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1 Nummer 103 | Juni 2017

Migration, Integration: Worüber reden wir hier?

Initiativen und Projekte für Geflüchtete


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Inhalt Zotti 03 Stefan Editorial

aller Kürze 04 InAuszeichnungen, Publikationen und anderes

Perchinig 06 Bernhard Migration – worüber reden wir hier eigentlich?

Barbara Herzog-Punzenberger | Philipp Schnell 10 Die verschiedenen Facetten von Bildung in der

Migrationsgesellschaft

Rita Michlits 14 Ausbildungsgrad im tertiären Bereich

entspricht Schnitt in Österreich

oead.news im Gespräch mit Rüdiger Teutsch, Bundesministerium für Bildung Aus- und Weiterbildung von Lehrer/innen als Schlüsselfaktor

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Gilly | Barbara Schrammel-Leber 18 Dagmar Lehrer/innenausbildung im Kontext von Migration −

aktuelle Entwicklungen

Sturm | Petra Ziegler 20 René Menschen mit Migrationshintergrund und

Berufsbildung

Elisabeth Fiorioli 26 Das Projekt MORE – Studium als Perspektive Esca-Scheuringer 28 Heidi Perspektiven für Geflüchtete durch Eva Baloch-Kaloianov 30 »Valuing competences« Müllner 32 Eva »Irgendwie fühlt man sich immer dazwischen« de Jong 34 Sara Employing the Cultural Broker in the Governance of

Yıldız 36 Erol Diversität als Herausforderung für Bildungsinstitutionen Susanne Binder 39 Gemeinsamkeiten betonen, Unterschiedlichkeiten akzeptieren

Doris Bauer 40 Migration anders denken – Alumni AudioLab

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oead.news im Gespräch mit Heidrun Mörtl, Leiterin Welcome Center der TU Graz Das Gefühl, willkommen zu sein

Loum 24 Constantine In Austria it was easy to fit in

Migration and Integration

Wolfgang Denk 35 »Kompetenzen sichtbar machen«

Dingler 22 Johannes Good-Practice-Beispiel für Willkommenskultur

vielfältige Initiativen

Nikisianli 42 Nikoleta Aufgeschoben ist nicht aufgehoben Dippelreiter 44 Michael Historisch betrachtet: Frauenstudium in Österreich

zum Thema Flucht 25 Initiativen Blickwinkel − Comics schaffen Mut zur Perspektive

OeAD-Events Veranstaltungskalender

refugees{code} − coding school for integration

Aichner 46 Regina Die Bologna-Servicestelle im OeAD informiert

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Stefan Zotti

Editorial 2015 wurde »Willkommenskultur» zum österreichischen Wort des Jahres gekürt. Außenminister Sebastian Kurz kritisierte damals noch ein Zuwenig an Willkommenskultur und unterstrich die Notwendigkeit, dass Menschen, die in Österreich wohnen, sich hier auch heimisch fühlen sollten. Die Flüchtlingskrise im selben Jahr hat den Diskurs über Migration und Integration dramatisch verändert. Dennoch bleiben viele Anliegen und Forderungen aus der Zeit davor aufrecht. Die Frage, wie es gelingen kann, möglichst vielen bereits in Österreich befindlichen Asylberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt und damit zu einem selbstbestimmten Leben zu geben, kennt nur eine nachhaltige Antwort: Bildung! Die Möglichkeiten, rasch Deutsch zu lernen, der Zugang zu Bildungseinrichtungen und die Anerkennung von Qualifikationen sind dabei Schlüsselelemente. Bedauerlicherweise finden sich in der Realität genügend Schicksale, die an bürokratischen Hürden und der nach wie vor verbreiteten österreichischen »Geht net. Gibt’s net«-Mentalität scheitern. Dabei wäre das doch der Weg, diese Menschen aus der langfristig jedenfalls entwürdigenden Bittsteller-Rolle in eine Selbstbestimmtheit zu entlassen, die auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Wenn aber die Aufnahme eines Vorbereitungsstudiums in bestimmten Fällen mit dem Entzug der Mindestsicherung »belohnt« wird, ohne dass

die betreffende Person Zugang zur Studienbeihilfe hat, grenzt es an Zynismus, von diesen Menschen »Integration durch Leistung« einzufordern. Die OeAD-GmbH hat deshalb im Herbst 2016 die Initiative »OeAD for refugees« gestartet, ein gezieltes Informationsangebot für studieninteressierte Flüchtlinge und Asylwerber/innen, um diesen den Weg in eine akademische Ausbildung beziehungsweise in die Fortsetzung ihrer Studien zu erleichtern. Gemeinsam mit der MORE-Initiative der Universitätenkonferenz und anderen privaten Initiativen ist in den letzten Jahren vieles geschehen, um die Integration von Zuwanderern durch Bildung zu fördern. Es wird in den nächsten Jahren aber noch weiterer Anstrengungen bedürfen, um die Potenziale der zugewanderten Menschen zur vollen Entfaltung zu bringen und mit ihnen gemeinsam zu nutzen. Es bleibt zu hoffen, dass eine neue Regierung die Bedeutung der Willkommenskultur neu entdeckt und engagierte Maßnahmen setzt, damit Integration durch Bildung gelingen kann.

© OeAD | Sabine Klimpt

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ihr Stefan Zotti

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OFFENLEGUNG GEMÄSS § 25 MEDIENGESETZ: Unternehmensgegenstand: Unternehmensgegenstand ist die Durchführung von Maßnahmen der europäischen und internationalen Kooperation im Bereich der Wissenschaft und Forschung sowie der Erschließung der Künste, der Hochschulbildung, der Bildung und der Ausbildung (§3. (2) OeAD-Gesetz) | Geschäftsführer: Stefan Zotti | Prokurist: Ulrich Hörmann | Mitglieder des Aufsichtsrates: Elmar Pichl, Hanspeter Huber, Teresa Indjein, Gottfried Schellmann, Heinz Fassmann, Kurt Koleznik, Malies Krainz-Dürr, Barbara Sporn, Franz Salchenegger, Eva Weixler, Bernhard Muzik, Harald Malainer | Die OeAD-GmbH steht zu einhundert Prozent im Eigentum des Bundes (§1.(2) OeAD-Gesetz) | Grundlegende Richtung: Information zu Bildungsmobilität & Bildungskooperation – national und international


In aller Kürze

25 Jahre Franz Werfel -Stipendienprogramm

Auslandslektor Tobias Heinrich erhält Schrödinger-Stipendium

Seit 1992 gibt es das Franz Werfel-Stipendium. Anlässlich des Jubiläums wurde vom OeAD eine Biobibliografie aller Werfel-Stipendiat/innen publiziert. Das Franz Werfel-Stipendium wendet sich an junge Universitätslehrer/innen, die sich schwerpunktmäßig mit österreichischer Literatur beschäftigen. Das Programm steht Bewerber/innen aus aller Welt offen, die Publikationslisten zeigen die Vielfalt und Besonderheit dieses seit 25 Jahren bestehenden Programms. Eingeleitet wird der Sammelband mit kurzen Beiträgen von Robert Menasse, Lisa Ndokwu, Konstanze Fliedl, Attila Bombitz und Timofiy Havryliv. Die Publikation wurde von den Herausgeberinnen Eva Müllner und Lydia Skarits am 28. April 2017 im Literaturhaus Wien präsentiert. Im Rahmen der Franz Werfel-Jahrestagung fand auch die bereits neunte Wendeln Schmidt-Dengler-Lesung statt. Die Lesung ist dem langjährigen wissenschaftlichen Leiter des Programms, Wendelin

Tobias Heinrich, Teilnehmer im Zertifikatskurs »Kompetenzfeld Auslandslektorat« und OeADLektor, erhielt ein mit 150.000 Euro dotiertes SchrödingerStipendium. Das Forschungsprojekt mit dem Titel »Soziale Medien im 18. Jahrhundert: Johann Wilhelm Ludwig Gleim« befasst mit den zahlreichen Analogien zwischen der Briefkultur des Aufklärungszeitalters und den digitalen sozialen Medien der Gegenwart. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung in Halle, dem Austrian Centre for Digital Humanities an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Oxford, an der Tobias Heinrich von 2015 bis 2017 als Auslandslektor tätig war, durchgeführt.

Wir gratulieren herzlich!

© onb | Bearbeitung Raidinger

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Schmidt-Dengler gewidmet. Anlässlich des Jubiläums las heuer der ungarische Schriftsteller Péter Nádas aus seinem neuesten Roman »Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers«. Falls Sie Interesse an der Publikation haben, wenden Sie sich bitte an info@oead.at.

School Education Gateway

Neuanfang fördern: Von Migration zur Integration

School Education Gateway bietet seit neuestem Massive Open Online Courses (MOOC) an, die sich unter anderem auf »Kompetenzen für Schulen des 21. Jahrhunderts« und »Integration von Schüler/innen mit Migrationshintergrund« konzentrieren. Diese Kurse werden kostenlos angeboten und zielen darauf ab, Schulpersonal bei den Herausforderungen des Schulalltags zu unterstützen. Die Kurse können jederzeit besucht werden. www.schooleducationgateway.eu

Die eTwinning-Gruppe »Neuanfang fördern: Von der Migration zur Integration« soll in erster Linie ein Ort der gegenseitigen Hilfe sein, in dem Schulleitungen und Lehrkräfte Erfahrungen und Materialien austauschen können. Die Gruppe bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Lehrkräfte für Schulprojekte zu finden, an denen Flüchtlingskinder beteiligt sind, z. B. um die deutsche Sprache praktisch anzuwenden. www.etwinning.net

EPALE-Publikation: »Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration: Die aufnehmende Gesellschaft im Fokus« In der Erwachsenenbildung bestimmt der wechselseitige Austausch innerhalb Europas zunehmend den Berufsalltag, Digitalisierung und Internationalisierung schaffen neue Möglichkeiten der Vernetzung. Gerade im Hinblick auf die Migrationsentwicklungen der letzten Jahre ist die Erwachsenenbildung besonders gefordert, europäisch-vernetzt auf die neuen Herausforderungen und Chancen zu reagieren. Am 24. November 2016 wurde in Kooperation von EPALE und Erasmus+ Erwachsenenbildung eine Veranstaltung organisiert. Sie fand im magdas Hotel statt, ein von der Caritas ins Leben gerufener sozial-ökonomischer Betrieb, in dem Menschen aus 14 Nationen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten arbeiten und der einen hervorragenden Rahmen für die Veranstaltung bot. Eine neue EPALE-Publikation zu dieser Veranstaltung finden Sie auf der Webseite: bildung.erasmuplus.at/epale


© iStock | Brian Jacksol

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»Teach for Austria« startet Programm für Lehrerinnen und Lehrer an Brennpunktschulen Österreich gehört zu den drei OECD-Ländern, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt. Nur 21 Prozent der 25- bis 64-Jährigen erlangen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund sind die Verlierer/innen des Bildungssystems. Was aufgrund von Herkunft oder soziokulturellem Hintergrund an Unterstützung im familiären Umfeld fehlt, wird vom Bildungssystem kaum aufgefangen. Damit bleiben erhebliche Potenziale und Talente für die Gesellschaft ungenützt. Seit fünf Jahren bildet die Initiative »Teach for Austria« frischgebackene Akademiker/innen zu

Lehrer/innen auf Zeit aus, die dann an sogenannten Brennpunktschulen unterrichten. Ab Juni soll es nun erstmals ein eigenes Programm für aktive Lehrerinnen und Lehrer geben. Ziel sei es, den Pädagog/innen Rüstzeug zu liefern, um mit den speziellen Herausforderungen an solchen Standorten besser umgehen zu können. Inhaltlicher Schwerpunkt der auf 14 Monate angelegten Ausbildung sollen jene Themen sein, mit denen Lehrer/innen von Schüler/innen aus sozial benachteiligten Milieus besonders oft konfrontiert sind: Umgang mit Interkulturalität, Mehrsprachigkeit, hoher Anteil an Flüchtlingskindern, aber etwa auch Gewaltbereitschaft. Weitere Informationen: www.teachforaustria.at

240.000

Bildungschancen sind in Österreich ungerecht verteilt.

Österreicherinnen und Österreicher nahmen bisher an Erasmus+ und den Vorgängerprogrammen teil

240.000 Personen aus Österreich packte bisher das Fernweh, um in einem anderen Land zu studieren, ein Praktikum zu absolvieren, zu lehren, zu arbeiten, ein Projekt zu initiieren oder eine Freiwilligentätigkeit auszuüben. Kein EU-Programm ist so erfolgreich und wegweisend wie Erasmus+, das mit seinem Vorläuferprogramm Erasmus seit 30 Jahren für die internationale Verständigung durch gemeinsames Arbeiten und Lernen steht. Mittlerweile umfasst das Programm unter dem Namen Erasmus+ Schulen, Hochschulen, die Berufs- und Erwachsenenbildung sowie die Bereiche Jugend und Sport. Mehr als neun Mio. Menschen haben seit 1987 europaweit die Möglichkeiten des Programms genutzt, mehr als eine halbe Mio. Projekte wurden umgesetzt. Gefeiert wird das Jubiläum in allen 33 Erasmus+ Ländern. Die Nationalagentur Erasmus+ Bildung in der OeAD-GmbH möchte die Erfolgsstory mit der Kampagne #ERASMUS30 auch über soziale Medien verbreiten. Zeigen Sie, dass Ihnen Bildung in Europa am Herzen liegt und machen Sie mit! Weitere Informationen: www.ec.europa.eu/erasmus30 | bildung.erasmusplus.at/erasmus30 | www.facebook.com/erasmus30


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Bernhard Perchinig

Migration – worüber reden wir hier eigentlich? Wenn wissenschaftliche Begriffe in politische Debatten einfließen, empfiehlt sich ein kritischer Blick auf die Begriffsverwendung. Dr. Bernhard Perchinig, geb. 1958, Promotion 1986 (Dr. phil, Politikwissenschaft, Universität Wien). Seit 2011 ist er Senior Researcher am International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) in Wien und Faculty Member am Department für Rechtswissenschaften und Internationale Beziehungen der Donau-Universität Krems. Davor war er Senior Research Fellow bei der Forschungsplattform Human Rights in the European Context, Universität Wien, sowie Senior Researcher am Institut für europäische Integrationsforschung der ÖAW (2003–2011).

Migration ist seit einiger Zeit das Diskussionsthema schlechthin. Angesichts seiner Relevanz in der Öffentlichkeit würde man annehmen, dass es eine genaue Definition des Begriffes gibt, an dem sich alle öffentlichen Einrichtungen und die Forschung orientieren. Doch dem ist nicht so. Bis heute arbeiten Staaten, internationale Organisationen und Forschungsinstitute mit unterschiedlichen Konzepten und Begriffen, die oft vor allem dazu dienen, die eigenen Blickwinkel durchzusetzen. Der bisher einzige Versuch einer international gültigen Definition von Migration wurzelt in der Bevölkerungsstatistik. Nach mehreren Anläufen in den 1980ern schlug die Bevölkerungsabteilung der UNO 1998 eine am Konzept des »gewöhnlichen Aufenthalts« orientierte Definition vor: »An international migrant is a person who changes his or her country of usual residence«1. Das »Land des gewöhnlichen Aufenthalts« wurde als jenes Land definiert, in dem der/die Migrant/in einen Platz zum Leben hat und die Tagesfreizeit verbringt. Kurzfristige Aufenthalte im Ausland sollten nicht angerechnet werden. Die Definition schlug zudem eine Differenzierung nach Kurzzeitmigration – zwischen drei und zwölf Monaten – und Langzeitmigration – mehr als zwölf Monate – vor. Diese Definition wird im Kern bis heute von der UNO gebraucht. Sie zeigt klar, dass internationale Migration als Mobilität im internationalen Staatensystem zu sehen ist, also erst das Staatensystem mit seinen Grenzen aus mobilen Menschen internationale Migrant/innen macht. Andererseits werden eine Reihe anderer Aspekte – wie z. B. Migrationsursachen, Niederlassungsstatus, Staatsbürgerschaft, oder sämtliche mit sozialer Integration 1 United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Statistics Division: Recommendations on Statistics of International Migration, (Statistical Papers Series M, No. 58, Rev. 1), New York 1998, p. 18.

verbundene Aspekte ausgespart. Somit bleibt die Definition technisch-deskriptiv. Binnenmigration wird von diesem Konzept nicht erfasst. Damit ist es wenig geeignet zum regionalen Vergleich von Mobilitätsdynamiken – in Weltregionen mit einer Vielzahl kleiner Staaten – z. B. Europa oder Nordwestafrika – gibt es mehr internationale Grenzen und damit mehr internationale Migrant/innen als bei vergleichbarer Mobilität in großen Flächenstaaten, wie z. B. China, Indien oder den USA. In der Praxis nutzen die meisten Datensätze das Geburtsland als »proxy« für Migration, und schließen damit Menschen, die nach einer Migrationsphase in ihr Geburtsland zurückkehren, von der Erfassung aus. Einige wenige Länder haben zudem damit begonnen, eine eigene Kategorie für die im Land geborenen Kinder mit zugewanderten Eltern einzuführen (»migrant parentage«). Im deutschen Sprachraum werden Migrant/innen und ihre Kinder oft in der Kategorie »Migrationshintergrund« zusammengefasst – eine wissenschaftlich durchaus umstrittene Praxis, die im englischen Sprachraum kein Gegenstück hat2. Im Unterschied zum Zugang der UN-Bevölkerungsabteilung nutzt der UNHCR, die UN-Organisation zum Schutz der Flüchtlinge, eine an der Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit der Migrationsentscheidung ansetzende Definition. Nach diesem Verständnis treffen internationale Migrant/innen die Migrationsentscheidung freiwillig, und Flüchtlinge unter Zwang. Eine Subsumierung von Flüchtlingen unter den Migrationsbegriff wird vom UNHCR abgelehnt: »A uniform legal definition of the term ›migrant‹ 2 Perchinig, B.; Troger, T. 2001: Migrationshintergrund als Differenzkategorie. Vom notwendigen Konflikt zwischen Theorie und Empirie in der Migrationsforschung. In: Polak R. (Hg,): Zukunft. Werte. Europa. Die Europäische Wertestudie 1990-2010. Österreich im Vergleich, Wien/Köln/Weimar (Böhlau) 2011, 283-323.


7 Migration − Integration − Bildung

© perchnig privat

In der wissenschaftlichen Diskussion wird die klare Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration stark in Frage gestellt, meint Bernhard Perchnig.

does not exist at the international level. Some policymakers, international organizations, and media outlets understand and use the word ›migrant‹ as an umbrella term to cover both migrants and refugees. For instance, global statistics on international migration typically use a definition of ›international migration‹ that would include many asylum-seeker and refugee movements. (….) Blurring the terms ›refugees‹ and ›migrants‹ takes attention away from the specific legal protections refugees require, such as protection from refoulement and from being penalized for crossing borders without authorization in order to seek safety.«3 In der wissenschaftlichen Diskussion wird diese klare Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration stark in Frage gestellt. Während Staaten daran interessiert sind, eine klare Trennlinie zwischen freiwilliger und erzwungener Migration zu ziehen – im ersten Fall haben sie unbestrittene Kontrollrechte, im zweiten Fall – zunehmend umstrittene – Aufnahmeverpflichtungen, sind individuelle Migrationsbiografien meist nicht so einfach zuordenbar, eine Vermischung bzw. eine zeitliche Abfolge unterschiedlicher Entscheidungssituationen und Migrationsmotive sind häufig. In der Forschung wird daher vermehrt von »mixed migration flows« gesprochen und deutlicher Reformbedarf – etwa die Öffnung legaler Migrationswege, die Schaffung von Übergängen zwischen Arbeitsmigration und Asyl, oder ein stärkerer Fokus auf Reintegration im Herkunftsland im Fall von Ausweisungen − konstatiert4. 3 UNHCR 2016: »Refugees« and »Migrants«: Frequently Asked Questions. New York (UNHCR), 16 March 2016, http://www.unhcr. org/afr/news/latest/2016/3/56e95c676/refugees-migrantsfrequently-asked-questions-faqs.html, accessed 12.02.2017 4 Vgl. z. B. Angenendt, St.; Kipp, D.; Meier, A. 2017: Gemischte Wanderungen. Herausforderungen und Optionen einer Dauerbaustelle der deutschen und europäischen Asyl- und Migrationspolitik. Gütersloh (Bertelsmann-Stiftung) 2017, S.48 ff.

Während der Migrationsbegriff am Überschreiten der territorialen Grenzen anknüpft, sind die Grenzen der institutionellen Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft im Rechtssystem verankert. In den meisten Ländern der Welt bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Rechten von Staatsbürger/innen und Ausländer/innen. Während erstere – zumindest in den demokratisch verfassten Ländern – neben dem unbeschränkten Recht auf Aufenthalt auch das Recht auf den vollen Zugang zum Arbeitsmarkt und dem gesellschaftlichen Institutionensystem sowie das Recht auf politische Mitbestimmung genießen, unterliegen Ausländer/innen einer Reihe von Einschränkungen. Anders als in Europa, wo die Unionsbürgerschaft und die von der EU kodifizierten Rechte von legal ansässigen Nicht-Unionsbürger/innen eine weitgehende Gleichstellung beim Arbeitmarktzugang und den sozialen Rechten schufen, sind diese Unterschiede in den meisten Weltregionen noch sehr deutlich und das Aufenthaltsrecht von Ausländer/innen ist oft prekär. Mit wenigen Ausnahmen sind politische Mitbestimmungsrechte für Ausländer/innen, wenn überhaupt, nur eingeschränkt vorhanden. Gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft braucht bis heute meist die Aufnahme in den Verband der Staatsbürger/innen durch Einbürgerung. Staatsbürgerschaft (»Ausländer«) und Migration (»Migranten«) werden im Alltag oft verwechselt und synonym verwendet, auch staatliche Behörden erheben oft nur die Staatsbürgerschaft und nicht das Geburtsland. Dies ist so lange relativ problemlos, solange es a) kaum Einbürgerungen gibt und b) alle im Land geborenen Kinder aufgrund des Geburtslandsprinzips automatisch Staatsbürger/ innen werden. Doch die Realität ist – nicht nur in Österreich – anders: Etwa ein Drittel der im Ausland Geborenen haben hierzulande die österreichische Staatsbürgerschaft – die meisten wurden eingebürgert, einige wenige darunter sind die im

In der wissenschaftlichen Diskussion wird diese klare Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration stark in Frage gestellt.


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Bernhard Perchinig: »Der starke Sprachfokus in der Integrationspolitik in Europa ist weltweit einzigartig und nur aus der Geschichte der europäischen Nationalstaatsbildung verständlich.«

Migration im selben Sprachraum stattfinden. Österreicher/innen, die von Salzburg nach München migrieren, werden ein paar sprachliche Feinheiten neu erlernen müssen; ein in Zürich aufgewachsener Deutschschweizer wird in Genf ohne gute Französischkenntnisse massive Alltagsschwierigkeiten haben. Die Kenntnis der Landessprache ist in anderen Weltgegenden auch deutlich weniger stark emotional besetzt – sowohl in Kalifornien wie in Florida ist der Alltag inzwischen problemlos auch auf Spanisch gut lebbar. Der starke Sprachfokus in der Integrationspolitik in Europa ist weltweit einzigartig und nur aus der Geschichte der europäischen Nationalstaatsbildung verständlich. Migration ist als komplexes Phänomen nicht mit einem einzigen Begriff fassbar, sondern braucht die Kombination der in den unterschiedlichen Begriffen zum Ausdruck kommenden unterschiedlichen Perspektiven. Besonders dort, wo wissenschaftliche Begriffe in politischen Debatten genutzt werden, empfiehlt sich ein kritischer Blick auf die Begriffsverwendung, um im Wissen um die Grenzen der genutzten Begrifflichkeit die mit der Begriffsverwendung verknüpften Interessen zu erkennen.

© Stephanie Hofschlaeger | Pixelio

Ausland geborenen Kinder von Österreicher/innen. Etwa 180.000 in Österreich Geborene haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, da das österreichische Staatsbürgerschaftsrecht das Geburtslandprinzip nicht kennt. Die Einbürgerung ist ein sozial selektiver Vorgang: Eingebürgert werden nur jene, die nach einer bestimmten Aufenthaltsdauer ein bestimmtes Maß an ökonomischer Verankerung – stabiles Einkommen, akzeptable Wohnsituation – erreicht haben. Statistische Daten über die ausländische Wohnbevölkerung geben somit, salopp gesagt, nur Informationen über die ökonomisch schlechter gestellten Migrant/innen und sind als Indikator für Integration unbrauchbar. Migration ist oft auch mit dem Überschreiten einer Sprachgrenze verbunden. Europa ist der einzige Kontinent der Welt, wo Sprachgrenzen und Staatsgrenzen meist korrelieren, Europäer/innen assoziieren mit Migration daher meist auch das Thema Spracherwerb. Diese enge Verknüpfung von Sprach- und Staatsgrenzen gibt es weder in den Amerikas noch in Afrika oder Asien. Umgekehrt kann auch Binnenmigration zum Überschreiten einer Sprachgrenze führen, und internationale


7,47 Milliarden

© Kuklev| iStock

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Menschen umfasste die Weltbevölkerung beim Jahreswechsel 2016/17 (Quelle: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung).

243,7 Millionen Personen lebten laut den Vereinten Nationen 2015 nicht in dem Land, in dem sie geboren wurden.

Das entspricht einem Anteil von 3,3 Prozent an der Weltbevölkerung.

Rund 8 Prozent aller Migrant/innen weltweit sind Flüchtlinge.

Bildung weltweit Die Ziele der globalen Bildungsagenda 2030 (Auswahl der Sustainable Development Goals): ÆÆ Bis 2030 allen Mädchen und Jungen den Abschluss einer hochwertigen, kostenlosen Primar- und Sekundarschulbildung ermöglichen, die zu relevanten und effektiven Lernergebnissen führt; ÆÆ Bis 2030 allen Mädchen und Jungen den Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung sichern, die ihnen einen erfolgreichen Übergang in die Schule ermöglichen; ÆÆ Bis 2030 allen Frauen und Männern einen gleichberechtigten und bezahlbaren Zugang zu hochwertiger beruflicher und akademischer Bildung ermöglichen; ÆÆ Bis 2030 sicherstellen, dass eine deutlich höhere Anzahl an Jugendlichen und Erwachsenen die für eine Beschäftigung oder Selbstständigkeit relevanten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt; Alle Staaten, auch Österreich, haben sich in dem Aktionsrahmen Bildung 2030 dazu verpflichtet, ihren Beitrag zur Erreichung der Bildungsziele zu leisten und nationale Aktionspläne auszuarbeiten. Regierungen, UN-Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und die Zivilgesellschaft sollen zur Erreichung dieser Ziele zusammenarbeiten. Derzeit haben fast 60 Millionen Kinder keinen Zugang zu formaler Bildung. Weltweit gehen 50 Millionen mehr Kinder in die Schule als noch 1999. In 32 Ländern verlassen 20 Prozent der Jungen und Mädchen ihre Grundschulen vor der letzten Klasse. Betroffen sind davon überproportional viele Schulen im subsaharischen Afrika. Quelle: www.unesco.at/bildung


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Barbara Herzog-Punzenberger | Philipp Schnell

Die verschiedenen Facetten von Bildung in der Migrationsgesellschaft Migrationshintergrund ist weit weniger ausschlaggebend für geringere Lern- und Bildungserfolge als der Bildungsstand der Eltern und deren sozioökonomischer Status. Dr. Barbara HerzogPunzenberger leitet seit 2014 an der Abteilung für Bildungsforschung der Uni Linz den Arbeitsbereich Migration und Bildung. Davor forschte sie am Bundesinstitut für Bildungsforschung BIFIE und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dr. Philipp Schnell ist Mitarbeiter der Arbeiterkammer Wien. Davor forschte er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und am Institut für Soziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Soziale Ungleichheit, Ethnische Minderheiten, Migration und Integration.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Österreichs Schulklassen mit Migrationshintergrund wächst stetig – dies ist einerseits langfristige Folge der vor über 50 Jahren einsetzenden Anwerbung ausländischer »Gastarbeiter/innen«, andererseits ein Nebeneffekt der zunehmenden beruflichen Mobilität innerhalb der EU und weltweit. Migration und Diversität waren in Österreichs Schulklassen schon lange vor der aktuellen Flüchtlingssituation präsent. Tatsächlich sind aber nach wie vor zu viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und nichtdeutscher Muttersprache Bildungsverlierer/innen: Sie erreichen seltener höhere Bildungsniveaus und sind an Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Verfügen die Eltern selbst nur über einen Pflichtschulabschluss, ist das Risiko, weder eine Ausbildung abzuschließen noch einen Arbeitsplatz zu erlangen, in dieser Gruppe deutlich erhöht, auch wenn sie bereits in Österreich geboren und eingeschult wurden. Bei der Bewertung der Ursachen ist Vorsicht angebracht: Sozioökonomische Verhältnisse und die Eigenheiten des österreichischen Bildungssystems besitzen sehr viel mehr Einfluss als die ethnische Zugehörigkeit, die fälschlicherweise oft als monokausaler Faktor dargestellt wird. Eine Studie aus dem Jahr 2012 verglich die Bildungschancen der Kinder türkischer Arbeitsmigrant/innen in acht europäischen Ländern, darunter auch Österreich. Obwohl bereits in den Gastländern geboren, war der Anteil jener, die nur einen Pflichtschulabschluss erreichten, in Deutschland (31 Prozent) und Österreich (25 Prozent) sehr hoch; viel höher als etwa in Schweden (9 Prozent) oder Frankreich (14 Prozent). Umgekehrt war die Chance auf einen höherwertigen Bildungsabschluss in anderen Ländern drei- bis viermal höher als in Österreich. In der Studie wurden vor allem drei strukturelle Eigenschaften identifiziert, die für diese Unterschiede verantwortlich sind. Erster Faktor ist

das Eintrittsalter in vorschulische Einrichtungen und damit die Länge des Zeitraums, in dem Eltern das Lernen ihrer Kinder alleine beeinflussen. Hier schlägt der in Österreich vergleichsweise späte Eintritt der Kinder negativ für deren spätere Bildung zu Buche. Ähnlich der zweite Faktor: Wann entscheidet sich der weitere Bildungsweg des Kindes? Da dies in Österreich vergleichsweise früh geschieht, spielen der Einfluss der Eltern und damit auch deren eigene Bildungsbiographien noch eine große Rolle. Und drittens ist auch ganz konkret der zeitliche Umfang der schulischen Betreuung relevant: Halbtagsschulsysteme zeigen gegenüber anderen Systemen deutliche Nachteile. In Österreich, wo Schüler/innen verhältnismäßig viel Lernzeit außerhalb der Schule erbringen müssen, setzen sich familiäre Ausgangsbedingungen eher fort als in Ländern mit ganztägigen Schulformen. Dadurch sind gerade Kinder von Eltern benachteiligt, die weder mit dem Lernstoff noch mit Sprache oder Schulsystem vertraut sind. Der Migrationshintergrund ist damit ebenso wie die ethnisch-kulturelle Herkunft per se weniger ausschlaggebend für geringere Lern- und Bildungserfolge als der Bildungsstand der Eltern und deren sozioökonomischer Status, eine andere Erstsprache als Deutsch sowie die Struktur des Bildungssystems. Diese Benachteiligungen führen nicht nur zu geringeren Leistungen, sondern nicht selten auch zu Frustration bei den Jugendlichen, die sich im Laufe der Zeit steigern und zum frühzeitigen Abbrechen der Schule führen kann. Sprachlich-kulturelle Diversität ist Normalität Als geeignete Gegenmaßnahmen werden das Recht auf einen Kindergartenplatz ab dem 2. Lebensjahr, der verstärkte Ausbau von Ganztagsschulen und Deutschförderung auf allen Schulebenen


11 Migration − Integration − Bildung

Schüler/innen mit anderen Erstsprachen als Deutsch in Österreich und Wien

Österreich, in Prozent

Allgemein bildende Pflichtschulen

AHS

BHS

Wien, in Prozent

Alle

Allgemein bildende Pflichtschulen

AHS

BHS

Alle

Quelle: BMB, Informationsblätter zum Thema Migration und Schule Nr. 2/2016-17

bei gleichzeitiger Förderung der Erstsprachen identifiziert. Und nicht zuletzt sollten sich Pädagog/innen aller Bildungsinstitutionen bereits in der Ausbildung mit sprachlich-kultureller Diversität auseinandersetzen, um der Normalität in Kinderkrippe, Kindergarten und Schule gewachsen zu sein. Mit einer Kombination aus diesen Maßnahmen soll erreicht werden, dass künftig alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft gleiche Chancen im Bildungssystem und später am Arbeitsmarkt erhalten. 1

oead.news im Gespräch mit Barbara Herzog-Punzenberger oead.news: Die Ergebnisse Ihrer Studie streuen dem österreichischen Bildungssystem nicht unbedingt Rosen. Wie sehen Sie die aktuelle Situation angesichts der Flüchtlingskrise und der Tatsache, dass kurzfristig sehr viele Jugendliche und Kinder integriert werden müssen? Barbara Herzog-Punzenberger: Die Situation ist über das Land verteilt ziemlich unterschiedlich. In vielen Schulen sind einige wenige Flüchtlingskinder hinzugekommen, deren Situation sich nicht sehr von anderen zugewanderten Kindern aus einem vergleichbaren soziokulturellen Milieu unterscheidet. Wesentlich erleichtert wird der Schulerfolg der Kinder, wenn die Familien in der Gemeinde gut aufgenommen werden. Teilweise bedeutet es, dass sich Schulen erstmals mit dem Phänomen der sprachlichen und kulturellen Vielfalt beschäf* Anmerkung: Teile dieses Textes sind in der Zeitschrift »Arbeit & Wirtschaft«, Nr. 6, 2015, 69. Jahrgang erschienen.

tigen und an manchen Standorten hat es sicher zur Professionalisierung in diesem Themenbereich geführt, nicht zuletzt wenn die Weiterbildungsangebote der Pädagogischen Hochschulen angenommen wurden. Bei traumatisierten Kindern ist natürlich eine entsprechende Unterstützung vonnöten, die oftmals nicht in der notwendigen Art geleistet werden konnte. Dies erschwert den ganzen Bildungsprozess, ganz abgesehen vom allgemeinen Wohlbefinden des Kindes bzw. der Familie. Anders als in kleineren Gemeinden ist die Situation in Städten und bei größeren Flüchtlingsunterkünften, wo viele neuankommende Schüler/innen ohne jegliche Deutschkenntnisse in den Schulbetrieb integriert werden müssen. Einerseits wurde das mit Sprachstartgruppen bewältigt und andererseits mit Sprachförderkursen, die im Unterricht integrativ geführt werden. Glücklicherweise gibt es meistens engagierte Pädagog/innen und Schulleiter/innen, allerdings können auch sie die realen Engpässe personeller, aber auch infrastruktureller Art oder das Desinteresse bis hin zu Ablehnung von Kolleg/innen nicht auffangen. Die Mobilen Interkulturellen Teams waren eine Antwort, die Erleichterung in Krisensituationen bringen sollte. Eine abschließende Bewertung aller Maßnahmen und Prozesse steht noch aus. Das Bild ist sicherlich heterogen. oead.news: Sahen/sehen Sie unmittelbare politische Reaktionen auf die Ergebnisse der Studie und gibt es im europäischen Vergleich Tendenzen, wie Bildungssysteme auf diese Diversität – die ja, wie auch von Ihnen erwähnt, Normalität ist – reagieren?

Ein wesentlicher Teil interkultureller Kompetenz besteht aus Perspektivenwechsel, Selbstreflexion und dem Hinterfragen der eigenen Normalität.


© : Forschungspl

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Kinderkrippe und Kindergarten sind wichtige Institutionen der Bildung mit enormem Potenzial zum Ausgleich ungleicher Startchancen.

Barbara Herzog-Punzenberger: Es ist schwierig, politische Entwicklungen oder Maßnahmen auf eine einzige Studie zurückzuführen. Es könnte aber sein, dass die Studie dazu beigetragen hat, die elementarpädagogischen Einrichtungen, also Kinderkrippe und Kindergarten stärker als Institutionen der Bildung zu sehen und deren enormes Potential zum Ausgleich ungleicher Startchancen am Schulbeginn und für familiäre Integrationsprozesse insgesamt zu verstehen. Dazu gehört als politische Maßnahme der Ausbau der entsprechenden Infrastruktur. Selbiges gilt für den Bereich der Schule. Der Ausbau der ganztägigen Schulform ist ein wichtiger Schritt, um den Bildungserfolg von Kindern unabhängiger von den elterlichen Bildungserfahrungen zu machen. In den Ausbau der notwendigen Infrastruktur wird in den letzten Jahren massiv investiert. Hinsichtlich einer längeren gemeinsamen Schulzeit, d. h. Trennung erst nach der Pflichtschulzeit, sind wir in den deutschsprachigen Ländern bisher nicht erfolgreich gewesen. Österreichische Lehrkräfte und Eltern können sich trotz des Bildungserfolgs vieler Länder mit Gesamtschulsystem, wie etwa Kanada, nicht vorstellen, dass die Trennung keine Leistungsvorteile bringt. Tatsächlich hat Österreich etwa bei den PISA-Testungen einen wesentlich kleineren Anteil an Schüler/innen mit besonders hohen Leistungen als Kanada. Niemand kann argumentieren, dass die frühe Trennung zu höheren Leistungen etwa bei den »talentierteren« Schüler/innen führt, eher trifft − das zeigen die internationalen Daten − das Gegenteil zu. oead.news: Die OeAD-GmbH ist die österreichische Agentur für internationale Mobilität und Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Wir bemühen uns – vor allem im Rahmen des Programms Erasmus+ – um Internationalität auf allen Bildungsebenen. Inwieweit können diese Programme, etwa mit einem international classroom oder durch internationalisation

at home, zu einer größeren Akzeptanz dieser »Normalität« beitragen? Barbara Herzog-Punzenberger: Jede Begegnung mit anderen »Kulturen«, um es ganz pauschal zu sagen, kann zu interkultureller Kompetenz führen, allerdings nicht zwangsläufig. Eine sachkundige Begleitung ist vonnöten, da es ansonsten auch zur Verfestigung von Stereotypen kommen kann. Ein wesentlicher Teil interkultureller Kompetenz besteht aus Perspektivenwechsel, Selbstreflexion, dem Hinterfragen der eigenen Normalität, Steigerung der Empathiefähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Verhaltensflexibilität, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten und einem umfassenden kulturellen Wissen. Das sind Fähigkeiten, die weder selbstverständlich vorhanden sind noch automatisch generiert werden. Verbleibt man in den üblichen Rollenerwartungen, kann es auch zu herben Enttäuschungen kommen. Mit einer fachkundigen Begleitung können diese Initiativen sicherlich ein wichtiger Baustein für eine neue Normalität werden. Quellen: OECD 2015, Indicators of Immigrant Integration: tinyurl.com/nhstaly The Integration of the European Second Generation TIES: www.tiesproject.eu/index3322.html?lang=de Herzog-Punzenberger, B./Schnell, P. (2012): Bildungsabschlüsse und Bildungsverläufe der zweiten türkischen Generation im internationalen Vergleich. In: Herzog-Punzenberger, B. (Hg.): Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012. Band 2. Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen, Leykam www.bifie.at/system/files/dl/Web-Dok_6.2_Mehrsprachigkeit.pdf Schnell, P. (2014): Educational mobility of second-generation Turks. Cross-national perspectives. Amsterdam University Press (IMISCOE Research Series)


13 Migration − Integration − Bildung

Bildung und Sprache in Österreich

16 % der Kinder mit Migrationshintergrund, das sind ca. 230.000, sprechen zu Hause ausschließlich

eine andere Sprache als Deutsch.

68 % der Kinder mit Migrationshintergrund sprechen Deutsch und mindestens eine weitere Sprache,

16 Prozent sprechen nur Deutsch.

87 % der Kinder ohne Migrationshintergrund sprechen zu Hause nur Deutsch. Über 100 Sprachen sprechen Schulkinder derzeit in Österreich. Quelle: Migrationshintergrund und Lesekompetenz: Entwicklung seit dem Jahr 2000. Silvia Sachegger, Barbara HerzogPunzenberger und Sandra Filzmoser. In Suchán, Birgit; Wallner-Paschon, Christina und Claudia Schreiner: »PIRLS/TIMSS 2011 Expertenbericht Österreich« Graz: Leykam, 2015

Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Bundesland (Jahresdurchschnitt 2014, in Prozent) 1. Generation

8

15

Burgenland

ÖSTERREICH

30 Wien

9 Niederösterreich

9

15 Oberösterreich

Steiermark

16 Salzburg

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14 Tirol

Kärnten

17 Vorarlberg

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3

4

3

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5

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2. Generation

Quelle: Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung)


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Rita Michlits

Ausbildungsgrad im tertiären Bereich entspricht Schnitt in Österreich Eine Studie des Wittgenstein Centre untersucht das Humankapital der Menschen, die 2015 in Österreich Zuflucht fanden. Die Jüngeren wollen hier Schule oder Studium fortsetzen. Mag. Rita Michlits leitet die Kommunikationsabteilung der OeAD-GmbH, hat Publizistik und Kunstgeschichte studiert und arbeitet seit September 2003 beim Österreichischen Austauschdienst.

»Der Großteil der Geflüchteten stammt aus der Mittelschicht und ist gut ausgebildet.« Isabella Buber-Ennser, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Wer sind die Menschen, die 2015 nach Österreich geflüchtet sind und welche Zukunftspläne haben sie?, wollten Forscher/innen des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital wissen. Erstmals im deutschsprachigen Raum erforschten sie Ende 2015 in einer Kooperation von WU Wien, ÖAW (Österreichischer Akademie der Wissenschaften) und IIASA (International Institute for Applied Systems Analysis) das Humankapital der Geflüchteten aus Syien, dem Irak und Afghanistan. Die Autor/innen von »Displaced Persons in Austria Survey«, kurz DiPAS, kommen nach Auswertung der rund 500 Interviews zum Schluss, dass das Integrationspotenzial bemerkenswert hoch ist. Sowohl der Bildungsgrad als auch die beruflichen Qualifikationen lassen darauf schließen. Aufgrund der derzeitigen Bedrohung im Heimatland habe die Mehrzahl der Befragten nicht die Absicht, zurückzukehren. Sowohl eigene Ausbildung und beruflicher Werdegang wurden abgefragt, als auch die der engsten Familie, sodass die Erhebung Rückschlüsse auf knapp 1.400 Personen erlaubt. Die Stichprobe entspricht 1,2 Prozent der Menschen, die 2015 in Österreich um Asyl angesucht haben. Die Interviews wurden in Englisch, Arabisch und Farsi/Dari durchgeführt. Muttersprachliche Übersetzer/innen unterstützten bei der Planung und Durchführung der Umfrage. Vielfach hatten sie eigenen Flüchtlingshintergrund, was eine Vertrauensbasis schuf und maßgeblich zum Erfolg der Studie beitrug, sind sich die Autor/innen sicher. Die Jungen sind besser ausgebildet Auf der individuellen Ebene zeige sich, dass »Bildung zentral ist für Selbstbestimmung, aber auch für die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt«, so Wolfgang Lutz, Gründungsdirektor des Wittgenstein Centre. Konkret haben 53 Prozent der syri-

schen, 46 Prozent der irakischen und unter 30 Prozent der afghanischen Befragten die Sekundarstufe II (Oberstufe AHS, BHS, BMS, Lehre) abgeschlossen. Personen zwischen 20 und 29 Jahren sind besser gebildet als jene zwischen 30 und 59 Jahren. In dieser Altersgruppe verfügen 55 Prozent über eine höhere Sekundarbildung, bei den über 30-Jährigen lediglich 41 Prozent. Die überwiegende Mehrheit, nämlich 87 Prozent, verfügen über einen Bachelor- bzw. Kollegabschluss, nur wenige haben einen Master. Der Anteil der hoch gebildeten unter den syrischen und irakischen Befragten übersteigt mit 29 Prozent sogar knapp jenem unter Österreicher/innen (28 Prozent). Sekundarstufe II abgeschlossen haben allerdings doppelt so viele Inländer/innen als die befragten Geflüchteten. »Der Vergleich zum Ausbildungsniveau im jeweiligen Heimatland zeigt, dass die Befragten gut ausgebildet sind und aus der Mittelschicht stammen«, sagt Isabella Buber-Ennser, Demografin an der ÖAW zu oead.news. Sie ist zusammen mit der WU-Forscherin Judith Kohlenberger Erstautorin der Erhebung. Anders ausgedrückt: »Sie konnten sich eine Flucht leisten«, so Buber-Ennser weiter. Die Auswertung sozioökonomischer Faktoren ergab, dass vier Fünftel der Befragten vor ihrer Flucht im eigenen Haus oder dem der Familie lebten. Die Hälfte schätzte die Kosten ihrer Flucht auf knapp 2.000 bis knapp 3.000 US-Dollar pro Person. 30 Prozent mussten über 4.000 US-Dollar pro Person aufbringen. Buber-Ennser: »Dies entspricht einem Vielfachen des durchschnittlichen Jahreseinkommens in den jeweiligen Herkunftsländern.« Zum Vergleich: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Syrien im Jahr 2010 betrug ca. 3.000 US-Dollar. Die Studie deckt sich mit den Ergebnissen des AMS, das im Vorjahr Kompetenzchecks unter knapp 6.000 Asylberechtigten durchgeführt hat. So besitzen 62 Prozent der Teilnehmer/innen aus Syrien, 85 Prozent der Teilnehmer/innen aus dem


15 Responsible Science

Bildungsabschlüsse geflüchteter Personen im Alter von 20 bis 59 Jahren in DiPAS

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9

38

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26

© Pixelio | CFalk

Bildungsabschlüsse in Österreich und in DiPAS

Iran und 57 Prozent der Teilnehmer/innen aus dem Irak eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung. »Das heißt, sie haben entweder Studium oder Matura«, so AMS-Vorstand Johannes Kopf zu oead.news. Fundierte Deutschkenntnisse seien für die Integration in den Arbeitsmarkt zentral, sagt Kopf. »Das AMS stellt daher Deutschkurse auf den verschiedenen Levels für die geflüchteten Menschen zur Verfügung. Darüber hinaus unterstützen wir bei der Anerkennung von Qualifikationen.« In eigenen Beratungseinrichtungen stellt das AMS heuer österreichweit Kapazitäten für die Betreuung von rund 18.400 Asylberechtigten bereit. Berufliche Höherqualifizierung bietet das AMS für rund 29.000 Personen und Beschäftigungsmaßnahmen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt für rund 3.800 Personen. Die Maßnahmen des AMS setzen an den Bedürfnissen der Geflüchteten an: Die Mehrheit der Befragten der DiPAS-Studie gab an, Arbeit suchen zu wollen. Die Jüngeren wollen hingegen Schule oder Studium fortsetzen: Unter den 15- bis 19Jährigen sind dies 71 Prozent, unter den 20- bis 24-Jährigen knapp die Hälfte. Eine rasche Integration dieser Menschen ist ein Schlüsselfaktor, um dieses Potenzial zu nutzen. Quelle: Isabella Buber-Ennser, Judith Kohlenberger et al.: Humankapital, Werte und Einstellungen von Menschen, die 2015 in Österreich Zuflucht suchten, 2016

Quelle: Registerdaten für 2013, Statistik Austria und DiPAS 2016

Zukunftspläne der Befragten

Quelle: DiPAS, n=437 in Österreich lebende Personen mit Arbeitserfahrung


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oead.news im Gespräch mit Rüdiger Teutsch, Bundesministerium für Bildung

Aus- und Weiterbildung von Lehrer/innen als Schlüsselfaktor »Jedes Kind hat ein Recht auf exzellent ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.«

© BMB

Interview: Eva Müllner

MR Dr. Rüdiger Teutsch ist Kommunikations- und Erziehungswissenschaftler sowie ausgebildeter systemischer Berater, seit 2008 im Bildungsministerium mit den Arbeitsschwerpunkten Migration, Diversität, Inklusion und zuletzt auch Grundschulreform. Davor war er Geschäftsführer des Interkulturellen Zentrums in Wien und Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck.

oead.news: Sie sind im Bildungsministerium für Nahtstellenthemen, Diversität und inklusive Bildung zuständig. Was bedeutet das genau? Rüdiger Teutsch: 2008 kam ich als Leiter der damals neu geschaffenen Abteilung »Migration, interkulturelle Bildung und Sprachenpolitik« ins Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur; dann war ich Referent im Büro der Frau Bundesministerin Heinisch-Hosek, seit 2016 bin ich als Fachexperte für Nahtstellenthemen, Diversität und inklusive Bildung zuständig. Mit »Nahtstellen« sind die Übergänge im Bildungssytem gemeint, vom Kindergarten in die Grundschule, von der Volksschule in die Sekundarstufe I, usw. Diese Übergänge sind insofern kritische Momente, weil sie Risiken der Selektion und Segregation bergen und Potenziale – insbesondere auch für Schülerinnen und Schüler mit anderen Erstsprachen – verloren gehen können. In Österreich kann im Gegensatz zu den meisten anderen EU-Ländern bereits beim Schuleintritt eine Segregation nach Deutschkompetenzen, Entwicklungsstand oder sonderpädagogischer Förderung vorgenommen werden. Bereits mit zehn Jahren fällt dann eine weitere schwerwiegende Entscheidung über den zukünftigen Bildungsweg – und auch hier sind Kinder aus zugewanderten und sozial benachteiligten Familien stärker betroffen. Eine Erhöhung der Chancengerechtigkeit ist unmittelbar mit der Gestaltung dieser Transitionen verbunden. Gerade in Zeiten der wachsenden Diversität wird uns auch bewusst, wie wichtig ein inklusives Schulwesen für unsere Gesellschaft ist. oead.news: Was bedeutet für Sie eine erfolgreiche Integration von Kindern mit Migrationshintergrund? Welche Funktion nimmt dabei der Schulunterricht ein und wo sehen Sie Hürden? Rüdiger Teutsch: Die Schule soll individuelle Bildungswege und gesellschaftliche Teilhabe unabhän-

gig von ethnischer, religiöser oder sozialer Herkunft ermöglichen. Ein gerechtes Bildungssystem muss das Ziel haben, alle mitzunehmen – Schule bildet ja nicht nur Individuen, Schule bildet auch Gesellschaft. Kindergarten und Volksschule sind die ersten beiden wichtigen Bildungsinstitutionen, hier wird miteinander und voneinander gelernt, hier geht es aber auch schon um die Grundprinzipen von Demokratie, den respektvollen Umgang von Mädchen und Buben oder das kooperative Lösen von Konflikten. 2009 hat Österreich an der OECD-Studie zur »Migrant Education« teilgenommen. Im internationalen Vergleich zeigte sich eindeutig: Je früher mit Bildung begonnen wird, desto besser sind die Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse und damit auch auf eine gelingende Integration. Heute wird daher der Kindergarten zunehmend weniger als Betreuungs- sondern als Bildungseinrichtung verstanden. Hier lernen Kinder in heterogenen Gruppen, sie erwerben wichtige Lerndispositionen und »social skills« . Neben dem frauenpolitischen Aspekt werden daher immer stärker bildungspolitische Argumente für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr angeführt. oead.news: Ein aktuelles Thema ist die Integration tausender Flüchtlingskinder aller Altersstufen, die in den vergangenen Jahren Österreich erreicht haben. Wie flexibel kann das österreichische Bildungssystem auf diese Herausforderung eingehen? Rüdiger Teutsch: Wir haben in Österreich in den letzten zwei Jahren mehr als 18.000 Flüchtlingskinder und -jugendliche aufgenommen – und das Schulsystem ist dank der professionellen und engagierten Pädagog/innen nicht kollabiert. Das Bundesministerium hat die Schulen sehr unterstützt – mit mehr Lehrer/innen, mit vermehrten Sprachförderangeboten, mit mobilen interkulturellen Teams, mit Schulsozialarbeit. Wir haben gemerkt, dass Schulen,


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© Sabine Meyer| Pixelio

Migration − Integration − Bildung

»Tatsache ist: Die Diversität in den Klassenräumen nimmt zu und das Bildungssystem muss sich dieser Herausforderung stellen. Wir müssen alle Potenziale nutzen – egal woher jemand stammt.«

die bereits Erfahrung mit Migration und Diversität hatten, sich viel leichter taten als Schulen, die damit noch kaum konfrontiert waren. Auch hier geht es um das Thema einer guten Verteilung zwischen Stadt und Land oder auch zwischen den verschiedenen Schultypen in Ballungsräumen. Ein interessantes Phänomen ist auch, dass Regionen, die sich mit Mehrsprachigkeit beschäftigen, oft gelassener mit dieser neuen Situation umgehen. Im Burgenland sind die Erfahrungen aus dem Minderheitenschulwesen, also der Umgang mit den Sprachen Kroatisch, Ungarisch und Romanes sicher hilfreich. Wichtig sind auch die sonder- und inklusionspädagogischen Kompetenzen, die dort genutzt werden. oead.news: In Deutschland wird gerade das Thema »Begrenzung der Migrantenkinder in Schulklassen« diskutiert. Laut deutschem Philologenverband sollen Schulklassen mit einem Migrantenanteil von mehr als 35 Prozent problematisch sein. Rüdiger Teutsch: Das ist nicht umsetzbar, denn es es geht an der Realität vorbei. Dieser Schlüssel wäre für die meisten Schulen in Wien, aber auch in anderen Ballungsräumen nicht machbar, weil dort der generelle Durchschnitt an Schüler/innen mit anderen Erstsprachen schon deutlich darüber liegt. Die Aussage ist auch zu undifferenziert, weil man beim Philologenverband auch wissen müsste, dass der Migrantenanteil allein noch nichts über die Kompetenzen in der Unterrichtssprache aussagt – die meisten dieser Schülerinnen und Schüler sind mehrsprachig. oead.news: Der Begriff Migration ist für den Bereich Schule in mehrfacher Hinsicht relevant, nicht nur für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, sondern auch für die Lehrkräfte, für die sich ein ganz eigener Qualifikationsbedarf eröffnet. Wie sehr hat sich der Lehrer/innenberuf in den vergangenen Jahrzehnten Ihrer Einschätzung nach verändert?

Rüdiger Teutsch: Der Ausbildungsprozess hat in den vergangenen Jahren eine Transformation durchlaufen: Schon 2009 begann man über eine nationale Reform der gesamten Lehrer/innenausbildung nachzudenken. Mit Inkrafttreten des Bundesrahmengesetzes zur Einführung einer neuen Ausbildung für Pädagoginnen und Pädagogen im Juli 2013 startete die Umsetzungsphase für die neue Lehramtsausbildung in Österreich. Diese Pädagog/innenbildung NEU sieht vor, dass Lehramtsstudierende ein vierjähriges Bachelorstudium absolvieren. Dies gibt den Lehramtsstudierenden mehr Flexibilität bei der Fächerwahl. Am 1. Oktober 2015 startete österreichweit die neue Ausbildung für den Bereich der Primarstufe, am 1. Oktober 2016 folgte die flächendeckende Umsetzung der Lehramtsstudien für die Sekundarstufe. Diversitäts- und Genderkompetenz sind nun ein fixer, verpflichtender Bestandteil der Ausbildung. Aber auch in der Fort- und Weiterbildung gibt es eine Fülle an Angeboten. Die Heterogenität in den Klassenzimmern ist inzwischen der Normalfall – und das wissen die Expertinnen und Experten an den Pädagogischen Hochschulen natürlich. Zur Förderung der Qualitätsentwicklung und Professionalisierung wurde auch 2012 das Bundeszentrum für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit an der Pädagogischen Hochschule Steiermark eingerichtet, es fördert den Austausch innerhalb der Lehrer/innenbildung und hilft, die vielfältigen Angebote systematisch zu vernetzen Bundeszentrum für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit - BIMM: www.bimm.at Das Bundesministerium für Bildung (BMB) unterstützt die Arbeit in multilingualen Klassen mit den Webseiten: www.oesz.at www.schule-mehrsprachig.at www.bmb.gv.at/schulen/unterricht/uek/sprache.html

»Die Bildungschancen von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache sind ein guter Indikator für ein funktionierendes Bildungssystem.«


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Dagmar Gilly | Barbara Schrammel-Leber

Lehrer/innenausbildung im Kontext von Migration − aktuelle Entwicklungen Sprachliche und kulturelle Diversität muss als Chance für das Lernen verstanden werden. Dagmar Gilly ist Leiterin des Bundeszentrums für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit (BIMM) und Hochschullehrende an der PH Steiermark. Sie hat langjährige nationale und internationale Erfahrung in der Pädagog/innenbildung im Bereich Deutsch als Erst-, Zweit- und Fremdsprache. Barbara Schrammel-Leber ist Mitarbeiterin im Bundeszentrum für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit (BIMM) und Hochschullehrende im Bereich Linguistik und Mehrsprachigkeit an der PH Steiermark. Sie ist in der Forschung zu Minderheitensprachen und Mehrsprachigkeit im Bildungskontext tätig.

Aufgrund demografischer Entwicklungen sind österreichische Schulen heute mehr als bisher mit der Herausforderung konfrontiert, Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte bzw. Fluchterfahrungen professionell zu begleiten. Das verlangt einen Perspektivenwechsel auf allen Ebenen zu einem ressourcenorientierten Diversitätsansatz, der Diversität als Lernanlass für alle wertschätzt und organisationsbezogenes Lernen einschließt. Dementsprechend steigen auch die Bedarfe zur Qualifikation von Lehrenden für den konstruktiven Umgang mit sprachlicher und kultureller Diversität als Chance für das Lernen und die professionelle Begleitung aller Kinder und Jugendlichen in österreichischen Schulen. Der Beitrag skizziert daraus resultierende aktuelle Entwicklungen der Aus-, Fortund Weiterbildung von Pädagog/innen und stellt in diesem Zusammenhang die Arbeit des BIMM (Bundeszentrum für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit) vor. Das BIMM wurde an der Pädagogischen Hochschule Steiermark 2012 im Auftrag des Bildungsministeriums eingerichtet. Es ist das Netzwerk der 13 Pädagogischen Hochschulen Österreichs zur Förderung der weiteren Qualitätsentwicklung und Professionalisierung in der Pädagog/ innenbildung zu den Themen Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit in Richtung diversitätsorientierter Öffnung. Zentrale Handlungsfelder sind dabei Aus-, Fort- und Weiterbildung, Schulentwicklung, Forschung und Beratung. Durch intensive Zusammenarbeit von Fachexpert/innen der österreichischen Pädagogischen Hochschulen (PHn) im BIMM gelingt es, Expertise zu bündeln und auf Basis gemeinsamer Datengrundlagen, die weitere Entwicklung kooperativer Angebote und bundesweiter Qualitätsstandards zu unterstützen. Das BIMM steht auch als bundesweite Anlaufstelle für Service und Beratung zur Verfügung: In diesem Zusammenhang wurde im Jänner 2017 am BIMM die Kompetenzstelle USB DaZ (Unterrichtsbegleitende SprachstandsBeob-

achtung Deutsch als Zweitsprache) eingerichtet. Das zentrale Anliegen der gemeinsamen Arbeit im BIMM ist die nachhaltige Verankerung des Themenfelds sprachliche und kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit in der Pädagog/innenbildung. Eines der wichtigsten bildungspolitischen Reformprojekte der letzten Jahre ist die Pädagog/innenbildung NEU: Sie regelt die Ausbildung aller Lehrer/innen in Österreich (Primarstufe sowie Sekundarstufe Allgemeinbildung und Berufsbildung) neu und wird seit Wintersemester 2015 von Pädagogischen Hochschulen im Verbund mit Universitäten umgesetzt. Die Studienstruktur wird damit an die Bologna-Struktur angepasst und gliedert sich in ein Bachelor- und ein Masterstudium. Die Pädagog/innenbildung NEU bot die Chance und den gesetzlichen Rahmen auf demografische Veränderungen zu reagieren und im Rahmen der neuen Curricula Diversitätskompetenzen für alle Studierenden und zusätzlich im Rahmen spezieller Studienangebote als Schwerpunkt bzw. Spezialisierung zu verankern. Eine erste Analyse der neuen Curricula zeigt, dass Diversitätskompetenzen als Querschnittsmaterie in den Curricula festgeschrieben sind. Zugleich wird deutlich, dass spezifische Angebote etwa zum Themenfeld sprachliche und kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit im Sinne von verpflichtenden Modulen oder Lehrveranstaltungen für alle Studierenden bisher eher in geringem Umfang realisiert wurden. Im Rahmen von wählbaren Studienschwerpunkten im Bachelorstudium gibt es zwar an mehreren PHn Angebote wie sprachliche Bildung und Diversität, Deutsch als Zweitsprache, Mehrsprachigkeit und interkulturelle Bildung. Ein erster Überblick über die Studierendenzahlen lässt allerdings vermuten, dass die genannten Schwerpunkte von vielen Studierenden zwar als wichtig erachtet werden, die Wahl dann aber doch auf offenbar attraktivere wie Sport, Ernährung oder Kunst fällt. So haben im Studienjahr 2015/16 an der Pädagogischen Hochschule Steiermark etwa 10


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© Akademie Graz

Migration − Integration − Bildung

Vielfalt ist ein Lernanlass für alle: Diversitätskompetenzen müssen in den Curricula stärker als bisher verankert werden.

zu relevanten Fragestellungen wie Asyl, Flucht, Umgang mit Traumatisierung, Migration, Interkulturelles Lernen, Deutsch als Zweitsprache, Mehrsprachigkeit, Begleitung von Seiteneinsteiger/innen, Alphabetisierung, Sprachbewusstem Unterricht u. a. an vielen Standorten zahlreiche Angebote in unterschiedlichen Fortbildungsformaten zur Verfügung. Als bundesweites Beispiel sei hier eine Initiative in Kooperation mit dem BIMM angeführt: Im Rahmen einer Ringvorlesung der Pädagogischen Hochschule Steiermark stehen in den Studienjahren 2016/17 und 2017/18 Vorträge zu aktuellen Themen im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit als Präsenzveranstaltung regional und als Online-Angebot österreichweit zur Verfügung. Eine neue Online-Ressource ist die BIMM-Themenplattform. Sie bietet in Form von Themenpaketen aus dem Bereich »sprachliche und kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit« Informationen und methodisch-didaktische Vorschläge für die Umsetzung dieser Inhalte in der Pädagog/innenbildung.

Die Wanderausstellung lädt zur Reise durch die Sprachenlandschaft ein: Wortschätze entdecken.

© Akademie Graz

Prozent der Studierenden des Lehramts Primarstufe den Schwerpunkt »Sprachliche Bildung und Diversität« (60 ECTS) gewählt. Diese Tendenzen stehen in Widerspruch zur starken Nachfrage nach Pädagog/ innen mit Zusatzqualifikationen im Bereich Deutsch als Zweitsprache im Schulkontext. Im weiteren Prozess der Evaluation und Überarbeitung der Pädagog/ innenbildung NEU sind im Kontext von Migration noch wichtige Schritte der breiteren Verankerung zu setzen. Deshalb bleibt eine der zentralen Aufgaben der Pädagogischen Hochschulen derzeit die berufsbegleitende Qualifizierung von Pädagog/innen in diesem Themenfeld über Angebote der Fort- und Weiterbildung. Für die Qualifizierung von Lehrer/innen im Bereich Deutsch als Zweitsprache zur Arbeit in Institutionen der Sprachförderung – eine solche ist für die Arbeit in Sprachförderkursen/Sprachstartgruppen seit Herbst 2016 verpflichtend – bieten derzeit fast alle PHn berufsbegleitende Lehrgänge an. In den letzten Jahren ist die Zahl der Angebote deutlich gestiegen, der Umfang der Angebote hat sich erhöht, die inhaltliche Ausrichtung verbreitert und an aktuelle Bedarfe angepasst. Die inhaltliche Verschiebung von interkultureller Bildung in Richtung Deutsch als Zweitsprache im Kontext von Mehrsprachigkeit zeigen sowohl die Titel als auch die konkreten Inhalte der Angebote, aktuelle Entwicklungen in Richtung Sprachstandsdiagnostik und sprachbewusstem Unterricht werden zunehmend integriert. Die Angebote sind bundesweit immer noch sehr unterschiedlich in Umfang und inhaltlicher Schwerpunktsetzung, dauern zwischen zwei und vier Semestern und umfassen zwischen sechs und 30 ECTS. Gemeinsam mit den PH-Expert/innenarbeitet das BIMM aktuell daran, eine Grundlage zu erstellen, die die Basis für eine bundesweite Empfehlung betreffend die Qualifikation von Lehrenden in Sprachförderangeboten darstellen kann. Im Bereich der Fortbildung können PHn auf aktuelle Bedarfe sehr rasch reagieren. Seit 2015 stehen


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René Sturm | Petra Ziegler

Menschen mit Migrationshintergrund und Berufsbildung Österreich steht vor arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Herausforderungen – nicht zuletzt der Bereich der Lehrausbildungen ist hier stark gefordert. René Sturm ist Projektleiter in der Abteilung Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation (ABI) des AMS Österreich. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Entwicklung von berufskundlichen Unterlagen bzw. Service-Materialien für verschiedene Zielgruppen sowie in der Projektleitung von Studien zur Arbeitsmarkt-, Berufs- und Qualifikationsforschung. Mag.a Dr.in Petra Ziegler promovierte in Zeitgeschichte an der Universität Wien und absolvierte einen postgradualen Lehrgang für angewandte Sozialwissenschaften. Sie arbeitet seit 2003 als Forscherin und Projektmanagerin in den Bereichen Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Genderforschung und ist in Forschungs- und Beratungsprojekten auf nationaler und europäischer Ebene tätig. 2014 gründete sie – gemeinsam mit Heidemarie Müller-Riedlhuber – das Wiener Institut für Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung (WIAB).

Jahr für Jahr beginnen rund 40 Prozent der Jugendlichen eines jeden Jahrganges in Österreich eine Lehrausbildung. Sie befinden sich dabei, je nach Bundesland, hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem betrieblichen Lehrstellenangebot und den jeweils anderen mit ihnen um einen betrieblichen Ausbildungsplatz konkurrierenden Jugendlichen in komplett unterschiedlichen Situationen. Kurz zur Veranschaulichung: Sind in ganz Österreich mit Stand März 2017 insgesamt 5.330 Jugendliche beim AMS im Sinne einer sofortigen Verfügbarkeit lehrstellensuchend gemeldet und stehen dabei einem Angebot von insgesamt 4.256 beim AMS gemeldeten und sofort verfügbaren Lehrstellen gegenüber, so spitzt sich dieses Ungleichgewicht im arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Hotspot Wien dramatisch – und aus Sicht der Arbeitsmarktforschung auch langfristig – zu. Hier stehen 370 an das AMS gemeldete und sofort verfügbare betriebliche Ausbildungsplätze für eine Lehre 1.731 Lehrstellensuchenden gegenüber, die ebenfalls sofort mit selbiger beginnen könnten. Dementsprechend intensiv muss die überbetriebliche Lehrausbildung (mit rund 3.800 Ausbildungsplätzen in Wien im Jahr 2016) als eines der zentralen Werkzeuge der aktiven Arbeitsmarkpolitik in Anspruch genommen werden, um Ausgrenzungsphänomenen bzw. auch einem vorzeitigen und eventuell damit sogar irreversiblen Bildungsabbruch junger Menschen (mit oder ohne Migrationshintergrund) entgegenzuwirken. Unentdeckte Talente Die deutliche Unterrepräsentanz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wenn es um erfolgreiche Bildungs- und Erwerbsbiographien geht, hebt auch eine von der Wiener Arbeitsmarktexpertin Doris Landauer im Rahmen ihres mehrjährigen AMS-Wien-Projektes »Unentdeckte Talente«

initiierten Studie von Mario Steiner vom IHS hervor, der in diesem Zusammenhang sogar von einer dreifachen Benachteiligung spricht: Nämlich a) bezüglich des erschwerten Zuganges zu einer Lehrausbildung, b) hinsichtlich des erhöhten Dropouts aus der Lehrausbildung und c) hinsichtlich der geringeren Beschäftigungsintegration am Arbeitsmarkt. Neben dem schon als »klassisch« zu bezeichnenden Instrument der überbetrieblichen Lehrausbildung, verschiedenen gesetzlich basierten Regelungen und Initiativen jüngeren Datums (Ausbildungspflicht, Ausbildungsgarantie), grundsätzlicher Modernisierungen im Berufsbildungssystem, dem Einsatz diverser »Coaching«-Instrumente für Jugendliche, der Intensivierung von Schulsozialarbeit und niederschwelliger Berufsorientierung etc. sind also neue und oft an sehr spezifischen Zielgruppenbedürfnissen orientierte Maßnahmen erforderlich. Zwei aktuelle Beispiele 1) Das mit Jahresbeginn 2017 vom AMS Wien lancierte Projekt »Job Navi – Ausbildungswege für junge Mütter« richtet sich an junge Frauen (vorrangig bis 21 Jahre) mit Kinderbetreuungspflichten, die maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen und/oder Bildungsabbrecherinnen sind. Job Navi führt idealerweise zu einem Lehrabschluss. Gerade auch der steigenden Zahl junger Frauen mit Migrationshintergrund und Kinderbetreuungspflichten, die der drohenden Gefahr einer Abspaltung von Aus- und Weiterbildung sowie daraus resultierender Blockaden hinsichtlich ihrer Arbeitsmarktbeteiligung unterliegen, soll mit diesem Angebot begegnet werden. 2) Das Erasmus+ Projekt RefuNEET (2016–2018) zielt auf frühes Kompetenzassessment und effekti-


21 Migration − Integration − Bildung

Weiterführende Informationen: • Projekt des AMS Wien: Perspektiven für unentdeckte Talente – Prävention und Interventionen bei frühzeitigem Bildungsabbruch www.unentdeckte-talente.at • Projekt des AMS Wien: Job Navi – Ausbildungswege für junge Mütter www.zib-training.at/kurs/job-navi-junge-muetter • Erasmus+ Projekt: RefuNEET www.skillstools.eu/refuneet • Petra Ziegler & Heidemarie Müller-Riedlhuber (2016): Report on good practice examples and policies for recording and assessing young

refugees' skills and competences in AT, BG, DE, FR, NO, TK, UK. Bericht zu Output 1, Workpackage 2 des Erasmus+ Projekts "RefuNEET": www.wiab.at/pdf/RefuNEET_report_2016.pdf • AMS info 361: »Meines Erachtens kann die Antwort auf diese Entwicklung nur ›Bildung, Bildung, Bildung‹ lauten!« Die Wiener Arbeitsmarktexpertin Doris Landauer im Interview www.ams-forschungsnetzwerk.at/deutsch/publikationen/BibShow.asp?id=11999 • AMS info 324/325: Zur Relevanz der Vermittlung von Grundkompetenzen in ausgewählten Lehrberufen in Tourismus, Handel und Handwerk www.ams-forschungsnetzwerk.at/deutsch/publikationen/BibShow.asp?id=11233 • FokusInfo 102: »Meines Erachtens kann die Lage gar nicht kritisch genug beurteilt werden.« Doris Landauer, Projektleiterin/AMS Wien, zur Situation jugendlicher BildungsabbrecherInnen am österreichischen Arbeitsmarkt www.ams-forschungsnetzwerk.at/deutsch/publikationen/BibShow.asp?id=11632 • FokusInfo 87: Benachteiligte Jugendliche am österreichischen bzw. Wiener Lehrstellenmarkt: Eine Analyse im Auftrag des AMS Wien zu den Integrationschancen durch die Lehre www.ams-forschungsnetzwerk.at/deutsch/publikationen/BibShow.asp?id=11306 • FokusInfo 87: Grundkompetenzen und Berufsausbildung – Ein Diskussionsbeitrag www.ams-forschungsnetzwerk.at/deutsch/publikationen/BibShow.asp?id=11248

Es geht vor allem darum, Ausgrenzungsphänomenen bzw. auch einem vorzeitigen und eventuell sogar irreversiblen Bildungsabbruch junger Menschen (mit oder ohne Migrationshintergrund) entgegenzuwirken.

Es gibt ein großes Ungleichgewicht zwischen gesuchten und verfügbaren Lehrstellen. Dies trifft vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund.

© alle Fotos dieser Seite: OeAD | Gianmaria Gava

ve Bildungs- und Berufsberatung ab und konzentriert sich dabei auf junge Flüchtlinge, die weder in Aus- und Weiterbildung noch in Beschäftigung sind (NEET). Im Rahmen des Projektes sollen a) Strukturen und Methoden identifizieren werden, die dabei helfen, dass junge Flüchtlinge nicht als NEETs an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, b) das individuelle Potenzial von jungen Flüchtlingen durch ein frühes Sichtbarmachen ihrer Fertigkeiten und Kompetenzen eruiert und genutzt werden, c) neue Beratungsmethoden für junge Menschen, wie z. B. E-Guidance und Chatangebote, entwickelt werden sowie d) einfach benutzbare Dokumentationen, wie z. B. Zertifikate oder Ausweise, zur Sichtbarmachung von Fertigkeiten und Kompetenzen entwickelt werden. Zu Beginn des Projektes wurde vom Wiener Institut für Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung (WIAB), dem österreichischen Partner, eine Erhebung zu bestehenden Instrumenten und Maßnahmen in den Projektländern durchgeführt. Die Ergebnisse, die u. a. das Jugendcollege in Wien oder die Angebote »Stärkung von Kompetenzen« und »Potenzialanalyse von jungen Flüchtlingen« in Deutschland kurz vorstellen, können in Ziegler & Müller-Riedlhuber (2016) detailliert nachgelesen werden.


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Johannes Dingler

Good-Practice-Beispiel für Willkommenskultur Das Welcome Center der Universität Konstanz bietet Full-Service-Leistungen für internationale Forscher/innen. Dr. Johannes Dingler ist seit Mai 2017 kommissarischer Leiter des International Office der Universität Konstanz, davor leitete er fast 10 Jahre das Welcome Center. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Konstanz, der York University in Toronto, dem IEP in Bordeaux und wurde an der Freien Universität Berlin promoviert. Nach Tätigkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit in Kenia sowie der zivilen Friedenssicherung in Bosnien und in Ost-Timor war er Geschäftsführer am Zentrum für Umweltforschung der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Anschließend wechselte er als Studienprogrammkoordinator an die Universität Konstanz. Er sprach am 27. Februar 2017 in Wien bei einer Veranstaltung von EURAXESS Austria zum Thema Welcome Services. www.euraxess.at

Das Welcome Center der Universität Konstanz wurde 2008 gegründet und hat seither mehr als 2.270 internationale Wissenschaftler/nnen aus 95 Ländern betreut. Die zentrale Einrichtung der Universität bietet umfangreiche Unterstützung für internationale Doktorand/innen, Postdocs, Gastwissenschaftler/innen und neuberufene Professor/innen sowie deren Familien in allen nicht-akademischen Angelegenheiten. Im Rahmen dieser Arbeit hat sich eine ausgeprägte Willkommenskultur für internationale Wissenschaftler/innen etabliert, die sowohl in Deutschland als auch in Europa als Best-Practice -Beispiel betrachtet wird. Das Welcome Center der Universität Konstanz ist in seiner speziellen Konzeption weitgehend einzigartig und hat bereits eine Vielzahl anderer Institutionen beim Aufbau eigener Strukturen beraten. Der Ansatz umfasst einen zeitlich und inhaltlich umfangreichen Service, die persönliche Betreuung, ein systematisches Qualitätsmanagement sowie Maßnahmen zur sozialen Integration. Die konsequente Serviceorientierung richtet das gesamte Dienstleistungsangebot an den außerfachlichen Bedürfnissen internationaler Forscher/innen und deren Familien aus, die Services werden ständig an die Anforderungen seiner Zielgruppen angepasst. Das Welcome Center fühlt sich für alle nicht-akademischen Angelegenheiten seiner Zielgruppe zuständig. Dabei wird ein individuell-personenbezogener Ansatz verfolgt, bei dem die Dienstleistungen an den persönlichen Bedürfnissen der einzelnen Person ausgerichtet und alle Dienstleistungen auf Wunsch mit den jeweiligen Forscher/innen gemeinschaftlich durchgeführt werden. Da sich viele internationale Forscherinnen und Forscher nicht immer selbstständig um wichtige Formalitäten kümmern, wurde ein »aktives Fallmanagement« eingeführt, demzufolge sich das Welcome Center in wichtigen Angelegenheiten proaktiv mit den Forscher/innen in Verbindung setzt, um das Vorgehen abzustimmen (z. B. Kontaktaufnahme zwei Wochen vor Anreise, zwei Mo-

nate vor Ende des Mietvertrags, acht Wochen vor Ablauf der Aufenthaltserlaubnis, zwei Wochen vor Abreise). Im Rahmen eines Rundumservice hält das Welcome Center ein zeitlich und inhaltlich umfassendes Dienstleistungsangebot bereit. Die Unterstützung beginnt meist ca. sechs Monate vor Ankunft (z. B. Wohnung, Visum, Kinderbetreuung), beinhaltet Dienstleistungen bei Ankunft (z. B. Abholung, Anmeldung, Bankkonto), deckt alle Notwendigkeiten während des Aufenthalts ab (z. B. Adressänderung, Abrechnungen von Krankenversicherungen, Begleitung zu Arztbesuchen), umfasst Unterstützung bei Abreiseformalitäten (z. B. Abmeldung, Kündigungen) und erstreckt sich oft über Monate nach der Abreise (z. B. Nachsendeaufträge). Zur Sicherstellung des Qualitätsniveaus des Welcome Centers werden im Rahmen des Qualitätsmanagements Standards und Workflows definiert, ausführliche Dokumentationen und Statistiken erstellt, evaluiert und die Arbeitsprozesse durch Feedbackschleifen angepasst. Für einige Services kooperiert das Welcome Center mit universitätsinternen Stellen, wie zum Beispiel dem Steuer- und Sozialversicherungsservice, dem Academic Staff Development, der Gästehausverwaltung oder dem Dual Career Service. Auch zu externen Stellen (z. B. Stadt, Banken, Versicherungen) bestehen hervorragende Kontakte. Durch gezielte Absprache der Prozesse können Abläufe effizient gestaltet und Behördengänge stark vereinfacht und beschleunigt werden. Neben der Betreuung bei Formalitäten stellt die Integration internationaler Wissenschaftler/-innen in ihre neuen Lebens- und Arbeitsverhältnisse ein wesentliches Aufgabenfeld des Welcome Centers dar, das in Zukunft wichtiger werden wird. Im Rahmen des Konzepts zur sozialen Integration werden regelmäßig Sprachkurse »Deutsch als Fremdsprache« angeboten sowie Exkursionen, kulturelle Veranstaltungen, Seminare und Stammtische für internationale Wissenschaftler/innen und deren Familien organisiert.


23 Migration − Integration − Bildung Responsible Science

oead.news im Gespräch mit Heidrun Mörtl, Welcome Center TU Graz

Das Gefühl, willkommen zu sein Das Welcome Center der TU Graz bietet seinen »Internationals« ein breites Spektrum an Services. Interview: Werner Fulterer

oead.news: Welche Services werden Ihrer Erfahrung nach besonders nachgefragt? Heidrun Mörtl: Als EURAXESS Contact Point liefern wir halbjährlich eine Statistik zu den von uns betreuten Personen und den relevanten Themenbereichen ab. So kann ich klar sagen, dass die wichtigsten Themen aller unserer Zielgruppen die Einreise- und Aufenthaltsformalitäten sind, gefolgt von für die erste Orientierungsphase nötigen Aspekten. Unsere personellen Ressourcen erlauben kein Erledigen von Behördengängen mit unseren »Internationals«, jedoch instruieren wir sie im Büro genau über die Vorgehensweise und haben auch die Möglichkeit, die zuständigen Personen bei den Behörden vorab darüber zu informieren, wenn es sich um eine spezielle Angelegenheit handelt. Bei Mitarbeiter/innen, welche mit ihren Familien nach Graz kommen, sind vor allem Themenbereiche wie Schule, Kindergarten und Familienunterstützung sehr gefragt. Mit unseren Dual Career Services unterstützen wir auch Doppelkarrierepaare aus dem Um- und Ausland, also akademisch ausgebildete Paare, die beide eine Karriere verfolgen sowie Beruf und Partnerschaft bzw. Familie vereinbaren wollen, zum Beispiel durch einen gemeinsamen Wohn- und Lebensort. oead.news: Wie beurteilen Sie die Rolle von Welcome Services bei der Integration? Heidrun Mörtl: Wir fördern mit unserer Arbeit aktiv die soziale Integration, etwa im Rahmen von in-

formellen Treffen, Veranstaltungen und Vorträgen. Aber natürlich sind auch interkulturelles Feingefühl und Erfahrung im Umgang mit kultureller Vielfalt sehr wichtig. Wir haben tagtäglich mit Personen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen zu tun und sehen es als unsere Aufgabe, ihnen Orientierung im Dschungel österreichischer Normen und Sitten zu geben. An der TU Graz werden für die verschiedensten Zielgruppen auch »Intercultural Awareness Sessions« angeboten, welche sich genau mit diesen Themen beschäftigen. oead.news: Wo sehen Sie aktuell spezielle Herausforderungen bei der Weiterentwicklung Ihrer Services? Heidrun Mörtl: Als generelle Herausforderung würde ich die Institutionalisierung von Welcome Services innerhalb der HEIs sehen, auch da sich die Willkommenskultur an den österreichischen Hochschulen noch im Aufbau befindet. An der TU Graz ist das Welcome Center mit zwei Stellen sehr gut positioniert und wir können viele Services abdecken, jedoch bei Weitem nicht alles. Für ein Rundumservice müsste eine generelle Einstellungsänderung herbeigeführt werden. Unsere Vision ist es, dass eines Tages jede/r neue (internationale) Studierende und Mitarbeiter/in willkommen geheißen wird und durch ein so genanntes »International House« in die TU Graz eintritt. oead.news: Sehen Sie eine Tendenz zur Digitalisierung von Welcome Services? Heidrun Mörtl: Ich finde, dass Welcome Services vom persönlichen Kontakt zur Zielgruppe leben und genau dies den Personen das Gefühl verleiht, auch an der neuen Institution willkommen geheißen zu werden. Die TU Graz ist dabei, viele Aspekte ihrer Services zu optimieren und zu digitalisieren – so gibt es seit der Umstellung auf das neue Webseitendesign die Möglichkeit, diese auch mobil gut zu lesen – und wir haben im Welcome Center auch eine eigene App, die zur Unterstützung dienen soll. Aber all diese Aspekte sind begleitende Maßnahmen zu den personalisierten Services eines Welcome Centers.

© Mörtl privat

oead.news: Frau Mörtl, worin besteht die Hauptaufgabe eines Welcome Centers? Heidrun Mörtl: Ich sehe die Hauptaufgabe darin, neue Personen an der Universität »willkommen« zu heißen, ihnen zu helfen, diesen neuen Weg zu gehen. Dies bedeutet, dass wir für sie schon in ihrem Heimatland ein zuverlässiger Ansprechpartner sind und ihnen damit das Gefühl vermitteln, dass jemand schon auf sie wartet und ihnen dann zur Seite stehen wird. Innerhalb unserer Institution fungieren wir als Schnittstelle zwischen allen involvierten Organisationseinheiten.

Mag. Heidrun Mörtl Mörtl leitet das Welcome Center der Technischen Universität Graz seit Dezember 2016. Sie ist Amerikanistin (KF Uni Graz, Seattle University) und ehemalige Marietta Blau-Stipendiatin an der University of Minnesota, Twin Cities. Sie hat ihre internationale Laufbahn als studentische Mitarbeiterin im BIB der TU Graz im Jahr 2005 begonnen und ist nach einigen Jahren in der Wissenschaft 2015 wieder in den Bereich der internationalen Beziehungen zurückgekehrt. Ihre langjährige professionelle und persönliche internationale Erfahrung und interkulturelle Sensibilität bilden den Grundstein ihrer Arbeit im Welcome Center.


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Constantine Loum

In Austria it was easy to fit in

»Since my stay in Austria I have been member of the AustrianUgandan Friendship Association.« Interview: Katharina Engel

© Constantine Loum privat

Constantine S.L. Loum was born in 1970 in the district of Gulu, northern Uganda. After acquiring a degree from Makerere University in the capital city of Kampala he completed his postgraduate studies in Belgium, Great Britain and Austria. He holds a doctoral degree from the University of Vienna, Austria in Cultural and Social Anthropology with specialty in medical anthropology and currently lectures at Gulu University.

oead.news: Your first scholarship stay in Austria lasted from 2007 to 2010. Last April you came back for an Ernst Mach Follow Up grant. What was your motivation to choose Austria? Constantine Loum: My interest in Austria was generated by a mentor from Uganda who had already studied here. Back then I did not know much about Austrian universities, but he told me about the great research opportunities they offer. I got impressed by the array of scientific engagements that Austria had and placed my application for a scholarship opportunity. I got lucky, the rest is history.

minars. What is clearly important is that one has to get acquainted with the information given and follow strict time schedules. However, I think that the OeAD could institute an additional event for scholars, lecturers and professors from Austrian universities to meet scholars from abroad. This would create opportunities for further collaboration and generate new research contacts.

oead.news: Looking back, what was your first impression of Austria? Constantine Loum: My first stay in Austria was very enjoyable; I saw Austria and Vienna in particular as an oasis of calm and peace. To me it was an organised environment that made it easy to fit in. Austria is a great country with a high quality of life – and this is not by chance, which means something is done very well in this country. With respect to research, Austrian universities are highly ranked in Europe, e.g. the Vienna University of Economics and Business. Austria also has a UN Office and other important organisations – this attracts high calibre expatriates, which makes it indeed great for international networking and living.

oead.news: Did you feel integrated into Austria’s research community and the Austrian society in general? Constantine Loum: My time in Austria allowed me to integrate well into the research community. I was able to continue my collaboration with Austrian partners after leaving the country and we succeeded in acquiring project funding through an APPEAR grant. My contacts within the Austrian research community are strong and we are already on route for further collaborations. With respect to the Austrian society in general, from my arrival and OeAD induction to meeting Austrian friends, I have been quite lucky. I am also a member of an organisation called the AustrianUganda Friendship Association which brings together Ugandan and Austrian people who share common interests, giving me the opportunity to feel integrated with the families that are active in this programme.

oead.news: What do you think about the support that you received in Austria? Constantine Loum: My reception at the University of Vienna was warm and very welcoming. New students in foreign countries need to get some orientation and the scholarship office and my supervisor were very helpful even before my arrival. I also received sufficient support with the formalities for residential entry. The OeAD offered support to the international students like visits to cultural and national establishments as well as useful se-

Research interest: Population health studies/social medicine; community nutrition and non-communicable diseases, HIV/AIDS as well as Health System Strengthening. Current work: »Social determinants of health and vulnerabilities: a baseline assessment of current refugees’ health status in Adjumani district, northern Uganda«. The project examines the situation in a region of Uganda that has seen a constant influx of refugees over a number of years. While Uganda offers the prospect of work permits and access to land, refugees still face numerous challenges.


25 Migration − Integration − Bildung

Initiativen zum Thema Flucht refugees{code} − coding school for integration

Blickwinkel fördert mit bunten Comicgeschichten eine positive Sichtweise auf kulturelle Vielfalt.

Das Projekt refugees{code} bietet Geflüchteten ein maßgeschneidertes Ausbildungsprogramm im Bereich der Software-Entwicklung und vermittelt den Teilnehmer/innen neben fachlichen Fähigkeiten auch andere Kompetenzen, die ihre Chancen am österreichischen Arbeitsmarkt verbessern. Dabei kooperiert refugees{code} mit der Technischen Universität Wien und deren Flüchtlingsinitiative »welcome.TU.code«. Die Teilnehmer/innen besuchen zwei Mal pro Woche Programmierkurse an der TU Wien und werden dabei von Studierenden begleitet. Der Unterricht erfolgt in englischer Sprache, die Studierenden fungieren als Tutoren und erhalten am Ende des Semesters selbst drei ECTS-Credits. Ergänzt wird diese Ausbildung durch Workshops zu Themen wie interkultureller Kompetenz und Leadership. Besonderer Wert wird auf das Community Building gelegt – eine freundschaftliche Atmosphäre soll Dropouts verhindern. Der Pilot-Durchgang fand von Oktober 2016 bis Jänner 2017 statt, fünf der ursprünglich 18 Teilnehmer/innen schlossen die Ausbildung ab. Seit Februar 2017 läuft der zweite Durchgang mit bereits 40 Teilnehmer/innen, die ersten Absolvent/innen sollen noch vor dem Sommer an Unternehmen vermittelt werden. Ab Herbst 2017 sollen auch Österreicher/innen an der Ausbildung teilnehmen können – Geflüchtete und Österreicher/innen sollen so gemeinsam lernen, um schon während der Ausbildung Integration zu ermöglichen. Anforderungen an die Teilnehmer/innen sind gute Englischkenntnisse und hohes Interesse an Softwareentwicklung, fachliche Vorkenntnisse sind nicht zwingend notwendig, aber erwünscht. Der Asylstatus ist vollkommen irrelevant – auch Asylwerber/innen sind willkommen. refugees{code} bemüht sich auch, mehr Frauen fürs Programmieren zu begeistern. Interessierte können sich direkt an office@refugeescode.at wenden. Weitere Informationen zu refugees{code} im Web: www.refugeescode.at www.facebook.com/refugeescode

© Valerie Bruckbög

Blickwinkel – Comics schaffen Mut zur Perspektive

Die Comics erzählen Geschichten von Menschen, die aufgrund ihrer Erfahrungen unterschiedliche Sichtweisen mitbringen und damit die Gesellschaft bereichern. Die Comicform erleichtert es den Leser/innen, sich in die Perspektive von Figuren hineinzuversetzen und Empathie zu entwickeln. Die Geschichten behandeln Themen wie Diversität, Vorurteile, Migration und Flucht, sie sollen Denkanstöße geben und ebenso zur Unterhaltung dienen. Darüber hinaus eignen sich die Comicgeschichten ideal zur Verwendung im pädagogischen Kontext, im Bereich des Globalen Lernens und der politischen Bildung, aber auch im Sprachunterricht. Das im März 2017 erschienene erste Blickwinkel-Comicbuch samt pädagogischen Anleitungen sowie einzelne Comics können unter info@mutzurperspektive.at bestellt werden.

Schick uns deine Geschichte! Blickwinkel lebt durch und mit den Erfahrungen von Menschen. Jede/r ist eingeladen, die eigenen Erlebnisse und Ansichten einzubringen, um selbst ein Teil von Blickwinkel zu werden. Mehr Informationen, Comics und Kontakt: www.mutzurperspektive.at www.facebook.com/mutzurperspektive


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Elisabeth Fiorioli

Das Projekt MORE – Studium als Perspektive Die Initiative der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko) bietet Flüchtlingen Zugang zu Hochschulbildung.

Mag. Elisabeth Fiorioli ist Generalsekretärin der Österreichischen Universitätenkonferenz.

Im Zentrum der MORE-Initiative der uniko für geflüchtete Menschen steht der Gedanke, Geflüchtete an die Universitäten zu holen und ihnen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Sie finden dort Gelegenheit, ihr Wissen und ihre Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln und Bildungsperspektiven zu entwickeln. Im Idealfall ist das MORE-Studium ein Sprungbrett, um ein reguläres Studium aufzunehmen oder fortzusetzen, das durch die Flucht abgebrochen werden musste. Nicht weniger wichtig ist der Aspekt, Menschen mit Hilfe des MORE-Programmes aus der teilweise unerträglichen Situation einer unabsehbar lange dauernden, lähmenden Wartezeit während des Asylverfahrens »herauszuholen«. Die Universität ist im Gegensatz zum Flüchtlingscamp ein Ort der Normalität, in dem sich die Menschen nicht über den Status »geflüchtet« definieren müssen. Das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen der Menschen stehen im Vordergrund, nicht ihre Herkunft oder ihr Fluchtschicksal. 2.600 MORE-Studierende in drei Jahren Die MORE-Initiative kann mittlerweile auf drei Semester zurückblicken, in denen mehr als 2.600 MORE-Studierende an Kursen und Vorlesungen der österreichischen Universitäten teilgenommen haben. Sie kommen in erster Linie aus Syrien, gefolgt von Afghanistan und dem Irak. Die Länderverteilung hat sich über die drei Semester kaum verändert, der Anteil von Frauen ist immer noch gering, konnte aber erfreulicherweise von 8 Prozent auf rund 13 Prozent gesteigert werden. Drei Semester sind natürlich auch ein Zeitraum, der Fragen nach Verweildauer, Studienerfolg und Anschlussmöglichkeiten in ein reguläres Studium erlaubt, eine fundierte Evaluierung ist für Sommer 2017 ins Auge gefasst. Derzeit gibt es dazu nur punktuelle Beobachtungen. So meldete

die TU Graz, dass neun der 15 MORE-Studierenden aus dem ersten MORE-Semester (WS 2015/16) im folgenden Semester bereits in ein ordentliches Studium wechseln konnten. Dem jungen Syrer Nur-ElDin El-Rez ist dieser Schritt an der TU Graz gelungen. Er absolviert gerade den Vorstudienlehrgang und hat über den Besuch einer MORE-Lehrveranstaltung sogar eine Anstellung in einem Projekt der TU Graz gefunden: »Wenn man in ein fremdes Land emigrieren muss, braucht man eine Chance, um auf eigenen Beinen zu stehen. Meine Chance war nicht nur, dass ich einige nette Leute kennenlernen, sondern auch, dass ich am MORE-Programm teilnehmen konnte. Es war wirklich für mich der Schlüssel zum Weg in ein Studium und ich habe da gute Kontakte geknüpft. Ich würde allen geflüchteten Studierenden empfehlen, dass sie an MORE teilnehmen.« Anderseits werden auch hohe Dropoutzahlen gemeldet und die Gründe für diese Unterschiede liegen unter anderem in der unterschiedlichen Gestaltung der Aufnahmeverfahren, je nachdem ob eine Universität den Fokus stärker auf Studierwahrscheinlichkeit legt oder eher sehr offene Formate anbietet (für die neuerdings die Programmschiene der MORE Activities geschaffen wurde). Einen Verbleib im Studium erschweren auch die prekären Lebensumstände, die Verlegung in andere Unterbringungen und traumatisierenden Fluchterfahrungen. Und der scheinbar triviale und doch extrem relevante Faktor Mobilität spielt eine Rolle: Asylquartiere sind nicht immer in Gehweite zur Universität und Fahrtkosten sind aus den Mitteln der Grundversorgung nicht zu bestreiten. Um diesem Problem Abhilfe zu schaffen, versuchen die uniko und die einzelnen Universitäten den Studierenden die Mobilitätskosten zumindest teilweise durch Spendengelder zu ersetzen. Nach wie vor ist MORE getragen vom Engagement der Mitarbeiter/innen der Universitäten


Hausmülldeponie Gampung Jawa in Banda Aceh, Indonesien

und der Partner/innen von Caritas und Diakonie. Eine besondere Rolle haben die Studierenden, die mittlerweile erfolgreiche Buddy-Systeme aufgebaut haben, die unerlässlich sind, um Geflüchtete im Alltag zu begleiten. Stadtspaziergänge, Sprachcafés, Kochabende und sogar Eislaufen gehören zu gemeinsamen Aktivitäten der Studierenden.1 Die Stärken von MORE liegen genau dort, wo auch Integrationsexpert/innen die wichtigsten Punkte2 sehen: ÆÆ Es richtet sich bereits an Asylwerber/innen, um die durch die Flucht aufgerissenen Bruchstellen möglichst rasch zu schließen. ÆÆ Es vermittelt einen Einstieg in Bildungswege und zu Wegen, um mitgebrachte Fähigkeiten und Kompetenzen sichtbar zu machen und anzuerkennen. ÆÆ Es vermittelt Grundwissen über das gesellschaftliche und politische Zusammenleben durch die Aufnahme in die universitäre Community. ÆÆ Es bietet individualisierte Unterstützung durch ein Buddy-System. Universitäten nehmen mit MORE ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr und fördern Integrationsprozesse mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, nämlich Bildung, Vermittlung von Kompetenzen und Einbeziehung in kritische Diskurse. Dies ist jedenfalls ein Anfang, tatsächlich ist noch viel mehr zu tun. Näheres zu den Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie auf www.more-uni.at und www.uniko.ac.at

1 https://morebystudents.wordpress.com/ und https://www. facebook.com/buddyandmoreofjku/?fref=ts 2 www.sosmitmensch.at/dl/klsrJKJKlKkJqx4kJK/ExpertInnen_10_ Punkte_Programm_Integrationsgesetz.pdf

Herkunftsländer in Prozent

Syrien Afhganistan Irak Iran andere

Quelle: uniko

Die Angebote von MORE In MORE-Kursen können Asylwerber/innen sowie Asylberechtigte Sprachkurse, Vorlesungen und künstlerische Studienangebote an österreichischen Universitäten besuchen und finden dort Gelegenheit, ihr Wissen und ihre Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln. Neben den Kursen erschließt MORE Perspectives Kontaktmöglichkeiten zwischen geflüchteten Wissenschaftler/innen/Künstler/innen und österreichischen Kolleg/innen an den Universitäten. Die MORE Activities stellen ein niederschwelliges Angebot dar, das über das Lehrveranstaltungsangebot hinausgeht und die interkulturelle Kommunikation und Integration fördert.

© Peter Freitag | Pixelio

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Heidi Esca-Scheuringer

Perspektiven für Geflüchtete durch vielfältige Initiativen Fachhochschulen öffnen Flüchtlingen ihre Vorlesungssäle.

© FH Oberösterreich

Mag. Heidi Esca-Scheuringer, M.B.L. ist Referentin bei der Österreichischen FachhochschulKonferenz (FHK)

© Christoph Hofrichter | FH JJoanneum

Abdulnasser Alhafari (Bild oben) studiert an der FH Oberösterreich, Safaa Alfaouri (Bild unten) studiert an der FH Joanneum. Beide stammen aus Syrien.

Angesichts der aktuellen Migrationsbewegungen betrachten es die Fachhochschulen als ihre zivilgesellschaftliche Aufgabe, sich als Bildungsinstitutionen zu engagieren und Initiativen zu setzen. In den letzten beiden Jahren wurde dabei vor allem auf Nachhaltigkeit und eine dauerhafte Implementierung auf institutioneller Ebene gesetzt. Der folgende Beitrag soll einen Überblick über die aktuellen Initiativen der Fachhochschulen geben und einige Einzelaktivitäten vorstellen. »Studying Electrical Engineering at the FH Upper Austria in Wels is a great opportunity since the course covers such future related topics like renewable energy and engineering solutions. The university provides a positive learning environment that is filled with multicultural students from all over the world, with a common interest in planning and creating a better sustainable future together. I enjoy being part of this degree programme and look forward to the future with my new colleagues and friends!« Abdulnasser Alhafari aus Syrien, ordentlicher Studierender im Bachelor-Studiengang Electrical Engineering, FH Oberösterreich Regional eingebettet – international ausgerichtet Durch ihre regionale Einbettung fällt es den Fachhochschulen besonders leicht, mit den Behörden und NGOs vor Ort zu kooperieren und gemeinsam Initiativen umzusetzen. Dabei wird vielfach auf vorhandene Ressourcen zurückgegriffen, wie auf Lehrveranstaltungen im Bereich der Fremdsprachen oder Lehrveranstaltungen zum Aufbau von interkulturellen Kompetenzen. So haben viele Fachhochschulen in den letzten Jahren ihre Deutschkurse für Migrant/innen geöffnet. Zudem weisen die Fachhochschulen eine große Zahl von englischsprachigen Studiengängen auf. Im Sommersemester 2016 wurden 72 von insgesamt 456 Studiengänge gänzlich auf Englisch angeboten. Diese Angebote sind für Migrant/innen besonders interessant.

R.U.D.I.: Interkulturelle Kompetenz und interkultureller Wissenstransfer Der von der Abteilung Internationale Beziehungen an der FH JOANNEUM im Herbst 2016 ins Leben gerufene Schwerpunkt R.U.D.I. (für »respectful, united, diverse, intercultural«) widmet sich ganz dem Austausch von Ideen, Sprachen und Kulturen und verfolgt dabei das Ziel, den Horizont der Teilnehmer/innen mit variierenden Lehrveranstaltungen zu erweitern. R.U.D.I. bringt Austauschstudierende, (internationale) Regelstudierende und Refugees einander näher, die alle an der FH JOANNEUM in unterschiedlichsten Bereichen lernen oder studieren. Die Voraussetzungen für die Teilnahme am interkulturellen Schwerpunkt sind neben Enthusiasmus und Neugierde für andere Kulturen vor allem auch interkulturelle Sensibilität, Empathie und gute Kommunikationsfähigkeit, Offenheit sowie die Bereitschaft, von anderen zu lernen. »Der Blick der Europäer auf die Mythen meines Kulturkreises sowie der Austausch mit meinen Kolleg/innen zu geschichtlichen Ereignissen ist sehr interessant. Die Kurse machen auch Spaß. Man lernt in der Diskussion und im Austausch mehr als beim trockenen Auswendiglernen vor Büchern. Mit meinem Wissen über Sprache und Kultur möchte ich bald arbeiten und mich in die Gesellschaft einbringen.« Safaa Alfaouri aus Syrien, Teilnehmerin an den Seminaren »Mythen in Zeit und Raum« und »Kultur- und Integrationsbotschafter/innen« an der FH JOANNEUM Integration ins Studium Fachhochschulen bieten zahlreiche Vorstudienprgramme an, die sie für Migrant/innen öffnen. Zusätzlich wurden vielerorts »Open Classes« eingerichtet. Migrant/innen beginnen an diesen Vorstudienlehrgängen oder »Open Classes« als außerordentliche Studierende mit dem Ziel, in der Folge als ordentliche Studierende in einen regulären Studiengang aufgenommen zu werden.


29 Migration − Integration − Bildung

© FH Kärnten

Die FH Kärnten bietet Flüchtlingen mit ihrem Projekt »Open Class for Refugees« die Möglichkeit, an einzelnen Lehrveranstaltungen teilzunehmen.

Mit der »Open Class for Refugees« wurde ein Modellprojekt gestartet, das den Besuch einzelner Lehrveranstaltungen für ausgewählte Gasthörer/innen im Rahmen der verfügbaren Plätze ermöglicht. Es steht eine Auswahl an Kursen zur Verfügung, die für Flüchtlinge geöffnet werden. Für Bachelorkurse ist Maturaniveau Voraussetzung, für Masterkurse der Abschluss eines einschlägigen Bachelorstudiums. Die genannten Kurse finden entweder in Deutsch oder in Englisch statt. Die fachlichen und sprachlichen Voraussetzungen sind in einem Aufnahmegespräch nachzuweisen. »Studying has always been my plan. I really wanted to study! The ›Open Class for Refugees‹ helped me to prepare myself for that plan. So, I became a regular student. After finishing my Bachelor I want to continue studying for my Master with a focus on HRmanagement.« Khulood Alzaidi aus dem Irak, ordentliche Studierende im Bachelor-Studiengang Business, Intercultural Management an der FH Kärnten Voneinander profitieren Besonders hervorzuheben ist, dass die Initiativen der Fachhochschulen für Migrant/innen sowohl von den inländischen Studierenden als auch von den internationalen Studierenden, die im Rahmen von Mobilitätsprogrammen an die Fachhochschule kommen, sehr positiv wahrgenommen werden. Das Interesse, selbst aktiv zu werden, ist sehr groß. Es werden Freizeitaktivitäten organisiert und Studierende stellen sich als Mentor/innen für Migrant/innen zur Verfügung. Zur Situation von berufstätigen Studierenden mit Migrationshintergrund Die Fachhochschule Technikum Wien hat im Jahr 2015 gemeinsam mit der Arbeiterkammer Wien

die Studie »Zur Situation von berufstätigen Studierenden mit Migrationshintergrund an der FH Technikum Wien« durchgeführt. Die Studie brachte zutage, dass Sprache, Kenntnis anderer Kulturen und hohe Leistungsbereitschaft große Potenziale von Studierenden mit Migrationshintergrund sind. Mit dieser Studie ist es gelungen, einen Einblick in ihr Spannungsfeld zwischen Erwerbstätigkeit und Studium zu gewinnen. Auf Basis der Ergebnisse werden Maßnahmen zum Thema Studierende mit unterschiedlicher Herkunft abgeleitet. Die FHK als Dachverband Die FHK sieht sich im Kontext der Aufnahme von Migrant/innen in das FH-Studium als eine Plattform, auf der sich die Fachhochschulen zu diesem Thema untereinander austauschen können. Sie bietet einschlägige Serviceangebote im Bereich der Rechtsberatung und der juristischen Weiterbildung an. Hierbei werden vor allem studien- und fremdenrechtliche Fragestellungen (z. B. Erleichterungen für Flüchtlinge beim Zugang zum Studium) behandelt, die einer schnellen und unbürokratischen Lösung bedürfen. Letztlich kommt die Klärung dieser Fragen nicht nur den Flüchtlingen, sondern allen internationalen Studierenden zugute. »Ich bin in Aleppo geboren und aufgewachsen. Dort habe ich mein Studium mit Bachelor in Betriebswirtschaft abgeschlossen und als Internal Auditor und danach als Geschäftsführer gearbeitet. An der FH Salzburg habe ich zunächst als ao Studierender am Studiengang ›Master in Innovation und Management im Tourismus‹ teilgenommen. Anschließend habe ich mich für das ordentliche Studium beworben und wurde aufgenommen. Ich habe mich für ein Studium an der FH Salzburg entschieden, weil die Schwerpunkte an der Fachhochschule Theorie sowie moderne Praxis miteinander optimal verbinden. « Anas Tissawi aus Syrien, ordentlicher Studierender am Master-Studiengang Tourismus an der FH Salzburg.

Anas Tissawi aus Syrien absolviert sein Masterstudium bereits als ordentlicher Hörer an der FH Salzburg.

© Christoph Hofrichter | FH Salzburg

»Open Class for Refugees« an der FH Kärnten


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Eva Baloch-Kaloianov

»Valuing Competences« Der Wert mitgebrachter Qualifikationen und deren Anerkennung

Mag. Eva Baloch-Kaloianov ist Mitarbeiterin der Nationalagentur Erasmus+ Bildung bei der OeAD-GmbH im Bereich Euroguidance und EPALE.

Für ein rasche Integration in den Arbeitsmarkt sollten die Anerkennungsverfahren von Drittstaaten an jene der EU angeglichen werden, meint Norbert Bichl vom Beratungszentrum für Migranten und Migrantinnen.

Bildungs- und Berufsberatung bewegt sich in einem zunehmend interkulturellen Feld. Spezialisierte »Anerkennungsberatung« unterstützt neu zugewanderte Personen auf dem Weg zu einer Beschäftigung, die im Idealfall ausbildungsadäquat ist. Bisher standen Zuwander/innen und gut qualifizierte Flüchtlinge häufig vor großen Herausforderungen bei der Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse. Mit dem im Juli 2016 in Kraft getretenen Anerkennungs- und Bewertungsgesetz für ausländische Qualifikationen konnte der Prozess der Anerkennung und Bewertung ausländischer Bildungsabschlüsse und Berufsqualifikationen in Österreich vereinfacht und beschleunigt werden. Davon profitieren auch Asylberechtigte, denen aufgrund ihrer Flucht oft Zeugnisse fehlen. Das neue Gesetz sieht spezielle Verfahren vor, in denen auch bei Verlust erforderlicher Unterlagen die jeweilige Qualifikation festgestellt werden kann. Die Chancen und Herausforderungen durch Migration sowie die aktuelle Praxis der Anerkennung von im Ausland erworbenen Kompetenzen standen im Zentrum der Euroguidance-Fachtagung 2016, an welcher mehr als 160 Personen aus dem Bereich der Bildungs- und Berufsberatung teilnahmen.

© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Anerkennung ausländischer Qualifikationen steigert deren »Wert« auf dem Arbeitsmarkt Anne-Sophie Schmidt, Policy Analyst in der Internationalen Migrationsabteilung der OECD, stellte eine neue internationale OECD-Studie vor. Ihr zufolge befinden sich insbesondere in Europa Personen, die im Ausland geboren wurden, in Beschäftigungsverhältnissen, für die sie formal überqualifiziert sind. Der »Ertrag« von im Ausland erworbenen Qualifikationen ist deutlich geringer ist als jener von im Inland erworbenen Qualifikationen. Statistischen Ergebnissen der OECD zufolge hat das Anerkennungsverfahren ausländischer Qualifikationen eine stark positive Wirkung für zugewanderte Menschen auf dem Ar-

beitsmarkt. Der Wert ausländischer Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt wird durch die formale Anerkennung genutzt, was letztlich zur besseren Integration am Arbeitsmarkt beiträgt. Derzeit nutzen, so Anne-Sophie Schmidt, noch relativ wenige Zuwanderer bestehende Anerkennungsmöglichkeiten. In europäischen Ländern, für die Daten verfügbar sind, waren es beispielsweise rund 38 Prozent der hochqualifizierten Zuwanderer mit ausländischen Qualifikationen, die sich um eine Anerkennung beworben haben. Das österreichische Anerkennungssystem Norbert Bichl (Beratungszentrum für Migranten und Migrantinnen − Anlaufstellenkoordination) thematisierte auf der Konferenz ebenfalls das Problem der Dequalifizierung. Dabei üben Arbeitnehmer/innen eine Berufstätigkeit aus, die geringere formale Bildungsabschlüsse erfordert, als sie erworben haben, sie sind formal überqualifiziert. Dabei üben Arbeitnehmer/innen eine Berufstätigkeit aus, die geringere formale Bildungsabschlüsse erfordert als sie erworben haben; das heißt, sie sind formal überqualifiziert. Diesem Problem entgegenzuwirken sei Ziel des seit Juli 2016 operativen Anerkennungs- und Bewertungsgesetzes. Wichtige Eckpunkte des Gesetzes umfassen unter anderem den Ausbau der Online-Plattform www.berufsanerkennung.at, die Verankerung der Anlaufstellen (AST) zur Anerkennung und Bewertung von im Ausland erworbenen Qualifikationen, ein »Recht auf Bewertung« für tertiäre und schulische Ausbildungen sowie alternative Verfahren zur Feststellung der Qualifikation von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten. In Hinblick auf eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt müsse, so Norbert Bichl, in Zukunft unter anderem an einer Angleichung der Anerkennungsverfahren von Drittstaaten an jene der EU gearbeitet werden. In puncto Spracherwerb soll-


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© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Migration − Integration − Bildung

Gesprächskreis in Workshop 4 »Integration am Arbeitsmarkt: Ansätze aus der Wirtschaft« mit Udo Bachmayer, NKS, Susanne Weiss, BMG und Manuela Vollmann, abz*austria, zum Thema Kompetenzerfassung und Anerkennung.

ten Deutschkurse in Verbindung mit Fachsprache, Beschäftigung und Praktika angeboten werden. Brückenmaßnahmen und modulare Angebote zur Erleichterung des Zugangs in den Arbeitsmarkt seien als Maßnahmen im arbeitsmarktpolitischen Bereich hervorzuheben.

Wichtig sei auch, die Entwicklung von Career Management Skills, Career Adaptability und Resilienz zu unterstützen.

Plädoyer für eine »postintegrative« Sicht auf Flucht und Migration

Im Rahmen der Konferenz stellte Euroguidance die Möglichkeiten der Antragstellung bei Erasmus+ Bildung sowie das neue Portal www.lerneninösterreich. at vor. Das nationale Europass Zentrum präsentierte das Portfolio der fünf Europass-Dokumente, die eine gute Grundlage zur Sichtbarmachung von (mitgebrachten) Kompetenzen darstellen. Die Teilnehmer/innen hatten auch die Möglichkeit, bei interaktiven Methoden- und Diskussionsworkshops mitzumachen. Das Themenspektrum umfasste den Einblick in Unterschiede und Ähnlichkeiten ausgewählter Bildungssysteme, darunter das syrische und afghanische (Milica Tomić, Akanksha Mankani und Darjusch Rezazadeh-Ardebili, Beratungszentrum für Migranten und Migrantinnen in Wien), den Nutzen europäischer Netzwerke für die Bildungs- und Berufberatung (Alexandra Enzi, Europass) und konkrete Methoden der Kompetenzerfassung (Nermina Imamovic und Bahar Demirbilek, migrare Oberösterreich). Weiters standen die Integration am Arbeitsmarkt (Peter Härtel, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft) und der Einblick in die methodische Szenarienarbeit in Hinblick auf Diversität und Kompetenz (Sascha Meinert, Institut für prospektive Analysen) am Programm. In der Dokumentation der EuroguidanceFachtagung, die bei Euroguidance bestellt werden kann, finden sich Beiträge zu den Vorträgen im Plenum, den Ergebnissen der Methodenworkshops, ein Überblick zur Projektausstellung sowie eine Analyse der gesellschaftlichen Herausforderungen und Trends, verfasst von Sascha Meinert, Institut für prospektive Analysen, der die Konferenz methodisch begleitet hat. Weitere Informationen: www.euroguidance.at

Erol Yıldız (Universität Innsbruck, Institut für Erziehungswissenschaft) untersuchte das Potenzial internationaler Bildungswege der »postmigrantischen« Generation und plädierte für einen »postintegrativen« Zugang. Dieser begreift Flucht und Migration als Ressource, aber auch als Herausforderung, lehnt ein Defizitmodell ab, ist pragmatisch orientiert und geht von den Lebenswirklichkeiten der Menschen aus. Wenn Migration, Transnationalität und Vielfalt als historische Normalität erkannt werden, können langfristig die gesellschaftlichen Chancen durch Zuwanderung pragmatisch wahrgenommen werden. Herausforderungen schulischer und außerschulischer Beratungsangebote Gerhard Krötzl (Bundesministerium für Bildung/ Schulpsychologie) stellte als Koordinator der österreichischen Lifelong-Guidance-Strategie die Entwicklungen im Bereich Lifelong Guidance in Österreich und Europa dar. Er thematisierte die Bildungsbenachteiligung, das erhöhte Risiko von frühem Schulabbruch und Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Er beleuchtete die Herausforderungen, die sich dadurch für alle Akteurinnen und Akteure in Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf (IBOBB) stellen. Eine Herausforderung sei es weiters, die Bildungsmotivation von Migrant/innen und ihren Glauben an die eigenen positiven Lebensperspektiven zu fördern.

Breit gefächerte Methodenworkshops zum Thema Anerkennung

»Wenn Migration als historische Normalität erkannt wird, können langfristig die gesellschaftlichen Chancen durch Zuwanderung pragmatisch wahrgenommen werden.« Erol Yıldız


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Eva Müllner

»Irgendwie fühlt man sich immer dazwischen« Leyla Mehrnama blieb nach ihrem Studium in Wien und berät jetzt Asylwerber/innen. Leyla Mehrnama wurde 1980 in Teheran geboren und kam mit 18 Jahren nach Österreich. Für die Tochter einer Österreicherin und eines Iraners war dies eine natürliche Entscheidung – der Vater hatte selbst in Wien studiert, durch die Kindheit in einem zweisprachigen Haushalt besaß sie bereits Deutschkenntnisse, und ihr Bedürfnis nach persönlicher Unabhängigkeit war im Iran schnell an Grenzen gestoßen. Das Thema Sprache erwies sich aber bald nach ihrer Ankunft als zentraler Faktor, der bis heute bestimmenden Einfluss auf ihr Leben nimmt. Als Nicht-Muttersprachlerin sieht sie ihre Position zwischen zwei Stühlen, auf einer Reise, aber nie ganz angekommen: »Irgendwie fühlt man sich immer dazwischen.« Von Beginn an legte sie höchsten Wert auf die Verbesserung ihrer eigenen Deutschkenntnisse, besuchte nach ihrer Zulassung an der Universität Wien auch zwei Semester lang den Vorstudienlehrgang der Wiener Universitäten (VWU), um diverse Ergänzungsprüfungen abzulegen. »Das war der erste Ort in Österreich, wo ich mich ›richtig‹ fühlte. Hier war ich unter meinesgleichen, alle

waren sogenannte Nicht-Muttersprachler/innen, alle hatten Probleme mit dem 3. und 4. Fall. Neben dem Erlernen der deutschen Sprache sind die sehr praktisch gehaltene Einführung in die österreichische Geschichte und Kultur und die Tatsache, dass es eine Alltagsstruktur gibt, wichtig, um ankommen zu können. Für mich war der VWU der ideale Übergang zu einem Studium in Österreich.« Wissenschaftssprache Deutsch Die deutsche Sprache erlebte sie auch während ihres Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien als wiederkehrende Hürde: Der Anspruch an die eigenen Fähigkeiten war sehr hoch, gleichzeitig fand sie aber im akademischen Umfeld wenig Orientierung, gerade beim Verfassen von schriftlichen Arbeiten. Eine Belastung in mehrfacher Hinsicht – Leyla Mehrnama dachte nicht nur einmal an einen Abbruch des Studiums. Mit großem Einsatz und Unterstützung durch externe Lektor/innen konnte sie es aber im Jahr 2012 erfolgreich abschließen.

VWU − Vorstudienlehrgang der Wiener Universitäten Die OeAD-Vorstudienlehrgänge (in Wien, Graz und Leoben) sind studienvorbereitende Einrichtungen für internationale Studierende. Der 1962 gegründete VWU bietet ausländischen Studienwerberinnen und Studienwerbern Intensivkurse zur Vorbereitung auf Ergänzungsprüfungen, die die Universitäten vorschreiben. Jedes Semester besuchen rund 900 Studierende mit einer Studienzulassung einer Wiener wissenschaftlichen Universität die Kurse am VWU. Die Studierenden sind als außerordentliche Studierende an ihren Universitäten gemeldet. Sie kommen aus 75 bis 80 verschiedenen Ländern. www.vwu.at

© Christopher Futcher| iStock

© Esther stosch | Pixelio

Eva Müllner ist Mitarbeiterin in der Abteilung KIM (Kommunikation − Information − Marketing) bei der OeAD-GmbH.


33 Migration − Integration − Bildung

Auch nach dem Ende ihres Studiums war eine Rückkehr in den Iran aber keine Option, also begann die Jobsuche in Österreich. Nach einem Aufenthalt in der Behindertenbetreuung startete sie schließlich 2012 als Mitarbeiterin der Bildungsdrehscheibe im AWZ (Aus- und Weiterbildungszentrum Wien). »Ich berate hier und beim Beraten geht es eher ums Sprechen als ums Schreiben, hier fühle ich mich sicher. Ich glaube, ich kann sehr gut beraten und erstmals kann ich meine eigenen Qualitäten anerkennen.« Das AWZ bietet Asylwerber/innen, die sich in Wien in der Grundversorgung befinden, kompetente Bildungsberatung. Hauptziele sind das Informieren über das Bildungssystem in Österreich, das Entwickeln beruflicher Perspektiven und die Wahrnehmung konkreter Angebote. Und es geht natürlich um Sprache: Die Wiener Bildungsdrehscheibe offeriert Orientierungsberatung, Sprachstandserhebung und begleitendes Bildungscoaching. »Unsere Kund/innen werden uns von diversen Einrich-

© Andrea Damm | Pixelio

Sprache bleibt immer ein Thema

tungen zugewiesen und wir bemühen uns, für sie Struktur in irgendeiner Form zu finden. Struktur im Alltag ist das Wichtigste. Die von uns betreuten Asylwerber/innen kommen aus vielen verschiedenen Ländern und haben sehr unterschiedliche Bildungshintergründe – ein Großteil nur Pflichtschulabschluss, einige mit Hochschulbildung. Sehr oft können sie ihre Ausbildungen hier nicht anwenden. Was aber alle brauchen, unabhängig von der Richtung, in der sie sich aus- oder weiterbilden möchten, sind Deutschkurse, und die möchten wir vermitteln. Weil – und das weiß ich aus eigener Erfahrung – Sprache bleibt immer ein Thema.«

Bildungsdrehscheibe des AWZ Die Wiener Bildungsdrehscheibe bietet Orientierungsberatung, Sprachclearing und begleitendes Bildungscoaching. Durch die Bildungsdrehscheibe soll eine zielgerichtete, passgenaue Vermittlung zu Bildungsangeboten stattfinden. Die Asylwerber/innen werden unterstützt, damit die Integration in das österreichische (Aus-)Bildungssystem oder den Arbeitsmarkt gelingen kann. Unser Angebot: ÆÆ Orientierungsberatung, Sprachstandserhebung Deutsch und Bildungscoaching ÆÆ Kompetenzerhebung und -dokumentation ÆÆ Individuelle Perspektiven- und Zielabklärung ÆÆ Orientierung über das Bildungssystem in Österreich ÆÆ Festlegen der nächsten Schritte/Maßnahmen in Form einer Empfehlung ÆÆ Zubuchung zu passenden Bildungsangeboten (Alphabetisierungs- und Deutschkurse, Basisbildungsangebote, u. v. m.) ÆÆ Weitervermittlung zu Bildungsangeboten (Pflichtschulabschluss, weiterführende Schulen, Hochschulen, u. v. m.) ÆÆ Dokumentation des Bildungsbedarfs www.awz-wien.at


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Sara de Jong

Employing the Cultural Broker in the Governance of Migration and Integration Können eigene Migrationserfahrungen bei der Migrationsberatung genutzt werden? Dr. Sara de Jong, geboren in Amsterdam, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Strategic Research Area Citizenship & Governance der Open University (GB). Als Marie Curie-Stipendiatin am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien führte sie das Forschungsprojekt »Employing the Cultural Broker in the Governance of Migration andIntegration« (BrokerInG) durch. Ihre Forschungsschwerpunkte/perspektiven liegen im Bereich Migration, Internationale Entwicklung, NGOs, Postcolonial Studies, Geschlechterforschung. Sara de Jong hat im Studienjahr2012/2013 ein Ernst-MachStipendium erhalten. Im Oktober 2014 sprach sie anlässlich der OeAD AlumniTalks in Wien.

Im Rahmen der Studie BrokerInG – »Employing the Cultural Broker in the Governance of Migration and Integration» – wurden in Österreich, den Niederlanden und Großbritannien die Position und das Wissen jener Mitarbeiter/innen von Organisationen in den Bereichen Migration und Integration erforscht, die angaben, den ethnischen Hintergrund oder die Migrationserfahrung ihrer sogenannten ›Klient/innen‹ zu teilen. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Mitarbeiter/innen, die selbst Flüchtlinge sind/waren und jetzt Asylsuchende unterstützen. Die Forschungsergebnisse zeigen Chancen und Herausforderungen: Karrieren Im Kontext der allgemeinen strukturellen Benachteiligung ethnischer Minderheiten und Migrant/innen am Arbeitsmarkt − insbesondere jene von Flüchtlingen − bieten Organisationen in den Bereichen Migration und Integration für diese Gruppen eine wichtige Nische im Arbeitsmarkt. Gleichzeitig spiegelt die personelle Zusammensetzung der betreffenden Organisationen oft nicht die diversen Hintergründe ihrer Klient/innen wider, vor allem hinsichtlich bezahlter Erwerbsarbeit. Sozioökonomische Aufstiegschancen in den Sektoren Migration und Integration sind begrenzt, da Leitungsfunktionen in diesen feminisierten Bereichen unverhältnismäßig oft von (männlichen) Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft besetzt werden.

© Katrin Messner | OeAD

Werdegänge Trotz des generell hohen Ausbildungsgrades der befragten Mitarbeiter/innen spielen ihre formellen Qualifikationen bei der Einstellung im Allgemeinen eine untergeordnete Rolle. Stattdessen zeigen die Interviews, dass vor allem bei Flüchtlingen die Anstellung oft auf eine Kombination aus ehrenamtlichem Engagement, Dolmetschertätigkeiten und dem Aufbau von Vertrauensverhältnissen mit den

Organisationen zurückgeht, auch bereits während einer Inanspruchnahme von Unterstützung als »Klient/innen«. Zufälle und Zeitumstände wurden oft als typische Faktoren für den Weg in den Migrationssektor genannt, wenngleich manche – als Antwort auf die Hürden des Arbeitsmarktes – ihre spezifischen Sprachkenntnisse bewusst betonen. Die Aufmerksamkeit, die den sprachlichen Fähigkeiten und kulturellen Kompetenzen von Migrant/ innen oder ethnischen Minderheitsangehörigen im Vergleich zu professionellen Qualifikationen im Sozialbereich oder Qualifikationen in anderen Arbeitsfeldern zukommt, eröffnet Karrierechancen in den Bereichen Migration und Integration. Andererseits können Mitarbeiter/innen dadurch auch in eine prekäre Position geraten. Angestellte mit Qualifikationsabschlüssen im Sozialbereich haben beispielsweise tendenziell eher dauerhafte und besser bezahlte Stellen als jene ohne Qualifikationen. Hinzu kommt, dass auch Mitarbeiter/innen mit viel Arbeitserfahrung oder professionellen Qualifikationen im Sozialbereich häufig vorrangig für ihre »kulturellen und sprachlichen« Fähigkeiten geschätzt werden. Dieser Umstand hat die geringere Anerkennung professioneller Kompetenzen zur Folge und schränkt den Zugang zu Jobs im Sozialbereich, die außerhalb des Migrations-/Integrations-Bereichs liegen, erheblich ein. Wissen Die Aufmerksamkeit, die im Diversity Management Sprache und Kultur zukommt, überdeckt das erfahrungsbasierte Wissen von Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund oder jener, die einer ethnischen Minderheit angehören. Dieses Wissen umfasst Flucht-, Verlust-, Diskriminierungs-, Exklusions- und Anpassungserfahrungen sowie die Fähigkeit zur Navigation in mehrsprachigen Umgebungen – all diese stellen wertvolle und kreative Werkzeuge in der Klient/innen-Beratung dar. Ob und wie dieses erfahrungsbasierte Wissen als


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Wolfgang Denk

»Kompetenzen sichtbar machen« Ressource verwendet wird, ist relational und kontextabhängig. Auf Basis dieses Erfahrungswissens können eine konstruktive Vertrauensbasis und ein offenes Verhältnis in der Beratung aufgebaut werden, welche jedoch zu zusätzlichem Druck auf Mitarbeiter/innen führen können, da sie beträchtliche emotionale Arbeit leisten müssen. Diese Arbeitsleistung trägt zum einen das Risiko, unterschätzt zu werden, zum anderen kann sie auch eine weitere Last bedeuten, wenn sie als mangelnde Professionalität verkannt wird. Brokerage Die Fähigkeiten von Migrant/innen und ethnischen Minderheitsangehörige in den Arbeitsbereichen Migration und Integration werden hauptsächlich darin gesehen, (sprachlichen und kulturellen) Kontakt zu »Klient/innen« herzustellen und den Klient/innen die Aufnahmegesellschaft (das sogenannte »Gastland«) zu erklären. Das kann jedoch bedeuten, dass ein zusätzliches Potenzial von »brokerage« unerschlossen bleibt, nämlich die Anpassung und die Neubeurteilung von organisatorischen Abläufen. Der Erfolg von wechselseitiger Vermittlung hängt von der Anerkennung und dem Hinterfragen von Machtunterschieden und Hierarchien ab. Es bedarf außerdem der Anerkennung unterschiedlicher Herangehensweisen, die Wissen und Professionalität annehmen könnten. Darüber hinaus erfordert eine wirksame Vermittlung, dass Mitarbeiter/innen und die Organisationsleitung sowohl Gesellschaftsnormen im Allgemeinen als auch jene Normen reflektieren, die mit der Integration ethnischer Minderheiten und Migrant/innen in Nationalstaaten assoziiert werden. Die gesamte Studie als Download: Employing the Cultural Broker in the Governance of Migration and Integration. De Jong, Sara, 2016, Universität Wien http://cordis.europa.eu/project/rcn/187861_en.html

In Österreich stehen wir vor gesellschaftlichen Herausforderungen unterschiedlichen Ursprungs. Der Wirtschaftsstandort stemmt sich gegen eine Krise, die Arbeitswelt ist mit veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert, die Republik mit geopolitischen Auswirkungen, die in die aktuelle Flüchtlingssituation mündeten. Dies ergibt eine Gemengelage, in der auch das Sichtbarmachen von Kompetenzen in den Vordergrund rückt, die von Menschen außerhalb der traditionellen Bildungswege erworben wurden. Darüber hinaus gibt es schon seit geraumer Zeit politische Initiativen für eine verbesserte Beschäftigungsfähigkeit, einer Steigerung der Beteiligung Erwachsener am lebenslangen Lernen und einer Senkung der Quote von Schulabbrecherinnen und Schulabbrechern. Derzeit wird auf Grundlage der Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich und einer Empfehlung des Europäischen Rates an der Entwicklung einer nationalen Strategie für die Validierung nicht-formalen und informellen Lernens gearbeitet. In der Ratsempfehlung ist Validierung als ein Verfahren beschrieben, bei dem eine offizielle Stelle bestätigt, dass die Kompetenzen einer Person vorgegebenen Standards entsprechen. Den Mitgliedstaaten wird empfohlen, nationale Regelungen für die Validierung des nicht-formalen und informellen Lernens einzurichten. Eine mögliche Umsetzung befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Doch wie ist diese Idee mit dem Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) verbunden? Der Nationale Qualifikationsrahmen ist in Österreich so konzipiert, dass formale und nichtformale Qualifikationen aller Bildungsbereiche berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass gesetzlich geregelte formale Qualifikationen, wie etwa Schulabschlüsse, genauso abgebildet werden wie nichtformale, gesetzlich nicht geregelte, Qualifikationen aus der Fort- und Weiterbildung. Aber auch informell erworbene Kompetenzen sollen über die Validierung im NQR Sichtbarkeit erlangen. Das übergeordnete Ziel der Validierung ist es,

© CCO Piabay

Die Idee der Validierung und der Nationale Qualifikationsrahmen

nicht-formal und informell erworbene Kompetenzen zu erfassen und sichtbar zu machen. Dadurch sollen all jenen Menschen verbesserte Chancen in Bildung und Beruf eröffnet werden, die ihre Kompetenzen außerhalb des formalen Bildungssystems, etwa in ihrer Freizeit oder durch berufliche Tätigkeiten, erworben haben. Auf lange Sicht sollen Qualifikationen, die im NQR abgebildet sind, auch auf dem Weg der Validierung erworben werden können. Die Abstimmung der Validierungsstrategie mit dem österreichischen NQR erfolgt unter Berücksichtigung der gesetzlichen Vorgaben aller Bildungsbereiche und unter Einbindung aller Ansprechgruppen. Die NQR-Koordinierungsstelle (NKS) ist die zentrale Ansprechstelle für den Nationalen Qualifikationsrahmen. Ihre wesentliche Aufgabe ist die Zuordnung von Qualifikationen ans NQR-Qualifikationsniveau und ihre Veröffentlichung im NQR-Register unter www.qualifikationsregister.at


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Erol Yıldız

Diversität als Herausforderung für Bildungsinstitutionen Warum es wichtig ist, Diversität auch als Bildungsressource zu denken und welchen Beitrag Schüler/innen zur Erforschung von Migrationsgeschichten leisten können.

© Sissi Furgler Fotografie

Univ.-Prof. Dr. Erol Yıldız wurde 1960 in Samsun/Türkei, geboren und studierte Philosophie, Pädagogik und Soziologie in Köln. Von 2008−2014 hatte er eine Professur für Interkulturelle Bildung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seit Sommersemester 2014 hat Yıldız eine Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt »Migration und Bildung« am Institut für Erziehungswissenschaft der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck inne.

Das Leben in der globalisierten Gegenwart geht mit einer Öffnung der Orte zur Welt einher. Das bedeutet auch, Alltagsphänomene sind heute weniger denn je lokal definierbar, unsere Erfahrungs- und Vorstellungsräume sind von weltweiter Reichweite. Ein Zeichen dieses Wandels ist die unübersehbare Vielfalt vor Ort, nicht nur in den Großstädten. Die tägliche Begegnung und Auseinandersetzung mit dieser Diversität setzt Denkbewegungen in Gang, stellt neue Spielräume zur Verfügung und beeinflusst zunehmend unsere Lebensentwürfe und Wirklichkeitsauffassungen. Es ist eine neue Kultur der Beweglichkeit entstanden, die statische Begriffe von Sesshaftigkeit zunehmend fraglich erscheinen lässt. Auch Bildungsmobilität, die in den letzten Jahren eine große Verbreitung und Intensivierung erfahren hat, trägt wesentlich zu solchen Öffnungsprozessen bei. Eine stetig wachsende Zahl junger Menschen absolviert Studium, Schulbildung oder berufliche Ausbildung ganz oder zeitweise in anderen Ländern. Diese Auslandserfahrungen werden in der Regel von allen Beteiligten hoch geschätzt und

ermöglichen später globale oder transkulturelle Aktivitäten und Berufslaufbahnen, die auf persönlichen Erfahrungen, Sprachkenntnissen und vorhandenen Kontakten aufbauen können. Die neue Kultur der Beweglichkeit im Bildungsbereich nötigt Bildungsinstitutionen dazu, diese Herausforderung bewusst anzunehmen und sich mit gezielten Programmen und international ausgerichteten Konzepten einer grenzüberschreitenden Vernetzung zu öffnen. Transkulturalität und Diversität sind zum Markenzeichen erfolgreicher Organisationsentwicklung geworden. Durch Migrations- und Mobilitätserfahrungen werden individuelle Handlungshorizonte erweitert, neue Ideen und soziale Kontakte ermöglicht. Wenn man sich dazu genötigt sieht, sich neu zu verorten, bisher Selbstverständliches zu relativieren oder in Frage zu stellen, umzudenken und sich auf Neues einzulassen, hat das auch einen spürbaren Einfluss auf persönliche Zukunftsorientierungen. Globale Migration/Mobilität ist als Katalysator weltweit orientierter Lebensentwürfe anzusehen, in denen transnationales soziales Kapital genutzt und unterschiedlichste Elemente je nach Kontext neu kombiniert werden. Die vielschichtigen individuellen Biografien belegen heute eindrucksvoll, dass grenzüberschreitende Diversitäts- und Differenzerfahrungen als Neuorientierung, als Erweiterung kultureller Horizonte und damit als Lernprozess wahrgenommen werden. Diese migrationsbedingte Welterschließung markiert einen Prozess der Verwandlung von Fremdheit ins Vertraute. Verfügbares Wissen wird erweitert, überprüft und verändert, was auch zur Revidierung negativer Klischees über »das Andere«

Auslandserfahrungen, wie sie auch der OeAD fördert, werden in der Regel von allen Beteiligten hoch geschätzt und ermöglichen später globale oder transkulturelle Aktivitäten und Berufslaufbahnen.


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© Rainer Sturm | Pixelio

Responsible Science

führt bzw. führen kann. So ist die Konfrontation mit Fremdheit nicht als Denkblockade, sondern als Lernanlass zu betrachten. Dabei ist es wichtig, den Blick nicht nur auf die Herkunft der Menschen, sondern besonders auf die Vielfalt der geistigen und kulturellen Horizonte zu richten, die in lokalen Kontexten entstehen. Gerade hier zeigen sich die kreativen Potenziale von Lebensentwürfen, die durch Mobilität entstanden sind und im Alltag heute eine gelebte Normalität darstellen. Migrationsbiografien erweisen sich als Lebenspraxis, die der Wirklichkeit der globalisierten Welt nicht hinterher hinkt, sondern sie aktiv mitgestaltet. Um einen angemessenen strukturellen Rahmen dafür zu schaffen, brauchen wir Maßnahmen und Konzepte, in denen migrations- und mobilitätsbedingte Diversität als Bildungsressource, als eine wichtige Gestaltungsaufgabe der Zukunft, wahrgenommen wird. Das setzt ein zeitgemäßes Bildungsverständnis voraus, in dem die Lebenswirklichkeit der Menschen, das kreative Potenzial ihrer Alltagspraxis, zur Kenntnis genommen wird. Alltägliche Diversität, vielfältige und vielschichtige Erfahrungen werden als Lernanlass betrachtet, nicht als Hindernis. Dies bedeutet zugleich ein kritisches Bildungsverständnis, in dem konventionelle Normative auf den Prüfstand gestellt werden. Mit anderen Worten: Wir brauchen im Bildungsbereich Zukunftsentwürfe, die eine symbolische Wirkung auf die Gesamtgesellschaft haben, eine optimistische Haltung zu Mobilität, Migration und Diversität an den Tag legen. Vielfalt ist kein notwendiges Übel, sondern eine unvermeidliche Gestaltungsaufgabe, ein Bildungsanlass, der zum Ausgangspunkt werden kann, Zukunft gemeinsam zu gestalten. Umso wichtiger ist es, Kindern und Jugendlichen Räume zu geben, sich mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Diversität zu beschäftigen.

Migration und Familiengeschichte Sozialhistorische Studien haben vielfach belegt, dass Wanderungen seit jeher zur menschlichen Existenz gehören. Wenn Migrationsbewegungen so alt sind wie die Menschheit selbst, kann die Weltgeschichte als Geschichte von Wanderungen gelesen werden. Auch im europäischen Raum fanden große Bevölkerungsbewegungen statt. Im 19. Jahrhundert, das auch das Zeitalter der Migration genannt wird, hatte bereits über die Hälfte der europäischen Gesamtbevölkerung den eigenen Geburtsort verlassen. Österreich ist exemplarisch dafür, welche bedeutende Rolle Wanderungsbewegungen für die gesellschaftliche Entwicklung, für Urbanisierung und wirtschaftlichen Erfolg spielen − auch wenn dies im öffentlichen Gedächtnis nicht unbedingt verankert ist, wie aktuelle Debatten über Migration, Flucht und Integration vermuten lassen. Es ist daher an der Zeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, Migration als ein universelles Phänomen in den Mittelpunkt zu rücken, verborgenes Wissen und Erfahrungen sichtbar zu machen und auf diese Weise andere Bilder über Migration und Diversität zu entwerfen. Warum nicht einmal den Blick auf die eigene Familiengeschichte richten? Man kann von familiären Migrationserfahrungen sprechen, wenn beispielsweise ein Onkel beruflich nach Kanada ausgewandert ist, oder wenn die Großeltern durch Binnenmigration aus der Hauptstadt nach Tirol gekommen sind. Blickt man allein schon auf die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts zurück, auf die massive Zuwanderung aus den Kronländern um 1900, auf Bevölkerungsbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg, Arbeitsmigration und europäische Grenzöffnungen, wären sicher in jeder Familie Migrations­ geschichten zu erzählen.

»Warum nicht einmal den Blick auf die eigene Familiengeschichte richten?«


© Christian Fischer

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»Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident Sind nicht mehr zu trennen.« (Johann Wolfgang Goethe) Westlich-östlicher Divan, 1819. Bild oben: Das Hotel Goethe befindet sich in der Goethestraße im Bahnhofsviertel in München.

Gesichter der Migration – ein Forschungsprojekt mit Jugendlichen Im Juli 2017 startet das Sparkling Science-Projekt »Gesichter der Migration«, das auf einen derartigen Perspektivenwechsel auf die eigene Familiengeschichte abzielt. Im Rahmen dieses Projekts erforschen Jugendliche aus Tirol gemeinsam mit Wissenschaftler/innen der Universität Innsbruck ihre familiären Migrationsgeschichten. Man möchte neue Horizonte eröffnen sowie bisher unsichtbares Wissen und Potenziale zutage fördern: Wie sind Menschen in familiäre und andere grenzüberschreitende Netzwerke eingebunden? Wie bewegen sie sich in transnationalen Räumen? Wie kombinieren sie Unterschiedliches miteinander und entwickeln daraus ihre eigenen Lebensentwürfe? Diesen Fragen gehen die Wissenschaftler/innen gemeinsam mit Schüler/innen einer NMS aus Innsbruck sowie einer NMS aus Fulpmes nach. Dabei werden die Jugendlichen als Expert/innen ihrer Lebenspraxis wahrgenommen und in den gesamten Forschungsprozess aktiv mit einbezogen: Sie entwickeln ihre eigenen Forschungsfragen, die sie dann

anhand offener Interviews mit ihren Eltern und Verwandten führen. Darüber hinaus suchen die Jugendlichen mittels ethnografischer Feldforschung nach Spuren von Migration in den einzelnen Stadtteilen und machen diese sichtbar. Sie können mit einem unvoreingenommenen Blick auf Alltagspraxis und Familiengeschichten vielgestaltige Lebenswirklichkeiten entdecken und Geschichten erzählen, die Migrationsbewegungen in einem anderen Licht zeigen. Aus wissenschaftlicher Sicht wird danach gefragt, wie Migrationserfahrungen in den einzelnen Familien wahrgenommen und bewertet werden und ob über Migration ein Wissen bzw. Bewusstsein vorhanden ist. Ausgehend von den Erkenntnissen der Forschung organisieren die Forscher/innen gemeinsam mit den Jugendlichen eine Ausstellung und eine Tagung an der Universität Innsbruck. Mit diesem Projekt wird somit einerseits ein wichtiger Beitrag zur Erforschung familiärer Migrationsgeschichten und Stadtgeschichten geleistet werden. Andererseits kann das generierte Wissen dazu dienen, ein anderes Bewusstsein über Migration und Diversität vor Ort zu schaffen.

Sparkling Science – wenn Schule und Wissenschaft gemeinsam forschen Sparkling Science ist ein Programm des BMWFW, das hochwertige Forschung mit voruniversitärer Nachwuchsförderung verbindet, indem Wissenschaftler/innen Seite an Seite mit Schüler/innen an aktuellen Forschungsfragen arbeiten. Von 15. Juni bis 30. September 2016 konnten wissenschaftliche Einrichtungen im Rahmen der sechsten Ausschreibung des Forschungsprogramms »Sparkling Science« erneut Projektanträge einreichen. Der Fokus dieser letzten Ausschreibung des Programms in der bisherigen Form zielte auf Langfristkooperationen zwischen Schule und Wissenschaft sowie auf das wissenschaftliche Konzept »Citizen Science«. Mit 293 gültig eingereichten Anträgen war die Resonanz so hoch wie noch nie. So wurden insgesamt etwas mehr als 47 Mio. Euro an Förderung beantragt. Mit den zur Verfügung stehenden 6,5 Mio. Euro können 38 neue Projekte gefördert werden. Die Projekte sind sehr breit gefächert und decken alle wissenschaftlichen Disziplinen − von Naturwissenschaften, Technik und Informatik über Medizin und Gesundheit bis hin zu Sozial- und Geisteswissenschaften − ab. Nähere Informationen: www.sparklingscience.at


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Susanne Binder

Gemeinsamkeiten betonen, Unterschiedlichkeiten akzeptieren Reflexionen mit Schüler/innen über Vielfalt und Veränderung in der Gesellschaft. Migration und Flucht sind auch in der Schule angekommen. Als Forscherin und Young Science-Botschafterin besuchte ich das Gymnasium Franklinstraße im 21. Bezirk, um mit den Jugendlichen über Veränderungen, die Migration und Flucht für die Gesellschaft bedeuten, zu reflektieren. Am 26. September 2017 war ich eingeladen, am »Tag des Respekts« des Gymnasiums Franklin­ straße einen Workshop mit einer 6. Klasse zu gestalten. An diesem Tag sollten sich alle Schüler/ innen mit dem Thema Respekt beschäftigen. Dadurch wollte man das Gemeinschaftsgefühl stärken. Es gab neben individuellen Workshops gemeinsame Aktionen, wie das Gestalten einer großen Fahne für das Schulhaus. Die Jugendlichen waren bereits mit der Fahne beschäftigt, als ich in die Klasse kam. Sie bemalten und beschrifteten sie in Kleingruppen mit ihren Gedanken zum Thema »Respekt«. Diesen Begriff nutzte ich als Einstieg in den Workshop, um zu erläutern, dass gegenseitiger Respekt für ein gutes Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft, die durch Flucht und Migration in Veränderung ist, eine wesentliche Voraussetzung ist. Zu Beginn loteten wir in einer Übung aus, welche Gemeinsamkeiten die Schüler/innen in der Klasse verbinden: Wer eine Aussage/Frage mit »ich auch« bestätigen konnte, durfte aufstehen. So zeigten sich Gemeinsamkeiten entlang unterschiedlicher Achsen (z. B. von »Ich habe ein Haustier.« bis zu »Ich bin in Wien geboren.« oder »Ich spreche mehrere Sprachen.«). Diese Erkenntnis war relevant, um zu erfahren, dass es viel Verbindendes gibt und dass Unterschiedlichkeiten nicht unbedingt negativ besetzt sind – Gemeinsamkeiten betonen, Unterschiedlichkeiten akzeptieren. Ein Quiz ermöglichte anschließend einen spielerischen Zugang zur Klärung von Begrifflich­keiten rund um die Themen Migration, Flucht, Asyl, Vielfalt von Religionen und Sprachen. Die Über­ legungen der Jugendlichen fanden hier Eingang

und wurden aufgegriffen, um sie näher zu erläutern und zu diskutieren. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, darüber zu reflektieren, was beispielsweise Integration bedeutet oder »wie lange jemand Migrationshintergrund hat«. An diesem Beispiel zeigte sich, wie das Zusammenspiel aus Fremdzuschreibung und Selbstwahrnehmung funktioniert: Auch wenn sich jemand als Wiener/in fühlt, kann es sein, dass er nicht als Wiener/in sondern als »Ausländer/in« wahrgenommen wird. Die Klasse zeigte sich diskussionsfreudig, offen und interessiert. Die Fluchtbewegungen der letzten Jahre sind allen in Erinnerung, viele haben persönliche Erfahrungen mit Geflüchteten gesammelt. Im Workshop fand sich ein geschützter Rahmen, um darüber zu erzählen, nachzudenken und Fragen zu stellen. Geprägt waren die Beiträge von der Vielfalt, die die Schüler/innen selbst in der Klasse vergegenwärtigten. Denn wie in Wiener Schulklassen üblich, waren viele mehrsprachig und hatten familiäre Migrationserfahrung. Auch diese Ressourcen durch Vielfalt im eigenen Umfeld konnten im Workshop gut reflektiert werden.

Mag. Dr. Susanne Binder ist Kultur- und Sozialanthropologin und unterrichtet an der Universität Wien und der FH St. Pölten. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Flüchtlingsforschung sowie Migration im Bildungsbereich. Seit 2016 besucht sie als Young Science-Botschafterin Wiener Schulen.

Forscher/innen besuchen ehrenamtlich Schulen – die Young Science-Botschafter/innen Sind Forscher/innen nur im Labor tätig? Wie wird man Forscherin oder Forscher? Kann man giftige Spinnen essen, wenn man sie gebacken hat? Diese und viele weitere Fragen beantworten bereits 100 Wissenschaftler/innen, die als »Young Science-Botschafter/ innen« ehrenamtlich Schulen in ganz Österreich besuchen. Kinder und Jugendliche haben dabei die Möglichkeit, ihre Fragen direkt an die Forscher/innen zu stellen und mit ihnen über ihr Forschungsfeld zu diskutieren. Sie möchten teilnehmen? Alle Informationen zur Initiative finden Sie auf: www.youngscience.at/botschafterinnen Die Initiative wird vom Young Science-Zentrum für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Schule betreut. Dieses wird vom BMWFW finanziert und ist im OeAD angesiedelt.


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Doris Bauer

Migration anders denken – Alumni AudioLab Ehemalige OeAD-Stipendiat/innen berichten im AudioLab über ihre »akademischen Migrationserfahrungen«.

Mag. Doris Bauer ist Mitarbeiterin der Abteilung Bildung und Forschung für internationale Entwicklungszusammenarbeit in der OeAD-GmbH.

Spätestens seit die Flüchtlingsströme nicht nur sich, sondern auch Europa bewegen, werden mit dem Begriff »Migration« zumeist ebendiese in Verbindung gebracht. Manchmal als Euphemismus, denn »Migrationsbewegungen« lassen sich leichter meistern und einfacher kommunizieren als »Flüchtlingskatastrophen« oder »Flüchtlingskrisen«. Die Macht der Benennung, auch und ganz besonders als politisches Mittel, wäre ein eigener Artikel, doch hier soll es um etwas anderes gehen (siehe dazu Beitrag Perchinig, Seite 6). Migration bzw. Migrant/in ist ein neutraler Begriff, die UNESCO beschreibt den Migranten/die Migrantin als »jede Person, die zeitweilig oder permanent in einem Land lebt, wo sie nicht geboren ist und die bedeutende soziale Bindungen zu diesem Land erworben hat«. Insofern stellt jeder OeAD-Stipendiat, jede Stipendiatin einen Migranten, eine Migrantin dar. Jährlich bewegt der OeAD Tausende von Studierenden, Forscher/innen und Akademiker/innen unterschiedlichster wissenschaftlicher Richtungen. Aus Österreich hinaus genauso wie nach Österreich hinein. Manche entschließen sich, nach ihrem Stipendienaufenthalt in Österreich zu bleiben oder zu einem späteren Zeitpunkt hierher zurückzukehren, sie werden zu permanenten Migrant/innen. Aber nicht nur denen, die bleiben, auch denen, die wieder in ihre Heimatländer zurückkehren oder ihre Zukunft ganz woanders suchen, widmet der OeAD seit kurzem ein neues Medium. Denn der OeAD vereint unter seinen Alumni ganz unterschiedliche Wissenschaftler/innen aus aller Welt und aus vielen verschiedenen Forschungsrichtungen. Und jede/r davon hat ihre/seine eigene wissenschaftliche Geschichte. Das Alumni AudioLab ist eine Podcast-Serie, die diese Geschichten seit Mai 2017 für alle hörbar macht. Forschungen und wissenschaftliche Ambitionen sind in diesem Podcast ebenso Thema wie der persönliche Zugang, die Liebe zu oder auch die

Kämpfe mit dem Fach, für das sich der jeweilige Podcast-Gast entschieden hat. Gemein ist all diesen Gästen, dass sie mit einem Stipendium des OeAD einen Teil ihrer wissenschaftlichen Laufbahn in Österreich verbracht haben. Paul Yillia, Gast der allerersten Ausgabe des Alumni AudioLab, ist geblieben. Geboren und aufgewachsen in Sierra Leone/Westafrika, kam Paul 2001 im Zuge seines in den Niederlanden absolvierten Limnologie-Masters erstmals nach Österreich, nach Mondsee in Salzburg. Schon damals knüpfte er Kontakte zur Technischen Universität Wien. Diese und das Nord-Süd-Dialog-Stipendienprogramm des OeAD ermöglichten ihm, 2005 für sein Doktorat nach Wien zu kommen. Sein Fachgebiet fand er über Umwege. Limnologie ist das Fachgebiet der Süßwassersysteme. Das kann die Chemie umfassen, die Biologie, die physikalischen Eigenschaften und die menschliche Interaktion mit Süßwassersystemen. Nicht einmal irgendein Studium, das sich mit Wasser befasst, kam mir damals in den Sinn, als ich für meinen Bachelor an die Universität kam. Mein Vater arbeitete in den Diamantminen in Sierra Leone. Als ich klein war, liebte ich es, in die Minen zu gehen. Als ich die Oberschule abschloss, wollte ich Geld für mein Studium verdienen und beschloss, ebenfalls bei einem, wenn auch anderen, Bergbauunternehmen zu arbeiten […], dadurch wurde mein Interesse geweckt und ich begann, Geologie zu studieren. Doch dann brach der Bürgerkrieg in Sierra Leone aus, die Minen wurden geschlossen und ich musste mich in eine Richtung umorientieren, die auch genug zum Leben bringen würde. […] Ich musste also in der Mitte meines Studiums wechseln. Im Zuge der »Minenwissenschaften« begann mein Interesse für Wasser als Forschungsgegenstand. Also wechselte ich zu Ozeanografie. […] Dieses Studium ist dem der Limnologie sehr ähnlich. Als ich mich dann zu einem Master entschloss, wollte ich auch diesen in Ozea-


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nografie machen. Leider bekam ich keine Möglichkeit, kein Stipendium oder eine andere Förderung für Ozeanografie. Aber ich bekam ein Angebot aus den Niederlanden, für einen Limnologie-Master. […] Ich sage den Leuten immer, es wurde so salzig für mich, dass ich ins Süßwasser springen musste. Und ich habe es nie bereut. Paul Yillia war ein Migrant in mehreren Ländern. Begonnen mit dem Master in den Niederlanden, mit Teilen davon in Österreich und Tschechien, kam er auch zum ersten Mal in seinem Leben nach Ostafrika. Ich nannte mein Masterprogramm früher immer ein Supersandwich. Normalerweise hat ein Sandwich zwei Schichten Brot und dazwischen Schichten von Fleisch, Käse oder so etwas. Meines aber bestand aus mehreren Schichten Brot und mehreren Schichten Fleisch dazwischen. Und es hängt alles damit zusammen, woher ich komme. Als ich in den Niederlanden studierte, bekam ich die Möglichkeit, für sechs Monate auch in Österreich und Tschechien zu studieren. Aber danach konnte ich für die Feldforschung nicht mehr zurück in mein Heimatland, was eigentlich für alle Teilnehmenden in diesem Programm eine Anforderung war. Doch zu der Zeit war Bürgerkrieg in Sierra Leone und das Labor meiner Heimatinstitution war zerbombt worden […] und so brauchte es eine neue Möglichkeit und mein Professor arrangierte etwas für mich in Uganda, wo ich für drei Monate forschte. Danach kam ich nicht zurück nach Österreich, sondern ging in die Niederlande, um dort meine Masterarbeit fertig zu schreiben. Alles zusammen also vier Länder. […] Im Zuge des Masters wurde mein Interesse für diese Art des Forschens und Arbeitens geweckt, mein Doktorat war also dann das nächste Supersandwich. Mit Beginn seines Doktorats im Jahr 2005 blieb Paul Yillia Österreich treu. Er arbeitet noch heute als Gastwissenschaftler an der TU Wien, bei der IIASA, dem International Institute for Applied Sys-

© Amba Botland

Doris Bauer mit Paul Yillia aus Sierra Leone/Westafrika, Gast der allerersten Ausgabe des Alumni AudioLab. 2005 kam er für seine Doktorarbeit nach Wien, sein Fachgebiet ist die Limnologie.

tems Analysis, und seit 2014 ist er führender Fach­ experte bei der Organisation Sustainable Energy for All (SE4All). Diese internationale Organisation mit Sitz in Wien hat zur Aufgabe, das Ziel 7 der Nachhaltigen Entwicklungsziele zu ermöglichen. Dieses soll sicherstellen, dass bis 2030 jede/r Zugang zu leistbarer, zuverlässiger, nachhaltiger und moderner Energie hat. Die Organisation berät, vernetzt und unterstützt 193 Staaten weltweit. Paul, der 2014 direkt von der IIASA in diese Position wechselte, wundert sich manchmal selbst, wie seine bisherige Reise nicht nur global gesehen, sondern auch auf akademischer Ebene so vielschichtig werden konnte. Manchmal blickst du so auf dein Leben und du brauchst ein bisschen, um es zu verstehen. […] Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich heute in dieser Position wäre, hätte ich ihm gesagt, er träume. Aber ein Schritt nach dem anderen, Dinge entwickeln sich einfach und wenn du offen bist gegenüber den Möglichkeiten, die dir die Welt entgegenwirft, und du dich nicht selbst verschließt, weil du denkst, du bist begrenzt auf das, was du gelernt hast oder was DU glaubst, machen zu können, dann kannst du noch viel mehr. Ich fühle mich nicht wirklich wohl damit, mich als Energieexperten zu bezeichnen, ich glaube nicht, dass ich einer bin, aber ich fühle mich im Bereich Energie ebenso wohl wie im Bereich Wasser. […] Wenn du mich also fragst, wie ich hierhergekommen bin, ich kann es wirklich nicht sagen, aber ich kann dir den Weg nennen, den ich genommen habe. Paul Yillia blickt auf eine Erfolgsgeschichte und einen interessanten Weg zurück. Das ganze Gespräch ist auf der Webseite des OeAD im Bereich Alumni unter »AudioLab« nachzuhören. Weitere interessante Geschichten mit und von OeAD-Alumni werden monatlich folgen. Die Auszüge aus dem Podcast mit Paul Yillia wurden für diesen Artikel stellenweise gekürzt.

Paul Yillia arbeitet als Gastwissenschaftler an der TU Wien, bei der IIASA, dem International Institute for Applied Systems Analysis. Seit 2014 ist er führender Fach­experte bei der Organisation Sustainable Energy for All (SE4All).


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Nikoleta Nikisianli

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben Warum uns Klimawandel und Migration in Nicaragua auch in Österreich interessieren sollten.

Mag. Nikoleta Nikisianli, BA ist Mitarbeiterin der Abteilung Bildung und Forschung für internationale Entwicklungszusammenarbeit in der OeAD-GmbH.

Nicaragua wird aufgrund seiner wachsenden Bedeutung als Urlaubsdestination immer bekannter. Mit einer vielfältigen Landschaft, karibischen Traumstränden, aktiven und mit Nebelwäldern geschmückten Vulkanen, hat das Land einiges zu bieten. Auf einer Reise von der Hauptstadt Managua quer durchs Land Richtung Bluefields am Atlantik − auf dem Landweg oder mit dem Flugzeug − erkennen selbst Laien, dass Waldrodung und Klimawandel die Landschaft haben trocken werden lassen. Zentralamerika: eine der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen

© Nikoleta Nikisianli | OeAD-GmbH

Bild oben: Die Stadt Granada ist eine beliebte Urlaubsdestination. Bild unten: Die sandinistische Revolution ist nach wie vor präsent, wie hier in der Stadt León.

Aufgrund des trockenen Korridors und der Auswirkungen der geringen Niederschlagsmenge auf die landwirtschaftliche Produktion in diesem Teil des Landes, könnten sich düstere dystopische Szenarien ableiten lassen. Dem Global Climate Risk Index 2014 zufolge war Nicaragua zwischen 1993 und 2012 das am viertschlimmsten durch den Klimawandel betroffene Land. Am meisten betroffen war Honduras, aber auch Guatemala, Haiti und die Dominikanische Republik sind auf der Liste zu finden. Somit liegen fünf von zehn der vom Klimawandel am meisten betroffenen Länder im karibischen Meer. Nicaragua ist das ärmste Land der Region. Trotz steigender Tourismuszahlen ist das Land von seinen natürlichen Ressourcen abhängig. Ein Drittel des BIP wird durch Landwirtschaft, Holzwirtschaft und Fischerei erzielt. Mehr als die Hälfte der Einkommen bei ländlichen Familien wird bzw. wurde durch traditionellen Regenfeldbau erzielt. Anstieg der Temperaturen, geringer Niederschlag, extreme Regenfälle, Zyklone, Hurrikane und Dürrephasen werden durch den Klimawandel verursacht oder vermehrt. Das KlimawandelRisikoprofil von Nicaragua, das von USAID erstellt wurde, fasst die Auswirkungen auf vier Ebenen zusammen. Betroffen ist die landwirtschaftliche Produktion, das bedeutet Ernteeinbußen und Nah-

rungsmittelunsicherheit. Auch die Wasserqualität und die Wasserversorgung sind in Mitleidenschaft gezogen. Des Weiteren sind Ökosysteme betroffen, unter anderem durch Zerstörung der Mangroven und Austrocknung von Sumpfgebieten. Letztendlich leidet auch die Gesundheit der Bewohner/ innen – durch das Zerstören von Infrastruktur und die steigenden Risiken aufgrund des verschmutzten Trinkwassers. Klimaforschung: Ein Tropfen auf dem heißen Stein? APPEAR, das Hochschulkooperationsprogramm der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, fördert seit 2015 ein Projekt, das sich dem Klimawandel widmet. Dieses ist eine Kooperation zwischen der Universität für Bodenkultur (BOKU) und der Bluefields Indian and Caribbean University (BICU) mit Beteiligung der NGO Horizont3000. Ziel ist, Kapazitäten im Bereich des Klimamonitoring zu stärken. Man möchte verstärkt mit lokalen bzw. regionalen Institutionen arbeiten. Eingebunden werden soll auch die lokale Bevölkerung, die bei der Datengenerierung und Interpretation mithelfen soll. Gemeinsam möchte man alternative Lösungsmöglichkeiten finden. Mit Hilfe von Klima-Messstationen, die an drei Orten an der Karibikseite aufgestellt wurden, sollen Daten generiert und eine lokale Plattform für Klimaschutzforschung und Information aufgebaut werden. Die BICU soll sich zu einer Referenzinstitution in der Klimawandelforschung entwickeln. Das Projekt möchte dem Ansatz transdisziplinärer Forschung gerecht werden, indem akademisches und nicht-akademisches Wissen fusioniert und dadurch neue Wissenstränge und -zusammenhänge erzeugt werden. Darüber hinaus sollen Regierungsstellen beraten werden, denn in Nicaragua wurden in der jüngeren Vergangenheit bereits einige Richtlinien und Strategien entwickelt, die sich der Wahrung natürlicher Ressourcen und dem Klimawandel widmen.


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Migration − Integration − Bildung

Bild links: Das BICU-Projektteam mit Gästen − u. a. Nikoleta Nikisianli, vierte von links − bei der Station in Wawashang. Bild rechts: Eine von drei agrarmeteorologischen Stationen, die in Nicaragua im Rahmen des APPEARProjekts aufgestellt wurden.

Wechselbeziehung zwischen Klimawandel und Migration Die kleinen Bauerfamilien trifft der Klimawandel besonders hart, denn im Gegensatz zu größeren Betrieben können sie keine Bewässerung vornehmen oder auf den Einsatz entsprechender Chemikalien und Technologien zurückgreifen. Veränderungen im Klima wirken sich dann so aus, dass Bäuerinnen und Bauern die Wetterverhältnisse nicht mehr so wie früher deuten können. Dabei geht es um die essenzielle Frage, zu welchem Zeitpunkt was angebaut und wie bewirtschaftet werden kann. Ernteausfälle und die unsichere Einkommensquelle sind Hauptgründe, weshalb viele Nicaraguaner/innen migrieren. In diesem Fall ist es jedoch v. a. eine sogenannte Süd-Süd-Migration und nicht die Migration von einem »Entwicklungsland« in

ein »entwickeltes« Industrieland. Es ist vor allem Arbeit in Costa Rica, und hier hauptsächlich in der Landwirtschaft, die vielen nicaraguanischen Familien die Möglichkeit bietet, Geld zu verdienen und damit die Familie zu Hause zu unterstützen. Seit den 2000er Jahren nimmt auch die Migration in andere Nachbarländer zu. Migration ist zwar immer kontextgebunden und Netzwerke spielen ebenso eine Rolle, jedoch sind es vor allem wirtschaftliche Gründe, die für die saisonale oder dauerhafte Auswanderung von Nicaraguaner/innen ausschlaggebend sind. Ein Plädoyer für die Klimawandelforschung Mit niedrigeren und vor allem unstabilen und unvorhersehbaren Ernteerträgen aufgrund des Klimawandels wird der Umwelt-Migrations-Nexus somit Regierungen und die Wissenschaft in den nächsten Jahren weiterhin beschäftigen. Die IOM (International Organisation for Migration) prognostiziert, dass klimabedingte Migration eine der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden könnte. Aufgrund der Komplexität der Korrelation zwischen Umwelt und Mobilität von Menschen und der schwachen Datenlage, variieren Hochrechnungen bzw. Schätzungen zu den Ausmaßen der Migration sehr stark. Die Wissenschaft steht nun vor der Aufgabe, Entwicklungen in diesem Bereich mit Daten und empirischen Studien − basierend auf inter- und transdisziplinären Zugängen – zu prognostizieren und Regierungen richtungsweisend zu beraten. Das Interesse österreichischer Hochschulen, in diesen Regionen zu forschen und Daten zu sammeln, erklärt sich von selbst. Der Klimawandel kennt keine geografischen Grenzen und betrifft alle Regionen. Weitere Informationen: www.appear.at

Nicaraguas Landschaft ist u. a. durch Vulkane geprägt, wie dem Vulkan Concepción auf der Insel Ometepe. Die Station in Wawashang ist nur durch eine dreistündige Fahrt mit dem Speedboot erreichbar.

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Auch Universitäten an der Pazifikküste Nicaraguas haben vermehrt Interesse daran, in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen Kapazitäten zu entwickeln, um den Klimawandel besser erfassen zu können. Dabei sind zwei Handlungsstränge von Relevanz: Schutz bzw. Milderung (mitigation) des Klimawandels etwa durch Verminderung von Treibhausgasemissionen, und Anpassungsaktivitäten (adaptation), um Abwehrmechanismen aufzubauen, die Mensch und Ökosysteme resilienter machen. Somit stellt auch eine einzelne Initiative an einer kleinen Universität an der Karibikküste Nicaraguas mehr als einen Tropfen auf dem heißen Stein dar. Es sind ebendiese Initiativen, die die akademische Welt mit jenen Menschen zusammenbringen, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind, und vielversprechende und dringend benötigte Erkenntnisse erforschen können. Denn die lokale, ländliche Bevölkerung hat jahrzehntelang ihre eigenen überlieferten Wissenssysteme zum landwirtschaftlichen Anbau in Abhängigkeit vom Klima angewandt.


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Michael Dippelreiter

Historisch betrachtet Am Beginn des akademischen Frauenstudiums in Österreich stand der Zugang zur philosophischen Fakultät. Ein Medizinstudium stand Frauen erst ab der Jahrhundertwende offen. Prof. Dr. Michael Dippelreiter studierte an der Universität Wien Geschichte und Kunstgeschichte. Er verfasste zahlreiche Publikationen zur Regional-, Zeitund Bildungsgeschichte.

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte die Schweiz als erstes Land Europas die Frauen zu ordentlichen Studien an der Universität Zürich zugelassen. Dorthin nahmen auch österreichische Frauen Zuflucht, lange bevor es in ihrer Heimat die Möglichkeit dazu gab. Diese Vorkämpferinnen lieferten durch den Abschluss ihrer Studien und auch durch erfolgreiche Berufsausbildung den Beweis, dass Frauen durchaus fähig waren, ein Studium zu vollenden bzw. wissenschaftlich zu arbeiten. Allerdings bewirkte dies noch nicht das Verständnis der Verantwortlichen in Österreich. Hier war eine Frauenbewegung gegründet worden, welche sich für eine erweiterte Frauenbildung einsetzte, nämlich die Möglichkeit der Zulassung von Frauen an Mittelschulen (Gymnasien) und darauffolgend an Universitäten. Führend in dieser Bewegung war Marianne Hainisch, die Mutter des späteren Bundespräsidenten. Diese Bestrebungen führten zunächst nicht zum Erfolg, obwohl es in weiten Kreisen auch prominente Unterstützer gab. Die »höhere Mädchenbildung«, wie es damals hieß, musste schließlich durch private Initiative und mit privaten Mitteln verwirklicht werden. Erste österreichische Ärztin Die Hochschulen blieben den Frauen auch dann noch verschlossen, als sich in dem weiten Gebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie der Bedarf nach weiblichen Ärzten zeigte; dies vor allem durch die Okkupation Bosnien-Herzegowinas, als es mit einem Schlag galt, eine große Anzahl muslimischer Frauen ärztlich zu versorgen. Im Jahr 1881 sah sich der zuständige Finanzminister Benjámin Freiherr von Kállay (die Verwaltung von Bosnien-Herzegowina unterstand dem gemeinsamen Finanzminister) gezwungen, in der Schweiz die Stellen von zwei Amtsärztinnen auszuschreiben. Eine dieser Stellen erhielt Dr. Anna Bayer, die ihre Ausbildung an der Universität Zürich absolviert hatte. Im Jahre 1882 trat sie ihre Stelle als erste österreichische Amtsärztin in Tuzla in Bosnien an. Zwei Jahre davor war

Dr. Rosa Kerschbaumer, die ihr Studium ebenfalls in Zürich absolviert hatte, als erste Ärztin Österreichs durch kaiserlichen Gnadenakt die Eröffnung einer ärztlichen Praxis auf dem Gebiet der Augenheilkunde gestattet worden. Eine andere Ärztin, die ebenfalls ausnahmsweise ihren Beruf ausüben durfte, war Dr. Georgine von Roth, die im Jahre 1895 vom Reichskriegsministerium als Ärztin am Hernalser Offizierstöchterinstitut bestellt wurde. Diese Einzelfälle waren an sich erfreuliche Beweise für die berufliche Frauenanerkennung als Akademikerinnen, sie beruhten aber nur auf persönlichen Privilegien. Die Frauen wollten aber ein gesetzlich gewährleistetes Recht auf wissenschaftliche Ausbildung und Zulassung zu akademischen Berufen. Je nachdrücklicher diese Forderung in der Öffentlichkeit vertreten wurde und je deutlicher sich das Bedürfnis nach weiblichen Ärzten, nach akademisch gebildeten Lehrerinnen für die bereits entstandenen Mädchenmittelschulen zeigte, desto heftiger wurde der Kampf frauenfeindlicher Kreise gegen das Frauenstudium. Nicht nur in Witz und Satire, sondern auch in wissenschaftlichen Streitschriften wurde dagegen Stellung genommen. Der Chirurg Eduard Albert veröffentlichte eine Schrift »Die Frau und das Studium der Medizin«, in welcher er vernichtende Kritik an den geistigen Fähigkeiten der Frauen übte. Es erfolgten Gegenschriften, aber auch feindliche Kundgebungen der österreichischen Ärztekammer, welche aber − wie das »Wiener Journal« am 8. Mai 1896 analysierte − weniger strenger Logik folgte als gesundem Egoismus, da sie nicht so sehr gegen das Frauenstudium und nicht gegen die Ausübung der ärztlichen Praxis durch Frauen gerichtet waren. Schrittweise Öffnung Der Ehrenplatz der ersten in Österreich promovierten Frau gebührt Dr. Gabriele (Baronin) Possaner von Ehrenthal, die ebenfalls ihr Studium in Zürich abgeschlossen hatte und die durch ein Majestätsgesuch die Zulassung zur Nostrifikation ihres Doktorstudiums erreichte. Darauf erfolgte ein Nostrifika-


© Pixelio | Dieter Schütz

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Im Studienjahr 1919/20 lag der Anteil an Frauen an der Gesamtzahl der Studierenden an der Wiener Universität bei ca. 16 Prozent.

tionserlass des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 19. März 1896, welcher im Reichsgesetzblatt Nr. 45/1896 publiziert wurde. Durch diese Verordnung konnte jede Österreicherin, die im Ausland ein medizinisches Doktordiplom erworben hatte, unter der Bedingung der Wiederholung aller strengen Prüfungen die Promovierung zum inländischen Doktor der Medizin erreichen. Possanner von Ehrenthal unterzog sich dieser Anstrengung und wurde am 2. April 1897 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. Der nächste Erfolg der Frauenbewegung war nicht, wie man erwarten konnte, die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium an österreichischen Universitäten, sondern zum Studium an den philosophischen Fakultäten. Die anfänglich kleine Schar weiblicher Studierender widmete sich den verschiedensten Fachgebieten, neusprachliche Fächer, Literatur- und Kunstgeschichte, aber auch klassische Philologie und mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer, alle vor allem im Hinblick auf spätere Verwendung als Lehrerinnen an Mittelschulen. Die erste Frau, die im Mai 1900 zum Doktor der Philosophie promoviert wurde, (Gräfin) Gabriele Wartensleben, hatte als Hauptfach klassische Philologie gewählt. Endlich wurde im Herbst 1900 Frauen die Zulassung zum Medizinstudium an österreichischen Universitäten gewährt; im selben Erlass wurde auch die Zulassung von Frauen zum pharmazeutischen Studium und Beruf zugesichert. Im selben Jahr kam es auch zur ersten (und einzigen) Promotion honoris causa einer Frau zur Zeit der Monarchie. Die Schriftstellerin Marie Ebner (von) Eschenbach erhielt ein Ehrendoktorat in Philosophie. Langer Weg zur Gleichberechtigung 1907 kam es zu einem Meilenstein in der Geschichte des akademischen Frauenstudiums: Die Philologin Dr. Elise Richter erhielt durch die Habilitation die venia docendi als Privatdozentin. Im Studienjahr 1900/01 betrug der Anteil an weiblichen Hörern bereits 2,3 Prozent, obwohl die Studienmöglichkeiten auf die medizinische und die philoso-

phische Fakultät beschränkt waren. Durch den politischen Umsturz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden weitere Schranken niedergerissen. Im April 1919 wurden die Frauen als ordentliche Hörerinnen zu den rechts- und staatswissenschaftlichen Studien, zu den theoretischen Staatsprüfungen und zum Doktorat der Rechts- und Staatswissenschaften an den (deutsch) österreichischen Universitäten zugelassen. Die Inskription als ordentliche Hörerin an den Technischen Hochschulen sowie an der Hochschule für Bodenkultur wurde den Frauen ab April 1919 gestattet. Im November 1919 wurde den Frauen auch der Zugang zum Tierarztstudium ermöglicht und schließlich 1920/21 auch zur Akademie der bildenden Künste. Lag der Anteil an Frauen an der Gesamtzahl der Studierenden an der Wiener Universität im Studienjahr 1919/20 bei ca. 16 Prozent, so stieg dieser bis zum Studienjahr 1928/29 auf beachtliche 22 Prozent. An den Universitäten Innsbruck und Graz lag der Frauenanteil nach dem Krieg bei konstant 16 Prozent. Im Vergleich dazu war die Zahl der weiblichen Hörer an anderen Hochschulen gering: An der Technischen Hochschule Wien 1,34 Prozent (65 Frauen zu 4.772 Männer) 1919 zu 3,81 Prozent im Jahr 1929; an der Akademie der bildenden Künste stieg der Prozentsatz zwischen 1920 und 1929 von 5 Prozent auf 18 Prozent, wobei »Kunstmalerei« am meisten belegt wurde. Die Hochschule für Bodenkultur hatte in den Referenzjahren 1920 und 1929 einen Anteil von 2,7 Prozent Frauen, die sich alle dem Studium der Landwirtschaft widmeten. An der tierärztlichen Hochschule und auch an der montanistischen Hochschule in Leoben fanden sich zwischen 1920 und 1929 nur temporäre weibliche Studierende, die aber keinen akademischen Abschluss erreichen konnten. Der Beginn des Frauenstudiums in Österreich war zäh. Die Frauen blieben in ihrer Forderung konsequent und so konnte der Anteil an weiblichen Studierenden kontuinuierlich steigen. In der Ausübung der akademischen Berufe, vor allem bei den Leitungsfunktionen, gibt es immer noch Aufholbedarf.

Am 2. April 897 wurde Gabriele Possanner als erste Österreicherin zur Dr. med. univ. promoviert.


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Regina Aichner

Die Bologna-Servicestelle im OeAD informiert Von der sozialen Dimension an Hochschulen hin zur Wertschätzung innovativer Lehre – eine Veranstaltungsrückschau

© OeAD-GmbH | APA-Fotoservice / Peter Hautzinger

Mag. Regina Aichner, M.E.S. ist Mitarbeiterin der OeAD-GmbH und dort für die BolognaServicestelle verantwortlich.

Peer-Learning-Aktivität: »Wie entsteht eine nationale Strategie zur sozialen Dimension in der Hochschulbildung?«, 22.3.2017

Bologna-Tag 2017: »Für einen integrativeren Zugang und eine breitere Teilhabe: Nationale Strategie zur sozialen Dimension in der Hochschulbildung«, 23.3.2017

Die 48 Länder des Europäischen Hochschulraumes haben sich im Bologna Yerevan Communiqué 2015 dazu verpflichtet, nationale Strategien zur sozialen Dimension auszuarbeiten, die z. B. eine Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen oder auch eine Steigerung der Abschlussquoten fördern. Das BMWFW leistete diesem Aufruf Folge und entwickelte 2016 gemeinsam mit den österreichischen Hochschulen die »Nationale Strategie zur sozialen Dimension in der Hochschulbildung: Für einen integrativeren Zugang und eine breitere Teilhabe«. Die Initiative sieht quantitative Ziele bis 2025 vor, die an eine umfassende Erhebung bereits bestehender hochschulischer Initiativen gekoppelt sind. Das Werden und Entstehen dieser Strategie wurde am 22. März 2017 anderen europäischen Ländern präsentiert und Inklusionsexpert/innen zur Debatte gestellt. Irland, Island, Großbritannien, Kroatien, die Niederlande und Schweden lobten Österreich für den integrativen Ansatz und gaben für die konkreten Umsetzungsschritte noch einige Tipps mit auf den Weg.

Am 23. März tauschten sich insgesamt 39 Vortragende aus ganz Österreich mit den 165 Teilnehmer/innen über Möglichkeiten und Rahmenbedingungen der sozialen Dimension in der Hochschulbildung aus. Die Strategie »soziale Dimension« verfolgt drei Zieldimensionen: 1) Förderung eines integrativeren Zugangs an Hochschulen (z. B. Informationsangebote verbessern, heterogenitätssensible Studienberatung) 2) Abbruch verhindern und Studienerfolg verbessern (z. B. durch einen erleichterten Einstieg ins Studium, Förderung der Qualität in der Lehre, Erhöhung der Vereinbarkeit des Studiums mit anderen Lebensbereichen) 3) Rahmenbedingungen schaffen und hochschulpolitische Steuerung (z. B. Weiterentwicklung der Studienförderung)

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Bild oben: Gastgeber Andreas Janko, Vizerektor für Lehre an der JKU Linz, eröffnete den Bologna-Tag 2017 und Moderatorin Margit Bacher (Bild Mitte) führte durch die Veranstaltung. Bild unten: Günter Wageneder, EHR Experte der Universität Salzburg, moderierte den Workshop »Integrativerer Zugang – Information und Beratung«.

Der Bologna-Tag 2017 wurde als Anlass genommen, einen ausgewählten Blick auf die bereits bestehenden hochschulischen Initiativen zu werfen. »MU Cares @ MODUL University«, »Gender Mainstreaming & Managing Diversity« an der FH Technikum Wien, die Band »All Stars inclusive« der MDW, »Facets of Inclusion« der FH Joanneum oder das Projekt »Nightingale“ der PH Oberösterreich wurden von den Initiator/innen in kurzweiligen Formaten vorgestellt. In den anschließenden Workshops tauschten sich hiesige Hochschulen über Ansprüche und Herausforderungen z. B. in der Information und Beratung von angehenden Studierenden oder in Ansätzen zur Verbesserung des Studienerfolgs aus. Praxisnahe Beiträge von Erasmus+ (Sonderzuschüsse bei grenzüberschreitender Mobilität), die Digitalisierung als mögliche Stütze flexiblerer Lehr-/Lernpfade und eine strategische Diskussion zum »Mainstreaming« einer nationalen Position rundeten den BolognaTag 2017 an der Universität Linz ab.


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© OeAD/ Heinrich Wurzian

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Auftakt der Veranstaltungsreihe »Dialog zur hochschulischen Lehre«, 25.4.2017

gearbeitet werden muss. Josef Weißenböck unterstrich die Notwendigkeit, dass Qualität in der Lehre in die Hochschulstrategie eingebettet und somit natürlich »von oben« getragen und gefördert werden muss. Dazu bedarf es laufender Schulungen, Anreizsysteme sowie Experimentiermöglichkeiten für neue didaktische Designs. Angelika Hofhansl bestätigte, dass »gute Lehre nicht dem Zufall überlassen werden darf« und dass es Ziel sein muss, 100 Prozent aller Lehrenden zu erreichen und dabei die Freude an der Lehre als höchste Priorität wahrzunehmen. Deswegen wurde das Teaching-CenterTeam der Meduni Wien auf mittlerweile 60 Mitarbeiter/innen aufgestockt.

ÆÆ Welche Maßnahmen und Anreize können aus strategischer Perspektive gesetzt werden, um Weiterbildungsangebote im Bereich der Hochschuldidaktik für Lehrende attraktiv(er) zu gestalten, sodass sich die Teilnehmer/innenzahlen erhöhen? ÆÆ Welche Maßnahmen fördern Lehrende dahingehend, das in Fortbildungen erlernte theoretische Wissen in den eigenen Unterricht einzubauen? ÆÆ Gibt es Möglichkeiten, Weiterbildungen im Bereich der Hochschuldidaktik als karriererelevant zu manifestieren? »Wo lernen Lehrende?« Rudolf Egger fasste Eckpunkte des deutschen Projekts »Motivation und Anreize zu ›guter Lehre‹ im Rahmen des Inplacement« (MogLI) zusammen und betonte u. a., dass sich Lehrende meist innerhalb ihrer ersten drei Jahre ihr Rüstzeug für ihre hochschuldidaktischen Ansätze aufbauen und ein Verständnis dafür entwickeln, »was Studierende eigentlich sind«. Teamteaching scheint den größten Anreiz für eine regelmäßige und nachhaltige Überarbeitung der eigenen Lehransätze zu bieten, währen an der Relevanz von studentischen Feedback-Bögen noch

© OeAD | Regina Aichner

Die erste Veranstaltung widmete sich dem thema »Stellenwert der Lehre − Anreizsetzung für hochschuldidaktische Weiterbildung«. Knapp 50 Hochschulleitungen, Hochschuldidaktiker/innen, Lehrende, Personalentwickler/innen sowie Senatsmitglieder verfolgten den spannenden Dialog von Rudolf Egger, Zentrum für Lehrkompetenz an der Karl-Franzens-Universität Graz, und Josef Weißenböck, SKILL (Service- und Kompetenzzentrum für Innovatives Lehren und Lernen) der FH St. Pölten. Unter der Moderation von Angelika Hofhansl, Teaching Center der Medizinische Universität Wien, kommentierten sie folgende Fragestellungen:

Wie gelingt die konkrete Umsetzung einer nationalen Strategie, in diesem Fall zu einem offeneren Zugang an Hochschulen? Knapp 30 Teilnehmer/innen aus dem Europäischen Hochschulraum gaben Österreich für das Mainstreaming noch einige Tipps mit auf den Weg.

Teamteaching motiviert zum regelmäßigen Austausch von Lehrenden ohne Druck »von oben«. V.l.n.r.: Angelika Hofhansl (Meduni Wien), Josef Weißenböck (FH St. Pölten), Rudolf Egger (Uni Graz).

In der Diskussion wurde die Rolle der Studierenden, Mentor/innen und Tutor/-innen ausführlich behandelt. Diese sollten als potenzielle zukünftige Lehrende intensiver in hochschuldidaktische Fragen sowie Weiterbildungsangebote eingebunden werden. Die Karriererelevanz der Lehre unterscheidet sich in den einzelnen Hochschulsektoren maßgeblich und nimmt glücklicherweise insgesamt zu – auch Dank der kritischen Stimmen der Studierenden bei öffentlich zugänglichen Probevorlesungen im Zuge von Berufungsverfahren. Alle drei Veranstaltungen wurden von der OeAD-GmbH gemeinsam mit dem BMWFW sowie aus Mitteln des Arbeitsprogramms »Pro. Mo.Austria+ // Promoting Mobility. Fostering EHEA Commitments in Austria 2016–2018« der Leitaktion 3 des Programms Erasmus+ umgesetzt.


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OeAD-Events

Veranstaltungskalender Der OeAD bietet Plattformen zur öffentlichen Diskussion rund um Mobilität und Internationalisierung. Details und Infos zur Anmeldung finden Sie unter www.oead.at/events.

22. Juni 2017 | Wien Urania | Uraniastraße 1 | 1010 Wien Digital Participation: Digitale Bildung zur Teilhabe an der Gesellschaft der Zukunft Ziel der Konferenz ist es, reelle und virtuelle Begegnungsräume zu schaffen, die über Ländergrenzen hinweg den Austausch und das Lernen zwischen den Akteur/innen der Erwachsenenbildung fördern.

14. bis 15. September 2017 | Wien Technische Universität Wien | Gusshausstraße 27−29 | 1040 Wien Jahrestagung des Best Practice-Clubs »Familie in der Hochschule« Die Jahrestagung 2017 befasst sich unter dem Leitsatz »Vereinbarkeit 4.0 – Neue Wege für familiengerechte Hochschulen?« mit den Chancen und Herausforderungen, die Mobilität und Digitalisierung mit sich bringen.

22. Juni 2017 | Wien Bertha von Suttner Schulschiff | Donauinselplatz | 1210 Wien eTwinning-Konferenz: Learning, teaching, exchanging – school cooperations in the Danube Region Am 22. und 23. Juni 2017 lädt eTwinning Lehrer/innen aus den Donauraumländern ein, die Schüler/innen zwischen elf und 19 Jahren unterrichten und sich für schulische Kooperationen in dieser Region und für die eTwinning-Plattform interessieren.

20. bis 21. September 2017 | Wien FH Campus Wien | Favoritenstraße 226 | 1100 Wien Erasmus+ Higher Education Seminar on Cooperation with Partner Countries Bei diesem Informationsseminar für Hochschulen werden Kooperationsmöglichkeiten mit Erasmus+ Partnerländern (Drittstaaten) und internationale Mobilitätsmaßnahmen, Erasmus Mundus, Jean Monnet Aktivitäten sowie die Aktionen »Capacity Building in Higher Education« und Wissensallianzen vorgestellt.

22. Juni 2017 | Wien TU Wien | Karlsplatz 13 | 1040 Wien Festveranstaltung der Allianz für Responsible Science Das Konzept von Responsible Science soll durch spannende Beispielprojekte greifbar gemacht werden. Darüber hinaus soll ein Ausblick auf kommende Fördermaßnahmen in diesem Bereich gegeben werden.

26. September 2017 | Wien Haus der Europäischen Union | Wipplingerstraße 35 | 1010 Wien Tag der Sprachen und eTwinning-Preisverleihung 2017 2017 feiern die Nationalagentur Erasmus+ Bildung, der Stadtschulrat für Wien und die Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich gemeinsam den Europäischen Tag der Sprachen mit dem thematischen Schwerpunkt Inklusion.

26. Juni 2017 | Wien OeAD-Haus | Ebendorferstraße 7 | 1010 Wien Young Science-Netzwerktreffen »Doing Gender in Young Citizen Science« Welche Rolle spielen typische Verhaltensweisen von Mädchen und Buben in Kooperationen von Forschung und Bildung? Das Netzwerktreffen befasst sich mit dieser Frage und legt den Fokus auf die vom BMWFW geförderten Sparkling Science-Projekte.

14. bis 15. November 2017 | Salzburg Unipark Nonntal | Erzabt-Klotz-Straße 1 |5020 Salzburg Hochschultagung 2017: OeAD und Erasmus+ Hochschule: Internationale Mobilität – Trends und Facetten Im Zentrum der Veranstaltung stehen Nutzen, Mehrwert und Auswirkungen von hochschulischer Mobilität − für Hochschuleinrichtungen als Institution, für ihre Mitarbeiter/innen und für die Studierenden.

oead.news 103  

Die neue Ausgabe der oead.news richtet den Fokus auf das Thema "Migration, Integration: Worüber reden wir hier?"

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