Networks) eine enorme Informationsausbreitung erlangen. Die Nachbarrechte sind zu beachten und es ist dem Umstand Rechnung zu tra-

gen, dass auch der Uni Campus unter dem schlechten Ruf des „Uni Viertels“ durch die Medien leidet. Durch die Einbindung eines Ordnerdienstes ist der geordnete Ablauf gesichert und die Haftung in Bezug auf Brandschutz und Erste-Hilfe-Leistung gewährleistet. Während der Veranstaltung durchgeführte Lärmmessungen sind eine Auflage aus der Lärmemissionsverordnung, sie sind aber auch notwendig zur Wahrung der Nachbarrechte und bei Beschwerden bei den Behörden. Die Reinigung des Festbereiches, die geordnete Müllentsorgung und eigene Toiletten für die BesucherInnen sind Auflagen, die den geordneten Lehr- und Studienbetrieb nach Veranstaltungen sichern. Positiv kann gesehen werden, dass die Feste sicherer, nachhaltiger und gegenüber den Behörden und den AnrainerInnen besser argumentiert werden können.

Sozialtopf für Studierende Seit Oktober 2012 bin ich als Sozialreferentin tätig, davor arbeitete ich zwei Jahre lang als Sachbearbeiterin im Sozialreferat. Wir beantworten den Studierenden Fragen zu den Themen Studienbeihilfe, Familienbeihilfe, Mensabeihilfe, Mensastempel, Mobilitätscheck, Wohnbeihilfe, Beschäftigungsformen, Verdienstgrenzen, Sozialtopf der ÖH Uni Graz, Sozialfond der Bundes-ÖH, etc. In diesem Beitrag möchte ich gerne näher auf das Thema Sozialtopf eingehen. Leider nutzen bislang sehr wenige Studierende die Förderungsmöglichkeit des Sozialtopfs. Deshalb möchte ich alle Studierenden motivieren, welche noch keinen Antrag für dieses

Semester gestellt haben, dieses noch bis 25. Jänner (12 Uhr) zu tun. Alle Anträge, die nach dieser Frist bei uns im Büro einlangen, können erst im Sommersemester bearbeitet werden. Das Formular für das Ansuchen auf den Sozialtopf findet ihr auf unserer Homepage: http://soziales.oehunigraz.at/ sozialtopf/. Voraussetzungen neben der sozi-

alen Bedürftigkeit sind, dass der/die Antragsteller/in an der Karl-FranzensUniversität Graz studiert, der ÖHBeitrag bezahlt wurde und in den letzten zwei Semestern ein ausreichender Studienerfolg nachweisbar ist. Sozial bedürftig im Sinne der Richtlinien ist man, wenn die monatlichen Ausgaben

die monatlichen Einnahmen übersteigen. Für einen ausreichenden S t ud i e n e rf o l g müssen in den letzten zwei Semestern mindestens 16 ECTS erreicht worden sein. Jedoch können Gründe wie Kindererziehung, Berufstätigkeit oder Krankheit bzw. andere unabwendbare Gründe zu einer Halbierung der vorgesehenen ECTS führen. Die Richtlinien für den Sozialtopf, das Antragsformular und welche Unterlagen ihr dem Antrag beilegen müsst, könnt ihr unserer Homepage entnehmen: http://soziales.oehunigraz.at

Foto: nkzs / sxc.hu

TEXT Lisa-Maria Feldhammer – Sozialreferat der ÖH Uni Graz


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Libelle J채nner 2013

1540 *

* Jahrgang des 채ltesten konservierten Lebensmittel der Welt: Ein - noch immer trinkbarer - Wein Quelle: www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=75477&key=standard_document_42528162 Foto: Nora Steinbach


Vergangenheit

Was wir den Toten schulden

Interview mit Philosoph Lukas Meyer Lebensfreude in Person

1922: Irene Plaß wird geboren Der Blick zurück

1992: Eine Flucht aus dem Krieg Lesen lernen

Eine Kindheit erzählt in Büchern „Man muss seinen Hintern in die Vergangenheit bringen“

Hakuna Matata!

„Hochschulen in der NS-Zeit.“ Heute (k)ein Thema?

ÖH-Projekt zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit an österreichischen Unis

Prolog

Es ist wohl kaum ein Begriff in seiner Größe und seinem Umfang weniger fassbar als der der Vergangenheit. Sie ist ein stetig wachsendes Konvolut von Tun und Denken, unser ganzes Sein basiert im Endeffekt auf ihr. Unsere Vergangenheit, unsere Geschichte ist es, was uns ausmacht, und oft drückt sie mit einer solchen Last auf uns, dass es kaum mehr möglich scheint, in eine potentielle Zukunft zu blicken, weil die Vergangenheit uns zu ersticken droht. Und dennoch ist sie kein Feind,

im Gegenteil, sie ist ein Verbündeter – sie zeigt Wege auf, wir ziehen Lehren aus ihr (manchmal zumindest, und seltener als wir sollten) und im Endeffekt ist sie der Grundstock, auf dem wir uns errichten. Und sie ist umstritten. Oftmals hochgelobt, viel totgeschwiegen, verdammt und verherrlicht, kommt es bei ihr immer auf die Perspektive an. Manch verdammungswürdigen Schandfleck in unserer Vergangenheit wollten wir am liebsten auslöschen, manch Hochzeit würden wir, wenn es nach uns ginge, gerne immer und

immer wieder erleben. Wir schwelgen gerne in ihr, die Erinnerung an sie kann uns trösten und auch erzürnen wie sonst kaum etwas. Auf den nächsten Seiten dieser Libelle wollen wir dieses vielschichtige Thema von mehreren Seiten beleuchten und auf einige Aspekte dieses metaphysischen Riesen etwas näher eingehen. Wir hoffen, die Artikel finden Gefallen und dass nicht alle von ihnen sofort geistig in die Vergangenheit rücken, sondern bei einigen vielleicht doch noch eine Zeit lang im mentalen Jetzt hängen bleiben.


14 Vergangenheit

Libelle Jänner 2013

Was wir den Toten schulden Sind wir Lebenden verstorbenen Opfern von historischem Unrecht etwas schuldig? Wie ist das überhaupt möglich – Pflichten gegenüber Toten zu haben? Oder geht es dabei um Ansprüche der Nachfahren? Diese Fragen sind seit Langem Gegenstand der Forschung des Philosophen Lukas Meyer. Im Interview mit Thomas Knapp gibt er Antworten darauf und erklärt, wieso historische Gerechtigkeit auch eine Frage existentieller Verantwortung dafür, wer man selbst ist, sein kann. Interview Thomas Knapp

1937 schrieb Max Horkheimer an Walter Benjamin „Die Feststellung der Unabgeschlossenheit ist idealistisch, wenn die Abgeschlossenheit nicht in ihr aufgenommen ist. Das vergangene Unrecht ist geschehen und abgeschlossen. Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen.“ Warum beschäftigen wir uns dann überhaupt mit der Vergangenheit? Horkheimer hat recht, die Vergangenheit ist insofern abgeschlossen, als dass wir sie nicht ungeschehen machen können. Aber sie ist in einem zweifachen Sinn nicht notwendig abgeschlossen. Erstens können wir uns auf die verstorbenen Opfer beziehen. Wir können das Unrecht, das ihnen widerfahren ist erinnern und in unser Gedenken aufnehmen. Das schafft eine Beziehung zwischen uns heute Lebenden und den verstorbenen Opfern. Solches Gedenken ist, meine ich, den Verstorbenen geschuldet. Wie kann Toten etwas geschuldet sein? Menschen sind zukunftsorientiert, sie verfolgen Projekte, die sich auf die Zukunft beziehen. Kulturelles und politisches, auch religiös motiviertes Engagement, aber auch wissenschaftliche Forschung können Beispiele für zukunftsorientierte Projekte sein, an denen wir uns beteiligen. Wenn wir annähmen z.B., dass zukünftig niemand mehr wissenschaftlich forscht, verlöre die Praxis einen Teil ihres Sinns. Als Wissenschaftler müssen wir uns nicht nur mit den Forschungsergebnissen früherer Wissenschaftler auseinandersetzen, sondern unsere Tätigkeit beruht z.T. darauf, dass andere dies zukünftig weiterhin tun

werden. Zukunftsorientierung also durch Teilhabe an transgenerationellen Projekten, die zudem häufig vornehmlich zukünftig Lebenden nutzen sollen. Und so gut wie allen Menschen ist nicht gleichgültig, wie andere über sie denken. Auch dann nicht, wenn sie verstorben sein werden. Weitgehend geteilt ist das Interesse an einer angemessenen und fairen posthumen Reputation. Daraus folgt, dass man den Toten etwas schuldet? Dazu muss man annehmen, dass es für Menschen wichtig ist, sich so auf die Zukunft zu beziehen, und dass es eine schützenswerte Praxis ist, dass Menschen sich auf diese Weise auf die Zukunft beziehen können. Nun haben nicht alle Opfer von Unrecht solche zukunftsorientierten Projekte verfolgt, aber auch sie teilten das Interesse an einer angemessenen und fairen posthumen Erinnerung an sie. Wenn heute Lebende sie als Opfer von Unrecht gedenken, schützen sie die Reputation dieser Menschen. Neues schlimmes Unrecht wäre, würde nicht anerkannt, dass sie Opfer von Unrecht waren. Der Opfer zu gedenken dient der Anerkennung des an ihnen verübten Unrechts und der Vermeidung der Fortsetzung des Unrechts an ihnen. Die Vergangenheit ist aber auch nicht abgeschlossen, wenn wir angesichts der Opfer von Unrecht fordern: Never again! Jedenfalls ist es für viele ein wichtiges Motiv des öffentlichen Gedenkens. Man tritt dafür ein, dass sich die Verhältnisse ändern, dass es nicht mehr möglich sein

Zur Person: Lukas Meyer, geboren 1964, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er studierte Philosophie, Politikwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht unter anderem in Tübingen und Yale. Masterabschluss in Philosophie an der Washington University in St. Louis 1987, 1990 Diplom in Politikwissenschaft an der FU Berlin, 1996 Promotion an der University of Oxford. Forschungsaufenthalte u.a. an der Harvard University und der Columbia University School of Law. 2003 Habilitation zum Thema „Historische Gerechtigkeit“ an der Universität Bremen. Seit 2009 Universitätsprofessor für Praktische Philosophie an der Uni Graz, auSSerdem Leiter des Instituts für Philosophie und des Zentrums für Kulturwissenschaften sowie Vizedekan der GeWi-Fakultät. Seine Forschung beschäftigt sich mit Fragen zu „Gerechtigkeit und Verantwortung in Raum und Zeit“. Foto: Christopher Pieberl

WEITERLESEN: Lukas H. Meyer: Historische Gerechtigkeit. Möglichkeit und Anspruch www.uni-graz.at/lukas.meyer/texte/ historischegerechtigkeit.pdf


Vergangenheit 15

Libelle Jänner 2013

wird, dass Menschen solches Unrecht erleiden – auch dies ein zukunftsorientiertes Projekt, und auch eines des skeptischen Horkheimers. Wenn man über die Aufarbeitung der Vergangenheit spricht, meint man oft nicht nur die Opfer sondern auch deren Hinterbliebene und Nachfahren. Können diese auch Ansprüche geltend machen oder gehen diese nicht über Erinnern und Gedenken hinaus? Sie können Ansprüche auf Kompensation und Restitution von Eigentum geltend machen. Das ist weithin moralisch und rechtlich anerkannt. Denn die Konsequenzen des Unrechts dauern fort. Sie treffen nicht nur die direkten Opfer, sondern häufig auch die später Lebenden. Man denke an die Situation der Nachfahren der Sklaven etwa in den USA. Den Anspruch auf Kompensation in seiner Höhe zu bestimmen ist schwierig, auch weil die Situation der indirekten Opfer ja nicht alleine darauf zurückführen ist, dass ihren Vorfahren Unrecht widerfahren ist. Kausal relevant für ihre Situation sind viele Faktoren, und für die Bewertung ist besonders wichtig, wie die Nachfahren der Opfer selbst mit ihrer Situation umgegangen sind. Wenn die Nachfahren diese Ansprüche haben, wer hat dann die Pflicht, ihnen Genüge zu tun? Wir haben da mehrere Probleme. Die Täter können oft nicht identifiziert werden und häufig leben sie nicht mehr. Dann stehen sich Nachfahren von Tätern und Opfern gegenüber. Die Nachfahren der Täter sind aber im üblichen Sinn nicht moralisch für das verantwortlich, was ihre Vorfahren getan haben, da sie es nicht beeinflussen konnten. Wenn man also von der Verantwortung der Nachfahren der Täter sprechen möchte, muss man das in einem anderen Sinn tun. Ein Vorschlag ist, davon auszugehen, dass die Täter und ihre Nachfahren einer Gruppe angehören. Und wenn die

Täter im Namen der Gruppe gehandelt haben, dann ist die Gruppe, und damit mittelbar ihre heutigen Mitglieder, verantwortlich dafür, Kompensation zu leisten. Häufig haben wir es bei schlimmen Menschenrechtsverbrechen ja nicht mit Einzeltätern zu tun, sondern mit sogenannten systemischen Verbrechen, an denen viele beteiligt sind und die von staatlichen Institutionen oder quasi-staatlichen Einrichtungen wenn nicht angeordnet, so doch ermöglicht, erlaubt oder gefördert wurden. Da scheint nahe zu liegen, dass nicht allein die Täter verantwortlich sind für das Unrecht, sondern die Gruppe. Wenn wir eine Kontinuität dieser Gruppe

In Österreich wird nicht selten die Argumentation „Wir haben uns jetzt lange genug damit beschäftigt, irgendwann muss einmal Schluss sein“ vorgebracht. Kann man so einen Schlussstrich ziehen? Bei den Haftungspflichten hängt es davon ab, inwiefern Kompensationsforderungen der Opfer oder ihrer Nachfahren weiterhin gelten. Wenn den Haftungspflichten nicht (vollständig) entsprochen wurde, wurde dadurch allerdings neues Unrecht begangen. Leider müssen wir feststellen, dass dies häufig der Fall ist. Dann ist nicht anzunehmen, dass schon bald keine Haftungspflichten aufgrund des historischen Unrechts bestehen,, selbst

„Der Opfer zu gedenken dient der Anerkennung des an ihnen verübten Unrechts und der Vermeidung der Fortsetzung des Unrechts an ihnen.“ annehmen, ist es plausibel, dass die Gruppe für die Konsequenzen des Unrechts, das in ihrem Namen verübt wurde, haften soll. Es gibt für die Nachfahren aber auch einen anderen Grund, sich auf das Unrecht ihrer Vorfahren zu beziehen. Aus einer existentiellen Verantwortung dafür, wer sie sind als Mitglieder von Gruppen, denen ihr Selbstverständnis wichtig ist. Für viele Menschen meiner Generation – ich bin Jahrgang 1964 – gilt, dass die Großeltern zu den Tätern im Nationalsozialismus gehört haben. Eine Identifikation mit der Familie, die ja wohl die Großeltern einschließt, ist nur möglich, wenn man sich sowohl mit den positiven als auch den negativen Seiten der Familiengeschichte auseinandersetzt und auf diese Weise lernt, verantwortlich mit sich, seiner Herkunft und Sozialisation umzugehen.

wenn der Umfang und die Geltung solcher Pflichten generell mit der Zeit abnimmt. Den verstorbenen Opfern schulden wir, so hatte ich gesagt, dass wir sie als Opfer von Unrecht anerkennen – eine ihren Tod überlebende Pflicht heute Lebender ihnen gegenüber. Da ist nicht klar, wann diese Pflicht nicht mehr gilt. Womöglich wenn Menschen, die heute leben, sich nicht mehr in einer Weise auf die Opfer von Unrecht beziehen können, die aus deren Sicht für ihre posthume Reputation hätte relevant sein können, und für die heute Lebenden für ihr Selbstverständnis. Haben sich die Lebensbedingungen vollständig geändert – politisch, kulturell und technologisch –, mag das der Fall sein. Dann werden diese Opfer von Unrecht vergessen sein. Aber die Idee, einen Schlussstrich ziehen zu können, beruht glaub ich auf anderen Annahmen, nicht auf solchen Überlegungen, und ist, nehme ich an, häufig falsch.


16 Vergangenheit

Libelle Jänner 2013

Lebensfreude in Person Dr. Irene Plaß, Jahrgang 1922, blickt auf ein stolzes Leben zurück. Als Kind eines Juristen begann sie 1941 ihr Medizinstudium. Hitler war bereits das zweite Jahr an der Macht und das deutsche Reich erklärte der Sowjetunion den Krieg. Dies ist das Portrait einer Frau, die ihren Traum, Kinderärztin zu werden auch in schwierigen Zeiten nie aus den Augen verloren hat. Text Christoph Grabuschnig

Das St. Christophorus Seniorenheim in der Grazer Riesstraße: Hier wohnt Frau Dr. Irene Plaß. „Schon vor über zehn Jahren bin ich hier eingezogen. Angereist bin ich sogar noch mit dem Auto“, berichtet die rüstige Dame stolz. Die Mobilität hat ihr Leben bestimmt. Ihr Studium hat sie neben Graz, auch nach Paris, Wien und Innsbruck geführt. „Es war schon eine wilde Zeit damals“, erklärt die ehemalige Kinderärztin. Ihrem Vater hat sie es zu verdanken, dass sie vor fast 70 Jahren zu studieren beginnen konnte.

Reichsmark an Studiengebühren entrichten. Das Geld hat man aber damals „nicht angeschaut“, weil es schlicht nichts mehr wert war. „Einmal habe ich dann mein Geldtascherl mit den gesamten Gebühren in der Telefonzelle liegen gelassen. Eine Katastrophe.“

In Zeiten des Krieges war der Besuch

einer Universität keine Selbstverständlichkeit. Schon 1940 absolvierte die heute 90-Jährige den so genannten Arbeitsdienst. „Das war eine Notwendigkeit, sonst hätte ich damals nicht studieren dürfen.“ Natürlich war dieser von seiner damaligen Idee her überschattet. „Für mich war er dennoch sehr gesund, weil ich so zu einer Frau wurde.“ Als Arbeiterin auf einem Bauernhof erlebte sie über sechs Monate hinweg eine Landwirtschaft, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. „Ohne Traktor, mit einem Pferd wurden die Felder bestellt und wir mussten Erdäpfel klauben bis an unsere körperlichen Grenzen“. Nach der damaligen deutschen Studienordnung musste Frau Plaß vor dem Studium auch noch einen Krankenpflegedienst absolvieren. Diese und andere Hürden ließen in der Ärztin auch die Überzeugung reifen, dass es heutzutage noch viel wichtiger ist, Begabte zu fördern. Zu Kriegszeiten musste auch sie rund 300

Schon früh wusste Frau Plaß, dass

sie eine Laufbahn als Medizinerin einschlagen wolle. Dem Wunsch ihres Vaters, Juristin zu werden, ist sie nicht gefolgt. Die Jahre 1941 bis 1943 verbrachte sie in Wien, da die Grazer Uni schließen musste. In Innsbruck verbrachte sie ein Semester. „Wir haben versucht, sehr mobil zu sein, weil sonst durften wir ja nichts, weder Tanzen noch Ausgehen“. „Ich habe in meiner Studienzeit zum Beispiel versucht, Tennis zu spielen. Es war sehr mühsam, weil es keine Bälle mehr gegeben hat. Also haben wir einfach mit Zwetsch-

gen gespielt.“ Mit dem Racket unter dem Arm ging sie einmal sogar in eine Vorlesung. „Im selben Hörsaal saßen dann auf einmal die hohen Herren der SS-ärztlichen Akademie. Ich sah mich schon im Geiste dienstverpflichtet irgendwo in Polen.“ Kriegsbedingt mit einem Semester Verlust, konnte die Pensionistin ihr Medizinstudium 1946 wieder nach österreichischem Recht abschließen. „Die Lehrbücher habe ich aber alle schon verschrottet. Die sind heute nicht mehr brauchbar. Ich muss zugeben, heute dürfte ich zu keiner Prüfung mehr antreten, ich würde durchfliegen.“ Die Medizin hat sich eben rasant weiterentwickelt. Es ist eine besondere Herzlichkeit, die Frau Plaß ausstrahlt, ihre Lebensfreude scheint ungebrochen und es ist schlichtweg spannend, ihr zuzuhören. Die Gründung des Heilpädagogischen Zentrums Steiermark vor 60 Jahren zeugt von ihrem besonderen Engagement ganz im Dienste der Jugendwohlfahrt. Im September des Vorjahres wurde Frau Dr. Plaß dafür mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Steiermark ausgezeichnet.


Vergangenheit 17

Libelle Jänner 2013

Der Blick zurück ‚Home is where your heart is.‘ Weise Worte meiner Großmutter. Als wir damals in Österreich als Kriegsvertriebene strandeten, ahnte niemand von uns, dass unser Aufenthalt in Österreich von Dauer sein würde. Als wir damals aus meinem Geburtsland Bosnien vertrieben wurden, ahnten wir nicht, dass es kein Zurück geben würde. Als ich damals, im zarten Alter von 4 ½ Jahren mein Geburtsland verließ, zusammen mit meinen Eltern, meiner kleinen 1-jährigen Schwester und meiner Großmutter, wußten wir nicht, dass alles, was wir bisher kannten und gewohnt waren, sich schlagartig ändern würde. Text Enesa Mujezinovic 16. Juni 1992. Der Tag, der mein Leben

und das meiner Familie maßgeblich geprägt hat. Das war das Datum, an dem mein Vater zusammen mit meiner Mutter meine kleine Schwester, mich und meine Großmutter packte und wir uns mit Sack und Pack auf den Weg nach Deutschland in einem russischen Mercedes namens Aleco machten. Mit uns hatten wir bis auf Geld und die Klamotten, die wir am Leib trugen, gar nichts. Bijeljina, meine Geburtsstadt war von Soldaten verbarrikadiert. Es gab ein Ausreiseverbot. Doch das hielt meinen mutigen Vater nicht davon ab, über einen Waldweg die Reise ins Ungewisse anzutreten.

Doch an der deutschen Grenze angelangt, teilte man meinem Vater mit, dass die Kapazitäten überschritten worden wären und Deutschland nicht mehr bereit war, weitere Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Schwer entmutigt und hoffnungslos landeten wir in Salzburg. Sollte das das Ende sein? Ohne Haus und mit wenigen Habseligkeiten in einem fremden Land? Ohne Zukunftsperspektiven und mit keinem Brocken Deutsch oder Englisch, mit dem man sich verständigen konnte? (Meine Eltern konnten Französisch und Russisch. Auf Englisch oder Deutsch hatte keiner Wert gelegt im ehemaligen Jugoslawien.) Das Flüchlingslager Traiskirchen war zu unserem Verdruss überfüllt. Doch, wie der Zufall es so wollte, landeten wir im Hotel Winkler, ein saudi-arabischer Gönner hatte ein Teil des Hotels für Flüchtlinge gemietet. (Man munkelte, es war Bin-Laden…) Danach sollte es

nach Schwarzenau gehen, allerdings waren meiner Großmutter der Stress und die Entwurzelung zu viel und just dann, als wir in Schwarzenau ankamen und vor der Kirche Station machten, wurde meine Großmutter ohnmächtig. Das Tragische dabei war, dass die GemeindebewohnerInnen dachten, sie hätte beim Anblick des Kreuzes das Bewusstsein verloren. Blasphemie. Gott bewahre, dass jemand mit einem fremden Glaubensbekenntnis Österreich betritt. (Meine Großmutter trug ein Kopftuch.)

Dzana, Enesa, Erol Foto: E.M.

Zu guter Letzt landeten wir doch im Flüchtlingslager Traiskirchen. Ich kann mich an die unzumutbaren Zustände nicht mehr erinnern, aber meine Eltern bekommen auch heute noch eine Gänsehaut, wenn sie mir vom „Horrorlager“ erzählen, wo man nicht wie ein Mensch behandelt wird, sondern wie Vieh. Letztendlich landeten wir im depressiven Niederösterreich, genauer gesagt in einem kleinen Dorf

namens Thaya. Meine Volksschulzeit ist mir nur dunkel in Erinnerung. (Meine Mathematikkenntnisse waren damals schon nichtexistent.) Als einziges Kind in der Schule konnte ich kein Deutsch und demnach fiel es mir schwer, Anschluss zu finden. Doch nach ein paar Wochen Privatunterricht von meinem Klassenvorstand lernte ich ziemlich schnell Deutsch. Mein Vater, von Beruf Jurist und ehemaliger Unternehmer, verdiente sich mit den üblichen GastarbeiterInnenberufen seine Groschen, um seine Familie über Wasser zu halten. Eine Möglichkeit, sich seine bosnische Ausbildung anerkennen zu lassen, gab es damals nicht. Auch nicht irgendwelche Kurse, um die Sprache zu erlernen. Ohne Sprache waren einem jegliche Zukunftsperspektiven verwehrt. Deshalb legte mein Vater auch so viel Wert auf eine ordentliche Ausbildung seiner Kinder. Nach ein paar Jahren zwecks Ausbildung und Jobchancen übersiedelten wir, zusammen mit dem neuen Familienzuwachs, meinem kleinen Bruder, in die nächste Stadt Waidhofen/Thaya, wo man sich eine gewisse Anonymität bewahren konnte. 1998 erhielten wir die österreichische Staatsbürgerschaft, als eine der ersten Ex-Flüchtlingsfamilien in Niederösterreich. Österreich ist meine Heimat. Das lässt sich nicht bestreiten, aber manchmal schwelge ich wehmütig in der Vergangenheit. „Was wäre, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte?“ ‚You can‘t chose where you come from, but you can choose where to go.‘


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Lesen lernen Was könnte mehr der Vergangenheit angehören, als das, was in einem Printmedium nachzulesen ist? Erinnerungen werden aus den verschiedensten Gründen angespült. Oft ist es das Gefühl, dass etwas endet oder bereits unwiederbringlich verloren gegangen ist. Zum Jahreswechsel hänge ich der Kindheit nach und den Büchern, die mir diese aufbewahrt haben. text BeatRiX loRBeR kleine zeitUng. Ich sehe die damalige Wohnung, den Vater, die Mutter und Amanda Klachl. Mich sehe ich am Küchentisch, den Kopf nahe über das Papier gebeugt. Ich behaupte zu lesen, imitiere die klare Stimme der Mutter, der Fernsehsprecherinnen, überdeutlich und nach der Schrift. Am Wochenende geht´s zur Großmutter hinaus aufs Land. Hierher schafft es die Kleine Zeitung nicht. Hier erscheinen das Neue Land und das Sonntagsblatt. Trotzdem erstreckt sich vor mir eine endlose Lesewelt. Und sie ist bedeutsamer, greifbarer, wirklicher. Vor allem aber ist sie keine Geheimwissenschaft. Auf weitläufigen Wanderungen zeigt mir der Großvater, was in der Tier- und Pflanzenwelt los ist. Ein Fuchsbau, ein Spechtloch, ein Ameisenhügel. Die Bäume sind Freunde und gemächliche Nacherzähler. Die Saat ist aufgegangen. Der Fuchs hat die Hendln geholt. Das Unkraut muss gerupft werden, sogar die Steine erzählen. Die Häuser sind müde und morsch und verbergen Familiengeschichten und Krankheiten, Erinnerungen des Großvaters. am Jägerhorst sitzt er Und erzählt, wie die welt FUnktioniert

Im Schnee sehen wir Spuren von Hasen und Rehen. Das Fährtenlesen fasziniert mich. Im frühen Lesealter besitze ich ein Büchlein, das die heimische Spurensuche erleichtert und das ich bei mir trage, wenn ich alleine durch die Wälder streiche. Ach, wie war das Lesen unmittelbar! Es kam direkt zu mir, unverfälscht, unverdünnt. Es roch, es war heiß oder kalt, feucht oder trocken, es tat weh oder wohl. Im Kindergarten liest man Die kleine Raupe Nimmersatt. Schon die Bilder und Farben sind satt und prall und wirken über-

steuert. Alles von Hand Gezeichnete zieht mich an. Ich beobachte die unterschiedlichen Bildwelten, erkenne früh das Konzept des Malstils, versuche mir möglichst viele einzuprägen, immer mit dem Vorsatz, irgendwann alle zu kennen. Dieser Wille zur Vollständigkeit, zum absoluten Verstehen und Erkennen der Welt, zum Katalogisieren prägen mich. Die kindliche Neugierde ist ein Versuch, die Welt in ihrer Gesamtheit begreifen zu lernen, mir untertan zu machen. Es führt kein Weg vorbei an der Schrift, der Wissenschaft, der Kunst. Und die Reise, muss ich später zerknirscht zur Kenntnis nehmen, scheint kein Ende zu nehmen. die ersten bUchstaben treten in mein leben

Erst M, dann I, dann A. Ungebremst stürze ich in die Schullaufbahn. Im ersten Schuljahr komme ich meinem Ziel der Bewältigung der Welt näher als jemals danach. Alles ist in Bewegung, andere Kinder, viele bunte Farben, Hefte, Bücher. Dem Forschergeist der Kinderjahre gefallen Abenteuerromane. Unzählige Enid Blytons, Thomas Brezinas, Die drei Fragezeichen und TKKGs gehen bei uns ein und aus. Mutter ist bei Donauland und mit dem Kugelschreiber mache ich jeden Monat gut sichtbare Kreise um interessante Bücher. Das Buch, das Mutter unter allen auswählt, enttäuscht oft. Es erreicht meine Vorstellungen bei weitem nicht. Mir fehlt ein Buchempfehler, ein Drogendealer. Die erste Leseliste in der Volksschule entwickelt sich zum klasseninternen Schnelllesewettbewerb. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe, ich lese einfach zu langsam. Das ist mir erhalten geblieben. Mir steht

diese Vorlesestimme im Kopf im Weg, denn sie ist eigenwillig. Sie atmet und macht Pausen wie sie es will. Setzt Beistriche oder geht vielleicht auch aufs Klo oder entschweift gedanklich ganz anderswo hin. Nun ist es nicht mehr allein die Stimme der Mutter. Jedes Buch erhält seine eigene fiktive Vorlesestimme. Oder die Stimme aus dem Film drängt sich auf. Brennerromane lesen sich mir in der Stimme Josef Haders vor. Das geht sicherlich allen so. Als Teenager verliere ich den Spaß an der realen Welt. Ich mag nicht mehr die Spuren der Natur lesen. Die Spaziergänge mit dem Großvater sind mir eine Qual geworden. Am Bauernhof der Großeltern verbringe ich die großen Schulferien so wie früher, aber es erfreut mich kaum noch. Das Fernsehen nimmt mich ganz in Anspruch. Das Gerät ist das Fenster in eine Welt, in die ich eigentlich gehöre! Eine volle, bunte, laute Welt in der ständig etwas passiert und sich ein Höhepunkt an den anderen reiht. Die großen Entdeckungen, die mich nur wenige Jahre zuvor erfreuten, haben ihren Reiz verloren und liegen nun unbeachtet und lahm dar nieder. Ich wechsle in der dunklen Stube zwischen ORF 1 und 2 und wenn beides nichts mehr hergibt, dann lese ich. Der Sommer ist lang und der ORF kann erbarmungslos sein. Ich lese viel, aber ich lese aus Langeweile. Ich bin zu einem so faden Leben verdonnert worden, dass mir ja gar nichts anderes übrig bleibt! Wenn es gut läuft, verschwimmen die Realitäten aus Buch und Bauernhof und ein innerstes Gefühl begleitet mich und flüstert mir Dinge ein. Es verleiht meinem Leben einen Rahmen und einen Sinn.


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„Man muss seinen Hintern in die Vergangenheit bringen!“ Dieser Satz, gesagt von einem liebenswerten Warzenschwein im Disney-Film „Der König der Löwen“ ist eine leicht satzstellungsverwirrte Version von „Man muss seine Vergangenheit hinter sich bringen“, die Zusammenfassung des legendären Lebensmottos der beiden Überlebenskünstler Timon und Pumba – das berühmte Hakuna Matata. text maRtiNa wiNKleR

Vor der Pubertät schaffen das Die unendliche Geschichte, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, Konrad aus der Konservendose, Der 35. Mai. Ihnen gegenüber steht in der Pubertät so was wie „Jugendbücher“, die mir als Jugendlicher immer irgendwie peinlich sind. Ihr Plauderton ist besserwisserisch. Das weiß ich doch längst! Ich bin doch kein Baby mehr! Immer droht im Dunkeln eine Gefahr, vor der man gewarnt werden muss. Dabei finden wir Gefahr doch toll! Mit gemischten Gefühlen lesen meine Freundinnen und ich Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Da sind wir 13, vielleicht 14. Wenig später (was sind denn heute drei, vier Jahre?) geht es mit Hesse los, Jelinek, Bernhard, Schwab. Stürmer und Dränger. Sie sind echt und brachial, spucken Hass und rotzen Zynismus auf eine schwitzende und geschundene Welt. Ihre Stimme ist die Kurt Cobains und dröhnt aus dem Walkman. Wir schreiben wahrscheinlich das Jahr 1998. Die Eltern drängen mir das erste Handy auf. Meine erste Emailadresse habe ich zwei Jahre später. In Liebe und Dankbarkeit für J.W. (1950-2012)

die idee dahinter: Wenn deine Ver-

gangenheit dich verfolgt, dich vor sich hertreibt und einen so großen Schatten auf dein Leben wirft, dass es dir den Atem raubt und sie dir dein Jetzt und auch deine Zukunft zu nehmen droht, dann vergiss sie einfach. Mach einen Schnitt, klapp dieses Kapitel im Buch deines Lebens zu und starte einen neuen Anfang, denn die Vergangenheit ist genau das: vergangen. Wieso also weiter drum kümmern?

klingt ja grundsätzlich nach einem brillanten Plan – nur leider ist es nicht immer so einfach. Die Vergangenheit tendiert manchmal dazu, eine böse Klette zu sein. Sie krallt sich in deinem Leben fest, und egal was du tust um sie abzuschütteln, sie lässt dich einfach nicht los. Dann und wann hat das durchaus gravierende Gründe – aber oft ist es nur unsere eigene Angst, mit der wir uns an die Vergangenheit ketten. Ist ja auch verständlich. Ein böses Ereignis, das in unserem Leben Wellen geschlagen hat, ist meist eine Erinnerung, an der man allein schon deshalb festhält, um zu verhindern, dass dieselbe Situation noch einmal passiert. Dieser Effekt ist von Natur aus nicht ganz ungewollt und hat durchaus seinen Sinn: Herdplatten sind heiß, E-Zaun gleich Stromschlag gleich Aua, Katzen mögen nicht mit in die Bade-

wanne, etc. - alles Erinnerungen, aus denen wir lernen. Auch kleine Schatten, sozusagen Schättchen, die unsere Vergangenheit wirft, aber eigentlich im positiven Sinne. leider gibt es auch Schatten, die uns

nicht,oder nur sehr bedauerlicherweise mit einem Lerneffekt bedecken. So kann etwa das eine Mal in unserem Leben, wo wir von jemandem, der uns etwas bedeutet, im Stich gelassen wurden, so einen tiefen Schnitt hinterlassen, dass alle unsere zukünftigen Beziehungen davon überschattet werden, weil wir uns nicht mehr trauen zu vertrauen. Dieser Verlust begleitet manche ein Leben lang und ist einfach nicht mehr loszuwerden. Er klebt an einem - wie eine Klette eben.

nichts lässt einen schwerer los als die

eigene Vergangenheit, heißt es. Aber eigentlich hält nicht die Vergangenheit uns fest, sondern wir sie. Nicht jede Vergangenheit, die wir mit uns herumtragen, können wir von uns werfen. Aber bei der einen oder anderen könnten wir ja mal versuchen, sie loszulassen – oder sie zumindest auf einen Spaziergang um den Dorfbrunnen zu schicken… Also gib dir mal einen mentalen Ruck, fang mit einer kleinen Vergangenheit an und versuch doch einfach mal, sie loszulassen. Der Zukunft zuliebe! Hakuna Matata!


20 Vergangenheit

Libelle Jänner 2013

„Hochschulen in der NS-Zeit.“ Heute (k)ein Thema? Ein aktuelles ÖH-Projekt widmet sich erstmals der koordinierten Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit an Österreichs Universitäten Text Evelyn Knappitsch

War die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus an den heimischen Hochschulen lange ein Forschungsdesiderat, sind in den letzten Jahren vielen einschlägige Publikationen zum Thema selbstreflektiv aus der Mitte der Institutionen entstanden. War es da notwendig, ein neues, österreichweites Projekt aus ÖHMitteln zu initiieren? „Ja“, sagt Martin Schott, ÖH-Bundesvorsitzender, denn bisher sei „vornehmlich auf die eigene Hochschule fokussiert worden“. Das Projekt „Hochschulen in der NS-Zeit“ ziele hingegen darauf ab, erstmals einen Überblick über die gesamtösterreichische Situation zu geben, um eine Vergleichsbasis bereitzustellen. Außergewöhnlich an der Initiative ist neben der Dichte an involvierten Institutionen, dass nicht nur NachwuchswissenschaftlerInnen mit der Forschung betraut sind, sondern vor allem Studierende aller 11 teilnehmenden Universitäten gemeinsam das Thema in Forschungsseminaren erarbeiten werden. In Graz wurde dazu von Heidrun Zettelbauer und Dieter Binder (beide Institut für Geschichte) ein umfangreiches Workshop-Programm geplant, das die Studierenden durch zahlreiche ExpertInnenvorträge professionell an die Thematik heranführt.

Als gäbe es kein Vorher, als gäbe es kein Nachher.

Die Zeit des Nationalsozialismus bildet oft einen eigenen Block in der Mitte von Schulbüchern, sandwichartig eingeklemmt zwischen der ersten und der zweiten Österreichischen Republik, mit klarem Anfang und eindeutig datiertem Ende. Ein kompaktes Kapitel, mit feinsäuberlichen Seitenumbrüchen, dessen ProtagonistInnen dennoch nicht aus dem Nichts kamen, in einem Vorkriegs-Österreich sozialisiert wurden und die Bühne oft genug auch nach 1945 nicht verließen. Fragen nach jenen personellen wie strukturellen Kontinuitäten, Umbrüchen und Auswirkungen stehen im Zentrum eines ersten großen Themenschwerpunkts des Projekts. Darüber hinaus sollen auch die Rolle von Studierendenvertretungen sowie die gesellschaftliche Funktion von Hochschulen in der NS-Zeit untersucht werden. Am Ende werden die TeilnehmerInnen ihre Ergebnisse in einem Vernetzungstreffen in Wien austauschen. Ein Ziel des Projekts ist es, die Beiträge in einer durch die ÖH finanzierten Publikation im nächsten Sommersemester einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Nicht von der Projektleitung vorgesehen, aber dennoch im Rahmen des Seminars in Graz aufgekommen ist die Frage, in welcher Form eine adäquate Sichtbarmachung nationalsozialistischer Vergangenheit im öffentlichen, wie auch virtuellen Raum der Universität Graz stattfinden könnte. Was bedeutet es etwa für die Gedächtnispolitik der Institution wenn in der Zeitleiste zur „Geschichte der Universität Graz“, zu finden auf der Webpage des Uni Archivs, Neubauten wie dem Zentrum für Molekularbiologie oder dem Anglistik-Gebäude mehr Raum gewidmet wird, als der nationalsozialistischen Periode der Hochschule? Es folgt das wörtliches Zitat der betreffenden Passage auf der Uni-Homepage (Stand: 13. 1.): „1929/30 Infolge der ökonomischen Verhältnisse beginnt ein Personalabbau. // 1938 Entlassungen (darunter die drei Nobelpreisträger Loewi, Hess, Schrödinger). // 1939 De-facto-Aufhebung der Katholisch-Theologischen Fakultät. // 1945 Wiederherstellung der Struktur von vor 1938 //


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Foto: zeitgeschichte.oeh.ac.at

Ohne die Wörter „Faschismus“ oder „Nationalsozialismus“ auch nur zu streifen,

gelingt es, den Zeitabschnitt in die über 400-jährige Geschichte der Universität zu integrieren. Durch historisches Wissen unbefleckte Personen könnten logisch folgern, dass Loewi, Hess und Schrödinger ausschließlich auf Grund des bereits 1929/30 begonnen Personalabbaus die Uni verlassen mussten, aus wirtschaftlichen Gründen wäre es möglich gewesen, dass die Universität weder ihre drei Nobelpreisträger halten noch die theologische Fakultät weiter finanzieren konnte. Dass hinter den personellen wie strukturellen Veränderungen keine ökonomischen Ausnahmesituationen, sondern ausschließlich rassistisch und ideologisch motivierte Handlungen standen, lässt die Zeitleiste nicht im entferntesten erahnen. Diese Problematik der Homepage wurde aufgrund der Diskussionen im Forschungs-Projekt „Hochschulen in der NS-Zeit“ im Senat der Universität von der Autorin des Artikels zur Sprache gebracht, mit Erfolg, denn Vizerektor Polaschek hat zugesagt, sich dieser Angelegenheit anzunehmen.

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Libelle Jänner 2013

23.227 *

* Anzahl der gestohlenen Fahrräder in Österreich im Jahre 2011 Quelle: www.bmvit.gv.at/service/publikationen/verkehr/fuss_radverkehr/downloads/fahrraddiebstahl2012.pdf Foto: Nora Steinbach


Pop

„Jack und Jill“ im TIK

Theaterkolumne

Is brainy really the new sexy?

Die Auferstehung des Sherlock Holmes Kolumnen

Musik, Nerds & Sex Comic & 10 Vorsätze

Zeitmanagement & Gut gemeintes

Retro

Wer früher Mamas Leggins aus den 80ern vom Dachboden geholt hat, die Neon-Stulpen aufgetragen hat und seinen Fable für Tweet und weiße Spitze erkannt hat, der behielt diesen Hang für modische Fauxpas am besten für sich und ging schon gar nicht damit aus dem Haus. Aber nicht nur die Mode, sondern auch die Zeiten ändern sich. Heute ist Omas Hornbrille „nerdy“. Mamas Leggins mit Planetenmuster „trendy“ und die Hosenträger vom Ur-Opa unterstreichen richtig kombiniert den „Hipster-Look“. Auch außerhalb des Kleiderschrankes boomt die Retro-Welle und so gesellen sich 20er Jahre Partys mit stilsicheren Herren, die keinen besseren Don Corleone abgeben könnten zu adretten Pin Up Girls in der Milchshakebar im Stil der 50er.

Damals

Als die Gummistiefel noch aus Holz waren. Damals, ja damals war einfach immer alles besser. Wenn alte Menschen erzählen, klingt das so immer wie die absolute Verklärung der Vergangenheit, doch muss man dafür nicht 50 Jahre in der Geschichte zurückgehen. Auch das letzte Silvester war viel besser als das Heurige und die Neujahrsvorsätze und überhaupt. Es lässt sich doch gleich viel schöner „sudern“, wenn man sich auf die guten alten Tage besinnt ,nur um den Druck bei seiner Umgebung zu erhöhen, damit man in Zukunft auch über die Gegenwart von jenen glorreichen vergangenen Tagen sprechen kann.


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Libelle Jänner 2013

„Jack und Jill“ im TIK Theaterkolumne Text Kulturreferat ÖH Uni Graz

Was passiert, wenn der oder die „Richtige“ gefunden ist und alles perfekt scheint? Jane Martins Romanze setzt genau dort ein, wo die meisten Liebesgeschichten enden und porträtiert eine facettenreiche um Trennung und Zusammenfinden mäandernde Liebesbeziehung. „Jack und Jill“ ist eine moderne Beziehungskomödie, in der nicht nur die großen Fragen der Liebesbeziehung ausgehandelt werden: Individualität statt Zweisamkeit? Ich statt Wir? Freiheit statt Abhängigkeit? Jack und Jill, die im Englischen als Geschlechter-Synonyme gebraucht werden, ringen um Antworten im Spannungsfeld von angehäuften Altlasten vergangener Beziehungen, Streben nach Selbstverwirklichung und Dominanz. Markus-Peter Gössler und Sara Kodritsch spielen sich als Jack und Jill durch den ganz normalen Beziehungswahnsinn aus Annäherung,

Seite 37

Trennung und Wiedersehen – dabei wäre doch alles ganz einfach und ist doch so furchtbar kompliziert. Was alles passieren kann oder muss, wenn Jack, ein sensibler, netter Mann, und Jill, eine emanzipierte, junge, oftmals als schwierig zu bezeichnende Frau, versuchen, ihr Leben zu synchronisieren, ist jetzt im Jänner noch an acht Abenden im Theater im Keller (TIK) zu sehen. Seid gespannt auf eine bittersüße Beziehungskomödie mit dem Potenzial, sich in der einen oder anderen Szene selbst wiederzufinden! „Jack und Jill“

am 10., 11., 12., 18., 19., 24., 25., 26. Jänner (jeweils um 20 Uhr) TiK, Münzgrabenstraße 35, 8010 Graz Karten: 0316/83 45 83 www.tik-graz.at

Foto: TiK


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Libelle Jänner 2013

Is brainy really the new sexy? Die Auferstehung des Sherlock Holmes Text Kristina Kotur

Ein egozentrischer Einzelgänger, der nur selten Gefühle für seine Mitmenschen zeigt. Ein höchst rational und schnell denkendes Genie, das gerade deshalb oftmals mit einer Maschine verglichen wird. Kommunikation mit anderen Menschen ist nicht gerade sein Hobby – sind doch schließlich alles Idioten. Lieber schweigt er tagelang, sitzt in seiner Wohnung und spielt dort Geige, während er in den Tiefen seines „Mind Palace“ versinkt. Solche Eigenschaften beschreiben nicht unbedingt einen Menschen, den man zum besten Freund haben möchte. Nein, diese Eigenschaften beschreiben vielmehr einen „hochfunktionalen Soziopathen“. Aber warum lieben die sogenannten „Sherlockians“ dann ihren Sherlock Holmes so sehr? Warum erlebt der von Sir Arthur Conan Doyle bereits im späten 19. Jh. erschaffene Privatdetektiv gerade jetzt solch ein Revival? Nikotinpflaster statt Pfeife und Romance statt Bromance?

Ende 2009 kam der erste Teil von Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ in die Kinos. Mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. John Watson ließ der US-ActionThriller so manchen Fan des Originals kalt, da abgesehen von den Namen der Charaktere und dem viktorianischen, düsteren London nicht viel an Doyles Originalgeschichten erinnert. Kurze Zeit später setzten Steven Moffat und Mark Gatiss (u.a. Drehbuchautoren für „Doctor Who“) ihre Idee einer modernen Sherlock HolmesAdaption in die Tat um. Das Ergebnis: Die mittlerweile weltweit beliebte BBC-Serie „Sherlock“, in welcher der Consulting Detective im heutigen

London ermittelt. Die bekennenden Doyle-Fans Moffat und Gatiss haben es geschafft, den Kultdetektiv originalgetreu und gleichzeitig authentisch in das moderne Zeitalter zu versetzten. Wie? Mit britischem Witz und Charme, der nicht zuletzt den Hauptdarstellern Benedict Cumberbatch (Holmes) und Martin Freeman (Watson) zu verdanken ist. Statt Drogen und Pfeife bevorzugt der moderne Sherlock Nikotinpflaster und Kaffee. Er schreibt keine Telegramme, sondern verwendet sein iPhone. Es kann auch mal passieren, dass er aus Langeweile mit seiner Waffe an die Wände von 221B Baker Street ballert. Und John? John schreibt die bearbeiteten Fälle in seinem Blog nieder und muss immer wieder betonen, dass er nicht Sherlocks Date ist. Wer nicht über ein Jahr auf die dritte Staffel von „Sherlock“ warten kann, ohne ungeduldig auf seine vier Wände einzuschießen, kann sich ab dem 10. Januar die US-Serie „Elementary“ auf Sat1 ansehen. Das Resultat dieser Adaption ist eine weibliche Joan Watson (Lucy Liu), die dem tätowierten Ex-Junkie Sherlock Holmes (Jonny Lee Miller) beim Drogenentzug und dem Lösen von Fällen in New York City unterstützt (Warum haben sie die Serie eigentlich nicht „CSI: Sherlock“ genannt?). Ein Soziopath als Held des 21. Jahrhunderts?

Doch worin begründet sich dieses plötzliche Revival? Möglicherweise lässt sich Sherlocks Beliebtheit damit erklären, dass er ein Antiheld ist. Er ist kein makelloser, muskelbepackter Schönling, dem reihenweise Frauen verfallen. Ganz im Gegenteil.

Der Privatdetektiv mit dem markanten Gesicht widmet sein Interesse viel lieber dem Lösen von Kriminalfällen für die Polizei. Hat er einmal keine Fälle, die ihn auf Trab halten, so wird er unruhig, verbarrikadiert sich in seiner Wohnung und verfällt dem Konsum von Suchtmitteln.

Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes, Martin Freeman als Doctor John Watson Fotos: RanZag / commons.wikimedia.org / CC-BY-2.0

Der an anderen Menschen eher desinteressierte Egozentriker passt eigentlich ziemlich gut in unsere Zeit. Eine Zeit, in der immer mehr Menschen isoliert von der realen Außenwelt in den Fernen des Internets oder der Computerspiele versinken. Sherlock Holmes ist – unabhängig von der jeweiligen Adaption – immer menschlich. Er hat wie jeder von uns seine Schwächen, zögert aber nicht, diese auch zu zeigen. Er traut sich im Gegensatz zu den meisten Leuten da draußen seinem Gegenüber ins Gesicht zu sagen, dass er/sie ein Vollidiot ist. Er sagt, was er denkt und ist trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – irgendwie ein ziemlich cooler Kerl.


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Libelle Jänner 2013

Musik

Nerd

Text Manuel Borovsky

Text Herwig Riedl

Text Karla Bro‘Show

Wenn man von Meilensteinen der Musikgeschichte spricht, sollte man höllisch aufpassen – der Begriff ist schon mehr als überstrapaziert worden. Dieses Album, das neben der musikalischen Qualität vor allem durch die äußeren Umstände beeindruckt, gehört jedoch unbedingt in jene Kategorie: „At Folsom Prison“ von Johnny Cash aus dem Jahr 1968. Dieser Live-Mitschnitt seines Auftritts vor 2000 Häftlingen im Folsom-Gefängnis, den Cash um jeden Preis machen wollte, schrieb Geschichte. Der ‚Man In Black‘ hatte Zeit seines Lebens enge Verbindungen zu Gefängnissen und deren InsassInnen, und unter diesen Rahmenbedingungen lief er zur Höchstform auf. Hits wie „Folsom Prison Blues“ oder „Jackson“ (mit June Carter) haben kein Ablaufdatum und werden auf dieser Scheibe von vielen emotionalen Szenen begleitet, etwa als Cash die Bühne betritt („Hello, I’m Johnny Cash“) oder sich unter tosendem Jubel über die mangelnde Qualität des Trinkwassers beschwert.

Der Nerd des Jahres 2012 ist

Eine haarige Angelegenheit. Teils

Kolumne

Äußerst dankbar sollte man dem PRTeam rund um Anastacia sein – selten war man durch eine Werbung, in dem Fall für ihr neues Album „It’s A Man’s World“, so schnell davon überzeugt, dass man keine einzige Sekunde des Albums hören möchte. Wie man sich für das Comeback eine Reihe glattgebügelter und lebloser Coverversionen entscheiden kann, bleibt dahingestellt – aber Klassiker wie „Best Of You“ von den Foo Fighters auf diese Art und Weise zu verschandeln, ist eine wahre Meisterleistung. Sollte man es doch wagen und ins Album hineinhören, so erwartet einen gleich der nächste geballte Griff ins Klo: „Back In Black“ von AC/DC. Hier mutiert auch der friedfertigste Mensch zu einem Dieter Bohlen.

Kolumne

Nate Silver. Es ist statistisch bewiesen. Im letzten Wahlkampf um das Präsidentenamt in den Vereinigten Staaten war eine unfassbare mediale Schlammschlacht zu beobachten. Die extreme Polarisation in der amerikanischen Medienlandschaft machte es fast unmöglich, objektive Information zu erhalten. Was übrig blieb, war ein Getöse, in der jede Seite ihren Kandidaten zum Sieger erklärte. Selbst durch den Spiegel der Satire von Steven Colbert und John Stewart war es nur schwer erträglich. „Too close to call“ riefen die Medien lauthals, um relevanter zu erscheinen. Nur einer lachte da lausbübisch in sich hinein: der Hornbrillenträger Nate Silver. Er hatte alles längst ausgerechnet. Unbeeindruckt von all der heißen Luft, schalte Nate seinen Taschenrechner ein brachte etwas zurück in die polarisierte Medienlandschaft: die mathematischen Fakten. Als passionierter Baseballstatistiker – was wirklich so langweilig ist, wie es sich anhört – begann er einfach diese statistischen Methoden auf etwas Neues anzuwenden. Und so sagte er fast alles richtig voraus, vom Swing State bis zum Senatssitz. Selbst BerichterstatterInnen, die ihn zuvor verspottet hatten, mussten ihm zerknirscht Recht geben. Mit seinen Vorhersagen wurde Nate Silver vom Geheimtipp zum gefeierten Demographiestar. Was Nate mit seinen mathematischen Wunderkräften bis zur nächsten Wahl in vier Jahren macht, ist wohl die Frage der Stunde. Wird er seine Kräfte für das Gute oder Böse einsetzen…? Drunk Nate Silver emails George Lucas the exact time and location of “A long time ago, in a galaxy far, far away.”

Sex

Kolumne

evolutionstechnisch, Großteils durch den Zwang der Schönheitsindustrie sind die weiblichen Teilnehmerinnen der Gesellschaft eher unbehaart. Außer dem Haupthaar, den Augenbrauen und Wimpern ist es dem weiblichen Homo sapiens sapiens nicht erlaubt, es sprießen zu lassen. Dank dieser wunderbaren Entwicklung, der bis auf wenige wehrhafte Ausnahmen nahezu alle Frauen folgen, verbringen wir einen nicht allzu kleinen Teil unserer wertvollen Zeit auf Erden mit der mehr oder weniger schmerzhaften Entfernung von Körperbehaarung. Aber wie sieht es mit dem männlichen Teil der Bevölkerung aus? Nach Jahren der metrosexuellen, glattrasierten Männchen darf es heute wieder etwas mehr Haar am Mann sein. Auch die Gesichtsbehaarung darf wieder stehen bleiben, für das perfekte wilder-SeebärPiratenbraut-Feeling im heimischen Bett. Wohldosierte Körperbehaarung gefällt wieder besser, wobei wohldosiert das Schlüsselwort ist. Nicht so wie die Offenbarung, die ich hatte. Nach zwei, drei guten Gesprächen im Bett gelandet, perfekt rasiert wie meist, wenn ein solches Event ansteht, werden Kleider vom Leib gerissen. Bei einem Griff unter das Shirt des potentiellen Penetrators offenbart sich gar Schreckliches: ein dichter, den ganzen Oberkörper umwachsender, langer Pelz, der ohne Shirt dazu führt, dass sich frau fühlt, als ob sie mit einem Mehlbesen abgekehrt wird. Bei aller Liebe: zu viel ist zu viel! Fluchtartiges Verlassen der Szenerie und die Zerstörung eines männlichen Egos die Folge. Also, Männer: stutzen!


pop 27

Libelle Jänner 2013

10 Vorsätze Gut gemeint und nicht gehalten.

1

Endlich zum Lernen beginnen wollen – und Facebook öffnen

5

Weniger Fastfood essen, dafür mehr Tiefkühlpizza

8

Vor Beginn der Diät vorsorglich alle Schokokekse aufessen

2

Das Nichtraucherjahr mit einer Zigarette am 1.1. beginnen

6

9

Gesünder leben und den Wodka nur mehr mit Fruchtsaft trinken

3

Auf dem Weg zum Fitnesscenter bereits außer Atem kommen

Dem Biotop im Heimkühlschrank begegnen, indem man nur mehr Lebensmittel mit Mindesthaltbarkeitsdatum 2015 kauft

10

Mehr Kultur: Statt Othello in der Oper einem Eifersuchtsdrama im Club Q beiwohnen

4

Im Steakhaus feierlich verkünden, weniger Fleisch essen zu wollen

7

Statt in den Vorlesungen durchzuschlafen nur mehr kurze Nickerchen einlegen

impressum Medieninhaberin, Herausgeberin und Verlegerin: Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Universität Graz Schubertstraße 6a, 8010 Graz Tel: 0316 380 2900; vorsitz@oehunigraz.at

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Libelle Jänner 2013