Page 1

WIRTSCHAFT

Die einst wirtschaftlich prosperierende, historisch bedeutende und an Kultur reiche Stadt weist inzwischen eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Slowakei auf.

„Ich bin Pflegerin.“ Dieser Satz verbreitet sich im Süden und Osten der Slowakei wie eine Flut. Rund 18.000 Slowakinnen, auch manche Slowaken arbeiten derzeit in österreichschen Familien. Ihre Tätigkeit: alten und pflegebedüftigen Menschen den Alltag leichter zu machen. Die NPZ befragte Pfleger und Pflegerinnen in Lučenec, einer Stadt im Süden der Verwaltungsregion Banská Bystrica, aus der besonders viele von ihnen nach Österreich fahren, über deren zweifaches Leben zwischen eigener und fremder Familie. Text und Fotos: Katarína Kironská

Der Verfall der Region Novohrad Zu den ärmsten Gebieten der Slowakei gehört die Region Novohrad mit dem Zentrum Lučenec. Die einst wirtschaftlich prosperierende, historisch bedeutende und an Kultur reiche Stadt weist inzwischen eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Slowakei auf. Dabei ist Lučenec ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt an der Kreuzung OstWest- und Nord-Süd und hat obendrein den Status einer Grenzstadt. Die in der Literatur und Geschichte durch Johann Hunyadys Niederlage (1451) bekannt gewordene Stadt bildet ein natürliches Zentrum des südlichen Teils der Slowakei. Dieser Teil war in der Ver-

30

gangenheit vor allem durch die traditionelle Keramik bekannt. Außerdem blühten hier die Glas- und Lebensmittelindustrie, so wie auch der Maschinenbau. Großbetriebe wie die Lučenecer Ziegelbrennerei, Molkerei, der Konservenbetrieb Riso, der Keramikbetrieb Kerko, der Maschinenbaubetrieb ZŤS, sowie auch der Wollverarbeitungsbetrieb Poľana, einer der ältesten Betriebe der Stadt (1868), wurden entweder von größeren Firmen verschluckt oder gingen komplett bankrott. Die schlechte ökonomische Situation spüren auch die Geschäfte und Restaurants durch niedrigere Umsätze. Nur schwer kann man sich vorstellen, dass diese Stadt in der

NPZ ! Neue Pressburger Zeitung > Mai 2014 > www.npz-online.eu

Die Region Novohrad mit ihrem Zentrum Lučenec gehört zu den ärmsten Gebieten der Slowakei.


WIRTSCHAFT

Zeit der Ersten Republik zu den zehn größten Städten der Slowakei gehörte. Man sagte damals, man könne hier auch solche Waren kaufen, die es selbst in Prag nicht gäbe. Heute eröffnen Unternehmen an einem Tag und im nächsten Monat schließen sie wieder. Kleine Betriebe sind in diesem Gebiet zum Verfall verurteilt. Diese missliebige Erfahrung musste auch die ehemalige Besitzerin eines kleinen Fastfood-Unternehmens, die 54-jährige Katarína B. machen: „In einer kleinen Stadt wie Lučenec ist es schwer, sich als Kleinunternehmer durchzuschlagen. Ich verschuldete mich und musste so schnell wie möglich einen Ausweg finden. So ging ich in eine lokale Pflegeagentur, bestand den Einstiegstest und binnen zwei Wochen saß ich schon im Auto Richtung Österreich.“ In einer Stadt, in der sich Arbeitsplätze wortwörtlich in Luft auflösen, wendete sich das typische Familienmodell von einem Tag auf den anderen. Männer blieben zu Hause und Frauen wurden zum meist- oder auch zum einzig verdienenden Teil der Familie. Die Pflegerinnenwelle überflutete schnell die ärmsten Gebiete der Slowakei. Heute arbeiten laut den Statistiken des Instituts für Soziologie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften mehr als 16.000 weibliche und 2000 männliche Seniorenpfleger aus der Slowakei in Österreich.

von ihnen haben schon lange vor der Legalisierung durch das österreichische Pflegegesetz von 2008 ihr Geld auf diese Art verdient und riskierten somit alle zwei Wochen eine Ausweisung. Seit 30. Juni 2008 sind Pfleger in Österreich als Gewerbebetreibende registriert, womit auch ein gewisser Sozialschutz verbunden ist (Unfall-, Renten - und Krankenversicherung). Mit der Legalisierung erhöhten sich die Zahl der ArbeitspendlerInnen und damit auch die Konkurrenz. Obwohl der

Die Stadt der Pflegerinnen (aber nicht der Gepflegten) Es klingt zwar unglaublich, aber wenn man Frauen in Lučenec befragen würde, welchen Beruf sie ausüben, würde jede zweite Antwort mit Sicherheit lauten: „Ich bin Pflegerin.“ Und das ohne Ansehen des Alters oder Schulabschlusses. „Manche der Pflegerinnen sind schon in einem Alter, in dem sie fast schon selbst Pflege brauchen würden, nur können sie sich es nicht leisten. Viele andere dagegen haben gerade den Schulabschluss hinter sich, oft sogar einen Hochschulabschluss. Den größten Teil bilden Frauen im mittleren Alter“, erzählt Alica, die Leiterin der Lučenecer Pflegeagentur „Pflegenden Hände“. Ihre Worte bestätigen die Resultate der Studie „Opatrovateľky“ (Pflegerinnen), nach deren Schlussfolgerung zwei Drittel der Pflegerinnen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren sind. Die meisten

Lohn nicht mehr so lukrativ ist, reisen Frauen aus Lučenec weiterhin alle zwei Wochen ins Nachbarland. „Am weitesten war ich in Tirol. Das war eine 12-stündige Reise. Ich dachte, meine Beine würden platzen und am Ende müsste noch ich gepflegt werden“, sagt Katarína H., die schon das vierte Jahr als Pflegerin in Österreich arbeitet. „Meine finanzielle Situation hat sich in dieser Zeit nicht verbessert. Trotzdem könnte ich das Pflegen nicht aufgeben, denn meine Rente reicht für mich und meine Familie nicht aus.“ Die ehemalige Fast-Food-Unternehmerin Katarína B. kann sich dagegen nicht beschweren: „Meine Schulden habe ich abbezahlt. Jetzt verwirkliche ich meinen Traum. Ich habe mir ein Haus gekauft und renoviere es langsam nach meinen Vorstellungen.“ Katarína arbeitet jetzt schon seit sechs Jahren in Österreich. Zur Zeit betreut sie zwei Familien und kommt nur mehr für maximal eine

Woche pro Monat in die Slowakei. „Das Geheimnis dieser Arbeit liegt in der Anpassungsfähigkeit“, verrät sie. „Das einzig Schwierige für mich war die Sprache. Meine acht Jahre Deutschunterricht waren wie weggezaubert. Die Praxis sieht ganz anders aus.“ Auch der ausgebildete Sanitäter Marek bestätigt, dass für ihn die Sprache das Schwerste war: „Dreizehn Jahre lernte ich Englisch, auf einmal war das umsonst. Technisch war ich für den Pflegeberuf bereit, aber

Zwischen Pfleger und Patient sollte ein harmonisches Bündnis entstehen. Es ist wie die Suche eines Lebenspartners. Nicht jeder ist sofort der Richtige. sprachlich hatte ich ein Problem.“ Der damals erst Neunzehnjährige lernte die deutsche Sprache von den Grundlagen an alleine. Obwohl es Momente gab, in denen er am liebsten alles aufgegeben hätte, ist Marek für die Arbeit in Österreich dankbar: „In der Ausbildung lernte ich, mich um andere Menschen zu kümmern, was ich aber nicht lernte, war, für mich selbst verantwortlich zu sein. Und das habe ich bei der Pflege gelernt.“ In den sechs Jahren, die Marek als Seniorenpfleger tätig war, wechselte er insgesamt sechs Familien und erlebte Dinge, die ihn geprägt haben: „Persönliche Kontakte können nie durch Handys oder Skype ersetzt werden und für jemanden 24 Stunden ununterbrochen da zu sein, ist sowohl psychisch wie auch physisch belastend.“ Trotzdem behielt Marek das Pflegen in guter Erinnerung. „Ich erlebte viele schöne und auch witzige Momente. Zum Beispiel, als der Mann, den ich

NPZ ! Neue Pressburger Zeitung > Mai 2014 > www.npz-online.eu

31


WIRTSCHAFT

Aus den Statistiken des Instituts für Soziologie der SAV:

In der Zeit der Ersten Republik gehörte diese Stadt zu den zehn größten der Slowakei. betreute, so einen Lachanfall bekam, dass ihm die Prothese aus dem Mund fiel“, lächelt Marek. „Aus jeder Familie nahm ich mir eine Erfahrung mit. Eine Zeit lang war ich Teil von sechs verschiedenen Familien und sah sechs verschiedene Lebensweisen. Ich finde, das ist eine echte Bereicherung.“ Die Pflegerin Janette würde doch die Pflege gerne gegen einen normalen Job tauschen, denn jedes Mal, wenn sie nach Österreich fährt, verlässt sie ihre kleine Tochter. „Ich möchte ein besseres Leben für sie. Einmal wird sie es ganz bestimmt verstehen können“, sagt Janette. Vanessa war erst ein Jahr alt, als Janette ihren ersten Patienten bekam. Auch Aneta, eine der ersten Pflegerinnen aus Lučenec, musste ihre Kinder regelmäßig alle zwei Wochen verlassen: „Meine jüngere Tochter war zwölf, die ältere vierzehn. Heute sind schon beide erwachsen.“ Nach ein paar Jahren, in denen Aneta auf diese Art ihr Geld verdiente, wurde auch ihre

eigene Mutter zum Pflegefall: „Sie war schon über 80 und hat sich bei einem Sturz das Becken verletzt. Nach der Operation brauchte sie schon permanente Pflege. Ich selber konnte mir jedoch nicht erlauben, mit ihr zu Hause zu bleiben, denn mit dem Pflegebeitrag vom Staat könnten nie im Leben fünf Personen ein würdiges Leben führen.“ Anetas Worte bestätigt auch Peter aus Lučenec. Er ist schon mehrere Jahre als offizieller Pfleger seiner Großmutter eingetragen: „Ich bekomme die Höchstsumme für die Pflege einer Person, 225 Euro. Von diesem Geld und der Rente meiner Großmutter müssen wir leben. Wenn wir alle Fixkosten bezahlen und die Medikamente kaufen, bleiben uns zirka 120 Euro pro Monat. Damit auszukommen grenzt fast an ein Wunder!“, sagt Peter.

Für jemanden 24 Stunden ununterbrochen da zu sein, ist sowohl psychisch wie auch physisch belastend.

Von der Pflegerin zur Unternehmerin Die damals 47-jährige Alica aus Lučenec kam wie auch viele andere nach der Priva-

In einer Stadt, in der sich Arbeitsplätze wortwörtlich in Luft auflösen, wendete sich das typische Familienmodell von einem Tag auf den anderen.

32

• 18 000 Seniorenpfleger aus der Slowakei arbeiten in Österreich • 78% der Pflegekräfte hat selber Familie • 70% der Pflegekräfte haben einen Schulabschluss mit Abitur, 18% ohne Abitur, 10% Hochschulabschluss • Außer Pflegen kümmern sich 80% der Pflegekräfte um den Haushalt, 75% um den Lebensmitteleinkauf und das Kochen, 11% um den Garten, 9% um Haustiere • Das Einkommen der Pflegekräfte bewegt sich um 45€ bis 65€ pro Stunde, also 630€ bis 910€ pro Monat • 20% sind mit der Arbeit sehr zufrieden, 58% zufrieden, 6% unzufrieden

NPZ ! Neue Pressburger Zeitung > Mai 2014 > www.npz-online.eu

tisierung des Maschinenbaubetriebs ZŤS um ihre langjährige Stellung. Alica hatte keine Chance, eine gut bezahlte Arbeit innerhalb der Region zu finden. Dass sie dank der zipserdeutschen Herkunft ihrer Familie von klein auf Deutsch sprach, führte sie zur Pflege: „Am Anfang habe ich drei Familien gewechselt. Die Arbeit mit Menschen ist dadurch schwierig, dass man ein gegenseitiges Verständnis für einander finden muss. Zwischen Pfleger und Patient sollte ein harmonisches Bündnis entstehen. Es ist wie die Suche eines Lebenspart-


WIRTSCHAFT

ners. Nicht jeder ist sofort der Richtige.“ Nach neun Jahren eines solchen doppelten Lebens suchte Alica eine neue Herausforderung. Sie war sich bewusst, dass sie in der Altenpflege ihre Berufung gefunden hatte, und so gründete sie mit Hilfe eines österreichischen Geschäftspartners die „Pflegenden Hände“: „Ich konnte die Sprache und hatte eine Menge Erfahrungen gesammelt. Ich kann mich in die Situation der Familie des Patienten einfühlen, denn auch meine Mutter musste gepflegt werden. Man möchte für seinen Nächsten immer nur das Beste, darum kann ich deren Bedürfnisse verstehen. Genau so kann ich mich aber auch in die Situation der Pflegerinnen einfühlen.“ Nach Alicas Worten ist die Pflege keine leichte Arbeit. Das hängt aber immer von der Situation der Pflegerin wie auch vom Patienten ab: „Jemand, der jahrelang eine Büroarbeit mit wenig Bewegung ausgeübt hat, kann eine solche Arbeit positiv sehen, denn es ist das komplette Gegenteil zu dem, was er gemacht hat. Andere sehen die Seniorenpflege als eine neue Erfahrung oder eine Möglichkeit, die Welt jenseits der Grenze zu erforschen.“ Ob diese Arbeit auf Dauer die richtige ist, sei doch sehr individuell. Für Alica selbst war das geteilte Leben das Schwierigste. „Bis ich mich an einem Ort zu Hause

fühlte, musste ich schon für die Rückreise packen“, sagt sie: „Trotzdem ist es eine schöne Arbeit, denn man hilft Menschen. Einmal wird jeder von uns eine Altenpflege brauchen, ob von den eigenen Kindern oder einer Organisation. Darum ist die Pflege etwas, das jeden betrifft und man sollte diese Arbeit von Herzen ausüben.“ In Lučenec gibt es heute mindestens sechs Pflegeagenturen. In der ganzen Region zweioder dreimal so viele. Neben dem einzigen ausländischen Investor Johnson Controls

und der Lučenecer Lebensmittelfirma CBA sind diese Agenturen einer der drei größten Arbeitgeber der Stadt. Dass man im Süden der Slowakei schwer Arbeit findet, lässt sich auch an der Abwanderung in den letzten Jahren beobachten. Die Pressesprecherin der Stadt, Mária Bérešová, bestätigt den Bevölkerungsrückgang von Lučenec. 1998 hatte Lučenec noch fast 29.000 Einwohner und obwohl die Geburtenrate wächst, hat sich 2013 die Einwohneranzahl auf nur etwas über 27.000 verringert.

Werben Sie in der NPZ! Das Monatsmagazin Neue Pressburger Zeitung NPZ knüpft an die Tradition der deutschsprachigen Medien an, die in dieser einst dreisprachigen Stadt erschienen. Diese Tradition lebt heute wieder auf, weil Bratislava in Handel, Industrie und Tourismus wieder einen mehr und mehr kosmopolitischen Charakter annimmt. Die NPZ bietet aber nicht nur den deutschsprachigen Bewohnern Bratislavas aktuelle Informationen, sondern wendet sich auch an die angrenzende Nachbarregion in Österreich sowie an ein Publikum in Wien wie auch an Deutsche und Schweizer mit Interesse an der Slowakei und diesem Grenzraum. Die NPZ bringt von professionellen Journalisten und Experten fundiert ausgearbeitete Informationen, Kommentare, Feuilletons, Reportagen und Interviews. Die Beiträge betreffen Wirtschaft, Poli­tik und Finanzen, aber auch Fremdenverkehr, Gesundheits­ wesen, Schulwesen und Sport. Nicht vergessen werden die Non-Profit-Organisationen, das Gesellschaftsleben, Freizeit und Kultur in dieser Region. Der Inhalt jeder Nummer wird in interessanter und einfalls­reicher Grafik präsentiert, damit unsere Geschäftspartner, die sich über unsere Zeitschrift der Öffentlichkeit vorstellen wollen, einen großzügigen, eleganten Raum für ihre Präsentation.

Neue Pressburger Zeitung NPZ, Františkánske nám. 7, SK-811 01 Bratislava Tel. 00 421 903 401 464, info@npz-online.eu, www.npz-online.eu

NPZ ! Neue Pressburger Zeitung > Mai 2014 > www.npz-online.eu

33

Pflegerin