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FRÜHLING 2014

#11 KÖLNER KULTUREN MAGAZIN | WWW.NULL22EINS-MAGAZIN.DE

FREIEXEMPLAR | EHRENAMTLICH | WERT 3 EURO


Null22eins Artishocke e.v.

EDITORIAL


EDITORIAL

VERGÄNGLICHKEIT

Was kommt? Was bleibt? Was bewegt uns – aktuell und in Zukunft? Achtung, Floskel-Alarm: Alles ist im Fluss. Nun ja, ganz so einfach sind Antworten auf derart tiefsinnige Fragen nicht zu finden. Es schwinden manche Momente dahin. Einmal positiv zu bewerten, manchmal mit Wehmut. Altes geht, Neues kommt, Manches bleibt und strotzt der Vergänglichkeit. Und nun? Ja. Jetzt ist Schluss mit Palaver. Frühling steht an! Für null22eins bereits zum dritten Mal! Und es war ein Frühling in dem die Idee geboren wurde, einfach mal etwas Gemeinsames zu machen, mit netten Geschichten und viel wichtiger noch, netten Menschen. Ein paar Gesichter sind seitdem leider Vergangenheit, viele andere blieben aber bestehen. Und sie tun es immer noch – unbeeindruckt von der rasenden Zeit. Eingeklinkt im Fluss der hektischen Großstadt wuseln auch heute unterschiedlichste Köpfe um das Gemeinschaftsprojekt artishocke e.V. herum – unterschiedlichste Charaktere, Bartträger und NichtBartträger, Menschen mit Röcken und welche mit Hosen, Neugierige mit Konzepten und Konsternierte mit Neugier... Apropos Neugier: Die füttern wir für euch in den kommenden Monaten – auf allen Ebenen. Überraschungen nicht ausgeschlossen. Jetzt aber zum Wesentlichen: null22eins #11 Frühling 2014 ist da und bleibt mindestens drei Monate lang! Viel Spaß beim Lesen.

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INHALT

n 11 #

ART

Kunst, ein bleibender Eindruck: Längst Vergessenes voller Glanz im Fokus, manchmal neu definiert und immer wieder neu entdeckt. Ein interessantes Handwerk und handfestes Gewerbe.

steht jetzt noch stärker im Fokus: Der Solution Space geht neue Wege – für Innovationen durch Zeit und Raum.

IS

HOCKE

schon ne haarige Sache: Was sagt der Bart über uns aus? Eigentlich nicht so viel... Oder doch? Eine Fotostrecke zeigt eigene „Ansätze“, die es auf die „Haarspitze“ treiben.

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GALERIE /// GOLD & BETON Widerspruch

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WERKSCHAU /// LUXUS NACHHALTIG 08 Geschmeide ist Kunst

KÖLN SZENE /// VON ALTEN HÜTEN Zurück in die Zukunft

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FOTOSTRECKE /// BÄRTE Und ich sag dir, wer du bist

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ARTISHOCKE /// PORTRÄT Menschen in ihrer Zeit

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KÖLNER ORTE /// MÜTTER DER GESELLSCHAFT Von Klo, von Frau, von Klofrau

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MUSIK /// STEREO INN Leichtigkeit

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KÖLNER ORTE /// KRÄUTERKRAUZ Was wächst denn da?

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NETZWERKEN /// NETTE GESCHICHTEN Sozial. Medial. Wunderbar?

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MUSIK /// IN KÖLN Sons of the Lighthouse, Gedrängel, Der Wieland, Jenny Scott

ALT | NEU /// SOLUTION SPACE Raum für Innovationen


INHALT

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IMPRESSUM HERAUSGEBER

V.I.S.D.P

REDAKTION U. REDAKTIONELLE MITARBEIT

ev... ...entuell bekannte Dinge, manchmal dann doch voller Überraschungen. Ein Blick auf Hut, Stoff und Menschen allgemein.

artishocke e. V. Mülheimer Freiheit 61 • 51063 Köln redaktion@null22eins-magazin.de Robert Filgner robert@null22eins-magazin.de Miriam Barzynski, Anne-Sarah Fiebig, Robert Filgner, Christiane Kanthak, Simone Kollmann, Giacomo Maihofer, Jonas Mattusch, Anna Stroh, Britta Wanderer, Christine Willen

LAYOUT

Diego Gardón, Stefanie Grawe, Sabrina Halbe, Leo Pellegrino, Stephanie Personnaz, Rosa Richartz, Julia Ziolkowski

FOTOS

Alessandro De Matteis, Diego Gardón, Stephanie Lieske, Ada Adriane Mandl, Carina Matijasic, Stephanie Personnaz, Romana Schillack, Anna Shapiro

ILLUSTRATIONEN TITELSEITE

Sabrina Halbe, Stephanie Personnaz, Ion Willaschek, Diego Gardón, Leo Pellegrino Stephanie Personnaz

DRUCK Druckerei WIRmachenDRUCK GmbH Mühlbachstr. 7 • 71522 Backnang www.wir-machen-druck.de

34 PORTRÄT /// SPRACHE Von Sinn und Unsinn

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HANDGEMACHTES /// STITCHBOX Mit Nadel und Faden

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ZWISCHENRAUM /// KLEBEN GEBLIEBEN Ein spanischer Kaugummi

44 SPORT /// HULA THE HOOP Reifen in Bewegung

46 WISSENSCHAFT /// DAS UNHEIMLICHE IN DER MUSIK Gänsehaut im Ohr

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AUSBLICK /// IM JUNI Odonien

ANZEIGEN HTTP://

BANKVERBINDUNG

redaktion@null22eins-magazin.de null22eins-magazin.de facebook.com/null22eins issuu.com/null22eins-magazin artishocke e. V. Deutsche Skatbank Konto-Nr.: 4680715 • BLZ: 830 654 10 Urheberrechte für Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie der gesamten Gestaltung bleiben beim Herausgeber oder den Autoren. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers! Alle Veranstaltungsdaten sind ohne Gewähr.


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ALT / NEU

olution Space am Brüsseler Platz – der ist dem treuen null22eins-Leser ein Begriff. Denn wir haben diesen Raum, der mehr als ein Coworking Space ist, von Beginn an beobachtet. Nun liegt etwas Neues in der Luft. Stefanie und Sahrah gehen einen Schritt weiter. Solution Space – das Innovationshaus – werden die neuen Räume heißen: eine noch viel größere Begegnungsstätte mit Blick auf den Dom. Im Frühjahr geht’s los. Büros, Coworking-Plätze und Workshop-Räume werden dann mit Leben gefüllt. Und dieser Aspekt ist den beiden Betreiberinnen besonders wichtig: „Wir wollen hier wirklich alle Themen zusammenbringen, die unterschiedlichsten Arbeitswelten vernetzen und so als Community ganz neue Dinge schaffen.“


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Und so Innovationen fördern. Diesen Ansatz verdeutlichen sie direkt zum Start des neuen Begegnungsortes auf zwei Etagen mit 1.300 Quadratmetern Fläche: Das Café für den neuen Solution Space wird ein gemeinsames Projekt unterschiedlicher Disziplinen – durch Upcycling und Do-it-Yourself bei der Einrichtung und durch eine breite Community mittels einer Crowdfunding-Aktion auf Startnext. Und nun das Beste zum Schluss: Auch wir Artishocken bringen uns mit ein – einerseits bei den Dankeschöns für die finanzielle Förderung, andererseits als künftiger Bestandteil des „alten“ Solution Space. Lasst euch überraschen. Das Frühjahr bringt viel Neues zum Erblühen!

FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/SOLUTIONSPACE


GeschmeidEkunst


WERKSCHAU

Lena Wunderlich beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit. Und mit Vergänglichkeit. Als Goldschmiedin und Schmuckdesignerin schafft sie abseits des Billigschmucks bleibende Werte.

Nur der Nachname Schmidt zeigt heute noch, wie viele Schmiede es einst gegeben haben muss. Der uralte Beruf wird heute tatsächlich nur noch selten gelehrt. Durch billig im Ausland produziertes Werkzeug oder Modeschmuck sind Schmiede in Vergessenheit geraten. Lena Wunderlich hat sich nach ihrem Abitur trotzdem für das feine, mit einem der teuersten Werkstoffe arbeitende Handwerk entschieden: das Goldschmiedehandwerk. Schon ihre Mutter hat diese Profession erlernt, aber seit der Geburt ihrer Kinder nicht mehr ausgeübt. Obwohl Lena sie daher niemals mit Schmuck arbeiten sah, übte die alte Werkbank im Keller mit den vielen Schubladen eine starke Anziehungskraft aus. Die Ausbildung beim Goldschmied in ihrer Heimat Lübbecke bildete die Basis ihrer Kreativität, die sie an der KISD (Köln International School of Design) theoretisch und während eines Auslandssemesters an der Rhode Island School of Design in den USA praktisch ausleben konnte. Ihre Schmuckstücke sind innovativ und versuchen, die herkömmliche Idee von Schmuck zu erweitern. So etwa ihr Set der „Evanescence Serie”, bestehend aus Ohrringen, Ring und Brosche. Die verwendeten Materialien sind Rost und Papier, die sich durch ihre Gegensätzlichkeit wunderschön verbinden – sowohl haptisch als auch optisch. Der Titel verweist auf die Empfindlichkeit der beiden Werkstoffe: „Dahinschwinden“. Rost entsteht erst im Verfallsprozess von Eisen, Papier ist den Einflüssen der Umwelt grundsätzlich schutzlos ausgeliefert. Es handelt sich um Prototypen. Die Tragfähigkeit ist sehr diskutierbar. Doch Lena hat gelernt, diese Kriterien zugunsten des kreativen Prozesses zurückzustellen. Sicherlich könne man die verwendete Tortenspitze auch chemisch behandeln, um sie zu verstärken. Dann wären die Effekte von leicht und schwer, von hell

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und dunkel, von glatt und rau der beiden Protagonisten allerdings zerstört. Auch wäre die Interaktion der ungleichen Partner nicht möglich: Denn das unbefleckte Weiß des Papiers wird bei der Verarbeitung unweigerlich von krümelndem Rost verschmutzt. „Gerade darin“, betont Lena, „zeigt sich gleichsam eine Vermischung von ‚gut‘ und ‚schlecht‘ im Laufe der Zeit.“ Auch das Konzept hinter der offenen Kette „Flexible necklace“ ist durchdacht. Harte Metallstäbe sind mit Silikonverbindungen versehen und bilden so eine feste und zugleich bewegliche Struktur – wie der menschliche Körper selbst. Wie einen Schal kann man die Kettenglieder um den Hals schlingen, enger oder weiter. Man kann sogar einen Knoten legen oder sie einfach offen tragen. Diese Freiheit in der Verwendung ist Lena wichtig. Sie selbst

TEXT /// BRITTA WANDERER FOTOS /// ANNA SHAPIRO WEITERE INFOS /// WWW.LENAWUNDERLICH.DE

trägt übrigens sehr selten Schmuck, außer einem dezenten Tragusstecker. Sie ist überhaupt sehr clean, mit dunklem Bubikopf, schwarz-weißer Kleidung und ungeschminkt schönem Gesicht. Vielleicht ist das auch ihre Botschaft: Dekoriere dich reduziert. Und wenn, dann bitte besonders.


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FOTOSTRECKE

FREITAGS

WEITERE INFOS /// STEPHANIE PERSONNAZ /// WWW.STEPHKAA-DESIGN.COM


FOTOSTRECKE

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... Und ich sag dir, wer du bist „Die Ansichten darüber, was mit einem Bart zu geschehen habe, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur beträchtlich; von der jeweiligen Norm abweichende Barttracht gilt oft als Zeichen von Ungepflegtheit oder Fremdheit. Hatte der Bart in der Frühgeschichte der Menschheit vor allem auch einen kultischen Charakter, der viele religiöse Komponenten besaß, ist er in der Gegenwart, vor allem in der säkularisierten westlichen Welt, sowohl Ausdruck von Individualität als auch in bestimmten Formen Mode.“ Was sagt der Bart über uns aus? Eine bildliche Annäherung durch das Fachhochschul-Projekt „7 Days – 7 Beards“ von Stephanie Personnaz.


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FOTOSTRECKE


FOTOSTRECKE

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KÖLNER ORTE

In der ersten Dimension könnte es eine Galerie sein, ist es aber nicht. Diese Schublade ist leider zu klein für die Möglichkeiten, die diese Location mit dem Namen etc. bietet. Denn dort, in der Domstraße 91, in der Nähe vom Eigelstein, sind alle herzlich willkommen: Kunstschaffende, Passanten, Laien, Kunstliebhaber und Schüler. In diesem Raum haben die zwei Freundinnen Jovita Majewski (26) und Yuliya Gaydamachenko (25) das Zepter in der Hand: „Wir heißen etc., weil wir machen, was wir wollen. Wir sind frei und lassen uns nichts sagen“, verkündet Jovita selbstbewusst. Dem Klischee der Etepetete-Kunst, wo man von Galeristen schief angeschaut wird, wenn man als nicht-solventer Interessent den Raum betritt, möchten die beiden mit dem etc. etwas


KÖLNER ORTE

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TEXT /// ANNA STROH ILLUSTRATION /// LEO PELLEGRINO

Mütter der Ausgehgesellschaft Dieser Job ist eben nicht Selbstverständlich. Schon allein unsere verwendete Bezeichnung für den Beruf ist hart: Die Klofrau – eine gute Seele im Club, unverzichtbares Kulturgut der Partylandschaft. Wer kennt sie nicht? Die wohl vertrautesten Gesichter unserer Stammlokalitäten. Sie sind es doch, die immer für Ordnung sorgen, sich um uns kümmern, uns verfluchen und im schlimmsten Fall auch mal nachhause schicken. Die Mütter der Ausgehgesellschaft. Die Kölner Klofrauen. Wir begegnen ihnen überall, zu jeder Tagesform und immer etwas anders gelaunt. Natürlich sollte an dieser Stelle vermerkt werden, dass es nicht nur Klofrauen sondern auch -männer gibt, doch sei hier bewusst die Aufmerksamkeit auf die Frauen gerichtet. Wie regelmäßig diese Frauen in unserem Nachtleben auftauchen und welche Rolle sie darin spielen, wurde mir erst bei näherem Hinsehen bewusst.

Alles im Griff Woche für Woche ziehe ich durch Kölner Clubs, beobachte die kuriosesten Szenen, erlebe vielfältige Frauen, sowie ihr Durchsetzungsvermögen und Organisationstalent. Ich treffe auf lustige, genervte, hilfsbereite, starke, süße und aggressive Klofrauen, die alle eines gemeinsam haben: Sie haben die Partygesellschaft komplett im Griff.

Sie haben die Partygesellschaf t komplet t im Griff. Die Schlange vor den Toiletten wird immer länger, nervöse Mädels, die bereits mit ihrer Puderdose in der Hand ungeduldig hin und her wippen, warten nur darauf, in eine der Kabinen zu verschwinden. Das sind die Momente, in denen jeder von uns dankbar ist, dass die Klofrauen alles unter Kontrolle haben. Sie sind die Bestimmer, sie sagen wann und wo es lang geht. Immer darauf bedacht, dass alles in Bewegung bleibt, verteilen sie die Damenschlange auf die Herrentoilette, doch lassen dabei die Männer nicht aus den Augen. Sie sollen schließlich die Frauen nicht belästigen. Kommt es dennoch vor, werden die Klofrauen richtig böse. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und lesen den Männern die Leviten. Doch auch den jungen Mädchen bleibt kein Kommentar erspart. Sätze wie: „Zieh mal deinen Rock ein wenig runter“, „Ja du bist hübsch genug! Weiter!“, oder: „Wozu hast du aufgeklebte Fingernägel, wenn du noch nicht einmal dein Kleingeld vom Boden aufheben kannst?“, werfen sie ohne mit der Wimper zu zucken den Mädels an den Kopf.

Alles im Blick Diese Frauen haben die betrunkenen Gäste unter Kontrolle, wissen wie man mit ihnen spricht und wie man sie behandelt. Ich erlebte Klofrauen, die betrunkene, traurige Männer getröstet haben, weil sie von ihrer Freundin verlassen wurden. Mädchen, denen verlaufene Wimperntusche aus dem Gesicht gewischt wurde, wenn es ihnen schlecht ging. Bei Kreislaufproblemen hatten sie Schokolade und Wasser zur Hand. Manche erzählten stolz von ihren Kindern und zeigten dabei Fotos. Andere tanzten mit meinen Mitbewohnern, kannten geheime Türen hinter denen man seine Jacke verstecken konnte und fluchten in ihrer Muttersprache, wenn man ihnen kein Geld hinlegte. Ich bin froh, dass es sie gibt, denn das nächste Wochenende steht vor der Tür. Die Schuhe sind poliert, das schönste Kleid zurechtgelegt. Es wird wild gefeiert und lange getanzt. Beruhigend zu wissen, dass jemand an diesen Abenden ein wenig über einen wacht.


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KÖLNER ORTE

MitKräutersuche dem kauz auf Was wächst denn da? Daniel und Diego klären mit ihrem Projekt Kräuterkauz über Wild­kräuter und deren Nutzung auf.

Auf einen Löwenzahnwurzelkaffee Ich treffe Diego bei sich zu Hause in KölnHöhenberg. Da wir noch etwas auf Daniel, den zweiten Kopf hinter Kräuterkauz, warten müssen, setzen wir uns in Diegos Garten. Der kleine Garten ist der letzte in der Nachbarschaft, der nicht in eine sterile Rasen​fläche umgewandelt wurde. Hier wächst eine halbwilde Pflanzengemeinschaft aus Obstbäumen, Gemüse, Kräutern und Wildpflanzen. Pflanzen, die der gemeine Schrebergärtner als „Unkraut“ deklarieren und entfernen würde. Gerade diese Wildpflanzen haben es Daniel und Diego angetan: Denn Ziel ihres Projektes Kräuterkauz ist es, über die – bei vielen in Vergessenheit geratene – Nutzbarkeit von Wildkräutern aufzuklären. Während wir auf Daniel warten, kosten wir Teemischungen aus gesammelten Wildkräutern und Topinambur und Löwenzahnwurzelkaffee.

Vergessenes Wissen Kräuterkauz bietet Wildkräuterseminare an. Bei den Seminaren gehen sie mit den Teilnehmern auf Kräutersuche, helfen Kräuter sicher

zu bestimmen und bereiten mit den Teilnehmern aus dem Gesammelten ein Kräuterpicknick zu. Das Wissen über Essbares aus der Natur ist bei den meisten Menschen nahezu verschwunden. Nach der Nachkriegszeit, in der eine Nutzung von Wildpflanzen durch Lebensmittelknappheit zwangsweise stattfand, gerieten Wildkräuter und Wildgemüse in Verruf und Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren findet eine langsame Rückbesinnung statt, Rauke – besser bekannt als Rucola – und Bärlauch sind heute wieder im Supermarkt zu finden.

Volle Wiesen Daniel kommt und wir fahren los nach Köln-Brück, um dort auf den Wiesen am Flehbach Kräuter zu sammeln. Der bisher milde Winter spielt uns zu. So kommen wir auch Ende Januar auf eine erstaunliche Ausbeute. Als erstes werden die Holunderhecken abgesucht. Auf abgebrochenen Holunderzweigen wächst ein Baumpilz namens Judasohr, den viele unter dem Namen Mu-Err aus der chinesischen Küche kennen. Auf den Wiesen finden wir Sauerampfer, wilden


KÖLNER ORTE

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WEITERE INFOS /// WWW.KRAEUTERKAUZ.DE WWW.FACEBOOK.COM/ KRAUTERKAUZ.KAUZ

Schnittlauch, Knoblauch­rauke, Nelkenwurz, Spitzwegerich und Wiesen-Bärenklau. Sauerampfer und Schnittlauch finden Verwendung in Salaten und Suppen. Nelkenwurz eignet sich für Liköre; Spitzwegerich für Tees. Wiesen-Bärenklau ist Daniels und Diegos Favorit unter den Wildgemüsen.

Selber sammeln, statt konsumieren Bevor sie das Projekt Kräuterkauz in Gang setzten, wollten Daniel und Diego einen Wildkräuterversand aufbauen, bei dem man sich – ähnlich der Gemüsetüte – Kräuter nach Hause bestellen konnte. Die Idee erwies sich als logistisch nicht praktikabel. Zudem widersprach es Daniels und Diegos Ziel. Denn sie wollen nicht Konsumbedürfnisse befriedigen, sondern vielmehr den Blick des Einzelnen für seine Umwelt schärfen. Das selbsttätige Kräutersammeln regt zu einer direkten Auseinandersetzung mit Lebensmitteln und dem eigenen Konsumverhalten an.

beit mit der Ehrenfelder Braustelle produziert haben. Etliche Kräutermischungen hatten sie getestet bis die Mischungen für zwei Sorten gefunden waren. „Kölner Wildnis“ ist mit selbst gesammelten Kräutern gebraut und „Kölner Nektar“ mit Wildkräutern und Honig aus eigener Produktion. Beide schmecken sehr lecker und würzig und können über die Internetseite kraeuterkauz.de bezogen werden. Nach der erfolgreichen Sammelaktion wird sich zugeprostet und wir machen uns auf den Rückweg. Ich bin wirklich überrascht, wie viel Essbares und Schmackhaftes sich innerhalb von nicht mal einer Stunde finden ließ. Später habe ich mir zu Hause mit den Kräutern eine Kartoffelsuppe verfeinert und ich kann den beiden Kräuterkäuzen nur sagen: Es war sehr lecker.

Würzig und Erfrischend Daniel hat etwas von dem eigenen Bier mitgebracht, das die beiden 2013 in Zusammenar-

TEXT /// JONAS MATTUSCH FOTOS /// ROMANA SCHILLACK


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NETZWERKEN

Nette geschichten Sozial. medial. wunderbar?


NETZWERKEN

am Mülleimer“ für die bedürftigen Flaschenfänger der Großstadt. Es scheinen generell eher junge Köpfe zu sein, die mit einem StartUp der Menschheit das Verantwortungsgefühl (wieder) näher bringen wollen. Soziale Plattformen wie die unzähligen sogenannten Nettwerke auf Facebook erlösen Menschen, die im Überfluss leben, von ihrer Qual unnütze Dinge loszuwerden. In so ziemlich jedem Agglomerationsraum findet man ein ausgeklügeltes Netz von „Giveboxes“, die den Tauschhandel ganz neu definieren. Und dann sind da noch die unzähligen Pfandkisten an Mülleimern, die als echte Innovation von Design-Studenten zu wahrem Ruhm gelangt sind.

„Ich geh mal eben ins Internet.“ Was? Wieso? Warum nicht auch mal wieder raus gehen. Und das Soziale direkt vor der Haustür entdecken. Erst recht, wenn es mit WIRKLICHEM Verantwortungsgefühl verbunden ist. Nette Geschichten – „Lass uns doch mal was Nettes zusammen machen.“ So beginnen viele Gespräche in Köln – egal auf welchen Ebenen. Das suggeriert schnell ein wahres Interesse für eine gemeinsame Sache – egal was dann schlussendlich dabei herauskommt. Was einst als Kölscher Klüngel bezeichnet wurde, heißt heute Netzwerken. Wie viel Zusammenarbeit dahinter wirklich steht, sei dahingestellt. „Tue Gutes und rede darüber“ heißt heute Public Relations. Es gibt nette Netzwerke im Internet, genauer gesagt im Sozial-Medialen. Und selbst Unternehmen betonen über Begrifflichkeiten wie CSR (Corporate Social Responsibility) die soziale und verantwortliche Komponente in ihrem Schaffen. Also sind jetzt alle irgendwie netter geworden… Oder finden nette Geschichten nur noch über digitale Kanäle und als Imagebildende Maßnahme statt? Ist „sozial“ ein Trend geworden? Ein Blick vor die Haustür, auf den Weg zu Freunden oder während einer Bahnfahrt in Köln, soll helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Das Gefühl ist nicht von der Seele zu weisen, dass einem hier und da Neuerungen begegnen, die das gute Miteinander in den Fokus rücken. Besser noch: das soziale Miteinander. Wie häufig liest man von Innovationen wie der „Givebox“ oder dem „Bierkasten

Soweit so gut – aber Ist es wirklich so viel sozialer wild zu verschenken, statt richtig zu spenden? Fühlen wir uns wirklich besser, wenn die junge Mutter von Nebenan die fünf Jahre alten Kindersachen erhält und nicht die Kleiderspende vom Roten Kreuz? Wenn der alte Sessel in der neuen Szene-Kneipe landet und nicht im Hilfsverein für Bedürftige? Wird der „Markt“ für „echte“ Flaschensammler nicht zerstört, wenn der Zugang zu dem „begehrten“ Gut sauber und erleichtert ist? Es beschleicht einen das Gefühl, dass unser sogenanntes Kommunikationszeitalter die Perspektiven verlagert. Es wirkt, als zähle der „Wohlfühlgedanke“ mehr als wahrer Nutzen. Zugegeben steckt hinter den Innovationen meist auch der Service-Gedanke und viele Neuerungen haben auch tatsächlich einen Mehrwert. Hiermit soll das Prinzip als solches auch gar nicht in Frage gestellt werden. Doch soziales Miteinander, wie es die beiden Wörter ja besser nicht beschreiben können, findet nun mal im realen Leben statt – und das schon immer. Menschen sehen und deren Schicksale begreifen – nicht nur auf Trends aufspringen, schon gar nicht, wenn diese ausschließlich „webbasierend“ sind. Der Obdachlose hat nicht selbstverständlich Facebook. Und wenn er sich einer „Givebox“

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NETZWERKEN

nähert, schlagen manche Nachbarn vielleicht sogar Alarm. Und selbst beim Beispiel Pfandflaschen-Erleichterung findet man Strukturen, die eine Pfandkiste am Mülleimer eigentlich überflüssig machen.

Ein kleiner Exkurs Betrachtet man die Strukturen nordrheinwestfälischer Städte bemerkt man häufig sehr schnell den Unterschied zu anderen Regionen Deutschlands: Die Trinkhallenund Kioskkultur. In kaum einer anderen Stadt gibt es so viele Eckbüdchen wie in Köln. Das hatte schon immer die ganz eigene Konsequenz: Geselligkeit, Bier trinken und „abhängen“ finden vor allem draußen statt. Direkt verbunden damit ist daher schon lange beispielsweise die Frage nach dem so verursachten Müll, also meist den leeren

Bierflaschen. Ein weit verbreiteter Lösungsweg dafür war schon früh in der Domstadt die Förderung des informellen Sektors. Was? Ja. Bierflaschen-Sammler sind genauso wie Müllsammler in Indien Bestandteil eines so genannten informellen Sektors. Das heißt, sie schaffen für sich einen Mehrwert aus „Gütern“, die keiner offiziellen Wertschöpfungskette beziehungsweise Statistik zugeordnet sind (wird heute im Schulfach Geographie spätestens in der 10. Klasse gelernt). Die leere Flasche Bier geht an einen Biersammler, der sich so hilft, sich selbst zu versorgen. Das klappt. In Köln schon immer ganz gut. Während anfangs dieser Dienst für die Gesellschaft vor allem von Studenten für Obdachlose gefördert wurde, haben sich in den vergangenen Jahren ein paar Verschiebungen ergeben. Und diese werden gerade durch das innovative Projekt „Pfandkiste“ noch gefördert. Für den Obdachlosen bleiben weniger Flaschen. Längst frischen sich Rentner ihren Lebensabendunterhalt damit auf. Das ist nicht gut, und die Gründe dafür liegen wiederum in ganz anderen Schieflagen der Gesellschaft. Aber als Fakt bleibt doch stehen, dass viel mehr Menschen nun Flaschen sammeln und sich das Prinzip dahinter überholt hat. Klar möchte man der netten Omi im grauen Wintermantel auch die Unterstützung bekunden. Doch der dreckige Mann, der hinter den Büschen im Park wohnt, hat sie doch genauso verdient. Wie man es dreht, es finden sich Argumente für die eine Seite und die andere. Klar, wenn mehr Menschen das Prinzip des


NETZWERKEN

TEXT /// ROBERT FILGNER ILLUSTRATIONEN /// STEPHANIE PERSONNAZ

SOMMERSEMESTER 2014 UNIVERSITÄT DES LEBENS ALBERTUS-MENSCHHEITS-PLATZ 11 51063 KÖLN

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Flaschen-Spendens überhaupt verstehen, kommt letztlich auch mehr dabei für die Sammelnden heraus. Ein bisschen Gewissenskonflikt bleibt dennoch. Denn wenn wir einmal richtig rausgehen, auf dem Weg zu Freunden und in der Bahn einmal genauer hinschauen, dann bieten sich viel einfachere Wege, nett zu sein. Dann sehen wir sie zum Beispiel auch – die Menschen, die tatsächlich das Flaschensammeln als einzige EinnahmeQuelle haben. Manchmal schlafen sie und nur ein einziger netter junger Mann kommt auf die Idee, sie zu wecken und darauf aufmerksam zu machen, dass gleich die Endstation kommt. Manchmal findet sich ein anderer, der zum Abend anbietet, den müden Flaschensammler noch zwei Stationen auf seinem Studenten- oder Jobticket mitzunehmen und ihn so vor einer möglichen Kontrolle zu schützen. Und dann sitzt da noch der nächste nette Mensch: Er hat schon einen Schluckauf vom „gelungenen“ Abend und überreicht seine leere Flasche ganz persönlich an den Mann. Sind das nicht auch irgendwie nette Geschichten?

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weisshaus Filmkunsttheater Luxemburger Straße 253 /// 50939 Reservierung 0221 232418 Kinokasse 0221 418488 www.weisshaus-kino.de

BROADWAY Arthaus-Kino Zülpicher Straße 24 /// 50674 Reservierung 0221 232418 Kinokasse 0221 8205733 www.off-broadway.de


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GALERIE

gold beton Nicht nur der Name der Galerie „Gold + Beton“ spielt mit Widerspruch, Stilbruch und neuen Traditionen...

Nächster Halt: Ebertplatz. Kalt, grau, verlassen und düster. So würden wahrscheinlich die meisten Kölner die unterirdischen Passagen am Ebertplatz beschreiben. Klingt nicht unbedingt nach einem Ort, an dem man sich gerne aufhält. Doch etwas scheint sich im vergangenen Jahr verändert zu haben. Seit August präsentieren sich die Passagen im goldenen Glanz. Belebt, kreativ, jung, dynamisch und interessiert, wäre heute die passendere Beschreibung, die dem Betonklotz gerecht wird.

der es jungen Künstlern erlaubt, auf einer unkommerziellen Plattform ihre Werke zu präsentieren und gleichzeitig dem Besucher den direkten Austausch mit ihnen ermöglicht. Das muss wohl an den drei neuen Mitbewohnern liegen, denn die sind alles andere als kalt und grau. Meryem Erkus, Vera Drebusch und Andreas Rohde sind eine heterogene Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat herauszufinden, was die Kölner Szene zu bieten hat. Neben ständig wechselnden Ausstellungen, Kinoabenden und Künstlergesprächen, laden sie zum Tischtennis, Waffelessen und Tanzen ein. Sie schaffen einen sozialen Raum,

Dabei strecken sie ihre Fühler ganz weit aus und spezialisieren sich nicht nur auf die Kölner Kunstszene. Ganz im Gegenteil: Sie laden junge und alternative Künstler und Künstlerinnen aus internationalen Kunstmetropolen für gemeinsame Projekte ein. So entsteht ein Dialog zwischen regionalen, nationalen und internationalen Kunstschaffenden und Kunstinteressierten. Dass dieses Konzept so wunderbar funktioniert, haben sie nur sich selbst


GALERIE

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TEXT /// ANNA STROH FOTOS /// ROMANA SCHILLACK WEITERE INFOS /// WWW.GOLDUNDBETON.DE

und der perfekten Kombination dreier verschiedener Persönlichkeiten zu verdanken. Denn Meryem als Kulturwissenschaftlerin, Vera als Künstlerin und Kuratorin sowie Andreas als Veranstalter gehen Hand in Hand und profitieren voneinander. Jeder von ihnen lässt persönliche Erfahrungen und Kontakte in das Projekt einfließen und macht den Kunstraum Gold + Beton zu einem runden Ganzen.

Hier treffen traditionelle und konzeptionelle Kunst- auf neue Kommunikationsformen. Es werden Veranstaltungen konzipiert, durch DJs musikalisch begleitet, Interessierte über Facebook eingeladen und zum Bleiben verführt. Für diese Art von Aktionen ist die Lage des Raums optimal. Es gibt am Ebertplatz sehr viel Laufpublikum, das im Vorbeigehen verwundert und interessiert stehen bleibt, sich von der Menschenmasse und der Musik anstecken lässt und somit auf die Ausstellung und den Kunstraum aufmerksam wird. Damit gelingt es den drei kreativen Köpfen unterschiedliche Künstlerinnen, Künstler

und Generationen auf sich aufmerksam zu machen. Und sie beleben so einen tot geglaubten Ort.


TEXT /// SIMONE KOLLMANN FOTOS /// STEPHANIE LIESKE

Von alten Huten Isabelle liebt und lebt die Mode längst vergangener Jahrzehnte. Inspiriert von den 1920–60er Jahren, zaubert die junge Hutmacherin ein Stück Vergangenheit auf die Köpfe der Gegenwart.


KÖLN SZENE

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Ehrenplatz bekommen. In alten Hüten findet sie Inspiration für neue Kreationen. „Meine Hüte müssen nicht die Ohren warm halten, sondern schön aussehen!“ Während wir uns unterhalten, kaut Heinrich genüsslich auf einem Preisschild herum. „Er ist gerade in seiner Rüpelphase“, lacht die Hundebesitzerin und versucht angestrengt, das Stück Pappe aus dem Maul der Bulldogge zu befreien. Mit ihren kurzen, blonden Locken und der weiten Marlenehose sieht die selbstbewusste Designerin aus, als stamme auch sie aus einem anderen Jahrzehnt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer und Frauen damals Hüte getragen haben, musste sich die 26-Jährige aber erst aneignen. Dabei sind die Reaktionen durchaus positiv: Für ihre außergewöhnlichen Kopfbedeckungen erntet sie fast immer ein freundliches Lächeln.

Zurück in die Zukunft

WEITERE INFOS /// WWW.VONLANZENAUER.COM

Das Hutmachen war für Isabelle zunächst nur eine Freizeitbeschäftigung. Während eines Workshops im Rahmen ihres Studiums hat sie die Grundgriffe erlernt. Zur Geschäftsidee wurde ihr Hobby, als eine japanische Modedesignerin, bei der die damalige Studentin ein Praktikum absolvierte, ihr kurzerhand ihre komplette Kollektion abkaufte. Dabei ist ein Hutladen in der heutigen Zeit ein Wagnis. „Es ist ein aussterbender Beruf, die meisten Geschäfte gehen pleite.“ Als Isabelle im Sommer 2013 das freie Ladenlokal entdeckte, war die Entscheidung aber schnell getroffen. Angst vor der Zukunft hat sie nicht: „Ich glaube fest an ein Revival!“

Eine Entdeckungsreise Heinrich, eine französische Bulldogge, begrüßt mich überschwänglich, als ich den kleinen Laden im Kunibertsviertel betrete. Isabelle ist gerade von einer Messe in Paris zurückgekehrt und räumt eifrig die letzten Hüte zurück in die Regale. Dabei wird eines schnell klar: Hut ist nicht gleich Hut. Aus Filz, Stroh oder Stoff werden die Hüte gezogen oder genäht. Zwischen Kappen, Baskenmützen, Cocktail- und Pillbox-Hüten liegen aufwändig verzierte Haarreifen und Kämme. „Heutzutage sind Hüte in erster Linie praktisch, aber früher waren es Accessoires“, erklärt die junge Frau mit Blick auf einen original 50er Jahre Hut aus Belgien. Stolz nimmt sie das Relikt aus alten Zeiten in die Hand und fährt mit ihren Fingern über die feine Spitze. An einigen Stellen ist die Seide vergilbt. „Der lag vermutlich viele Jahre auf einem Dachboden“. Bei Isabelle hat er einen

Der kleine Hutladen dient nicht nur zum Verkauf und als Werkstatt, sondern gleicht obendrein einem Museum. Ein alter Nähtisch bildet die Ausstellungsfläche der Hüte. Der große Spiegel mit Massivholzrahmen stammt aus den 20er Jahren. Die meisten Einrichtungsgegenstände hat die Hut­ macherin im Internet erstanden. Einiges stammt aber auch aus dem Familienfundus. Das alte Grammophon hinter dem Eingang ist ein Erbstück ihres Großvaters. „Das funktioniert sogar“, verkündet Isabelle und betätigt die Kurbel an der Seite des braunen Kastens. Kaum setzt sie die Nadel auf die Platte, schallt uns „Moonlight Serenade“ aus dem Jahr 1939 entgegen. Beim Klang der Musik schießen mir unweigerlich Bilder aus alten Schwarz-Weiß-Filmen in den Kopf. Die Platte leiert. Isabelle kurbelt erneut und lässt mit wenigen Handgriffen eine längst vergangene Zeit neu aufleben. Eine Zeit, in der ausgefallene Hüte die Köpfe der Menschen zierten.


MUSIK

„„

Meine Haustiere interessiert das nicht

AS LEIBT

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Nur die Seele ist von Dauer

Das was immer bleibt, sind Innere Werte. Das was immer bleiben sollte, sind Ziele, die man für sich selbst verfolgt


Ich tue das, wozu ich Lust habe und entfliehe somit unbewusst

ARTISHOCKE

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Arbeit

Im Viertel hat sich an und für sich nichts geändert – man kennt sich untereinander, auch wenn man sich ewig nicht gesehen hat


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ARTISHOCKE

Unverbindlichkeit liegt an einem selbst

Das was einem bleibt und hält ist die Familie


ARTISHOCKE

Schnelllebigkeit führt zu einem größeren Bewusstsein seiner selbst und des Lebens

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Ich habe mich eingegliedert

was hat für dich bestand, was ist von dauer?

FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS ALESSANDRODEMATTEIS.COM STEPHANIE PERSONNAZ STEPHKAA-DESIGN.COM STEPHANIE LIESKE WWW.STEPHANIE-LIESKE.DE LEO PELLEGRINO WWW.BEHANCE.NET/ARTISHOCKE ARTISHOCKE E.V. ANNA-SOPHIA LUMPE, ANNA STROH, CARINA MATIJASIC, CHRISTINE WILLEN

AS LEIBT

Immer schneller vernetzen wir uns, tauschen uns aus, beenden Freundschaften und finden neue. Was bleibt am Ende dieser Kette? Was hat Bestand? Gibt es Dinge, die von dieser Entwicklung unbeeinflusst bleiben und wenn ja, welche sind das für dich? Ein Mensch, ein Satz, das war unsere Aufgabe für das aktuelle Artishocke-Projekt. Kurze Gespräche inmitten der bewegten Welt, auf Bürgersteigen, in Cafés oder an der Haltestelle und dann: ein Foto. Ein Mensch in seinem Moment im Fluss der Neuzeit.


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MUSIK

Stereo Vor der Erscheinung des neuen Albums „The Morning Songs“ laden vier Musiker der Indie-Band Stereo Inn in ihren Proberaum ein: Kurz alle kennenlernen, Notizen machen, fertig. Doch aus einer Stunde werden vier, aus einem kurzen Gespräch ein Privatkonzert.

Stereo Inn: Das sind Fabio (Gesang/Gitarre), Lucas (Gesang/Gitarre), Guido (Bass) und Olli (Schlagzeug). Diese Band ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr. Denn seit ihrer Gründung im Jahr 2006 hat sich einiges getan. Neben einem Demo haben die Jungs bereits eine EP und LP rausgebracht, auf sämtlichen Festivals gespielt und in so gut wie jedem Club in Köln ein Konzert gegeben. „Unsere Hochphase hatten wir im Jahr 2008, danach wurde es etwas ruhiger“, sagt Lucas. Versteht sich von selbst, wenn man bedenkt das einige von ihnen ihren Studiumsabschluss vor sich hatten, neue Jobs finden mussten, Familien gegründet sowie neue Projekte angefangen haben. „Wir werden einfach älter. Alles ändert und entwickelt sich weiter und das hört man auch in unserer Musik und in unseren Texten.“ In ihren englischsprachigen, zweistimmigen Songs, die Pop- und Folk-Elemente kombinieren, verarbeiten sie Alltagssituationen und eigene Erfahrungen. Sie erzählen dem Zuhörer kleine Geschichten in verschachtelten Texten und regen somit zum Nachdenken an. Man kann sich in die Texte hineinversetzen und mitfühlen, denn sie klingen sehr melancholisch und beruhigend. „Seine eigene Musik zu beschreiben und vergleichen, ist schwer. Das müssen die Hörer für sich selbst bestimmen“, so Lucas lachend. Der Einfluss der gehörten Bands spielt für ihre Musik eine wichtige Rolle. Neben Klassikern wie den Beatles und Bob Dylan sind es auch Bands wie Kaiser Chiefs, Kings of Convenience oder


MUSIK

Inn

Einmal gehört und das Gefühl der Leichtigkeit möchte man nie wieder hergeben. The Strokes, die sie eine zeitlang angetrieben haben. Doch auch das ist eine Frage der Zeit. Jahr für Jahr ändert sich die Musikgeschichte und der Geschmack, es kommt immer etwas Unbekanntes dazu und inspiriert erneut. „Songs kann man nicht planen. Man fühlt sie“, sagt Fabio, der neben Stereo Inn ein Singer-/Songwriter-Projekt mit Hello Piedpiper laufen hat. Im Frühling erscheint ihr neues Album „The Morning Songs“. Die Kostprobe vor Ort beweist: Kein Bein bleibt still, kein Herz bleibt unberührt und irgendwie ist am Ende doch alles gut. Denn bei der Musik von Stereo Inn kann man nicht anders als lächeln.

TEXT /// ANNA STROH FOTOS /// PROMO WEITERE INFOS /// WWW.STEREOINN.DE WWW.FACEBOOK.COM/STEREOINN

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Musik in KÖLN

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WIE EINE HEISSE SOMMERNACHT

SONS OF THE LIGHTHOUSE

„Flirrend wie die Luft in einer heißen Sommernacht.“ Diese musikalische Selbstbeschreibung fünf kölscher Jungs vom Leuchtturm tut gut: Denn wer sehnt sich zurzeit nicht nach warmen Sommernächten und der entsprechenden Atmosphäre... Die „Sons of the Lighthouse“ sind Leonard (Gesang, Akustikgitarre), Christian (Gitarre), Marcus (Keys), Carsten (Bass) und Niklas (Schlagzeug) – eine Kombination unterschiedlichster Biografien, die sich erst vor zwei Jahr musikalisch gefunden hat. Ihr klarer Alternative-Sound schlug sofort ein, was Platz 2 bei „Köln Rockt“ 2012 direkt bewies. Seit Februar ist ihr Crowdfunding-gesponsortes Debutalbum „The Here and Now“ fertig gepresst – eine Platte voll starker Musik, die Lust aufs Leben versprüht und eine unwiderstehliche, positive Energie sendet. PS: Live bringen „Sons of the Lighthouse“ das sogar noch gewaltiger rüber.

VIELE MENSCHEN, WENIG PLATZ

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GEDRÄNGEL

SUCHE NACH „DU WEISST NICHT WAS“

DER WIELAND Lächerlich! Es ist eine einzige Frechheit, was GEDRÄNGEL aus Ehrenfeld mit ihrem Debut „dookie“ abliefern: Erstens hauen sie euch die gleichen drei Akkorde um die Ohren, die ihr schon mit 16 Jahren so gern gehört habt, nur besser. Zweitens hinterlassen sie mit dem Coverbild ihrer Platte nichts als Fragezeichen. Und drittens, wenn ihr das Glück habt, noch an eine der 300 Vinylscheiben zu gelangen, die so was von einseitig besiebdruckt und handnummeriert sind, dass jedes Hipsterherz höher schlägt, ärgert ihr euch im nächsten Moment darüber, dass der ganze Kram für lau auf gedraengel.bandcamp.com zum Download bereit steht. Mal ehrlich, auch wenn die Band die süßesten Aufkleber der Welt hat, sollte man lieber auf sachkundige Szenekenner hören:

Der Wieland aus Koblenz: das ist deutscher Indierock/-Pop. Im Schnitt 20 Jahre jung, machen sie zu viert den Sound bei dem artige Lieblingstöchter vergessen, dass das Messer rechts vom Teller zu liegen hat. Seit 2010 trifft rheinische Frohnatur auf norddeutsche Dichtkunst. Hose trifft Hirn. Das anti-autoritär erzogene Adoptivkind von Thees Uhlmann und Jennifer Rostock hat etwas zu erzählen. Knapp an den Phrasen der Popmusik vorbei, sie im Vorübergehen aufspießend, sind die Texte gleichzeitig eingängig genug, um im Ohr zu bleiben. Punk trifft Bohème.

»Ich würd das lassen.« Sid Vicious

In ‚Mädchen‘ von der Debüt-EP ‚Luft‘ heißt es: Du bist wieder unterwegs / Auf der Suche nach du-weißt-nicht-was / weißt nur, dass was fehlt / das dir Hollywood versprochen hat. Der Wieland werden 2014 bestimmt nicht fehlen.

WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/GEDRAENGEL PLATTENBESTELLUNG: GEDRAENGEL@GMX.DE

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Musikerin Jenny Scott träumt, genießt und liebt auf Englisch. Kreiert Bilder und Stimmungen von innen heraus, auf Ihre ganz eigene Art und Weise. Mit 19 ist Jenny es als Sängerin leid abhängig von anderen Musikern zu sein, greift kurzerhand selbst zur Gitarre und erforscht das Musiker-Dasein aus einer für sie völlig neuen Perspektive. Ihre musikalische Inspiration schöpft sie, hörbar auf ihrer „Things Called Love“-EP zum größten Teil aus der Jazzmusik und gemeinsam mit Percussionist Marcel Dechène stellt sich Jenny auch live mit verträumten Melodien, einer ausdrucksstarken Stimme und vielseitigen Kompositionen ihrem Publikum vor. Mehr von Jenny Scott und einen kostenlosen Download der aktuellen EP gibt es auf ihrer Website: www.jennyscottmusic.com

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Foto: Frank Lorscheid

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PORTRÄT

RAUS MIT DER SPRACHE TEXT /// GIACOMO MAIHOFER ILLUSTRATION /// ION WILLASCHEK

Raus mit der Sprache. Über Sinn und Unsinn unseres alltäglichen Sprachgebrauchs


PORTRÄT

Der durchschnittliche Deutsche sondert, einer Untersuchung des Psychologen Mathias Mehl zufolge, pro Tag im Schnitt 17.500 Wörter ab. Hinzu kommen Laute, die wir nebenher produzieren. So geistreiche Zwischenbemerkungen wie „Ähm“, „Öhm“ oder „Öh“. Dabei entsteht oft eine Divergenz zwischen dem was wir sagen und dem was wir meinen. Das liegt daran, dass unsere Sprache als System auf kulturellen Konventionen beruht. Sowohl in ihrer Bedeutung, als auch ihrem Handlungsraum schaffen diese eine Übereinkunft unter den Sprechenden: nur dadurch, dass wir die Konventionen kennen und anwenden, ist Kommunikation überhaupt möglich. Was wir jedoch oft dabei vergessen, ist, dass die meisten dieser Konventionen nicht absolut gesetzt sind, sondern willkürlich entstanden. Und das in einem langen historischen Prozess. So wie die Sprache selbst. Das macht es umso spannender einmal genauer hinzublicken und nach dem Unsinn in der Sinnsetzung unseres Systems Ausschau zu halten.

Sprichwörter und Redewendungen Sprichwörter und Redewendungen sind ein gutes Beispiel. Unser alltäglicher Sprachgebrauch ist von ihnen durchzogen. Wir benutzen sie ohne weiter darüber nachzudenken. Jeder weiß wohl, was es bedeutet jemandem die Leviten zu lesen. Aber mal ganz ehrlich: Was sind Leviten? Hat jemand von euch schon mal Leviten gelesen? Und vor allem, habt ihr sie schon mal jemandem gelesen? Vermutlich nicht. Trotzdem wisst ihr was gemeint ist, wenn jemand vor euch steht und mit erhobenem Zeigefinger meint, er müsse euch mal ordentlich diese Leviten lesen. Das ist dasselbe, wie wenn jemand euch „ordentlich die Meinung geigt“, oder euch anweist, hinzugehen „wo der Pfeffer wächst.“ Keine dieser Redewendungen macht für sich genommen irgendeinen Sinn. Der Pfeffer wächst meinen Recherchen zu-

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PORTRÄT

folge in Lateinamerika und Südostasien. Ich kann nichts Schlimmes daran erkennen, mir das anzuschauen. Und wenn jemand etwas geigt, bin ich auch für gewöhnlich positiver Stimmung. Vorausgesetzt er ist ein gekonnter Geiger.

Schmutzige Wörter Ähnliches gilt für die sogenannten schmutzigen Wörter. Der US-amerikanische Kabarettist George Carlin rückte sie Mitte der 1970er Jahre mit seinem Programm „Seven Dirty Words you can‘t say on television“ erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Warum zum Beispiel ist es verpönt „Ficken“ zu sagen, aber vollkommen legitim von Geschlechtsverkehr zu sprechen? Warum ist ein Pups niedlicher als ein Furz? Und warum darf man im Biologieunterricht ständig über Exkremente reden, aber nie Scheisse sagen? Manche dieser Wörter hört man im alltäglichen Sprachgebrauch so gut wie gar nicht, und wenn, dann nur von sogenannten Asozialen oder Prolls oder wird sofort als solcher stigmatisiert. Aber Hand aufs Herz: Wir alle furzen hin und wieder und auf die Toilette müssen wir auch. Die meisten von uns haben auch Sex. Warum also werden gewisse Wörter an den gesellschaftlichen Rand gedrängt?

Sätze und Phrasen, die eigentlich etwas ganz anderes meinen, als sie sagen Jeder kennt die Situation aus seiner Schulzeit: Man sitzt im Lateinunterricht, kommt gerade vom Sport. Vorne wird irgendetwas über einen sehr alten Mann vorgetragen, der vor einer sehr langen Zeit gelebt hat. Man denkt an die verschiedensten Sachen, starrt vor sich hin, auf die Uhr, auf den Tisch, das süße Mädchen in der letzten Reihe und plötzlich wird es still um einen herum. Die Lehrkraft blickt einen an. „Max. Möchtest du etwas dazu sagen?“ Natürlich möchte Max nichts dazu sagen. In den meisten Fällen wird Max nicht einmal wissen, wozu er etwas sagen sollte. Die Frage wird auch nicht gestellt, um Max die Möglichkeit zu geben etwas zu sagen (außer vielleicht „Ähm“ oder „Öh“), sondern um ihm mitzuteilen er solle sich wieder auf das Unterrichtsgeschehen konzentrieren.

Eine ähnliche Art der semantischen Maskierung ist die Aussage: „Eigentlich ist alles in Ordnung.“ Eine Ex-Freundin von mir nutzte diese Phrase gerne. Ich brauchte mehrere Monate, um zu blicken, dass der Ausdruck „Eigentlich ist alles in Ordnung“, in ihrem Sprachgebrauch sinngemäß soviel bedeutete wie: „Jetzt ist die Kacke aber ganz schön am Dampfen, mein Lieber!“

Schimpfwörter und Beleidigungen Selbst einzelne Worte können eine Bedeutung haben, die vollkommen losgelöst ist von dem, was sie eigentlich bedeuten. Schimpfwörter und Beleidigungen sind ein gutes Beispiel hierfür. Was ist zum Beispiel so schlimm daran, wenn jemand einen als Hund bezeichnet. Oder Vogel? Haben die Beatles nicht ein tolles Lied gesungen, darüber wie schön es ist, frei wie ein Vogel zu sein? Und wenn wir schon einmal dabei sind: Warum ist es nicht erlaubt, auf die Bemerkung „Du Hund!“ oder „Du Vogel!“, „Du Katze!“ zu erwidern. Warum sind Katzen von dieser negativen Konnotation ausgeschlossen? Was ist an ihnen so besonders? Wer hat das beschlossen? Richtig abstrus wird es, wenn man sich Wörter anschaut, die ihre einzige und absolute Bedeutung als Beleidigung haben: „Mut-


PORTRÄT

terficker“ zum Beispiel. Wie viele Menschen, zugegeben meist männlicher Natur, hat jeder von uns bereits beobachten können, die wie Elche beim Paarungskampf voreinander Position bezogen, sich verbissen anglotzten und sich plötzlich die Köpfe einschlugen, weil einer von den beiden den anderen, nach einem Austausch mehrerer schlecht artikulierter Hauptsätze, als Mutterficker bezeichnet hat. Dabei lohnt es sich in so einer Situation einen Moment inne zu halten und nachzudenken. Eine Mutter ist zunächst einmal nichts anderes, als eine Frau die ein Kind geboren hat. Streng genommen macht das aus allen Vätern, auch denen der betreffenden Debattierenden, Mutterficker. Selbst ihre Großväter sind Mutterficker. Genau genommen, wenn man das ganze mal global betrachtet, ist der Großteil der Weltbevölkerung in einem gewissen Stadium seines Lebens dieser Kategorie zuzuordnen. Darunter auch viele Promis und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

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Nachrichtensprache Die Tagesnachrichten zeigen es mit am deutlichsten, wie sehr Bedeutung und Einsatz der Sprache von geltenden Konventionen abhängig sind. Wir sind vollkommen gewohnt, dass uns tagtäglich beinahe gleichwertig die banalsten Dinge mit den tragischsten Ereignissen präsentiert werden. Und egal wie viele Tote, ob Tsunami-Katastrophe, Attentat oder Krieg: die meisten Berichte erreichen uns dadurch emotional gar nicht mehr. „Im Irak sind im vergangenen Monat nach Angaben eines EU-Berichtes 4.036 Menschen durch Anschläge getötet worden. Das ist die höchste Zahl an Opfern seit September 2009. Nach Angaben der Gutachter waren vor allem schiitische Bevölkerungsteile betroffen. Die Anschläge konzentrierten sich dabei besonders auf den Raum Bagdad. Und jetzt zum Sport.“


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HANDGEMACHTES

Stitchbox

DIE KUNST MIT NADEL UND FADEN


HANDGEMACHTES

Nähen im Karton? Nein. In solch einfache Floskeln kann man die Mülheimer Stitchbox nicht stecken. Der laden für eigene Nähkunst verbindet das Handwerk dahinter und die Menschen an der Nähmaschine – ganz individuell und persönlich.

„Den Abfall bitte einfach auf dem Boden schmeißen!“ Was sich im ersten Moment nach beispielloser Anstiftung zur Umweltverschmutzung anhört, ist Teil des Services der Stitchbox, dem Nähcafe in Mülheim. „Das erste Mal ist es eine Hemmschwelle für viele Kunden, doch beim zweiten Mal finden sie es super“, erklärt Dele, die Besitzerin des gemütlichen Ladens an der Buchheimer Straße. Die Kunden sollen sich bei ihr wohlfühlen und nachher nicht alles aufräumen müssen. Jede Woche entstehen in dem hellen Ladenlokal selbstgeschneiderte Unikate und modisch unabhängige Kreationen. Zudem ist so ein Treffpunkt eine tolle Möglichkeit, Ideen auszutauschen und andere Nähbegeisterte kennenzulernen. „Ich stelle die Leute gegenseitig vor, wenn sie gleichzeitig hier arbeiten.“

Anfänger und Fortgeschrittene Regelmäßig werden Nähkurse angeboten, wie die begehrten Schnupperkurse am Samstagnachmittag. In vier Stunden wird unter fach-

kundiger Hilfe von Dele ein eigenes Nähprojekt umgesetzt. Vier Frauen sind es diesmal, die die Kunst mit Nadel und Faden kennenlernen wollen. Eine junge Anfängerin will einen Rock für ein Karnevalskostüm nähen. Eine andere Frau arbeitet an einer Pumphose mit Wickelbund. Bis jetzt hat sie sich „immer so durchgeschummelt“, doch jetzt will sie lernen, wie man es richtig macht. Rock Nummer zwei ist das Projekt einer älteren Dame. Sie kommt oft mit einer Freundin her, um gemeinsam zu nähen. Aber „bei den Feinheiten, bin ich froh, wenn mir jemand hilft“, sagt sie. Eine junge Mutter näht an einer Hose für ihren Sohn: „Der Wunsch zum Nähen war schon vorher da und so ein Schnupperkurs hat mich angesprochen, es wirklich mal zu probieren.“ Jeder arbeitet in seinem Tempo. Dele kümmert sich abwechselnd um jeden, sodass keiner warten muss bis es weiter geht. Locker wird zusammen gescherzt und türkischer Tee getrunken, auch der gehört zum Wohlfühlprogramm von Dele. Neben dem Schnupperkurs gibt es Kurse, die über fünf Wochen zu unterschiedlichen Uhrzeiten laufen. Einmal vormittags und einmal nachmittags, sodass auch Berufstätige die Möglichkeit haben, das Nähkaffee unter der Woche zu nutzen. „Nähen ist eine prima Methode, um runterzukommen und Stress abzubauen“, empfiehlt Dele. Aber auch einfach nur einen Platz zu mieten und hier ungestört mit oder ohne Hilfe arbeiten ist möglich.

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gibt schon einige Stammkunden. „Die Leute kommen oft, wenn sie was Neues anfangen wollen.“ Es sind mehr weibliche Kunden, die ihren Laden besuchen, alle unterschiedlichen Alters, ab neun Jahre aufwärts. Ein paar Männer, sind aber auch schon dabei gewesen. „Einer hat aufgrund seiner Größe Schwierigkeiten gehabt, Kleider zu finden und hat sich bei mir was selber genäht.“ Die Materialien, die Stoffe, Nähgarn, Seidenpapier oder eventuell Knöpfe und Reißverschlüsse müssen selber gekauft werden. „Die Sachen kann man billig auf dem Markt kaufen, es gibt immer gute und billige Stoffreststücke. Es muss auch nicht immer das Markennähgarn sein.“ Kunden der Stitchbox bekommen zudem in den Geschäften Stofferia, Stoff Schnäppchenmarkt und Stoff Müller zehn Prozent Nachlass auf alle Stoffe. „Es ist nicht unbedingt günstiger selber zu nähen, aber das Befriedigende ist, dass man sich hier Unikate näht.“ Viele ihrer Kunden haben keine Lust auf Massenware von der Stange. „Durch Selbstgemachtes kannst du besser deine Persönlichkeit zeigen. Eine Kundin hat Stoffe mit ausgefallenem Muster mitgebracht, bei anderen sehe das wahrscheinlich komisch aus, aber zu ihr passte das“, schildert Dele. Eine wunderbare Art die eigene Seele mit in die Kleidungsstücke einzunähen und sich der Vergänglichkeit von Modetrends zu entziehen.

Unikate Ohne Beschränkungen Seit Juli 2012 gibt es die Stitchbox schon. Dele, die eine Ausbildung zur Bekleidungstechnikerin hat, arbeitete vorher in einer Textilfirma. Sie mag ihren Beruf, doch irgendwann frustrierte sie die eintönige Akkordarbeit. „Heute wird alles über den Computer gesteuert, die Arbeit ist daher eher aufs Messen und zusammennähen beschränkt.“ Jetzt ist ihr Beruf die Stitchbox. Mittlerweile läuft die Mund-zu-Mund-Propaganda und es

TEXT /// CHRISTIANE KANTHAK FOTOS /// MADAME ROSSI WEITERE INFOS /// WWW.STITCHBOX-NAEHCAFE.DE FACEBOOK: STITCHBOX-NÄHCAFÉ


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ZWISCHENRAUM

DURCHGEKAUT, ZERMÜRBT, SCHMUTZIG, KLEBEN GEBLIEBEN

‚Wie bin ich hier nur hingekommen? Was mache ich hier?’ Ein komisches Gefühl begleitete ihn schon länger. Zermürbt von Gedanken an die eigene Zukunft, voll Unsicherheiten in seinem damaligen Leben, in seinem Herkunftsland. Und gleichzeitig voll Optimismus, mit Perspektiven vor Augen. Wohin sollte die Reise gehen? Egal, Hauptsache in sicherere Verhältnisse. So kam er an, in einem Land, in einer anderen Region – mit anderen Sprachen und Herausforderungen, denen er sich stellte. Ein mutiger Schritt. Noch im Glanze seiner Herkunft verpackt, wie eine Alufolie, ja teils isoliert, begann sich seine Bestimmung zu erfüllen. Neue Freunde, ein neues Leben – einen Zweck in einer nun gar nicht mehr so fremden Gesellschaft. Und dennoch spürte er einen zunehmenden Druck.

Durchgekaut, zermürbt, schmutzig, kleben geblieben – er konnte dem Druck nicht mehr standhalten. Deformiert, zerschmettert, schutzlos weggeworfen – und wiedergefunden auf dem Boden der Realität. Manchmal noch von unliebsamen Füßen getreten, unter Rädern der Bürokratie verformt, den Blick nicht über dem Tisch halten könnend, der Verzweiflung nah. Seine Suche nach Sinn beschäftigte auch weiterhin seinen Kopf. Die Szenerie wiederholt sich. ‚Warum bin ich hier? Was mache ich hier?‘ Ein Gefühl von Einsamkeit, in einer nun erneut fremden Umgebung – ohne Schutzhülle und durchnässt von Worten, ohne Hoffnung und Haftung. Er weiß, dass er mit seinem Schicksal nicht alleine ist. Und doch macht sich Hilflosigkeit breit. Er steht für das, was wir Europa nennen.


ZWISCHENRAUM

Migration. Globales Dorf. Er ist einer wie wir alle. Nennen wir ihn „Spanier“ – ein Kaugummi unter vielen – ein Schicksal von nebenan. TEXT /// ROBERT FILGNER FOTO // ILLUSTRATION /// DIEGO GARDÓN

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SPORT

Der Hoop-Dance ist grenzenlos in

TEXT /// CHRISTINE WILLEN FOTOS /// ADA MANDL, ALESSANDRO DE MATTEIS

Schwing die Hüfte, lass den Reifen wirbeln. ein Spaß vom Kinderspielplatz erhält eine neue Bühne: Hula-Hoop – reifen neu in Bewegung.

Farbenfroh, elegant und vital. Diese drei Worte passen zur Kunst am Hula-HoopReifen. Vielleicht werden bei dem einen oder anderen einige Kindheitserinnerungen mit dem Hula-Hoop-Reifen wach: Wie man so spaßeshalber damit im Garten oder in der Wohnung herumhantierte. Dieses Spielzeug geht neuerdings und immer öfter raus aus dem Kinderzimmer, hinein in die Jugendund Erwachsenenkultur. So ziert der HulaHoop-Reifen mit Feuer oder auch mit LEDEffekten bestückt zum Beispiel professionelle Tanz-Abend-Performances. Es gibt ihn aber auch als Eigenkreationen, rein zum privaten Vergnügen mit ganz „einfachen“ Tanzeinlagen. Kurz gesagt, der Hoop-Dance ist aus

Be we u g Amerika nach Köln geschwappt. Der HoopDance ist schon sehr gespannt darauf, von noch mehr bewegungsfreudigen Menschen mit Hang zur Ästhetik und zur Kür entdeckt zu werden. „Ich habe den Hula-Hoop auf einer Reise in Kanada für mich entdeckt. Seit 2013 biete ich Kurse für Hoop-Dance in Köln an. Außerdem stelle ich eigenhändig Hula-HoopReifen her, in allen Größen und Farben und verkaufe sie online“, sagt Denise Eschmann. Sie stellt dabei die verschiedensten Varianten her, kleine Reifen für kleine Kinder, große Reifen für große Kinder beziehungsweise Erwachsene oder auch mit LED-Effekten für die Performance-Nachteulen unter uns. Ei-


nes ist ihren Kreationen auf jeden Fall eigen: Sie leuchten hell oder fallen mit buntem Glitzerband auf.

Bunt in Bewegung bleiben

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Es gibt auch Reifen-Rohlinge zu kaufen, sowie die nötigen Accessoires für die individuelle Gestaltung des gewünschten Reifens. Hauptsache bunt scheint die Devise zu sein. Menschen aller Art werden magisch von den Hula-Hoop-Reifen angezogen. Wobei sich Kinder den bunten Ringen am wenigsten entziehen können und dabei auch noch klar im Vorteil sind: „Kleinkinder machen intuitiv alles richtig und lassen die Reifen direkt fliegen. Bei den Erwachsenen steht manchmal zuerst der Kopf im Weg“, sagt Maria Veitsman, die seit einem Jahr die Hoop-DanceKurse von Denise in Köln mitbetreut. Aber so ein Hula-Hoop-Reifen ist ja nicht nur für Kinder interessant, da gibt es eigentlich keine Altersbeschränkung. Jeder, der Lust an der Bewegung hat, kann mit dem Hula-HoopReifen tanzen.

Die Physik des Kreises Zunächst einmal gilt es den gewünschten Hula-Hoop-Reifen in Augenschein zu nehmen, anzufassen und vor allem auszuprobieren. „Wobei Anfänger dazu neigen, sich einen kleinen Hula-Hoop-Reifen auszusuchen. Insbesondere bei Kindern greifen die Eltern zuerst auf die kleinste Variante zurück, das ist aber nicht unbedingt von Vorteil“, weiß die Hula-Hoop-Expertin. In der Theorie ist es nämlich so, dass es einfacher wird den Reifen zu schwingen, je größer er ist. Zuerst sieht man bei den meisten Leuten dann nur ein großes Fragezeichen im Gesicht, wenn sie das hören. Aber so ist nun mal die Physik des Kreises: „Also wenn so ein Hula-Hoop-Reifen klein ist, bewegt man sich relativ gesehen mehr. Man muss sich dann öfter nach vorne und hinten bewegen, um den Reifen in der Luft zu halten, als wenn so ein Hula-HoopReifen groß ist. Das kann durchaus anstrengend werden mit der Zeit“, erläutert die „Schülerin“ Maria. Umso größer der Reifen, umso langsamer schwingt er um den Körper, umso mehr Zeit hat der Anfänger sich an die Bewegungen zu gewöhnen.

Das kreative Ganz-Körper-Workout Auch mit einem großen Reifen bestückt wird der Hoop-Dance-Kurs garantiert anstrengend schön und schön anstrengend. Es kann sogar durchaus als eine eigene Sportart verstanden werden: „An dem Tag nachdem ich zum ersten Mal intensiv mit dem Hula-HoopReifen trainiert habe, hatte ich am Bauch den Muskelkater meines Lebens“, erinnert sich

WEITERE INFOS /// WWW.HULATHEHOOP.DE

Maria. Neben der Bauchmuskulatur werden beim Hula-Hoop auch der Rumpf und der Beckenboden trainiert. Es stärkt die Fitness und ist dazu noch auf verschiedenen Ebenen gesundheitsfördernd: „Es hat zum Beispiel auch einen meditativen Effekt, wenn man sich dabei zur Musik bewegt. Und sobald du anfängst, dich mit dem Hula-Hoop-Reifen frei zu bewegen oder zu tanzen, ist es direkt ein Ganz-Körper-Workout“, fügt Denise hinzu. Wenn man die Grundbewegungen im Stand beherrscht, lernt man sich zusammen mit dem Reifen frei im Raum zu bewegen. Danach kommen die ersten Kunststücke, zum Beispiel das Schwingen des Reifens in der Hand, außen um den Körper herum oder auch durch den Reifen hindurch schreiten. Die Bewegungsabläufe haben alle etwas tänzerisch Elegantes und regen die Fantasie für Eigenkreationen an. Die Möglichkeiten, die der Hoop-Dance bietet sind sehr vielfältig: Sie reichen vom einfachen Spaß am Ausprobieren hin zu der Entwicklung einer kleinen Tanz-Performance. Egal welche Ambitionen man hat oder zu welcher Musik man den Hoop-Dance ausprobiert: Alles ist möglich. Die Gründerin der Hoop-Dance-Kurse in Köln sieht für ihre Leidenschaft noch viele Entfaltungsmöglichkeiten: „Mein Traum ist es, neben dem Ausbau der Hoop-DanceKurse in Zukunft auch weitere Freizeitevents im Bereich Hoop-Dance anzubieten, sowie eine Performance für den Event-Bereich zu entwickeln. Ich könnte mir aber auch vorstellen, die passende Sport-Mode für den HoopDance zu entwerfen.“ Der Hoop-Dance hat wahrscheinlich eine große Zukunft, eben weil er so viel Freiraum für die eigene Kreativität bietet. Denn bis auf den Durchmesser des Hula-Hoop-Reifens, kennt der Hoop-Dance ansonsten keine Grenzen.


UNHEIMLICHE


WISSENSCHAFT

Das Unheimliche in der Musik Musik verstärkt Gefühle. Dunkelheit, Geister und Gespenster – das Unheimliche kennen wir aus frühester Kindheit und in unserem begrifflichen Verständnis Herzschmerz wird durch jeden glauben wir, das Unheimliche in etwas Schreckhaftem, Angst- und Liebessong zum regelrechten Grauenerregendem zu erkennen. Wie zeigt sich dieses unbehagliche aber in der Musik? Das subjektive Empfinden des UnheimliKrampf, wahre Fan-Freude durch Gefühl chen und die symbolhafte Natur der Musik erschweren eine eindeutidie Klub-Hymne zur Ekstase. ge Antwort. Einige Ansätze. Und Angst, Grusel oder Paranoia? Menschliche Kuriositäten In Hitchcocks Psycho von 1960 verknüpft der Komponist Bernard Herrmann die Messerstiche in der Duschszene mit schrillen Tonwiederholungen der Streicher und evoziert durch den unangenehmen Klang etwas Bedrohliches. Ähnlich wie die visuelle Komponente unterstützt auch ein Text als Ergänzung oder Vorlage das Verständnis des Unheimlichen in der Musik. Ein Beispiel: Das Musikalbum The Black Rider von Tom Waits ist inspiriert von dem Schauspiel des Regisseurs Robert Wilson mit Texten des amerikanischen Schriftstellers William Burroughs. Als Vorlage hierzu diente die deutsche Volkssage „Der Freischütz“, in der

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WISSENSCHAFT

der im Schießen völlig untalentierte Wilhelm einen Pakt mit einem dunklen Reiter eingeht, da der Vater für die Braut nur einen Jäger als Schwiegersohn akzeptiert. Der Reiter bietet ihm Kugeln an, die alles treffen, was Wilhelm sich wünscht. Eine der Kugeln gehorcht allerdings nur dem dunklen Reiter und so kommt es, dass Wilhelm am Ende seine eigene Braut erschießt. Die Umsetzung dieses Stoffes von Tom Waits ist an Skurrilität kaum zu übertreffen. Der schwarze Reiter lockt Wilhelm zu sich, indem er ihm eine tolle Zeit verspricht und versichert, dass es keine Sünde ist, sich seiner Haut zu entledigen und nur in den eigenen Knochen zu tanzen. Auch im ersten Lied Lucky Day Overture werden bereits durch ein Megaphon menschliche Kuriositäten angekündigt, beispielsweise ein dreiköpfiges Baby, Hitlers Hirn, eine Affenfrau und ein Mann ohne Unterleib. Das Geschrei erinnert an das auf einem alten Jahrmarkt, der den Besuchern Dinge und Personen präsentiert, die nicht ganz geheuer sind. Waits setzt das Schaurige des Schauspiels in hohem Maße durch Instrumentierung um: Er verwendet den lallenden Klang einer singenden Säge und eines Theremins, der ungewohnt und somit befremdlich und unheimlich klingt. Was The Black Rider so unheimlich wirken lässt begründet Ernst Jentsch in seiner Theorie zum Unheimlichen (Zur Psychologie des Unheimlichen, 1906) durch die Orientierungslosigkeit, die man verspürt, wenn man auf etwas Unbekanntes trifft. Das Unheimliche in der Musik zu Kenny Rogers Just dropped in (to see what condition my condition was in) ist der Text in Kombination mit einer „unpassenden“ Vertonung. Die Musik wirkt fast beschwingt und nicht gerade bedrohlich, der Text beschreibt jedoch entweder einen Trip oder einen Alptraum. Diese Widersprüchlichkeit von Musik und Text kann Irritation und Unwohlsein auslösen. Die rückwärts abgespielte Musik zu Beginn des Liedes nimmt den textlichen Inhalt einer verdrehten Welt vorweg: ‚Ich bin heute Morgen aufgewacht mit dem hereinscheinenden Sonnenuntergang, fand meinen Verstand in einem braunen Papierbeutel, stieß meine Seele in ein tiefes dunkles Loch und folgte ihr, sah mich selbst herauskriechen während ich hineinkroch.‘

Irritation für das Ohr Das Unheimliche in der Musik kann auch subtiler durch die Technik der Komposition eingeflochten werden. Die Regeln, nach de-

nen Werke komponiert wurden und werden, basieren auf einem harmonischen System, also einer musikalischen Ordnung, die bestimmte Tonfolgen und -kombinationen als richtig kennzeichnet und andere als falsch zensiert. Dieses Gesetz prägt unsere Hörgewohnheiten. Wenn diese Regeln in einer Komposition unterwandert werden und so im Verlauf eines Musikstücks die harmonischen Erwartungen unerwartet ins Wanken geraten, dann bahnt sich Irritation und Orientierungslosigkeit durch das Ohr ins geschulte musikalische Verständnis. Dieses Instabile des Systems, die Befürchtung, alles könne auch anders klingen, ist nur einer der Faktoren, die dazu beitragen, dass etwas in der Musik als unheimlich empfunden wird. Neben den gewohnten Klängen können auch Geräusche miteinbezogen werden, wie es in Gwarek2 des Künstlers Aphex Twin der Fall ist: Die Geräusche scheinen bekannt, sind jedoch verändert und manipuliert und in keinen Kontext einzuordnen. Dies wirkt beim Hören irritierend und befremdlich, auch weil unser Verständnis von Musik solche Geräuschkompositionen nur mit Mühe akzeptiert.


MUSIK

Sprechende Köpfe Das 18. Jahrhundert galt als Epoche der ersten Entwicklung von Automaten. Henri-Louis Jaquet-Droz entwickelte 1774 einen weiblichen Androiden, der die Tasten einer Orgel mit den Fingern bedienen konnte. Etwas später versuchten sich Abbé Mical mit seinen Têtes parlantes, den sprechenden Köpfen von 1783 und Wolfgang von Kempelen mit seiner Sprachmaschine (1784) an der Imitation der menschlichen Stimme. Diese Sprachautomaten konnten jedoch nur seltsam monoton sprechen und wurden mit dem Aufkommen der ersten Aufnahmetechnik endgültig verdrängt. Um 1800 wurde die Euphorie gegenüber mechanischer Automaten durch Skepsis überschattet. Grund dafür war ein wichtiger Aspekt des Unheimlichen, den sowohl Jentsch als auch Freud (Das Unheimliche, 1919) als intellektuelle Unsicherheit bezeichnen. Sie zeigt sich im Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und im umgekehrten Fall in der Annahme, dass ein lebloser Gegenstand doch beseelt sei. Das Unheimliche zeigt sich, wenn man sich Thomas Edisons Schilderung über die Vorteile seines Phonographen von 1878 anhört, die in der Fähigkeit liegen, die Stimmen von alten oder sterbenden Verwandten konservieren zu können. Auch das klavierähnliche Reproduktionsinstrument Welte-Mignon von 1905 konnte zwar keinen konkreten Klang reproduzieren, jedoch die Bewegungen von Händen und Füßen eines Pianisten mithilfe von Beschriftungstechnologien verschlüsseln und anschließend mechanisch wiedergeben. Hier bestimmt die Wiederkehr physisch nicht anwesender Personen durch das Erklingen ihrer Stimmen oder ihres Klavierspiels das Unheimliche einer solchen Vorstellung. Aber sind wir nicht selbst auch nur Automaten, wenn wir Werke eines Komponisten widergeben? Das Unheimliche in der Musik liegt im Ohr des Zuhörers. Unsere Gewohnheiten zu hören oder das Hörbare wahrzunehmen sind es, die uns und unserer Fantasie ausreichend Spielraum für Spuk und Ängstlichkeit bieten. Die Wege dahin sind so skurril wie faszinierend – einfach mal darauf achten – beim nächsten Gruselfilm, beim nächsten Konzertbesuch oder beim verträumten Lauschen von Musik. TEXT /// MIRIAM BARZYNSKI ILLUSTRATIONEN /// SABRINA HALBE

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Macht m it auf Go oding!


AUSBLICK

#12 AUSBLICK

MÜLHEIMER NACHT Bewegt euch – ruhig auch mal über die Brücken gen Sonnenaufgang, durch eine bunte Nacht. Gerne auch zu Fuß oder eben mit dem Bus. Denn das ist ja sowieso die sicherste Methode. Dort, hinter den vier innerstädtischen Brücken, hinter den Messehallen gleich rechts – rheinisch – erwacht Ende März ein großer Stadtteil zu nächtlicher Geselligkeit. Die Mülheimer Nacht, Nummer fünf, verbindet Kultur, Erkundungslust und Party. Nicht nur von Artishocken wärmstens empfohlen, werden Galerien, Kneipen und weitere „Orte von Interesse“ sich gemeinschaftlich präsentieren und mit umfangreichem Programm Kölner von Nah und Fern unterhalten. Am 29. März, in Mülheim, für wenig Geld – die Chance ein echtes Veedel neu oder ganz neu zu entdecken.

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Odonien

VON DRAUSSEN Freistaat für Kunst und Kultur: So nennt sich das (einst) vermüllte Paradies hinter Schienen und kessen Bienen, hinter der kölschen Zivilisation und dem kölschen Ort der Prostitution. Das Odonien ist ein Kunstprojekt. Und doch viel mehr. Der (letzte) freie Raum für freies Schaffen und Menschen, die sich verwirklichen wollen – ohne kompliziertes Hin und Her. Klingt eigentlich ganz einfach und doch ist auch dieses Schutzgebiet bedroht: „Die Zukunft und das Konzept Odoniens sind offen. Der Status Quo und die Aktivitäten spiegeln den jeweiligen Entwicklungs- oder Forschungsstand von Odonien“, sagen die Betreiber selbst. null22eins ist interessiert – an dieser Aussage, und an diesem Ort. Im Sommer, egal wie...


NICHTS IST SO SEHR FÜR DIE GUTE ALTE ZEIT VERANTWORTLICH WIE DAS SCHLECHTE GEDÄCHTNIS. ANATOLE FRANCE

#11 Frühling 2014  

null22eins. Kölner Kulturen Magazin https://www.facebook.com/null22eins

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