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IMPRESSUM

The Journal of Applied Arts

Herausgegeben von Pascal Johanssen und Katja Kleiss

Redaktion Direktorenhaus Am Krögel 2, 10179 Berlin www.objects-journal.com Mitarbeit Endo (Coverbild), Roman Bittner (Vorsatzpapier), Sonja Danowski (Bildergeschichte), Christina Georgiou, Anna Amalia Gräwe Druck

Papier Gedruckt auf Arctic Volume White von www.arcticpaper.com Art Direktion Corinna Hingelbaum (Brenda Büttner) Verlag Objects. Journal of Applied Arts wird getragen von dem gemeinnützigen Illustrative e.V. Berlin Gesetzt mit

v. Stern‘sche Druckerei

Akzidenz Grotesk,

Lüneburg

Plak, Sabon Next

Printed in Germany 2013

Alle Bilder dieser Serie - nicht der Text entstammen dem Buch Nebelnudeln von Sonja Danowski, Berlin 2008, 20 handsignierte Exemplare, 120 Seiten

Die Texte entstammen in Anlehnung an das „Kleine Buch der Großen Parfums“. Einhundert Klassiker von Luca Turin u. Tania Sanchez, Dörlemann 2013.

Duft-Taxonom Michael Edwards zu Gast in Regensburg, 1988. Zwischen der Frisörin und dem australischen Parfumpapst entsponn sich ein spontanes Gespräch. „Cool Water von Davidoff machte Pierre Bourdon berühmt und wurde nach meiner Schätzung öfter imitiert als irgendein anderer Duft in der Geschichte. Das Problem mit beliebten Herrendüften ist, das man sie mit den Heerscharen hoffnungsvoller Trottel verbindet, die sie als Glücksbringer tragen.“

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PANORAMA

Was gibt es Neues?

New York

Bubi Canal Das Werk von Bubi Canal (33) führt einen in fantastische künstliche und natürliche Welten, die mit freundlichen Monstern und geheimnisvollen Charakteren bevölkert sind. In seinen Fotos und Videos inszeniert er seine Wünsche und Träume von Magie und Liebe. Die sind ganz klar von den Ikonen seiner Kindheit in den Achtziger Jahren inspiriert: E.T. und Grace Jones, Jim Henson und Michael Jackson. Das Interessanteste, was jemand über seine Kunst gesagt habe, sei, dass sie glücklich mache, sagt Bubi Canal. Er liebe es, neue Realitäten zu erschaffen, die dennoch mit seinem Leben verbunden sind. Das wird im Video Chrystelle deutlich, das in seiner spanischen Heimat Cantabria gefilmt wurde. Am Ende heißt es: „This is the place I told you about. In the End you didn’t come. Now I’m totally fascinated…“ www.bubicanal.com Bubi Canal 2013 Rainbow Children, Lambda Print, 18 x 24 cm

Eindhoven

Perceptable Chessgame Die Figuren des Perceptable Chess Game der Designerin Makiko Shinoda sind ein universelles Spielzeug. Kleine Kinder können wie mit Bauklötzen mit ihnen spielen. Später werden sie zu Schachfiguren, so wachsen sie mit dem Kind mit. Die taktil und optisch ungewöhnliche Gestaltung führt weg von den meist standardisierten Formen und Funktionen von Spielzeug. www.makikoshinoda.com Bubi Canal 2013 New Eyes, Lambda Print, 18 x 24 cm

Makiko Shinoda 2012 Mit allen Sinnen: Perseptable Chess Game, Bienenwachs, Keramik, Holz, Bronze, Aluminium

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PANORAMA

Was gibt es Neues?

Kopenhagen

Louise Hindsgavl

linke Seite Skywhale Heißluftballon

Mit Porzellan assoziiert man zunächst die klas-

34 Meter hoch,

sischen Manufakturen wie KPM und Meissen. In

24 Meter lang

den Porzellanskulpturen von Louise Hindsgavl

2013

(40) geht es aber dionysisch zu: Etwas unheimliche, wie aus einem David Lynch-Film entlaufene (Menschen-)Wesen, die ihre sexuellen Phantasien und andere Tollheiten ausleben. www.louisehindsgavl.dk

Canberra

Skywhale Skywhale, das freundlich lächelnde MutantenSäugetier, entworfen von Patricia Piccinini (48), hat ob seiner Monstrosität und zahlreichen Brüste für ziemlich viel Streit in Canberra gesorgt. Anlässlich des 100sten Stadtjubiläums wurde der Heißluftballon entworfen. Gemächlich dahinschwebend durch Häuserfas-

links

saden schmulend hat er aber sicher auch für

Cuts, bruises and doubts

Freude gesorgt.

Porzellan, Gold, Metall

www.theskywhale.com

29 cm x 19 cm x 17 cm 2011

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Jud Bergeron

FEATURE

Künstlerportrait

Jud Bergeron

Jud Bergeron gehört zum kleinen Geheimzirkel Kalifornischer Skulpteure. Ein Kurzbesuch von Katja Kleiss, San Francisco

Jud, der Bär. Bildhauer, viele Steinmetze, eigentlich sind alle so. Ich habe mich das erste Mal in Juds Kunstwerke verliebt, als er seine kubistischen Skulpturen machte. Sie haben mich sofort an Boccioni, Picasso und Giacometti erinnert – nicht als Kopie, aber als Ergänzung ihrer Denkschule. Ich liebte ihre facettenreichen, kaleidoskopartigen Oberflächen und ihre ZuckergussFarben wie himmelblau, die sie in der Moderne verankerten. Sie fühlten sich wie ein schöngeistiges Spiel mit Pop und Plastikspielzeug an. Im Studio angekommen gibt es Kaffee, der trotz der Hitze ganz gut tut. Jud ist gut drauf. Ich blicke auf die massiven Werkzeuge und wüsste ich nicht, wer er ist, könnte ich mich auch an eine Automechanikwerkstatt erinnert fühlen. Jud hat sich gestern einmal wieder, obwohl Vater, ins Nachtleben begeben und blinzelt in die Morgensonne. Bergerons Arbeiten sind sehr persönlich. Sein Stilrepertoire, das sich mit jeder neuen Arbeit weiter zu entwickeln scheint, ist mit den Ereignissen in seinem Leben direkt verbunden. Viele Künstler haben Mühe damit, ein solches Gefühl zuzulassen und damit, ihre Arbeit durch Inspiration auf natürliche Weise zu verändern. Ich kenne viele Künstler, die in einem

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bestimmten Karrieremuster stecken geblieben sind und beispielsweise immer wieder und wieder Gemälde mit Äpfeln malen, weil sich Äpfel gut verkaufen lassen (oder zumindest weil das ihre Galeristen sagen). Sie haben Angst davor, sich weiterzuentwickeln und ihre Galerie zu vergraulen, weil sie sogar zu ängstlich sind, sich selbst zu erforschen. Das ist das, was mich an Bergeron so sehr beeindruckt; er ist ein intuitiver Künstler, der nach seinen eigenen Regeln spielt und sein Leben in suggestive Skulpturen übersetzt. Vor der Garage beginnt etwas Leben, Laster kommen und fahren wieder die staubige Landstrasse hinunter. Jud erzählt etwas, wobei er zugibt, dass er eigentlich sonst wenig redet, aber gesellig sein kann. Künstler-Allüren sind ihm fremd. Vor Jahren noch wurde die Kunstwelt in der Bay Area auf Jud aufmerksam, als er bronzene Gummienten-Objekte, oft überlebensgroß, anfertigte. Das war schrill, wie Amerikaner es lieben, und entsprach auch Juds Humor, der sich selbst auch nicht zu ernst nimmt. Vor einiger Zeit jedoch wechselte er abrupt seine Linie zu einem fragmentierten Stil der Abstraktion. Etwas war passiert. Jud Bergeron genießt es heute, mit einer Vielzahl von Stilen und Materialien zu arbeiten und findet, dass

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der Beginn eines neuen Werks immer ein Aufgeben des vorgehenden Werks ist. Das erlaubt ihm, die visuelle Sprache neu und korrekt zu definieren. 2008 hatte Jud Bergeron eine Solo-Ausstellung in der Sloan Fine Art in New York. Inhaltliches Leitmotiv der Ausstellung war der Tod eines nahestehenden Freundes, der Dichter gewesen ist. Also schuf Jud skulpturartige Arbeiten, die ausschließlich aus Text und besonders aus der Handschrift seines Freundes gemacht waren. In diesem Fall spielte die Erzählung der Ausstellung eine große Rolle bei der Auswahl der Materialien. Jud dachte: Wenn das geschriebene Wort essentiell schwarz-weiß ist, kann er selbst nur korrespondierende Materialien wie Holz und Stahl verwenden. Zwei Monate, nachdem die Ausstellung eröffnet worden war, wurde Jud Vater und sein Leben nahm ein facettenreiches Gefühl an; das war genau der Zeitpunkt, an dem er begann, die polygonalen Arbeiten zu schaffen. Als die Serie sich mehr zu Betrachtungen des Elterndaseins entwickelte, entstand ein Bedürfnis, andere ikonische Kindheitsbezüge zu erforschen. Die Dinge entwickelten sich auf natürliche Art und Weise. Beispielsweise war das erste Wort seiner Tochter ‚quack quack’ als Hinweis auf die gelben Quietscheenten.

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FEATURE

Kevin Twomey (2013)

Jud Bergeron

Wall Tile The Chrytaline Baby (Fletcher)

Jud Bergeron, Keramik, 2011

Jud Bergeron, Stahl, Autolack, gefundener Stuhl, , 48“ x 24“ x 20“

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ARTIKEL

Neue Polnische Schule

Woher der Aufschwung der polnischen Illustrationskunst kommt von Klara Czerniewskan, Warschau Während der sogenannten „Tauwetterperiode“ (nach Stalins Tod 1953, benannt nach einem Romantitel von Ilja Ehrenburg) wurde nahezu jedes künstlerische Phänomen in Polen mit dem Etikett „Schule“ versehen. Die späten 1950er und frühen 1960er-Jahre sahen die Entstehung der Polnischen Plakatschule, der Polnischen Filmschule, der Polnischen Textilschule, der Polnischen Schule des Animationsfilms und der Polnischen Schule der Illustration. Die Kritiker und Journalisten, die diese Begriffe verwendeten, unterstrichen jedoch, dass jeder einzelne Künstler innerhalb dieser Schulen seinen eigenen Stil hatte und sich einer sehr individuellen Bildsprache bediente. Vermutlich sollte mit diesen Klassifizierungen ein institutioneller Rahmen geschaffen werden, um polnische Künstler im Ausland besser zu vermarkten. Ein weiteres Ziel der „Schulen“ war es, die Stimmung im Land zu verbessern, indem man einen neuen Wert schuf, auf den die Menschen stolz sein und mit dem sie sich identifizieren konnten. Die angewandte Kunst wurde in großem Umfang staatlich gefördert (durch diverse Ausstellungen und Wettbewerbe ebenso wie durch die staatlichen Verlage mit ihren riesigen Auflagen) und dienten als eine Art politik-

Illustration

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freie Sphäre, die Künstlern vielfältige Entfaltungsmöglichkeiten bot. Innerhalb der angewandten Kunst nahm die Illustration eine bevorzugte Stellung ein, insbesondere in den in hohen Auflagen erscheinenden Kinderbüchern und -zeitschriften. Viele Kunsthistoriker sind heute der Meinung, dass eben dieser entpolitisierte Status der Grund für die Blütezeit war, die die angewandte Kunst und das Design zwischen 1955 und 1968 in Polen erlebten. Illustratoren genossen, ähnlich wie Grafikdesigner, Ausstellungsgestalter und Innenarchitekten (die im staatlichen Auftrag Mosaiken, Fresken und andere Kunstwerke im öffentlichen Raum schufen), eine große künstlerische Freiheit. Ihre Werke wurden fast ausschließlich nach künstlerischen Maßstäben beurteilt, da ihre Themen nur selten in einen politischen Zusammenhang gebracht wurden. Alle diese „Schulen“ hatten jedoch nur eine Generation lang Bestand: Ihre Vorreiter wurden später Professoren, und der nachfolgenden Generation gelang es nicht, aus dem Schatten ihrer Lehrer herauszutreten. Dies lag zum Teil an den politischen Unruhen der 1980er-Jahre – der anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Krise und der Entstehung der SolidarnośćBewegung. Im Bereich der Kunst führte

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diese Situation einerseits zu einer Radikalisierung und Politisierung der künstlerischen Äußerungen und andererseits zum Kollaps der staatlichen Kunstförderung. Als logische Konsequenz fanden von nun an praktisch alle bedeutenden künstlerischen Aktivitäten im Untergrund statt. Noch vor fünfzehn Jahren wäre es schwer gewesen, von einer „neuen polnischen Illustrationskunst“ zu sprechen. Die ersten Signale kamen aus der Kunstszene: die Comicbücher von Wilhelm Sasnal („Alltag in Polen 1999-2001“) und Agata „Endo“ Nowicka („Projekt: Mensch“) über den Alltag junger polnischer Kreativer. Die Illustratorin Endo wurde vor allem für die besondere Pixel-Ästhetik ihrer mit Microsoft Paint erstellten Bilder bekannt. Andere Vorläufer der Neuen Welle erschienen in kostenlosen Zeitschriften wie dem City Magazine, das Werke der Grafikerin und Malerin Agata Bogacka veröffentlichte, die für ihre femininen, selbstreflexiven Darstellungen bekannt wurde. Erst in jüngster Zeit erlebt die polnische Illustrationskunst eine Renaissance, dank einer neuen Generation von Illustratoren, die mit den klassischen Kinderbuchillustrationen von Józef Wilkoń, Jan Marcin Szancer, Gabriel Rechowicz und Bohdan Butenko aufwuchsen. Diese jun-

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ARTIKEL

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Arobal, Brodka, 2010

b

Dawid Ryski, Dawid Ryski, 2011

c

Jan Dziaczkowski, ohne Titel, 2010

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Maciej Sienczyk, Cover, 2008

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Arobal, Father figure, Bleistift auf Papier, 2010

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Agata Dudek, Hevelius, Digital Druck, 2012

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No. 6 Illustrative