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Julia Lichtkoppler

Kooperation im ungleichen Raum Ein Bericht von der EADI Nordic Konferenz 2017 zum Thema globale Ungleichheit.

MMag. Julia Lichtkoppler ist Mitarbeiterin der Abteilung Bildung und Forschung für internationale Entwicklungszusammenarbeit in der OeAD-GmbH.

© OeAD-GmbH | Andreas Obrecht

Beeindruckende Fjorde, Wälder und bunte Häuser formten die Kulisse der EADI Nordic Konferenz.

Zwei Arbeiter einer Fabrik bekommen am Ende des Arbeitstags ihren Lohn. Jedoch: einer bekommt sechs US-Dollar, der andere null US-Dollar. Wie finden Sie das? Diese Frage stellte Bertil Tungodden von der Norwegian School of Economics einer Stichprobe von 1.000 US-amerikanischen und 1.000 norwegischen Proband/innen. In seinem Experiment versuchte er in einem möglichst realen Setting zu erforschen, wie Menschen Disparitäten wahrnehmen und welche Ungleichheiten sie als (un)gerechtfertigt empfinden. Die Antwort? Kommt auf die Ursache an. Ist die Lohndisparität durch Pech oder ungleiche Ausgangsbedingungen begründet, wird die Ungleichverteilung großteils als unfair empfunden. Ist der Grund für den divergierenden Lohn auf Unterschiede in der Leistungserbringung zurückzuführen, ist die auseinanderklaffende Bezahlung für die Mehrheit der Proband/innen in beiden Ländern in Ordnung. Das Beispiel klingt banal. Auf der Makroebene zeigt sich Bertil Tungodden während seines Vortrags auf der EADI Nordic Konferenz 2017 jedoch verwundert darüber, dass unsere Gesellschaft extreme Einkommensscheren zulasse, seien doch Einkommen und Vermögen im überwiegenden Teil davon bestimmt, wo und in welchen familiären Verhältnissen wir geboren werden. Denn während extreme Armut laut Weltbank-Daten im Jahr 2015 erstmals global unter die Zehn-Prozent-Marke fiel, stehen dieser Statistik Zahlen von Oxfam International gegenüber, die die Lücke zwischen Arm und Reich plakatieren: Demnach hält das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen als der Rest der Welt zusammen. Die acht reichsten Männer der Welt besitzen mehr als 3,6 Mrd. Menschen, die die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Diese Lücke zwischen Arm und Reich zu verringern ist notwendig, um die Erde als einen Raum zu erhalten, der auch für die nächsten Generationen lebenswert ist. So scheint es als gesichert, dass zu große Disparitäten in Einkommen und Besitz nicht nur Armut manifestieren, sondern auch Treiber von

politischer Instabilität und Konflikt sind und sich negativ auf Umwelt und Lebensraum auswirken. Nicht zuletzt ist die Reduktion der Einkommensund Vermögensschere auch im Sinne der technologischen Erneuerung und damit des gesamtwirtschaftlichen Erfolgs, gibt es doch einen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen einem relativ geringen Maß an Einkommensunterschieden und der Einführung technologischer Innovationen. Auch um ihren eigenen Fortbestand zu sichern, muss sich daher eine kapitalistische Gesellschaft darum bemühen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu reduzieren und alle Gesellschaftsschichten im Rahmen eines starken Sozialstaats an Bord zu holen. »Niemanden zurücklassen« »Niemanden zurücklassen« lautet auch der Auftrag der Sustainable Development Goals (SDG), die von den 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedet wurden. SDG 10 ist der Reduzierung von Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern gewidmet und setzt sich als ersten Punkt zum Ziel, die untersten 40 Prozent der Einkommen schneller wachsen zu lassen als die jeweils nationalen Durchschnitte. Darüber hinaus sollen Maßnahmen ergriffen werden, die Chancengleichheit (Equal Opportunity) ermöglichen, und die Disparitäten in tatsächlichen Lebensbedingungen (Inequalities of Outcome) verringern. Denn um globale Ungleichheiten fassen und bewältigen zu können, müssen, wie auch der World Social Science Report (WSSR) 2016 »Challenging Inequalities: Pathways to a Just World« ausführt, die sozialen, politischen, ökologischen und räumlichen Dimensionen von Ungleichheit miteinbezogen werden. Auch die Generierung von und der Zugang zu Wissen sind von Ungleichheit geprägt. Wie der WSSR betont, stammen über 80 Prozent der von ihnen erhobenen sozialwissenschaftlichen Publikationen zu Ungleichheit aus dem globalen Norden. Aus diesem Grund spricht sich der Bericht für

oead.news 104  

"Digitalisierung in der Bildung" lautet der Themenschwerpunkt der neuen Ausgabe der oead.news. Erscheinungsdatum: 11/2017