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Das FrauenMagazin mit eigensinn

das frauenmagazin mit eigensinn entkörperlichte liebe: leidenschaft in digitalen zeiten | wozu die scham? warum sie auch zu etwas nütze ist | um ein haar: eine kleine kulturgeschichte | die unvollendete: eva hesse | klassische klarheit: Mode von garment

Alles ist mÖglich? DOSSIER Unser Leben in der multioptionalität

01| 2013

Fotos: xxx

01 | 2013 De 5,90 € / At 6,90 € / lux 7 € / ch 9,90 chf

01/2011 nova

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FASHION VICTIM Werden Sie nicht zum Komplizen bei der weltweiten Wasserverschmutzung!

www.greenpeace.de/detox


editorial

Titelmotiv: Maia Flore illustr ation: K a ja Par adiek

liebe leserinnen!

Man könnte fragen: Warum ein neues Frauenmagazin? Gibt es denn nicht schon genug? Ja, es gibt unzählige. Aber leider keines, das uns in seiner Gesamtheit anspricht. Keines, mit dem wir uns wirklich identifizieren können. Immer wieder standen wir vor dem Zeitschriftenregal, hatten Lust auf kurzweiligen und unterhaltsamen Lesestoff, der uns an- und nicht aufregt. Doch das ultimative Make-Up der Saison, Venus-Horoskop, neuste Erkenntnisse gegen Cellulite, Life Changing-Sex, Feminista Fashion, Glücksrezepte für den Alltag – sind das die Themen, um die sich unser Frauendasein dreht? Wir denken: nein! Es ist Zeit für ein neues Frauenmagazin, das reflektiert und inspiriert anstatt zu optimieren. Das uns nicht ständig nur um uns selbst kreisen lässt, sondern zeigt, was um uns herum, in Kultur und Gesellschaft passiert. Ein Magazin, das uns mit charismatischen Frauen und anregenden Geschichten ermutigt, zu uns selbst zu stehen, an unsere Originalität und Einzigartig-

keit zu glauben. Ein Magazin, das uns in interessante Lebensmodelle blicken lässt und uns mit Fragen über das Leben konfrontiert. Ein Magazin, in das wir uns zum Schauen und Schmökern versenken können, mit dem wir ein Stück weit dem Alltag entfliehen und uns mit Muße entschleunigen können. Dass wir mit Nova das Rad nicht neu erfinden können, ist uns bewusst, aber auch gar nicht unser Anspruch. Vielmehr wollen wir all jene Frauen klug und niveauvoll unterhalten, die es – außer beim Friseur oder im Wartezimmer – aufgegeben haben, ein Frauenmagazin zu lesen, es aber gerne wieder tun würden. Wir hoffen, dass Ihr sie mögen werdet, die „Neue“. Anregungen, was wir noch besser machen können, sind jederzeit willkommen, Lob ebenso! Es grüßen Euch herzlichst Eure Novas

editorial nova

003


Themen Nova, Das Frauenmagazin mit Eigensinn, Ausgabe 01/2013

lebensArt 006 nova-ensemble 012 das ideal von schönheit Erin Cone: Malerin mit Vorliebe für ästhetische Frauenfiguren

016 essthetik zum einverleiben

Eat Art-Künstlerin Sonja Alhäuser mischt Kulinarik und Erotik zu einer hedonistischen Rezeptur

022 Das Dorf in der Stadt Eimsbüttel: Warum auch Familien dieses Hamburger Soziotop lieben

028 Klassische Klarheit Garment: Ein Mode-Porträt über alltagstaugliche Eleganz

035 zurück auf die bäume Ein Baumhaus als Rückzugsort

036 mit körper, geist und seele

Warum Swami Ramapriyanandas Leben dem Yoga gilt

KraftAkt 040 Frau mit Strahlkraft Wie die gehandicapte Afrikanerin Irene Laker mit ihrem Friseursalon zu neuem Selbstbewusstsein fand

050 jetzt oder nie Wenn man sich immer noch nicht fürs Muttersein entscheiden kann

052 Die Unvollendete Eva Hesses intensives Leben für die Kunst, das viel zu früh endete

058 Golden Girl Vorbild für Optimismus und Lebenslust im Alter: Daggy Prüter

060 Ich k ann nicht mehr

und will nicht mehr

Katja Kullmann fordert: Schluss mit dem Scheiter-Porno! Ein Plädoyer gegen das Scheitern

jetztzeit 066 Gut Holz Produkte aus Naturmaterialien, die man einfach gerne anfasst

067 Alles ist möglich? Dossier: Unser Leben in der Multioptionalität

068 Zurück auf Los Wie Anja Beyer ihr Leben auf Null stellte und komplett neu anfing

074 Weniger ist mehr Tanja Diezmanns kreative Ideen zur Entschleunigung

076 In der

Multioptionsfalle

Andrea Diener über ihr Dasein im ständigen Konjunktiv

080 Auf fremden FüSSen Verdammt zur Häuslichkeit: Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert

NahKontakt 084 Die Ökonomie

der Beziehung

Geben und Nehmen: Gilt das wirtschaftliche Prinzip auch in der Paarbeziehung?

086 Wozu die Scham? Warum Intimität auch zu etwas nütze sein kann

092 Held meiner Jugend Hiltrud Bontrups einstiger TVSchwarm Jean-Michael Vincent

094 Liebe digital Wie innig kann man kommunizieren, wie nah sich hier kommen? Ein Lesestück von Joachim Bessing

098 Sein bestes Stück Neulich in der Autowaschstraße: Männer im Putzwahn

099 always on my mind Wenn Liebe restlos verwirrt: Ein Gedicht von Albert Ostermaier

100 Um ein Haar Eine kleine Kulturgeschichte über das, was wir täglich auf uns herumtragen

106 Das Bratk artoffelverhältnis

Vergessene Wörter, die fast kaum jemand mehr kennt

107 So war das Eine Fortsetzungsgeschichte über Hannah und Hans Fichtelbach

112 Erschreckend schön Gegen die Perfektion des Schönheitswahns

113 Impressum 114 Achtung Baustelle! Was man schon lange hätte erledigt haben wollte

inhalt nova

005


Themen Nova, Das Frauenmagazin mit Eigensinn, Ausgabe 01/2013

lebensArt 006 nova-ensemble 012 das ideal von schönheit Erin Cone: Malerin mit Vorliebe für ästhetische Frauenfiguren

016 essthetik zum einverleiben

Eat Art-Künstlerin Sonja Alhäuser mischt Kulinarik und Erotik zu einer hedonistischen Rezeptur

022 Das Dorf in der Stadt Eimsbüttel: Warum auch Familien dieses Hamburger Soziotop lieben

028 Klassische Klarheit Garment: Ein Mode-Porträt über alltagstaugliche Eleganz

035 zurück auf die bäume Ein Baumhaus als Rückzugsort

036 mit körper, geist und seele

Warum Swami Ramapriyanandas Leben dem Yoga gilt

KraftAkt 040 Frau mit Strahlkraft Wie die gehandicapte Afrikanerin Irene Laker mit ihrem Friseursalon zu neuem Selbstbewusstsein fand

050 jetzt oder nie Wenn man sich immer noch nicht fürs Muttersein entscheiden kann

052 Die Unvollendete Eva Hesses intensives Leben für die Kunst, das viel zu früh endete

058 Golden Girl Vorbild für Optimismus und Lebenslust im Alter: Daggy Prüter

060 Ich k ann nicht mehr

und will nicht mehr

Katja Kullmann fordert: Schluss mit dem Scheiter-Porno! Ein Plädoyer gegen das Scheitern

jetztzeit 066 Gut Holz Produkte aus Naturmaterialien, die man einfach gerne anfasst

067 Alles ist möglich? Dossier: Unser Leben in der Multioptionalität

068 Zurück auf Los Wie Anja Beyer ihr Leben auf Null stellte und komplett neu anfing

074 Weniger ist mehr Tanja Diezmanns kreative Ideen zur Entschleunigung

076 In der

Multioptionsfalle

Andrea Diener über ihr Dasein im ständigen Konjunktiv

080 Auf fremden FüSSen Verdammt zur Häuslichkeit: Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert

NahKontakt 084 Die Ökonomie

der Beziehung

Geben und Nehmen: Gilt das wirtschaftliche Prinzip auch in der Paarbeziehung?

086 Wozu die Scham? Warum Intimität auch zu etwas nütze sein kann

092 Held meiner Jugend Hiltrud Bontrups einstiger TVSchwarm Jean-Michael Vincent

094 Liebe digital Wie innig kann man kommunizieren, wie nah sich hier kommen? Ein Lesestück von Joachim Bessing

098 Sein bestes Stück Neulich in der Autowaschstraße: Männer im Putzwahn

099 always on my mind Wenn Liebe restlos verwirrt: Ein Gedicht von Albert Ostermaier

100 Um ein Haar Eine kleine Kulturgeschichte über das, was wir täglich auf uns herumtragen

106 Das Bratk artoffelverhältnis

Vergessene Wörter, die fast kaum jemand mehr kennt

107 So war das Eine Fortsetzungsgeschichte über Hannah und Hans Fichtelbach

112 Erschreckend schön Gegen die Perfektion des Schönheitswahns

113 Impressum 114 Achtung Baustelle! Was man schon lange hätte erledigt haben wollte

inhalt nova

005


ensemble Herzlichen Dank für eure tolle Mitarbeit! Ohne euch hätten wir Nova nicht auf die Beine gebracht.

maia flore

charlotte schreiber

Nadine Lischik

anne eickenberg

K atja Kullmann

kerstin müller

1988 in Frankreich geboren, studierte die Fotografin an der Ecole de Gobelins. Während ihres letzten Studienjahres reiste sie nach Schweden, um dort unter skandinavischem Licht ihr erstes Werk entstehen zu lassen: Sleep. Mehr unter

*1986 in Wiesbaden, studierte in Dortmund Fotodesign. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Düsseldorf, obwohl sie ihr Herz an New York City verloren hat. Sie hat sich auf Mode und Porträts fokussiert, wobei sie auch jeder andere schöne Augenblick zur Kamera greifen lässt.

Die freie Autorin, Jahrgang 1982, ist in den Bereichen Musik, Kultur und Lifestyle unterwegs und schreibt für diverse Publikationen. Ihre freie Zeit verbringt sie gerne mit Reisen, am liebsten nach London und Neuseeland. Ihren Wohnort hält sie aber in Hamburg.

*1969, fotografiert hauptsächlich zwischen Elbe, Rhein und Isar. Ihre Stärke ist das berichterstattende Porträt, das dem Betrachter die Vielfalt des Menschen nahebringen soll. Die Fotodesignerin arbeitet für Redaktionen und Agenturen und lebt in Hamburg.

*1970, schreibt Bücher, Essays, Erzählungen und Reportagen über Gesellschaftspolitisches, den Geschlechtertanz und die wundersame Welt der Arbeit. Für „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ erhielt sie 2003 den Deutschen Bücherpreis.

*1983, lebt und arbeitet als freie Fotografin in Berlin und ist in ihrem kleinen Studio in Kreuzberg aufzufinden oder igendwo auf Reisen. Am liebsten fotografiert sie Menschen und erzählt ihre Geschichten. Gerade reist sie durch Israel, um sich dort zwei Porträt-Projekten zu widmen.

www.maiaflore.com

sonja fink

brigitte aiblinger

anne ackermann

stephanie wunderlich

Kevin Hayes

Flora P.

Die Journalistin, Jahrgang 1984, kommt aus der Filmbranche und ist ständig auf der Suche nach interessanten Begegnungen. Zurzeit schreibt die Salzburgerin an einer Porträt-Reihe über Menschen aus ihrer österreichischen Heimat und plant ihre nächste große Reise.

*1972 im Chiemgau. Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt auf Porträts und Reportagen. Für Nova besuchte sie Swami Ramapriyananda in den Tiroler Bergen. Die Münchnerin lernt gerne neue Menschen kennen, um deren Geschichten authentisch in Bildern festzuhalten.

*1980, lebt als freie Fotografin in Hamburg und Kampala / Afrika. Sie arbeitet für nationale und internationale Magazine und Unternehmen und widmet sich parallel immer wieder eigenen fotografischen Projekten. Derzeit ist sie vor allem in Norduganda unterwegs. 

Die Hamburgerin illustriert für internationale Magazine und Verlage. Ihre bevorzugten Arbeitmittel sind Schere, Skalpell und Papier. Sie ist Mitherausgeberin der Comic-Anthologie „Spring“ und derzeit Dozentin für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Der New Yorker Künstler geht sehr spontan an seine Arbeiten heran. Die Inspirationen dafür holt er sich hauptsächlich direkt von der Straße. Was dabei herauskommt, ist im Internet zu sehen: http:// thedirtiestlittlerainbow.blogspot.de und

1984 in Österreich geboren, arbeitet sie weltweit als Fotografin. Inmitten der Überflutung entblößter Darstellungen will sie den Niedergang der Sinnlichkeit mit einer sehr unvermutet unschuldigen Nacktheit kontern. Mehr über Flora P. unter www.florap.com

006 nova ensemble

instagram.com/thedirtiestlittlerainbow

Ensemble nova

007


ensemble Herzlichen Dank für eure tolle Mitarbeit! Ohne euch hätten wir Nova nicht auf die Beine gebracht.

maia flore

charlotte schreiber

Nadine Lischik

anne eickenberg

K atja Kullmann

kerstin müller

1988 in Frankreich geboren, studierte die Fotografin an der Ecole de Gobelins. Während ihres letzten Studienjahres reiste sie nach Schweden, um dort unter skandinavischem Licht ihr erstes Werk entstehen zu lassen: Sleep. Mehr unter

*1986 in Wiesbaden, studierte in Dortmund Fotodesign. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Düsseldorf, obwohl sie ihr Herz an New York City verloren hat. Sie hat sich auf Mode und Porträts fokussiert, wobei sie auch jeder andere schöne Augenblick zur Kamera greifen lässt.

Die freie Autorin, Jahrgang 1982, ist in den Bereichen Musik, Kultur und Lifestyle unterwegs und schreibt für diverse Publikationen. Ihre freie Zeit verbringt sie gerne mit Reisen, am liebsten nach London und Neuseeland. Ihren Wohnort hält sie aber in Hamburg.

*1969, fotografiert hauptsächlich zwischen Elbe, Rhein und Isar. Ihre Stärke ist das berichterstattende Porträt, das dem Betrachter die Vielfalt des Menschen nahebringen soll. Die Fotodesignerin arbeitet für Redaktionen und Agenturen und lebt in Hamburg.

*1970, schreibt Bücher, Essays, Erzählungen und Reportagen über Gesellschaftspolitisches, den Geschlechtertanz und die wundersame Welt der Arbeit. Für „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ erhielt sie 2003 den Deutschen Bücherpreis.

*1983, lebt und arbeitet als freie Fotografin in Berlin und ist in ihrem kleinen Studio in Kreuzberg aufzufinden oder igendwo auf Reisen. Am liebsten fotografiert sie Menschen und erzählt ihre Geschichten. Gerade reist sie durch Israel, um sich dort zwei Porträt-Projekten zu widmen.

www.maiaflore.com

sonja fink

brigitte aiblinger

anne ackermann

stephanie wunderlich

Kevin Hayes

Flora P.

Die Journalistin, Jahrgang 1984, kommt aus der Filmbranche und ist ständig auf der Suche nach interessanten Begegnungen. Zurzeit schreibt die Salzburgerin an einer Porträt-Reihe über Menschen aus ihrer österreichischen Heimat und plant ihre nächste große Reise.

*1972 im Chiemgau. Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt auf Porträts und Reportagen. Für Nova besuchte sie Swami Ramapriyananda in den Tiroler Bergen. Die Münchnerin lernt gerne neue Menschen kennen, um deren Geschichten authentisch in Bildern festzuhalten.

*1980, lebt als freie Fotografin in Hamburg und Kampala / Afrika. Sie arbeitet für nationale und internationale Magazine und Unternehmen und widmet sich parallel immer wieder eigenen fotografischen Projekten. Derzeit ist sie vor allem in Norduganda unterwegs. 

Die Hamburgerin illustriert für internationale Magazine und Verlage. Ihre bevorzugten Arbeitmittel sind Schere, Skalpell und Papier. Sie ist Mitherausgeberin der Comic-Anthologie „Spring“ und derzeit Dozentin für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Der New Yorker Künstler geht sehr spontan an seine Arbeiten heran. Die Inspirationen dafür holt er sich hauptsächlich direkt von der Straße. Was dabei herauskommt, ist im Internet zu sehen: http:// thedirtiestlittlerainbow.blogspot.de und

1984 in Österreich geboren, arbeitet sie weltweit als Fotografin. Inmitten der Überflutung entblößter Darstellungen will sie den Niedergang der Sinnlichkeit mit einer sehr unvermutet unschuldigen Nacktheit kontern. Mehr über Flora P. unter www.florap.com

006 nova ensemble

instagram.com/thedirtiestlittlerainbow

Ensemble nova

007


ensemble

Fred Hüning

valero doval

Markus burke

Mit der Arbeit „drei“ aus seiner BuchTrilogie „einer, zwei und drei“ über seine Frau und seinen Sohn ist der Fotograf Ende 2013 an der Ausstellung „Home Truths: Photography and Motherhood“ in der Photographers Gallery London beteiligt. www.neunplus.com

Der Stil des spanischen Illustrators ist eine Mischung aus Illustration und Collage, die er mit viel Farbe und Witz angeht. Mit einer Kombination aus Vintage-Bildern und feiner Handarbeit schafft er besondere erzählerische Kunstwerke. Mehr unter www.valerodoval.com

hat Fotografie studiert, lebt und arbeitet in München und fotografiert unter anderem für GQ, Süddeutsche Zeitung Magazin, Die Zeit, Neon, Playboy, 11 Freunde und Musikexpress. Im April reiste er fünf Wochen durch die USA, um an einem Fotoprojekt zu arbeiten.

Laura lünenbürger

Katerina Poladjan

Y vonne Schmedemann

*1987 lebt und arbeitet als freie Illustratorin in Hamburg. In ihren Arbeiten lässt sie Häuser erröten, setzt Eisbären aufs Fahrrad und bringt Bergseen zum Leuchten. Ihr Skizzenbuch trägt sie immer bei sich. Mehr über sie unter

*1971 in Moskau geboren, arbeitete nach ihrer Schauspielausbildung unter anderem am Münchener Residenztheater, in Hamburg am Schauspielhaus und auf Kampnagel sowie in Berlin am HAU und lebt mittlerweile als Schriftstellerin und Schauspielerin in Berlin.

Die Fotografin arbeitete mehrere Jahre als Assistentin bei Mode-, People-, Beauty- und Still-Fotografen und hat nun die Porträt- und Reportagefotografie für sich entdeckt. Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Mehr über sie unter www.y vonneschmedemann.com

www.lauraluenenbuerger.com

008 nova ensemble

Foto: Boris Leist

Herzlichen Dank für eure tolle Mitarbeit! Ohne euch hätten wir Nova nicht auf die Beine gebracht.


ensemble

Fred Hüning

valero doval

Markus burke

Mit der Arbeit „drei“ aus seiner BuchTrilogie „einer, zwei und drei“ über seine Frau und seinen Sohn ist der Fotograf Ende 2013 an der Ausstellung „Home Truths: Photography and Motherhood“ in der Photographers Gallery London beteiligt. www.neunplus.com

Der Stil des spanischen Illustrators ist eine Mischung aus Illustration und Collage, die er mit viel Farbe und Witz angeht. Mit einer Kombination aus Vintage-Bildern und feiner Handarbeit schafft er besondere erzählerische Kunstwerke. Mehr unter www.valerodoval.com

hat Fotografie studiert, lebt und arbeitet in München und fotografiert unter anderem für GQ, Süddeutsche Zeitung Magazin, Die Zeit, Neon, Playboy, 11 Freunde und Musikexpress. Im April reiste er fünf Wochen durch die USA, um an einem Fotoprojekt zu arbeiten.

Laura lünenbürger

Katerina Poladjan

Y vonne Schmedemann

*1987 lebt und arbeitet als freie Illustratorin in Hamburg. In ihren Arbeiten lässt sie Häuser erröten, setzt Eisbären aufs Fahrrad und bringt Bergseen zum Leuchten. Ihr Skizzenbuch trägt sie immer bei sich. Mehr über sie unter

*1971 in Moskau geboren, arbeitete nach ihrer Schauspielausbildung unter anderem am Münchener Residenztheater, in Hamburg am Schauspielhaus und auf Kampnagel sowie in Berlin am HAU und lebt mittlerweile als Schriftstellerin und Schauspielerin in Berlin.

Die Fotografin arbeitete mehrere Jahre als Assistentin bei Mode-, People-, Beauty- und Still-Fotografen und hat nun die Porträt- und Reportagefotografie für sich entdeckt. Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Mehr über sie unter www.y vonneschmedemann.com

www.lauraluenenbuerger.com

008 nova ensemble

Foto: Boris Leist

Herzlichen Dank für eure tolle Mitarbeit! Ohne euch hätten wir Nova nicht auf die Beine gebracht.


Lebensart Alles, was schön ist: Lebenswelten, Modeporträt, Genussbringer, Frauenbilder, ungewöhnliche Lebensstile

Foto: charlotte schreiber Quelle: u.a. pressetext.com

der look der 60er Von Yves Saint Laurents Prêt-à-porter-Linien, der unfehlbaren Eleganz Jackie Kennedys über die viel imitierten Looks der Stilikonen Twiggy und Edie Sedgwick bis zu den farbenprächtigen Druckstoffen von Marimekko und dem psychedelischen Hippie-Stil San Franciscos: Die Aufbruchstimmung der 1960er-Jahre spiegelt sich auch in der Mode dieser Zeit. Getragen vom Enthusiasmus der Jugend schien plötzlich alles möglich. Gewagte, kräftige Farben wurden Ausdruck des optimistischen und unbeschwerten Geists der Epoche. „50 Fashion Looks der 60er-Jahre“ von Paula Reed, erschienen im Prestel Verlag, 12,95 Euro, zeigt in Vintagefotos, begleitet von unterhaltsamen Texten, die wichtigsten Fashiontrends und ikonischen Outfits aus diesem turbulenten und bahnbrechenden Modejahrzehnt.

010

nova JetztZeit

grün macht glücklich Eine Studie der Universität von Exeter hat ergeben: Menschen, die in begrünten Stadtvierteln leben, sind zufriedener. Die Wissenschaftler werteten die Daten einer

nationalen Umfrage aus, für die rund 10.000 Erwachsene über einen Zeitraum von 17 Jahren begleitet wurden, als sie immer wieder umzogen. Die Probanden sollten ihre psychische Gesundheit in Bezug auf die jeweilige Wohnumgebung beurteilen. Dabei kam heraus, dass diejenigen, die in einem Gebiet mit mehr Pflanzen lebten, weniger unter Stress litten und eine höhere Zufriedenheit feststellten. Was ist deutsch? Die deutsche Sprache ist komplex, vielschichtig und detailverliebt. Die italienischen Autorinnen Vanna Vanucci und Francesca Predazzi widmen sich in ihrem Buch so unübersetzbaren Wörtern wie „Feierabend“, „Zweisamkeit“ oder „Schadenffreude“. Und beleuchten wie Land und Leute davon geprägt sind. In einer Verbindung mit historischen Ereignissen, Literatur und Politik entsteht ein facettenreiches Gesellschaftsporträt. „Feierabend. Eine Reise in die deutsche Seele“ von Vanessa Vanucci und Francesca Predazzi, Riemann Verlag, 12,99 Euro

Lebensart nova

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Lebensart Alles, was schön ist: Lebenswelten, Modeporträt, Genussbringer, Frauenbilder, ungewöhnliche Lebensstile

Foto: charlotte schreiber Quelle: u.a. pressetext.com

der look der 60er Von Yves Saint Laurents Prêt-à-porter-Linien, der unfehlbaren Eleganz Jackie Kennedys über die viel imitierten Looks der Stilikonen Twiggy und Edie Sedgwick bis zu den farbenprächtigen Druckstoffen von Marimekko und dem psychedelischen Hippie-Stil San Franciscos: Die Aufbruchstimmung der 1960er-Jahre spiegelt sich auch in der Mode dieser Zeit. Getragen vom Enthusiasmus der Jugend schien plötzlich alles möglich. Gewagte, kräftige Farben wurden Ausdruck des optimistischen und unbeschwerten Geists der Epoche. „50 Fashion Looks der 60er-Jahre“ von Paula Reed, erschienen im Prestel Verlag, 12,95 Euro, zeigt in Vintagefotos, begleitet von unterhaltsamen Texten, die wichtigsten Fashiontrends und ikonischen Outfits aus diesem turbulenten und bahnbrechenden Modejahrzehnt.

010

nova JetztZeit

grün macht glücklich Eine Studie der Universität von Exeter hat ergeben: Menschen, die in begrünten Stadtvierteln leben, sind zufriedener. Die Wissenschaftler werteten die Daten einer

nationalen Umfrage aus, für die rund 10.000 Erwachsene über einen Zeitraum von 17 Jahren begleitet wurden, als sie immer wieder umzogen. Die Probanden sollten ihre psychische Gesundheit in Bezug auf die jeweilige Wohnumgebung beurteilen. Dabei kam heraus, dass diejenigen, die in einem Gebiet mit mehr Pflanzen lebten, weniger unter Stress litten und eine höhere Zufriedenheit feststellten. Was ist deutsch? Die deutsche Sprache ist komplex, vielschichtig und detailverliebt. Die italienischen Autorinnen Vanna Vanucci und Francesca Predazzi widmen sich in ihrem Buch so unübersetzbaren Wörtern wie „Feierabend“, „Zweisamkeit“ oder „Schadenffreude“. Und beleuchten wie Land und Leute davon geprägt sind. In einer Verbindung mit historischen Ereignissen, Literatur und Politik entsteht ein facettenreiches Gesellschaftsporträt. „Feierabend. Eine Reise in die deutsche Seele“ von Vanessa Vanucci und Francesca Predazzi, Riemann Verlag, 12,99 Euro

Lebensart nova

011


das ideal von schönheit Interview: Nadine Lischick Malerei: Erin Cone

Die amerikanische Malerin Erin Cone widmet sich mit Vorliebe einem ganz bestimmten Motiv: ästhetische Frauenfiguren. Oft greift sie dabei auf das nächstliegende Modell zurück, nämlich sich selbst. Wir wollten von der Künstlerin wissen, warum sie Selbstporträts so reizen, Frauen so faszinierend sind und Schönheit sie magisch anzieht.

Adrift: Acryl auf Leinwand, 2008

Nova: Frauen scheinen dich bei deiner Malerei besonders anzuziehen... Erin Cone: Ja, damit ging es auf dem College los, als wir die Aufgabe gestellt bekamen, anhand eines Fotos ein Selbstporträt von uns anzufertigen. Für meine erste Ausstellung habe ich auch mal meinen Mann gezeichnet. Das Bild wurde auch verkauft, aber seitdem habe ich ihn nicht wieder gemalt. Ich weiß nicht warum, aber ich denke ich habe einfach mehr zu sagen, wenn ich Frauen male. Nova: Was ist so faszinierend an Frauen? Erin Cone: Mich reizen die gefühlvollen

Posen, die Anmut und Eleganz, die Frauenfiguren ausstrahlen können. Die Kunst hat sich ja immer und immer wieder dem weiblichen Körper gewidmet. Außerdem bin ich selbst eine Frau, und wir alle wissen wie es ist, in den Spiegel zu blicken. Wir alle tragen diese Idee von einem idealisierten Körper irgendwo in uns. Den will ich mit meinen Bildern darstellen.

einfacher zu finden als ich selbst. Ich habe in der Vergangenheit auch schon Modelle gebucht, aber ich komme auch deshalb immer wieder zu mir selbst zurück, weil ich meine Arbeiten nicht als Porträts betrachte, sondern es mir um diese idealisierte Darstellung der weiblichen Figur geht. Ich betrachte die Figur als etwas Abstraktes. Komposition ist mir in meinen Bildern sehr wichtig, ebenso das Schaffen eines Gesamtbilds. Bei Selbstporträts ist das einfacher, denn wenn ich eine andere Person male, bin ich viel zu fasziniert von diesem individuellen Gesicht, und es wird doch ein Porträt draus. Nova: Wie oft hast hast du dich schon selbst gemalt? Erin Cone: Ich habe in den letzten zehn oder zwölf Jahren um die 550 Bilder gemalt, und ich würde schätzen, dass die Hälfte oder sogar drei Viertel davon Selbstporträts sind.

Nova: Ein Großteil deiner Bilder sind

Nova: Wird das nicht langweilig? Erin Cone: Nein, eben weil ich meine Bil-

Selbstporträts. Warum? Erin Cone: Das hat einen ganz einfachen Grund: Kein Modell ist greifbarer und

der nicht als Porträt sehe, sondern mir jedes Mal Neues und Interessantes in Bezug auf die Komposition und die Far-

ben überlege. Das einzig Störende ist, dass ich über die Jahre älter geworden bin. Mein erstes Selbstporträt habe ich gemalt, als ich 18 war, mittlerweile bin ich 36. Es wird zunehmend schwieriger, alles so auszuleuchten, dass ein gutes Bild entsteht (lacht). Nova: Geht es dir bei deinen Bildern auch um deine eigene Femininität? Erin Cone: Das Selbstporträt hat bei mir nicht so viel Bedeutung wie vielleicht bei anderen Künstlern. Ich will mich nicht selbst erforschen – auch wenn man als Künstler natürlich mit jedem Bild ein Stück von sich selbst einfängt. Nova: Spielt eigentlich Mode in deinen Bildern eine Rolle? Erin Cone: Ja, da hat sich eine interessante Entwicklung vollzogen. Als ich damals meinen Mann gezeichnet habe, trug er ein stinknormales, weißes Männerhemd. Danach habe ich dieses Hemd auch weibliche Modelle tragen lassen – was dazu führte, dass die Betrachter in meinen Bildern eine Geschlechter-Botschaft vermuteten. Das war gar nicht meine Absicht. Aber von da an habe ich mir mehr Gedanken über die Kleidung

Lebensart nova

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das ideal von schönheit Interview: Nadine Lischick Malerei: Erin Cone

Die amerikanische Malerin Erin Cone widmet sich mit Vorliebe einem ganz bestimmten Motiv: ästhetische Frauenfiguren. Oft greift sie dabei auf das nächstliegende Modell zurück, nämlich sich selbst. Wir wollten von der Künstlerin wissen, warum sie Selbstporträts so reizen, Frauen so faszinierend sind und Schönheit sie magisch anzieht.

Adrift: Acryl auf Leinwand, 2008

Nova: Frauen scheinen dich bei deiner Malerei besonders anzuziehen... Erin Cone: Ja, damit ging es auf dem College los, als wir die Aufgabe gestellt bekamen, anhand eines Fotos ein Selbstporträt von uns anzufertigen. Für meine erste Ausstellung habe ich auch mal meinen Mann gezeichnet. Das Bild wurde auch verkauft, aber seitdem habe ich ihn nicht wieder gemalt. Ich weiß nicht warum, aber ich denke ich habe einfach mehr zu sagen, wenn ich Frauen male. Nova: Was ist so faszinierend an Frauen? Erin Cone: Mich reizen die gefühlvollen

Posen, die Anmut und Eleganz, die Frauenfiguren ausstrahlen können. Die Kunst hat sich ja immer und immer wieder dem weiblichen Körper gewidmet. Außerdem bin ich selbst eine Frau, und wir alle wissen wie es ist, in den Spiegel zu blicken. Wir alle tragen diese Idee von einem idealisierten Körper irgendwo in uns. Den will ich mit meinen Bildern darstellen.

einfacher zu finden als ich selbst. Ich habe in der Vergangenheit auch schon Modelle gebucht, aber ich komme auch deshalb immer wieder zu mir selbst zurück, weil ich meine Arbeiten nicht als Porträts betrachte, sondern es mir um diese idealisierte Darstellung der weiblichen Figur geht. Ich betrachte die Figur als etwas Abstraktes. Komposition ist mir in meinen Bildern sehr wichtig, ebenso das Schaffen eines Gesamtbilds. Bei Selbstporträts ist das einfacher, denn wenn ich eine andere Person male, bin ich viel zu fasziniert von diesem individuellen Gesicht, und es wird doch ein Porträt draus. Nova: Wie oft hast hast du dich schon selbst gemalt? Erin Cone: Ich habe in den letzten zehn oder zwölf Jahren um die 550 Bilder gemalt, und ich würde schätzen, dass die Hälfte oder sogar drei Viertel davon Selbstporträts sind.

Nova: Ein Großteil deiner Bilder sind

Nova: Wird das nicht langweilig? Erin Cone: Nein, eben weil ich meine Bil-

Selbstporträts. Warum? Erin Cone: Das hat einen ganz einfachen Grund: Kein Modell ist greifbarer und

der nicht als Porträt sehe, sondern mir jedes Mal Neues und Interessantes in Bezug auf die Komposition und die Far-

ben überlege. Das einzig Störende ist, dass ich über die Jahre älter geworden bin. Mein erstes Selbstporträt habe ich gemalt, als ich 18 war, mittlerweile bin ich 36. Es wird zunehmend schwieriger, alles so auszuleuchten, dass ein gutes Bild entsteht (lacht). Nova: Geht es dir bei deinen Bildern auch um deine eigene Femininität? Erin Cone: Das Selbstporträt hat bei mir nicht so viel Bedeutung wie vielleicht bei anderen Künstlern. Ich will mich nicht selbst erforschen – auch wenn man als Künstler natürlich mit jedem Bild ein Stück von sich selbst einfängt. Nova: Spielt eigentlich Mode in deinen Bildern eine Rolle? Erin Cone: Ja, da hat sich eine interessante Entwicklung vollzogen. Als ich damals meinen Mann gezeichnet habe, trug er ein stinknormales, weißes Männerhemd. Danach habe ich dieses Hemd auch weibliche Modelle tragen lassen – was dazu führte, dass die Betrachter in meinen Bildern eine Geschlechter-Botschaft vermuteten. Das war gar nicht meine Absicht. Aber von da an habe ich mir mehr Gedanken über die Kleidung

Lebensart nova

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der Models gemacht. Mode ist wichtiger geworden, vor allem für die feminine Ästhetik meiner Bilder. Nova: Nach welchen Kriterien suchst du die Kleidung aus? Erin Cone: Ich versuche meist universelle oder zeitlose Kleidung zu finden. Die Kleidung soll nicht im Fokus stehen und den Betrachter ablenken. Sie muss mit den anderen Faktoren des Bildes harmonieren, um ein Ganzes zu schaffen. Nova: Die Frauen auf deinen Werken blicken oft vom Betrachter weg. Findest du Gesichter unspannend? Erin Cone: Nein, es geht eher auf das Konzept zurück, dass meine Bilder abstrakt sein sollen. Ich liebe gute Porträts, aber für mich schmälert es die Aufmerksamkeit gegenüber dem Design und den kompositorischen, ästhetischen Aspekten des Bildes. Es ist einfach, die Figur in die Mitte des Bildes zu stellen und ihr ein ausdrucksstarkes Gesicht zu geben. Aber mein Ziel ist es, dass das Bild auch dann einen Ausdruck hat, wenn man die Person nicht erkennt. Indem die Figuren wegschauen, will ich diese Abgrenzung vom klassischen Porträt erreichen. Nova: Auffällig ist, dass die Frauen in deinen Bildern sehr stark wirken. Erin Cone: Das höre ich oft. Sonderbar, aber es stimmt schon: Wenn männliche Künstler Frauen malen, sind sie oft nackt oder nehmen sehr passive Formen ein. Die Frauen in meinen Bildern hingegen stehen immer so da, als würden sie ein Statement abgeben. Generell über-

lasse ich die Interpretation aber lieber dem Betrachter. Meine Bilder sind wie ein Schnappschuss aus einem Film: Sie fangen eine Szene ein, aber wir wissen nicht, wie die Geschichte weitergeht. Nova: Was bedeutet dir Schönheit? Erin Cone: Ich bin ein Fan von ihr! Ich

mag die Ästhetik vieler moderner Bilder nicht, vor allem im Realismus. Die Leute glorifizieren das Hässliche und Groteske. Ich finde, Kunst sollte vielmehr Schönheit einfangen. Wenn der Alltag schon nicht perfekt ist, warum soll die Kunst dann nicht idealisiert sein? Nova: Aber setzt uns dieses Schönheitsideal nicht auch unter Druck? Erin Cone: So kontrovers sehe ich das nicht, weil ich nichts in Frage stelle. Ich beschäftige mich nicht intensiv mit dem Bild der Frau in den Medien oder dergleichen. Meine Arbeit ist nicht von einem solchen Konzept getrieben, sondern es geht mir um die Ästhetik. Nova: Was bedeutet es in deinen Augen, heute eine Frau zu sein? Erin Cone: Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wir sind weit gekommen, aber es gibt natürlich schon noch tief verwurzelte Geschlechterrollen. Dem entgegne ich als Künstlerin wohl etwas. Denn wenn man sich mal umsieht, gibt es nicht viele Künstlerinnen, die von ihrer Kunst leben können. Das ist nach wie vor ein von Männern dominiertes Feld. Aber mich persönlich hat das nie behindert, ich habe immer tolle Unterstützung bekommen.

Discourse 1: Acryl auf Leinwand, 2011

Erin Cone , 1976 in Texas geboren, malt seit Kindesbeinen an. Richtig ernst mit der Malerei wird es ihr, als sie als Teenager an einem Kunstprogramm für Begabte teilnimmt. 1998 macht sie ihren „Bachelor of Fine Art in Painting“. Mit 24 gibt sie ihren Job als Designerin auf, um sich ganz der Bildenden Kunst zu widmen. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann in Santa Fe / New Mexiko. Mehr über Erin Cone unter www.erincone.com

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der Models gemacht. Mode ist wichtiger geworden, vor allem für die feminine Ästhetik meiner Bilder. Nova: Nach welchen Kriterien suchst du die Kleidung aus? Erin Cone: Ich versuche meist universelle oder zeitlose Kleidung zu finden. Die Kleidung soll nicht im Fokus stehen und den Betrachter ablenken. Sie muss mit den anderen Faktoren des Bildes harmonieren, um ein Ganzes zu schaffen. Nova: Die Frauen auf deinen Werken blicken oft vom Betrachter weg. Findest du Gesichter unspannend? Erin Cone: Nein, es geht eher auf das Konzept zurück, dass meine Bilder abstrakt sein sollen. Ich liebe gute Porträts, aber für mich schmälert es die Aufmerksamkeit gegenüber dem Design und den kompositorischen, ästhetischen Aspekten des Bildes. Es ist einfach, die Figur in die Mitte des Bildes zu stellen und ihr ein ausdrucksstarkes Gesicht zu geben. Aber mein Ziel ist es, dass das Bild auch dann einen Ausdruck hat, wenn man die Person nicht erkennt. Indem die Figuren wegschauen, will ich diese Abgrenzung vom klassischen Porträt erreichen. Nova: Auffällig ist, dass die Frauen in deinen Bildern sehr stark wirken. Erin Cone: Das höre ich oft. Sonderbar, aber es stimmt schon: Wenn männliche Künstler Frauen malen, sind sie oft nackt oder nehmen sehr passive Formen ein. Die Frauen in meinen Bildern hingegen stehen immer so da, als würden sie ein Statement abgeben. Generell über-

lasse ich die Interpretation aber lieber dem Betrachter. Meine Bilder sind wie ein Schnappschuss aus einem Film: Sie fangen eine Szene ein, aber wir wissen nicht, wie die Geschichte weitergeht. Nova: Was bedeutet dir Schönheit? Erin Cone: Ich bin ein Fan von ihr! Ich

mag die Ästhetik vieler moderner Bilder nicht, vor allem im Realismus. Die Leute glorifizieren das Hässliche und Groteske. Ich finde, Kunst sollte vielmehr Schönheit einfangen. Wenn der Alltag schon nicht perfekt ist, warum soll die Kunst dann nicht idealisiert sein? Nova: Aber setzt uns dieses Schönheitsideal nicht auch unter Druck? Erin Cone: So kontrovers sehe ich das nicht, weil ich nichts in Frage stelle. Ich beschäftige mich nicht intensiv mit dem Bild der Frau in den Medien oder dergleichen. Meine Arbeit ist nicht von einem solchen Konzept getrieben, sondern es geht mir um die Ästhetik. Nova: Was bedeutet es in deinen Augen, heute eine Frau zu sein? Erin Cone: Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wir sind weit gekommen, aber es gibt natürlich schon noch tief verwurzelte Geschlechterrollen. Dem entgegne ich als Künstlerin wohl etwas. Denn wenn man sich mal umsieht, gibt es nicht viele Künstlerinnen, die von ihrer Kunst leben können. Das ist nach wie vor ein von Männern dominiertes Feld. Aber mich persönlich hat das nie behindert, ich habe immer tolle Unterstützung bekommen.

Discourse 1: Acryl auf Leinwand, 2011

Erin Cone , 1976 in Texas geboren, malt seit Kindesbeinen an. Richtig ernst mit der Malerei wird es ihr, als sie als Teenager an einem Kunstprogramm für Begabte teilnimmt. 1998 macht sie ihren „Bachelor of Fine Art in Painting“. Mit 24 gibt sie ihren Job als Designerin auf, um sich ganz der Bildenden Kunst zu widmen. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann in Santa Fe / New Mexiko. Mehr über Erin Cone unter www.erincone.com

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Essthetik zum Einverleiben Text: Nina Anik a Klotz Fotos: Catarina Schmid

Sonja Alhäuser macht Alltägliches zu Kunst. In ihren künstlerischen Arbeiten versucht sie Kulinarik und Erotik zu einer hedonistischen Rezeptur zusammenzubringen. Nina Anika Klotz traf die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier und erlebte eine Mischung aus Kunstworkshop, Happening und liebevoll gekochtem Mittagessen.

Aus einem Kräuterbutterklumpen formt Sonja Alhäuser eine Büste, Ziegenkäse modelliert sie mit Zahnarztbesteck zu Ziegenköpfen

Sie schmilzt dahin. Er zergeht. Alles um sie herum ist so warm und weich. Sie gleiten aufeinander zu, fallen ineinander, schmelzen zusammen, werden eins. Das war der Höhepunkt. „Lachsloretta trifft Kräuterprinz“ heißt das Kunstwerk. Ein Stück Performance Art. Zwei zart geformte Butterbüsten zerlaufen ineinander auf einem Berg von Pasta, sind kaum mehr zu erkennen, vergangen und für immer vereint in einem See von Weißweinsahne. Irgendwie ist das ziemlich sinnlich. Irgendwie auch niedlich. Und irgendwie bizarr und komisch. Die Künstlerin selbst jedenfalls muss ständig kichern. Und dann sagt sie, ganz pragmatisch: „So, jetzt wird gegessen.“ NINA ANIKA KLOTZ: Ist es nicht furchtbar, dass Ihre Kunst einfach aufgegessen wird? SONJA ALHÄUSER: Es geht mir nicht anders als jeder Hausfrau. Etwas, in das man viel Mühe gesteckt hat, wird gegessen. Das kennt eigentlich jede Mutter, die für ihre Familie kocht. NINA ANIK A KLOTZ: Ja, aber auch denen tut das doch manchmal weh. SONJA ALHÄUSER: Man erlebt aber das herrliche Gefühl, jemandem mit diesem Essen ein Geschenk zu bereiten. Schon während man alles vorbereitet, fühlt es sich gut an, weil man sich bewusst macht, dass man sich gleich zusammensetzen und dieses Werk essen wird. Sonja Alhäuser ist nicht „jede Hausfrau“. Sie vergleicht sich manchmal mit einer, weil sie bodenständig und be-

scheiden ist. Doch Sonja Alhäuser ist Eat Art-Künstlerin. Das Treffen in ihrem Berliner Wohnatelier ist mehr Ausstellungsbesichtigung, Kunstworkshop und Happening als einfach nur ein Interviewlunch. Auch wenn das mit diesen schubladenmäßigen Einteilungen von Kunst und ihren Machern so eine Sache sei – Eat Art könne man schon sagen, findet Alhäuser. Schließlich seien Butter, Schokolade und Marzipan nun mal ihre Materialien. Und auch aus Scampi, Hasenfilets und Ziegenkäse macht sie Kunst: filigrane oder wuchtige Skulpturen, kantige oder feingeschliffene Plastiken. Ergänzt werden diese oft durch zarte Aquarelle, Rezept-Bilder oder Lebensmittellandschaften, aber im Zentrum steht ihre essbare Kunst, die bei Galeristen und Kritikern ziemlich hoch im Kurs liegt. Alhäuser stellt ihre vergänglichen Werke in Museen und Galerien weltweit aus. Mal werden die antik anmutenden Schokoladen- und Butterskulpturen in gläsernen Kühlkästen haltbar gemacht, mal kommt ihre Kunst in Form ausladender Bankette daher, die einfach an einem einzigen Abend verspeist werden. SONJA ALHÄUSER: Ich finde es wichtig, dass man sich Dinge richtig einverleibt. Das ist ein ganz anderes Erlebnis als sich nur ein Kunstwerk anzuschauen. NINA ANIK A KLOTZ: Begeben Sie sich damit nicht auf einen sehr schmalen Grad zwischen Kunst und künstlerischer Dienstleistung? So einer Art dekorativem Catering? SONJA ALHÄUSER: Nicht wenn man das

Gesamtkunstwerk betrachtet. Es geht ja nicht darum, dass alle satt werden, vielmehr ist das eine Gesellschaftsstudie. Wie verhalten sich Menschen mit und um Essen herum? Das wurde mir vor ein paar Jahren klar, als ich für die Berlin Art Fair einen essbaren Messestand gemacht habe, mit Wänden aus Lebkuchen, einem Tisch aus Karamell, das Telefon darauf aus Schokolade. Den haben die Leute innerhalb von Stunden regelrecht aufgefressen. Das war unglaublich, Vandalismus als Gemeinschaftsakt. Irgendwie war es eine richtige Orgie. NINA ANIK A KLOTZ: Aber das muss Sie doch verletzt haben. SONJA ALHÄUSER: Ich habe vor allem den Kontrollverlust in diesem Moment empfunden. Und ein bisschen habe ich mich auch gefühlt wie ein Opferschaf. NINA ANIK A KLOTZ: Und seitdem beobachtesn Sie die Menschen mehr beim Essen? SONJA ALHÄUSER: Bei meiner letzten Ausstellungseröffnung habe ich Videos von den Menschen gemacht, die sich am Buffet bedienen. Aus Sicht der Skulpturen, die da standen. Ich habe absichtlich von dem einen oder anderen Gericht zu wenig gemacht um zu schauen, was passiert. NINA ANIK A KLOTZ: Interessant ist doch sicher auch, wie und wo die Menschen die Skulpturen anfangen zu essen. SONJA ALHÄUSER: Typsache. Es gibt immer welche, die ganz vorsichtig an einer unauffälligen Stelle etwas wegnehmen, und andere, die ganz bewusst den Kopf oder eine Brustwarze abschneiden.

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Essthetik zum Einverleiben Text: Nina Anik a Klotz Fotos: Catarina Schmid

Sonja Alhäuser macht Alltägliches zu Kunst. In ihren künstlerischen Arbeiten versucht sie Kulinarik und Erotik zu einer hedonistischen Rezeptur zusammenzubringen. Nina Anika Klotz traf die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier und erlebte eine Mischung aus Kunstworkshop, Happening und liebevoll gekochtem Mittagessen.

Aus einem Kräuterbutterklumpen formt Sonja Alhäuser eine Büste, Ziegenkäse modelliert sie mit Zahnarztbesteck zu Ziegenköpfen

Sie schmilzt dahin. Er zergeht. Alles um sie herum ist so warm und weich. Sie gleiten aufeinander zu, fallen ineinander, schmelzen zusammen, werden eins. Das war der Höhepunkt. „Lachsloretta trifft Kräuterprinz“ heißt das Kunstwerk. Ein Stück Performance Art. Zwei zart geformte Butterbüsten zerlaufen ineinander auf einem Berg von Pasta, sind kaum mehr zu erkennen, vergangen und für immer vereint in einem See von Weißweinsahne. Irgendwie ist das ziemlich sinnlich. Irgendwie auch niedlich. Und irgendwie bizarr und komisch. Die Künstlerin selbst jedenfalls muss ständig kichern. Und dann sagt sie, ganz pragmatisch: „So, jetzt wird gegessen.“ NINA ANIKA KLOTZ: Ist es nicht furchtbar, dass Ihre Kunst einfach aufgegessen wird? SONJA ALHÄUSER: Es geht mir nicht anders als jeder Hausfrau. Etwas, in das man viel Mühe gesteckt hat, wird gegessen. Das kennt eigentlich jede Mutter, die für ihre Familie kocht. NINA ANIK A KLOTZ: Ja, aber auch denen tut das doch manchmal weh. SONJA ALHÄUSER: Man erlebt aber das herrliche Gefühl, jemandem mit diesem Essen ein Geschenk zu bereiten. Schon während man alles vorbereitet, fühlt es sich gut an, weil man sich bewusst macht, dass man sich gleich zusammensetzen und dieses Werk essen wird. Sonja Alhäuser ist nicht „jede Hausfrau“. Sie vergleicht sich manchmal mit einer, weil sie bodenständig und be-

scheiden ist. Doch Sonja Alhäuser ist Eat Art-Künstlerin. Das Treffen in ihrem Berliner Wohnatelier ist mehr Ausstellungsbesichtigung, Kunstworkshop und Happening als einfach nur ein Interviewlunch. Auch wenn das mit diesen schubladenmäßigen Einteilungen von Kunst und ihren Machern so eine Sache sei – Eat Art könne man schon sagen, findet Alhäuser. Schließlich seien Butter, Schokolade und Marzipan nun mal ihre Materialien. Und auch aus Scampi, Hasenfilets und Ziegenkäse macht sie Kunst: filigrane oder wuchtige Skulpturen, kantige oder feingeschliffene Plastiken. Ergänzt werden diese oft durch zarte Aquarelle, Rezept-Bilder oder Lebensmittellandschaften, aber im Zentrum steht ihre essbare Kunst, die bei Galeristen und Kritikern ziemlich hoch im Kurs liegt. Alhäuser stellt ihre vergänglichen Werke in Museen und Galerien weltweit aus. Mal werden die antik anmutenden Schokoladen- und Butterskulpturen in gläsernen Kühlkästen haltbar gemacht, mal kommt ihre Kunst in Form ausladender Bankette daher, die einfach an einem einzigen Abend verspeist werden. SONJA ALHÄUSER: Ich finde es wichtig, dass man sich Dinge richtig einverleibt. Das ist ein ganz anderes Erlebnis als sich nur ein Kunstwerk anzuschauen. NINA ANIK A KLOTZ: Begeben Sie sich damit nicht auf einen sehr schmalen Grad zwischen Kunst und künstlerischer Dienstleistung? So einer Art dekorativem Catering? SONJA ALHÄUSER: Nicht wenn man das

Gesamtkunstwerk betrachtet. Es geht ja nicht darum, dass alle satt werden, vielmehr ist das eine Gesellschaftsstudie. Wie verhalten sich Menschen mit und um Essen herum? Das wurde mir vor ein paar Jahren klar, als ich für die Berlin Art Fair einen essbaren Messestand gemacht habe, mit Wänden aus Lebkuchen, einem Tisch aus Karamell, das Telefon darauf aus Schokolade. Den haben die Leute innerhalb von Stunden regelrecht aufgefressen. Das war unglaublich, Vandalismus als Gemeinschaftsakt. Irgendwie war es eine richtige Orgie. NINA ANIK A KLOTZ: Aber das muss Sie doch verletzt haben. SONJA ALHÄUSER: Ich habe vor allem den Kontrollverlust in diesem Moment empfunden. Und ein bisschen habe ich mich auch gefühlt wie ein Opferschaf. NINA ANIK A KLOTZ: Und seitdem beobachtesn Sie die Menschen mehr beim Essen? SONJA ALHÄUSER: Bei meiner letzten Ausstellungseröffnung habe ich Videos von den Menschen gemacht, die sich am Buffet bedienen. Aus Sicht der Skulpturen, die da standen. Ich habe absichtlich von dem einen oder anderen Gericht zu wenig gemacht um zu schauen, was passiert. NINA ANIK A KLOTZ: Interessant ist doch sicher auch, wie und wo die Menschen die Skulpturen anfangen zu essen. SONJA ALHÄUSER: Typsache. Es gibt immer welche, die ganz vorsichtig an einer unauffälligen Stelle etwas wegnehmen, und andere, die ganz bewusst den Kopf oder eine Brustwarze abschneiden.

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essen und erotik sind total miteinander verbunden. das geht nicht anders, beides sind so sinnliche erfahrungen

In Silikonförmchen wird Rohmarzipan zu nackten Frauen und Männern gepresst, aus Buttermasse entstehen ein Steinbock und ein Liebespaar

Sonja Alhäuser stammt aus dem Westerwald, aus einer Familie, wie man sich Familien im Westerwald vorstellt: Der Vater, dem eine Metallfirma gehört, ist im Schützenverein und bei der Feuerwehr, die Mutter eine begnadete Köchin. „Essen hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt“, sagt Alhäuser. Anfang der Neunziger begann sie an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren, wurde Meisterschülerin und schloss 1997 mit einem sich aufbäumenden Hengst aus 700 Kilogramm Schokolade ab. Heute Mittag gibt es Ziegenköpfe aus Ziegenkäse auf Rucola, Lachspasta mit zwei Liebenden und zum Dessert Fruchtspieße mit filigranen Marzipanfiguren. In Silikonförmchen presst Alhäuser Rohmarzipan zu nackten Männern und Frauen. Für die Feinarbeit nimmt sie Zahnarztbesteck. An dem langen Arbeits- und Esstisch ihres kreativ-chaotischen Küchen-Ateliers bohrt sie winzige Bauchnabel und formt hingebungsvoll Poritzen. Auf der Fensterbank hinter ihr windet sich ein Butterlachs. Ihr gegenüber presst sich ein Buttermännchen, das an einen griechischen Faun erinnert, gegen die Glaswände des Kühlschrankes, als wolle er da raus. Im ganzen Raum riecht es nach Butter. „Ich mag, dass der Betrachter sich bei meinen Werken denken kann: Ich kenne dieses Material“, sagt Alhäuser, „das macht Kunst nahbar.“ Nahbar ist auch die Künstlerin. Keine Exzentrik, keine

018

nova Lebensart

abgehobenen, verstiegenen Philosophien über ihr Schaffen, keine Eitelkeit. Mit Jeans und Clogs hat sie fast etwas von einer Handwerkerin. Mit dem Handrücken ihrer butterverschmierten Hände streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Wie eine Töpferin wirkt sie – nur dass Alhäuser mit deutlich anspruchsvolleren Stoffen arbeitet. Lebensmittel brächten einen ständig vor „Materialprobleme“. Sie müsse viel reagieren und improvisieren. Aber sie mag das: „Grenzen tun mir gut. Sowohl bei Butter als auch bei Schokolade muss man in einer bestimmten Zeit Entscheidungen treffen.“ Butter müsse immer wieder gekühlt werden, sei aber ansonsten einfacher zu verarbeiten als Schokolade, die entweder zu hart ist oder zu flüssig. NINA ANIK A KLOTZ: Ich glaube, ich kann die Marzipanfrau nicht einfach aufessen. SONJA ALHÄUSER: Man muss es einmal so sehen: Wenn wir die Marzipanfrau nachher nicht aufessen würden, hätten wir sie ja auch nicht gemacht. Außerdem: Nicht jedes Kunstwerk ist ein Meilenstein. Und man sollte keine Angst vor Kunstwerken haben. Keine Angst, Kunst zu essen. Keine Angst vor Kalorien. Keine Angst vor Verschwendung und Überschwang. „Ich liebe diesen Griff ins Füllhorn“, sagt die 44-jährige Künstlerin. Ihre Bilderwelt ist üppig und opulent. Barocke Bankette sind ihre Inspiration. Einmal hat sie 70 Kaninchenbraten und 1000 Knödel für

ein „Bankett ohne Anlass“ zubereitet. Die wurden alle gegessen. Genauso die vielen Hasenfilets, die sie für ein anderes Projekt zu Hackfleisch verarbeitet hat, um daraus Dürer-Häschen zu formen und in eine Spinatwiese zu setzen. „Meine Botschaft ist: Lebt im Hier und Jetzt, genießt den Augenblick.“ Während sie das sagt, formt sie einen großen, knallgrünen Kräuterbutterklumpen zu einer Büste mit aufgerissenem Mund und großem Busen. NINA ANIK A KLOTZ: Viele Ihrer Kunstwerke sind irgendwie erotisch. SONJA ALHÄUSER: Ganz wichtiges Thema. Essen und Erotik sind total miteinander verbunden. Das geht nicht anders, beides sind so sinnliche Erfahrungen. Oder eigentlich auch schon das Kochen. Scampi in der Pfanne zu braten, ist so ein erotisches Erlebnis. Wie aus so etwas Weichem, Grauen etwas so ansprechend Rosafarbenes entsteht – das finde ich wahnsinnig sexy. Während ihrer Schokoladenphase hat Alhäuser ihr Schokoladenbad ausgestellt: eine Wanne gefüllt mit 250 Kilogramm flüssiger Schokolade, daneben ein Paravent, als Einladung sich zu entkleiden und einzutauchen. Habe nie jemand gemacht. Deshalb heuerte die Künstlerin einen Mann an, der in die Wanne stieg und in dem braunen Sumpf versank. Auch sie selbst stieg in die Wanne, allerdings ohne Publikum. NINA ANIK A KLOTZ: Wie war das? SONJA ALHÄUSER: Eine eigenartige Erfah-

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essen und erotik sind total miteinander verbunden. das geht nicht anders, beides sind so sinnliche erfahrungen

In Silikonförmchen wird Rohmarzipan zu nackten Frauen und Männern gepresst, aus Buttermasse entstehen ein Steinbock und ein Liebespaar

Sonja Alhäuser stammt aus dem Westerwald, aus einer Familie, wie man sich Familien im Westerwald vorstellt: Der Vater, dem eine Metallfirma gehört, ist im Schützenverein und bei der Feuerwehr, die Mutter eine begnadete Köchin. „Essen hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt“, sagt Alhäuser. Anfang der Neunziger begann sie an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren, wurde Meisterschülerin und schloss 1997 mit einem sich aufbäumenden Hengst aus 700 Kilogramm Schokolade ab. Heute Mittag gibt es Ziegenköpfe aus Ziegenkäse auf Rucola, Lachspasta mit zwei Liebenden und zum Dessert Fruchtspieße mit filigranen Marzipanfiguren. In Silikonförmchen presst Alhäuser Rohmarzipan zu nackten Männern und Frauen. Für die Feinarbeit nimmt sie Zahnarztbesteck. An dem langen Arbeits- und Esstisch ihres kreativ-chaotischen Küchen-Ateliers bohrt sie winzige Bauchnabel und formt hingebungsvoll Poritzen. Auf der Fensterbank hinter ihr windet sich ein Butterlachs. Ihr gegenüber presst sich ein Buttermännchen, das an einen griechischen Faun erinnert, gegen die Glaswände des Kühlschrankes, als wolle er da raus. Im ganzen Raum riecht es nach Butter. „Ich mag, dass der Betrachter sich bei meinen Werken denken kann: Ich kenne dieses Material“, sagt Alhäuser, „das macht Kunst nahbar.“ Nahbar ist auch die Künstlerin. Keine Exzentrik, keine

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abgehobenen, verstiegenen Philosophien über ihr Schaffen, keine Eitelkeit. Mit Jeans und Clogs hat sie fast etwas von einer Handwerkerin. Mit dem Handrücken ihrer butterverschmierten Hände streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Wie eine Töpferin wirkt sie – nur dass Alhäuser mit deutlich anspruchsvolleren Stoffen arbeitet. Lebensmittel brächten einen ständig vor „Materialprobleme“. Sie müsse viel reagieren und improvisieren. Aber sie mag das: „Grenzen tun mir gut. Sowohl bei Butter als auch bei Schokolade muss man in einer bestimmten Zeit Entscheidungen treffen.“ Butter müsse immer wieder gekühlt werden, sei aber ansonsten einfacher zu verarbeiten als Schokolade, die entweder zu hart ist oder zu flüssig. NINA ANIK A KLOTZ: Ich glaube, ich kann die Marzipanfrau nicht einfach aufessen. SONJA ALHÄUSER: Man muss es einmal so sehen: Wenn wir die Marzipanfrau nachher nicht aufessen würden, hätten wir sie ja auch nicht gemacht. Außerdem: Nicht jedes Kunstwerk ist ein Meilenstein. Und man sollte keine Angst vor Kunstwerken haben. Keine Angst, Kunst zu essen. Keine Angst vor Kalorien. Keine Angst vor Verschwendung und Überschwang. „Ich liebe diesen Griff ins Füllhorn“, sagt die 44-jährige Künstlerin. Ihre Bilderwelt ist üppig und opulent. Barocke Bankette sind ihre Inspiration. Einmal hat sie 70 Kaninchenbraten und 1000 Knödel für

ein „Bankett ohne Anlass“ zubereitet. Die wurden alle gegessen. Genauso die vielen Hasenfilets, die sie für ein anderes Projekt zu Hackfleisch verarbeitet hat, um daraus Dürer-Häschen zu formen und in eine Spinatwiese zu setzen. „Meine Botschaft ist: Lebt im Hier und Jetzt, genießt den Augenblick.“ Während sie das sagt, formt sie einen großen, knallgrünen Kräuterbutterklumpen zu einer Büste mit aufgerissenem Mund und großem Busen. NINA ANIK A KLOTZ: Viele Ihrer Kunstwerke sind irgendwie erotisch. SONJA ALHÄUSER: Ganz wichtiges Thema. Essen und Erotik sind total miteinander verbunden. Das geht nicht anders, beides sind so sinnliche Erfahrungen. Oder eigentlich auch schon das Kochen. Scampi in der Pfanne zu braten, ist so ein erotisches Erlebnis. Wie aus so etwas Weichem, Grauen etwas so ansprechend Rosafarbenes entsteht – das finde ich wahnsinnig sexy. Während ihrer Schokoladenphase hat Alhäuser ihr Schokoladenbad ausgestellt: eine Wanne gefüllt mit 250 Kilogramm flüssiger Schokolade, daneben ein Paravent, als Einladung sich zu entkleiden und einzutauchen. Habe nie jemand gemacht. Deshalb heuerte die Künstlerin einen Mann an, der in die Wanne stieg und in dem braunen Sumpf versank. Auch sie selbst stieg in die Wanne, allerdings ohne Publikum. NINA ANIK A KLOTZ: Wie war das? SONJA ALHÄUSER: Eine eigenartige Erfah-

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Sonja Alhäuser will Kunst nahbar machen: Sie hat kein Problem damit, wenn sie mit Genuss verspeist wird

rung zwischen ziemlich beängstigend und Schlaraffenland. Einerseits fühlt man sich wie in einer Zwangsjacke, diese Schokolade ist nämlich wahnsinnig schwer. Andererseits ist es aber auch total sexy, wenn man sich darauf einlässt. Dieses Gleiten, das weiche Gefühl auf der Haut – sexy eben. Der Salat ist fertig, auch die Sauce: blutrot mit einem Spritzer Lebensmittelfarbe. Sonja Alhäuser schneidet eine Frischkäserolle in vier Teile, verknetet jedes davon und formt ohne jede Vorlage ziemlich lebensechte Mini-Ziegen. Als die Künstlerin gerade von Cocktailtomaten winzige Stückchen für die Nasenlöcher der Ziegen abschneidet, geht die Tür auf. Sohn Paul kommt von der Schule zurück. „Gibt’s was zu essen?“ fragt er. Nein, heute gibt es Kunst. Sonja Alhäuser ist Mutter von Paul, 13 und Wilhelmine, 18 Monate. Beide seien große Überraschungen gewesen, sagt sie. NINA ANIK A KLOTZ: Gibt es bei einer EatArt-Künstlerin auch mal nur Käsebrote? SONJA AHLHÄUSER: Ja, natürlich! Es gibt

020 nova Lebensart

auch Fischstäbchen und ganz selten gehe gehe ich mit meinen Kindern auch zu McDonald’s. Früher habe ich Paul immer Möhrenzwerge für den Kindergarten geschnitzt, weil er sonst kein Gemüse gegessen hat. Oder Esslandschaften auf dem Teller, so mit einer Allee aus Kartoffelbrei und Brokkolibäumchen am Rand.

aufgewachsen und habe früh beobachttet, wie die Frauen meiner Umgebung, auch meine Mutter, sich in gewisser Weise in ihren Torten ausdrücken. Man konnte immer sehen, welche von wem ist.“ Lebensmittel seien identitätsstiftend. Das sei es, worauf sie mit ihrer Kunst baue und was sie zugleich auch in Frage stelle.

Zum ersten Mal wirkt Sonja Alhäuser tatsächlich etwas hausfraulich. Irgendwie stehe sie mit ihrer Kunst in der Tradition der Landfrauen und muss gleich lachen. „Nee, das können Sie so nicht schreiben.“ Aber natürlich hat diese Einschätzung auch ihr Wahres: „Ich bin mit Mütterkaffees und Kuchenbazaren

Der Salat ist angerichtet, die Nudeln kochen, Lachsloretta und Kräuterprinz liegen bereit um in Weißweinsauce in den gemeinsamen Liebestod zu gehen. Es ist spät geworden, Kunst will nun mal Weile haben. Sonja Alhäuser wünscht einen guten Appetit. Jetzt lassen wir uns die Kunst schmecken.

WUNDERBARE MODE VON

NOA NOA CREAM, MIEL & CO. WWW.DIAMONDSANDBANANA.DE

nina anika klotz , Jahrgang 1982, hat eine Vorliebe für Themen aus dem Bereich Essen und Trinken. Schlichtweg weil sie beides selbst gern tut. Von München über Bangalore, New York und Hamburg ist sie inzwischen in Berlin gelandet. Mehr über die freie Journalistin unter www.misst ype.de

UNSERE LÄDEN: HANNOVER: NOA NOA, LISTER MEILE 52, 30161 HANNOVER · WWW.NOANOA-HANNOVER.DE KASSEL: BARETTO PANNI, FRIEDRICH-EBERT-STRASSE 91, 34119 KASSEL · WWW.BARETTOPANNI.DE


Sonja Alhäuser will Kunst nahbar machen: Sie hat kein Problem damit, wenn sie mit Genuss verspeist wird

rung zwischen ziemlich beängstigend und Schlaraffenland. Einerseits fühlt man sich wie in einer Zwangsjacke, diese Schokolade ist nämlich wahnsinnig schwer. Andererseits ist es aber auch total sexy, wenn man sich darauf einlässt. Dieses Gleiten, das weiche Gefühl auf der Haut – sexy eben. Der Salat ist fertig, auch die Sauce: blutrot mit einem Spritzer Lebensmittelfarbe. Sonja Alhäuser schneidet eine Frischkäserolle in vier Teile, verknetet jedes davon und formt ohne jede Vorlage ziemlich lebensechte Mini-Ziegen. Als die Künstlerin gerade von Cocktailtomaten winzige Stückchen für die Nasenlöcher der Ziegen abschneidet, geht die Tür auf. Sohn Paul kommt von der Schule zurück. „Gibt’s was zu essen?“ fragt er. Nein, heute gibt es Kunst. Sonja Alhäuser ist Mutter von Paul, 13 und Wilhelmine, 18 Monate. Beide seien große Überraschungen gewesen, sagt sie. NINA ANIK A KLOTZ: Gibt es bei einer EatArt-Künstlerin auch mal nur Käsebrote? SONJA AHLHÄUSER: Ja, natürlich! Es gibt

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auch Fischstäbchen und ganz selten gehe gehe ich mit meinen Kindern auch zu McDonald’s. Früher habe ich Paul immer Möhrenzwerge für den Kindergarten geschnitzt, weil er sonst kein Gemüse gegessen hat. Oder Esslandschaften auf dem Teller, so mit einer Allee aus Kartoffelbrei und Brokkolibäumchen am Rand.

aufgewachsen und habe früh beobachttet, wie die Frauen meiner Umgebung, auch meine Mutter, sich in gewisser Weise in ihren Torten ausdrücken. Man konnte immer sehen, welche von wem ist.“ Lebensmittel seien identitätsstiftend. Das sei es, worauf sie mit ihrer Kunst baue und was sie zugleich auch in Frage stelle.

Zum ersten Mal wirkt Sonja Alhäuser tatsächlich etwas hausfraulich. Irgendwie stehe sie mit ihrer Kunst in der Tradition der Landfrauen und muss gleich lachen. „Nee, das können Sie so nicht schreiben.“ Aber natürlich hat diese Einschätzung auch ihr Wahres: „Ich bin mit Mütterkaffees und Kuchenbazaren

Der Salat ist angerichtet, die Nudeln kochen, Lachsloretta und Kräuterprinz liegen bereit um in Weißweinsauce in den gemeinsamen Liebestod zu gehen. Es ist spät geworden, Kunst will nun mal Weile haben. Sonja Alhäuser wünscht einen guten Appetit. Jetzt lassen wir uns die Kunst schmecken.

WUNDERBARE MODE VON

NOA NOA CREAM, MIEL & CO. WWW.DIAMONDSANDBANANA.DE

nina anika klotz , Jahrgang 1982, hat eine Vorliebe für Themen aus dem Bereich Essen und Trinken. Schlichtweg weil sie beides selbst gern tut. Von München über Bangalore, New York und Hamburg ist sie inzwischen in Berlin gelandet. Mehr über die freie Journalistin unter www.misst ype.de

UNSERE LÄDEN: HANNOVER: NOA NOA, LISTER MEILE 52, 30161 HANNOVER · WWW.NOANOA-HANNOVER.DE KASSEL: BARETTO PANNI, FRIEDRICH-EBERT-STRASSE 91, 34119 KASSEL · WWW.BARETTOPANNI.DE


Veronika Hampl und Sebastian Thümler mit Tochter Hermine und Sohn Rufus in ihrer Eimsbütteler Mietwohnung

Das Dorf in der stadt Text: marietta duscher-miehlich fotos: susanne dupont

Unaufgeregt, freigeistig, überschaubar – das Hamburger Stadtteil-Dreieck Sternschanze, Altona und Eimsbüttel zieht viele Menschen an. Nova wollte wissen, warum auch Familien dieses besondere Soziotop schätzen und warum es ein bedrohtes Idyll darstellt.

Veronika Hampl stemmt sich gegen die schwere Eingangstür des Altbaus, bugsiert den Kinderwagen die fünf Stufen im Hausflur hinauf und parkt ihn neben den anderen beiden Karren. Dann steigt sie die drei Stockwerke zu ihrer Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel hoch, stellt die Einkaufstüte ab, lässt Sohn Rufus, neun Monate, in den Langflorteppich sinken. Es ist 10 Uhr morgens. Gerade hat sie Tochter Hermine in die Kita gebracht und noch schnell bei „Budni“ eingekauft. Die Vierjährige tobt nun in Sichtweite auf dem „Bella Martha“, dem Spielplatz, den man vom Küchenfenster aus direkt einsehen kann. „Das ist schon toll, dass wir hier alle auch tagsüber so nah beisammen sein können und die Familie in einem Umkreis von vielleicht 300 Metern ihren Tagesbeschäftigungen nachgehen kann“, sagt die zweifache Mutter. Ehemann Sebastian Thümler, 41, von Beruf freiberuflicher Cutter, sitzt fußläufig fünf Minuten entfernt an seinem Schneideplatz einer Filmproduktionsfirma, auf einem Gelände, wo auch viele Werbeagenturen und Tonstudios ihr Domizil haben. Sohn Rufus wird im August ins Babyhaus drei Straßen weiter kommen, und wenn sich Veronika Hampl dann wieder als freischaffende Hörbuchautorin versuchen will, wird die einstige Autorin der TKKG-Jugendhörspielreihe zu Hause oder in einem der vielen Cafés im Viertel ihr Büro installieren. „Die kurzen Wege machen das Leben einfacher“, sagt sie. „Man muss nicht pendeln, spart dadurch Zeit, hat auch mehr Zeit füreinander, kann sich tagsüber mal sehen, kurz etwas erledigen.“ Ein Auto brauche es da auch nicht zwingend. Parkplätze gibt es in Eimsbüttel ohnehin zu wenig. Die Familie ist hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs, weitere Strecken legt sie mit UBahn oder Bus zurück. Neuerdings parkt jedoch ein schwarzes Kastenfahrrad vor der Tür, um nun zwei Kinder und größere Einkäufe oder Lasten transportieren zu können. „Das hat gerade die erste Saison bei uns“, verkündet Veronika Hampl stolz.

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Veronika Hampl und Sebastian Thümler mit Tochter Hermine und Sohn Rufus in ihrer Eimsbütteler Mietwohnung

Das Dorf in der stadt Text: marietta duscher-miehlich fotos: susanne dupont

Unaufgeregt, freigeistig, überschaubar – das Hamburger Stadtteil-Dreieck Sternschanze, Altona und Eimsbüttel zieht viele Menschen an. Nova wollte wissen, warum auch Familien dieses besondere Soziotop schätzen und warum es ein bedrohtes Idyll darstellt.

Veronika Hampl stemmt sich gegen die schwere Eingangstür des Altbaus, bugsiert den Kinderwagen die fünf Stufen im Hausflur hinauf und parkt ihn neben den anderen beiden Karren. Dann steigt sie die drei Stockwerke zu ihrer Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel hoch, stellt die Einkaufstüte ab, lässt Sohn Rufus, neun Monate, in den Langflorteppich sinken. Es ist 10 Uhr morgens. Gerade hat sie Tochter Hermine in die Kita gebracht und noch schnell bei „Budni“ eingekauft. Die Vierjährige tobt nun in Sichtweite auf dem „Bella Martha“, dem Spielplatz, den man vom Küchenfenster aus direkt einsehen kann. „Das ist schon toll, dass wir hier alle auch tagsüber so nah beisammen sein können und die Familie in einem Umkreis von vielleicht 300 Metern ihren Tagesbeschäftigungen nachgehen kann“, sagt die zweifache Mutter. Ehemann Sebastian Thümler, 41, von Beruf freiberuflicher Cutter, sitzt fußläufig fünf Minuten entfernt an seinem Schneideplatz einer Filmproduktionsfirma, auf einem Gelände, wo auch viele Werbeagenturen und Tonstudios ihr Domizil haben. Sohn Rufus wird im August ins Babyhaus drei Straßen weiter kommen, und wenn sich Veronika Hampl dann wieder als freischaffende Hörbuchautorin versuchen will, wird die einstige Autorin der TKKG-Jugendhörspielreihe zu Hause oder in einem der vielen Cafés im Viertel ihr Büro installieren. „Die kurzen Wege machen das Leben einfacher“, sagt sie. „Man muss nicht pendeln, spart dadurch Zeit, hat auch mehr Zeit füreinander, kann sich tagsüber mal sehen, kurz etwas erledigen.“ Ein Auto brauche es da auch nicht zwingend. Parkplätze gibt es in Eimsbüttel ohnehin zu wenig. Die Familie ist hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs, weitere Strecken legt sie mit UBahn oder Bus zurück. Neuerdings parkt jedoch ein schwarzes Kastenfahrrad vor der Tür, um nun zwei Kinder und größere Einkäufe oder Lasten transportieren zu können. „Das hat gerade die erste Saison bei uns“, verkündet Veronika Hampl stolz.

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Susanne Thurn und Matthias Mecklenburg mit ihren Kindern Emelie, Helena und Lenni in der Ateliergemeinschaft Freundhammer

Die 39-Jährige ist in der Nähe von Würzburg aufgewachsen, doch aufs Land zieht es sie trotz vierköpfiger Familie in einer 65-Quadratmeter-Wohnung ohne Balkon so gar nicht zurück. „In Eimsbüttel habe ich ein Umfeld aus vielen interessanten Menschen: viele Kreativarbeiter, Freiberufler, grün-alternativ angehaucht, freigeistig, nicht so karriereorientiert, nicht so wohlhabend, wo ich das Gefühl habe, da passe ich rein, hier bin ich richtig. Da fühle ich mich unter meinesgleichen. Man hat hier so sein Soziotop – was eine riesige Qualität hat“, ist Veronika Hampl überzeugt. Es fällt schwer, dem Stadtteil-Dreieck Sternschanze, Altona und Eimsbüttel einen passenden Stempel aufzudrücken. Es gilt weder als Ausgehviertel noch als grüne Lunge, an manchen Ecken ist es verschlafen, dann wieder äußerst gesel-

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lig. Aber niemals ist es protzig. Die „Eimsbuscher“, wie auch die Brötchen beim Bäcker heißen, sind auf dem Teppich geblieben. „Die Menschen sind facettenreich und aufgeschlossen. Entspanntheit und Toleranz bestimmen hier das Lebensgefühl“, sagt Veronika Hampl, die nun bereits seit zehn Jahren in dem Viertel wohnt. Understatement sei angesagt. Lieber zu wenig, als zu viel aufputzen. „In Würzburg da mussten die Klamotten glänzen. Ausgehen, ohne sich komplett in Schale zu schmeißen – das habe ich erst hier entdeckt, auch wenn es natürlich ebenso bestimmte Modecodes gibt.“ Hamburg habe viele Gesichter. Eimsbüttel sei das unaufgeregteste davon und ein Stadtteil, in dem sich auch Familien wohlfühlen. Das merkt man nicht nur daran, dass man hier eher Angst haben muss, von einem

Kinderwagen oder Tretroller überfahren zu werden als von einem Auto, sondern zeigen auch die Zahlen. Unter den etwa 58.000 Einwohnern leben in knapp 20 Prozent aller Haushalte Kinder unter 18 Jahren, seit 2003 erblickten rund 200 Kinder mehr das Licht der Welt. Eimsbüttel wächst und gedeiht. Der bunte und lebendige Mix aus Wohnund Geschäftsviertel mag ein Grund dafür sein, warum es heute zu den beliebtesten Stadtteilen Hamburgs gehört. Hinzu kommt, dass in Teilen des Quartiers stilvolle Altbauten die Zeitläufte überstanden haben und es trotz dichter Bebauung ein paar schöne Parks gibt, die zwar nicht so ausladend wie die anderen Grünflächen Hamburgs sind, aber dennoch grüne Oasen. Ins Freie locken der Eimsbüttler Park, der Lindenpark, der angrenzende Schanzenpark, das Kaiser-Friedrich-Ufer am Isebek-Kanal, der Park am Weiher mit seinem Teich, den Wiesen und alte knorrige Bäume umsäumen, und wo ein ehemaliges Klohäuschen zum beliebten Café umfunktioniert wurde. Ein Stück Urlaub mitten in der Stadt vermittelt der Beach Club „Central Park“ in der angrenzenden Sternschanze, wo Muttis und Papis tagsüber bei Kaffee oder Saftschorle im Liegestuhl klönen können, während ihre Kinder im Sand buddeln oder übers eingezäunte Gelände toben. Und Spielplätze, die im Sommer bimmelnd von Livottos Eiswagen angefahren werden, gibt es an nahezu jeder Ecke. Ebenso etliche Sportanlagen, etwa das parkähnlich gestaltete KaifuBad, das Schwimm- wie Fitnessbegeisterte genauso anzieht wie die KaifuLodge oder das Meridian-Spa an der Quickbornstraße. Oder der mehr als 120 Jahre alte Eimsbütteler Turnverein, der dank seiner über 12.000 Mitglieder einer der größten deutschen Sportvereine ist. Darüber hinaus sind Restaurants, Cafés und Kneipen beliebte Treffpunkte. Und wer sich richtig in den Trubel stürzen möchte, wandert hinüber ins Szene-Viertel Schanze, wo immer wieder mal Molotow-Cocktails oder Mülltonnen gegen Miet- und Immobilienwucher durch die Luft fliegen.

Was dort lautstark kritisiert wird, trifft auch auf Eimsbüttel zu. Das Viertel ist begehrt. Das treibt Mieten und Immobilienpreise in die Höhe. Nicht selten hängen an den Laternenpfählen Wohnungsgesuche mit kreativ gestalteten Aufrufen „Hier wollen wir wohnen!“ und mit der Aussicht von bis zu 1.000 Euro für die erfolgreiche Vermittlung einer Wohnung. Veronika Hampl und Sebastian Thümler wohnen mit ihren Kindern immer noch in der einstigen Studenten-WG und würden sich gerne um ein Zimmer vergrößern. Doch das würde ihren finanziellen Rahmen sprengen. „Unsere Wohnung kostet warm 650 Euro“, erzählt Veronika Hampl. „Für etwas Größeres würden wir gut das Doppelte bezahlen müssen.“ Etwa neun Euro pro Quadratmeter weist der offizielle Mietenspiegel 2011 der Freien und Hansestadt Hamburg für eine gut ausgestattete 90- bis 131-Quadratmeter-Wohnung in beliebter Lage, Baujahr bis 31.12.1918 aus, für Neubauten ab Baujahr 1994 liegt er bei etwa 11 Euro. Doch die wirklich gezahlten Mietpreise liegen deutlich drüber, ebenso die Immobilienpreise, die bei einer vergleichbaren Wohnung mittlerweile um die 400.000 Euro liegen. Die Gentrifizierung hat auch Eimsbüttel erfasst. Weil mittlerweile auch viele gut verdienende Menschen dorthin ziehen, darunter auch solvente Singles und Doppelverdiener-Pärchen, die vom charmanten Flair des einstigen Arbeiterviertels angezogen werden. Der Prozess ist nicht nur für die Alteingesessenen schmerzhaft, weil sie oft irgendwann von dort wegziehen müssen. Entweder, weil sie sich den teurer gewordenen Wohnraum nicht mehr leisten können oder weil die gewandelte Infrastruktur ihnen keine Möglichkeit mehr gibt, auf ihrem „Level” zu konsumieren. Auch für Familien, die sich in dem beliebten Mikrokosmos niederlassen wollen, ist Wohnraum dort mittlerweile fast unerschwinglich geworden. Das Idyll, es ist bedroht. Denn was nützt das gute Umfeld, wenn man sich Wohnen nur noch auf Schuhkartongröße leisten kann?

Veronika Hampl will trotzdem dem Viertel treu bleiben. „Hier kann ich mein Leben weiterführen und ich selber sein – nur eben mit Kindern“, sagt sie. Natürlich wäre ein Balkon schön. Und eine dieser Wohnungen mit kleinem Garten im Hinterhof – das wäre traumhaft. Vorläufig wolle sie jetzt erst einmal die Patenschaft für den Pflanztrog vorm Haus übernehmen, wo Tochter Hermine ihre Blumenzwiebeln einsetzen könne. In einem backsteinernen IndustrieLoft in der Eimsbütteler Chaussee öffnet Susanne Thurn die dicke Eisentür zur Ateliergemeinschaft Freudenhammer. Dort, wo einst eine große Schlachterei untergebracht war, sitzen heute zehn Freiberufler: in erster Linie Illustratoren, aber auch ein Grafiker und Fotograf sowie Musiker mit einem eigenen Tonstudio. Ihren „Glaskasten“, wie Susanne Thurn ihr kleines Kreativstübchen mit dem langen Arbeitstisch über die gesamte Fensterfront nennt, füllen unzählige Tapetenrollen. Für 220 Euro Miete im Monat kann die Illustratorin dort

gen, wenn es bei mir im Job mal eng wird“, sagt sie. Außerdem gebe es viele Betreuungsangebote. Krippen und Kitas würden einem mittlerweile fast nachgeworfen – auch wenn sie teuer seien. Je nach Einkommenshöhe, Familiengröße, Altersgruppe und Betreuungsumfang liegt der Höchstsatz der Elternbeiträge derzeit bei 396 Euro monatlich. Über 180 Kindertagesstätten und 67 Schulen zählt der gesamte Bezirk Eimsbüttel auf seiner Fläche von etwa 50 Quadratkilometern. Vor allem erstere sind in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Schließlich gibt es seit August 2012 einen landesgesetzlichen Anspruch auf eine täglich fünfstündige Kinderbetreuung für alle Kinder ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr. Dieser Anspruch besteht unabhängig davon, ob man berufstätig ist oder nicht. Ob Schmuddelkinder, Zauberfrösche, Wurzelkinder, Villa Wackelzahn oder Zauberzeit – für die Kleinsten ab einem Alter um ein Jahr gibt es ein gut ausgebautes Betreuungsangebot, oftmals mit einer Kernzeit von 9 bis 16 Uhr so-

die menschen sind facettenreich und aufgeschlossen. entspanntheit und toleranz bestimmen hier das lebensgefühl für ihr spezielles Siebdruckverfahren die Muster entwickeln, die sie dann in ihrer Werkstatt auf St. Pauli umsetzt. In der geräumigen Gemeinschaftsküche, dessen ausladender weißer Esstisch auch als Konferenztisch genutzt wird, steht eine Tee bereit. Auf dem Herd kocht Spaghetti-Wasser. Es ist 12.30 Uhr. Um 13 Uhr wollen ihre neunjährigen Zwillinge zum Mittagesssen vorbeikommen. Normalerweise sind sie bis 16 Uhr in der Ganztagsschule untergebracht, während Sohn Lenni, 2, bis 15 Uhr in der Krippe ist. Familienleben und Beruf sind für Susanne Thurn gut vereinbar. Was nicht nur daran liege, dass sie selbstständig sei und ihr Mann Matthias Mecklenburg 50 Meter von ihr entfernt sein Architekturbüro habe. „Da kann er gut einsprin-

wie mit Frühdienst ab 7 Uhr und Spätdienst bis 17 Uhr. Kitas wie zum Beispiel „Bengel und Engel“ bieten sogar einen 24-Stunden-Service an, der an das KitaGutscheinsystem angeschlossen ist. Die Spielplatzvereinigung „Aktion Kinderparadies“ betreut wochentags zwischen 9 und 13 Uhr ebenso Eineinhalb- bis Vierjährige für jeweils 1 bis 1,50 Euro pro Stunde. Zudem werden mit Beginn des kommenden Schuljahres nahezu alle Grundschulen auf Ganztagsbetrieb umgestellt sein. Dann sollen Kinder im Extremfall von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends in der Schule sein können. Heute hat Susanne Thurn wenig zu tun und will mit den Kindern nachmittags noch in den Zoo. Ihre Töchter Emelie und Helena werden gleich eintreffen. Sie sind alleine auf der Straße

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Susanne Thurn und Matthias Mecklenburg mit ihren Kindern Emelie, Helena und Lenni in der Ateliergemeinschaft Freundhammer

Die 39-Jährige ist in der Nähe von Würzburg aufgewachsen, doch aufs Land zieht es sie trotz vierköpfiger Familie in einer 65-Quadratmeter-Wohnung ohne Balkon so gar nicht zurück. „In Eimsbüttel habe ich ein Umfeld aus vielen interessanten Menschen: viele Kreativarbeiter, Freiberufler, grün-alternativ angehaucht, freigeistig, nicht so karriereorientiert, nicht so wohlhabend, wo ich das Gefühl habe, da passe ich rein, hier bin ich richtig. Da fühle ich mich unter meinesgleichen. Man hat hier so sein Soziotop – was eine riesige Qualität hat“, ist Veronika Hampl überzeugt. Es fällt schwer, dem Stadtteil-Dreieck Sternschanze, Altona und Eimsbüttel einen passenden Stempel aufzudrücken. Es gilt weder als Ausgehviertel noch als grüne Lunge, an manchen Ecken ist es verschlafen, dann wieder äußerst gesel-

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lig. Aber niemals ist es protzig. Die „Eimsbuscher“, wie auch die Brötchen beim Bäcker heißen, sind auf dem Teppich geblieben. „Die Menschen sind facettenreich und aufgeschlossen. Entspanntheit und Toleranz bestimmen hier das Lebensgefühl“, sagt Veronika Hampl, die nun bereits seit zehn Jahren in dem Viertel wohnt. Understatement sei angesagt. Lieber zu wenig, als zu viel aufputzen. „In Würzburg da mussten die Klamotten glänzen. Ausgehen, ohne sich komplett in Schale zu schmeißen – das habe ich erst hier entdeckt, auch wenn es natürlich ebenso bestimmte Modecodes gibt.“ Hamburg habe viele Gesichter. Eimsbüttel sei das unaufgeregteste davon und ein Stadtteil, in dem sich auch Familien wohlfühlen. Das merkt man nicht nur daran, dass man hier eher Angst haben muss, von einem

Kinderwagen oder Tretroller überfahren zu werden als von einem Auto, sondern zeigen auch die Zahlen. Unter den etwa 58.000 Einwohnern leben in knapp 20 Prozent aller Haushalte Kinder unter 18 Jahren, seit 2003 erblickten rund 200 Kinder mehr das Licht der Welt. Eimsbüttel wächst und gedeiht. Der bunte und lebendige Mix aus Wohnund Geschäftsviertel mag ein Grund dafür sein, warum es heute zu den beliebtesten Stadtteilen Hamburgs gehört. Hinzu kommt, dass in Teilen des Quartiers stilvolle Altbauten die Zeitläufte überstanden haben und es trotz dichter Bebauung ein paar schöne Parks gibt, die zwar nicht so ausladend wie die anderen Grünflächen Hamburgs sind, aber dennoch grüne Oasen. Ins Freie locken der Eimsbüttler Park, der Lindenpark, der angrenzende Schanzenpark, das Kaiser-Friedrich-Ufer am Isebek-Kanal, der Park am Weiher mit seinem Teich, den Wiesen und alte knorrige Bäume umsäumen, und wo ein ehemaliges Klohäuschen zum beliebten Café umfunktioniert wurde. Ein Stück Urlaub mitten in der Stadt vermittelt der Beach Club „Central Park“ in der angrenzenden Sternschanze, wo Muttis und Papis tagsüber bei Kaffee oder Saftschorle im Liegestuhl klönen können, während ihre Kinder im Sand buddeln oder übers eingezäunte Gelände toben. Und Spielplätze, die im Sommer bimmelnd von Livottos Eiswagen angefahren werden, gibt es an nahezu jeder Ecke. Ebenso etliche Sportanlagen, etwa das parkähnlich gestaltete KaifuBad, das Schwimm- wie Fitnessbegeisterte genauso anzieht wie die KaifuLodge oder das Meridian-Spa an der Quickbornstraße. Oder der mehr als 120 Jahre alte Eimsbütteler Turnverein, der dank seiner über 12.000 Mitglieder einer der größten deutschen Sportvereine ist. Darüber hinaus sind Restaurants, Cafés und Kneipen beliebte Treffpunkte. Und wer sich richtig in den Trubel stürzen möchte, wandert hinüber ins Szene-Viertel Schanze, wo immer wieder mal Molotow-Cocktails oder Mülltonnen gegen Miet- und Immobilienwucher durch die Luft fliegen.

Was dort lautstark kritisiert wird, trifft auch auf Eimsbüttel zu. Das Viertel ist begehrt. Das treibt Mieten und Immobilienpreise in die Höhe. Nicht selten hängen an den Laternenpfählen Wohnungsgesuche mit kreativ gestalteten Aufrufen „Hier wollen wir wohnen!“ und mit der Aussicht von bis zu 1.000 Euro für die erfolgreiche Vermittlung einer Wohnung. Veronika Hampl und Sebastian Thümler wohnen mit ihren Kindern immer noch in der einstigen Studenten-WG und würden sich gerne um ein Zimmer vergrößern. Doch das würde ihren finanziellen Rahmen sprengen. „Unsere Wohnung kostet warm 650 Euro“, erzählt Veronika Hampl. „Für etwas Größeres würden wir gut das Doppelte bezahlen müssen.“ Etwa neun Euro pro Quadratmeter weist der offizielle Mietenspiegel 2011 der Freien und Hansestadt Hamburg für eine gut ausgestattete 90- bis 131-Quadratmeter-Wohnung in beliebter Lage, Baujahr bis 31.12.1918 aus, für Neubauten ab Baujahr 1994 liegt er bei etwa 11 Euro. Doch die wirklich gezahlten Mietpreise liegen deutlich drüber, ebenso die Immobilienpreise, die bei einer vergleichbaren Wohnung mittlerweile um die 400.000 Euro liegen. Die Gentrifizierung hat auch Eimsbüttel erfasst. Weil mittlerweile auch viele gut verdienende Menschen dorthin ziehen, darunter auch solvente Singles und Doppelverdiener-Pärchen, die vom charmanten Flair des einstigen Arbeiterviertels angezogen werden. Der Prozess ist nicht nur für die Alteingesessenen schmerzhaft, weil sie oft irgendwann von dort wegziehen müssen. Entweder, weil sie sich den teurer gewordenen Wohnraum nicht mehr leisten können oder weil die gewandelte Infrastruktur ihnen keine Möglichkeit mehr gibt, auf ihrem „Level” zu konsumieren. Auch für Familien, die sich in dem beliebten Mikrokosmos niederlassen wollen, ist Wohnraum dort mittlerweile fast unerschwinglich geworden. Das Idyll, es ist bedroht. Denn was nützt das gute Umfeld, wenn man sich Wohnen nur noch auf Schuhkartongröße leisten kann?

Veronika Hampl will trotzdem dem Viertel treu bleiben. „Hier kann ich mein Leben weiterführen und ich selber sein – nur eben mit Kindern“, sagt sie. Natürlich wäre ein Balkon schön. Und eine dieser Wohnungen mit kleinem Garten im Hinterhof – das wäre traumhaft. Vorläufig wolle sie jetzt erst einmal die Patenschaft für den Pflanztrog vorm Haus übernehmen, wo Tochter Hermine ihre Blumenzwiebeln einsetzen könne. In einem backsteinernen IndustrieLoft in der Eimsbütteler Chaussee öffnet Susanne Thurn die dicke Eisentür zur Ateliergemeinschaft Freudenhammer. Dort, wo einst eine große Schlachterei untergebracht war, sitzen heute zehn Freiberufler: in erster Linie Illustratoren, aber auch ein Grafiker und Fotograf sowie Musiker mit einem eigenen Tonstudio. Ihren „Glaskasten“, wie Susanne Thurn ihr kleines Kreativstübchen mit dem langen Arbeitstisch über die gesamte Fensterfront nennt, füllen unzählige Tapetenrollen. Für 220 Euro Miete im Monat kann die Illustratorin dort

gen, wenn es bei mir im Job mal eng wird“, sagt sie. Außerdem gebe es viele Betreuungsangebote. Krippen und Kitas würden einem mittlerweile fast nachgeworfen – auch wenn sie teuer seien. Je nach Einkommenshöhe, Familiengröße, Altersgruppe und Betreuungsumfang liegt der Höchstsatz der Elternbeiträge derzeit bei 396 Euro monatlich. Über 180 Kindertagesstätten und 67 Schulen zählt der gesamte Bezirk Eimsbüttel auf seiner Fläche von etwa 50 Quadratkilometern. Vor allem erstere sind in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Schließlich gibt es seit August 2012 einen landesgesetzlichen Anspruch auf eine täglich fünfstündige Kinderbetreuung für alle Kinder ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr. Dieser Anspruch besteht unabhängig davon, ob man berufstätig ist oder nicht. Ob Schmuddelkinder, Zauberfrösche, Wurzelkinder, Villa Wackelzahn oder Zauberzeit – für die Kleinsten ab einem Alter um ein Jahr gibt es ein gut ausgebautes Betreuungsangebot, oftmals mit einer Kernzeit von 9 bis 16 Uhr so-

die menschen sind facettenreich und aufgeschlossen. entspanntheit und toleranz bestimmen hier das lebensgefühl für ihr spezielles Siebdruckverfahren die Muster entwickeln, die sie dann in ihrer Werkstatt auf St. Pauli umsetzt. In der geräumigen Gemeinschaftsküche, dessen ausladender weißer Esstisch auch als Konferenztisch genutzt wird, steht eine Tee bereit. Auf dem Herd kocht Spaghetti-Wasser. Es ist 12.30 Uhr. Um 13 Uhr wollen ihre neunjährigen Zwillinge zum Mittagesssen vorbeikommen. Normalerweise sind sie bis 16 Uhr in der Ganztagsschule untergebracht, während Sohn Lenni, 2, bis 15 Uhr in der Krippe ist. Familienleben und Beruf sind für Susanne Thurn gut vereinbar. Was nicht nur daran liege, dass sie selbstständig sei und ihr Mann Matthias Mecklenburg 50 Meter von ihr entfernt sein Architekturbüro habe. „Da kann er gut einsprin-

wie mit Frühdienst ab 7 Uhr und Spätdienst bis 17 Uhr. Kitas wie zum Beispiel „Bengel und Engel“ bieten sogar einen 24-Stunden-Service an, der an das KitaGutscheinsystem angeschlossen ist. Die Spielplatzvereinigung „Aktion Kinderparadies“ betreut wochentags zwischen 9 und 13 Uhr ebenso Eineinhalb- bis Vierjährige für jeweils 1 bis 1,50 Euro pro Stunde. Zudem werden mit Beginn des kommenden Schuljahres nahezu alle Grundschulen auf Ganztagsbetrieb umgestellt sein. Dann sollen Kinder im Extremfall von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends in der Schule sein können. Heute hat Susanne Thurn wenig zu tun und will mit den Kindern nachmittags noch in den Zoo. Ihre Töchter Emelie und Helena werden gleich eintreffen. Sie sind alleine auf der Straße

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Ayse Erduran mit ihren Kindern Dersu und Dilay in ihrem Friseursalon „Mitschnitt“

unterwegs. „Wir kennen die Menschen, die uns umgeben“, erzählt die 39-Jährige. „Eimsbüttel ist ein Dorf in der Stadt. Da muss ich mir keine Sorgen um sie machen, weil man hier aufeinander achtgibt. Das ist hier alles wirklich sehr familiär.“ Tatsächlich war Eimsbüttel über viele Jahrhunderte ein verschlafenes, aus wenigen Höfen bestehendes Dorf. Seiner lieblichen Landschaft wegen war es aber ein beliebtes Ausflugsziel. Christina Becker beschreibt in ihrem Stadtteillexikon das Fleckchen als „Ziel mondäner Landpartien“ und als „Lustdorf“. Erst mit Einsetzen der Industrialisierung nach den 1850er-Jahren endete die Idylle abrupt. Immer mehr Arbeiterwohnungen wurden gebaut. 1925 lebten in Eimsbüttel bis zur Bombennacht im Juli 1943 an die 125.000 Menschen. Susanne Thurn lebt seit 1998 hier, ihr Mann schon ewig. In der Agathen-

hier muss man sein Leben, das einem so viel spass gemacht hat, nicht komplett aufgeben straße waren sie zunächst in eine 82-Quadratmeter-Wohnung gezogen. Als die Familie größer wurde, suchten sie fast fünf Jahre nach einer bezahlbaren, geräumigeren Alternative – bis sie vor zwei Jahren schließlich mit viel Glück die Wohnung unter ihnen dazulegen konnten. Raus hätten sie nie aus Eimsbüttel gewollt. Das hätte nie zur Debatte gestanden. „Hier muss man sein altes Leben, das einem so viel Spaß gemacht hat, nicht komplett aufgeben – was man in einem Häuschen irgendwo weiter draußen nicht mehr spüren und weiterleben könnte“, sagt die gebürtige Bremerin. Hier könne man auch noch mit Kindern gut vor die Tür: Flohmarkt, Freunde, Boutiquen, Eisdiele, Bar, Kneipe – alles sei nur einen Steinwurf entfernt. „Unser erstes Babyphone haben wir danach ausgesucht, dass wir abends in un-

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ser Lieblingsrestaurant Jimmy Elsaß konnten“, erzählt Susanne Thurn. Die Kinder könnten da gut alleine zu Hause bleiben, wenn die Eltern abends mal etwas Trinken oder Essen gehen wollen. Man sei ja gleich erreichbar, wenn etwas wäre. Nur die Natur, die vermisse sie. Am Wochenende geht es deshalb oft raus ins Grüne, um sich diese dann wieder ein Stück weit zurückzuholen. Es ist Freitagabend, 20 Uhr, doch im Friseur-Salon „Mitschnitt“ am Schulterblatt ist lange noch nicht Schluss. Vier Friseure schnippeln, fönen, strähnen. Alle sechs Plätze sind mit Kunden besetzt. Musik tönt aus dem Lautsprecher. Ausgelassene Feierabendstimmung liegt in der Luft. Ayse Erduran trimmt einem Kunden mit schwarzen Sweater und großem St. Pauli-Totenkopf-Aufdruck den Drei-Tage-Bart, zupft mit Paste die frisch geschnittenen Haare zurecht, verabschiedet ihn in den Feierabend. Jetzt noch Haare zusammenkehren, Zeitschriften sortieren, Bürsten und Kämme enthaaren, dann ist auch für die 41-Jährige endlich Feierabend. „Mitschnitt“ ist Ayse Erdurans Friseurladen. Ihr Arbeitstag geht in der Regel von zehn bis 20 Uhr, wobei sie zwischendurch immer wieder mal Erledigungen macht oder nach Hause in die zehn Minuten entfernte Kampstraße geht. Mittwochs und sonntags hat sie frei. Ihre Kinder Dilay, 12, und Dersu, 9, gehen beide zur Schule, danach in die Ganztagsbetreuung. Ja, sie verbringe viel Zeit im Laden, aber die Oma helfe ganz viel mit und ihr Mann Yilmaz, 49, arbeite als Sozialarbeiter weniger als sie. Außerdem hätten ihre Kinder im Friseur-Salon immer eine Anlaufstelle. Und nicht nur diese. „Ich habe keine Angst, wenn die Kinder alleine unterwegs sind. Da gibt es immer jemanden, an den sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Ich fühle mich hier einfach sehr sicher und aufgehoben, weil ich viele Leute schon sehr lange kenne.“ Mit 16 hat Ayse Erduran in Eimsbüttel ihre Ausbildung zur Friseurin gemacht, vor acht Jahren ihren Friseur-

salon eröffnet, der eine bereits bestehende 58-jährige Friseurladentradition fortsetzte. „Diese Ecke in Hamburg erschien mir zunächst ziemlich verloren, aber ich hab mich doch für diesen Ort entschieden, weil das Gefühl gestimmt hat“, erzählt die langjhrige Eimsbüttel-Kenerin. Mittlerweile ist ihr Laden zu der Institution im Viertel geworden, der man gerne seine Haare anvertraut. Ein Ort, an dem Nachrichten umgeschlagen werden, Menschen aller Couleur aufeinandertreffen. „Meine Kundschaft ist total durchmischt“, sagt Ayse Erduran, die mit vier Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. „Von der 80-jährigen Omi über Szeneleute bis hin zum Nachbarn von nebenan ist alles dabei. Das ist ein Schnitt durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Arbeitslose, Künstler, Anwälte – sie alle kommen in meinen Laden. Ganz bunte, tolle Leute sind das.“ Vor Ayse Erdurans Laden hat man ihr vergangenes Jahr eine nigelnagelneue Parkbank hingestellt: Teil des 500 Meter neu gestalteten Teilstücks zwischen Bellealliancestraße und Amandastraße, das aus Mitteln der Stadtbauförderung finanziert wurde. Radfahrer können jetzt schneller die Eimsbütteler Chaussee passieren. Dafür sorgt ein eineinhalb Meter breiter, gekennzeichneter Fahrtstreifen auf der Straße. Eine durchgehende Promenade mit einem neu gepflasterten Trottoir und viele Bänke sollen die Aufenthaltqualität verbessern. „Die Stadt würde die Schanze gerne in unsere Straße hinein verlängern, damit sich hier noch mehr Läden ansiedeln“, sagt Ayse Erduran. „Wir haben uns auf jeden Fall sehr über die neue Parkbank gefreut. Wenn der Sommer erst richtig da ist, wird das eine richtige Nachbarschaftsbank werden.“ Bleibt zu hoffen, dass dem Quartier seine Aufhübschung nicht teuer zu stehen kommt und Miet- und Immobilienpreise nicht noch weiter explodieren lassen. Denn dann wäre es eigentlich nahezu ideal, das Hamburger Kleinod mit seinem ganz eigenen Charme ländlicher Urbanität.


Ayse Erduran mit ihren Kindern Dersu und Dilay in ihrem Friseursalon „Mitschnitt“

unterwegs. „Wir kennen die Menschen, die uns umgeben“, erzählt die 39-Jährige. „Eimsbüttel ist ein Dorf in der Stadt. Da muss ich mir keine Sorgen um sie machen, weil man hier aufeinander achtgibt. Das ist hier alles wirklich sehr familiär.“ Tatsächlich war Eimsbüttel über viele Jahrhunderte ein verschlafenes, aus wenigen Höfen bestehendes Dorf. Seiner lieblichen Landschaft wegen war es aber ein beliebtes Ausflugsziel. Christina Becker beschreibt in ihrem Stadtteillexikon das Fleckchen als „Ziel mondäner Landpartien“ und als „Lustdorf“. Erst mit Einsetzen der Industrialisierung nach den 1850er-Jahren endete die Idylle abrupt. Immer mehr Arbeiterwohnungen wurden gebaut. 1925 lebten in Eimsbüttel bis zur Bombennacht im Juli 1943 an die 125.000 Menschen. Susanne Thurn lebt seit 1998 hier, ihr Mann schon ewig. In der Agathen-

hier muss man sein Leben, das einem so viel spass gemacht hat, nicht komplett aufgeben straße waren sie zunächst in eine 82-Quadratmeter-Wohnung gezogen. Als die Familie größer wurde, suchten sie fast fünf Jahre nach einer bezahlbaren, geräumigeren Alternative – bis sie vor zwei Jahren schließlich mit viel Glück die Wohnung unter ihnen dazulegen konnten. Raus hätten sie nie aus Eimsbüttel gewollt. Das hätte nie zur Debatte gestanden. „Hier muss man sein altes Leben, das einem so viel Spaß gemacht hat, nicht komplett aufgeben – was man in einem Häuschen irgendwo weiter draußen nicht mehr spüren und weiterleben könnte“, sagt die gebürtige Bremerin. Hier könne man auch noch mit Kindern gut vor die Tür: Flohmarkt, Freunde, Boutiquen, Eisdiele, Bar, Kneipe – alles sei nur einen Steinwurf entfernt. „Unser erstes Babyphone haben wir danach ausgesucht, dass wir abends in un-

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ser Lieblingsrestaurant Jimmy Elsaß konnten“, erzählt Susanne Thurn. Die Kinder könnten da gut alleine zu Hause bleiben, wenn die Eltern abends mal etwas Trinken oder Essen gehen wollen. Man sei ja gleich erreichbar, wenn etwas wäre. Nur die Natur, die vermisse sie. Am Wochenende geht es deshalb oft raus ins Grüne, um sich diese dann wieder ein Stück weit zurückzuholen. Es ist Freitagabend, 20 Uhr, doch im Friseur-Salon „Mitschnitt“ am Schulterblatt ist lange noch nicht Schluss. Vier Friseure schnippeln, fönen, strähnen. Alle sechs Plätze sind mit Kunden besetzt. Musik tönt aus dem Lautsprecher. Ausgelassene Feierabendstimmung liegt in der Luft. Ayse Erduran trimmt einem Kunden mit schwarzen Sweater und großem St. Pauli-Totenkopf-Aufdruck den Drei-Tage-Bart, zupft mit Paste die frisch geschnittenen Haare zurecht, verabschiedet ihn in den Feierabend. Jetzt noch Haare zusammenkehren, Zeitschriften sortieren, Bürsten und Kämme enthaaren, dann ist auch für die 41-Jährige endlich Feierabend. „Mitschnitt“ ist Ayse Erdurans Friseurladen. Ihr Arbeitstag geht in der Regel von zehn bis 20 Uhr, wobei sie zwischendurch immer wieder mal Erledigungen macht oder nach Hause in die zehn Minuten entfernte Kampstraße geht. Mittwochs und sonntags hat sie frei. Ihre Kinder Dilay, 12, und Dersu, 9, gehen beide zur Schule, danach in die Ganztagsbetreuung. Ja, sie verbringe viel Zeit im Laden, aber die Oma helfe ganz viel mit und ihr Mann Yilmaz, 49, arbeite als Sozialarbeiter weniger als sie. Außerdem hätten ihre Kinder im Friseur-Salon immer eine Anlaufstelle. Und nicht nur diese. „Ich habe keine Angst, wenn die Kinder alleine unterwegs sind. Da gibt es immer jemanden, an den sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Ich fühle mich hier einfach sehr sicher und aufgehoben, weil ich viele Leute schon sehr lange kenne.“ Mit 16 hat Ayse Erduran in Eimsbüttel ihre Ausbildung zur Friseurin gemacht, vor acht Jahren ihren Friseur-

salon eröffnet, der eine bereits bestehende 58-jährige Friseurladentradition fortsetzte. „Diese Ecke in Hamburg erschien mir zunächst ziemlich verloren, aber ich hab mich doch für diesen Ort entschieden, weil das Gefühl gestimmt hat“, erzählt die langjhrige Eimsbüttel-Kenerin. Mittlerweile ist ihr Laden zu der Institution im Viertel geworden, der man gerne seine Haare anvertraut. Ein Ort, an dem Nachrichten umgeschlagen werden, Menschen aller Couleur aufeinandertreffen. „Meine Kundschaft ist total durchmischt“, sagt Ayse Erduran, die mit vier Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. „Von der 80-jährigen Omi über Szeneleute bis hin zum Nachbarn von nebenan ist alles dabei. Das ist ein Schnitt durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Arbeitslose, Künstler, Anwälte – sie alle kommen in meinen Laden. Ganz bunte, tolle Leute sind das.“ Vor Ayse Erdurans Laden hat man ihr vergangenes Jahr eine nigelnagelneue Parkbank hingestellt: Teil des 500 Meter neu gestalteten Teilstücks zwischen Bellealliancestraße und Amandastraße, das aus Mitteln der Stadtbauförderung finanziert wurde. Radfahrer können jetzt schneller die Eimsbütteler Chaussee passieren. Dafür sorgt ein eineinhalb Meter breiter, gekennzeichneter Fahrtstreifen auf der Straße. Eine durchgehende Promenade mit einem neu gepflasterten Trottoir und viele Bänke sollen die Aufenthaltqualität verbessern. „Die Stadt würde die Schanze gerne in unsere Straße hinein verlängern, damit sich hier noch mehr Läden ansiedeln“, sagt Ayse Erduran. „Wir haben uns auf jeden Fall sehr über die neue Parkbank gefreut. Wenn der Sommer erst richtig da ist, wird das eine richtige Nachbarschaftsbank werden.“ Bleibt zu hoffen, dass dem Quartier seine Aufhübschung nicht teuer zu stehen kommt und Miet- und Immobilienpreise nicht noch weiter explodieren lassen. Denn dann wäre es eigentlich nahezu ideal, das Hamburger Kleinod mit seinem ganz eigenen Charme ländlicher Urbanität.


Klassische Klarheit interview: Mariet ta Duscher-Miehlich Fotos: Charlot te Schreiber

jacke Lars, hemd Luc und hose alfons: k apuzenWindjacke aus leichter baumwolle, tailliertes kurzarmhemd aus ringeljersey und hüfthose mit bügelfalten und schmaler beinform

Rock hazel: die üppige stofffülle wird in der taille von doppelt gelegten kellerfalten gebändigt und wiegt fast nichts. luftigleichter 50ties- glamour

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Klassische Klarheit interview: Mariet ta Duscher-Miehlich Fotos: Charlot te Schreiber

jacke Lars, hemd Luc und hose alfons: k apuzenWindjacke aus leichter baumwolle, tailliertes kurzarmhemd aus ringeljersey und hüfthose mit bügelfalten und schmaler beinform

Rock hazel: die üppige stofffülle wird in der taille von doppelt gelegten kellerfalten gebändigt und wiegt fast nichts. luftigleichter 50ties- glamour

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kleid paula: kurzärmelig und tailliert mit sportlicher note durch den reissverschluss. Das helle piping an kragen, ärmeln und leinentaschen setzt schÜne ak zente

mantel carola: Schmal geschnitten, aus kreidefarbener Baumwolle und gemustertem innenleben. Mit verdeckt gearbeiteter knopfleiste und seitlichen Eingrifftaschen

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kleid paula: kurzärmelig und tailliert mit sportlicher note durch den reissverschluss. Das helle piping an kragen, ärmeln und leinentaschen setzt schÜne ak zente

mantel carola: Schmal geschnitten, aus kreidefarbener Baumwolle und gemustertem innenleben. Mit verdeckt gearbeiteter knopfleiste und seitlichen Eingrifftaschen

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unsere mode orientiert sich an der zeitlosen schönheit klassischen designs. Wir möchten aber bewährte formen stilistisch weiterentwickeln. neben der optik ist auch der Gebrauchswert wichtig

Dieses Rot sticht sofort ins Auge, zieht den Betrachter magisch an. Der guckt und staunt. Wie es dort in der Auslage hängt, dieses Kleid, so schlicht, aber doch raffiniert, ein Statement für sich. Ebenso schlicht präsentiert sich das Geschäft selbst: kein Schnörkel, keine Deko, eher ein großer begehbarer Kleiderschrank, der die Aufmerksamkeit aufs Wesentliche lenkt: Kleidung. Garment im Hamburger Karo-Viertel ist mittlerweile eine feste Größe im Prêt-àporter-Segement für Damen und Herren. Hier entwerfen die beiden Modedesignerinnen Kathrin Müller und Ullinca Schröder ihre Modelle. Nova stieg ins Herzstück ihres Ladens hinab und traf sie am Arbeitstisch ihres kleinen Musterateliers. nova: Garment heißt ins Deutsche übersetzt schlicht „Kleidungsstück“ oder „Bekleidung“. Da klingt nichts Prätentiöses mit... Ullinca Schröder: Ja, so elementar wie unser Name, ist auch der Anspruch, der unserer Mode zugrunde liegt. Kontinuität und Kombinierbarkeit sind fester Bestandteil unseres Kollektionsprinzips. Und guter Stil heißt für uns, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. nova: Was ist das Wesentliche bei euren Modellen? K athrin Müller: Unsere Mode orientiert sich an der zeitlosen Schönheit klassischen Designs. Wir möchten aber bewährte Formen stilistisch weiterentwickeln: In Schnitten, die durch Proportion und Linie bestechen, in ungewöhnlichen Details und Materialien. Neben der Optik ist uns aber auch der Gebrauchswert wichtig. Ullinca schröder: Die Raffinesse unserer vordergründig schlichten Mode offenbart sich bewusst erst auf den zweiten Blick. Wir machen Kleidungsstücke, die über die Saison hinaus Bestand haben. Langlebig, aber nie langweilig. Sie sol-

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len vom ersten Anprobieren an zu echten Lieblingsstücken werden. nova: Wie würdet ihr eure Mode kurz beschreiben? Ullinca schröder: Klar, raffiniert, zeitlos, elegant. nova: Wie seid ihr zur Mode gekommen? Ullinca schröder: Meine Mutter hat für

uns Kinder genäht und mich regelmäßig in die Kaufhäuser mitgenommen, um Stoffe einzukaufen. Dadurch war ich in Sachen Nähen ziemlich geschult, und es hat einfach auch Spaß gemacht. Ich habe mich auch sehr gerne verkleidet. Etwa mit 16 habe ich mich dann selbst an unsere Nähmaschine gesetzt und alles hoch und runter genäht, was die Burda-, Carina-, Brigitte- und Neue Mode-Hefte der 60er- und 70er-Jahre hergaben. Denn: Taschengeld war knapp und irgendwie hat mich Mode auch immer interessiert. Das war für mich eine Herausforderung, alles so hinzubekommen, sich durch diese Anleitungen durchwühlen zu müssen. Ich hatte den Drang, selber herauszufinden wie das geht und dass mir da keiner dabei dreinredet. K athrin müller: Bei mir war das sehr ähnlich. Auch meine Großmutter und meine Mutter haben genäht. Als Kind habe ich ohne Ende Anziehpuppen mit Kleidchen zum Überklappen gezeichnet. Auch meine Puppen wurden die ganze Zeit benäht, für alle möglichen Zeiten, Lebenswelten und geografischen Gebiete. Meine beiden Schwestern und ich haben ganze Barbie-Familien mit unseren Kollektionen bestückt. Später kam ich dann selbst an die Reihe. nova: Ullinca, du bist klassisch ausge-

bildete Tänzerin, hattest sogar ein Engagement am Staatstheater am Gärtnerplatz in München und hast dann Kostümassistenz bei Filmproduktionen gemacht. Warum bist du eigentlich

nicht in diesem Fach geblieben? Ullinca schröder: Ich habe mich für die Mode entschieden, weil sie zeitgemäßer ist und mit dem täglichen Leben zu tun hat. Das ist keine Kunstwelt, sondern anwendbar. Das hat mich mehr gereizt. Allerdings arbeite ich seit 1994 kontinuierlich für den Choreografen Jan Pusch. Insofern bin ich dem Tanz und dem Theater doch treu geblieben. nova: Mit welchen Materialien, Stoffen und Details arbeitet ihr am liebsten? Ullinca schröder: Mit hochwertigen, klassisch-zeitlosen Materialien, die nicht nur schön aussehen, sondern sich auch im Alltag bewähren. Wir mögen klassische Muster wie Fischgrät, Hahnentritt, Nadelstreifen und Karos, aber gern auch mal ausgefallene Drucke, am liebsten mit grafischen Mustern. k athrin müller : Ein schöner Knopf ist ebenfalls ein wichtiges Detail. Wir verwenden auch gerne mal kontrastreiche Pipings oder Absteppungen, um Konturen zu betonen und Farbakzente zu setzen. Und Gürtel mit bezogenen Schnallen gibt es eigentlich in jeder Kollektion.

kontinuität und kombinierbarkeit sind fester bestandteil unseres kollektionsprinzips. und guter Stil heiSSt für uns, sich auf das wesentliche zu konzentrieren

Das ist eine BU sich zur Abwechslung mal jemand anderen Per Mausklick sich sdjf

Kathrin legt „Renata“ auf den Tisch: eine taillierte Bluse mit seitlichen Teilungsnähten und klassischer Kragenform, auf der auf weißem Untergrund filigran eine bunte Botanik aufblüht. Mit der Hand fährt sie über den seidenartigen Baumwollstoff, der sich „tana lawn“ nennt, und kein Bügeleisen braucht, um ihn nach dem Waschen wieder in Fasson zu bringen. K athrin müller: Das ist einer unserer Lieblinge und Bestseller dieser Saison. Ullinca schröder: Unwiderstehlich, oder? Qualität und Farben – da stimmt einfach alles. nova: Was inspiriert euch bei euren Entwürfen? Ullinca schröder: In erster Linie Stoffe, aber auch Formen und Farben, die man irgendwo sieht – ob das jetzt eine Vase ist oder ein Polsterbezug von einem Sofa, wo man sich denkt: Ach, das ist ja

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unsere mode orientiert sich an der zeitlosen schönheit klassischen designs. Wir möchten aber bewährte formen stilistisch weiterentwickeln. neben der optik ist auch der Gebrauchswert wichtig

Dieses Rot sticht sofort ins Auge, zieht den Betrachter magisch an. Der guckt und staunt. Wie es dort in der Auslage hängt, dieses Kleid, so schlicht, aber doch raffiniert, ein Statement für sich. Ebenso schlicht präsentiert sich das Geschäft selbst: kein Schnörkel, keine Deko, eher ein großer begehbarer Kleiderschrank, der die Aufmerksamkeit aufs Wesentliche lenkt: Kleidung. Garment im Hamburger Karo-Viertel ist mittlerweile eine feste Größe im Prêt-àporter-Segement für Damen und Herren. Hier entwerfen die beiden Modedesignerinnen Kathrin Müller und Ullinca Schröder ihre Modelle. Nova stieg ins Herzstück ihres Ladens hinab und traf sie am Arbeitstisch ihres kleinen Musterateliers. nova: Garment heißt ins Deutsche übersetzt schlicht „Kleidungsstück“ oder „Bekleidung“. Da klingt nichts Prätentiöses mit... Ullinca Schröder: Ja, so elementar wie unser Name, ist auch der Anspruch, der unserer Mode zugrunde liegt. Kontinuität und Kombinierbarkeit sind fester Bestandteil unseres Kollektionsprinzips. Und guter Stil heißt für uns, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. nova: Was ist das Wesentliche bei euren Modellen? K athrin Müller: Unsere Mode orientiert sich an der zeitlosen Schönheit klassischen Designs. Wir möchten aber bewährte Formen stilistisch weiterentwickeln: In Schnitten, die durch Proportion und Linie bestechen, in ungewöhnlichen Details und Materialien. Neben der Optik ist uns aber auch der Gebrauchswert wichtig. Ullinca schröder: Die Raffinesse unserer vordergründig schlichten Mode offenbart sich bewusst erst auf den zweiten Blick. Wir machen Kleidungsstücke, die über die Saison hinaus Bestand haben. Langlebig, aber nie langweilig. Sie sol-

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len vom ersten Anprobieren an zu echten Lieblingsstücken werden. nova: Wie würdet ihr eure Mode kurz beschreiben? Ullinca schröder: Klar, raffiniert, zeitlos, elegant. nova: Wie seid ihr zur Mode gekommen? Ullinca schröder: Meine Mutter hat für

uns Kinder genäht und mich regelmäßig in die Kaufhäuser mitgenommen, um Stoffe einzukaufen. Dadurch war ich in Sachen Nähen ziemlich geschult, und es hat einfach auch Spaß gemacht. Ich habe mich auch sehr gerne verkleidet. Etwa mit 16 habe ich mich dann selbst an unsere Nähmaschine gesetzt und alles hoch und runter genäht, was die Burda-, Carina-, Brigitte- und Neue Mode-Hefte der 60er- und 70er-Jahre hergaben. Denn: Taschengeld war knapp und irgendwie hat mich Mode auch immer interessiert. Das war für mich eine Herausforderung, alles so hinzubekommen, sich durch diese Anleitungen durchwühlen zu müssen. Ich hatte den Drang, selber herauszufinden wie das geht und dass mir da keiner dabei dreinredet. K athrin müller: Bei mir war das sehr ähnlich. Auch meine Großmutter und meine Mutter haben genäht. Als Kind habe ich ohne Ende Anziehpuppen mit Kleidchen zum Überklappen gezeichnet. Auch meine Puppen wurden die ganze Zeit benäht, für alle möglichen Zeiten, Lebenswelten und geografischen Gebiete. Meine beiden Schwestern und ich haben ganze Barbie-Familien mit unseren Kollektionen bestückt. Später kam ich dann selbst an die Reihe. nova: Ullinca, du bist klassisch ausge-

bildete Tänzerin, hattest sogar ein Engagement am Staatstheater am Gärtnerplatz in München und hast dann Kostümassistenz bei Filmproduktionen gemacht. Warum bist du eigentlich

nicht in diesem Fach geblieben? Ullinca schröder: Ich habe mich für die Mode entschieden, weil sie zeitgemäßer ist und mit dem täglichen Leben zu tun hat. Das ist keine Kunstwelt, sondern anwendbar. Das hat mich mehr gereizt. Allerdings arbeite ich seit 1994 kontinuierlich für den Choreografen Jan Pusch. Insofern bin ich dem Tanz und dem Theater doch treu geblieben. nova: Mit welchen Materialien, Stoffen und Details arbeitet ihr am liebsten? Ullinca schröder: Mit hochwertigen, klassisch-zeitlosen Materialien, die nicht nur schön aussehen, sondern sich auch im Alltag bewähren. Wir mögen klassische Muster wie Fischgrät, Hahnentritt, Nadelstreifen und Karos, aber gern auch mal ausgefallene Drucke, am liebsten mit grafischen Mustern. k athrin müller : Ein schöner Knopf ist ebenfalls ein wichtiges Detail. Wir verwenden auch gerne mal kontrastreiche Pipings oder Absteppungen, um Konturen zu betonen und Farbakzente zu setzen. Und Gürtel mit bezogenen Schnallen gibt es eigentlich in jeder Kollektion.

kontinuität und kombinierbarkeit sind fester bestandteil unseres kollektionsprinzips. und guter Stil heiSSt für uns, sich auf das wesentliche zu konzentrieren

Das ist eine BU sich zur Abwechslung mal jemand anderen Per Mausklick sich sdjf

Kathrin legt „Renata“ auf den Tisch: eine taillierte Bluse mit seitlichen Teilungsnähten und klassischer Kragenform, auf der auf weißem Untergrund filigran eine bunte Botanik aufblüht. Mit der Hand fährt sie über den seidenartigen Baumwollstoff, der sich „tana lawn“ nennt, und kein Bügeleisen braucht, um ihn nach dem Waschen wieder in Fasson zu bringen. K athrin müller: Das ist einer unserer Lieblinge und Bestseller dieser Saison. Ullinca schröder: Unwiderstehlich, oder? Qualität und Farben – da stimmt einfach alles. nova: Was inspiriert euch bei euren Entwürfen? Ullinca schröder: In erster Linie Stoffe, aber auch Formen und Farben, die man irgendwo sieht – ob das jetzt eine Vase ist oder ein Polsterbezug von einem Sofa, wo man sich denkt: Ach, das ist ja

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schön! Eigentlich alles, was so um einen herum ist. Was attraktiv ist, saugt man auf, tut es in seine Ablage und zieht es wieder heraus, wenn es sich ergibt. K athrin müller: Viele neue Ideen entstehen auch einfach im Prozess, sozusagen als Abfall- oder Nebenprodukt beim Vor- legen eines eigentlich ganz anderen Ziels. nova: Habt ihr Lieblingsfarben, die euch immer wieder anspringen? Ullinca schröder: Wir lieben kräftige und intensive Farben wie Rot und leuchtendes Grün. Zu Petrol greifen wir auch immer – was von einem ganz dunklen Farbton bis zu einem knalligen Türkis reichen kann. Eine gute Farbe ist eine Farbe, die man sich auch noch in ein paar Jahren angucken kann, weil sie so komponiert ist, dass sie eine Langlebigkeit besitzt. nova: Wie wichtig sind euch eigentlich Modetrends? K athrin müller: Natürlich kann man sich dem nicht ganz verschließen. Es gibt größere, langfristigere Trendentwicklungen, die man so weit mitmacht wie sie zum eigenen Stil passen. Aber an kleinen saisonalen Trends etwa, dass man in einer Saison überall nur Pink sieht oder eine ganz bestimmte Blusenform, beteiligen wir uns nicht. nova: Wollt ihr bewusst gegen den Trend schwimmen? K athrin müller: Der Trend interessiert uns nicht so, weil wir unsere Kollektionen eher auf Langlebigkeit und Zeitlosigkeit ausrichten. Wir stecken auch viel zu viel Arbeit hinein, dass unsere Modelle nur eine Saison laufen könnten. Wir haben einen Fundus von Schnitten, der sich über viele Jahre aufgebaut hat und ständig erweitert und optimiert wird. Da steckt genauso viel Entwicklungsarbeit drin wie in einem Möbelstück. Unsere Mode soll möglichst auch noch in 20 Jahren schön sein und funktionieren. Sie ist ziemlich alterslos. Das ist vielmehr eine Typund Stilfrage.

034 nova lebensart

der trend interessiert uns nicht, weil wir unsere kollek tionen eher auf langlebigkeit und zeitlosigkeit ausrichten. wir stecken viel zu viel arbeit hinein, dass unsere Modelle nur eine saison laufen könnten

Ullinca schröder: Unserer Meinung nach ist up-to-date-sein nicht unbedingt erstrebenswert. Dann würden ja alle gleich aussehen. Man sollte vielmehr seine Individualität pflegen und ganz trendunabhängig Teile suchen und kaufen, die möglichst gut zum eigenem Typ und zur Figur passen und in denen man sich richtig wohlfühlt. Da hat man auch sehr lange etwas von. Man ist ja heute so frei von einem gewissen Modediktat, was man tragen oder nicht tragen sollte. Das finde ich eine fabelhafte Entwicklung. Weil man sich überall das herauspicken kann, was man schön findet und dies zu einem ganz individuellen Stil zusammenstellen kann. nova: Eure Mode ist stilistisch ziemlich zurückgewandt und lehnt sich sehr an den Look der 60er-Jahre an. Euer gelb geblümter, weit schwingender Rock „Hazel“ mit den doppelt gelegten Kellerfalten erinnert stark an die 50er-Jahre. Was mögt ihr so an diesen Zeiten? Ullinca schröder: Mich beeindruckt immer wieder diese unangestrengte Eleganz, dieses Stilbewusstsein, die Sorgfältigkeit, mit der man sich kleidete. Das ist einfach großartig, auch dieser Sinn für Details. Ich finde es herrlich, wenn eine Tasche das gleiche Muster hat wie das Kleid. Solche Finessen sind einfach bezaubernd. Damit kriegt man mich immer. K athrin müller: Ja, wir sind auf jeden Fall davon beeinflusst. Aber die stilistische Verwandtschaft unsere Kollektionen mit dieser Designepoche beruht nicht auf gestalterischer Strategie, sondern schlicht auf unserer Vorliebe für klare Formen und eine körperbetonte Silhouette. Hinzu kommen Details wie ganz spezielle Taschenformen, die eine Art Markenzeichen für uns geworden sind. Das lässt bei der Entwicklung neu-

er Modelle immer wieder Looks entstehen, die stilistische Wurzeln in dieser Zeit haben könnten, weil diese Eigenschaften, zusammen mit einer hohen fertigungstechnischen Perfektion eben auch charakteristisch für sie sind. Wichtig ist uns auf jeden Fall, dass die Modelle gleichzeitig den heutigen Bedürfnissen von Funktionalität und Bequemlichkeit gerecht werden. nova: Welcher Typ Frau trägt Garment? Ullinca schröder: Garment-Trägerinnen

sind selbständig, übernehmen Verantwortung, sind stilbewusst, haben Freude an Schönheit und schönen Dingen. Kurz: Leute, die sich schön kleiden, aber nicht verkleiden möchten, die Wert legen auf Funktionalität, Stil und Eleganz. K athrin müller: Wir haben sehr viele Kunden, die selbst kreativ arbeiten. Häufig kommen auch Kundinnen zu uns in den Laden, weil sie sich für ein Vorstellungsgespräch oder einen Vortrag einkleiden wollen – also für Anlässe, bei denen man sich in einem gewissen Rahmen bewegen und präsentieren muss, trotzdem aber sich selbst treu bleiben will. Das fassen wir als großes Kompliment auf. Ullinca schröder: Es sind auch sehr viele berufstätige Frauen darunter, die im Job gut angezogen sein müssen, sich aber nicht in diesen schwarzen und braunen Kostümen oder Hosenanzügen sehen, sondern individueller. nova: Wie würdet ihr eure aktuelle Sommerkollektion beschreiben? K athrin müller: Farbenfroh, vielfältig, unkompliziert. nova: So wie ihr selbst? Ullinca schröder: Wenn alles rund läuft,

dann würde ich sagen: ja.


Rück zugsort

Foto: Beate killi

Zurück auf die Bäume

Beate Killi ist überzeugt: „In Bäumen für eine Weile zu leben – sei es in einem Baumhaus oder auch nur an einer geschützten Stelle in einem hohlen Stamm – ist ein weit verbreiteter Kindheitstraum. Unabhängig davon, ob man als Kind die Möglichkeit hatte, diesen Traum für eine Weile zu leben, bleibt der Reiz, die Welt ungesehen von oben zu betrachten und der Natur ganz nahe zu sein, den meisten Erwachsenen erhalten.“ Die Industrie-Designerin schuf ein Baumhaus aus einer wetterbeständigen, textilen Hülle sowie einfachen Latten aus dünnem Sperrholz, die den Stoff spannen. Es bietet Platz für

zwei Besucher und ist eingerichtet mit einer Lampe, zwei Sitzkissen und einem Tisch, der auch als Aufzug für ein Picknick verwendet werden kann. In das Baumhaus gelangt man durch eine Luke mit Strickleiter, die einfach mit dem Tischtablett zu schließen ist. Leider ist es noch nicht serienreif. Beate Killi wollte in ihrer Bachelor-Arbeit einen Ort entwerfen, an dem man entspannen und die Seele baumeln lassen kann. Frei nach Antoine de Saint-Exupéry: „Denn je höher eine Wahrheit ist, von desto höherer Warte musst du Ausschau halten, um sie zu begreifen.“ www.beate-killi.de

Lebensart nova

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Mit körper, geist und seele Interview: sonja fink foto: Brigit te aiblinger

Swami Ramapriyananda, Leiterin des Sivananda Yoga Seminarhaus in Tirol, legte mit 23 Jahren ihr weltliches Leben ab und ließ sich zur Swami weihen.

Nova: Du trägst Orange. Was bedeutet diese Farbe? Swami Ramapriyananda: Sie erinnert mich daran, alle Wünsche

und Verhaftungen im Feuer der Weisheit zu verbrennen. Nova: Woher kommst du? Swami Ramapriyananda: Man fragt einen Swami nicht, woher er

kommt, nicht nach seiner Familie, nicht nach seinem Alter. Als Swami lasse ich los, entsage meiner Vergangenheit und nehme das Individuum zurück. Einen Menschen nach seinen Vorlieben zu beurteilen und danach, was er nicht mag, entspricht nicht der Yoga-Tradition. Nova: Was bedeutet es, Swami zu sein? Swami Ramapriyananda: Swami meint Mönch oder Nonne, und

bedeutet Verhaftungslosigkeit oder den Weg der Meditation und Innenschau. Yoga ist ein Leben der Selbstdisziplin: Einfach leben und edel denken. Das Leben einer Swami ermöglicht Spiritualität ohne Ablenkung durch weltliche Verpflichtungen und emotionale Verstrickungen. Die tägliche Praxis von Asanas (Körperübungen), Pranayama (Atemübungen), Entspannung, vegetarischer Ernährung, positivem Denken und Meditation ist die Quelle der äußeren und inneren Kraft auf diesem Weg.

Entscheidung etwas aufzugeben, sondern viel mehr ein Entschluss, sich dem inneren Bestreben nach der Frage „Wer bin ich?“ vollkommen und ganz zu widmen. Nova: Wenn du dich an deine Jugend zurück erinnerst, hattest du damals andere Interessen als deine Freunde? Swami Ramapriyananda: Mich hat Geschichte und Archäologie interessiert, aber kein spiritueller Weg. Ich habe gerne gesungen, vor allem in unserem Chor. Im Yoga singen wir „Kirtan“, meditative Mantragesänge, die viel innere Kraft freisetzen. Nova: Wann bist du zum ersten Mal mit Yoga in Kontakt gekommen? Swami Ramapriyananda: Schon in früher Kindheit, ohne wirklich zu wissen, was es ist. Meine Mutter war in einem Lesezirkel und musste alle drei Monate ein Buch bestellen. Irgendwann gingen ihr die Ideen aus, und sie bestellte ein Yoga-Buch. Sie wusste damals mit Sicherheit nicht, was Yoga eigentlich ist. Für mich war es meine erste Begegnung mit Yoga. Nova: Die dich schließlich in eine neue Welt geführt hat... Swami Ramapriyananda: Ja, ich wusste einfach von Anfang an:

Das möchte ich machen. Nova: Was bedeutet ein Leben als Swami konkret? Swami: Keine Familie zu haben, keinen persönlichen Besitz,

und es verlangt Enthaltsamkeit. Gleichzeitig bedeutet es für mich, dass die Welt meine Familie ist. Ich verliere also nichts, sondern gewinne eigentlich etwas. Nova: Warum muss man enthaltsam leben? Swami Ramapriyananda: Weil es die Verhaftungslosigkeit unter-

stützt – innerlich losgelöst von weltlichen Wünschen wie beruflichem Erfolg, Anerkennung, materiellen Dingen, Kindern, intimen Beziehungen und Besitz. Eine Art Hilfsmittel, um Ablenkungen zu vermeiden und so schneller an sein Ziel zu gelangen: den höheren Sinn des Lebens zu erfahren. Nova: Was ist das Ziel eines Yoga-Weges? Swami Ramapriyananda: Yoga beschäftigt sich mit der Sinnfra-

ge: Wer bin ich? Durch die ganzheitliche Praxis des Yoga wird dafür zunächst eine Harmonie zwischen Handlung, Denken und Gefühl entwickelt. Dies öffnet den Weg der Meditation, in der tiefer innerer Frieden erfahren werden kann.

Nova: Du hast in Indien eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wie ging es danach weiter? Swami Ramapriyananda: Danach war für mich ganz klar, dass ich in der Sivananda-Organisation leben und weiterlernen wollte. Es hat sich von Beginn an richtig angefühlt, deshalb war es nicht wirklich eine Entscheidung, mehr ein klarer Weg. Nova: Hattest du schon mal Zweifel an deiner Entscheidung? Swami Ramapriyananda: Nein, diesen Weg wollte ich schon im-

mer gehen. Nova: Wie viel „weltliches“ Dasein erfährst du noch? Swami Ramapriyananda: Dass man Swami ist oder im Ashram

lebt, heißt nicht, dass man den Alltagsproblemen enthoben ist. Das ist vielleicht etwas, woran man erkennt, dass Yoga nichts vom Leben Getrenntes ist, nichts Exotisches, nichts Anderes. Auch ein Yogi ist mit all dem konfrontiert, kennt aber die Hilfsmittel, um den inneren und äußeren Stress abzubauen.

Nova: Um im Sivananda-Zentrum in Tirol zu leben und zu un-

Nova: Was hat Yoga in deinem Leben bewirkt? Swami Ramapriyananda: Ich weiß mehr, was ich möchte, fühle

terrichten, muss man nicht unbedingt Swami sein. Warum bist du diesen Schritt trotzdem gegangen? Swami Ramapriyananda: Swami wird man nicht von heute auf morgen, das ist ein jahrelanger Prozess. Nicht in dem Sinn, dass man alles andere aufgeben will. Für mich war es keine

mich emotional ausgeglichener und nicht mehr von vielen Dingen so abgelenkt wie früher. Ich schaffe es besser, im Hier und Jetzt zu sein und im Moment zu leben. Yoga ist mein Zuhause und die tägliche Frage „Wie gehe ich mit meinem Geist durch den Tag?“

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Mit körper, geist und seele Interview: sonja fink foto: Brigit te aiblinger

Swami Ramapriyananda, Leiterin des Sivananda Yoga Seminarhaus in Tirol, legte mit 23 Jahren ihr weltliches Leben ab und ließ sich zur Swami weihen.

Nova: Du trägst Orange. Was bedeutet diese Farbe? Swami Ramapriyananda: Sie erinnert mich daran, alle Wünsche

und Verhaftungen im Feuer der Weisheit zu verbrennen. Nova: Woher kommst du? Swami Ramapriyananda: Man fragt einen Swami nicht, woher er

kommt, nicht nach seiner Familie, nicht nach seinem Alter. Als Swami lasse ich los, entsage meiner Vergangenheit und nehme das Individuum zurück. Einen Menschen nach seinen Vorlieben zu beurteilen und danach, was er nicht mag, entspricht nicht der Yoga-Tradition. Nova: Was bedeutet es, Swami zu sein? Swami Ramapriyananda: Swami meint Mönch oder Nonne, und

bedeutet Verhaftungslosigkeit oder den Weg der Meditation und Innenschau. Yoga ist ein Leben der Selbstdisziplin: Einfach leben und edel denken. Das Leben einer Swami ermöglicht Spiritualität ohne Ablenkung durch weltliche Verpflichtungen und emotionale Verstrickungen. Die tägliche Praxis von Asanas (Körperübungen), Pranayama (Atemübungen), Entspannung, vegetarischer Ernährung, positivem Denken und Meditation ist die Quelle der äußeren und inneren Kraft auf diesem Weg.

Entscheidung etwas aufzugeben, sondern viel mehr ein Entschluss, sich dem inneren Bestreben nach der Frage „Wer bin ich?“ vollkommen und ganz zu widmen. Nova: Wenn du dich an deine Jugend zurück erinnerst, hattest du damals andere Interessen als deine Freunde? Swami Ramapriyananda: Mich hat Geschichte und Archäologie interessiert, aber kein spiritueller Weg. Ich habe gerne gesungen, vor allem in unserem Chor. Im Yoga singen wir „Kirtan“, meditative Mantragesänge, die viel innere Kraft freisetzen. Nova: Wann bist du zum ersten Mal mit Yoga in Kontakt gekommen? Swami Ramapriyananda: Schon in früher Kindheit, ohne wirklich zu wissen, was es ist. Meine Mutter war in einem Lesezirkel und musste alle drei Monate ein Buch bestellen. Irgendwann gingen ihr die Ideen aus, und sie bestellte ein Yoga-Buch. Sie wusste damals mit Sicherheit nicht, was Yoga eigentlich ist. Für mich war es meine erste Begegnung mit Yoga. Nova: Die dich schließlich in eine neue Welt geführt hat... Swami Ramapriyananda: Ja, ich wusste einfach von Anfang an:

Das möchte ich machen. Nova: Was bedeutet ein Leben als Swami konkret? Swami: Keine Familie zu haben, keinen persönlichen Besitz,

und es verlangt Enthaltsamkeit. Gleichzeitig bedeutet es für mich, dass die Welt meine Familie ist. Ich verliere also nichts, sondern gewinne eigentlich etwas. Nova: Warum muss man enthaltsam leben? Swami Ramapriyananda: Weil es die Verhaftungslosigkeit unter-

stützt – innerlich losgelöst von weltlichen Wünschen wie beruflichem Erfolg, Anerkennung, materiellen Dingen, Kindern, intimen Beziehungen und Besitz. Eine Art Hilfsmittel, um Ablenkungen zu vermeiden und so schneller an sein Ziel zu gelangen: den höheren Sinn des Lebens zu erfahren. Nova: Was ist das Ziel eines Yoga-Weges? Swami Ramapriyananda: Yoga beschäftigt sich mit der Sinnfra-

ge: Wer bin ich? Durch die ganzheitliche Praxis des Yoga wird dafür zunächst eine Harmonie zwischen Handlung, Denken und Gefühl entwickelt. Dies öffnet den Weg der Meditation, in der tiefer innerer Frieden erfahren werden kann.

Nova: Du hast in Indien eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wie ging es danach weiter? Swami Ramapriyananda: Danach war für mich ganz klar, dass ich in der Sivananda-Organisation leben und weiterlernen wollte. Es hat sich von Beginn an richtig angefühlt, deshalb war es nicht wirklich eine Entscheidung, mehr ein klarer Weg. Nova: Hattest du schon mal Zweifel an deiner Entscheidung? Swami Ramapriyananda: Nein, diesen Weg wollte ich schon im-

mer gehen. Nova: Wie viel „weltliches“ Dasein erfährst du noch? Swami Ramapriyananda: Dass man Swami ist oder im Ashram

lebt, heißt nicht, dass man den Alltagsproblemen enthoben ist. Das ist vielleicht etwas, woran man erkennt, dass Yoga nichts vom Leben Getrenntes ist, nichts Exotisches, nichts Anderes. Auch ein Yogi ist mit all dem konfrontiert, kennt aber die Hilfsmittel, um den inneren und äußeren Stress abzubauen.

Nova: Um im Sivananda-Zentrum in Tirol zu leben und zu un-

Nova: Was hat Yoga in deinem Leben bewirkt? Swami Ramapriyananda: Ich weiß mehr, was ich möchte, fühle

terrichten, muss man nicht unbedingt Swami sein. Warum bist du diesen Schritt trotzdem gegangen? Swami Ramapriyananda: Swami wird man nicht von heute auf morgen, das ist ein jahrelanger Prozess. Nicht in dem Sinn, dass man alles andere aufgeben will. Für mich war es keine

mich emotional ausgeglichener und nicht mehr von vielen Dingen so abgelenkt wie früher. Ich schaffe es besser, im Hier und Jetzt zu sein und im Moment zu leben. Yoga ist mein Zuhause und die tägliche Frage „Wie gehe ich mit meinem Geist durch den Tag?“

036 nova lebensart


kraftakt Alles, was stark macht: schwierige Lebenssituationen, Alltagsbewältigung, charismatische Frauen, Golden Girls

Gleichberechtigt gestresst In einem Punkt ist Gleichstellung erreicht: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzt Väter und Mütter gleichermaßen unter Druck. Das zeigt eine aktuelle Studie des PEW Research Center zu moderner Elternschaft. Wie das US-Institut darlegt, fällt es 56 Prozent der Mütter und 50 Prozent der Väter schwer, berufliche Aufgaben mit Kindererziehung und Haushalt in Einklang zu bringen. Besonders zu schaffen macht es den Eltern (40 Prozent der Mütter und 34 Prozent der Väter) angesichts der zahlreichen Anforderungen des Alltags, unter permanemtem Zeitdruck zu stehen und sich ständig gehetzt zu fühlen.

Jederzeit erreichbar Smartphones, Internet und Tablets ermöglichen es uns, von zu Hause aus zu arbeiten – was zurzeit etwa jeder fünfte Beschäftigte nutzt. Freizeit und Beruf gehen dabei immer mehr ineinander über, ein echtes Abschalten vom Job: Fehlanzeige. So ist etwa jeder Dritte für Kollegen oder Kunden rund um die Uhr per Telefon oder E-Mail erreichbar, gut drei Viertel der Berufstätigen sind zumindest teilweise außerhalb der regulären Arbeitszeit verfügbar. Das geht aus einer Umfrage im Auftrag des IT-Branchenverbandes Bitkom hervor, bei der 505 Berufstätige sowie Personalverantwortliche von 854 Unternehmen befragt wurden.

Foto: charlotte schreiber

Mit schach aus dem slum Tim Crothers erzählt von der Macht der Hoffnung, die Träume wahr werden lässt: Phiona lebt in einem Armenviertel am Rande der ugandischen Hauptstadt Kampala. Als die Begegnung mit Robert Katende, der ihr das Schachspielen beibringt, ihr Leben verändert. Das Mädchen erweist sich als enormes Talent, das Unglaubli-

che wird wahr: Mit elf Jahren wird Phiona Junioren-Weltmeisterin, mit 15 nationale Meisterin von Uganda, und 2010 nimmt sie in Sibirien an der Schach-Olympiade teil. Das Mädchen, das barfuß Schach spielte: Aus den Slums von Uganda zur internationalen Schachmeisterin, Tim Crothers, btb Verlag, 19,99 Euro

kraftakt nova

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kraftakt Alles, was stark macht: schwierige Lebenssituationen, Alltagsbewältigung, charismatische Frauen, Golden Girls

Gleichberechtigt gestresst In einem Punkt ist Gleichstellung erreicht: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzt Väter und Mütter gleichermaßen unter Druck. Das zeigt eine aktuelle Studie des PEW Research Center zu moderner Elternschaft. Wie das US-Institut darlegt, fällt es 56 Prozent der Mütter und 50 Prozent der Väter schwer, berufliche Aufgaben mit Kindererziehung und Haushalt in Einklang zu bringen. Besonders zu schaffen macht es den Eltern (40 Prozent der Mütter und 34 Prozent der Väter) angesichts der zahlreichen Anforderungen des Alltags, unter permanemtem Zeitdruck zu stehen und sich ständig gehetzt zu fühlen.

Jederzeit erreichbar Smartphones, Internet und Tablets ermöglichen es uns, von zu Hause aus zu arbeiten – was zurzeit etwa jeder fünfte Beschäftigte nutzt. Freizeit und Beruf gehen dabei immer mehr ineinander über, ein echtes Abschalten vom Job: Fehlanzeige. So ist etwa jeder Dritte für Kollegen oder Kunden rund um die Uhr per Telefon oder E-Mail erreichbar, gut drei Viertel der Berufstätigen sind zumindest teilweise außerhalb der regulären Arbeitszeit verfügbar. Das geht aus einer Umfrage im Auftrag des IT-Branchenverbandes Bitkom hervor, bei der 505 Berufstätige sowie Personalverantwortliche von 854 Unternehmen befragt wurden.

Foto: charlotte schreiber

Mit schach aus dem slum Tim Crothers erzählt von der Macht der Hoffnung, die Träume wahr werden lässt: Phiona lebt in einem Armenviertel am Rande der ugandischen Hauptstadt Kampala. Als die Begegnung mit Robert Katende, der ihr das Schachspielen beibringt, ihr Leben verändert. Das Mädchen erweist sich als enormes Talent, das Unglaubli-

che wird wahr: Mit elf Jahren wird Phiona Junioren-Weltmeisterin, mit 15 nationale Meisterin von Uganda, und 2010 nimmt sie in Sibirien an der Schach-Olympiade teil. Das Mädchen, das barfuß Schach spielte: Aus den Slums von Uganda zur internationalen Schachmeisterin, Tim Crothers, btb Verlag, 19,99 Euro

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frau mit strahlkraft Text: Amy fallon fotos: anne ackermann

Der untere Teil ihres rechten Beines wurde von einer Landmine zerfetzt, der Glaube an sie selbst blieb heil. In Uganda, einem Land, in dem besonders behinderte Frauen stigmatisiert werden, hat Irene Laker durch ihren Friseur- und Kosmetiksalon zu einem neuem Selbstbewusstsein gefunden, das sie auch anderen Frauen weitergeben möchte.

Heute kann sie wieder lachen: Irene in ihrem Zuhause im Stadtteil Layibi in Gulu

Irene Lakers Friseursalon ist winzig wie ein Schuhkarton und ziemlich behelfsmäßig. Die notdürftig zusammengezimmerten Holzregale in der schäbigen, rot angestrichenen Hütte stehen voller wundersamer Produkte wie „Olive Oil Nourishing Sheen Spray“, ein pflegendes Olivenöl-Glanzspray oder MOVIT, eine milde haarentspannende und glättende Crème. Ein kleiner Fön hängt vom obersten Regal herab, daneben ein gesticktes Schild, auf dem „Disability Is Not Inability“ geschrieben steht: Behinderung ist nicht Nutzlosigkeit. Für Kundinnen, die sich als langhaarige, gelockte Brünette versuchen wollen, liegen Perücken auf einem Tisch. In den Ecken stehen zwei große bewegliche Trockenhauben. Man sieht sofort, was diesem Salon fehlt: Wasser und Strom. „In Gulu haben wir selten Strom“, sagt Irene und lächelt, als sie meinen suchenden Blick registriert. „Ein paar Stunden am Stück, und das war’s dann.“ In ihrem fuchsiafarbenen Kittel, eine altmodische Kanne in der Hand, hinkt sie aus der Tür und verschwindet im benachbarten Ziegelbau. „Blindenbüro“ steht dort geschrieben. Trotz ihres Humpelns ist die Beinprothese unter dem roten Kleid kaum zu bemerken. Die Gulu Behinderteneinheit mit ihrem Vorrat kaputter Rollstühle auf der Rückseite des Gebäudes scheint ein merkwürdiger Ort für eine Friseurschule zu sein. Aber dieser Salon, so unscheinbar und improvisiert er wirken mag, verändert das Leben vieler Frauen in Uganda.

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Gulu im Norden des Landes ist heute eine lebendige Stadt. Das war nicht immer so. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war sie immer wieder Schauplatz eines Krieges, den Warlord Joseph Kony und seine Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) angezettelt hatten. Die Menschen in Zentralafrika lebten in ständiger Angst vor dem Rebellenchef, der tausende Kinder für seine „Widerstandsarmee des Herrn“ entführen, ermorden, verstümmeln und vergewaltigten ließ. 2005 wurde er vom Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagt und ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Im März vergangenen Jahres sorgte ein Video der Organisation Invisible Children für Furore, in dessen Mittelpunkt Kony und seine marodierende LRA stand. Der 30-Minuten-Clip schildert das ganze Ausmaß seiner unfassbar bestialischen Grausamkeiten. Mehr als hundert Millionen Mal wurde der Film angeklickt und lenkte viel Aufmerksamkeit auf die Verbrechen der LRA. Doch noch immer terrorisiert Kony mit seinen Rebellen Regionen in Zentralafrika. Noch immer sterben dort Menschen. Vermutet wird der „Schlächter von Uganda“ mit seinen engsten Vertrauten irgendwo im Dreiländereck aus Zentralafrikanischer Republik, Sudan und Südsudan. Seine Schlägerbanden haben einen noch größeren Einzugsbereich: Er reicht bis in den Westen der Zentralafrikanischen Republik und bis in die Demokratische Republik Kongo. Frauen, die von Konys Männern ver-

stümmelt wurden, lernen in Irenes Friseur- und Kosmetikschule, andere Menschen zu verschönern – eine Fähigkeit, die sie in Lohn und Brot bringt und ihnen eine zweite Chance im Leben eröffnet. „Viele in Uganda sehen Behinderte als Last oder sie glauben, wir seien verflucht“, erklärt Irene. „Behinderte Frauen gelten als hässlich und zu nichts nutze. Doch gerade wir Frauen sind Opfer von Landminen, weil wir es sind, die das Holz sammeln und den Garten bestellen.“ Sie steht hinter meinem Plastikstuhl, gießt das Wasser aus der Kanne erst in eine Schüssel, dann über meinen Kopf. „Was ich hier tue, gibt mir Selbstbewusstsein“, sagt sie. „Die Menschen sehen besser und fröhlicher aus. Mein Leben hat also einen Sinn.“ Die 32-jährige Uganderin ist eines von mindestens 2.200 überlebenden Landminenopfern. So viele zählt die Uganda Landmine Survivor’s Association (ULSA). Die Zahl der Verstümmelten ist wahrscheinlich noch viel größer, denn viele Betroffene, vor allem in den entlegenen Dörfern, verbergen ihr Handicap, um nicht stigmatisiert zu werden. Irene stammt aus Odek, östlich von Gulu, ebenso wie Rebellenführer Kony. Mit neun Jahren wurde sie zur Halbwaise, als ihre Mutter ins Kreuzfeuer zwischen LRA und der Ugandan People’s Defence Force (UPDF) geriet. Später heiratete Irene und verkaufte Samen und Bohnen auf den Märkten, um über die Runden zu kommen. Bis zu jenem schicksalhaften Tag im August 2002. Es war ein Freitag, fünf Uhr morgens.


frau mit strahlkraft Text: Amy fallon fotos: anne ackermann

Der untere Teil ihres rechten Beines wurde von einer Landmine zerfetzt, der Glaube an sie selbst blieb heil. In Uganda, einem Land, in dem besonders behinderte Frauen stigmatisiert werden, hat Irene Laker durch ihren Friseur- und Kosmetiksalon zu einem neuem Selbstbewusstsein gefunden, das sie auch anderen Frauen weitergeben möchte.

Heute kann sie wieder lachen: Irene in ihrem Zuhause im Stadtteil Layibi in Gulu

Irene Lakers Friseursalon ist winzig wie ein Schuhkarton und ziemlich behelfsmäßig. Die notdürftig zusammengezimmerten Holzregale in der schäbigen, rot angestrichenen Hütte stehen voller wundersamer Produkte wie „Olive Oil Nourishing Sheen Spray“, ein pflegendes Olivenöl-Glanzspray oder MOVIT, eine milde haarentspannende und glättende Crème. Ein kleiner Fön hängt vom obersten Regal herab, daneben ein gesticktes Schild, auf dem „Disability Is Not Inability“ geschrieben steht: Behinderung ist nicht Nutzlosigkeit. Für Kundinnen, die sich als langhaarige, gelockte Brünette versuchen wollen, liegen Perücken auf einem Tisch. In den Ecken stehen zwei große bewegliche Trockenhauben. Man sieht sofort, was diesem Salon fehlt: Wasser und Strom. „In Gulu haben wir selten Strom“, sagt Irene und lächelt, als sie meinen suchenden Blick registriert. „Ein paar Stunden am Stück, und das war’s dann.“ In ihrem fuchsiafarbenen Kittel, eine altmodische Kanne in der Hand, hinkt sie aus der Tür und verschwindet im benachbarten Ziegelbau. „Blindenbüro“ steht dort geschrieben. Trotz ihres Humpelns ist die Beinprothese unter dem roten Kleid kaum zu bemerken. Die Gulu Behinderteneinheit mit ihrem Vorrat kaputter Rollstühle auf der Rückseite des Gebäudes scheint ein merkwürdiger Ort für eine Friseurschule zu sein. Aber dieser Salon, so unscheinbar und improvisiert er wirken mag, verändert das Leben vieler Frauen in Uganda.

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Gulu im Norden des Landes ist heute eine lebendige Stadt. Das war nicht immer so. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war sie immer wieder Schauplatz eines Krieges, den Warlord Joseph Kony und seine Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) angezettelt hatten. Die Menschen in Zentralafrika lebten in ständiger Angst vor dem Rebellenchef, der tausende Kinder für seine „Widerstandsarmee des Herrn“ entführen, ermorden, verstümmeln und vergewaltigten ließ. 2005 wurde er vom Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagt und ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Im März vergangenen Jahres sorgte ein Video der Organisation Invisible Children für Furore, in dessen Mittelpunkt Kony und seine marodierende LRA stand. Der 30-Minuten-Clip schildert das ganze Ausmaß seiner unfassbar bestialischen Grausamkeiten. Mehr als hundert Millionen Mal wurde der Film angeklickt und lenkte viel Aufmerksamkeit auf die Verbrechen der LRA. Doch noch immer terrorisiert Kony mit seinen Rebellen Regionen in Zentralafrika. Noch immer sterben dort Menschen. Vermutet wird der „Schlächter von Uganda“ mit seinen engsten Vertrauten irgendwo im Dreiländereck aus Zentralafrikanischer Republik, Sudan und Südsudan. Seine Schlägerbanden haben einen noch größeren Einzugsbereich: Er reicht bis in den Westen der Zentralafrikanischen Republik und bis in die Demokratische Republik Kongo. Frauen, die von Konys Männern ver-

stümmelt wurden, lernen in Irenes Friseur- und Kosmetikschule, andere Menschen zu verschönern – eine Fähigkeit, die sie in Lohn und Brot bringt und ihnen eine zweite Chance im Leben eröffnet. „Viele in Uganda sehen Behinderte als Last oder sie glauben, wir seien verflucht“, erklärt Irene. „Behinderte Frauen gelten als hässlich und zu nichts nutze. Doch gerade wir Frauen sind Opfer von Landminen, weil wir es sind, die das Holz sammeln und den Garten bestellen.“ Sie steht hinter meinem Plastikstuhl, gießt das Wasser aus der Kanne erst in eine Schüssel, dann über meinen Kopf. „Was ich hier tue, gibt mir Selbstbewusstsein“, sagt sie. „Die Menschen sehen besser und fröhlicher aus. Mein Leben hat also einen Sinn.“ Die 32-jährige Uganderin ist eines von mindestens 2.200 überlebenden Landminenopfern. So viele zählt die Uganda Landmine Survivor’s Association (ULSA). Die Zahl der Verstümmelten ist wahrscheinlich noch viel größer, denn viele Betroffene, vor allem in den entlegenen Dörfern, verbergen ihr Handicap, um nicht stigmatisiert zu werden. Irene stammt aus Odek, östlich von Gulu, ebenso wie Rebellenführer Kony. Mit neun Jahren wurde sie zur Halbwaise, als ihre Mutter ins Kreuzfeuer zwischen LRA und der Ugandan People’s Defence Force (UPDF) geriet. Später heiratete Irene und verkaufte Samen und Bohnen auf den Märkten, um über die Runden zu kommen. Bis zu jenem schicksalhaften Tag im August 2002. Es war ein Freitag, fünf Uhr morgens.


Mit viel GefĂźhl und viel Optimismus bei der Sache: Irene Laker in ihrem improvisieren Friseur-Salon in Gulu. Ihr kaputtes Bein stĂśrt sie mittlerweile nicht mehr so sehr

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Mit viel GefĂźhl und viel Optimismus bei der Sache: Irene Laker in ihrem improvisieren Friseur-Salon in Gulu. Ihr kaputtes Bein stĂśrt sie mittlerweile nicht mehr so sehr

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ich hatte mein bein verloren, aber ich hatte das leben wiedergewonnen. ich war gott dankbar, das wollte ich weitergeben

Irene in ihrem Friseursalon auf dem Gelände der Gulu-Behinderten-Station und mit Tochter Hope. Ihr Vater hält sich verborgen im Hintergrund. Jeden Abend betet sie. Ihr Fort­bewegungsmittel: ein Bobadoda (Motorrad-Taxi)

Irene hatte kaum geschlafen. Rebellen hatten das Haus nebenan gesprengt und den Nachbarn ermordet. Es herrschte Bürgerkrieg im Norden Ugandas. Sie ging aus dem Haus, um Wasser zu holen, da trat sie auf etwas. „Im selben Moment ging das Ding los“, erzählt Irene. „Ich wollte wegrennen, aber ich konnte nicht. Es tat sehr weh. Ich wusste nicht mal, was passiert war, bis Soldaten kamen, den Rauch sahen und mir dann erklärten, ich sei auf eine Landmine getreten.“ Als sie wieder aufwachte, lag sie im Krankenhaus von Gulu. Die untere Hälfte ihres rechten Beines war zerfetzt. Die Ärzte versuchten es zu retten. Vergeblich. Sie traten an Irenes Bett und sagten ihr, dass sie ihr halbes Bein verlieren würde, der Unterschenkel amputiert werden müsse. „Ich dachte nur: Hauptsache, ich überlebe das.“ Die Ärzte mussten Irene das Bein unterhalb des Knies abnehmen, um ihr Leben zu retten. Viele Wochen lag Irene im Krankenhaus. Bald darauf bekam sie von der italienischen NGO Avsi, die sich um Minenopfer in Nord-Uganda kümmert, eine Prothese. Irene lernte mit ihrem künstlichen Bein zu laufen. Und ahnte nicht, wie weit ihr Weg noch sein würde. „Ich habe mich vor der Welt versteckt, ich war ja plötzlich behindert“,

erzählt sie. Keine Chance, wie früher Netzball und Basketball zu spielen. „Mein Vater sagte: ‚Jetzt muss ich für dich sorgen wie für ein Kind.’ Das hat mich sehr beschämt.“ Ihr Mann kümmerte sich nicht um sie. Einmal besuchte er Irene im Krankenhaus – um sie zu informieren, dass es aus sei. „Wegen meiner Behinderung“, sagt sie, während ihr Tränen in die Augen schießen. Als Bäuerin konnte Irene nun nicht mehr arbeiten. Aber sie hatte zwei Kinder zu versorgen und keinen Mann mehr. Sie versuchte zunächst bestickte Decken zu verkaufen, doch das lief nicht. Mit Backwaren klappte es besser. Und sie half ehrenamtlich im Büro einer Organisation, die sich um die Landminenopfer in Gulu kümmert. „Ich hatte immer das Gefühl, auf mich wartet noch eine Aufgabe“, sagt sie. „Ich hatte mein Bein verloren, aber ich hatte das Leben wiedergewonnen. Ich war Gott dankbar, das wollte ich weitergeben.“ Ungefähr ein Jahr später, als Irene gerade auf dem Weg in die Stadt war, traf sie Monica Piloya, die ebenfalls eine Landmine überlebt hatte. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein waren. Die beiden Frauen gründeten eine ULSAOrtsgruppe, die sich von nun an regel-

mäßig traf. Traurig genug: Die Zahl der Mitglieder wuchs. Irene saß wie jeden Morgen vor dem Spiegel, machte sich ihre Haare und sprach mit ihrem Spiegelbild: „Irene, du siehst gut aus. Ein Teil von dir ist zwar unbrauchbar, aber du taugst noch zu ganz viel. Und dann dachte ich: Wenn ich mich selbst aufbauen kann, kann ich das auch bei anderen. Ich sollte etwas tun. Für mich und für die vielen Mädchen und Frauen, die nicht wissen, was sie machen sollen.“ Damit war die Idee zum Salon geboren. Sie schlug der Vereinigung der Landminen-Überlebenden vor, auf dem Gelände des Behindertenzentrums einen Friseur- und Kosmetiksalon aufzumachen. Ihr Vorschlag gefiel und sie bekam einen großen Spiegel, zwei Waschbecken, Schere und Trockenhauben geschenkt. Die Frauen konnten Produkte und ein paar Geräte für die Haar- und Schönheitspflege auftreiben. Im Februar 2010 begann die Ausbildung für Irene und neun weitere Frauen, alle Opfer der LRA. Ein halbes Jahr lang, fünf Tage die Woche, übten sie an Freundinnen und Bekannten, „das widerspenstige afrikanische Haar“ zu glätten und Fingernägel zu verschönern. Ihre Künste sprachen sich herum. Bald

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ich hatte mein bein verloren, aber ich hatte das leben wiedergewonnen. ich war gott dankbar, das wollte ich weitergeben

Irene in ihrem Friseursalon auf dem Gelände der Gulu-Behinderten-Station und mit Tochter Hope. Ihr Vater hält sich verborgen im Hintergrund. Jeden Abend betet sie. Ihr Fort­bewegungsmittel: ein Bobadoda (Motorrad-Taxi)

Irene hatte kaum geschlafen. Rebellen hatten das Haus nebenan gesprengt und den Nachbarn ermordet. Es herrschte Bürgerkrieg im Norden Ugandas. Sie ging aus dem Haus, um Wasser zu holen, da trat sie auf etwas. „Im selben Moment ging das Ding los“, erzählt Irene. „Ich wollte wegrennen, aber ich konnte nicht. Es tat sehr weh. Ich wusste nicht mal, was passiert war, bis Soldaten kamen, den Rauch sahen und mir dann erklärten, ich sei auf eine Landmine getreten.“ Als sie wieder aufwachte, lag sie im Krankenhaus von Gulu. Die untere Hälfte ihres rechten Beines war zerfetzt. Die Ärzte versuchten es zu retten. Vergeblich. Sie traten an Irenes Bett und sagten ihr, dass sie ihr halbes Bein verlieren würde, der Unterschenkel amputiert werden müsse. „Ich dachte nur: Hauptsache, ich überlebe das.“ Die Ärzte mussten Irene das Bein unterhalb des Knies abnehmen, um ihr Leben zu retten. Viele Wochen lag Irene im Krankenhaus. Bald darauf bekam sie von der italienischen NGO Avsi, die sich um Minenopfer in Nord-Uganda kümmert, eine Prothese. Irene lernte mit ihrem künstlichen Bein zu laufen. Und ahnte nicht, wie weit ihr Weg noch sein würde. „Ich habe mich vor der Welt versteckt, ich war ja plötzlich behindert“,

erzählt sie. Keine Chance, wie früher Netzball und Basketball zu spielen. „Mein Vater sagte: ‚Jetzt muss ich für dich sorgen wie für ein Kind.’ Das hat mich sehr beschämt.“ Ihr Mann kümmerte sich nicht um sie. Einmal besuchte er Irene im Krankenhaus – um sie zu informieren, dass es aus sei. „Wegen meiner Behinderung“, sagt sie, während ihr Tränen in die Augen schießen. Als Bäuerin konnte Irene nun nicht mehr arbeiten. Aber sie hatte zwei Kinder zu versorgen und keinen Mann mehr. Sie versuchte zunächst bestickte Decken zu verkaufen, doch das lief nicht. Mit Backwaren klappte es besser. Und sie half ehrenamtlich im Büro einer Organisation, die sich um die Landminenopfer in Gulu kümmert. „Ich hatte immer das Gefühl, auf mich wartet noch eine Aufgabe“, sagt sie. „Ich hatte mein Bein verloren, aber ich hatte das Leben wiedergewonnen. Ich war Gott dankbar, das wollte ich weitergeben.“ Ungefähr ein Jahr später, als Irene gerade auf dem Weg in die Stadt war, traf sie Monica Piloya, die ebenfalls eine Landmine überlebt hatte. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein waren. Die beiden Frauen gründeten eine ULSAOrtsgruppe, die sich von nun an regel-

mäßig traf. Traurig genug: Die Zahl der Mitglieder wuchs. Irene saß wie jeden Morgen vor dem Spiegel, machte sich ihre Haare und sprach mit ihrem Spiegelbild: „Irene, du siehst gut aus. Ein Teil von dir ist zwar unbrauchbar, aber du taugst noch zu ganz viel. Und dann dachte ich: Wenn ich mich selbst aufbauen kann, kann ich das auch bei anderen. Ich sollte etwas tun. Für mich und für die vielen Mädchen und Frauen, die nicht wissen, was sie machen sollen.“ Damit war die Idee zum Salon geboren. Sie schlug der Vereinigung der Landminen-Überlebenden vor, auf dem Gelände des Behindertenzentrums einen Friseur- und Kosmetiksalon aufzumachen. Ihr Vorschlag gefiel und sie bekam einen großen Spiegel, zwei Waschbecken, Schere und Trockenhauben geschenkt. Die Frauen konnten Produkte und ein paar Geräte für die Haar- und Schönheitspflege auftreiben. Im Februar 2010 begann die Ausbildung für Irene und neun weitere Frauen, alle Opfer der LRA. Ein halbes Jahr lang, fünf Tage die Woche, übten sie an Freundinnen und Bekannten, „das widerspenstige afrikanische Haar“ zu glätten und Fingernägel zu verschönern. Ihre Künste sprachen sich herum. Bald

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Unweit Ihres Hauses trat Irene auf eine Landmine, die ihr das rechte Bein zerfetzte

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Unweit Ihres Hauses trat Irene auf eine Landmine, die ihr das rechte Bein zerfetzte

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Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum beispiel goldene strähnen ins haar. das kommt bei den meisten frauen gut an

Tochter Hope guckt Fernsehen auf einem kleinen Empfänger. Der Blick auf Irenes Füße offenbart ihre Beinprothese

kamen immer mehr Kundinnen. Zuerst frage ich, was ich mit den Haaren machen soll“, erzählt Irene. „Viele haben keine Idee, sie fühlen sich unattraktiv. Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum Beispiel goldene Strähnen ins Haar. Das kommt bei den meisten Frauen gut an. Und hinterher mögen sie sich wieder im Spiegel anschauen und strahlen.“ Irene kann nicht lange stehen, arbeitet meistens im Sitzen. Die Leute verstehen das und setzen sich auf eine Matte am Boden. Manchmal lässt sie Videos laufen, meistens jedoch mag sie es still. „Während ich frisiere, meditiere ich ein bisschen oder bete“, sagt Irene. „Wenn ich dazu komme. Denn die meisten wollen über ihre Probleme reden.“ Bei den Frauen gehe es meistens um ihre Ehemänner, von denen sie sich schlecht behandelt fühlen. „Ich sage ihnen dann: Es gibt einen Mann, der nie enttäuscht: Jesus. Wenn du ihm dein Leben gibst, dann veränderst du dich, und dadurch verändert sich auch dein Leben mit deinem Mann. Manche kann ich überzeugen, andere nicht.“ Inzwischen kämen in den kleinen Salon auch Leute, deren Seele krank ist, sagt Irene. Früher seien sie zum Hexenarzt gegangen und hätten dort viel Geld

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gelassen. Denen sagt sie: „Behalte dein Geld. Vom Herrn bekommst du kostenlose Liebe. Ich kann keine Seelen heilen, aber ich versuche, die Menschen aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben.“ Manche finden, dass der Ort hier eine besondere Ausstrahlung habe. Neulich sei eine Frau gekommen, die einfach nur auf dem Gras vor dem Container schlafen wollte und sagte: „Wenn ich hier bin, fühle ich mich geborgen.“ Irene kann das verstehen. „Wenn ich morgens um halb neun meinen kleinen Salon aufschließe, singe ich“, erzählt sie. „Dann setze ich mich raus und lese in der Bibel.“ Gegen elf Uhr kommen die ersten Kunden. Heute lernt Irene sechs Frauen für ihrem kleinen Salon an. Einige sind Überlebende von Landminen, andere sind auf unterschiedliche Weise zum Opfer der LRA geworden, wie zum Beispiel auch die 22-jährige Miriam, die als Baby taub

wurde, als eine Bombe in ihrem Dorf Awach direkt nebenan explodierte. Viele der Lehrlinge haben in Irenes Salon einen Arbeitsplatz gefunden. So auch Christine, die ihre Kundinnen auch zu Hause besucht. Die zahlen ihr dann etwas mehr – für die Reisekosten. Manchmal reicht das Geld gerade aus, um die Schulgebühren für ihre fünf Kinder zu begleichen, gelegentlich bleibt auch etwas mehr übrig. Ein paar andere Frauen müssen, um über die Runden zu kommen, noch Schweine und Ziegen halten. Es ist ein tägliches Ringen ums Überleben. Irene verdient an die 15.000 Uganda Shilling (etwa 4,10 Euro) am Tag. Etwas davon investiert sie in Haarpflegeprodukte. Der Schönheitssalon, so sagt sie, habe auch sie schön gemacht: „Ich strahle jetzt!“ Der Text beinhalt Passagen aus dem Chrismon-Protokoll von Ariane Heimbach.

AMY FALLON , 32, reist viel. In Kampala / Uganda hat sie ihren momentanen Stützpunkt aufgeschlagen, wo sie für internationale Publikationen in Australien, Großbritannien und Afrika unterwegs ist. Über sieben Stunden reiste sie von Gulu nach Kampala, um Irene zu treffen und am Ende der strapaziösen Reise von ihr mit einer Verwöhnkur belohnt zu werden. Mehr über die Journalistin unter www.amyfallon.com


Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum beispiel goldene strähnen ins haar. das kommt bei den meisten frauen gut an

Tochter Hope guckt Fernsehen auf einem kleinen Empfänger. Der Blick auf Irenes Füße offenbart ihre Beinprothese

kamen immer mehr Kundinnen. Zuerst frage ich, was ich mit den Haaren machen soll“, erzählt Irene. „Viele haben keine Idee, sie fühlen sich unattraktiv. Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum Beispiel goldene Strähnen ins Haar. Das kommt bei den meisten Frauen gut an. Und hinterher mögen sie sich wieder im Spiegel anschauen und strahlen.“ Irene kann nicht lange stehen, arbeitet meistens im Sitzen. Die Leute verstehen das und setzen sich auf eine Matte am Boden. Manchmal lässt sie Videos laufen, meistens jedoch mag sie es still. „Während ich frisiere, meditiere ich ein bisschen oder bete“, sagt Irene. „Wenn ich dazu komme. Denn die meisten wollen über ihre Probleme reden.“ Bei den Frauen gehe es meistens um ihre Ehemänner, von denen sie sich schlecht behandelt fühlen. „Ich sage ihnen dann: Es gibt einen Mann, der nie enttäuscht: Jesus. Wenn du ihm dein Leben gibst, dann veränderst du dich, und dadurch verändert sich auch dein Leben mit deinem Mann. Manche kann ich überzeugen, andere nicht.“ Inzwischen kämen in den kleinen Salon auch Leute, deren Seele krank ist, sagt Irene. Früher seien sie zum Hexenarzt gegangen und hätten dort viel Geld

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gelassen. Denen sagt sie: „Behalte dein Geld. Vom Herrn bekommst du kostenlose Liebe. Ich kann keine Seelen heilen, aber ich versuche, die Menschen aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben.“ Manche finden, dass der Ort hier eine besondere Ausstrahlung habe. Neulich sei eine Frau gekommen, die einfach nur auf dem Gras vor dem Container schlafen wollte und sagte: „Wenn ich hier bin, fühle ich mich geborgen.“ Irene kann das verstehen. „Wenn ich morgens um halb neun meinen kleinen Salon aufschließe, singe ich“, erzählt sie. „Dann setze ich mich raus und lese in der Bibel.“ Gegen elf Uhr kommen die ersten Kunden. Heute lernt Irene sechs Frauen für ihrem kleinen Salon an. Einige sind Überlebende von Landminen, andere sind auf unterschiedliche Weise zum Opfer der LRA geworden, wie zum Beispiel auch die 22-jährige Miriam, die als Baby taub

wurde, als eine Bombe in ihrem Dorf Awach direkt nebenan explodierte. Viele der Lehrlinge haben in Irenes Salon einen Arbeitsplatz gefunden. So auch Christine, die ihre Kundinnen auch zu Hause besucht. Die zahlen ihr dann etwas mehr – für die Reisekosten. Manchmal reicht das Geld gerade aus, um die Schulgebühren für ihre fünf Kinder zu begleichen, gelegentlich bleibt auch etwas mehr übrig. Ein paar andere Frauen müssen, um über die Runden zu kommen, noch Schweine und Ziegen halten. Es ist ein tägliches Ringen ums Überleben. Irene verdient an die 15.000 Uganda Shilling (etwa 4,10 Euro) am Tag. Etwas davon investiert sie in Haarpflegeprodukte. Der Schönheitssalon, so sagt sie, habe auch sie schön gemacht: „Ich strahle jetzt!“ Der Text beinhalt Passagen aus dem Chrismon-Protokoll von Ariane Heimbach.

AMY FALLON , 32, reist viel. In Kampala / Uganda hat sie ihren momentanen Stützpunkt aufgeschlagen, wo sie für internationale Publikationen in Australien, Großbritannien und Afrika unterwegs ist. Über sieben Stunden reiste sie von Gulu nach Kampala, um Irene zu treffen und am Ende der strapaziösen Reise von ihr mit einer Verwöhnkur belohnt zu werden. Mehr über die Journalistin unter www.amyfallon.com


innenschau

jetzt oder nie

Tex t: Marie tta Duscher-Miehlich Foto: pl ainpic ture

Will ich mich nun fortpflanzen oder nicht? Diese Frage ist nicht immer so leicht zu entscheiden. Wird aber um so drängender, desto lauter die biologische Uhr tickt.

Ich komme ihr nicht mehr aus, dieser lästigen Frage. Sie liegt auf der Lauer. Beäugt mich. Glubscht mich mit großen Augen an. Will was von mir. Wird immer ungeduldiger, setzt mich langsam ganz schön unter Druck. Weil ich sie immer wieder an mir vorbeiziehen lasse und nicht antworte. Weil ich einfach keine klare Ansage machen kann, ob ich mich nun endlich fortpflanzen möchte oder nicht. Ich immer noch keine Entzückensschreie ausstoße, wenn ich in pausbackige Kindergesichter blicke. Meine Hormone dabei relativ gelassen bleiben. Ich mir immer noch denke, wie schön, nach drei Tagen Freundin-mit-Kind-Besuch meine Wohnung wieder für mich zu haben. Mich wieder zu haben. Aus den Kindtertentakeln befreit. Aufzuatmen. Und glücklich darüber zu sein, wie frei ich doch bin. Ohne Verantwortung für ein Wesen, das mich mit Haut und Haaren will. „Du wirst es bereuen, wenn du es nicht tust!“, meint meine Freundin Annette. Und auch meine Freundin Franzi, meine Freundin Claudia, meine Freundin Kerstin und meine Freundin Kristina. Alle haben sie bereits den Genkelch weitergereicht. Jede Geburt ein kleines Alarmlämpchen, das bei mir aufblinkte. Acht Lämpchen an der Zahl, aber immer noch kein Großalarm. Sich entscheiden zu können, das ist es, was es so schwierig macht. Was mich immer wieder abwägen lässt. Und es so schwer macht, zu sagen: Ich setz die Pille jetzt einfach ab. Denn: Ja, ich will! „Du musst es wirklich wollen“, sagt meine Freundin Claudia. „Sonst lass es.“ Und bin damit wieder keinen Schritt weiter. Überlege, in welchem Zustand ich mich befinden werde, wenn mein biologischer Zug bald abgefahren ist. Wenn es dann wirklich definitiv und endgültig ist: nichts geht mehr. Verdammt noch mal, warum kriegen Frauen heute nicht mehr einfach automatisch Kinder? So wie früher. So wie es bei meiner Mutter und auch bei meiner Großmutter war. Einfach so. Ohne groß überlegen zu können. Dann wäre es einfach ein Normalzustand, dass Frau im Allgemeinen auch irgendwann Mutter ist. Doch diese Überlegung bringt mich schon gar nicht weiter.

„Was ist eigentlich mit deinem Freund? Will der denn Kinder?“, werde ich gefragt. Doch dem geht’s genauso wie mir. Er weiß auch nicht, ob ein Leben ohne Kinder nicht ebenso Erfüllung bringt. Ob Dreisamkeit die Zweisamkeit erstickt. Ob die errungene Freiheit aus selbst gestalteter Arbeits-, Essens-, Schlafens- und Freizeit nicht wieder auf festes Regelwerk zurückgedreht wird, aus dem man sich einst aufatmend befreit hatte? Es gibt keine Antworten darauf. Keinen Testlauf, den man starten könnte, in Sachen Kind. Nur externe Erfahrungswerte und die sind ziemlich subjektiv. Nur das Hinein in ein Leben ohne Rückwärtsgang. Denn ein Kind, das bedeutet: Umtausch ausgeschlossen. Ich drehe mich im Kreis. Drehe mich immer schneller mit Marie, als meine Freundin mal wieder mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch ist. Wie sehr sie ihr doch ähnelt, denke ich: Die stahlblauen Augen, die trotzigen Lippen, die abstehenden Ohren. Und dieser Dickkopf – das ist Claudia in Kleinformat, komprimiert auf knapp einen Meter. Ein einzigartiges Wesen, in dem ich doch meine Freundin wiedererkenne. Und ich denke: Wie toll wäre es, wenn es einen kleinen Menschen gäbe, in dem auch ein Teil von mir stecken würde. Welches Wunder würde das sein und welch’ andere Perspektive auf mich selbst würde mir das vielleicht eröffnen? Wie faszinierend wäre es erst, wenn sich in diesem Menschen der Mann, den ich liebe, und ich vereinen würden? Und was würde bei dieser Mischung wohl herauskommen? Ich gerate ins Schwärmen und denke: Mehr kann Liebe wohl nicht hervorbringen. Und ich weiß: Irgendwann werde ich der Versuchung nicht mehr widerstehen können. Werde ich endlich eine Antwort auf die drängelnde Frage gefunden haben und mich auf das Wagnis Kind einlassen – ohne Waswäre-wenn-Szenarien im Kopf. Werde mich einfach aus dem Bauch heraus für den Babybauch entscheiden. Und endlich wissen, dass ich es wirklich will. Noah ist heute vier Jahre alt.

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innenschau

jetzt oder nie

Tex t: Marie tta Duscher-Miehlich Foto: pl ainpic ture

Will ich mich nun fortpflanzen oder nicht? Diese Frage ist nicht immer so leicht zu entscheiden. Wird aber um so drängender, desto lauter die biologische Uhr tickt.

Ich komme ihr nicht mehr aus, dieser lästigen Frage. Sie liegt auf der Lauer. Beäugt mich. Glubscht mich mit großen Augen an. Will was von mir. Wird immer ungeduldiger, setzt mich langsam ganz schön unter Druck. Weil ich sie immer wieder an mir vorbeiziehen lasse und nicht antworte. Weil ich einfach keine klare Ansage machen kann, ob ich mich nun endlich fortpflanzen möchte oder nicht. Ich immer noch keine Entzückensschreie ausstoße, wenn ich in pausbackige Kindergesichter blicke. Meine Hormone dabei relativ gelassen bleiben. Ich mir immer noch denke, wie schön, nach drei Tagen Freundin-mit-Kind-Besuch meine Wohnung wieder für mich zu haben. Mich wieder zu haben. Aus den Kindtertentakeln befreit. Aufzuatmen. Und glücklich darüber zu sein, wie frei ich doch bin. Ohne Verantwortung für ein Wesen, das mich mit Haut und Haaren will. „Du wirst es bereuen, wenn du es nicht tust!“, meint meine Freundin Annette. Und auch meine Freundin Franzi, meine Freundin Claudia, meine Freundin Kerstin und meine Freundin Kristina. Alle haben sie bereits den Genkelch weitergereicht. Jede Geburt ein kleines Alarmlämpchen, das bei mir aufblinkte. Acht Lämpchen an der Zahl, aber immer noch kein Großalarm. Sich entscheiden zu können, das ist es, was es so schwierig macht. Was mich immer wieder abwägen lässt. Und es so schwer macht, zu sagen: Ich setz die Pille jetzt einfach ab. Denn: Ja, ich will! „Du musst es wirklich wollen“, sagt meine Freundin Claudia. „Sonst lass es.“ Und bin damit wieder keinen Schritt weiter. Überlege, in welchem Zustand ich mich befinden werde, wenn mein biologischer Zug bald abgefahren ist. Wenn es dann wirklich definitiv und endgültig ist: nichts geht mehr. Verdammt noch mal, warum kriegen Frauen heute nicht mehr einfach automatisch Kinder? So wie früher. So wie es bei meiner Mutter und auch bei meiner Großmutter war. Einfach so. Ohne groß überlegen zu können. Dann wäre es einfach ein Normalzustand, dass Frau im Allgemeinen auch irgendwann Mutter ist. Doch diese Überlegung bringt mich schon gar nicht weiter.

„Was ist eigentlich mit deinem Freund? Will der denn Kinder?“, werde ich gefragt. Doch dem geht’s genauso wie mir. Er weiß auch nicht, ob ein Leben ohne Kinder nicht ebenso Erfüllung bringt. Ob Dreisamkeit die Zweisamkeit erstickt. Ob die errungene Freiheit aus selbst gestalteter Arbeits-, Essens-, Schlafens- und Freizeit nicht wieder auf festes Regelwerk zurückgedreht wird, aus dem man sich einst aufatmend befreit hatte? Es gibt keine Antworten darauf. Keinen Testlauf, den man starten könnte, in Sachen Kind. Nur externe Erfahrungswerte und die sind ziemlich subjektiv. Nur das Hinein in ein Leben ohne Rückwärtsgang. Denn ein Kind, das bedeutet: Umtausch ausgeschlossen. Ich drehe mich im Kreis. Drehe mich immer schneller mit Marie, als meine Freundin mal wieder mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch ist. Wie sehr sie ihr doch ähnelt, denke ich: Die stahlblauen Augen, die trotzigen Lippen, die abstehenden Ohren. Und dieser Dickkopf – das ist Claudia in Kleinformat, komprimiert auf knapp einen Meter. Ein einzigartiges Wesen, in dem ich doch meine Freundin wiedererkenne. Und ich denke: Wie toll wäre es, wenn es einen kleinen Menschen gäbe, in dem auch ein Teil von mir stecken würde. Welches Wunder würde das sein und welch’ andere Perspektive auf mich selbst würde mir das vielleicht eröffnen? Wie faszinierend wäre es erst, wenn sich in diesem Menschen der Mann, den ich liebe, und ich vereinen würden? Und was würde bei dieser Mischung wohl herauskommen? Ich gerate ins Schwärmen und denke: Mehr kann Liebe wohl nicht hervorbringen. Und ich weiß: Irgendwann werde ich der Versuchung nicht mehr widerstehen können. Werde ich endlich eine Antwort auf die drängelnde Frage gefunden haben und mich auf das Wagnis Kind einlassen – ohne Waswäre-wenn-Szenarien im Kopf. Werde mich einfach aus dem Bauch heraus für den Babybauch entscheiden. Und endlich wissen, dass ich es wirklich will. Noah ist heute vier Jahre alt.

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Die Unvollendete Text: Gunthild kupitz Fotos: hermann landshoff, abby robinson

Der deutsch-amerikanischen Künstlerin Eva Hesse blieben nur zehn Jahre, um ihre Sprache zu finden und Werke von großer Sinnlichkeit und Radikalität zu schaffen. Eine Entdeckung.

Als gäbe es für sie eine Zukunft. Als würde sie schon bald wieder in ihrem Atelier arbeiten. Als hätte sie nicht diesen Tumor im Kopf. Aber er ist da. Und sie weiß es; weiß, dass sie dieses Mal daran sterben wird. Zwei Mal war die Geschwulst im New Yorker Memorial Hospital bereits entfernt worden; der erste Eingriff liegt neun Monate zurück, der zweite fünf. Die nächste Operation wird die letzte sein. Eva Hesse ist 34. Sie hat durch die Strahlen- und Chemotherapie ihre Haare verloren, ihren Geschmackssinn, ihren Geruchssinn. Ihr Gesicht ist aufgeschwemmt vom Cortison und sie selbst so schwach, dass sie das Interview, das die Kunstkritikerin Cindy Nemser im Januar 1970 mit ihr für das Magazin „Artforum“ führt, nur mit tagelangen Unterbrechungen bewältigt. Dennoch sagt sie Sätze wie: „Das Material, auf das ich noch immer am meisten erpicht bin, ist Gummi“, sagt: „Sobald ich wieder mit Fiberglas arbeite“ – so, als würde sie nur eine kurze Schaffenspause einlegen. Kunst – das ist Hesses Leben, dem nahen Tod zum Trotz. Und „Artforum“ – das ist das wichtigste und einflussreichste Kunstmagazin der USA. Entsprechend offen und ausführlich antwortet Hesse auf Nemsers Fragen; erzählt von der Flucht ihrer jüdi-

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schen Familie aus Hamburg und von der Ankunft in New York im Sommer 1939; erzählt von ihrer depressiven Mutter, der engen Beziehung zu ihrem Vater, ihrer lebenslangen Angst, verlassen zu werden; erzählt von ihrem Gehirntumor und ihren Depressionen. Vor allem aber spricht Hesse über Kunst. Natürlich. Über ihre Werke, ihre persönliche Entwicklung, über ihre Arbeitsweise, ihre Vorbilder. Sie tut das so reflektiert, so selbstbewusst, vertritt so entschieden ihre Haltung, dass es wirkt, als nutze sie das Gespräch als öffentliches Vermächtnis, ja, als wolle sie – bewusst oder unbewusst – die künftige Rezeption ihrer Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen in ihrem Sinne beeinflussen – und das Urteil über ihre Person gleich mit: „Ich habe gigantische Kräfte, meine Arbeit ist stark, meine ganze Persönlichkeit ist von innen heraus stark.“ Dass sie zu den ganz Großen gehört, weiß Hesse, und die Kunstwelt weiß es auch. Spätestens seit der Veröffentlichung des Interviews im Mai 1970. Denn das „Artforum“ feiert sie in seiner Ausgabe nicht nur als „aufregendes Talent“ und kommenden Star, sondern wählt mit „Contingent“ auch eine ihrer letzten Arbeiten als Titelbild. Es zeigt die acht unterschiedlich langen, mit durchsichtigem Polyesterharz überzoge-

nen Stoffbahnen der Installation, die hintereinander aufgereiht von der Decke hängen. Da das Licht je nach Einfallwinkel in unterschiedliche Richtungen reflektiert wird, geht von dem Werk eine eigentümliche Leuchtkraft aus – ein Merkmal sämtlicher Polyesterharzarbeiten Hesses. „Die haben eine ganz große Sinnlichkeit“, beschreibt Brigitte Kölle ihre Wirkung. Die promovierte Kunsthistorikerin leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Roettig die Galerie der Gegenwart an der Hamburger Kunsthalle; und gemeinsam kuratieren sie die Ausstellung „Eva Hesse. One more than one“, die dort von Ende November bis Anfang März nächsten Jahres zu sehen sein wird. Ihr Schwerpunkt: Hesses späte Arbeiten von Mitte bis Ende der 1960er-Jahre. „Die verschlagen einem dem Atem“, sagt Kölle. Denn mit denen habe Hesse eine Radikalität erreicht, die kaum zu übertreffen sei. Kein Wunder also, dass auch Kasper König, der langjährige Direktor des Museum Ludwig in Köln, Hesse zu den zehn wichtigsten zeitgenössischen Künstlern zählt – und zwar gleich nach Manzoni, Matisse und Pollock und noch vor Warhol. Längst ist sie heute in den weltweit bedeutendsten Museen vertreten: in der Tate Modern in London, dem Centre Pompidou in Paris, dem Whitney in

foto: Hermann L andshoff © Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth, Zürich London / Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotogr afie, Archiv L andshoff

Eva Hesse: Kunst als Halt gegen Unruhe und emotionales Durcheinander

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Die Unvollendete Text: Gunthild kupitz Fotos: hermann landshoff, abby robinson

Der deutsch-amerikanischen Künstlerin Eva Hesse blieben nur zehn Jahre, um ihre Sprache zu finden und Werke von großer Sinnlichkeit und Radikalität zu schaffen. Eine Entdeckung.

Als gäbe es für sie eine Zukunft. Als würde sie schon bald wieder in ihrem Atelier arbeiten. Als hätte sie nicht diesen Tumor im Kopf. Aber er ist da. Und sie weiß es; weiß, dass sie dieses Mal daran sterben wird. Zwei Mal war die Geschwulst im New Yorker Memorial Hospital bereits entfernt worden; der erste Eingriff liegt neun Monate zurück, der zweite fünf. Die nächste Operation wird die letzte sein. Eva Hesse ist 34. Sie hat durch die Strahlen- und Chemotherapie ihre Haare verloren, ihren Geschmackssinn, ihren Geruchssinn. Ihr Gesicht ist aufgeschwemmt vom Cortison und sie selbst so schwach, dass sie das Interview, das die Kunstkritikerin Cindy Nemser im Januar 1970 mit ihr für das Magazin „Artforum“ führt, nur mit tagelangen Unterbrechungen bewältigt. Dennoch sagt sie Sätze wie: „Das Material, auf das ich noch immer am meisten erpicht bin, ist Gummi“, sagt: „Sobald ich wieder mit Fiberglas arbeite“ – so, als würde sie nur eine kurze Schaffenspause einlegen. Kunst – das ist Hesses Leben, dem nahen Tod zum Trotz. Und „Artforum“ – das ist das wichtigste und einflussreichste Kunstmagazin der USA. Entsprechend offen und ausführlich antwortet Hesse auf Nemsers Fragen; erzählt von der Flucht ihrer jüdi-

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schen Familie aus Hamburg und von der Ankunft in New York im Sommer 1939; erzählt von ihrer depressiven Mutter, der engen Beziehung zu ihrem Vater, ihrer lebenslangen Angst, verlassen zu werden; erzählt von ihrem Gehirntumor und ihren Depressionen. Vor allem aber spricht Hesse über Kunst. Natürlich. Über ihre Werke, ihre persönliche Entwicklung, über ihre Arbeitsweise, ihre Vorbilder. Sie tut das so reflektiert, so selbstbewusst, vertritt so entschieden ihre Haltung, dass es wirkt, als nutze sie das Gespräch als öffentliches Vermächtnis, ja, als wolle sie – bewusst oder unbewusst – die künftige Rezeption ihrer Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen in ihrem Sinne beeinflussen – und das Urteil über ihre Person gleich mit: „Ich habe gigantische Kräfte, meine Arbeit ist stark, meine ganze Persönlichkeit ist von innen heraus stark.“ Dass sie zu den ganz Großen gehört, weiß Hesse, und die Kunstwelt weiß es auch. Spätestens seit der Veröffentlichung des Interviews im Mai 1970. Denn das „Artforum“ feiert sie in seiner Ausgabe nicht nur als „aufregendes Talent“ und kommenden Star, sondern wählt mit „Contingent“ auch eine ihrer letzten Arbeiten als Titelbild. Es zeigt die acht unterschiedlich langen, mit durchsichtigem Polyesterharz überzoge-

nen Stoffbahnen der Installation, die hintereinander aufgereiht von der Decke hängen. Da das Licht je nach Einfallwinkel in unterschiedliche Richtungen reflektiert wird, geht von dem Werk eine eigentümliche Leuchtkraft aus – ein Merkmal sämtlicher Polyesterharzarbeiten Hesses. „Die haben eine ganz große Sinnlichkeit“, beschreibt Brigitte Kölle ihre Wirkung. Die promovierte Kunsthistorikerin leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Roettig die Galerie der Gegenwart an der Hamburger Kunsthalle; und gemeinsam kuratieren sie die Ausstellung „Eva Hesse. One more than one“, die dort von Ende November bis Anfang März nächsten Jahres zu sehen sein wird. Ihr Schwerpunkt: Hesses späte Arbeiten von Mitte bis Ende der 1960er-Jahre. „Die verschlagen einem dem Atem“, sagt Kölle. Denn mit denen habe Hesse eine Radikalität erreicht, die kaum zu übertreffen sei. Kein Wunder also, dass auch Kasper König, der langjährige Direktor des Museum Ludwig in Köln, Hesse zu den zehn wichtigsten zeitgenössischen Künstlern zählt – und zwar gleich nach Manzoni, Matisse und Pollock und noch vor Warhol. Längst ist sie heute in den weltweit bedeutendsten Museen vertreten: in der Tate Modern in London, dem Centre Pompidou in Paris, dem Whitney in

foto: Hermann L andshoff © Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth, Zürich London / Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotogr afie, Archiv L andshoff

Eva Hesse: Kunst als Halt gegen Unruhe und emotionales Durcheinander

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sie war nicht nur begabt, sie war sehr ehrgeizig und immer auf ein einziges ziel gerichtet – nach oben zu gelangen

Hesse, Eva (1936-1970): Untitled (1966) New York, Museum of Modern Art (MoMA). Pencil, wash and brush on paper, 13 x 25 (34,8 x 63,6 cm). Gift of Mr. and Mrs. Herbert Fischbach. 1016.1969 © 2013. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala Florence

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Fotos: © The Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth

Eva Hesse: Ohne Titel, 1965, Email, baumwollummantelter Gummischlauch und baumwollummantelter Metallring Moderna Museet, Stockholm, Photo Moderna Museet/Stockholm

New York, dem MoMA in San Francisco. 100 Skulpturen listet ihr Werkverzeichnis auf, außerdem 850 Zeichnungen sowie 111 Gemälde, geschaffen in nur knapp zehn Jahren. Wenn heute etwas davon versteigert wird, belaufen sich die Summen meist auf mehrere Millionen. Doch Hesse selbst konnte nie ganz allein von dem Verkauf ihrer Arbeiten leben. Sie ist 16, als sie beschließt, Künstlerin zu werden. Sie spürt eine Sehnsucht, „etwas aus sich selbst heraus zu schaffen“, schreibt sie in ihr Tagebuch; spürt, „dass Kunst genau der Halt im Leben sein könnte, den sie mal brauchen würde gegen ihre ‚Unruhe und das emotionale Durcheinander’“, interpretiert Hesse-Biograf Michael Jürgs in „Eine berührbare Frau“ ihre Aufzeichnungen. Ähnlich, nur knapper, formuliert es Mel Bochner, der amerikanische Konzeptkünstler und enger Freund Hesses: „Es war für sie der Weg, ihre eigene Identität zu finden.“ 1957, mit 21, schreibt sie sich an der Yale School of Art and Architecture in New Haven, Connecticut, ein. Dort studiert sie unter anderem bei dem deutschstämmigen Josef Albers, der lange Jahre am Bauhaus gelehrt hatte. Doch zu dessen Missfallen folgt seine Lieblingsschülerin weniger seiner objektiven Farbenlehre als vielmehr ihrem großen Vorbild Willem de Kooning, der als Vertreter des abstrakten Expressionisten mit wildem Strich einen subjektiven Umgang mit Farbe pflegt. Ein Stil, der Hesse

auch noch prägt, als sie zwei Jahre später mit dem Abschluss in der Tasche nach New York zurückkehrt. In Soho findet sie bald ein billiges Atelier und eine winzige Wohnung. Sie jobbt in einem Schmuckladen, um die Mieten bezahlen zu können, das Essen, die Farben und die Rechnungen von ihrem Psychiater, Dr. Samuel Dunkell. Den sucht sie regelmäßig wegen ihrer Angstzustände auf, die sie begleiten, seit sie Nazi-Deutschland zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Helen per Kindertransport ohne die Eltern verlassen musste. Und wenn nicht gerade Dienstagabend ist, an denen im Village die „opening parties“ mit Galerie- und Atelierbesuchen stattfinden, dann malt Hesse: Anfangs sind es noch Landschaften, danach hauptsächlich menschliche Figuren: Einzel-, Doppel- und Selbstporträts, vorwiegend in Grau, Braun, Schwarz; später werden die Gemälde farbiger und abstrakter, parallel entsteht eine Serie von Tuschezeichnungen auf Papier. Im Sommer 1960 lernt Hesse den acht Jahre älteren Sol LeWitt kennen, der zu jener Zeit vor allem Kataloge und Plakate fürs MoMA entwirft und erst später als Konzeptkünstler berühmt werden sollte. LeWitt verliebt sich in die 1,58-Meter kleine, hocherotische Frau, die ständig über Kunst redet, in ihre langen, schwarzen Haare, die dunkle Stimme, den großen Busen. Doch „weil er mich an meinen Vater erinnert“, wie sie

in ihrem Tagebuch notiert, wird er nie ihr Liebhaber. Stattdessen ihr bester, ihr wichtigster Freund. Dann, im April 1961, endlich ihre erste, richtige Ausstellung. Endlich. Die John Heller Gallery zeigt unter dem Titel „Drawings, 3 Young Americans“ Tuschearbeiten von ihr sowie Werke zweier Kollegen. Obwohl nichts verkauft wird, ist Hesse überglücklich: Sie wird wahrgenommen. „Sie war nicht nur begabt“, erinnert sich Kaspar König, der ihr damals in New York begegnet ist, „sie war sehr ehrgeizig und immer auf ein einziges Ziel gerichtet – nach oben zu gelangen.“ Dass das in der von Männern dominierten Kunstwelt nicht einfach werden würde, weiß Hesse. Schließlich sind die meisten Galeristen Männer, die meisten Museumsleute auch, ebenso die meisten Kritiker. Und die Künstler? Sind in der Mehrzahl Machos. Künstlerinnen nehmen sie nicht besonders ernst; deren Rolle sei nämlich „to cook and to be fucked“, zu kochen und gefickt zu werden. Auch Hesse kennt den Spruch von Atelierfesten. Einen Tag nach ihrer eigenen Vernissage geht sie zur Ausstellungseröffnung eines Bildhauers, der interessante Sachen aus Holz machen soll: Tom Doyle, 33, gelernter Zimmermann. Als sie sich auf dem anschließenden Fest begegnen, verlieben sie sich heftig ineinander; sieben Monate später heiraten sie. Doch schon bald treten Spannungen auf. Zu dem Konkurrenzdruck, den Hesse dem

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sie war nicht nur begabt, sie war sehr ehrgeizig und immer auf ein einziges ziel gerichtet – nach oben zu gelangen

Hesse, Eva (1936-1970): Untitled (1966) New York, Museum of Modern Art (MoMA). Pencil, wash and brush on paper, 13 x 25 (34,8 x 63,6 cm). Gift of Mr. and Mrs. Herbert Fischbach. 1016.1969 © 2013. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala Florence

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Fotos: © The Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth

Eva Hesse: Ohne Titel, 1965, Email, baumwollummantelter Gummischlauch und baumwollummantelter Metallring Moderna Museet, Stockholm, Photo Moderna Museet/Stockholm

New York, dem MoMA in San Francisco. 100 Skulpturen listet ihr Werkverzeichnis auf, außerdem 850 Zeichnungen sowie 111 Gemälde, geschaffen in nur knapp zehn Jahren. Wenn heute etwas davon versteigert wird, belaufen sich die Summen meist auf mehrere Millionen. Doch Hesse selbst konnte nie ganz allein von dem Verkauf ihrer Arbeiten leben. Sie ist 16, als sie beschließt, Künstlerin zu werden. Sie spürt eine Sehnsucht, „etwas aus sich selbst heraus zu schaffen“, schreibt sie in ihr Tagebuch; spürt, „dass Kunst genau der Halt im Leben sein könnte, den sie mal brauchen würde gegen ihre ‚Unruhe und das emotionale Durcheinander’“, interpretiert Hesse-Biograf Michael Jürgs in „Eine berührbare Frau“ ihre Aufzeichnungen. Ähnlich, nur knapper, formuliert es Mel Bochner, der amerikanische Konzeptkünstler und enger Freund Hesses: „Es war für sie der Weg, ihre eigene Identität zu finden.“ 1957, mit 21, schreibt sie sich an der Yale School of Art and Architecture in New Haven, Connecticut, ein. Dort studiert sie unter anderem bei dem deutschstämmigen Josef Albers, der lange Jahre am Bauhaus gelehrt hatte. Doch zu dessen Missfallen folgt seine Lieblingsschülerin weniger seiner objektiven Farbenlehre als vielmehr ihrem großen Vorbild Willem de Kooning, der als Vertreter des abstrakten Expressionisten mit wildem Strich einen subjektiven Umgang mit Farbe pflegt. Ein Stil, der Hesse

auch noch prägt, als sie zwei Jahre später mit dem Abschluss in der Tasche nach New York zurückkehrt. In Soho findet sie bald ein billiges Atelier und eine winzige Wohnung. Sie jobbt in einem Schmuckladen, um die Mieten bezahlen zu können, das Essen, die Farben und die Rechnungen von ihrem Psychiater, Dr. Samuel Dunkell. Den sucht sie regelmäßig wegen ihrer Angstzustände auf, die sie begleiten, seit sie Nazi-Deutschland zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Helen per Kindertransport ohne die Eltern verlassen musste. Und wenn nicht gerade Dienstagabend ist, an denen im Village die „opening parties“ mit Galerie- und Atelierbesuchen stattfinden, dann malt Hesse: Anfangs sind es noch Landschaften, danach hauptsächlich menschliche Figuren: Einzel-, Doppel- und Selbstporträts, vorwiegend in Grau, Braun, Schwarz; später werden die Gemälde farbiger und abstrakter, parallel entsteht eine Serie von Tuschezeichnungen auf Papier. Im Sommer 1960 lernt Hesse den acht Jahre älteren Sol LeWitt kennen, der zu jener Zeit vor allem Kataloge und Plakate fürs MoMA entwirft und erst später als Konzeptkünstler berühmt werden sollte. LeWitt verliebt sich in die 1,58-Meter kleine, hocherotische Frau, die ständig über Kunst redet, in ihre langen, schwarzen Haare, die dunkle Stimme, den großen Busen. Doch „weil er mich an meinen Vater erinnert“, wie sie

in ihrem Tagebuch notiert, wird er nie ihr Liebhaber. Stattdessen ihr bester, ihr wichtigster Freund. Dann, im April 1961, endlich ihre erste, richtige Ausstellung. Endlich. Die John Heller Gallery zeigt unter dem Titel „Drawings, 3 Young Americans“ Tuschearbeiten von ihr sowie Werke zweier Kollegen. Obwohl nichts verkauft wird, ist Hesse überglücklich: Sie wird wahrgenommen. „Sie war nicht nur begabt“, erinnert sich Kaspar König, der ihr damals in New York begegnet ist, „sie war sehr ehrgeizig und immer auf ein einziges Ziel gerichtet – nach oben zu gelangen.“ Dass das in der von Männern dominierten Kunstwelt nicht einfach werden würde, weiß Hesse. Schließlich sind die meisten Galeristen Männer, die meisten Museumsleute auch, ebenso die meisten Kritiker. Und die Künstler? Sind in der Mehrzahl Machos. Künstlerinnen nehmen sie nicht besonders ernst; deren Rolle sei nämlich „to cook and to be fucked“, zu kochen und gefickt zu werden. Auch Hesse kennt den Spruch von Atelierfesten. Einen Tag nach ihrer eigenen Vernissage geht sie zur Ausstellungseröffnung eines Bildhauers, der interessante Sachen aus Holz machen soll: Tom Doyle, 33, gelernter Zimmermann. Als sie sich auf dem anschließenden Fest begegnen, verlieben sie sich heftig ineinander; sieben Monate später heiraten sie. Doch schon bald treten Spannungen auf. Zu dem Konkurrenzdruck, den Hesse dem

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mein leben und meine kunst waren nie voneinander zu trennen – sie gehörten zusammen

erfolgreicheren Doyle gegenüber verspürt, kommt das frustrierende Ringen in ihrer Arbeit, die „Suche nach mir selbst“, wie sie sich im Interview mit Nemser erinnert. „Ich sollte vielleicht nicht zugeben, dass ich mich zurückentwickelte, aber ich tat es, weil er ein reiferer, erfahrenerer Künstler war.“ Belastet wird die Beziehung jedoch auch durch ihre – zum Teil berechtigte – Eifersucht, denn ihr Mann zieht oft und ohne sie um die Häuser. Ihre Ehe ist nach zwei Jahren fast am Ende, als Tom Doyle von dem deutschen Textilfabrikanten Friedrich Arnhard Scheidt eingeladen wird, sein Atelier für ein Jahr nach Kettwig zu verlegen. Dort könne der Bildhauer in einer stillgelegten Fabriketage wohnen und arbeiten, bekäme außerdem jeden Monat 600 Mark für seine sonstigen Ausgaben und seine Frau, die Malerin, dürfe ihn gerne begleiten, wenn sie denn wolle. Hesse will. Sie hofft darauf, durch die Zeit zu zweit ihre Liebe zu retten, ja, durch die Reise vielleicht sogar ihre Alpträume und Angstattacken loszuwerden, die sie seit der traumatischen Flucht ein Vierteljahrhundert zuvor regelmäßig überfallen. Und: Ein Jahr lang würde das Paar keine Geldsorgen haben, was auch nicht ganz unwichtig ist. Im Juni 1964 treffen die Künstler in Kettwig ein. Das erste halbe Jahr reisen sie viel: nach Kassel zur documenta III, nach Brüssel, Paris, Amsterdam, Zürich, besuchen Museen, Galerien, Ateliers. Zurück in Kettwig zeichnet Hesse

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anstelle der Boxen wie noch in New York die in der Fabrik herumliegen Spindeln, Stäbe, Schrauben – doch dreidimensional auch sie. Als sie sich bei Doyle wieder einmal beklagt, dass eine Zeichnung misslungen sei und überhaupt ihre Arbeit stagniere, rät er ihr mit dem Material etwas anderes zu machen. Und das tut sie. Statt es abzuzeichnen, benutzt sie es: verknotet Drähte und Kordeln, taucht Seilstücke in Gips, verwendet Spanplatten und Spachtelmasse. 14 Reliefs, 14 hängende Skulpturen, entstehen auf diese Weise. Als Hesse im Herbst 1965 aus Deutschland zurückkehrt, ist aus der Malerin eine Bildhauerin geworden. „Sie hat damit ihre eigentliche Sprache gefunden“, resümiert Kuratorin Kölle. Ein paar Monate später trennt sich das Paar. Trotz Hesses großem Kummer darüber, trotz des verstärkten Auftretens der Depressionen und der Verlustängste – ihr Ehrgeiz als Künstlerin ist größer. Und sie entdeckt mit Latex ein neues Material, experimentiert später zusätzlich auch mit Fiberglass, Acryl und Polyesterharz. Die Objekte,

die daaus entstehen – Stäbe, Röhren und Boxen –, zeigt sie 1968 in der Fischbach Gallery. Es ist ihre erste Einzelausstellung und ein großer Erfolg: Der wichtigste Kritiker der „New York Times“ schreibt lobende Worte, und auch im „Artforum“ ist die Besprechung sehr positiv. 1969, Anfang April bricht Hesse mit Kopfschmerzen und Brechanfällen zusammen. Die Diagnose lautet: Gehirntumor im fortgeschrittenen Stadium. Ein Jahr wird ihr nach der Operation noch bleiben. Um zu leben, um zu arbeiten und um das zu werden, was sie Nemser gegenüber als ihr Ziel beschreibt: „So viel Eva wie möglich – als Künstlerin und als Person.“ Vom 29. November bis 2. März 2014 werden in der Hamburger Kunsthalle unter dem Titel „Eva Hesse. One more than one.“ rund 100 Zeichnungen, Collagen, Installationen und Skulpturen zu sehen sein, außerdem Werke von Hesses Zeitgenossen und Weggefährten wie Sol LeWitt, Carl Andre und Bill Bollinger.

Gunthild kupitz, Jahrgang 1966, lebt und arbeitet in Hamburg als Autorin und freie Textchefin. In München hat sie Kunstgesschichte studiert. Umso spannender fand sie es, sich einmal intensiv mit Eva Hesses beeindruckendem Werk und ihrer faszinierenden Person auseinanderzusetzen.

Foto: Abby Robinson, New York , © The Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth Zürich London

Eva Hesse Accretion, 1968 Fiberglass, polyester resin, Installation variable, 50 units, each: 147,5 x 6,3 cm, Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo

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mein leben und meine kunst waren nie voneinander zu trennen – sie gehörten zusammen

erfolgreicheren Doyle gegenüber verspürt, kommt das frustrierende Ringen in ihrer Arbeit, die „Suche nach mir selbst“, wie sie sich im Interview mit Nemser erinnert. „Ich sollte vielleicht nicht zugeben, dass ich mich zurückentwickelte, aber ich tat es, weil er ein reiferer, erfahrenerer Künstler war.“ Belastet wird die Beziehung jedoch auch durch ihre – zum Teil berechtigte – Eifersucht, denn ihr Mann zieht oft und ohne sie um die Häuser. Ihre Ehe ist nach zwei Jahren fast am Ende, als Tom Doyle von dem deutschen Textilfabrikanten Friedrich Arnhard Scheidt eingeladen wird, sein Atelier für ein Jahr nach Kettwig zu verlegen. Dort könne der Bildhauer in einer stillgelegten Fabriketage wohnen und arbeiten, bekäme außerdem jeden Monat 600 Mark für seine sonstigen Ausgaben und seine Frau, die Malerin, dürfe ihn gerne begleiten, wenn sie denn wolle. Hesse will. Sie hofft darauf, durch die Zeit zu zweit ihre Liebe zu retten, ja, durch die Reise vielleicht sogar ihre Alpträume und Angstattacken loszuwerden, die sie seit der traumatischen Flucht ein Vierteljahrhundert zuvor regelmäßig überfallen. Und: Ein Jahr lang würde das Paar keine Geldsorgen haben, was auch nicht ganz unwichtig ist. Im Juni 1964 treffen die Künstler in Kettwig ein. Das erste halbe Jahr reisen sie viel: nach Kassel zur documenta III, nach Brüssel, Paris, Amsterdam, Zürich, besuchen Museen, Galerien, Ateliers. Zurück in Kettwig zeichnet Hesse

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anstelle der Boxen wie noch in New York die in der Fabrik herumliegen Spindeln, Stäbe, Schrauben – doch dreidimensional auch sie. Als sie sich bei Doyle wieder einmal beklagt, dass eine Zeichnung misslungen sei und überhaupt ihre Arbeit stagniere, rät er ihr mit dem Material etwas anderes zu machen. Und das tut sie. Statt es abzuzeichnen, benutzt sie es: verknotet Drähte und Kordeln, taucht Seilstücke in Gips, verwendet Spanplatten und Spachtelmasse. 14 Reliefs, 14 hängende Skulpturen, entstehen auf diese Weise. Als Hesse im Herbst 1965 aus Deutschland zurückkehrt, ist aus der Malerin eine Bildhauerin geworden. „Sie hat damit ihre eigentliche Sprache gefunden“, resümiert Kuratorin Kölle. Ein paar Monate später trennt sich das Paar. Trotz Hesses großem Kummer darüber, trotz des verstärkten Auftretens der Depressionen und der Verlustängste – ihr Ehrgeiz als Künstlerin ist größer. Und sie entdeckt mit Latex ein neues Material, experimentiert später zusätzlich auch mit Fiberglass, Acryl und Polyesterharz. Die Objekte,

die daaus entstehen – Stäbe, Röhren und Boxen –, zeigt sie 1968 in der Fischbach Gallery. Es ist ihre erste Einzelausstellung und ein großer Erfolg: Der wichtigste Kritiker der „New York Times“ schreibt lobende Worte, und auch im „Artforum“ ist die Besprechung sehr positiv. 1969, Anfang April bricht Hesse mit Kopfschmerzen und Brechanfällen zusammen. Die Diagnose lautet: Gehirntumor im fortgeschrittenen Stadium. Ein Jahr wird ihr nach der Operation noch bleiben. Um zu leben, um zu arbeiten und um das zu werden, was sie Nemser gegenüber als ihr Ziel beschreibt: „So viel Eva wie möglich – als Künstlerin und als Person.“ Vom 29. November bis 2. März 2014 werden in der Hamburger Kunsthalle unter dem Titel „Eva Hesse. One more than one.“ rund 100 Zeichnungen, Collagen, Installationen und Skulpturen zu sehen sein, außerdem Werke von Hesses Zeitgenossen und Weggefährten wie Sol LeWitt, Carl Andre und Bill Bollinger.

Gunthild kupitz, Jahrgang 1966, lebt und arbeitet in Hamburg als Autorin und freie Textchefin. In München hat sie Kunstgesschichte studiert. Umso spannender fand sie es, sich einmal intensiv mit Eva Hesses beeindruckendem Werk und ihrer faszinierenden Person auseinanderzusetzen.

Foto: Abby Robinson, New York , © The Estate of E va Hesse. Courtesy Hauser & Wirth Zürich London

Eva Hesse Accretion, 1968 Fiberglass, polyester resin, Installation variable, 50 units, each: 147,5 x 6,3 cm, Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo

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golden girl

daggy prüter Arbeit hält sie jung, Freundschaften lebendig und Optimus hat sie sowieso genug. Daggy Prüter bleibt in ihrem Leben am Ball – nicht nur als langjähriger HSV-Fan.

Der Laden ist voll, alle Kassen sind besetzt bei Edeka Niemerszein in Hamburg-Eimsbüttel. Anstehen muss keiner lange. Es sei denn, er hat ein besonderes Ziel: Daggy Prüter, 71, an der Kasse ganz rechts außen. Das feine Silberhaar schwingt bei jeder Bewegung, die perfekt in Pink lackierten Nägel leuchten, wenn sie die Ware über den Scanner zieht. Für ein „Hallo, mein Süßer, geht’s Dir gut?“ nehmen Eimsbüttler gern Wartezeit auf sich. Und Daggy Prüter hat für jeden einen Spruch parat. Nova traf die Senior-Kassiererin auf einen Kaffee, bei Karstadt gegenüber. Nova: Frau Prüter, was tun Sie nach Ladenschluss? Daggy Prüter: Ich sticke. Gucken Sie mal (zieht ein Smartpho-

nachten bin ich meist bei meinem Bruder und meiner Schwägerin. Wir feiern wie früher, mit riesengroßem Weihnachtsbaum. Nova: Und mit Kindern? daggy Prüter: Meine Tochter verreist meistens mit ihrer Fami-

ne hervor und zeigt Fotos), das war vielleicht Arbeit! 125 Jahre HSV, und das Blau, das ist ganz kleiner Kreuzstich. Nova: Für wen haben Sie das gemacht? daggy Prüter: Für einen Kunden zum Geburtstag. Die Kunden

Nova: Warum haben Sie sich getrennt? daggy Prüter: Ich war für ihn nur noch ein Arbeitstier, das

wissen ja alle, dass ich HSV-Fan bin. Seit 58 Jahren.

wollte ich nicht mehr. 1974 war das.

Nova: Gehen Sie auch ins Stadion? daggy Prüter: Mit den Beinen kann ich das nicht mehr. Aber

Nova: Wurden Sie damals schief angeguckt? daggy Prüter: Wir hatten einen Kegelclub aufgemacht, und ich

zwei, drei Mal im Jahr schaff’ ich es noch.

hatte das Gefühl, die Frauen waren eifersüchtig, weil die Männer mich ein bisschen mehr betüddelt haben. Deshalb zog ich mich zurück nach Jesteburg. Da habe ich viel Tennis gespielt und hatte einen großen Bekanntenkreis. Trotzdem ging ich 1989 wieder nach Hamburg. Und da bleibe ich jetzt.

beschäftigt bleiben. Sticken, Freunde treffen, arbeiten – das ist so schön. Wenn ich die Menschen sehe mit Demenz, da sage ich immer, ich arbeite, so lange ich kann, damit ich das bloß nicht bekomme.

Nova: Was gefällt Ihnen so gut? daggy Prüter: Ich hab hier so liebe Freunde, und es sind viele

alte Dame, die sagt, „Frau Prüter, ich muss einfach reinkommen, wenn Sie da sind. Wenn ich weiß, Ihnen geht’s gut, dann geht’s mir auch gut.“ Da arbeitet man natürlich mit Freude.

junge Leute dabei, das ist ein Wahnsinn. Ich begreif es nicht, dass die immer auf mich zukommen. Wenn ich das alles wahrnehmen würde, wozu ich eingeladen würde, dann wäre ich nur noch unterwegs. Basti und Steffi zum Beispiel, ein Pärchen. Er ist so dreißig und sie Mitte zwanzig. Mit denen geh ich zum Fußball oder ich bekoche sie bei mir zu Hause.

Nova: Waren Sie immer berufstätig? daggy Prüter: Ja, ich habe immer viel gearbeitet. Hab eine

Nova: Kochen tun Sie also auch noch. daggy Prüter: Oh, gerne! Da gibt es eine Kundin, Bente. Der

Lehre gemacht bei Sophia Szagun im Modegeschäft. Als ich meinen Mann kennenlernte, haben wir uns selbstständig gemacht, mit einem Geschäft für Versicherungsschäden. Das lief fantastisch. Wir mussten Ware abholen, die bei Unfällen oder Kaufhausbränden übrig blieb. Eingepackt wurde, was noch heil war und sich wiederverkaufen ließ. Wir hatten alles, vom Nagel bis zum Teppich, Möbel, Kleidung und Getränke. Das war eine schöne Zeit, aber Knochenarbeit. Ich bin oft auf einer Matratze im Lager eingeschlafen.

hab ich einen Topf Hühnersuppe mitgebracht. Sagt sie „Daggy, das ist nicht wahr, wie du kochen kannst.“ Wenn ich den Kunden was mitbringe, stell ich es eingefroren an die Kasse.

Nova: Die Kunden kennen Ihre Arbeitstage genau. daggy Prüter: Die Frau Kern mit dem Gehwagen, so eine süße

Foto: anne eickenberg

Nova: Sehen Sie sich noch oft? daggy Prüter: Leider nicht, das macht das Alter. Aber an Weih-

lie, aber die Tochter meiner Schwägerin und die Enkelkinder kommen, das ist eine schöne große Runde, in Jesteburg. Da habe ich lange gewohnt, nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte.

Nova: Informiert sind Sie trotzdem? daggy Prüter: Klar! Samstags guck’ ich Sportschau. Man muss

Tex t: hiltrud bontrup

Familie. Wir waren sieben Kinder. Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Mädchen, Mädchen. Meine Zwillingsschwester und ich waren die Jüngsten.

Nova: Wo sind Sie geboren? daggy Prüter: In Hamburg-Bergedorf in einer großen, tollen

Nova: Sie sind ja so was wie der Star dieser Filiale. Verstehen Sie sich auch mit den Kollegen gut? daggy Prüter: Fantastisch. Ich sag immer, wer mit mir nicht klarkommt, hat selbst Schuld. Manchmal hab ich wirklich keine Lust zu arbeiten, aber wenn ich dann da bin, lebe ich auf. Durch die Kunden und durch die Kollegen. Elf Jahre bin ich jetzt da und hab so viele Leute kennengelernt. Alles durch Edeka. So sieht’s aus, mein Leben. Ist schon schön.

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daggy prüter Arbeit hält sie jung, Freundschaften lebendig und Optimus hat sie sowieso genug. Daggy Prüter bleibt in ihrem Leben am Ball – nicht nur als langjähriger HSV-Fan.

Der Laden ist voll, alle Kassen sind besetzt bei Edeka Niemerszein in Hamburg-Eimsbüttel. Anstehen muss keiner lange. Es sei denn, er hat ein besonderes Ziel: Daggy Prüter, 71, an der Kasse ganz rechts außen. Das feine Silberhaar schwingt bei jeder Bewegung, die perfekt in Pink lackierten Nägel leuchten, wenn sie die Ware über den Scanner zieht. Für ein „Hallo, mein Süßer, geht’s Dir gut?“ nehmen Eimsbüttler gern Wartezeit auf sich. Und Daggy Prüter hat für jeden einen Spruch parat. Nova traf die Senior-Kassiererin auf einen Kaffee, bei Karstadt gegenüber. Nova: Frau Prüter, was tun Sie nach Ladenschluss? Daggy Prüter: Ich sticke. Gucken Sie mal (zieht ein Smartpho-

nachten bin ich meist bei meinem Bruder und meiner Schwägerin. Wir feiern wie früher, mit riesengroßem Weihnachtsbaum. Nova: Und mit Kindern? daggy Prüter: Meine Tochter verreist meistens mit ihrer Fami-

ne hervor und zeigt Fotos), das war vielleicht Arbeit! 125 Jahre HSV, und das Blau, das ist ganz kleiner Kreuzstich. Nova: Für wen haben Sie das gemacht? daggy Prüter: Für einen Kunden zum Geburtstag. Die Kunden

Nova: Warum haben Sie sich getrennt? daggy Prüter: Ich war für ihn nur noch ein Arbeitstier, das

wissen ja alle, dass ich HSV-Fan bin. Seit 58 Jahren.

wollte ich nicht mehr. 1974 war das.

Nova: Gehen Sie auch ins Stadion? daggy Prüter: Mit den Beinen kann ich das nicht mehr. Aber

Nova: Wurden Sie damals schief angeguckt? daggy Prüter: Wir hatten einen Kegelclub aufgemacht, und ich

zwei, drei Mal im Jahr schaff’ ich es noch.

hatte das Gefühl, die Frauen waren eifersüchtig, weil die Männer mich ein bisschen mehr betüddelt haben. Deshalb zog ich mich zurück nach Jesteburg. Da habe ich viel Tennis gespielt und hatte einen großen Bekanntenkreis. Trotzdem ging ich 1989 wieder nach Hamburg. Und da bleibe ich jetzt.

beschäftigt bleiben. Sticken, Freunde treffen, arbeiten – das ist so schön. Wenn ich die Menschen sehe mit Demenz, da sage ich immer, ich arbeite, so lange ich kann, damit ich das bloß nicht bekomme.

Nova: Was gefällt Ihnen so gut? daggy Prüter: Ich hab hier so liebe Freunde, und es sind viele

alte Dame, die sagt, „Frau Prüter, ich muss einfach reinkommen, wenn Sie da sind. Wenn ich weiß, Ihnen geht’s gut, dann geht’s mir auch gut.“ Da arbeitet man natürlich mit Freude.

junge Leute dabei, das ist ein Wahnsinn. Ich begreif es nicht, dass die immer auf mich zukommen. Wenn ich das alles wahrnehmen würde, wozu ich eingeladen würde, dann wäre ich nur noch unterwegs. Basti und Steffi zum Beispiel, ein Pärchen. Er ist so dreißig und sie Mitte zwanzig. Mit denen geh ich zum Fußball oder ich bekoche sie bei mir zu Hause.

Nova: Waren Sie immer berufstätig? daggy Prüter: Ja, ich habe immer viel gearbeitet. Hab eine

Nova: Kochen tun Sie also auch noch. daggy Prüter: Oh, gerne! Da gibt es eine Kundin, Bente. Der

Lehre gemacht bei Sophia Szagun im Modegeschäft. Als ich meinen Mann kennenlernte, haben wir uns selbstständig gemacht, mit einem Geschäft für Versicherungsschäden. Das lief fantastisch. Wir mussten Ware abholen, die bei Unfällen oder Kaufhausbränden übrig blieb. Eingepackt wurde, was noch heil war und sich wiederverkaufen ließ. Wir hatten alles, vom Nagel bis zum Teppich, Möbel, Kleidung und Getränke. Das war eine schöne Zeit, aber Knochenarbeit. Ich bin oft auf einer Matratze im Lager eingeschlafen.

hab ich einen Topf Hühnersuppe mitgebracht. Sagt sie „Daggy, das ist nicht wahr, wie du kochen kannst.“ Wenn ich den Kunden was mitbringe, stell ich es eingefroren an die Kasse.

Nova: Die Kunden kennen Ihre Arbeitstage genau. daggy Prüter: Die Frau Kern mit dem Gehwagen, so eine süße

Foto: anne eickenberg

Nova: Sehen Sie sich noch oft? daggy Prüter: Leider nicht, das macht das Alter. Aber an Weih-

lie, aber die Tochter meiner Schwägerin und die Enkelkinder kommen, das ist eine schöne große Runde, in Jesteburg. Da habe ich lange gewohnt, nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte.

Nova: Informiert sind Sie trotzdem? daggy Prüter: Klar! Samstags guck’ ich Sportschau. Man muss

Tex t: hiltrud bontrup

Familie. Wir waren sieben Kinder. Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Mädchen, Mädchen. Meine Zwillingsschwester und ich waren die Jüngsten.

Nova: Wo sind Sie geboren? daggy Prüter: In Hamburg-Bergedorf in einer großen, tollen

Nova: Sie sind ja so was wie der Star dieser Filiale. Verstehen Sie sich auch mit den Kollegen gut? daggy Prüter: Fantastisch. Ich sag immer, wer mit mir nicht klarkommt, hat selbst Schuld. Manchmal hab ich wirklich keine Lust zu arbeiten, aber wenn ich dann da bin, lebe ich auf. Durch die Kunden und durch die Kollegen. Elf Jahre bin ich jetzt da und hab so viele Leute kennengelernt. Alles durch Edeka. So sieht’s aus, mein Leben. Ist schon schön.

Kraftakt nova

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ICH KANN NICHT MEHR UND WILL NICHT MEHR Text: K atja Kullmann Fotos: Lee Materazzi

Überall Burn-out-Berichte und Psycho-Beichten. Jaja, wir leben in einer Ära des Scheiterns, sagt Katja Kullmann – und ruft dazu auf: Schluss mit dem Scheiter-Porno! Jetzt ist nicht die Zeit für Melodramatik, sondern für den harten Stoff, Macht, Geld, Gerechtigkeit.

Cleaning Supplies, 2009

Das Ding „Zeit“ ist eine faszinierende Angelegenheit. Genau wie das Ding „Gesellschaft“. Beide Dinger sind um uns herum, prägen unser Leben. Aber wir können sie nur sehr schwer fassen – weil wir selbst voll drinhängen, mitmachen, dabei sind. Wenn man zu nahe dran ist, verschwimmen nicht nur die Buchstaben auf dem Papier, es verschwimmen auch die „Zeichen der Zeit“. Am ehesten erkennen wir sie an neuen Vokabeln, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen: Plötzlich nehmen wir Begriffe wie „Social Media“ oder „Wellness“ in den Mund – Wörter, die wir kurze Zeit vorher noch gar nicht kannten und die uns dennoch sofort ganz selbstverständlich erscheinen, weil sie ein paar Details in der wirren Jetztzeit ganz gut markieren. „Was ist hier eigentlich gerade los?“: Schon immer haben Menschen sich diese Frage gestellt. Im Jahr 1796 hat der Philosoph Johann Gottfried Herder den Begriff „Zeitgeist“ erfunden. Er klingt überraschend modern, man versteht ihn sofort: Der „Zeitgeist“, das ist die herrschende Denk- und Fühlweise, das sind die Gesprächsthemen und der Tonfall einer Epoche. Wer unsere Gegenwart aufmerksam belauscht, der hört den Zeit-

geist ächzen: „Ich kann nicht mehr“. Wir leben in einer Ära des Scheiterns. „Coaching“ und „Ritalin“, „Angststörungen“ und „ADHS“: Noch vor ein paar Jahren kursierten diese Begriffe nur unter Psychologie-Experten. „Staatsanleihen“, „Schuldenschnitt“, „Wohlstandsschere“: Kein Zeitungsleser hat sich vor sechs bis sieben Sommern mit diesen Wortungetümen herumschlagen müssen. „Shitstorm“ und „Prekariat“, „Kostenexplosion“ und „Rentenloch“: Das ist der Sound unserer Gegenwart. Die immer irgendwie passende Überschrift lautet: „Burn-out“. Nichts, einfach gar nichts, scheint noch zu funktionieren. Sprachforscher sind sich uneinig, ob das Wort „Scheitern“ etwas mit dem frisch vom Stamm geschlagenen Holzscheit zu tun hat – mit einer „Spaltung“ also. Oder ob es vom persischen Wort „Scheitan“ rührt – „Scheitan“ wie „Satan“. Fest steht, dass der renommierte US-Soziologe Richard Sennett noch vor gut einem Jahrzehnt behauptete: „Das Scheitern ist das letzte große Tabu.“ Mit diesem Satz wurde er damals, kurz bevor das World Trade Center einkrachte und das Wort „Krise“ in den Schlagzeilen aufblitzte, oft zitiert. In seinem Buch „Der flexible Mensch“ schrieb er 1998: „Es

gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen.“

Je mehr Flops und FehlInvestitionen uns um die Ohren sausen, desto weniger schämen wir uns für unser persönliches Missmanagement Inzwischen ist alles anders. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Die Talkshows sind voll mit Halb- und Ex-Prominenten, die Pleiten, Pech und Pannen beichten – hier eine versenkte Kapitalanlage, dort eine Privatinsolvenz. Nachrichtenmagazine wie Spiegel, Focus, Stern bringen alle paar Wochen eine Titelgeschichte zum Thema „Depression“. Sogenannte Frauenzeitschriften stellen Fallbeispiele aus dem „echten Leben“ vor, die eine Art Trost versprechen und sich immer gleich lesen, nämlich etwa so: „Silke S.,

Kraftakt nova

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Coffee Table, 2009

34, wollte glücklich sein, mit ihrer eigenen Agentur-für-Irgendwas – jetzt steht sie da, pleite und vom Ehemann betrogen. ,Egal, ich bin Optimistin, es muss ja weitergehen‘, sagt Silke S. und lacht.“ In jede dieser Geschichten wird mindestens ein Psychologe eingebaut, der windelweiche Wohlfühltipps gibt wie: „Gelassenheit ist der Schlüssel. Und: Das Atmen nicht vergessen!“ Manchmal dient das Scheitern auch der bloßen TV-Unterhaltung: Der „Schuldnerberater“ berät Finanz-Dilettanten von nebenan, der „Restauranttester“ hilft beinahe-bankrotten Gastwirten auf die Sprünge. Auch in der Kunst ist „The big fail“ ein beliebtes Thema: So zeigt die Hamburger Kunsthalle aktuell noch bis Mitte August eine Ausstellung mit dem Titel „Besser scheitern“. Man kann also sagen: Seit einer Weile tun wir nichts anderes mehr, als uns von unserem Scheitern zu erzählen – auf allen Niveaus und allen Kanälen. Und je höher der Scheiterhaufen von Scheitergeschichten wächst, desto skeptischer sollte man vielleicht werden. Einerseits bringt die neue Offenheit im Scheitern eine gewisse Erleichterung mit sich. Der Druck, „so zu tun als ob“, scheint abgenommen zu haben. So wie die Gesellschaft sich immer weiter individualisiert hat, so ist auch die Gesprächskultur durchlässiger geworden – die Menschen trauen sich mehr, von sich selbst zu erzählen. Sie haben auch die Möglichkeiten dazu: Ob bei Facebook, Twitter oder im eigenen Blog: Jede(r) ein Gesamtkunstwerk, jede(r) der oder die Heldin in der eigenen Daily Soap. So wie die einen nicht genug Bewunderung bekommen können – für ihren „Style“, ihren Musikgeschmack oder ihre Topchecker-Urlaube, die sie angeberisch im Instagram-Modus ausstellen – so werden die anderen nicht satt von Mitgefühl. Krankheits-Diarys, Arbeitslosigkeits-Blogs, aber auch Liebeskummer-Dokumentationen in der Facebook-Chronik: Auch fürs Scheitern kann man „Gefällt mir“-Klicks

062 nova Kraftakt

ernten. Auch das ist eine Form von Narzissmus – einer, der schamlos nach Gemeinschaft hungert, nach Betüdeltwerden und Aufgehobensein. Auffällig ist, wie „großes“ und „kleines“ Scheitern aktuell zusammenfallen. Da sind ganze Staatsapparate und Finanzzyklen, die zusammenbrechen, Börsencrashs und Schuldenkrisen. Politiker und Projektleiter setzen ein Milliardenprojekt nach dem anderen in den Sand. Je mehr Flops und Fehl-Investitionen uns in den Nachrichten um die Ohren sausen, desto weniger schämen wir uns für unser höchstpersönliches Missma-

Geschichten steht auch der Wunsch nach etwas, das man vielleicht „Wahrhaftigkeit“ oder auch „Menschlichkeit“ nennen kann. „Please confirm that you’re not a machine“ lautet eine typische Eingabeaufforderung im Internet, wenn man erst einen Sicherheitsode („Catchpa“) eingeben muss, bevor man weiterklicken kann. Immer mehr Menschen weigern sich jetzt, Maschinen zu sein – könnte man sagen. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir uns im Scheitern doch allzu heimisch einrichten und uns von all den berührenden Einzelschicksalen einlullen lassen. Das

Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an nagement. „Wenn es bei denen da oben schief laufen darf, warum dann nicht auch bei mir hier unten?“ Der kleine, leider ziemlich gemeine Unterschied zwischen „da oben“ und „hier unten“ besteht allerdings darin, dass „da oben“ im Zweifelsfall dicke Abfindungen gezahlt werden, wenn wieder mal ein Geschäftsführer Mist gebaut hat und ausgetauscht werden muss – während einen „hier unten“ kein potenzieller Arbeitoder Auftraggeber mehr anruft, wenn einmal etwas schiefgelaufen ist. Die Geschichte der Menschheit ist ein einziger großer Roman voller Flops und Missgeschicke. Das fing bei Sisyphos an, der unablässig versuchte, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzurollen (was nie funktioniert hat), ging bei Charlie Chaplin und seinem vergeblichen Kampf gegen riesige Fabrikmaschinen weiter (im Film „Moderne Zeiten“) und mündet heute in dramatisch-traurige Yellow-Press-Fortsetzungsgeschichten wie bei Amy Winehouse (die von manchen geifernd „Alkosoulikerin“ genannt wurde). Hinter der aktuelll neu ausgebrochenen Lust auf Scheiter-

eifrige Zugeben des Scheiterns ist ja auch wieder nur eine perfide gedrehte Bestätigung der herrschenden Standards: Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an. Gerade Frauen wissen aber sehr genau, dass sogenanntes Scheitern oft sehr viel mehr mit strukturellen Problemen zu tun hat als mit „persönlichem Versagen“. Eine eigene Familie, das Geldverdienen, eine erfüllte Partnerschaft und das Jung- und Gesundbleiben zu vereinbaren, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. All die herzerwärmenden Schicksals-Stories bewirken so gut wie: nichts. Es ist höchste Zeit, dass wir die Melodramatik zurückfahren und aus dem gesamtgesellschaftlichen Scheiter-Porno aussteigen – dass wir all die vermeintlich individuellen Dramen links liegen lassen und uns wieder all dem sperrigen Zeugs zuwenden, das uns verbindet: den Fragen nach Geld, Macht, Gerechtigkeit, letztlich also: der Politik.


Coffee Table, 2009

34, wollte glücklich sein, mit ihrer eigenen Agentur-für-Irgendwas – jetzt steht sie da, pleite und vom Ehemann betrogen. ,Egal, ich bin Optimistin, es muss ja weitergehen‘, sagt Silke S. und lacht.“ In jede dieser Geschichten wird mindestens ein Psychologe eingebaut, der windelweiche Wohlfühltipps gibt wie: „Gelassenheit ist der Schlüssel. Und: Das Atmen nicht vergessen!“ Manchmal dient das Scheitern auch der bloßen TV-Unterhaltung: Der „Schuldnerberater“ berät Finanz-Dilettanten von nebenan, der „Restauranttester“ hilft beinahe-bankrotten Gastwirten auf die Sprünge. Auch in der Kunst ist „The big fail“ ein beliebtes Thema: So zeigt die Hamburger Kunsthalle aktuell noch bis Mitte August eine Ausstellung mit dem Titel „Besser scheitern“. Man kann also sagen: Seit einer Weile tun wir nichts anderes mehr, als uns von unserem Scheitern zu erzählen – auf allen Niveaus und allen Kanälen. Und je höher der Scheiterhaufen von Scheitergeschichten wächst, desto skeptischer sollte man vielleicht werden. Einerseits bringt die neue Offenheit im Scheitern eine gewisse Erleichterung mit sich. Der Druck, „so zu tun als ob“, scheint abgenommen zu haben. So wie die Gesellschaft sich immer weiter individualisiert hat, so ist auch die Gesprächskultur durchlässiger geworden – die Menschen trauen sich mehr, von sich selbst zu erzählen. Sie haben auch die Möglichkeiten dazu: Ob bei Facebook, Twitter oder im eigenen Blog: Jede(r) ein Gesamtkunstwerk, jede(r) der oder die Heldin in der eigenen Daily Soap. So wie die einen nicht genug Bewunderung bekommen können – für ihren „Style“, ihren Musikgeschmack oder ihre Topchecker-Urlaube, die sie angeberisch im Instagram-Modus ausstellen – so werden die anderen nicht satt von Mitgefühl. Krankheits-Diarys, Arbeitslosigkeits-Blogs, aber auch Liebeskummer-Dokumentationen in der Facebook-Chronik: Auch fürs Scheitern kann man „Gefällt mir“-Klicks

062 nova Kraftakt

ernten. Auch das ist eine Form von Narzissmus – einer, der schamlos nach Gemeinschaft hungert, nach Betüdeltwerden und Aufgehobensein. Auffällig ist, wie „großes“ und „kleines“ Scheitern aktuell zusammenfallen. Da sind ganze Staatsapparate und Finanzzyklen, die zusammenbrechen, Börsencrashs und Schuldenkrisen. Politiker und Projektleiter setzen ein Milliardenprojekt nach dem anderen in den Sand. Je mehr Flops und Fehl-Investitionen uns in den Nachrichten um die Ohren sausen, desto weniger schämen wir uns für unser höchstpersönliches Missma-

Geschichten steht auch der Wunsch nach etwas, das man vielleicht „Wahrhaftigkeit“ oder auch „Menschlichkeit“ nennen kann. „Please confirm that you’re not a machine“ lautet eine typische Eingabeaufforderung im Internet, wenn man erst einen Sicherheitsode („Catchpa“) eingeben muss, bevor man weiterklicken kann. Immer mehr Menschen weigern sich jetzt, Maschinen zu sein – könnte man sagen. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir uns im Scheitern doch allzu heimisch einrichten und uns von all den berührenden Einzelschicksalen einlullen lassen. Das

Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an nagement. „Wenn es bei denen da oben schief laufen darf, warum dann nicht auch bei mir hier unten?“ Der kleine, leider ziemlich gemeine Unterschied zwischen „da oben“ und „hier unten“ besteht allerdings darin, dass „da oben“ im Zweifelsfall dicke Abfindungen gezahlt werden, wenn wieder mal ein Geschäftsführer Mist gebaut hat und ausgetauscht werden muss – während einen „hier unten“ kein potenzieller Arbeitoder Auftraggeber mehr anruft, wenn einmal etwas schiefgelaufen ist. Die Geschichte der Menschheit ist ein einziger großer Roman voller Flops und Missgeschicke. Das fing bei Sisyphos an, der unablässig versuchte, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzurollen (was nie funktioniert hat), ging bei Charlie Chaplin und seinem vergeblichen Kampf gegen riesige Fabrikmaschinen weiter (im Film „Moderne Zeiten“) und mündet heute in dramatisch-traurige Yellow-Press-Fortsetzungsgeschichten wie bei Amy Winehouse (die von manchen geifernd „Alkosoulikerin“ genannt wurde). Hinter der aktuelll neu ausgebrochenen Lust auf Scheiter-

eifrige Zugeben des Scheiterns ist ja auch wieder nur eine perfide gedrehte Bestätigung der herrschenden Standards: Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an. Gerade Frauen wissen aber sehr genau, dass sogenanntes Scheitern oft sehr viel mehr mit strukturellen Problemen zu tun hat als mit „persönlichem Versagen“. Eine eigene Familie, das Geldverdienen, eine erfüllte Partnerschaft und das Jung- und Gesundbleiben zu vereinbaren, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. All die herzerwärmenden Schicksals-Stories bewirken so gut wie: nichts. Es ist höchste Zeit, dass wir die Melodramatik zurückfahren und aus dem gesamtgesellschaftlichen Scheiter-Porno aussteigen – dass wir all die vermeintlich individuellen Dramen links liegen lassen und uns wieder all dem sperrigen Zeugs zuwenden, das uns verbindet: den Fragen nach Geld, Macht, Gerechtigkeit, letztlich also: der Politik.


jetztzeit Alles, was passiert und passieren wird: Ein Dossier über unser Leben in einer Welt der tausend Möglichkeiten

aussterbendes geschlecht Männer wird es irgendwann nicht mehr geben. Dies behauptet die Wissenschaftlerin Jenny Graves der Australian Academy of Science. Zwar bleibe nach ihrer Ansicht den Frauen die männlichen Spezies noch etwa fünf Millionen Jahre erhalten, aber dann sei Schluss. Der Grund: Das Y-Chromosom sei Schrott – eine in Fachkreisen umstrittene These. Außerdem: ohne Männer würde es wahrscheinlich auch Frauen nicht mehr lange geben. Aber auch dazu hat Jenny Graves eine Theorie parat: Sie prognostiziert kurzerhand die Entstehung einer neuen menschlichen Spezies, die sich nicht durch den Geschlechtsakt fortpflanzt. frauen vor! Deutschland ist ein Land der Gründer, immer mehr auch ein Land der Gründerinnen. Rund 30 Prozent aller neuen Unternehmen werden von Frauen gegründet. Sie entdecken für sich und ihr Geschäftsmodell die neuen Möglichkeiten, die ihnen globale Märkte, technologische Entwicklungen und soziale Medien heute bieten.

Foto: kerstin müller

spion am revers Das schwedische Startup-Unternehmen Memoto hat eine winzige Kamera entwickelt, die man sich an seine Kleidung heften kann. Einmal eingeschaltet soll sie alle 30 Sekunden ein Bild in fünf Megapixel-Qualität schießen und dieses samt GPS-Koordinaten und Zeitstempel abspeichern. Das macht 120 Bilder die Stunde, 2.880 am Tag. Die Kamera schaltet sich nur aus, wenn es dunkel ist, sie mit der Linse nach unten liegt oder in die Tasche gesteckt wird. Hinter der Idee des „Lifelogging“ steht der Gedanke, dass zu viele Momente im Leben unweigerlich vergessen werden. Besäße man eine nahezu lückenlose Bilderfolge, könnte man sein Leben jederzeit zurückblättern und die wichtigsten Momente ein zweites Mal erleben. Fragt sich nur: Will man das? Der Spiegel schreibt: „Die Start-up-Firma ist gerade dabei, unser Gedächtnis zu verändern und unseren Blick auf uns selbst: wie und woran Menschen sich erinnern sowie, ganz nebenbei, ob es künftig überhaupt noch so etwas Altmodisches geben wird wie Privatsphäre.“

JetztZeit nova

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jetztzeit Alles, was passiert und passieren wird: Ein Dossier über unser Leben in einer Welt der tausend Möglichkeiten

aussterbendes geschlecht Männer wird es irgendwann nicht mehr geben. Dies behauptet die Wissenschaftlerin Jenny Graves der Australian Academy of Science. Zwar bleibe nach ihrer Ansicht den Frauen die männlichen Spezies noch etwa fünf Millionen Jahre erhalten, aber dann sei Schluss. Der Grund: Das Y-Chromosom sei Schrott – eine in Fachkreisen umstrittene These. Außerdem: ohne Männer würde es wahrscheinlich auch Frauen nicht mehr lange geben. Aber auch dazu hat Jenny Graves eine Theorie parat: Sie prognostiziert kurzerhand die Entstehung einer neuen menschlichen Spezies, die sich nicht durch den Geschlechtsakt fortpflanzt. frauen vor! Deutschland ist ein Land der Gründer, immer mehr auch ein Land der Gründerinnen. Rund 30 Prozent aller neuen Unternehmen werden von Frauen gegründet. Sie entdecken für sich und ihr Geschäftsmodell die neuen Möglichkeiten, die ihnen globale Märkte, technologische Entwicklungen und soziale Medien heute bieten.

Foto: kerstin müller

spion am revers Das schwedische Startup-Unternehmen Memoto hat eine winzige Kamera entwickelt, die man sich an seine Kleidung heften kann. Einmal eingeschaltet soll sie alle 30 Sekunden ein Bild in fünf Megapixel-Qualität schießen und dieses samt GPS-Koordinaten und Zeitstempel abspeichern. Das macht 120 Bilder die Stunde, 2.880 am Tag. Die Kamera schaltet sich nur aus, wenn es dunkel ist, sie mit der Linse nach unten liegt oder in die Tasche gesteckt wird. Hinter der Idee des „Lifelogging“ steht der Gedanke, dass zu viele Momente im Leben unweigerlich vergessen werden. Besäße man eine nahezu lückenlose Bilderfolge, könnte man sein Leben jederzeit zurückblättern und die wichtigsten Momente ein zweites Mal erleben. Fragt sich nur: Will man das? Der Spiegel schreibt: „Die Start-up-Firma ist gerade dabei, unser Gedächtnis zu verändern und unseren Blick auf uns selbst: wie und woran Menschen sich erinnern sowie, ganz nebenbei, ob es künftig überhaupt noch so etwas Altmodisches geben wird wie Privatsphäre.“

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Fahrrad de Luxe: Das Waldmeister Rad, 12.900 Euro

www.waldmeister-bikes.de

Auto-Lampe aus Holz von Ferm Living, 65 Euro

www.lilac-lane.de

Kopfhörer „Covers for beats“ von Lazerwood, ca. 27 Euro

www.lazerwood.com

Lampe „Teardrop“ von Massow Design, ca. 16 4 Euro

www.hemmesphere.co.uk Echtholzfurnier fürs iPhone von Eden, ca. 89 Euro

www.eden-made.de

Mini-Holzlautsprecher „Rock on wood“, ca. 25 Euro

www.uncommongoods.com

Plattenspieler „Barky“ von Audiowood, ca. 1.186 Euro

Postkarte „Osterglocken 3D“, ca. 4 Euro

www.audiowood.com

Leopold Zebranoholz Sonnenbrille, 159 Euro

www.aufdemkerbholz.de

gut holz Holz ist Kraft, Wärme, Beständigkeit. Holz ist Natur. Holz lebt. Wir stellen Produkte vor, die nicht nur gut aussehen, sondern die man auch gerne anfasst. 066 nova JetztZeit

Fotos: Christian Rokosch (1)/Fahrr ad; PR

www.formes-berlin.com


dossier

alles ist möglich? illustration: k a ja paradiek

Yes, we can! Willkommen in der Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir können uns heute entscheiden, wie wir unser Dasein gestalten wollen. Ist das nun Fluch oder Segen? Ein Dossier über unser Leben in der Multioptionalität.

Die Emanzipation ist weitestgehend ausgefochten, beim Konsumieren haben wir die Qual der Wahl und wie wir unser Leben gestalten, dafür gibt es mittlerweile die unterschiedlichsten Entwürfe: monogam, alleinerziehend, hetero- oder homosexuell, polyamor, geschieden, Patchworkfamilie, wilde Ehe oder Single – alles Privatsache. Wir sind so frei! Alles schwebt. Gesellschaftliche Zwänge, Kirchenknechtschaft, unterdrückende Regierungen – das alles gibt es nicht mehr. Das Leben ist offen für Veränderungen und vielfältige Entscheidungsmöglichkeiten. Ein Optionsleben. Man muss den Baum nur schütteln, um die Potenziale zu greifen. Doch gilt es, hierbei etwas Essentielles zu beherrschen: die Kunst der Jonglage. Was heißt, mehrere Dinge gleichzeitig unter einen Hut zu bringen, permanent Entscheidungen zu treffen. Was bedeutet das für uns? Nova wirft einen Blick in die Vielfalt unserer heutigen Möglichkeiten.

068 zurück auf los Wie Anja Beyer ihr Leben noch mal neu anfing

074 weniger ist mehr Tanja Diezmanns kreative Ideen zur Entschleunigung

076 multioptionsfalle Andrea Diener über unser Dasein im ständigen Konjunktiv

080 auf fremden füssen Beschränkt aufs Häusliche: Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert

JetztZeit nova

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dossier

dossier

zurück auf los Text: Mariet ta Duscher-Miehlich

Wie wäre es, alles hinter sich zu lassen? Sein Leben auf Null zu stellen und noch mal ganz neu anzufangen? Alle Optionen zu ergreifen, die sich einem bieten? Anja Beyer hat es getan. Mit 36 hat sie den kompletten Neustart gewagt – mit einer neuen Ausbildung, einem neuen Beruf, einem neuen Wohnort und einer Frau als Lebenspartnerin.

Gelächter, Geplapper, Schnittchen, die in den Mün- kauft hat sie ihn in dem kleinen Bistro ums Eck in dern hoher Marketing-Tiere verschwinden – all das Berlin-Moabit, wo sie mittlerweile wohnt. In diesem widert sie an. Weil sie die Mäuler an schnappende klassizistischen Haus des vorigen Jahrhunderts, dem Krokodile erinnern, die nach Geld stinken, viel Geld. man seine schmucke Fassade nach dem Krieg abgeIhr Blick wendet sich ab, zur Rennschlagen und damit gesichtslos bahn hin, auf der edle Vollblüter ihre gemacht hat und wo sich gleich gedas war Runden traben, immer im Kreis, genüber die Betonbrücke einer ein schleichender rundherum. Sie nippt an ihrem OranSchnellstraße spannt. prozess, hat gensaft, der trotz der Premium-MarKurz nach der Wende, 1991, geht viele jahre gedauert, ke irgendwie schal schmeckt, zupft an die geborene Magdeburgerin mit ihwo es immer der Hose ihres grauen Anzugs, den sie ren damaligen Freund in den WesEine latente sich extra für die exklusive Kundenten, nach Koblenz. Sie ist 20. Das unzufriedenheit veranstaltung auf der Horner TrabLeben liegt vor ihr. In ihrem gelerngab rennrennbahn kaufen sollte, zieht an ten Beruf als Wirtschaftskauffrau den Ärmeln des Blazers, die ihr zu findet sie einen Job in einer Speditikurz erscheinen. Anja Beyer* fühlt sich wie verkleidet on, lernt nette Kollegen kennen, schließt neue und extrem unwohl. „Das war nicht mein Menschen- Freundschaften. Endlich kann sie sich eine Selbstänschlag, waren nicht meine Gespräche, so oberflächlich digkeit leisten, mit eigener Wohnung, Ausgehen, und materiell“, erinnert sie sich an ihre Zeit als Ver- Auto und Urlaub. Einfach leben, ohne sich großartig kaufsassistentin in einem Hamburger Unternehmen Gedanken machen zu müssen, was morgen ist. Bis für Außenwerbung. „Es hat mich regelrecht angewi- nach acht Jahren die Beziehung mit ihrer Jugendliebe dert. Letztendlich war es das Ereignis, worauf ich zerbricht, plötzlich eine Lücke aufklafft. Und sie wusste: Das halte ich nicht länger aus. Ich muss etwas spürt, dass dies nicht der Ort ist, an dem sie Wurzeln ändern.“ schlagen möchte. Weil etwas fehlt. Ihr Leben hakte, lief nicht mehr rund. Passte einAls sie von Hamburg zu erzählen beginnt, leuchten fach nicht mehr. Wie ein Kleid, das über die Zeit zu ihre großen grünen Augen. „Da wollte ich hin, unbeeng geworden war und sich unangenehm um den Kör- dingt“, sagt sie. „Diese Lebendigkeit dort, die gigantiper spannte. „Das war ein schleichender Prozess, hat sche Hafenkulisse, das Großstädtische – Hamburg viele Jahre gedauert, wo es immer eine latente Unzu- hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert.“ Ihr friedenheit gab“, erzählt Anja Beyer, die jetzt auf ih- wird klar, dass ihr die süddeutsche Mentalität nur werem kleinen Sofa mit dem eierschalenfarbenen Leinen- nig entspricht, der Norden sich besser anfühlt für sie. überwurf sitzt und ein Stück vom Apfelkuchen ab- Ein Mann ist schließlich ihr Sprungbrett dafür. Die beißt. Kuchen, da könne sie nicht widerstehen. Ge- große Liebe ist es nicht. Aber als sich Anja Beyer ein

068 nova JetztZeit

Jahr später von ihm trennt, bleibt sie in Hamburg. schen. Für Ende Juli hatte sie bereits ihre Kündigung, Überzeugt davon, dass die Stadt im hohen Norden der aber der verfrühte Rausschmiss kam völlig unverrichtige Platz für sie ist, versucht sie Fuß zu fassen. hofft. „Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt“, sagt Fängt in einer Werbeagentur einen Job als Teamassis- sie. „Es hat eine Weile gedauert bis ich realisiert hatte, tentin an, findet eine Handvoll Menschen, denen sie dass ich morgen nicht mehr zur Arbeit gehen werde.“ sich nahe fühlt. Am nächsten Tag läuft sie durch ihr Viertel HamAnja Beyer lässt sich treiben. Schwimmt auf einer burg-Ottensen und denkt: Jeder starrt mich an. Ich schillernden Welle. Kultur, Unterhaltung, Shopping, habe ein Schild auf der Stirn, auf dem steht: Ich bin Männer – alles da. Sie muss nur zugreifen. Und sie tut jetzt arbeitslos. „Der Arbeit so prompt entrissen, fühles. Führt ein Singleleben wie es in vielen Großstädten te ich mich erst mal ziemlich komisch. Nirgendwo datypisch ist, mit all den verkorksten Männergeschich- zugehörig, nichts mehr wert. Auf einmal war ich nutzten, dem Freizeit- und Konsumwahn, dem ständigen los, von einem Tag auf den anderen.“ Kreisen um sich selbst. Zwei Jahre, drei Jahre, vier JahAnja Beyer, die fast ein halbes Jahr lang ohne Arre. Das, was für andere Berufung oder Selbstverwirkli- beit sein wird, will in der Zeit zwischen Arbeitschung ist, ist für sie lediglich ein Job, um ihr Leben zu agentur und Bewerbungen schreiben etwas Sinn­ finanzieren. „Ich hatte nie einen wirkvolles tun. In einer Obdach­ losenlichen Plan, was berufliche Dinge anEinrichtung, die von drei Franziskamich ehrenamtlich geht“, gesteht Anja Beyer. „Spaß sollner-Schwestern geleitet wird, hilft zu engagieren, hat te mir in erster Linie das Private sie bei der Essensausgabe, schmiert mir sehr viel gegeben bringen.“ Bis sie 2004 plötzlich ihren Brote, setzt Tee auf, spricht Leuten und mir den weg in Job verliert. Mut zu. Und merkt, wie gut ihr das Es ist Juni, ein warmer Sommer- den sozialen bereich tut. „Dort ist mir erstmals bewusst geöffnet tag. Anja Beyer sitzt an ihrem Schreibgeworden, dass es mir total viel gibt, tisch in einer Hamburger WerbeagenMenschen etwas Gutes zu tun, dass tur, einem schicken Industrieloft, wo einst Schiffs- man auch ganz viel zurückbekommt. Das Gefühl schrauben geschmiedet wurden, checkt wie jeden kannte ich bis dahin nicht. Und es war mir gar nicht Morgen ihre E-Mails, als einer der Geschäftsführer so bewusst, dass ich eher für diesen Bereich geschafins Büro reinplatzt und sie auffordert: „Anja, jetzt fen bin. Rückmeldung und Dankbarkeit zurückzuschalt mal deinen Rechner aus und pack deine Sachen bekommen, das war für mich unheimlich bereizusammen. Du gehst.“ Mitnehmen darf sie nichts aus chernd. Mich ehrenamtlich zu engagieren, hat mir ihrem Büro. Sie fühlt sich wie ein Schwerverbrecher, sehr viel gegeben und mir einen anderen Weg aufgefährt den Computer runter, steht auf und geht raus auf zeigt, mir letztendlich den Weg in den sozialen Bedie Straße, wo die Autos unbemerkt an ihr vorbeirau- reich geöffnet.“

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dossier

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zurück auf los Text: Mariet ta Duscher-Miehlich

Wie wäre es, alles hinter sich zu lassen? Sein Leben auf Null zu stellen und noch mal ganz neu anzufangen? Alle Optionen zu ergreifen, die sich einem bieten? Anja Beyer hat es getan. Mit 36 hat sie den kompletten Neustart gewagt – mit einer neuen Ausbildung, einem neuen Beruf, einem neuen Wohnort und einer Frau als Lebenspartnerin.

Gelächter, Geplapper, Schnittchen, die in den Mün- kauft hat sie ihn in dem kleinen Bistro ums Eck in dern hoher Marketing-Tiere verschwinden – all das Berlin-Moabit, wo sie mittlerweile wohnt. In diesem widert sie an. Weil sie die Mäuler an schnappende klassizistischen Haus des vorigen Jahrhunderts, dem Krokodile erinnern, die nach Geld stinken, viel Geld. man seine schmucke Fassade nach dem Krieg abgeIhr Blick wendet sich ab, zur Rennschlagen und damit gesichtslos bahn hin, auf der edle Vollblüter ihre gemacht hat und wo sich gleich gedas war Runden traben, immer im Kreis, genüber die Betonbrücke einer ein schleichender rundherum. Sie nippt an ihrem OranSchnellstraße spannt. prozess, hat gensaft, der trotz der Premium-MarKurz nach der Wende, 1991, geht viele jahre gedauert, ke irgendwie schal schmeckt, zupft an die geborene Magdeburgerin mit ihwo es immer der Hose ihres grauen Anzugs, den sie ren damaligen Freund in den WesEine latente sich extra für die exklusive Kundenten, nach Koblenz. Sie ist 20. Das unzufriedenheit veranstaltung auf der Horner TrabLeben liegt vor ihr. In ihrem gelerngab rennrennbahn kaufen sollte, zieht an ten Beruf als Wirtschaftskauffrau den Ärmeln des Blazers, die ihr zu findet sie einen Job in einer Speditikurz erscheinen. Anja Beyer* fühlt sich wie verkleidet on, lernt nette Kollegen kennen, schließt neue und extrem unwohl. „Das war nicht mein Menschen- Freundschaften. Endlich kann sie sich eine Selbstänschlag, waren nicht meine Gespräche, so oberflächlich digkeit leisten, mit eigener Wohnung, Ausgehen, und materiell“, erinnert sie sich an ihre Zeit als Ver- Auto und Urlaub. Einfach leben, ohne sich großartig kaufsassistentin in einem Hamburger Unternehmen Gedanken machen zu müssen, was morgen ist. Bis für Außenwerbung. „Es hat mich regelrecht angewi- nach acht Jahren die Beziehung mit ihrer Jugendliebe dert. Letztendlich war es das Ereignis, worauf ich zerbricht, plötzlich eine Lücke aufklafft. Und sie wusste: Das halte ich nicht länger aus. Ich muss etwas spürt, dass dies nicht der Ort ist, an dem sie Wurzeln ändern.“ schlagen möchte. Weil etwas fehlt. Ihr Leben hakte, lief nicht mehr rund. Passte einAls sie von Hamburg zu erzählen beginnt, leuchten fach nicht mehr. Wie ein Kleid, das über die Zeit zu ihre großen grünen Augen. „Da wollte ich hin, unbeeng geworden war und sich unangenehm um den Kör- dingt“, sagt sie. „Diese Lebendigkeit dort, die gigantiper spannte. „Das war ein schleichender Prozess, hat sche Hafenkulisse, das Großstädtische – Hamburg viele Jahre gedauert, wo es immer eine latente Unzu- hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert.“ Ihr friedenheit gab“, erzählt Anja Beyer, die jetzt auf ih- wird klar, dass ihr die süddeutsche Mentalität nur werem kleinen Sofa mit dem eierschalenfarbenen Leinen- nig entspricht, der Norden sich besser anfühlt für sie. überwurf sitzt und ein Stück vom Apfelkuchen ab- Ein Mann ist schließlich ihr Sprungbrett dafür. Die beißt. Kuchen, da könne sie nicht widerstehen. Ge- große Liebe ist es nicht. Aber als sich Anja Beyer ein

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Jahr später von ihm trennt, bleibt sie in Hamburg. schen. Für Ende Juli hatte sie bereits ihre Kündigung, Überzeugt davon, dass die Stadt im hohen Norden der aber der verfrühte Rausschmiss kam völlig unverrichtige Platz für sie ist, versucht sie Fuß zu fassen. hofft. „Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt“, sagt Fängt in einer Werbeagentur einen Job als Teamassis- sie. „Es hat eine Weile gedauert bis ich realisiert hatte, tentin an, findet eine Handvoll Menschen, denen sie dass ich morgen nicht mehr zur Arbeit gehen werde.“ sich nahe fühlt. Am nächsten Tag läuft sie durch ihr Viertel HamAnja Beyer lässt sich treiben. Schwimmt auf einer burg-Ottensen und denkt: Jeder starrt mich an. Ich schillernden Welle. Kultur, Unterhaltung, Shopping, habe ein Schild auf der Stirn, auf dem steht: Ich bin Männer – alles da. Sie muss nur zugreifen. Und sie tut jetzt arbeitslos. „Der Arbeit so prompt entrissen, fühles. Führt ein Singleleben wie es in vielen Großstädten te ich mich erst mal ziemlich komisch. Nirgendwo datypisch ist, mit all den verkorksten Männergeschich- zugehörig, nichts mehr wert. Auf einmal war ich nutzten, dem Freizeit- und Konsumwahn, dem ständigen los, von einem Tag auf den anderen.“ Kreisen um sich selbst. Zwei Jahre, drei Jahre, vier JahAnja Beyer, die fast ein halbes Jahr lang ohne Arre. Das, was für andere Berufung oder Selbstverwirkli- beit sein wird, will in der Zeit zwischen Arbeitschung ist, ist für sie lediglich ein Job, um ihr Leben zu agentur und Bewerbungen schreiben etwas Sinn­ finanzieren. „Ich hatte nie einen wirkvolles tun. In einer Obdach­ losenlichen Plan, was berufliche Dinge anEinrichtung, die von drei Franziskamich ehrenamtlich geht“, gesteht Anja Beyer. „Spaß sollner-Schwestern geleitet wird, hilft zu engagieren, hat te mir in erster Linie das Private sie bei der Essensausgabe, schmiert mir sehr viel gegeben bringen.“ Bis sie 2004 plötzlich ihren Brote, setzt Tee auf, spricht Leuten und mir den weg in Job verliert. Mut zu. Und merkt, wie gut ihr das Es ist Juni, ein warmer Sommer- den sozialen bereich tut. „Dort ist mir erstmals bewusst geöffnet tag. Anja Beyer sitzt an ihrem Schreibgeworden, dass es mir total viel gibt, tisch in einer Hamburger WerbeagenMenschen etwas Gutes zu tun, dass tur, einem schicken Industrieloft, wo einst Schiffs- man auch ganz viel zurückbekommt. Das Gefühl schrauben geschmiedet wurden, checkt wie jeden kannte ich bis dahin nicht. Und es war mir gar nicht Morgen ihre E-Mails, als einer der Geschäftsführer so bewusst, dass ich eher für diesen Bereich geschafins Büro reinplatzt und sie auffordert: „Anja, jetzt fen bin. Rückmeldung und Dankbarkeit zurückzuschalt mal deinen Rechner aus und pack deine Sachen bekommen, das war für mich unheimlich bereizusammen. Du gehst.“ Mitnehmen darf sie nichts aus chernd. Mich ehrenamtlich zu engagieren, hat mir ihrem Büro. Sie fühlt sich wie ein Schwerverbrecher, sehr viel gegeben und mir einen anderen Weg aufgefährt den Computer runter, steht auf und geht raus auf zeigt, mir letztendlich den Weg in den sozialen Bedie Straße, wo die Autos unbemerkt an ihr vorbeirau- reich geöffnet.“

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Den Mut, diesem Gefühl nachzugeben und im Beruf eine andere Richtung einzuschlagen, den hat sie damals noch nicht. Stattdessen nimmt sie die Stelle als Verkaufsassistentin in einem großen Unternehmen für Außenwerbung an, der sie mit guten Entwicklungsmöglichkeiten lockt. Um jedoch schnell zu merken, dass auch dieser Job nicht ihren Erwartungen entspricht. Es in dieser Branche immer nur so sein kann. Letztendlich immer wieder auf Unzufriedenheit und Frust hinauslaufen wird. Und damit auch ihr Privatleben vergiftet. „Wenn man latent unzufrieden ist mit sich selbst, wirkt sich das natürlich auch auf Ausstrahlung und Verhalten aus“, sagt Anja Beyer. „Und so war’s bei mir definitiv. Es war mir unangenehm, wenn mich jemand fragte, was ich mache. Weil ich mich einfach nicht damit identifizieren konnte, ich nicht dahinterstand. Denn das war nicht ich, sondern lediglich irgendeine Tätigkeit, die ich für irgendjemanden ausführte.“ Vom Beruf der Logopädin hört sie zum ersten Mal über eine Bekannte. Und findet ihn sofort spannend. „Die Kombination von Mensch und Sprache hat mich gleich angesprochen, ebenso der therapeutische und soziale Aspekt.“ Es regt sich etwas in ihr, scheint sich zum ersten Mal etwas aufzutun, das sie beruflich wirklich anspricht, ihr vielleicht entsprechen könnte. Sie ist jetzt 36. Ihr Alter rüttelt an ihr, ruft: Jetzt oder nie! Ihr wird bewusst: „Wenn ich jetzt nichts an meinem Leben ändere, werde ich irgendwann zu alt dafür sein.“ Anja Beyer bewirbt sich an Logopädie-Fachschulen in Hamburg, Kiel und Hannover. Denn im Norden will sie bleiben. Dort fühlt sie sich zu Hause. Doch kei-

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ne Schule im Norden nimmt sie auf. So bewirbt sie sich schließlich noch in Magdeburg, weil sie dort auf die Unterstützung von Eltern und Schwester bauen kann. „Aber das war zunächst zweite Wahl“, gesteht sie. Anja Beyer hievt die letzten Kartons in ihren schwarzen Ford Fiesta, bringt einer Freundin noch ein Ausstellungsposter mit einem Motiv von Gustav Klimt vorbei, liefert bei einem Freund zwei geliehene Klappstühle ab, die sie noch im Keller stehen hatte. Dann bringt sie Schuhe, Bücher, Tonengelchen, Stoffblumengirlanden und anderen „Schnickschnack“, den sie nicht mehr braucht, in den Umsonst-Laden. „Unnützes Zeug“, das sie hinter sich lassen möchte. „Ballast“, den sie abwerfen will, um sich ein Stückweit frei von materiellen Dingen zu machen. Diesmal hat sie rigoroser ausgemistet als bei ihren vorangegangenen Umzügen. Sie schlägt die Autotür zu, dreht den Zündschlüssel um und fährt los. Dem Umzugswagen hinterher, über die Elbbrücken, vorbei an den grauen Hafenkränen, den vielen bunten Containern, den Schiffen, die am Pier liegen. Es ist Februar 2007, die Sonne scheint. Hamburg lacht ihr zum Abschied zu. Durch den Kopf schießen ihr tausend Dinge: Hat sie den Herd ausgeschaltet? Alle Fenster geschlossen? Wo ist ihr Handy? Sie wühlt hektisch in ihrer Handtasche, kann es nicht finden, blinkt, fährt rechts ran, steigt aus, wühlt noch einmal in ihrer Handtasche, sucht in der Tüte mit den Lebensmitteln, klappt das Handschuhfach auf. Dort liegt es. Noch einmal blickt sie auf den Hafen, dann fährt sie weiter. Die Hawaianerin auf dem Armaturenbrett schwingt ihr Baströckchen. Sie fährt bis nach Hanno-

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ver, dann immer weiter in den Osten Deutschlands Aber sie tut es. Anja Beyer dreht ihr Leben auf Null, hinein. Hinter Braunschweig tauchen die ersten Wind- um noch mal ganz neu anzufangen. Lässt die Stadt, in räder auf. Der Himmel ist grau bedeckt, es nieselt. der sie sich aufgehoben fühlte, die Freunde, ihre mateDort, wo die Plattenbauten wie Kasernen aussehen, rielle Unabhängigkeit zurück. „Einfach, um mir spämuss sie die Ausfahrt nehmen. ter nicht vorwerfen zu müssen, dass ich nicht alles Anja Beyer stellt die quietschgelbe Kaffeetasse ab, probiert habe.“ entschuldigt sich kurz, weil sie mit dem Sohn einer Sie zieht in eine 36-Quadratmeter-Wohnung. Das Patientin telefonieren muss, die sie nach einem Auto ist verkauft, in die Schule fährt sie nun mit dem Schlaganfall logopädisch betreut. Sie braucht noch Fahrrad. Schulgeld und Lebensunterhalt muss sie sich eine Unterschrift für ihre Unterlagen. Sonst bekommt erkellnern. Heimweh kriecht in ihr hoch. Immer dann, sie von der Krankenkasse kein Honorar. Mit leiser, wenn sie auf sich selbst zurückgeworfen in ihrer Wohlangsamer, aber deutlicher Stimme spricht sie ins Te- nung sitzt, jetzt im Winter, leicht fröstelnd, weil der alte lefon. Von der Wand blickt die mexikanische Malerin Nachtspeicher-Ofen mal wieder schwach auf der Brust Frieda Kahlo, deren buschige schwarze Augenbrauen ist. Sie an ihrer Entscheidung neu anzufangen, zweifelt sich widerspenstig im Gesicht begegnen. Zwei Frauen und sich fragt: Was mache ich eigentlich hier? wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine Das, was sie in Magdeburg erwartet, überrascht sanft und zurückhaltend, die andere durchsetzungs- sie nicht. Erschreckt sie aber dann doch. „Im Verstark und direkt. gleich zu Hamburg herrscht dort ein ganz anderes Anja Beyer legt ihr Handy auf Lebensgefühl. Hamburg ist eine Weltden kleinen Glasschreibtisch und stadt, Magdeburg ziemlich provinzies war mir fährt fort: „Nach Magdeburg wollunangenehm, wenn ell. Auf den Straßen findet wenig Lete ich zwar nur ungern zurück, aber ben statt, ist es auf den ersten Blick mich jemand diese Ausbildung wollte ich unbeeinfach tot. Ich musste mich erst wiefragte, was ich dingt machen. So habe ich dort zuder auf diese andere Mentalität einmache. weil ich nicht gesagt, obwohl ich bis zum Schluss stellen. Außerdem schien es kaum dahinterstand Zweifel und Ängste hatte, wie das Leute in meinem Alter zu geben. Auf alles werden wird. Weil ich die den Straßen sah ich entweder alte LeuStadt kannte und wusste, was mich dort erwartet. Ich te oder ganz junge. Meine Generation hatte sich entPanik davor hatte, dass mir in Magdeburg alles zu eng weder schon total in die Familie zurückgezogen oder wird, ich von meinen Eltern wieder in diese Kinderrol- hatte nach der Wende, so wie ich, anderswo ihr le gedrängt werde, auch durch die finanzielle Abhän- Glück gesucht. Weder in der Schule noch in der Argigkeit, in die ich unweigerlich geraten würde.“ beit hatte ich deshalb einen sozialen Halt.“

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Den Mut, diesem Gefühl nachzugeben und im Beruf eine andere Richtung einzuschlagen, den hat sie damals noch nicht. Stattdessen nimmt sie die Stelle als Verkaufsassistentin in einem großen Unternehmen für Außenwerbung an, der sie mit guten Entwicklungsmöglichkeiten lockt. Um jedoch schnell zu merken, dass auch dieser Job nicht ihren Erwartungen entspricht. Es in dieser Branche immer nur so sein kann. Letztendlich immer wieder auf Unzufriedenheit und Frust hinauslaufen wird. Und damit auch ihr Privatleben vergiftet. „Wenn man latent unzufrieden ist mit sich selbst, wirkt sich das natürlich auch auf Ausstrahlung und Verhalten aus“, sagt Anja Beyer. „Und so war’s bei mir definitiv. Es war mir unangenehm, wenn mich jemand fragte, was ich mache. Weil ich mich einfach nicht damit identifizieren konnte, ich nicht dahinterstand. Denn das war nicht ich, sondern lediglich irgendeine Tätigkeit, die ich für irgendjemanden ausführte.“ Vom Beruf der Logopädin hört sie zum ersten Mal über eine Bekannte. Und findet ihn sofort spannend. „Die Kombination von Mensch und Sprache hat mich gleich angesprochen, ebenso der therapeutische und soziale Aspekt.“ Es regt sich etwas in ihr, scheint sich zum ersten Mal etwas aufzutun, das sie beruflich wirklich anspricht, ihr vielleicht entsprechen könnte. Sie ist jetzt 36. Ihr Alter rüttelt an ihr, ruft: Jetzt oder nie! Ihr wird bewusst: „Wenn ich jetzt nichts an meinem Leben ändere, werde ich irgendwann zu alt dafür sein.“ Anja Beyer bewirbt sich an Logopädie-Fachschulen in Hamburg, Kiel und Hannover. Denn im Norden will sie bleiben. Dort fühlt sie sich zu Hause. Doch kei-

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ne Schule im Norden nimmt sie auf. So bewirbt sie sich schließlich noch in Magdeburg, weil sie dort auf die Unterstützung von Eltern und Schwester bauen kann. „Aber das war zunächst zweite Wahl“, gesteht sie. Anja Beyer hievt die letzten Kartons in ihren schwarzen Ford Fiesta, bringt einer Freundin noch ein Ausstellungsposter mit einem Motiv von Gustav Klimt vorbei, liefert bei einem Freund zwei geliehene Klappstühle ab, die sie noch im Keller stehen hatte. Dann bringt sie Schuhe, Bücher, Tonengelchen, Stoffblumengirlanden und anderen „Schnickschnack“, den sie nicht mehr braucht, in den Umsonst-Laden. „Unnützes Zeug“, das sie hinter sich lassen möchte. „Ballast“, den sie abwerfen will, um sich ein Stückweit frei von materiellen Dingen zu machen. Diesmal hat sie rigoroser ausgemistet als bei ihren vorangegangenen Umzügen. Sie schlägt die Autotür zu, dreht den Zündschlüssel um und fährt los. Dem Umzugswagen hinterher, über die Elbbrücken, vorbei an den grauen Hafenkränen, den vielen bunten Containern, den Schiffen, die am Pier liegen. Es ist Februar 2007, die Sonne scheint. Hamburg lacht ihr zum Abschied zu. Durch den Kopf schießen ihr tausend Dinge: Hat sie den Herd ausgeschaltet? Alle Fenster geschlossen? Wo ist ihr Handy? Sie wühlt hektisch in ihrer Handtasche, kann es nicht finden, blinkt, fährt rechts ran, steigt aus, wühlt noch einmal in ihrer Handtasche, sucht in der Tüte mit den Lebensmitteln, klappt das Handschuhfach auf. Dort liegt es. Noch einmal blickt sie auf den Hafen, dann fährt sie weiter. Die Hawaianerin auf dem Armaturenbrett schwingt ihr Baströckchen. Sie fährt bis nach Hanno-

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ver, dann immer weiter in den Osten Deutschlands Aber sie tut es. Anja Beyer dreht ihr Leben auf Null, hinein. Hinter Braunschweig tauchen die ersten Wind- um noch mal ganz neu anzufangen. Lässt die Stadt, in räder auf. Der Himmel ist grau bedeckt, es nieselt. der sie sich aufgehoben fühlte, die Freunde, ihre mateDort, wo die Plattenbauten wie Kasernen aussehen, rielle Unabhängigkeit zurück. „Einfach, um mir spämuss sie die Ausfahrt nehmen. ter nicht vorwerfen zu müssen, dass ich nicht alles Anja Beyer stellt die quietschgelbe Kaffeetasse ab, probiert habe.“ entschuldigt sich kurz, weil sie mit dem Sohn einer Sie zieht in eine 36-Quadratmeter-Wohnung. Das Patientin telefonieren muss, die sie nach einem Auto ist verkauft, in die Schule fährt sie nun mit dem Schlaganfall logopädisch betreut. Sie braucht noch Fahrrad. Schulgeld und Lebensunterhalt muss sie sich eine Unterschrift für ihre Unterlagen. Sonst bekommt erkellnern. Heimweh kriecht in ihr hoch. Immer dann, sie von der Krankenkasse kein Honorar. Mit leiser, wenn sie auf sich selbst zurückgeworfen in ihrer Wohlangsamer, aber deutlicher Stimme spricht sie ins Te- nung sitzt, jetzt im Winter, leicht fröstelnd, weil der alte lefon. Von der Wand blickt die mexikanische Malerin Nachtspeicher-Ofen mal wieder schwach auf der Brust Frieda Kahlo, deren buschige schwarze Augenbrauen ist. Sie an ihrer Entscheidung neu anzufangen, zweifelt sich widerspenstig im Gesicht begegnen. Zwei Frauen und sich fragt: Was mache ich eigentlich hier? wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine Das, was sie in Magdeburg erwartet, überrascht sanft und zurückhaltend, die andere durchsetzungs- sie nicht. Erschreckt sie aber dann doch. „Im Verstark und direkt. gleich zu Hamburg herrscht dort ein ganz anderes Anja Beyer legt ihr Handy auf Lebensgefühl. Hamburg ist eine Weltden kleinen Glasschreibtisch und stadt, Magdeburg ziemlich provinzies war mir fährt fort: „Nach Magdeburg wollunangenehm, wenn ell. Auf den Straßen findet wenig Lete ich zwar nur ungern zurück, aber ben statt, ist es auf den ersten Blick mich jemand diese Ausbildung wollte ich unbeeinfach tot. Ich musste mich erst wiefragte, was ich dingt machen. So habe ich dort zuder auf diese andere Mentalität einmache. weil ich nicht gesagt, obwohl ich bis zum Schluss stellen. Außerdem schien es kaum dahinterstand Zweifel und Ängste hatte, wie das Leute in meinem Alter zu geben. Auf alles werden wird. Weil ich die den Straßen sah ich entweder alte LeuStadt kannte und wusste, was mich dort erwartet. Ich te oder ganz junge. Meine Generation hatte sich entPanik davor hatte, dass mir in Magdeburg alles zu eng weder schon total in die Familie zurückgezogen oder wird, ich von meinen Eltern wieder in diese Kinderrol- hatte nach der Wende, so wie ich, anderswo ihr le gedrängt werde, auch durch die finanzielle Abhän- Glück gesucht. Weder in der Schule noch in der Argigkeit, in die ich unweigerlich geraten würde.“ beit hatte ich deshalb einen sozialen Halt.“

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Und sie fühlt sich zum ersten Mal alt unter all den Ich habe erkannt, dass ich eigentlich zufriedener 20-Jährigen in ihrer Schulklasse, die ihr Selbstbild bin, wenn ich weniger kaufe, weniger konsumiere. All ins Wanken bringen. Älter und reifer zu werden, dieses Mehr und Mehr und Mehr, das fiel komplett das empfand sie als gut. Doch jetzt ertappt sie sich von mir ab.“ dabei, wie sie die jungen Dinger beobachtet und ihMit der Zeit schließt sie Frieden mit Magdeburg, nen ihre Unbeschwertheit neidet. Weil lernt tolle Menschen kennen und sie alles noch vor sich haben, noch so findet noch etwas Bereicherndes: viel Zeit. die Liebe. Es war an einem Ballettich glaube, In Magdeburg wird Anja Beyer auch ich bin ernsthafter abend, an dem „Giselle“ aufgeführt zum ersten Mal bewusst, dass sie keine wurde. Sie sei dort mit einer Klasgeworden. mein Familie hat, keine Kinder, nicht mal eisenkameradin aus ihrer Logopädieleben hat nun nen Mann. „Für die meisten Ost-FrauSchule gewesen. In der Pause hätte mehr substanz als en meiner Generation war es selbstversie sich an der Bar für ein Glas Sekt mein altes ständlich Kinder zu haben und diese angestellt. Und dort hätte sie sie geauch früher zu bekommen als in Westsehen: Nadine. Wie sie so rumflitzte Deutschland, wo es mehr um Selbstverwirklichung in ihrer schwarzen Bluse, die lange, schwarze Kellnerging“, erklärt sie. „Da fand ich es dann auf einmal schürze über der engen, dunkelgrau-weißgestreiften komisch, als mich die Leute nach meiner Familie frag- Hose festgezurrt. Ein dunkelblonder Pferdeschwanz, ten und ich jedes Mal antwortete: Nein, ich habe kei- schlanke Figur, sehr lebendig und spritzig, die die Leune Kinder, lebe auch alleine und mache jetzt noch mal te nonchalant bediente, mit einem verschmitzten Läeine neue Ausbildung.“ Und denkt, dass es irgend- cheln auf den Lippen. „Ich habe sie gesehen und mir wann vielleicht doch ganz schön wäre eine eigene Fa- gedacht: Die würde ich gerne kennenlernen“, erzählt milie zu haben. Anja Beyer. „Das war eine harte Zeit“, zurrt Anja Beyer die Anja Beyer ist verwirrt, weil sie das Gefühl zu diedrei Jahre in Magdeburg zusammen. „Doch waren ser Frau nicht richtig einordnen kann, es auch nicht diese Entbehrungen auch sehr lehrreich, eine gute wahrhaben will. Doch Nadine geht ihr nicht mehr aus Schule. Vorher hatte ich das Geld ausgegeben, das dem Kopf. Sie merkt, dass dies eindeutig verliebte Gereinkam, war immer fett im Dispo. Immer diese fühle sind. Aber denkt sich immer wieder: Das kann Sucht, unbedingt etwas Neues haben zu müssen, doch nicht sein. Woher kommt das? Denn es waren noch ein T-Shirt, noch eine Hose, aber letztendlich bisher Männer, die sie in dieser Weise interessiert hatwar die Befriedigung nie da, auch nicht nach 100 ten, Frauen nie. neuen Teilen. Wenn man mal merkt, dass es auch mit Durch eine gemeinsame Kneipenkollegin lernen sie weniger geht, ist das eine gute Erfahrung. sich schließlich kennen. Nadine geht es schnell wie

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Anja Beyer, und sie ergreift die Initiative. Am Weihnachtsabend 2008 küssen sie sich das erste Mal. „Dann war es eigentlich klar zwischen uns.“ Die Entscheidung, Magdeburg zu verlassen, nimmt ihr nun ihre Lebensgefährtin ab. Als diese 2009 nach Berlin zieht, zögert Anja Beyer nicht lange und kommt im April 2010 nach. „Der Hauptgrund hierher zu ziehen, war natürlich Nadine“, sagt sie. „Aber Berlin hat mich schon immer gereizt. Ich mag Großstädte, dieses Lebendige und die vielen Möglichkeiten, die sie einem bieten. Auch die Berliner Mentalität liegt mir: rotzig und direkt, auch wenn es manchmal weh tut. Viele Leute, die nach Berlin ziehen, haben mehr Erwartungen an das Leben, sind offen, interessiert, vielschichtig. Solche Leute hier wiederzutreffen, fand ich sehr bereichernd.“ In einer neurologischen Reha-Klinik in BerlinWandlitz, auf dem Gelände, wo Erich Honecker und seine Mitarbeiter einst residierten, findet sie sofort eine Stelle als Logopädin. Um 5.15 Uhr beginnt ihr Tag. Sie brüht sich Kaffee auf, duscht, macht sich Schnittchen, geht zur S-Bahn, dann weiter mit dem Regionalzug und mit dem Bus noch mal 20 Minuten bis sie endlich an ihrer Arbeitsstelle ankommt. Sie betreut Schlaganfall-Patienten, auch solche mit Tumor und Schädel-Hirn-Taumata – alles, was zu neurologischen Ausfällen und mit Ausfällen des Sprachzentrums zu tun hat, behandelt Patienten mit schweren Schluckstörungen. Um 18 Uhr kommt sie nach Hause. Nicht selten fällt sie um 22 Uhr ins Bett. Das geht zwei Jahre so. „Ich habe in der Klinik sehr viel gelernt, und die Arbeit hat viel Spaß gemacht“, erklärt Anja Beyer.“ Nur der Weg und die Bezahlung waren halt mies.“

Im Januar hat sich Anja Beyer, 42, selbstständig gemacht und arbeitet nun auf Honorarbasis. „In der Klinik blieb wenig Energie fürs Privatleben“, sagt sie. „Ich hoffe, dass das jetzt besser wird. Ich einfach wieder mehr Zeit habe für andere Dinge und die Angebote, die Berlin bietet, mehr nutzen kann.“ Ist sie nun angekommen, da wo sie hin wollte? Anja Beyer überlegt kurz. „Eines kann ich sicher sagen: Der Beruf als Logopädin entspricht mir voll und ganz. Weil es mir Spaß macht, mit Menschen zu arbeiten, ihnen zu helfen, mit ihren Problemen klarzukommen und der Beruf mir viele Möglichkeiten eröffnet. Noch mal eine komplett neue Ausbildung zu machen, habe ich nie bereut. Diesen Schritt zu wagen – das war eine ganz wichtige Entscheidung und Erfahrung in meinem Leben, das mich mit all den Einschränkungen und negativen Erfahrungen in vielerlei Hinsicht weitergebracht hat, auch in meiner Persönlichkeit.“ Finanziell sei es ihr vorher besser gegangen und auch mehr Leichtigkeit hätte sie in ihrem alten Leben gehabt. „Ich glaube, ich bin ernsthafter geworden“, sagt sie etwas wehmütig. „Doch mein Leben hat nun mehr Substanz als mein altes. Weil ich mir gerne Gedanken mache, wie ich einem Patienten bei seinen Problemen helfen kann und mir keinen Kopf mehr darüber machen muss, ob die Verkaufszahlen von Hanuta oder Duplo nun steigen oder nicht.“ Über die unsägliche Kundenveranstaltung auf der Horner Trabrennbahn kann sie nur noch schmunzeln. Sie ist jetzt ganz woanders. Dort, wo es sich endlich richtig anfühlt, ihr Leben. Dort, wo sie endlich die sein kann, die sie ist. *Name von der Redaktion geändert

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Und sie fühlt sich zum ersten Mal alt unter all den Ich habe erkannt, dass ich eigentlich zufriedener 20-Jährigen in ihrer Schulklasse, die ihr Selbstbild bin, wenn ich weniger kaufe, weniger konsumiere. All ins Wanken bringen. Älter und reifer zu werden, dieses Mehr und Mehr und Mehr, das fiel komplett das empfand sie als gut. Doch jetzt ertappt sie sich von mir ab.“ dabei, wie sie die jungen Dinger beobachtet und ihMit der Zeit schließt sie Frieden mit Magdeburg, nen ihre Unbeschwertheit neidet. Weil lernt tolle Menschen kennen und sie alles noch vor sich haben, noch so findet noch etwas Bereicherndes: viel Zeit. die Liebe. Es war an einem Ballettich glaube, In Magdeburg wird Anja Beyer auch ich bin ernsthafter abend, an dem „Giselle“ aufgeführt zum ersten Mal bewusst, dass sie keine wurde. Sie sei dort mit einer Klasgeworden. mein Familie hat, keine Kinder, nicht mal eisenkameradin aus ihrer Logopädieleben hat nun nen Mann. „Für die meisten Ost-FrauSchule gewesen. In der Pause hätte mehr substanz als en meiner Generation war es selbstversie sich an der Bar für ein Glas Sekt mein altes ständlich Kinder zu haben und diese angestellt. Und dort hätte sie sie geauch früher zu bekommen als in Westsehen: Nadine. Wie sie so rumflitzte Deutschland, wo es mehr um Selbstverwirklichung in ihrer schwarzen Bluse, die lange, schwarze Kellnerging“, erklärt sie. „Da fand ich es dann auf einmal schürze über der engen, dunkelgrau-weißgestreiften komisch, als mich die Leute nach meiner Familie frag- Hose festgezurrt. Ein dunkelblonder Pferdeschwanz, ten und ich jedes Mal antwortete: Nein, ich habe kei- schlanke Figur, sehr lebendig und spritzig, die die Leune Kinder, lebe auch alleine und mache jetzt noch mal te nonchalant bediente, mit einem verschmitzten Läeine neue Ausbildung.“ Und denkt, dass es irgend- cheln auf den Lippen. „Ich habe sie gesehen und mir wann vielleicht doch ganz schön wäre eine eigene Fa- gedacht: Die würde ich gerne kennenlernen“, erzählt milie zu haben. Anja Beyer. „Das war eine harte Zeit“, zurrt Anja Beyer die Anja Beyer ist verwirrt, weil sie das Gefühl zu diedrei Jahre in Magdeburg zusammen. „Doch waren ser Frau nicht richtig einordnen kann, es auch nicht diese Entbehrungen auch sehr lehrreich, eine gute wahrhaben will. Doch Nadine geht ihr nicht mehr aus Schule. Vorher hatte ich das Geld ausgegeben, das dem Kopf. Sie merkt, dass dies eindeutig verliebte Gereinkam, war immer fett im Dispo. Immer diese fühle sind. Aber denkt sich immer wieder: Das kann Sucht, unbedingt etwas Neues haben zu müssen, doch nicht sein. Woher kommt das? Denn es waren noch ein T-Shirt, noch eine Hose, aber letztendlich bisher Männer, die sie in dieser Weise interessiert hatwar die Befriedigung nie da, auch nicht nach 100 ten, Frauen nie. neuen Teilen. Wenn man mal merkt, dass es auch mit Durch eine gemeinsame Kneipenkollegin lernen sie weniger geht, ist das eine gute Erfahrung. sich schließlich kennen. Nadine geht es schnell wie

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Anja Beyer, und sie ergreift die Initiative. Am Weihnachtsabend 2008 küssen sie sich das erste Mal. „Dann war es eigentlich klar zwischen uns.“ Die Entscheidung, Magdeburg zu verlassen, nimmt ihr nun ihre Lebensgefährtin ab. Als diese 2009 nach Berlin zieht, zögert Anja Beyer nicht lange und kommt im April 2010 nach. „Der Hauptgrund hierher zu ziehen, war natürlich Nadine“, sagt sie. „Aber Berlin hat mich schon immer gereizt. Ich mag Großstädte, dieses Lebendige und die vielen Möglichkeiten, die sie einem bieten. Auch die Berliner Mentalität liegt mir: rotzig und direkt, auch wenn es manchmal weh tut. Viele Leute, die nach Berlin ziehen, haben mehr Erwartungen an das Leben, sind offen, interessiert, vielschichtig. Solche Leute hier wiederzutreffen, fand ich sehr bereichernd.“ In einer neurologischen Reha-Klinik in BerlinWandlitz, auf dem Gelände, wo Erich Honecker und seine Mitarbeiter einst residierten, findet sie sofort eine Stelle als Logopädin. Um 5.15 Uhr beginnt ihr Tag. Sie brüht sich Kaffee auf, duscht, macht sich Schnittchen, geht zur S-Bahn, dann weiter mit dem Regionalzug und mit dem Bus noch mal 20 Minuten bis sie endlich an ihrer Arbeitsstelle ankommt. Sie betreut Schlaganfall-Patienten, auch solche mit Tumor und Schädel-Hirn-Taumata – alles, was zu neurologischen Ausfällen und mit Ausfällen des Sprachzentrums zu tun hat, behandelt Patienten mit schweren Schluckstörungen. Um 18 Uhr kommt sie nach Hause. Nicht selten fällt sie um 22 Uhr ins Bett. Das geht zwei Jahre so. „Ich habe in der Klinik sehr viel gelernt, und die Arbeit hat viel Spaß gemacht“, erklärt Anja Beyer.“ Nur der Weg und die Bezahlung waren halt mies.“

Im Januar hat sich Anja Beyer, 42, selbstständig gemacht und arbeitet nun auf Honorarbasis. „In der Klinik blieb wenig Energie fürs Privatleben“, sagt sie. „Ich hoffe, dass das jetzt besser wird. Ich einfach wieder mehr Zeit habe für andere Dinge und die Angebote, die Berlin bietet, mehr nutzen kann.“ Ist sie nun angekommen, da wo sie hin wollte? Anja Beyer überlegt kurz. „Eines kann ich sicher sagen: Der Beruf als Logopädin entspricht mir voll und ganz. Weil es mir Spaß macht, mit Menschen zu arbeiten, ihnen zu helfen, mit ihren Problemen klarzukommen und der Beruf mir viele Möglichkeiten eröffnet. Noch mal eine komplett neue Ausbildung zu machen, habe ich nie bereut. Diesen Schritt zu wagen – das war eine ganz wichtige Entscheidung und Erfahrung in meinem Leben, das mich mit all den Einschränkungen und negativen Erfahrungen in vielerlei Hinsicht weitergebracht hat, auch in meiner Persönlichkeit.“ Finanziell sei es ihr vorher besser gegangen und auch mehr Leichtigkeit hätte sie in ihrem alten Leben gehabt. „Ich glaube, ich bin ernsthafter geworden“, sagt sie etwas wehmütig. „Doch mein Leben hat nun mehr Substanz als mein altes. Weil ich mir gerne Gedanken mache, wie ich einem Patienten bei seinen Problemen helfen kann und mir keinen Kopf mehr darüber machen muss, ob die Verkaufszahlen von Hanuta oder Duplo nun steigen oder nicht.“ Über die unsägliche Kundenveranstaltung auf der Horner Trabrennbahn kann sie nur noch schmunzeln. Sie ist jetzt ganz woanders. Dort, wo es sich endlich richtig anfühlt, ihr Leben. Dort, wo sie endlich die sein kann, die sie ist. *Name von der Redaktion geändert

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weniger ist mehr interview: Theresa Huth

Tanja Diezmann, Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste in Bremen, geht eher kritisch mit digitalen Medien um. Als Gründerin des Interaction Labs lehrt und forscht sie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Wir sprachen mit ihr über ihre Ideen zur Entschleunigung.

nova: Frau Diezmann, Ihre erste Lehrveranstaltung hieß: „Weniger ist mehr – Back on Focus“. Was hat Sie dazu gebracht? Tanja Diezmann: Durch die Informationsüberflutung vertieft man sich nicht mehr in Inhalte, konzentriert sich nicht mehr auf die Dinge, die einem als Mensch langfristig etwas bringen, sondern nimmt Häppchen auf, die am nächsten Tag bereits wieder vergessen sind. Die Frage an die Studenten war: Wie bewegt man die Menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? nova: Ihr Student Lorenz Potthast hat hier den „Entschleuniger-Helm“ entwickelt. Wie funktioniert der? Tanja Diezmann: Dieser rundherum geschlossene Metallhelm ist mit einer Kamera ausgestattet, die auf eine Brille im Inneren des Helmes das überträgt, was um den Träger herum passiert – allerdings verlangsamt. Der Träger sieht also immer die Vergangenheit: Kommt ihm beispielsweise jemand entgegen, dann sieht er die Person erst, wenn sie schon längt an ihm vorbeigegangen ist. nova: Und wie kommt man dadurch zum „Weniger“? Tanja Diezmann: Man fängt an, sich auf Dinge zu kon-

zentrieren, die selbst langsam sind, weil man die sehr gut wahrnehmen kann. Beispielsweise darauf, ein Buch zu lesen, weil es auch 30 Sekunden später noch auf dem Schoß liegt. Dinge, die schnell passieren, bringen einem dagegen nichts, denn die sind ja schon vorbei, wenn man sie sieht. Viele Echtzeiterfahrungen kann man da nicht mehr machen. Dadurch entschleunigt man. nova: Wie entschleunigen Sie sich selbst? Tanja Diezmann: Durch die bewusste Reduktion von

Dingen, Aktivitäten und Interaktion und vor allem durch die Konzentration auf Ausgewähltes. Oder ich mache einfach Urlaub im Ausland ohne Daten-Roaming. Das klappt am besten.

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nova: Das Internet bietet schier unendliche Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die unser Leben mittlerweile ganz schön durchdringen und uns viel Zeit rauben. Tanja Diezmann: Ja, bislang fehlen die richtigen Zugriffsstrukturen, die einen effektiven, vorausschauenden Zugang zu Informationen ermöglichen. Bei einer Onlinesuche sehe ich erst, welche der gefundenen Seiten relevant sind, wenn ich auf den entsprechenden Seiten den Inhalt gelesen habe. Es gibt kein Instrument, das mir bereits vorher zeigt, worum es auf der Seite wirklich geht und ob es sich lohnt sie anzuklicken. Das ist wie Topfschlagen mit Sucheingabefeld. Es dauert teilweise sehr lange, bis man das Passende gefunden hat und es passiert oft, dass man sich unfokussiert treiben lässt und von einem Informationshäppchen zum nächsten kommt. Ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd. Und plötzlich stellt man fest: „Eigentlich wollte ich doch was ganz anderes“. Dabei versickert das, was man unterwegs gelesen hat, einfach. So wird das Ganze mehr zur Zeitverschwendung als zur Informationsbeschaffung. nova: Was wäre eine denkbare Lösung dafür? Tanja Diezmann: Wenn Browser die Information vorab

einschätzbar präsentieren würden. Wenn ich bei den Suchergebnissen beispielsweise eine Inhaltsangabe der gefundenen Seiten angezeigt bekäme. Oder wenn ich sehe, wann und wo die Information ins Netz gestellt wurde, wer der Sender ist, wie umfangreich der Text ist und in welchem Kontext er steht. All das könnte visuell auf einen Blick dargestellt werden. An solchen Ideen forsche ich. nova: Haben Sie eine Strategie, wie man schon jetzt

besser mit den vielen Optionen im Internet klarkommen kann? Tanja Diezmann: Nein, leider nicht. Mir passiert es

wie bewegt man die menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? selbst, dass ich mich im Nirwana des Internets verliere. Wichtig ist, dass einem bewusst wird, wie sehr man davon vereinnahmt wird – auch von den vielen Kommunikationsmöglichkeiten. Diesen Punkt habe ich mit den Studenten im Seminar „Weniger ist mehr“ bearbeitet. Eine Idee des Studenten Lennart Hespenheide war zum Beispiel ein interaktiver Hocker, der anfängt zu vibrieren, wenn man zu lange vor dem Rechner sitzt. Es ging darum, Arbeiten zu entwerfen, die Menschen dazu bringen, sich wieder mehr auf eine Sache zu konzentrieren, als unablässig durch die Multioptionalität zu flanieren. nova: Was würde uns Gas vom Pedal nehmen lassen? Tanja Diezmann: Ein einfacheres Leben mit weniger Ge-

genständen, weniger Verpflichtungen, weniger Informationen und Kommunikation, mit weniger von allem würde der Gesellschaft mehr Zeit zum Reflektieren, Fokussieren und verantwortlichen Handeln geben. nova: Eine schöne Vorstellung! Wann werden wir Ihre Produkte zur Verlangsamung kaufen können? Tanja Diezmann: Ich würde mich freuen, wenn es zu Kooperationen mit Firmen käme, mit denen man gemeinsam derartige Ideen entwickeln könnte. Für diesen Zweck plane ich ein Utopie-Lab, für das ich gerade Partner akquiriere.

Tanja Diezmann , geboren 1969, war nach ihrem Studium der visuellen Gestaltung in Schwäbisch Gmünd Creative Director bei der Multimediaagentur Pixelpark, bevor sie 1998 als Professorin für Interface Design an die Hochschule Anhalt in Dessau berufen wurde. Nach ihrer zweijährigen Tätigkeit als Director of Interaction Design am Art Center College of Design in Pasadena, USA, lehrt sie seit 2011 als Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste, Bremen. Seit 2000 führt sie ihr eigenes Design Studio: die pReview digital design GmbH in Berlin.

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dossier

dossier

weniger ist mehr interview: Theresa Huth

Tanja Diezmann, Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste in Bremen, geht eher kritisch mit digitalen Medien um. Als Gründerin des Interaction Labs lehrt und forscht sie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Wir sprachen mit ihr über ihre Ideen zur Entschleunigung.

nova: Frau Diezmann, Ihre erste Lehrveranstaltung hieß: „Weniger ist mehr – Back on Focus“. Was hat Sie dazu gebracht? Tanja Diezmann: Durch die Informationsüberflutung vertieft man sich nicht mehr in Inhalte, konzentriert sich nicht mehr auf die Dinge, die einem als Mensch langfristig etwas bringen, sondern nimmt Häppchen auf, die am nächsten Tag bereits wieder vergessen sind. Die Frage an die Studenten war: Wie bewegt man die Menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? nova: Ihr Student Lorenz Potthast hat hier den „Entschleuniger-Helm“ entwickelt. Wie funktioniert der? Tanja Diezmann: Dieser rundherum geschlossene Metallhelm ist mit einer Kamera ausgestattet, die auf eine Brille im Inneren des Helmes das überträgt, was um den Träger herum passiert – allerdings verlangsamt. Der Träger sieht also immer die Vergangenheit: Kommt ihm beispielsweise jemand entgegen, dann sieht er die Person erst, wenn sie schon längt an ihm vorbeigegangen ist. nova: Und wie kommt man dadurch zum „Weniger“? Tanja Diezmann: Man fängt an, sich auf Dinge zu kon-

zentrieren, die selbst langsam sind, weil man die sehr gut wahrnehmen kann. Beispielsweise darauf, ein Buch zu lesen, weil es auch 30 Sekunden später noch auf dem Schoß liegt. Dinge, die schnell passieren, bringen einem dagegen nichts, denn die sind ja schon vorbei, wenn man sie sieht. Viele Echtzeiterfahrungen kann man da nicht mehr machen. Dadurch entschleunigt man. nova: Wie entschleunigen Sie sich selbst? Tanja Diezmann: Durch die bewusste Reduktion von

Dingen, Aktivitäten und Interaktion und vor allem durch die Konzentration auf Ausgewähltes. Oder ich mache einfach Urlaub im Ausland ohne Daten-Roaming. Das klappt am besten.

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nova: Das Internet bietet schier unendliche Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die unser Leben mittlerweile ganz schön durchdringen und uns viel Zeit rauben. Tanja Diezmann: Ja, bislang fehlen die richtigen Zugriffsstrukturen, die einen effektiven, vorausschauenden Zugang zu Informationen ermöglichen. Bei einer Onlinesuche sehe ich erst, welche der gefundenen Seiten relevant sind, wenn ich auf den entsprechenden Seiten den Inhalt gelesen habe. Es gibt kein Instrument, das mir bereits vorher zeigt, worum es auf der Seite wirklich geht und ob es sich lohnt sie anzuklicken. Das ist wie Topfschlagen mit Sucheingabefeld. Es dauert teilweise sehr lange, bis man das Passende gefunden hat und es passiert oft, dass man sich unfokussiert treiben lässt und von einem Informationshäppchen zum nächsten kommt. Ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd. Und plötzlich stellt man fest: „Eigentlich wollte ich doch was ganz anderes“. Dabei versickert das, was man unterwegs gelesen hat, einfach. So wird das Ganze mehr zur Zeitverschwendung als zur Informationsbeschaffung. nova: Was wäre eine denkbare Lösung dafür? Tanja Diezmann: Wenn Browser die Information vorab

einschätzbar präsentieren würden. Wenn ich bei den Suchergebnissen beispielsweise eine Inhaltsangabe der gefundenen Seiten angezeigt bekäme. Oder wenn ich sehe, wann und wo die Information ins Netz gestellt wurde, wer der Sender ist, wie umfangreich der Text ist und in welchem Kontext er steht. All das könnte visuell auf einen Blick dargestellt werden. An solchen Ideen forsche ich. nova: Haben Sie eine Strategie, wie man schon jetzt

besser mit den vielen Optionen im Internet klarkommen kann? Tanja Diezmann: Nein, leider nicht. Mir passiert es

wie bewegt man die menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? selbst, dass ich mich im Nirwana des Internets verliere. Wichtig ist, dass einem bewusst wird, wie sehr man davon vereinnahmt wird – auch von den vielen Kommunikationsmöglichkeiten. Diesen Punkt habe ich mit den Studenten im Seminar „Weniger ist mehr“ bearbeitet. Eine Idee des Studenten Lennart Hespenheide war zum Beispiel ein interaktiver Hocker, der anfängt zu vibrieren, wenn man zu lange vor dem Rechner sitzt. Es ging darum, Arbeiten zu entwerfen, die Menschen dazu bringen, sich wieder mehr auf eine Sache zu konzentrieren, als unablässig durch die Multioptionalität zu flanieren. nova: Was würde uns Gas vom Pedal nehmen lassen? Tanja Diezmann: Ein einfacheres Leben mit weniger Ge-

genständen, weniger Verpflichtungen, weniger Informationen und Kommunikation, mit weniger von allem würde der Gesellschaft mehr Zeit zum Reflektieren, Fokussieren und verantwortlichen Handeln geben. nova: Eine schöne Vorstellung! Wann werden wir Ihre Produkte zur Verlangsamung kaufen können? Tanja Diezmann: Ich würde mich freuen, wenn es zu Kooperationen mit Firmen käme, mit denen man gemeinsam derartige Ideen entwickeln könnte. Für diesen Zweck plane ich ein Utopie-Lab, für das ich gerade Partner akquiriere.

Tanja Diezmann , geboren 1969, war nach ihrem Studium der visuellen Gestaltung in Schwäbisch Gmünd Creative Director bei der Multimediaagentur Pixelpark, bevor sie 1998 als Professorin für Interface Design an die Hochschule Anhalt in Dessau berufen wurde. Nach ihrer zweijährigen Tätigkeit als Director of Interaction Design am Art Center College of Design in Pasadena, USA, lehrt sie seit 2011 als Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste, Bremen. Seit 2000 führt sie ihr eigenes Design Studio: die pReview digital design GmbH in Berlin.

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dossier

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In der Multioptionsfalle Text: Andrea Diener

Ob im Job oder Privaten: Die Vielfalt der Möglichkeiten macht uns verrückt. Wir leben in einem ständigen Konjunktiv des „Ich könnte“ und „Ich sollte“. Die Qual der Wahl, sie ist für uns Alltag geworden.

Nein, das Leben ist kein Fertiggericht. Es ist eher ein Mit dem Durchatmen aber kommt das Denken. Mit kaltes Buffet, von dem man unmöglich alles probie- dem Wochenende, mit dem Urlaub, mit dem Feierren kann. Dass ich eingelegte Artischockenherzen abend, hinterrücks attackieren einen ungewollte nicht mag, weiß ich, ich mag lieber Fisch, davon will Hirnaktivitäten. Plötzlich kommt man zu Bewusstich unbedingt etwas nehmen, aber der Menschen- sein, wie nach einem langen Koma, taucht auf, pulk davor schreckt mich ab. Fisch ist hart um- schnappt nach Luft und schaut sich um: Wo bin ich kämpft. Ich wende mich also dem hier eigentlich, was mach ich hier eiSalat zu, neben dem stehe ich zufäl- man kleidet sich mit gentlich? Man kocht Kaffee, duscht lig gerade, und praktischerweise lebensmodellen an und fragt sich: Wie bin ich hineingescheint er nicht sehr begehrt. Ich raten in diese Wohnung, in diese Bewie eine papierpuppe: häufe gerade grüne Blätter auf den ziehung, in dieses Leben? Hab ich Vielleicht wäre Teller, da sehe ich das Chicken Tanmich jemals dafür entschieden? Hat anders alles doch doori. Ich will Chicken Tandoori, mich überhaupt mal jemand gefragt? viel besser aber bloß nicht zuviel, das macht Vielleicht neigt man zur Larmoyanz satt und ich will später noch vom und heult: Nie fragt mich einer. Fisch probieren und außerdem die Desserts. Die sind Manchmal, wenn man nichts Besseres zu tun hat, alle heftig, Mousse au Chocolat und Panna cotta, fängt man auch an, sich Paralleluniversien auszumadas muss ich schon mal einplanen, aber erst... Halt, len: Ich mit Kind, ich ohne Kind, ich verheiratet mit der Fischpulk lichtet sich, schnell rüber, ach Mist, der Jugendliebe, ich mit Studium, ich ohne Studium, nur noch Aal übrig. Also doch Salat. So geht das die ich ausgewandert in ein Cottage in Südengland. Kleiganze Zeit. det sich mit Lebensmodellen an wie eine PapierpupMan kann sich natürlich auch gut und gerne mit pe: Vielleicht wäre anders alles doch viel besser. Vielanderen Dingen ablenken. Wenn man in der Tret- leicht wäre ich in Südengland mehr ich selbst, noch mühle steckt, damit beschäftigt ist die Tage abzuha- ichiger, am ichigsten. Es heißt ja immer, dass man zu ken, dann merkt man es nicht. Denkt nicht darüber sich selbst kommen soll, aber dann? Soll man dann nach, was alles sein könnte, denn das, wo man gera- da bleiben, einfach stehenbleiben und froh sein, dass de drinsteckt, ist einem ohnehin schon zu viel. Man man sich gefunden hat? ist froh, regelmäßig in der Betriebskantine seine Es gibt viele Möglichkeiten, mit seinem Dasein zu Nahrungsversorgung sichern zu können und ausrei- hadern, aber die verletzendste und unfruchtbarste ist chend zu schlafen. Man nimmt die Zeit eigentlich die, sich mit anderen zu vergleichen: Meine Freundin nur noch wahr, weil man regelmäßig den Terminka- ist genauso alt wie ich und leitet schon ein Büro. Meilender umblättern muss und das Geld auf dem Kon- ne Schwester ist jünger und verdient viel besser als to auf- und abschwillt. ich. Alle aus meiner alten Klasse sind schon verheira-

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In der Multioptionsfalle Text: Andrea Diener

Ob im Job oder Privaten: Die Vielfalt der Möglichkeiten macht uns verrückt. Wir leben in einem ständigen Konjunktiv des „Ich könnte“ und „Ich sollte“. Die Qual der Wahl, sie ist für uns Alltag geworden.

Nein, das Leben ist kein Fertiggericht. Es ist eher ein Mit dem Durchatmen aber kommt das Denken. Mit kaltes Buffet, von dem man unmöglich alles probie- dem Wochenende, mit dem Urlaub, mit dem Feierren kann. Dass ich eingelegte Artischockenherzen abend, hinterrücks attackieren einen ungewollte nicht mag, weiß ich, ich mag lieber Fisch, davon will Hirnaktivitäten. Plötzlich kommt man zu Bewusstich unbedingt etwas nehmen, aber der Menschen- sein, wie nach einem langen Koma, taucht auf, pulk davor schreckt mich ab. Fisch ist hart um- schnappt nach Luft und schaut sich um: Wo bin ich kämpft. Ich wende mich also dem hier eigentlich, was mach ich hier eiSalat zu, neben dem stehe ich zufäl- man kleidet sich mit gentlich? Man kocht Kaffee, duscht lig gerade, und praktischerweise lebensmodellen an und fragt sich: Wie bin ich hineingescheint er nicht sehr begehrt. Ich raten in diese Wohnung, in diese Bewie eine papierpuppe: häufe gerade grüne Blätter auf den ziehung, in dieses Leben? Hab ich Vielleicht wäre Teller, da sehe ich das Chicken Tanmich jemals dafür entschieden? Hat anders alles doch doori. Ich will Chicken Tandoori, mich überhaupt mal jemand gefragt? viel besser aber bloß nicht zuviel, das macht Vielleicht neigt man zur Larmoyanz satt und ich will später noch vom und heult: Nie fragt mich einer. Fisch probieren und außerdem die Desserts. Die sind Manchmal, wenn man nichts Besseres zu tun hat, alle heftig, Mousse au Chocolat und Panna cotta, fängt man auch an, sich Paralleluniversien auszumadas muss ich schon mal einplanen, aber erst... Halt, len: Ich mit Kind, ich ohne Kind, ich verheiratet mit der Fischpulk lichtet sich, schnell rüber, ach Mist, der Jugendliebe, ich mit Studium, ich ohne Studium, nur noch Aal übrig. Also doch Salat. So geht das die ich ausgewandert in ein Cottage in Südengland. Kleiganze Zeit. det sich mit Lebensmodellen an wie eine PapierpupMan kann sich natürlich auch gut und gerne mit pe: Vielleicht wäre anders alles doch viel besser. Vielanderen Dingen ablenken. Wenn man in der Tret- leicht wäre ich in Südengland mehr ich selbst, noch mühle steckt, damit beschäftigt ist die Tage abzuha- ichiger, am ichigsten. Es heißt ja immer, dass man zu ken, dann merkt man es nicht. Denkt nicht darüber sich selbst kommen soll, aber dann? Soll man dann nach, was alles sein könnte, denn das, wo man gera- da bleiben, einfach stehenbleiben und froh sein, dass de drinsteckt, ist einem ohnehin schon zu viel. Man man sich gefunden hat? ist froh, regelmäßig in der Betriebskantine seine Es gibt viele Möglichkeiten, mit seinem Dasein zu Nahrungsversorgung sichern zu können und ausrei- hadern, aber die verletzendste und unfruchtbarste ist chend zu schlafen. Man nimmt die Zeit eigentlich die, sich mit anderen zu vergleichen: Meine Freundin nur noch wahr, weil man regelmäßig den Terminka- ist genauso alt wie ich und leitet schon ein Büro. Meilender umblättern muss und das Geld auf dem Kon- ne Schwester ist jünger und verdient viel besser als to auf- und abschwillt. ich. Alle aus meiner alten Klasse sind schon verheira-

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überall potenziale, unausgeschöpfte potenziale. und welche davon nutzt man? welche entwickelt man weiter? tet. Was auch immer man haben will, man findet jemanden, der es schon hat, damit man ihn darum beneiden kann. Das macht einen ziemlich schnell ziemlich unzufrieden. Egal wie man es dreht und wendet, immer läuft es auf die eine Frage hinaus: Habe ich mich damals richtig entschieden? Mache ich das Richtige? Ist es das, was wirklich zu mir passt? Ich hatte einmal so viele Möglichkeiten, ich hätte Försterin werden können, Kampfpilotin, Rettungsschwimmerin, ich hätte Agrarwissenschaften studieren oder eine Lehre als Bankkauffrau machen können, ich hätte früher von zu Hause ausziehen können und wäre vielleicht selbständiger geworden, oder ich hätte später ausziehen können und viel Geld gespart. Ich hätte mich von vielen Männern fernhalten können, von denen ich wusste, dass ich auf deren Masche immer wieder hereinfalle. Ich hätte können, aber wollen hab ich mich damals nicht getraut. Damals. Damals war noch so viel möglich, denn wenn man jung ist, den Schulabschluss frisch ergattert hat, dann steht einem die Welt offen, überall Potenziale, unausgeschöpfte Potenziale, und welche davon nutzt man? Welche entwickelt man weiter? Das Falsche, immer das Falsche. Weil man hinterher immer klüger ist. Heute weiß ich: Ich hätte mich nicht dauernd verunsichern lassen sollen. Hätte lieber mehr dicke

078 nova JetztZeit

Bücher lesen sollen anstatt eine Karriere als Illustratorin zu verfolgen. Hätte nicht dauernd mit meinem Dasein hadern sollen, sondern entspannt ein, zwei Jährchen abwarten, weil es sich im Nachhinein doch alles geklärt hat. Hinterher bastelt man sich nämlich sowieso einen Sinn zurecht. Irgendwie bekommt man dann auch die biografischen Umwege da hineinintegriert und verleiht ihnen Bedeutung. Ohne meine Umwege wäre ich vielleicht nicht so geworden wie ich bin, sage ich mir dann und fühle mich sofort ein wenig beruhigt. Es ist ja schließlich so: Jahrhundertelang hatten Frauen wenig Möglichkeiten. Waren Mütter oder alte Jungfern oder gingen ins Kloster, viel mehr blieb nicht. Aßen erschreckend viel Haferbrei und fragten nicht groß, was sie hätten machen sollen, sondern fügten sich ins Unausweichliche. Noch das Leben meiner Eltern lief wie auf Schienen. Schienen mit sehr wenigen Weichen. Heute ist nichts mehr unausweichlich, man kann fast allem irgendwie ausweichen, fragt sich nur in welche Richtung, und kaum hat man eine Richtung eingeschlagen, beginnt man sich auch schon zu fragen, ob es die richtige war. Möchte am liebsten wieder zurück, hält sich mit Händen und Füßen alle möglichen Türen auf, will sich nicht festlegen. Oder anders gesagt: Will sich nicht entscheiden, denn entscheiden bedeutet, sich für eine Sache zu entscheiden

und sich von einer anderen zu verabschieden, und scheiden tut bekanntlich weh. Macht’s gut, ihr Möglichkeiten, bye bye, es war schön mit euch. Auf die Gegenwart folgt immer eine Zukunft, ständig, jede Sekunde passiert das, tick, tick, beim nächsten Komma sind sie fünf Sekunden älter, und jedesmal, wenn man sich umentscheidet, gestaltet man die Zukunft um. Das ist prinzipiell gut, die Zukunft zu gestalten, sonst bleibt man passiv, lässt einfach alles an sich vorbeiziehen. Wer will das schon? Niemand will passiv sein. Das Leben soll nicht an einem vorbeirauschen. Und so setzt man sich ganz schön unter Druck, seine Gegenwart danach auszurichten, dass eine möglichst strahlende Zukunft folgen kann. Ständige Gegenwartsoptimierung für das Versprechen, dass irgendwann alles besser wird. Andererseits: Diese Gegenwart, jetzt, das ist im Moment die einzige, die ich habe. Und das, worin ich

lebe. Mein Schreibtisch, meine Wohnung, mein Leben. Jetzt, hier, um mich herum. Mit zunehmendem Alter werden die Strukturen fester, die Potenziale weniger, Möglichkeiten fallen weg. Besser, ich gewöhne mich daran. Besser, ich setze mir ein paar Ziele, die ich auch erreichen kann, und bloß nicht zu viele Ziele. Besser, ich versuche mit dem Leben zurechtzukommen, das ich habe, und fange kein neues an. Brauche ich einen neuen Schreibtisch, eine neue Wohnung, ein neues Leben? Wirklich? Nein. Es ist einfach nur schön, mir vorzustellen, wie es wäre. Ein Gedankenspiel, eine Übung in Vorstellungskraft. Mich selbst kann ich ja ohnehin nicht groß ändern. Und so wie ich mich kenne, kommt immer – egal, was ich mache, egal, wo ich bin – mit dem Durchatmen auch das Denken. Wenn alles nicht hilft, dann kann ich ja auch immer noch nach Südengland auswandern.

andrea diener wurde in Frankfurt am Main geboren, studierte Anglistik und Kunstgeschichte und geriet von dort aus via Weblog in den Journalismus. Sie schreibt heute für das Reiseblatt der FAZ, reist, fotografiert und ist viel im Internet unterwegs. In ihrem NetzTagebuch http://gig.antville.org hält sie ihre „Reisenotizen aus der Realität“ fest.

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überall potenziale, unausgeschöpfte potenziale. und welche davon nutzt man? welche entwickelt man weiter? tet. Was auch immer man haben will, man findet jemanden, der es schon hat, damit man ihn darum beneiden kann. Das macht einen ziemlich schnell ziemlich unzufrieden. Egal wie man es dreht und wendet, immer läuft es auf die eine Frage hinaus: Habe ich mich damals richtig entschieden? Mache ich das Richtige? Ist es das, was wirklich zu mir passt? Ich hatte einmal so viele Möglichkeiten, ich hätte Försterin werden können, Kampfpilotin, Rettungsschwimmerin, ich hätte Agrarwissenschaften studieren oder eine Lehre als Bankkauffrau machen können, ich hätte früher von zu Hause ausziehen können und wäre vielleicht selbständiger geworden, oder ich hätte später ausziehen können und viel Geld gespart. Ich hätte mich von vielen Männern fernhalten können, von denen ich wusste, dass ich auf deren Masche immer wieder hereinfalle. Ich hätte können, aber wollen hab ich mich damals nicht getraut. Damals. Damals war noch so viel möglich, denn wenn man jung ist, den Schulabschluss frisch ergattert hat, dann steht einem die Welt offen, überall Potenziale, unausgeschöpfte Potenziale, und welche davon nutzt man? Welche entwickelt man weiter? Das Falsche, immer das Falsche. Weil man hinterher immer klüger ist. Heute weiß ich: Ich hätte mich nicht dauernd verunsichern lassen sollen. Hätte lieber mehr dicke

078 nova JetztZeit

Bücher lesen sollen anstatt eine Karriere als Illustratorin zu verfolgen. Hätte nicht dauernd mit meinem Dasein hadern sollen, sondern entspannt ein, zwei Jährchen abwarten, weil es sich im Nachhinein doch alles geklärt hat. Hinterher bastelt man sich nämlich sowieso einen Sinn zurecht. Irgendwie bekommt man dann auch die biografischen Umwege da hineinintegriert und verleiht ihnen Bedeutung. Ohne meine Umwege wäre ich vielleicht nicht so geworden wie ich bin, sage ich mir dann und fühle mich sofort ein wenig beruhigt. Es ist ja schließlich so: Jahrhundertelang hatten Frauen wenig Möglichkeiten. Waren Mütter oder alte Jungfern oder gingen ins Kloster, viel mehr blieb nicht. Aßen erschreckend viel Haferbrei und fragten nicht groß, was sie hätten machen sollen, sondern fügten sich ins Unausweichliche. Noch das Leben meiner Eltern lief wie auf Schienen. Schienen mit sehr wenigen Weichen. Heute ist nichts mehr unausweichlich, man kann fast allem irgendwie ausweichen, fragt sich nur in welche Richtung, und kaum hat man eine Richtung eingeschlagen, beginnt man sich auch schon zu fragen, ob es die richtige war. Möchte am liebsten wieder zurück, hält sich mit Händen und Füßen alle möglichen Türen auf, will sich nicht festlegen. Oder anders gesagt: Will sich nicht entscheiden, denn entscheiden bedeutet, sich für eine Sache zu entscheiden

und sich von einer anderen zu verabschieden, und scheiden tut bekanntlich weh. Macht’s gut, ihr Möglichkeiten, bye bye, es war schön mit euch. Auf die Gegenwart folgt immer eine Zukunft, ständig, jede Sekunde passiert das, tick, tick, beim nächsten Komma sind sie fünf Sekunden älter, und jedesmal, wenn man sich umentscheidet, gestaltet man die Zukunft um. Das ist prinzipiell gut, die Zukunft zu gestalten, sonst bleibt man passiv, lässt einfach alles an sich vorbeiziehen. Wer will das schon? Niemand will passiv sein. Das Leben soll nicht an einem vorbeirauschen. Und so setzt man sich ganz schön unter Druck, seine Gegenwart danach auszurichten, dass eine möglichst strahlende Zukunft folgen kann. Ständige Gegenwartsoptimierung für das Versprechen, dass irgendwann alles besser wird. Andererseits: Diese Gegenwart, jetzt, das ist im Moment die einzige, die ich habe. Und das, worin ich

lebe. Mein Schreibtisch, meine Wohnung, mein Leben. Jetzt, hier, um mich herum. Mit zunehmendem Alter werden die Strukturen fester, die Potenziale weniger, Möglichkeiten fallen weg. Besser, ich gewöhne mich daran. Besser, ich setze mir ein paar Ziele, die ich auch erreichen kann, und bloß nicht zu viele Ziele. Besser, ich versuche mit dem Leben zurechtzukommen, das ich habe, und fange kein neues an. Brauche ich einen neuen Schreibtisch, eine neue Wohnung, ein neues Leben? Wirklich? Nein. Es ist einfach nur schön, mir vorzustellen, wie es wäre. Ein Gedankenspiel, eine Übung in Vorstellungskraft. Mich selbst kann ich ja ohnehin nicht groß ändern. Und so wie ich mich kenne, kommt immer – egal, was ich mache, egal, wo ich bin – mit dem Durchatmen auch das Denken. Wenn alles nicht hilft, dann kann ich ja auch immer noch nach Südengland auswandern.

andrea diener wurde in Frankfurt am Main geboren, studierte Anglistik und Kunstgeschichte und geriet von dort aus via Weblog in den Journalismus. Sie schreibt heute für das Reiseblatt der FAZ, reist, fotografiert und ist viel im Internet unterwegs. In ihrem NetzTagebuch http://gig.antville.org hält sie ihre „Reisenotizen aus der Realität“ fest.

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dossier

dossier

auf fremden füSSen brief: Rahel levin-varnhagen von Ense

An Rose Asser, im Haag

Frauenleben im 19. Jahrhundert: Rahel Levin-Varnhagen von Ense, eine geniale Denkerin zwischen Anpassung und Selbstbestimmung

Rahel Levin-Varnhagen von Ense wurde am 26. Mai 1771 in Berlin als ältestes Kind des Kaufmann Markus Levin geboren. Die Familie gehörte zu den „Schutzjuden“ Friedrichs II.; es ist die erste Phase der Judenemanzipation in Preußen. Rahel hatte entsprechend der Erziehung jüdischer Mädchen keine Schulbildung erhalten, sie bildete sich selbst durch Lesen, Gespräche und „Selbstdenken“. In ihrer kleinen Dachstube eröffnete sie Ende des Jahrhunderts ihren ersten Salon, in dem viele Intellektuelle und Künstler Berlins und Mitglieder des Hochadels verkehrten. Trotz dieses Erfolges litt sie ihr ganzes Leben darunter, als Jüdin Außenseiterin in der Gesellschaft zu sein. Finanziell war sie von ihren Brüdern abhängig. Ihre Verlobung mit dem preußischen Adligen Karl Graf Finkenstein zerbrach

080 nova JetztZeit

zu Rahels Verzweiflung an der Verschiedenheit ihrer Veranlagung und noch mehr ihrer Herkunft; sie war eine arme Jüdin für seine gräfliche Familie, er ein „Krautjunker“ in ihrem Salon. Ihre leidenschaftliche Beziehung zu dem ihr ebenfalls geistig unterlegenen spanischen Adligen Don Raphael d’Urquijo endete ebenfalls in Trennung. Mit dem Einmarsch Napoleons in Berlin 1806 löste sich ihr erster Salon auf. 1814 ließ sie sich taufen und heiratete den vierzehn Jahre jüngeren August Varnhagen von Ense, der sie verehrte und zur Kultfigur stilisierte. Durch ihn bekam sie endlich einen sicheren bürgerlichen Status. Sie war eine Gegnerin der Restauration und forderte die politische und formal-rechtliche Gleichstellung der Frauen. Rahel starb am 7. März 1833 in Berlin.

Karlsruhe, Freitag den 22. Januar 1819 Mittag 12 Uhr. Warmes Regenwetter

Teuerste Herzensrose!

Wie hat es mich gekränkt, daß dein so erwünschter Aufenthalt in Brüssel so unglücklich und quälend gestört war! [...] Mache dir auch Zerstreuung, bei deiner Eselsmilch: d.h. geh an Orte, wo neue Gegenstände, Worte und Menschen dich berühren, dir Blut, Leben, Nerven und Gedanken auffrischen. Wir Frauen haben dies doppelt nötig; indessen der Männer Beschäftigung wenigstens in ihren eignen Augen auch Geschäfte sind, die sie für wichtig halten müssen, in deren Ausübung ihre Ambition sich schmeichelt; worin sie ein Weiterkommen sehen, in welcher sie durch Menschenverkehr schon bewegt werden: wenn wir nur immer herabziehende, die kleinen Ausgaben und Einrichtungen, die sich ganz nach der Männer Stand beziehen müssen, Stückelein vor uns haben. Es ist Menschenkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sei anders und zu anderen Bedürfnissen konstituiert und wir könnten z. E. von des Mannes oder Sohns Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, dass ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres kennte als grade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt: oder die Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe, schon bloß als solche, der höchste menschliche Zustand: so aber ist es nicht: und man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen; fügt sich ihnen; macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten Beschäftigung: aber erfüllen, erholen, uns ausruhen, zu fernerer Tätigkeit und Tragen, können die uns nicht; oder auf unser ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund des vielen Frivolen, was man bei Weibern sieht und zu sehen glaubt: sie haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre, jeder Versuch, jeder Wunsch, den unna­ türlichen Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt; oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten. Darum musst du und ich ein wenig angefrischt werden! [...]

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auf fremden füSSen brief: Rahel levin-varnhagen von Ense

An Rose Asser, im Haag

Frauenleben im 19. Jahrhundert: Rahel Levin-Varnhagen von Ense, eine geniale Denkerin zwischen Anpassung und Selbstbestimmung

Rahel Levin-Varnhagen von Ense wurde am 26. Mai 1771 in Berlin als ältestes Kind des Kaufmann Markus Levin geboren. Die Familie gehörte zu den „Schutzjuden“ Friedrichs II.; es ist die erste Phase der Judenemanzipation in Preußen. Rahel hatte entsprechend der Erziehung jüdischer Mädchen keine Schulbildung erhalten, sie bildete sich selbst durch Lesen, Gespräche und „Selbstdenken“. In ihrer kleinen Dachstube eröffnete sie Ende des Jahrhunderts ihren ersten Salon, in dem viele Intellektuelle und Künstler Berlins und Mitglieder des Hochadels verkehrten. Trotz dieses Erfolges litt sie ihr ganzes Leben darunter, als Jüdin Außenseiterin in der Gesellschaft zu sein. Finanziell war sie von ihren Brüdern abhängig. Ihre Verlobung mit dem preußischen Adligen Karl Graf Finkenstein zerbrach

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zu Rahels Verzweiflung an der Verschiedenheit ihrer Veranlagung und noch mehr ihrer Herkunft; sie war eine arme Jüdin für seine gräfliche Familie, er ein „Krautjunker“ in ihrem Salon. Ihre leidenschaftliche Beziehung zu dem ihr ebenfalls geistig unterlegenen spanischen Adligen Don Raphael d’Urquijo endete ebenfalls in Trennung. Mit dem Einmarsch Napoleons in Berlin 1806 löste sich ihr erster Salon auf. 1814 ließ sie sich taufen und heiratete den vierzehn Jahre jüngeren August Varnhagen von Ense, der sie verehrte und zur Kultfigur stilisierte. Durch ihn bekam sie endlich einen sicheren bürgerlichen Status. Sie war eine Gegnerin der Restauration und forderte die politische und formal-rechtliche Gleichstellung der Frauen. Rahel starb am 7. März 1833 in Berlin.

Karlsruhe, Freitag den 22. Januar 1819 Mittag 12 Uhr. Warmes Regenwetter

Teuerste Herzensrose!

Wie hat es mich gekränkt, daß dein so erwünschter Aufenthalt in Brüssel so unglücklich und quälend gestört war! [...] Mache dir auch Zerstreuung, bei deiner Eselsmilch: d.h. geh an Orte, wo neue Gegenstände, Worte und Menschen dich berühren, dir Blut, Leben, Nerven und Gedanken auffrischen. Wir Frauen haben dies doppelt nötig; indessen der Männer Beschäftigung wenigstens in ihren eignen Augen auch Geschäfte sind, die sie für wichtig halten müssen, in deren Ausübung ihre Ambition sich schmeichelt; worin sie ein Weiterkommen sehen, in welcher sie durch Menschenverkehr schon bewegt werden: wenn wir nur immer herabziehende, die kleinen Ausgaben und Einrichtungen, die sich ganz nach der Männer Stand beziehen müssen, Stückelein vor uns haben. Es ist Menschenkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sei anders und zu anderen Bedürfnissen konstituiert und wir könnten z. E. von des Mannes oder Sohns Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, dass ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres kennte als grade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt: oder die Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe, schon bloß als solche, der höchste menschliche Zustand: so aber ist es nicht: und man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen; fügt sich ihnen; macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten Beschäftigung: aber erfüllen, erholen, uns ausruhen, zu fernerer Tätigkeit und Tragen, können die uns nicht; oder auf unser ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund des vielen Frivolen, was man bei Weibern sieht und zu sehen glaubt: sie haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre, jeder Versuch, jeder Wunsch, den unna­ türlichen Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt; oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten. Darum musst du und ich ein wenig angefrischt werden! [...]

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tatort körper Botox, Turbo-Diäten, Schamlippen-Bleaching: Scharfzüngig und faktenreich geht Regula Stämpfli der Frage nach, was immer mehr Frauen dazu bringt, sich zur Schlachtbank der Schönheitsindustrie führen zu lassen. Mit einem philosophischen Blick auf Kunst, Literatur und Geschichte lotet die Autorin die Untiefen einer Welt aus, in der nur noch der richtig Body-MassIndex und das Geburtsjahr zählen – und zeigt, wie wir uns diesem Wahn entziehen und wieder lernen können, unsere eigene Schönheit zu finden. Die Vermessung der Frau: Von Botox, Hormonen und anderem Irrsinn, Regula Stämpfli, Gütersloher Verlag, 17,99 Euro

eine geschichte des gesichts Gesichter können sprechen. Manchmal erstarren sie aber auch zur Maske, hinter denen sich der Mensch versteckt. Der Kunsthistoriker Hans Belting hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Gesichter zum Sprechen zu bringen. In seinem reich bebilderten Sachbuch „Faces: Eine Geschichte des Gesichts“ wendet er sich Gesichtern in der Malerei verschiedener Epochen zu und erzählt, was sie über den Menschen in seiner Zeit zu berichten wissen. Dabei spannt er den Bogen von der Steinzeit über die Renaissance bis in die Gegenwart. Faces: Eine Geschichte des Gesichts, Hans Belting, erschienen im C.H. Beck Verlag, 29,95 Euro

Foto: kerstin müller

lustloser dienstag Er ist der Tag der Woche, an dem am wenigsten Sex stattfindet. Zu disem Schluss kommt eine aktuelle Studie von Lovehoney, dem größten britischen Sex-Toy-Unternehmen. Nur vier Prozent der befragten Paare haben dienstags Sex – der Donnerstag folgt mit sechs Prozent. Samstags hingegen sind es fast 40 Prozent.

Zudem lieben sich Pärchen vorzugsweise ein Mal die Woche vor 23 Uhr, wie eine Studie der UK Medics belegt, wobei das Licht anbleibt. Ein Drittel der Frauen präferiert den Liebesakt jedoch im Dunkeln, weil sie entweder unzufrieden mit dem eigenen Körper sind oder den Akt so als intimer wahrnehmen.

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nahkontakt Alles, was berührt: Liebe, Beziehungen, Körperwelten, Muttergefühle, Männer, Helden unserer Jugend, Poesie

tatort körper Botox, Turbo-Diäten, Schamlippen-Bleaching: Scharfzüngig und faktenreich geht Regula Stämpfli der Frage nach, was immer mehr Frauen dazu bringt, sich zur Schlachtbank der Schönheitsindustrie führen zu lassen. Mit einem philosophischen Blick auf Kunst, Literatur und Geschichte lotet die Autorin die Untiefen einer Welt aus, in der nur noch der richtig Body-MassIndex und das Geburtsjahr zählen – und zeigt, wie wir uns diesem Wahn entziehen und wieder lernen können, unsere eigene Schönheit zu finden. Die Vermessung der Frau: Von Botox, Hormonen und anderem Irrsinn, Regula Stämpfli, Gütersloher Verlag, 17,99 Euro

eine geschichte des gesichts Gesichter können sprechen. Manchmal erstarren sie aber auch zur Maske, hinter denen sich der Mensch versteckt. Der Kunsthistoriker Hans Belting hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Gesichter zum Sprechen zu bringen. In seinem reich bebilderten Sachbuch „Faces: Eine Geschichte des Gesichts“ wendet er sich Gesichtern in der Malerei verschiedener Epochen zu und erzählt, was sie über den Menschen in seiner Zeit zu berichten wissen. Dabei spannt er den Bogen von der Steinzeit über die Renaissance bis in die Gegenwart. Faces: Eine Geschichte des Gesichts, Hans Belting, erschienen im C.H. Beck Verlag, 29,95 Euro

Foto: kerstin müller

lustloser dienstag Er ist der Tag der Woche, an dem am wenigsten Sex stattfindet. Zu disem Schluss kommt eine aktuelle Studie von Lovehoney, dem größten britischen Sex-Toy-Unternehmen. Nur vier Prozent der befragten Paare haben dienstags Sex – der Donnerstag folgt mit sechs Prozent. Samstags hingegen sind es fast 40 Prozent.

Zudem lieben sich Pärchen vorzugsweise ein Mal die Woche vor 23 Uhr, wie eine Studie der UK Medics belegt, wobei das Licht anbleibt. Ein Drittel der Frauen präferiert den Liebesakt jedoch im Dunkeln, weil sie entweder unzufrieden mit dem eigenen Körper sind oder den Akt so als intimer wahrnehmen.

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Die Ökonomie der beziehung Text: Hiltrud Bontrup Illustration: stephanie wunderlich

Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Gilt das wirtschaftliche Prinzip auch bei Paaren? Hiltrud Bontrup ist der Meinung: Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.

Franka könnte schreien vor Glück. Er hat Ja gesagt. Sie jubelt nicht, jedenfalls nicht in Gregors Gegenwart. Sie weiß, er tut es ihr zuliebe. Aber sie grinst. Es ist nicht nur die Freude auf das Haus mit Garten. Es ist ein Siegergrinsen. Sie hat sich durchgesetzt. Endlich. Zwei Jahre hat sie ihn bearbeitet: Sie würden die Sonne im Garten genießen, all das Grün. Bestimmt wohnen am Stadtrand auch relaxte Leute. Und sie ziehen doch sowieso nicht mehr ständig durch die Clubs. Zwei Jahre Diskussionen, Streit und Tränen. „Wenn es dir wirklich so wichtig ist“, sagte er plötzlich. Es war ganz still an ihrem Tisch gewesen. Seit zehn Minuten hatte keiner was gesagt. Er kaute sein Brötchen und starrte vor sich hin. Sie dachte an die Margeriten auf dem Balkon. Ein Kirschbaum wäre schöner. Aber noch mal davon anfangen? Sie traute sich nicht mehr, seit er letztens explodiert war. „Ich will kein Wort mehr davon hören!“ Seitdem schwieg sie, worüber sonst auch reden? Doch jetzt – gewonnen! Und verloren. Wenn Franka sich durchsetzt, zahlt sie einen Preis. So will es die Ökonomie der Liebe. Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Wer den

084 nova NahKontakt

anderen niederringt, den eigenen Willen durchboxt, der mag sich überlegen fühlen. Vielleicht ist er sogar im Recht, ganz objektiv gesehen. Den anderen selbst aber wird er verlieren, mit jedem Sieg ein Stückchen. Ein Stück Loyalität, ein Stück Vertrautheit, ein Stück Liebe.

am ende sind es nicht selten die starken, die hintergangen und verlassen werden Du kriegst das Haus – was kriege ich? Wer immer mittendrin stecken wollte im prallen Leben, die nächste Bar nie mehr als zehn Minuten entfernt, der opfert ein Lebensideal. Doch nicht umsonst und nicht für selbstgebackenen Kuchen auf der Terrasse. Wer sich in seinen Werten und Wünschen so beschneiden lässt, sucht irgendwann den Ausgleich. Selbstbestimmung ist die Währung. Dann geht Gregor mit Nele, der neuen Kollegin, nach der Arbeit noch in seine Lieblingskneipe. Franka hat ja ihr Haus.

Das war ihr ja so wichtig. Und Gregor ist jetzt auch was wichtig: Das Gefühl, selbst nicht zu kurz zu kommen. Hat er nicht jedes Recht dazu? Sie müssen einem nicht leid tun, die Schwachen, die in Beziehungen immer unterliegen. Sie gehen den leichteren Weg: weniger Kampf, mehr Alleingang. Klar kostet es Kraft gegenzuhalten, Wünsche auszuschlagen, eine harte Kante zu ziehen. Klar kostet es Mut, Nein zu sagen und den anderen zu enttäuschen. Es ist viel einfacher, nachzugeben und heimlich Vergeltung zu genießen. Es hat nur eine Konsequenz: Die Schnittmenge zweier Leben wird kleiner. Die Kluft wird größer. Mit jeder kleinen Rache schrumpft der Respekt voreinander ein wenig mehr. Am Ende sind es nicht selten die Starken, die hintergangen und verlassen werden. Dabei richten sie doch alles perfekt ein. Das Haus mit Garten, die Familie, in der jeder seine Rolle spielt. Den Liebsten, der sich so willig dareinfindet, dass er alleine kaum noch lebensfähig scheint. Nur dass es so nicht funktioniert. Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.


Die Ökonomie der beziehung Text: Hiltrud Bontrup Illustration: stephanie wunderlich

Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Gilt das wirtschaftliche Prinzip auch bei Paaren? Hiltrud Bontrup ist der Meinung: Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.

Franka könnte schreien vor Glück. Er hat Ja gesagt. Sie jubelt nicht, jedenfalls nicht in Gregors Gegenwart. Sie weiß, er tut es ihr zuliebe. Aber sie grinst. Es ist nicht nur die Freude auf das Haus mit Garten. Es ist ein Siegergrinsen. Sie hat sich durchgesetzt. Endlich. Zwei Jahre hat sie ihn bearbeitet: Sie würden die Sonne im Garten genießen, all das Grün. Bestimmt wohnen am Stadtrand auch relaxte Leute. Und sie ziehen doch sowieso nicht mehr ständig durch die Clubs. Zwei Jahre Diskussionen, Streit und Tränen. „Wenn es dir wirklich so wichtig ist“, sagte er plötzlich. Es war ganz still an ihrem Tisch gewesen. Seit zehn Minuten hatte keiner was gesagt. Er kaute sein Brötchen und starrte vor sich hin. Sie dachte an die Margeriten auf dem Balkon. Ein Kirschbaum wäre schöner. Aber noch mal davon anfangen? Sie traute sich nicht mehr, seit er letztens explodiert war. „Ich will kein Wort mehr davon hören!“ Seitdem schwieg sie, worüber sonst auch reden? Doch jetzt – gewonnen! Und verloren. Wenn Franka sich durchsetzt, zahlt sie einen Preis. So will es die Ökonomie der Liebe. Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Wer den

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anderen niederringt, den eigenen Willen durchboxt, der mag sich überlegen fühlen. Vielleicht ist er sogar im Recht, ganz objektiv gesehen. Den anderen selbst aber wird er verlieren, mit jedem Sieg ein Stückchen. Ein Stück Loyalität, ein Stück Vertrautheit, ein Stück Liebe.

am ende sind es nicht selten die starken, die hintergangen und verlassen werden Du kriegst das Haus – was kriege ich? Wer immer mittendrin stecken wollte im prallen Leben, die nächste Bar nie mehr als zehn Minuten entfernt, der opfert ein Lebensideal. Doch nicht umsonst und nicht für selbstgebackenen Kuchen auf der Terrasse. Wer sich in seinen Werten und Wünschen so beschneiden lässt, sucht irgendwann den Ausgleich. Selbstbestimmung ist die Währung. Dann geht Gregor mit Nele, der neuen Kollegin, nach der Arbeit noch in seine Lieblingskneipe. Franka hat ja ihr Haus.

Das war ihr ja so wichtig. Und Gregor ist jetzt auch was wichtig: Das Gefühl, selbst nicht zu kurz zu kommen. Hat er nicht jedes Recht dazu? Sie müssen einem nicht leid tun, die Schwachen, die in Beziehungen immer unterliegen. Sie gehen den leichteren Weg: weniger Kampf, mehr Alleingang. Klar kostet es Kraft gegenzuhalten, Wünsche auszuschlagen, eine harte Kante zu ziehen. Klar kostet es Mut, Nein zu sagen und den anderen zu enttäuschen. Es ist viel einfacher, nachzugeben und heimlich Vergeltung zu genießen. Es hat nur eine Konsequenz: Die Schnittmenge zweier Leben wird kleiner. Die Kluft wird größer. Mit jeder kleinen Rache schrumpft der Respekt voreinander ein wenig mehr. Am Ende sind es nicht selten die Starken, die hintergangen und verlassen werden. Dabei richten sie doch alles perfekt ein. Das Haus mit Garten, die Familie, in der jeder seine Rolle spielt. Den Liebsten, der sich so willig dareinfindet, dass er alleine kaum noch lebensfähig scheint. Nur dass es so nicht funktioniert. Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.


Wozu die Scham? Text: Bärbel Kerber Fotos: kevin hayes, flora p., fred hüning

Sexysein, das scheint uns verdammt wichtig geworden. Und wir hinterfragen das nicht. Wer es tut, kommt in den Verdacht verklemmt und spießig zu sein. Doch ist Intimität nicht auch zu etwas nütze?

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Wozu die Scham? Text: Bärbel Kerber Fotos: kevin hayes, flora p., fred hüning

Sexysein, das scheint uns verdammt wichtig geworden. Und wir hinterfragen das nicht. Wer es tut, kommt in den Verdacht verklemmt und spießig zu sein. Doch ist Intimität nicht auch zu etwas nütze?

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Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden

Schamhaft ist heute fast schon so schlimm wie schüchtern. In unserer Gesellschaft der prestigebewussten Selbstdarsteller haben wir die Scham längst aussortiert. Dann, plötzlich passiert es. Das eigene Kind schließt sich im Badezimmer ein, will sich nicht mehr nackt zeigen. Und schon ertappen sich Vater oder Mutter bei dem Gedanken „Huch, mein Kind ist prüde! Was hab ich falsch gemacht?” Dabei ist es nur eine Entwicklung am Beginn der Pubertät, in der es vor allem darum geht, Grenzen zu ziehen zwischen sich und den anderen und darum, herauszufinden, wer man selbst ist. Wollen dann dieselben Kinder kurze Zeit später mit tief dekolletiertem Shirt und pobackenzeigenden Shorts das Haus verlassen, pfeifen dieselben Eltern diese zurück, weil ein solch “schamloses Outfit” als unschicklich gilt. Obwohl es doch auch hier nur um einen weiteren Teil der Entwicklung zum Erwachsenen geht, nämlich dem Ausprobieren der eigenen Wirkung auf andere.

in unserer gesellschaft der prestigebewussten selbstdarsteller haben wir die scham längst aussortiert Was ist das eigentlich mit dem Schamgefühl? Wie wichtig ist es heutzutage, wo wir uns von Tabus ungern einengen lassen. Ist Scham eigentlich auch zu etwas nütze? Irgendwie hat das mit dem Schamgefühl ja einen total altbackenen Beigeschmack. Wer will heute schon etwas von Scham hören? Wer sich für etwas schämt, gilt als spröde. Wer freizügig ist, wirkt faszinierend und anziehend. Wir trimmen uns die schönsten Schamhaarfrisuren und reden ganz unverkrampft beim Frühstück mit Freunden darüber, wer wie unten aussieht. Und wer ganz lässig ist, geht gänzlich „ohne“ und rasiert gleich alles ab. Aber gefallen wir uns mit dem Kahlschlag wirklich besser? Am Ende haben uns diesen Trend nur die leicht verfügbaren Bilder der Internetpornografie eingeflüstert. Heute schämen wir uns nicht mehr,

wenn wir nackt sind, sondern wenn wir nackt und dabei nicht rasiert sind. Jeder Gang zum Frauenarzt oder in die Sauna bedarf der Vorbereitung – oder zumindest dem „Alles haarfrei?”-Schnellcheck der eigenen “private parts”. „Scham entsteht da, wo ich glaube, anders zu sein, nicht mithalten zu können“, sieht das Claudia Haarmann, die für ihr Buch „Unten rum – Die Scham ist nicht vorbei“ Interviews mit Frauen im Alter zwischen 20 und 70 geführt hat – und damit viel dazu beiträgt, dass wir unsere eigene, oft unbewusste und gut versteckte Scham überhaupt wahrnehmen: „Wir schämen uns, weil wir zu dick oder zu dünn sind. Wir schämen uns über unseren Busen: zu klein, zu groß, zu hängend. Wir schämen uns über zu große oder zu kleine Lustlippen (wie Haarmann die Schamlippen umgetauft hat). Wir schämen uns für unseren ‚unvollkommenen‘ Körper.“ Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden. Table-dancende Fünfjährige konkurrieren heute mit für den Playboy blankzihenden Schauspielerinnen im Best-Ager-Alter um Sexyness. Irgendwie ist uns das Gefühl dafür, was geht und was nicht, verloren gegangen. Woher rührt die Irritation? Die Konsum- und Werbewelt hat uns eine Sexualisierung von Mädchen und jungen Frauen beschert, die uns bei Lichte betrachtet doch eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Knappst betucht, die Beine breit, lasziv den Mund geöffnet: So scheint sich – ganz egal, ob nun Parfum, Handtaschen, Lipgloss oder Jeans – einfach alles gut zu verkaufen. Die Weisheit „Sex sells” ist alt, neu hingegen ist, dass dies auch für unsere Jüngsten gilt. String-Tangas für Mädchen bei H&M, Make-Up für Siebenund Achtjährige, Miniröcke und High Heels für Neunjährige. Bei YouTube kursieren Videos, in dem bereits Sechsjährige Schminktipps geben. „So sexy so soon” – der Buchtitel eines Bestsellers aus den USA spricht Bände und muss erst gar nicht weiter erklärt werden, weil jeder sofort weiß, worum es geht. Wieso goutieren wir das? Sexysein, das scheint uns verdammt wichtig geworden. Und wir hinterfra-

gen das nicht. Wer das tut, kommt in den Verdacht, verklemmt und spießig zu sein. Und das ist wieder sowas von uncool. Ach Coolness... Wir feiern die neue Lässigkeit im Umgang mit unserer freizügigen Selbstdarstellung als Befreiung. Meinen wir wirklich, dies wäre ein Akt der weiblichen Emanzipation? Vorsicht, Missverständnis! So müsste es von allen Werbeplakaten rufen. Denn diese stehen für die immer rücksichtslosere sexistische Besetzung des weiblichen Körpers. In unserer Medien- und Konsumwelt boomt die Zahl der Botschaften, die ein heillos rückständiges Frauenbild befördern. Und wir glauben tatsächlich weiter daran, wir seien ja ach so selbstbestimmt? Eifrig streben wir nach der Optimierung unserer Körper. Makellosigkeit ist uns längst als neues Ideal in die DNA übergegangen. Denn die Öffentlichkeit kennt keine Gnade vor Falten, Schlaffem und Unperfektem. Merkwürdigerweise kehrt mit dem Schönheitswahn und seiner erbarmungslosen Perfektion plötzlich die Scham zur Nacktheit zurück. Weil viele sich nun für ihren Körper schämen, der nicht den neuen Maßstäben standhält. Kein Wunder, dass wir uns beim Sex nicht mehr einfach hingeben können, sondern ständig selbst beobachten, um ja nicht in eine un­vor­ teilhafte Stellung zu kommen, die möglicherweise unsere Cellulite an den Beinen oder Pölsterchen am Bauch zeigt. Naomi Wolf hat schon 1991 in „Der Mythos Schönheit“ darauf aufmerksam gemacht, wie der Spaß am Sex und das Gefühl, begehrenswert zu sein, bei Frauen merklich geringer geworden ist. Sex und Scham sind ohnehin ein schwieriges Paar. Wer möchte schon Spießersex bei zugezogenen Vorhängen und in der Missionarsstellung vollziehen. Lustvoll schamlos sein ist etwas Berechtigtes, Schönes und anderes als peinlich schamlos zu sein. Das eine vollzieht sich in der Regel im Privaten und zeugt von einer Hoheit über unseren Körper. Das andere passiert meist in der Öffentlichkeit – und ist deshalb noch peinlicher als peinlich. Es wird Zeit, dass wir unterschei­ den lernen zwischen Anpassungsdruck und einem sinnlichen, selbstbewussten

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Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden

Schamhaft ist heute fast schon so schlimm wie schüchtern. In unserer Gesellschaft der prestigebewussten Selbstdarsteller haben wir die Scham längst aussortiert. Dann, plötzlich passiert es. Das eigene Kind schließt sich im Badezimmer ein, will sich nicht mehr nackt zeigen. Und schon ertappen sich Vater oder Mutter bei dem Gedanken „Huch, mein Kind ist prüde! Was hab ich falsch gemacht?” Dabei ist es nur eine Entwicklung am Beginn der Pubertät, in der es vor allem darum geht, Grenzen zu ziehen zwischen sich und den anderen und darum, herauszufinden, wer man selbst ist. Wollen dann dieselben Kinder kurze Zeit später mit tief dekolletiertem Shirt und pobackenzeigenden Shorts das Haus verlassen, pfeifen dieselben Eltern diese zurück, weil ein solch “schamloses Outfit” als unschicklich gilt. Obwohl es doch auch hier nur um einen weiteren Teil der Entwicklung zum Erwachsenen geht, nämlich dem Ausprobieren der eigenen Wirkung auf andere.

in unserer gesellschaft der prestigebewussten selbstdarsteller haben wir die scham längst aussortiert Was ist das eigentlich mit dem Schamgefühl? Wie wichtig ist es heutzutage, wo wir uns von Tabus ungern einengen lassen. Ist Scham eigentlich auch zu etwas nütze? Irgendwie hat das mit dem Schamgefühl ja einen total altbackenen Beigeschmack. Wer will heute schon etwas von Scham hören? Wer sich für etwas schämt, gilt als spröde. Wer freizügig ist, wirkt faszinierend und anziehend. Wir trimmen uns die schönsten Schamhaarfrisuren und reden ganz unverkrampft beim Frühstück mit Freunden darüber, wer wie unten aussieht. Und wer ganz lässig ist, geht gänzlich „ohne“ und rasiert gleich alles ab. Aber gefallen wir uns mit dem Kahlschlag wirklich besser? Am Ende haben uns diesen Trend nur die leicht verfügbaren Bilder der Internetpornografie eingeflüstert. Heute schämen wir uns nicht mehr,

wenn wir nackt sind, sondern wenn wir nackt und dabei nicht rasiert sind. Jeder Gang zum Frauenarzt oder in die Sauna bedarf der Vorbereitung – oder zumindest dem „Alles haarfrei?”-Schnellcheck der eigenen “private parts”. „Scham entsteht da, wo ich glaube, anders zu sein, nicht mithalten zu können“, sieht das Claudia Haarmann, die für ihr Buch „Unten rum – Die Scham ist nicht vorbei“ Interviews mit Frauen im Alter zwischen 20 und 70 geführt hat – und damit viel dazu beiträgt, dass wir unsere eigene, oft unbewusste und gut versteckte Scham überhaupt wahrnehmen: „Wir schämen uns, weil wir zu dick oder zu dünn sind. Wir schämen uns über unseren Busen: zu klein, zu groß, zu hängend. Wir schämen uns über zu große oder zu kleine Lustlippen (wie Haarmann die Schamlippen umgetauft hat). Wir schämen uns für unseren ‚unvollkommenen‘ Körper.“ Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden. Table-dancende Fünfjährige konkurrieren heute mit für den Playboy blankzihenden Schauspielerinnen im Best-Ager-Alter um Sexyness. Irgendwie ist uns das Gefühl dafür, was geht und was nicht, verloren gegangen. Woher rührt die Irritation? Die Konsum- und Werbewelt hat uns eine Sexualisierung von Mädchen und jungen Frauen beschert, die uns bei Lichte betrachtet doch eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Knappst betucht, die Beine breit, lasziv den Mund geöffnet: So scheint sich – ganz egal, ob nun Parfum, Handtaschen, Lipgloss oder Jeans – einfach alles gut zu verkaufen. Die Weisheit „Sex sells” ist alt, neu hingegen ist, dass dies auch für unsere Jüngsten gilt. String-Tangas für Mädchen bei H&M, Make-Up für Siebenund Achtjährige, Miniröcke und High Heels für Neunjährige. Bei YouTube kursieren Videos, in dem bereits Sechsjährige Schminktipps geben. „So sexy so soon” – der Buchtitel eines Bestsellers aus den USA spricht Bände und muss erst gar nicht weiter erklärt werden, weil jeder sofort weiß, worum es geht. Wieso goutieren wir das? Sexysein, das scheint uns verdammt wichtig geworden. Und wir hinterfra-

gen das nicht. Wer das tut, kommt in den Verdacht, verklemmt und spießig zu sein. Und das ist wieder sowas von uncool. Ach Coolness... Wir feiern die neue Lässigkeit im Umgang mit unserer freizügigen Selbstdarstellung als Befreiung. Meinen wir wirklich, dies wäre ein Akt der weiblichen Emanzipation? Vorsicht, Missverständnis! So müsste es von allen Werbeplakaten rufen. Denn diese stehen für die immer rücksichtslosere sexistische Besetzung des weiblichen Körpers. In unserer Medien- und Konsumwelt boomt die Zahl der Botschaften, die ein heillos rückständiges Frauenbild befördern. Und wir glauben tatsächlich weiter daran, wir seien ja ach so selbstbestimmt? Eifrig streben wir nach der Optimierung unserer Körper. Makellosigkeit ist uns längst als neues Ideal in die DNA übergegangen. Denn die Öffentlichkeit kennt keine Gnade vor Falten, Schlaffem und Unperfektem. Merkwürdigerweise kehrt mit dem Schönheitswahn und seiner erbarmungslosen Perfektion plötzlich die Scham zur Nacktheit zurück. Weil viele sich nun für ihren Körper schämen, der nicht den neuen Maßstäben standhält. Kein Wunder, dass wir uns beim Sex nicht mehr einfach hingeben können, sondern ständig selbst beobachten, um ja nicht in eine un­vor­ teilhafte Stellung zu kommen, die möglicherweise unsere Cellulite an den Beinen oder Pölsterchen am Bauch zeigt. Naomi Wolf hat schon 1991 in „Der Mythos Schönheit“ darauf aufmerksam gemacht, wie der Spaß am Sex und das Gefühl, begehrenswert zu sein, bei Frauen merklich geringer geworden ist. Sex und Scham sind ohnehin ein schwieriges Paar. Wer möchte schon Spießersex bei zugezogenen Vorhängen und in der Missionarsstellung vollziehen. Lustvoll schamlos sein ist etwas Berechtigtes, Schönes und anderes als peinlich schamlos zu sein. Das eine vollzieht sich in der Regel im Privaten und zeugt von einer Hoheit über unseren Körper. Das andere passiert meist in der Öffentlichkeit – und ist deshalb noch peinlicher als peinlich. Es wird Zeit, dass wir unterschei­ den lernen zwischen Anpassungsdruck und einem sinnlichen, selbstbewussten

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Uns wird suggeriert: Sexuelle Selbstdarstellung und Selbstvermarktung bringen uns weiter

Umgang mit uns selbst. Wir müssen Scheinfreiheiten identifizieren lernen, dann erst können wir zwischen überflüssiger Scham und notwendiger (uns schützender) Scham unterscheiden. Je authentischer wir agieren, desto näher sind wir am Ziel. Irgendwie ist die gute, alte Scham nicht das Schlechteste. Half sie uns doch stets, verlässlich zu zeigen, wo wir unsere persönliche Grenzen ziehen wollen: „Halt, bis hierher und nicht weiter.” Was spricht eigentlich dagegen, seine Intimität zu schützen? Mal abgesehen von denen, die ins Dschungelcamp ziehen wollen, als Bauer im Fernsehen eine Frau suchen oder sich gerne auf dem TV-Nachmittags-Talksofa mit dem ExPartner öffentlich zoffen, wird ein Durchschnittsbürger sich zweifellos ungern den Peinlichkeiten der von den privaten wie öffentlich-rechtlichen Kanälen inszenierten Reality-Shows ausliefern. Und trotzdem lässt er sich von der Kunstwelt der Medien in den Bann ziehen und beeinflussen. Worin liegt der Reiz dieser öffentlichen Selbstinszenierungen? Woher kommt das Bedürfnis zu Schamlippenkorrekturen, Intimpiercings und Fettabsaugungen? Für eine Erklärung ist Laurie Penny genau die Richtige. Die Star-Bloggerin der englischen Szene, die nicht umsonst als „angry young woman” gilt, beschreibt das Phänomen so wunderbar pointiert in ihrem Buch „Fleischmarkt”: „Jugendliche Sexualität, wie sie von den älteren Generationen verstanden und vermarktet wird, ist auf einen ritualisierten Akt erotischer Anmache reduziert, eine erbitterte, unfrohe Pflicht, den richtigen Look zu kennen und das kokette Schmollen und gelegentliche teilnahmslose Rumvögeln draufzuhaben, das jeder praktizieren muss, der sozial und ökonomisch nicht zurückbleiben will.” Überall dringt die Botschaft zu uns durch, die wir merkwürdig unkritisch aufgesogen haben und die da heißt: Sexuelle Selbstdarstellung und Selbstvermarktung bringen uns vorwärts. Heidi Klum mit ihrer „GNTM”-Show hämmert uns – und vor allem den 14- bis 29-Jährigen (denn das ist die Hauptzielgruppe mit einer Einschaltquote von 40 Prozent der insgesamt zwei Millionen,

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die im Durchschnitt jede Show sehen) – genau das mit jeder weiteren Staffel im Fernsehen unerbittlich ins Bewusstsein. Sie befördert – neben so vielem anderen – den irrsinnigen Glauben, dass wer sexy und schön ist, ein glückliches und erfülltes Leben frei Haus geliefert bekommt. Schamgrenzen werden dabei immer weiter verschoben und ausgelacht diejenigen, die sich zieren. Wie feuerte Heidi Klum mit ihren beiden männlichen Juroren die minderjährigen Mädchen an, als sie sich bei einem Fotostrandshooting möglichst lüstern bewegen sollten? „Sei heiß, Baby!” Wir haben eigentlich doch längst genug von dem „Körperfaschismus” (Lau-

vom Igitt befreit und als „menschliches Körperschmalz” bezeichnet, das uns mit Stolz statt mit Scham erfüllen sollte. Wieso wissen wir eigentlich so wenig über das „da unten”? Und warum haben wir keine selbstbewussten Namen für das „unten rum“ parat? Von Selbstbewusstsein zeugt der weit verbreitete Kinderausdruck „Muschi” ja nicht gerade. Genau deshalb hat Ulrike Helmer ihr Buch auch „Muschiland” getauft. Sie will der Sprachlosigkeit und Verunsicherung ein Ende bereiten. Dass dabei viel mehr herauskam, als nur Begriffsdeutungen (wobei gerade jenes Kapitel, das sich allerlei erfinderischen bis nebulösen Namen für die Vulva

es wird zeit, dass wir unterscheiden lernen zwischen anpassungsdruck und einem sinnlichem, selbstbewusstem umgang mit uns selbst rie Penny wieder mal punktgenau), der uns einbläuen will, wir bräuchten nur die richtige Diät, die richtige Unterwäsche, den richtigen Sex, um unser Leben positiv zu verändern. Schluss, sagt Laurie Penny und spricht von Selbstermächtigung als dem Weg aus dieser Farce. Also nicht nur das Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen, sondern auch wieder “Nein” sagen zu lernen. Nein, wir wollen nicht sexy sein. Wir wollen unsere Leidenschaft und unsere Kreativität ausleben – und das nicht nach den Vorgaben anderer, sondern nach eigenen Spielregeln. Die eigenen Spielregeln, sie sind auch Ulrike Helmer im Sinn gewesen, als sie „Muschiland” schrieb. Die Verlegerin und Sozialwissenschaftlerin, der bei ihren Büchern Frauenfragen besonders am Herzen liegen, zieht genüsslich vom Leder, wenn sie „Schlüpferschnupfen”

widmet, ganz besonders köstlich ist) macht das Buch zu einem echten Muss für jede Frau. Unbefangen plaudert sie über Weiberleiber, schreibt vom Wunder der Klitoris, wettert gegen Slipeinlagen und Intimlotionen und widmet sich ausführlich allen möglichen Erscheinungsformen der Vulva. Und alles dient dabei einem Ziel: ein gutes Gefühl für den eigenen Körper zu nähren, der ohne Anpassungsdruck auskommt. Wer über seinen Körper autonom bestimmt, kennt seine natürlichen Schamgrenzen – und die mögen individuell bei jeder und jedem woanders liegen. Dazu gehört, je nach Situation ein „Ja, ich will“, das ebenso wie ein „Nein, das will ich nicht“ legitim ist. „Scham ist eine gute Sache und nichts, das man bekämpfen sollte“, so formuliert es denn auch der Psychologe Matthew Feinberg von der University of California in Berkeley.

Bärbel Kerber , 49, schreibt über Emanzipation, Frauenpolitik, Gleichstellung und die niemals enden wollende Debatte der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ihr Steckenpferd sind weibliche Rollenbilder und wie sie Frauen darin hemmen, ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Auf www.misstilly.de gibt sie ein Onlinemagazin für Frauen heraus.


Uns wird suggeriert: Sexuelle Selbstdarstellung und Selbstvermarktung bringen uns weiter

Umgang mit uns selbst. Wir müssen Scheinfreiheiten identifizieren lernen, dann erst können wir zwischen überflüssiger Scham und notwendiger (uns schützender) Scham unterscheiden. Je authentischer wir agieren, desto näher sind wir am Ziel. Irgendwie ist die gute, alte Scham nicht das Schlechteste. Half sie uns doch stets, verlässlich zu zeigen, wo wir unsere persönliche Grenzen ziehen wollen: „Halt, bis hierher und nicht weiter.” Was spricht eigentlich dagegen, seine Intimität zu schützen? Mal abgesehen von denen, die ins Dschungelcamp ziehen wollen, als Bauer im Fernsehen eine Frau suchen oder sich gerne auf dem TV-Nachmittags-Talksofa mit dem ExPartner öffentlich zoffen, wird ein Durchschnittsbürger sich zweifellos ungern den Peinlichkeiten der von den privaten wie öffentlich-rechtlichen Kanälen inszenierten Reality-Shows ausliefern. Und trotzdem lässt er sich von der Kunstwelt der Medien in den Bann ziehen und beeinflussen. Worin liegt der Reiz dieser öffentlichen Selbstinszenierungen? Woher kommt das Bedürfnis zu Schamlippenkorrekturen, Intimpiercings und Fettabsaugungen? Für eine Erklärung ist Laurie Penny genau die Richtige. Die Star-Bloggerin der englischen Szene, die nicht umsonst als „angry young woman” gilt, beschreibt das Phänomen so wunderbar pointiert in ihrem Buch „Fleischmarkt”: „Jugendliche Sexualität, wie sie von den älteren Generationen verstanden und vermarktet wird, ist auf einen ritualisierten Akt erotischer Anmache reduziert, eine erbitterte, unfrohe Pflicht, den richtigen Look zu kennen und das kokette Schmollen und gelegentliche teilnahmslose Rumvögeln draufzuhaben, das jeder praktizieren muss, der sozial und ökonomisch nicht zurückbleiben will.” Überall dringt die Botschaft zu uns durch, die wir merkwürdig unkritisch aufgesogen haben und die da heißt: Sexuelle Selbstdarstellung und Selbstvermarktung bringen uns vorwärts. Heidi Klum mit ihrer „GNTM”-Show hämmert uns – und vor allem den 14- bis 29-Jährigen (denn das ist die Hauptzielgruppe mit einer Einschaltquote von 40 Prozent der insgesamt zwei Millionen,

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die im Durchschnitt jede Show sehen) – genau das mit jeder weiteren Staffel im Fernsehen unerbittlich ins Bewusstsein. Sie befördert – neben so vielem anderen – den irrsinnigen Glauben, dass wer sexy und schön ist, ein glückliches und erfülltes Leben frei Haus geliefert bekommt. Schamgrenzen werden dabei immer weiter verschoben und ausgelacht diejenigen, die sich zieren. Wie feuerte Heidi Klum mit ihren beiden männlichen Juroren die minderjährigen Mädchen an, als sie sich bei einem Fotostrandshooting möglichst lüstern bewegen sollten? „Sei heiß, Baby!” Wir haben eigentlich doch längst genug von dem „Körperfaschismus” (Lau-

vom Igitt befreit und als „menschliches Körperschmalz” bezeichnet, das uns mit Stolz statt mit Scham erfüllen sollte. Wieso wissen wir eigentlich so wenig über das „da unten”? Und warum haben wir keine selbstbewussten Namen für das „unten rum“ parat? Von Selbstbewusstsein zeugt der weit verbreitete Kinderausdruck „Muschi” ja nicht gerade. Genau deshalb hat Ulrike Helmer ihr Buch auch „Muschiland” getauft. Sie will der Sprachlosigkeit und Verunsicherung ein Ende bereiten. Dass dabei viel mehr herauskam, als nur Begriffsdeutungen (wobei gerade jenes Kapitel, das sich allerlei erfinderischen bis nebulösen Namen für die Vulva

es wird zeit, dass wir unterscheiden lernen zwischen anpassungsdruck und einem sinnlichem, selbstbewusstem umgang mit uns selbst rie Penny wieder mal punktgenau), der uns einbläuen will, wir bräuchten nur die richtige Diät, die richtige Unterwäsche, den richtigen Sex, um unser Leben positiv zu verändern. Schluss, sagt Laurie Penny und spricht von Selbstermächtigung als dem Weg aus dieser Farce. Also nicht nur das Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen, sondern auch wieder “Nein” sagen zu lernen. Nein, wir wollen nicht sexy sein. Wir wollen unsere Leidenschaft und unsere Kreativität ausleben – und das nicht nach den Vorgaben anderer, sondern nach eigenen Spielregeln. Die eigenen Spielregeln, sie sind auch Ulrike Helmer im Sinn gewesen, als sie „Muschiland” schrieb. Die Verlegerin und Sozialwissenschaftlerin, der bei ihren Büchern Frauenfragen besonders am Herzen liegen, zieht genüsslich vom Leder, wenn sie „Schlüpferschnupfen”

widmet, ganz besonders köstlich ist) macht das Buch zu einem echten Muss für jede Frau. Unbefangen plaudert sie über Weiberleiber, schreibt vom Wunder der Klitoris, wettert gegen Slipeinlagen und Intimlotionen und widmet sich ausführlich allen möglichen Erscheinungsformen der Vulva. Und alles dient dabei einem Ziel: ein gutes Gefühl für den eigenen Körper zu nähren, der ohne Anpassungsdruck auskommt. Wer über seinen Körper autonom bestimmt, kennt seine natürlichen Schamgrenzen – und die mögen individuell bei jeder und jedem woanders liegen. Dazu gehört, je nach Situation ein „Ja, ich will“, das ebenso wie ein „Nein, das will ich nicht“ legitim ist. „Scham ist eine gute Sache und nichts, das man bekämpfen sollte“, so formuliert es denn auch der Psychologe Matthew Feinberg von der University of California in Berkeley.

Bärbel Kerber , 49, schreibt über Emanzipation, Frauenpolitik, Gleichstellung und die niemals enden wollende Debatte der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ihr Steckenpferd sind weibliche Rollenbilder und wie sie Frauen darin hemmen, ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Auf www.misstilly.de gibt sie ein Onlinemagazin für Frauen heraus.


Held meiner Jugend

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es gefunden: mein Rolemodel, mein Vorbild. Für mich stand fest: So will ich sein – mutig, cool und souverän. So wie Jan-Michael und wie die Jungs, die meine Freunde waren. Wir hatten großen Spaß und großartige Partys. Ich war der Typ zum, nein nicht Pferde-, aber doch Sektkisten-Stehlen. Doch eins passierte immer wieder. Ich war verliebt, der Junge nicht. Zumindest nicht in mich. Ich fühlte mich verwandt, fand unsere Welt perfekt – er suchte nach was anderem. Nach Mädchen, die irgendwie süß waren und klein. Die blumig rochen und rosa Labello benutzten. Was wollte er denn von denen? Was war denn daran toll? Diese Verwirrung ließ sich nicht beiseiteschieben. Sie wuchs mit jedem Korb, den ich mir einfing. Ich war der tolle Kumpel und kämpfte meinen Kummer nieder. Erst später ging mir auf, was falsch gelaufen war: Ich hatte etwas missverstanden. Ich wollte sein und haben, was ich bewunderte. Doch so läuft das nicht. Die Rollen sind klar verteilt: Jungs sind und Mädchen haben Helden. Jan-Michael war nicht als mein Rolemodel gedacht. Der war für Jungs ein Vorbild. Ich hätte mal besser auf Ali geachtet, dann hätte ich was fürs Leben gelernt: Die Typen, die so mutig, souverän und cool die Lage meistern, die wollen Mädchen, die fragen, wo’s langgeht. Sie brauchen Pferdenaturen, die sich führen lassen durch jede Gefahr und Unsicherheit. Erst in diesem Gespann fühlt Mann sich als Held. Und ich dachte, im Team sind wir unschlagbar. Wie blöd von mir! Held haben wollen und Held sein wollen – das schließt sich eben aus. Und nun? Was bleibt mit jetzt, wer will ich sein? Natürlich toll, die Heldin meines Lebens. Wen will ich haben? Am besten einen, den das nicht beeindruckt. Das wäre mal ein Held.

Tex t: Hiltrud Bontrup

Ich war 13 und verknallt, also so gut wie erwachsen. Deshalb schob ich meine Verwirrung beiseite, als ich Ali MacGraw auf dem Gynäkologenstuhl sitzen sah. Ein onkelhafter Arzt erhob sich vom Rollhocker und sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Sie haben eine Pferdenatur.“ Sie hatte was? Mein Pferd stand draußen, und so sehr ich es mochte, seine Natur war die Wiese. Egal. Verknallt war ich ja nicht in Ali, sondern in ihren Freund. Bei jedem Teil der Fernsehserie „Feuersturm“ klebte ich vorm Bildschirm, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Am liebsten wäre ich in den Fernseher gestiegen. Jan-Michael Vincent spielte den jungen Helden und hatte alles, worauf ich damals stand: dunkelblondes Haar, hohe Wangenknochen, schmale Augen. Ich war mir meines Beuteschemas sehr bewusst. Immerhin gab’s an meiner Schule auch so einen, den ich anglühte. Von Weitem natürlich. „Der Feuersturm“ spielt Ende der 30er-Jahre, Familie Henry siedelt von den USA nach Deutschland um. Der Vater ist Diplomat, und seine Familie gerät in Kriegswirren und Schwierigkeiten. Vor allem Jan-Michael, der Jüngste, weil er sich in die herbe Jüdin Ali MacGraw verliebt. Es wurde brenzlig, aber Jan-Michael wusste immer Rat. Er war sich seiner so sicher, als habe er die ganze Welt durchdrungen und verstanden. Selbst als die Nazis ihn filzten, blieb er cool. Das war mal ein Held: Der das Richtige tat im richtigen Moment. Der wusste, wo’s langging. Der die anderen führte, durch jede Gefahr und Unsicherheit. Souverän und ruhig, ohne Zweifel und ohne Angst. Ich war geflasht: So musste man sein. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Serie ausging. Das Idol in meinem Kopf überstand sie ohne Schramme. Ich hatte

Foto: film-Still aus der DVD „The Winds of war“ – der feuerstrum, Polyband

Jan-Michael Vincent


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Foto: plainpicture/Bildhuset

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DAS FRAUENMAGAZIN MIT EIGENSINN ENTKÖRPERLICHTE LIEBE: LEIDENSCHAFT IN DIGITALEN ZEITEN | WOZU DIE SCHAM? WARUM SIE AUCH ZU ETWAS NÜTZE IST | UM EIN HAAR: EINE KLEINE KULTURGESCHICHTE | DIE UNVOLLENDETE: EVA HESSE | KLASSISCHE KLARHEIT: MODE VON GARMENT

01/2011 Nova

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Liebe digital Text: aus Joachim Bessing „Untitled“ Illustration: valero doval

Wie körperlich kann und muss Liebe noch sein? Wie innig kann man sich mitteilen? Wie nah kann man sich kommen? Joachim Bessing zeigt, wie es geht und trotzdem nicht klappt. In „Untitled“ erfährt sein Held die größte Liebe seines Lebens, die aber fast ausschließlich in E-Mails, SMS und Bildnachrichten stattfindet. Intensiver geht es kaum, zersetzender mit Sicherheit aber auch nicht.

[...] Sie muss gehen, dieses Mal mit der S-Bahn. Ziemlich wahrscheinlich bin ich deswegen noch nie zuvor einem Philosophen begegnet – ich meide öffentliche Verkehrsmittel. Den Aufgang zur S-Bahn fotografiere ich. Daraus wird eine ganze Batterie von Fetischismen und Transitional Objects entstanden sein, denn was ich noch nicht weiß: so häufig, so intensiv, auf eine Weise auch: unschuldig oder unbeschwert werde ich Julia Speer, eindeutig meine große Liebe, eine Personifizierung des Glücks also, auf die so viele Menschen, Millionen wahrscheinlich, ihr Leben lang vergebens warten müssen, nie wieder sehen. Ich werde mich also, was ich nie für möglich gehalten habe, um diesen Mangel an wirklicher Nähe auszugleichen, zu einem Experten in Übertragungstechniken und Gedankenspielen entwickeln – nur um des Überlebens willen. [...] Noch bin ich sozusagen vollgetankt mit einer anständigen Zahl von E-Mails, dazu ein mehrstündiges Telefongespräch. Als besonders nahrhaft wird sich der zunehmend identitätsstiftend verehrte Austausch der bretonischen Ortsnamen bewähren. Doch schützt selbst die Überdosis nicht vor dem Comedown, der unweigerlich mit dem Einsetzen der Dämmerung des nächsten Tages, ein Freitag, beginnt. Und für mich ist es nun nicht die Eule, die im Grau in Grau ihre Schwingen breitet. Der Schmerz des Vermissens fährt seine Geräte aus. Man kann das alles wissen. Man kann sich durchaus sogar laut und zudem noch vor dem Spiegel stehend, einzureden versuchen: Ich weiß, dass mein

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Herz nichts als ein muskuläres Hohlorgan ist, das mit rhythmischen Kontraktionen das Blut durch meinen Körper pumpt und so die Durchblutung aller Organe sichert. Und trotzdem spüre ich an dessen Sitz, etwas links versetzt von der Mitte meiner Brust, das Zentrum des Schmerzes. Dort vermisse ich sie. Um es noch verwirrender zu beschreiben: An der Stelle, wo mein muskuläres Hohlorgan pumpenweise für die Durchblutung aller meiner Organe sorgt, dort vermisse ich ihre Worte. Dort spüre ich den Mangel, den Hunger, die ausbleibende Müdigkeit und den großen Durst. Egal, was man weiß. Es ist einfach so. [...] Warum telefoniert ihr eigentlich nicht, fragt Katja. Stimmt. Seltsam eigentlich, habe ich mich so noch gar nicht gefragt. Julia und ich haben eine selbstverständliche Kommunikationsstruktur – so erscheint es mir zumindest. Selbstverständlich vor allem, da sie sich entwickelt hat. Wir haben noch nie ein Wort darüber verlieren müssen – organisierenderweise –, alles kam wie von selbst. In den nächsten Wochen und Monaten würden wir zwar noch einige Kanäle alternativ zu SMS, E-Mail und Telefongesprächen eröffnen und betreiben. Doch der Austausch von Getipptem über unsere iPhones, später auch unsere iPads, würde weiterhin den bei Weitem überwiegenden Teil unserer unendlichen Zwiesprache ausmachen. Anfang Juni würde ich interessehalber den Schriftwechsel ausdrucken, der dann mehrere Tausend Din-A4Blätter bedecken wird. Es wird die Zeit sein, da das Erscheinen des dicken Prachtbandes der Firmengeschichte von Prada kurz bevorsteht. Und ich werde bei

allen mit unseren Themen betrauten Redakteuren die Versandboxen der Vorabexemplare einsammeln und darin die Stapel loser Blätter verpackt nach Hause schaffen. Sieben dieser Schachteln aus mattschwarzer Pappe werde ich mit ausgedruckter E-Mail befüllen. In den Kopfzeilen steht nie etwas anderes als: Untitled oder Ohne Betreff. Ich werde diese schweren Schachteln in zwei Schubladen meiner Kommode verstauen, die ich dann nämlich besitzen werde. Julias Kommentar, als ich ihr ein Foto der Briefstapel schicke: Kompletter Irrsinn. Danach drucken wir nie wieder aus.

an der stelle, wo mein muskuläres hohlorgan pumpenweise für die durchblutung aller meiner organe sorgt, dort vermisse ich ihre worte [...] Es wird Zeit für sie zu gehen. Ich kann das spüren, so wie ich alles spüren kann, was uns betrifft – eigentlich müssen wir nicht sprechen, wir wissen bereits alles, wenn wir uns sehen; wenn wir einander ansichtig werden dürfen. Und auch sonst, die Übertragung funktioniert auch ohne Bild. Das haben wir in den letzten Monaten immer wieder aufs Neue überraschend erfahren. Und dennoch reicht es nicht aus. Es genügt nicht, sich des anderen versichert zu wissen. Es reicht nicht, die von ihm


Liebe digital Text: aus Joachim Bessing „Untitled“ Illustration: valero doval

Wie körperlich kann und muss Liebe noch sein? Wie innig kann man sich mitteilen? Wie nah kann man sich kommen? Joachim Bessing zeigt, wie es geht und trotzdem nicht klappt. In „Untitled“ erfährt sein Held die größte Liebe seines Lebens, die aber fast ausschließlich in E-Mails, SMS und Bildnachrichten stattfindet. Intensiver geht es kaum, zersetzender mit Sicherheit aber auch nicht.

[...] Sie muss gehen, dieses Mal mit der S-Bahn. Ziemlich wahrscheinlich bin ich deswegen noch nie zuvor einem Philosophen begegnet – ich meide öffentliche Verkehrsmittel. Den Aufgang zur S-Bahn fotografiere ich. Daraus wird eine ganze Batterie von Fetischismen und Transitional Objects entstanden sein, denn was ich noch nicht weiß: so häufig, so intensiv, auf eine Weise auch: unschuldig oder unbeschwert werde ich Julia Speer, eindeutig meine große Liebe, eine Personifizierung des Glücks also, auf die so viele Menschen, Millionen wahrscheinlich, ihr Leben lang vergebens warten müssen, nie wieder sehen. Ich werde mich also, was ich nie für möglich gehalten habe, um diesen Mangel an wirklicher Nähe auszugleichen, zu einem Experten in Übertragungstechniken und Gedankenspielen entwickeln – nur um des Überlebens willen. [...] Noch bin ich sozusagen vollgetankt mit einer anständigen Zahl von E-Mails, dazu ein mehrstündiges Telefongespräch. Als besonders nahrhaft wird sich der zunehmend identitätsstiftend verehrte Austausch der bretonischen Ortsnamen bewähren. Doch schützt selbst die Überdosis nicht vor dem Comedown, der unweigerlich mit dem Einsetzen der Dämmerung des nächsten Tages, ein Freitag, beginnt. Und für mich ist es nun nicht die Eule, die im Grau in Grau ihre Schwingen breitet. Der Schmerz des Vermissens fährt seine Geräte aus. Man kann das alles wissen. Man kann sich durchaus sogar laut und zudem noch vor dem Spiegel stehend, einzureden versuchen: Ich weiß, dass mein

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Herz nichts als ein muskuläres Hohlorgan ist, das mit rhythmischen Kontraktionen das Blut durch meinen Körper pumpt und so die Durchblutung aller Organe sichert. Und trotzdem spüre ich an dessen Sitz, etwas links versetzt von der Mitte meiner Brust, das Zentrum des Schmerzes. Dort vermisse ich sie. Um es noch verwirrender zu beschreiben: An der Stelle, wo mein muskuläres Hohlorgan pumpenweise für die Durchblutung aller meiner Organe sorgt, dort vermisse ich ihre Worte. Dort spüre ich den Mangel, den Hunger, die ausbleibende Müdigkeit und den großen Durst. Egal, was man weiß. Es ist einfach so. [...] Warum telefoniert ihr eigentlich nicht, fragt Katja. Stimmt. Seltsam eigentlich, habe ich mich so noch gar nicht gefragt. Julia und ich haben eine selbstverständliche Kommunikationsstruktur – so erscheint es mir zumindest. Selbstverständlich vor allem, da sie sich entwickelt hat. Wir haben noch nie ein Wort darüber verlieren müssen – organisierenderweise –, alles kam wie von selbst. In den nächsten Wochen und Monaten würden wir zwar noch einige Kanäle alternativ zu SMS, E-Mail und Telefongesprächen eröffnen und betreiben. Doch der Austausch von Getipptem über unsere iPhones, später auch unsere iPads, würde weiterhin den bei Weitem überwiegenden Teil unserer unendlichen Zwiesprache ausmachen. Anfang Juni würde ich interessehalber den Schriftwechsel ausdrucken, der dann mehrere Tausend Din-A4Blätter bedecken wird. Es wird die Zeit sein, da das Erscheinen des dicken Prachtbandes der Firmengeschichte von Prada kurz bevorsteht. Und ich werde bei

allen mit unseren Themen betrauten Redakteuren die Versandboxen der Vorabexemplare einsammeln und darin die Stapel loser Blätter verpackt nach Hause schaffen. Sieben dieser Schachteln aus mattschwarzer Pappe werde ich mit ausgedruckter E-Mail befüllen. In den Kopfzeilen steht nie etwas anderes als: Untitled oder Ohne Betreff. Ich werde diese schweren Schachteln in zwei Schubladen meiner Kommode verstauen, die ich dann nämlich besitzen werde. Julias Kommentar, als ich ihr ein Foto der Briefstapel schicke: Kompletter Irrsinn. Danach drucken wir nie wieder aus.

an der stelle, wo mein muskuläres hohlorgan pumpenweise für die durchblutung aller meiner organe sorgt, dort vermisse ich ihre worte [...] Es wird Zeit für sie zu gehen. Ich kann das spüren, so wie ich alles spüren kann, was uns betrifft – eigentlich müssen wir nicht sprechen, wir wissen bereits alles, wenn wir uns sehen; wenn wir einander ansichtig werden dürfen. Und auch sonst, die Übertragung funktioniert auch ohne Bild. Das haben wir in den letzten Monaten immer wieder aufs Neue überraschend erfahren. Und dennoch reicht es nicht aus. Es genügt nicht, sich des anderen versichert zu wissen. Es reicht nicht, die von ihm


gesandten Zeilen wieder und wieder zu lesen. Die Fotos zu betrachten – selbst Videotelefonate: Als es sie noch nicht gab, stellte man sich das noch ganz großartig vor – in etwas so wie Laserstrahlen, die sich dann als weitaus weniger epochal herausgestellt haben. Es gibt da diesen einen Film von Rainer Werner Fassbinder – noch schlechter und hölzerner als alle anderen, in dem macht Eddie Constantine dauernd mit einem grotesk aussehenden Videofon herum, weil die Filmhandlung erkennbar aus der fernen Zukunft (vermutlich im Jahr 2000, dem Jahr des Laserstrahls!) erzählen soll –, jedenfalls wird in diesem

mit ihrer letzten nachricht hatte julia ein elastisches band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer flugbahn mit sich zog und zog Film natürlich nicht klar, worin das Problem der Videotelefoniererei bestehen wird: Man will den anderen auch anfassen können, sobald man ihn beim Sprechen sieht. Nicht jeden, klarerweise. Rainer Werner Fassbinder sogar auf keinen Fall! Aber Julia schon – viel und heftig. Wenn Skype also erst das Berührungstelefonat eingeführt haben wird – eventuell werden dann extreme LongDistance-Beziehungen wie die unsere dadurch erträglich gemacht. Erträglicher gemacht. [...] Mit ihrer letzten Nachricht hatte Julia ein elastisches Band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer Flugbahn mit sich zog und zog. Das Band wurde haarfein und noch dünner ausgezogen, sodass es mich nie würde tragen können – in meinem Liegen wurde ich von der

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Angst gequält, dass dieses Band irgendwann reißen könnte. Die Zeit verging anders, was mir lang schien, waren doch bloß Minuten gewesen. Aber als es dämmerte, war ich vom plötzlichen Aufziehen des Abends überrascht. Und nicht bloß mein Zeitgefühl war verändert. In meinem Empfindarium hatte sich ein für mich lebenswichtiger Regler verstellt. Musik war für mich schon immer von immenser Bedeutung. Musik war stärker als Lesen und alles andere, meine insgeheime Leidenschaft, und ich verdanke dem Hören von Musik etliche als selig machende empfundene Stunden. Bis ich Julia traf, hörte ich am liebsten allein Musik. Anfangs stellte ich wie so viele Jungs gerne Kassetten zusammen, entweder für meinen Walkman, oder ich verschenkte sie an Mädchen, das kam allerdings nicht oft vor. Denn ich musste schon früh feststellen, dass die Mädchen, die ich verehrte, deren Geschmack ich in vielem teilte, leider nur Musik hörten, die ich wiederum grässlich fand. Es war eigentlich erst Julia – sie war die erste Frau mit ausgezeichnetem Musikgeschmack. Ausgezeichnet heißt in diesem Fall: identischer Geschmack. Mit Julia habe ich viel Musik gehört. Wir haben Tausende von Musikdateien ausgetauscht. Ich habe ihr Wiedergabelisten für das iPhone und für ihr iPad zusammengestellt. Musik war ein Kleber. Ganz, ganz wichtig für uns. [...] Es war schon beinahe wieder dunkel, da bekam ich die erste Nachricht von Julia. Die erste Zeile wurde mit in der Vorschau auf dem gleißend aufleuchtenden Display des Geräts angezeigt. Ich entsperrte den Bildschirm ohne hinzusehen, um mich an der gesamten Nachricht erfreuen zu können, ohne mir diese Freude schon im Vornherein gemindert zu haben, da ich den ersten Satz schon im Vorschaumodus gelesen hatte. Ich war ganz ruhig, äußerlich, doch in meinen Ohren sauste es, als sich

die gläserne Blase öffnete und ich sofort sah, dass es sich um eine Nachricht von erheblichem Umfang handelt. Sie rekapitulierte die Reise, beschrieb mir das Wetter, den Strand und die Stadt. Sie schrieb, dass sie sich in ein paar Tagen ausführlicher würde melden können, einstweilen gäbe es eine Menge herauszufinden, zu entdecken und tun. Ich sollte nicht traurig sein: Deine J Wie wenig doch von einem Menschen in seinen Zeilen steckt. Und dann ist es doch eine ganz schöne Menge, die er schafft herüberzubringen, zigtausend Kilometer mit ein paar Buchstaben, Punkt, Komma, Strich. Fix und fertig, das Telefon in der Hand, schlief ich ein. [...] Instagram wurde kostenlos vertrieben. Wie bei allen erfolgreichen Apps erschien das Geschäftsmodell der App-Programmierer schleierhaft (später, nach zwei Updates, verfestigte sich der Eindruck, hier würde Geld durch den Verkauf von Ortsdaten gemacht). Innerhalb eines Monats luden sich über hunderttausend Menschen die App herunter. Nicht allzu viele davon werden das Programm als privates Kommunikationsmittel benutzt haben. Aber unser Austausch gewann durch Instagram eine ungeahnt tief gehende Qualität. Nun war ja Julia der Philosoph von uns beiden. Und ich hätte sie wohl fragen können, warum dem so war; warum das Kommunizieren durch Bilder noch ergreifender und bindender wirkte als eines mit Worten allein. Ich denke: es lag daran, dass es von Vertrauen zeugte. Dass wir mittlerweile eine Vertrautheit erreicht hatten, in der wir nicht mehr alles mit Worten erklären mussten. Ein zunehmender Teil unserer Weltsicht war als übereinstimmend erkannt worden und wir konnten es nun wagen, uns mit unkommentierten Bildern zu konfrontieren – der jeweils andere wusste schon, was damit gemeint war. Und dennoch: wie unbeschreiblich

groß noch bei jedem Mal dann die Freude war, wenn man sich tatsächlich verstanden fand! Prinzipiell musste es diese Furcht des Nichtverstandenwerdens auch bei rein schriftlichem Austausch geben. Und am Anfang war das auch manchmal vorgekommen: Missverständnisse, Zerwürfnisse. Irgendwann (aber eben nie absehbar) auch wieder die Erleichterung, dass es ja alles nicht so schlimm gewesen war wie gedacht. Im Gegenteil: der andere war nicht nur in etwa, sondern glücklicherweise genauso wie gewünscht! Aber die Schrift war eben auch ein Instrument, die Begriffe hatten etwas von Pinzetten, und Bilder, keine Ahnung, ob das gehirnlich stimmig ausgedrückt war: Bilder waren primäres Ausdrucksmittel. Nicht im Sinne einer Denksprache, aber: minimal zugerichtet. Da steckten Gefühle, Gedanken, Sinneseindrücke – in den Bildern, die sie für mich machte, steckte Julia für mich drin. Besonders schön, in einem Sinne der Wirksamkeit fanden wir beide die subtilen Selbstporträts. Es waren dies Fotos, deren vordergründiges Motiv in etwas Gegenständlichem zu bestehen schien. Das hatten Dinge zu sein, deren Oberfläche aus glänzenden Materialien bestanden, zumindest aber schimmernd oder sonst wie reflektierend waren. Bei genauem Hinsehen war dann entweder im Anschnitt, oder dominierend der jeweils Fotografierende, waren dort also Julia oder ich selbst zu entdecken. Sowie das iPhone, mit dem die Aufnahme gemacht worden war. Um die Wirkung solcher subtilen Selbstporträts zu optimieren, musste man im Moment des Auslösens das Agapornidenauge des iPhones im Spiegelbild fixieren. Dann ergab sich für den Betrachter des Fotos der schöne Eindruck, man schaue ihm, aus dem Spiegelbild heraus, in die Augen. Julia hatte mir von Anfang an ihre Meisterschaft in der Kunst des subtilen Selbstporträts de-

monstriert. Ich fragte mich, ob sie das verwickelte Wesen unserer Beziehung nach der Komposition dieser Selbstporträts formte oder ob diese Porträts eine visuelle Geheimsprache ergaben – oder eine Mixtur aus beidem, oder doch um-

stendhals abguss einer hand méthildes war ein vergleichsweise schwaches tool hinsichtlich dessen, was eine solide datenleitung im verbund mit geeigneten geräten an tröstendem zu leisten vermag gekehrt? Mit jedem neuen Foto aus Julias – ja: Seele, das beim Öffnen von Instagram erschien, wurde mir das, wurde mir unsere innige Verbundenheit vor Augen geführt. Zwar hatten wir uns so ziemlich von Anfang an auch gegenseitig Fotos geschickt, unter anderem war meine Sammlung der Buchstaben J so entstanden, doch war ein Austausch von Bilddateien über E-Mails nicht dasselbe. In E-Mails verschickte Bilder musste man speichern, musste sich sogar einen Ordner dafür anlegen und dergleichen. Darin lagen sie dann getrennt vom ebenfalls mit der E-Mail verschickten wörtlichen Inhalt. Dieses bürokratische Emp-

fangen und Speichern und Ablegen wurde aber der Sache nicht gerecht, die ja Liebe, die Leidenschaft war. Instagram hingegen wurde für uns zu einem Ort. Zu einem portablen Ort. Nur für uns beide. Es wuchs dort Bild auf Bild, Zeile unter Zeile: ein neuer bewohnbarer Teil unserer Welt. [...] Wenn wir uns schrieben, wenn wir unsere Fotos auf Instagram kommentierten, verwendeten wir die Anrede allenfalls akzentuierend. Es war doch klar, an wen man sich wandte. Das wurde wie Sprechen. Unter die sonnige Aufnahme eines unspektakulären Wipfels schrieb sie: Ich wollte dir das Licht kommunizieren. In manchen Zeilen lag die gesamte Person. Einmal, in der Welt vor dem Großen Wasser, war ich auch auf Reisen gewesen, da war Julia mit ihrem Schlüssel in meine Wohnung gegangen und wir hatten über mein MacBook ein Videogespräch über Skype geführt. Das war unheimlich intim. Wirklich unheimlich. Ich ließ mir Dateien schicken von ihr zum Beweis, dass Zeit, Ort und sie wirklich eins waren. Es ging die ganze Nacht. Dazwischen schliefen wir ein vor Erschöpfung, ließen die Monitore und Kameras aber laufen. Ich erwachte einige Augenblicke vor ihr. Mein Bildschirm war erfüllt von ihrem schlafenden Gesicht. Stendhals Abguss einer Hand Métildes war ein vergleichsweise schwaches Tool hinsichtlich dessen, was eine solide Datenleitung im Verbund mit geeigneten Geräten an Tröstendem zu leisten vermag.

Joachim Bessing , geboren am 26. Juni 1970, ist Autor mehrerer Bücher. „Untitled“ ist sein zweiter Roman. Der ehemalige Modejournalist verarbeitet darin die Arbeit als weltreisende Edelfeder des Fashion-Business, die Zeit im Axel-Springer-Hochhaus und eine fulminante Love-Story. Er lebt in Addis Abeba. Untitled von Joachim Bessing ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, 304 Seiten gebunden, 19,99 Euro © 2013 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

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gesandten Zeilen wieder und wieder zu lesen. Die Fotos zu betrachten – selbst Videotelefonate: Als es sie noch nicht gab, stellte man sich das noch ganz großartig vor – in etwas so wie Laserstrahlen, die sich dann als weitaus weniger epochal herausgestellt haben. Es gibt da diesen einen Film von Rainer Werner Fassbinder – noch schlechter und hölzerner als alle anderen, in dem macht Eddie Constantine dauernd mit einem grotesk aussehenden Videofon herum, weil die Filmhandlung erkennbar aus der fernen Zukunft (vermutlich im Jahr 2000, dem Jahr des Laserstrahls!) erzählen soll –, jedenfalls wird in diesem

mit ihrer letzten nachricht hatte julia ein elastisches band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer flugbahn mit sich zog und zog Film natürlich nicht klar, worin das Problem der Videotelefoniererei bestehen wird: Man will den anderen auch anfassen können, sobald man ihn beim Sprechen sieht. Nicht jeden, klarerweise. Rainer Werner Fassbinder sogar auf keinen Fall! Aber Julia schon – viel und heftig. Wenn Skype also erst das Berührungstelefonat eingeführt haben wird – eventuell werden dann extreme LongDistance-Beziehungen wie die unsere dadurch erträglich gemacht. Erträglicher gemacht. [...] Mit ihrer letzten Nachricht hatte Julia ein elastisches Band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer Flugbahn mit sich zog und zog. Das Band wurde haarfein und noch dünner ausgezogen, sodass es mich nie würde tragen können – in meinem Liegen wurde ich von der

096 nova NahKontakt

Angst gequält, dass dieses Band irgendwann reißen könnte. Die Zeit verging anders, was mir lang schien, waren doch bloß Minuten gewesen. Aber als es dämmerte, war ich vom plötzlichen Aufziehen des Abends überrascht. Und nicht bloß mein Zeitgefühl war verändert. In meinem Empfindarium hatte sich ein für mich lebenswichtiger Regler verstellt. Musik war für mich schon immer von immenser Bedeutung. Musik war stärker als Lesen und alles andere, meine insgeheime Leidenschaft, und ich verdanke dem Hören von Musik etliche als selig machende empfundene Stunden. Bis ich Julia traf, hörte ich am liebsten allein Musik. Anfangs stellte ich wie so viele Jungs gerne Kassetten zusammen, entweder für meinen Walkman, oder ich verschenkte sie an Mädchen, das kam allerdings nicht oft vor. Denn ich musste schon früh feststellen, dass die Mädchen, die ich verehrte, deren Geschmack ich in vielem teilte, leider nur Musik hörten, die ich wiederum grässlich fand. Es war eigentlich erst Julia – sie war die erste Frau mit ausgezeichnetem Musikgeschmack. Ausgezeichnet heißt in diesem Fall: identischer Geschmack. Mit Julia habe ich viel Musik gehört. Wir haben Tausende von Musikdateien ausgetauscht. Ich habe ihr Wiedergabelisten für das iPhone und für ihr iPad zusammengestellt. Musik war ein Kleber. Ganz, ganz wichtig für uns. [...] Es war schon beinahe wieder dunkel, da bekam ich die erste Nachricht von Julia. Die erste Zeile wurde mit in der Vorschau auf dem gleißend aufleuchtenden Display des Geräts angezeigt. Ich entsperrte den Bildschirm ohne hinzusehen, um mich an der gesamten Nachricht erfreuen zu können, ohne mir diese Freude schon im Vornherein gemindert zu haben, da ich den ersten Satz schon im Vorschaumodus gelesen hatte. Ich war ganz ruhig, äußerlich, doch in meinen Ohren sauste es, als sich

die gläserne Blase öffnete und ich sofort sah, dass es sich um eine Nachricht von erheblichem Umfang handelt. Sie rekapitulierte die Reise, beschrieb mir das Wetter, den Strand und die Stadt. Sie schrieb, dass sie sich in ein paar Tagen ausführlicher würde melden können, einstweilen gäbe es eine Menge herauszufinden, zu entdecken und tun. Ich sollte nicht traurig sein: Deine J Wie wenig doch von einem Menschen in seinen Zeilen steckt. Und dann ist es doch eine ganz schöne Menge, die er schafft herüberzubringen, zigtausend Kilometer mit ein paar Buchstaben, Punkt, Komma, Strich. Fix und fertig, das Telefon in der Hand, schlief ich ein. [...] Instagram wurde kostenlos vertrieben. Wie bei allen erfolgreichen Apps erschien das Geschäftsmodell der App-Programmierer schleierhaft (später, nach zwei Updates, verfestigte sich der Eindruck, hier würde Geld durch den Verkauf von Ortsdaten gemacht). Innerhalb eines Monats luden sich über hunderttausend Menschen die App herunter. Nicht allzu viele davon werden das Programm als privates Kommunikationsmittel benutzt haben. Aber unser Austausch gewann durch Instagram eine ungeahnt tief gehende Qualität. Nun war ja Julia der Philosoph von uns beiden. Und ich hätte sie wohl fragen können, warum dem so war; warum das Kommunizieren durch Bilder noch ergreifender und bindender wirkte als eines mit Worten allein. Ich denke: es lag daran, dass es von Vertrauen zeugte. Dass wir mittlerweile eine Vertrautheit erreicht hatten, in der wir nicht mehr alles mit Worten erklären mussten. Ein zunehmender Teil unserer Weltsicht war als übereinstimmend erkannt worden und wir konnten es nun wagen, uns mit unkommentierten Bildern zu konfrontieren – der jeweils andere wusste schon, was damit gemeint war. Und dennoch: wie unbeschreiblich

groß noch bei jedem Mal dann die Freude war, wenn man sich tatsächlich verstanden fand! Prinzipiell musste es diese Furcht des Nichtverstandenwerdens auch bei rein schriftlichem Austausch geben. Und am Anfang war das auch manchmal vorgekommen: Missverständnisse, Zerwürfnisse. Irgendwann (aber eben nie absehbar) auch wieder die Erleichterung, dass es ja alles nicht so schlimm gewesen war wie gedacht. Im Gegenteil: der andere war nicht nur in etwa, sondern glücklicherweise genauso wie gewünscht! Aber die Schrift war eben auch ein Instrument, die Begriffe hatten etwas von Pinzetten, und Bilder, keine Ahnung, ob das gehirnlich stimmig ausgedrückt war: Bilder waren primäres Ausdrucksmittel. Nicht im Sinne einer Denksprache, aber: minimal zugerichtet. Da steckten Gefühle, Gedanken, Sinneseindrücke – in den Bildern, die sie für mich machte, steckte Julia für mich drin. Besonders schön, in einem Sinne der Wirksamkeit fanden wir beide die subtilen Selbstporträts. Es waren dies Fotos, deren vordergründiges Motiv in etwas Gegenständlichem zu bestehen schien. Das hatten Dinge zu sein, deren Oberfläche aus glänzenden Materialien bestanden, zumindest aber schimmernd oder sonst wie reflektierend waren. Bei genauem Hinsehen war dann entweder im Anschnitt, oder dominierend der jeweils Fotografierende, waren dort also Julia oder ich selbst zu entdecken. Sowie das iPhone, mit dem die Aufnahme gemacht worden war. Um die Wirkung solcher subtilen Selbstporträts zu optimieren, musste man im Moment des Auslösens das Agapornidenauge des iPhones im Spiegelbild fixieren. Dann ergab sich für den Betrachter des Fotos der schöne Eindruck, man schaue ihm, aus dem Spiegelbild heraus, in die Augen. Julia hatte mir von Anfang an ihre Meisterschaft in der Kunst des subtilen Selbstporträts de-

monstriert. Ich fragte mich, ob sie das verwickelte Wesen unserer Beziehung nach der Komposition dieser Selbstporträts formte oder ob diese Porträts eine visuelle Geheimsprache ergaben – oder eine Mixtur aus beidem, oder doch um-

stendhals abguss einer hand méthildes war ein vergleichsweise schwaches tool hinsichtlich dessen, was eine solide datenleitung im verbund mit geeigneten geräten an tröstendem zu leisten vermag gekehrt? Mit jedem neuen Foto aus Julias – ja: Seele, das beim Öffnen von Instagram erschien, wurde mir das, wurde mir unsere innige Verbundenheit vor Augen geführt. Zwar hatten wir uns so ziemlich von Anfang an auch gegenseitig Fotos geschickt, unter anderem war meine Sammlung der Buchstaben J so entstanden, doch war ein Austausch von Bilddateien über E-Mails nicht dasselbe. In E-Mails verschickte Bilder musste man speichern, musste sich sogar einen Ordner dafür anlegen und dergleichen. Darin lagen sie dann getrennt vom ebenfalls mit der E-Mail verschickten wörtlichen Inhalt. Dieses bürokratische Emp-

fangen und Speichern und Ablegen wurde aber der Sache nicht gerecht, die ja Liebe, die Leidenschaft war. Instagram hingegen wurde für uns zu einem Ort. Zu einem portablen Ort. Nur für uns beide. Es wuchs dort Bild auf Bild, Zeile unter Zeile: ein neuer bewohnbarer Teil unserer Welt. [...] Wenn wir uns schrieben, wenn wir unsere Fotos auf Instagram kommentierten, verwendeten wir die Anrede allenfalls akzentuierend. Es war doch klar, an wen man sich wandte. Das wurde wie Sprechen. Unter die sonnige Aufnahme eines unspektakulären Wipfels schrieb sie: Ich wollte dir das Licht kommunizieren. In manchen Zeilen lag die gesamte Person. Einmal, in der Welt vor dem Großen Wasser, war ich auch auf Reisen gewesen, da war Julia mit ihrem Schlüssel in meine Wohnung gegangen und wir hatten über mein MacBook ein Videogespräch über Skype geführt. Das war unheimlich intim. Wirklich unheimlich. Ich ließ mir Dateien schicken von ihr zum Beweis, dass Zeit, Ort und sie wirklich eins waren. Es ging die ganze Nacht. Dazwischen schliefen wir ein vor Erschöpfung, ließen die Monitore und Kameras aber laufen. Ich erwachte einige Augenblicke vor ihr. Mein Bildschirm war erfüllt von ihrem schlafenden Gesicht. Stendhals Abguss einer Hand Métildes war ein vergleichsweise schwaches Tool hinsichtlich dessen, was eine solide Datenleitung im Verbund mit geeigneten Geräten an Tröstendem zu leisten vermag.

Joachim Bessing , geboren am 26. Juni 1970, ist Autor mehrerer Bücher. „Untitled“ ist sein zweiter Roman. Der ehemalige Modejournalist verarbeitet darin die Arbeit als weltreisende Edelfeder des Fashion-Business, die Zeit im Axel-Springer-Hochhaus und eine fulminante Love-Story. Er lebt in Addis Abeba. Untitled von Joachim Bessing ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, 304 Seiten gebunden, 19,99 Euro © 2013 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

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Männer und Putzen – ein Begriffspaar, das auf den ersten Blick nicht so recht zusammenzupassen scheint. Scheut Mann doch in der Regel jegliches Utensil, das Schmutz nur im Entferntesten beseitigen könnte. Gilt doch für ihn nichts so unmaskulin als sich mit Putzlappen, Fensterleder oder Wischtuch in der Hand öffentlich zur Sauberkeit zu outen. Dachte ich zumindest. Umso erstaunter war ich, welch Anblick sich mir bei Mr. Wash bot, als ich nach einer Autowäsche in die obere Etage zur Staubsaugeranlage fuhr: Fußmatten, aus denen mit vereinter Kraft die letzten mikroskopisch kleinen Krümel herausgeschlagen werden. Blitzende Alu-Felgen, bei denen auch im hinterletzten Zwischenraum der Dreck keine Chance hat, weil der Besitzer ihn mit einer Art Interdentalbürstchen fein säuberlich herauspuhlt. Fensterscheiben, die Mann mit konzentriert kreisenden Wischbewegungen, unterbrochen von immer wieder prüfenden Blicken, auf Spiegelglanz herausputzt. Ich stand da und staunte. Hier halten Männer also die heimliche Morgentoilette für ihr Alter Ego ab. Nach einer gründlichen und lackschonenden Duscharie, bestehend aus Vorwäsche mit heißem Dampfstrahl, der an den bekannten Problemzonen (insbesondere Front und Heck) mit besonderer Sorgfalt reinigt, einer anschließenden Bearbeitung des Karosseriebodys mit weichem Textil und warmem Wasser sowie Heißluft-Trocknung aus bis zu elf Luftkanälen, wird hingebungsvoll Intimpflege mit extra saugstarken Düsen betrieben. Männer wissen, was Autos wollen. Egal ob Porsche-, Golf-, Mercedes-, Audi oder Opellenker, Jung oder Alt, schicker Anzugträger, Normalo in Jeans, Hängebauch über Bundfaltenhose oder Türkenbolidefahrer – sie alle scheint eins zu einen: der Kult ums Blech.

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Manch Frau, die sich zum Thema Gleichberechtigung im Haushalt bereits den Mund fusselig geredet hat, wäre baff angesichts derart ausschweifender Reinigungsaktivitäten ihres Liebsten. Und vielleicht auch ein wenig eifersüchtig darauf wie Mann die Kurven seines Modells bearbeitet: behutsam, aufmerksam, respektvoll. In der Waschstraße wird es offensichtlich: Das Auto ist des Mannes bestes Stück. Ist es doch Ausdruck von „Ich bin wer“, „Ich kann mir was leisten“ und „Ich hab was drauf“, nämlich ne Menge PS unterm Hintern und Testosteron im Tank. Bekannt ist das deutsche Phänomen der Autoverehrung ja schon lange. Clevere Waschanlagen-Betreiber wie Mr. Wash haben die passenden Beautysalons dafür geschaffen. Denn es muss gepimpt werden, was geht – so auch des Mannes schillernde Rüstung für das nächste Überholmanöver im Straßenfeldzug oder für den Aufsehen erregenden Eroberungsfeldzug der Herzdame. Vielleicht aber auch, um einfach nur gut drauf zu sein in seinem Wohlfühlmobil. „Sauberes Auto, gute Laune“ lautet schließlich Mr. Wash’ Credo. Der Mercedes-Besitzer sah zumindest äußerst zufrieden aus, als sein Augenstern von Mr. Wash – gekleidet in weißer Schürze – mit einer pulsierenden Wachswienermaschine verwöhnt wurde. Wellness fürs Auto – Mr. Mercedes Benz goutierte diesen Service mit einem Dauergrinsen. War es Stolz ob solch geballter PS-Stärken? Oder das Gefühl, beim Anblick der Behandlung auch selbst in den Genuss einer Ganzkörpermassage zu gelangen? Ich konnte es nicht genau deuten. Ich dachte mir nur: meine Herren! Und fuhr meinen Fiat Punto, Jahrgang 1998, der lediglich seine längst fällige Dreck- und Staubentkrustung erhalten hatte, vom Gelände.

Tex t: Marie tta Duscher-Miehlich Foto: Markus burke

sein bestes Stück


Tex t: „ always on my mind“, aus: Albert Ostermaier, Heartcore © Suhrk amp Verl ag Fr ankfurt am Main, 1999 Illustr ation / t ypogr afie: Nova

gedankensplit ter

always on my mind

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Um ein Haar Text: Inge Kurtz Fotos: Maia Flore

Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt – unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Eine kleine Kulturgeschichte über das, was wir täglich mit uns herumtragen.

„Eine Locke von deinem Haar, wäre schon wunderbar, eine Locke von dir, für mich als Souvenir,“ dies wünschte sich im Jahre 1967 der belgische Schlagersänger Salvatore Adamo in seinem sehr bekannten Chanson. Nicht erst seit damals besitzt die Haarlocke eines geliebten Menschen eine besondere Bedeutung. Bereits auf ägyptischen Grabmalereien, findet sie sich als Symbol für ewige Liebe und Treue. Auch im 19. Jahrhundert war es Mode, Nachfahren und Freunden zur Erinnerung und als Zeichen der Zuneigung Ringe zu schenken, die eine Locke des eigenen Haares beinhalteten. In den Vereinigten Staaten von Amerika hinterließen die Soldaten des Bürgerkrieges ihren Verwandten eine Haarlocke bevor sie in den Krieg zogen. Fiel ein Soldat, wurde diese in einem Schmuckstück aufbewahrt. Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt, unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Seit Jahrtausenden haben die Menschen den Haaren eine besondere Rolle und Symbolik beigemessen: Haare galten als Sitz der Seele und der Lebenskraft, sie standen für körperliche Stärke, weltliche Macht und magische Kräfte, waren Sinnbild für Erotik, Gesundheit und Jugend. „Haar! Wundervoller Mantel des Weibes in Urzeiten, als es noch bis zu den Fersen herabhing und die Arme verbarg,“ schwärmte Gustave Flaubert und Mark Twain befand: „Es ist töricht, sich

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im Kummer die Haare zu raufen, denn noch niemals ist Kahlköpfigkeit ein Mittel gegen Probleme gewesen.“ Dass der Verlust der Haare gleichbedeutend ist mit dem Verlust von Macht und Lebenskraft zeigt schon die biblische Geschichte von Samson und Delilah. Samsons Kraft lag in seinen Haaren. Nachdem Delilah ihm diese abschnitt, war er machtlos. Auch einige Indianerstämme glaubten, mit dem Skalp ihrer Gegner deren Kraft zu erlangen. Über Jahrhunderte hinweg raubten und rauben Menschen anderen die Haare, um sie zu demütigen und zu zerstören: Griechen und Germanen taten es mit ihren Sklaven. Und auch die Nationalsozialisten rasierten den Häftlingen in den Konzentrationslagern die Haare ab, um sie im wahrsten Sinn des Wortes bloßzustellen. Helga Luther, die wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Lächerlichmachung des Führers“ im Konzentrationslager Ravensbrück einsaß, erzählt in einem Tondokument: „Ich hatte so Haare bis über die Schulterblätter, und da war’n so zwei Frauen. Ich wusste ja nicht, dass es Häftlinge sind. Ich wusste ja überhaupt nicht, wie ein Häftling aussieht, und die sagten dann zu mir: “Ja, ja, die kommen auch noch ab.“ Ich sag’: „Was kommt ab?“ „Ja, du blöde Gans, deine Haare.“ Da hab ich das erste Mal geschrien: „Nicht meine Haare!“ Das haben die mit wieherndem Gelächter begleitet, haben reingefasst und haben geschoren, nicht nur die Kopfhaare auch die Achsel- und die Schamhaare. Ich kam mir vor, als ob

man mir mit den Haaren auch die Haut abgestreift hätte, als ob alles, was ich einmal war, weg ist.“ Im Laufe der Geschichte wurden Frauen viel öfter durch das Scheren ihrer Haare bestraft als Männer. Auch in der Zeit der Hexenverfolgung wurden verurteilte Frauen kahl geschoren, weil man glaubte, der Teufel habe nur zu Personen Zugang, die langes Haar besäßen. Heutzutage bestimmen in weiten Teilen der Welt Friseure und die Modeindustrie, welche Haartracht Frauen und Männer kleidet. In früheren Zeiten aber war es in erster Linie die Kirche, die darüber befand, was sich diesbezüglich schickte. „Lehrt Euch nicht die Natur selbst, dass es für den Mann eine Schmach ist, wenn er langes Haar trägt, dass es hingegen der Frau zur Ehre gereicht...? Das Haar ist ihr gewissermaßen als Schleier verliehen worden“, schrieb der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther. Loreley, Lilith, Rapunzel, Lady Godeva... Sänger und Dichter huldigen seit jeher vorzugsweise Frauen mit langen üppigen Haaren. „Hör zu, Maler, mal mir eine Frau ohne Hemd, wie Gott sie schuf, blonde Haare, der Zopf gelöst, mit einem frechen Blümchen auf dem Kopf“, dichtete Giorgio Baffo, ein italienischer Senator aus dem Venedig des 18. Jahrhunderts. Über die Zeiten hinweg galt und gilt langes Haar als weibliches Geschlechtsmerkmal und sexuelles Symbol – selbst als es Mode war, dass Männer ihr Haar ebenfalls lang trugen. In polytheistischen Religionen wurde


Um ein Haar Text: Inge Kurtz Fotos: Maia Flore

Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt – unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Eine kleine Kulturgeschichte über das, was wir täglich mit uns herumtragen.

„Eine Locke von deinem Haar, wäre schon wunderbar, eine Locke von dir, für mich als Souvenir,“ dies wünschte sich im Jahre 1967 der belgische Schlagersänger Salvatore Adamo in seinem sehr bekannten Chanson. Nicht erst seit damals besitzt die Haarlocke eines geliebten Menschen eine besondere Bedeutung. Bereits auf ägyptischen Grabmalereien, findet sie sich als Symbol für ewige Liebe und Treue. Auch im 19. Jahrhundert war es Mode, Nachfahren und Freunden zur Erinnerung und als Zeichen der Zuneigung Ringe zu schenken, die eine Locke des eigenen Haares beinhalteten. In den Vereinigten Staaten von Amerika hinterließen die Soldaten des Bürgerkrieges ihren Verwandten eine Haarlocke bevor sie in den Krieg zogen. Fiel ein Soldat, wurde diese in einem Schmuckstück aufbewahrt. Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt, unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Seit Jahrtausenden haben die Menschen den Haaren eine besondere Rolle und Symbolik beigemessen: Haare galten als Sitz der Seele und der Lebenskraft, sie standen für körperliche Stärke, weltliche Macht und magische Kräfte, waren Sinnbild für Erotik, Gesundheit und Jugend. „Haar! Wundervoller Mantel des Weibes in Urzeiten, als es noch bis zu den Fersen herabhing und die Arme verbarg,“ schwärmte Gustave Flaubert und Mark Twain befand: „Es ist töricht, sich

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im Kummer die Haare zu raufen, denn noch niemals ist Kahlköpfigkeit ein Mittel gegen Probleme gewesen.“ Dass der Verlust der Haare gleichbedeutend ist mit dem Verlust von Macht und Lebenskraft zeigt schon die biblische Geschichte von Samson und Delilah. Samsons Kraft lag in seinen Haaren. Nachdem Delilah ihm diese abschnitt, war er machtlos. Auch einige Indianerstämme glaubten, mit dem Skalp ihrer Gegner deren Kraft zu erlangen. Über Jahrhunderte hinweg raubten und rauben Menschen anderen die Haare, um sie zu demütigen und zu zerstören: Griechen und Germanen taten es mit ihren Sklaven. Und auch die Nationalsozialisten rasierten den Häftlingen in den Konzentrationslagern die Haare ab, um sie im wahrsten Sinn des Wortes bloßzustellen. Helga Luther, die wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Lächerlichmachung des Führers“ im Konzentrationslager Ravensbrück einsaß, erzählt in einem Tondokument: „Ich hatte so Haare bis über die Schulterblätter, und da war’n so zwei Frauen. Ich wusste ja nicht, dass es Häftlinge sind. Ich wusste ja überhaupt nicht, wie ein Häftling aussieht, und die sagten dann zu mir: “Ja, ja, die kommen auch noch ab.“ Ich sag’: „Was kommt ab?“ „Ja, du blöde Gans, deine Haare.“ Da hab ich das erste Mal geschrien: „Nicht meine Haare!“ Das haben die mit wieherndem Gelächter begleitet, haben reingefasst und haben geschoren, nicht nur die Kopfhaare auch die Achsel- und die Schamhaare. Ich kam mir vor, als ob

man mir mit den Haaren auch die Haut abgestreift hätte, als ob alles, was ich einmal war, weg ist.“ Im Laufe der Geschichte wurden Frauen viel öfter durch das Scheren ihrer Haare bestraft als Männer. Auch in der Zeit der Hexenverfolgung wurden verurteilte Frauen kahl geschoren, weil man glaubte, der Teufel habe nur zu Personen Zugang, die langes Haar besäßen. Heutzutage bestimmen in weiten Teilen der Welt Friseure und die Modeindustrie, welche Haartracht Frauen und Männer kleidet. In früheren Zeiten aber war es in erster Linie die Kirche, die darüber befand, was sich diesbezüglich schickte. „Lehrt Euch nicht die Natur selbst, dass es für den Mann eine Schmach ist, wenn er langes Haar trägt, dass es hingegen der Frau zur Ehre gereicht...? Das Haar ist ihr gewissermaßen als Schleier verliehen worden“, schrieb der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther. Loreley, Lilith, Rapunzel, Lady Godeva... Sänger und Dichter huldigen seit jeher vorzugsweise Frauen mit langen üppigen Haaren. „Hör zu, Maler, mal mir eine Frau ohne Hemd, wie Gott sie schuf, blonde Haare, der Zopf gelöst, mit einem frechen Blümchen auf dem Kopf“, dichtete Giorgio Baffo, ein italienischer Senator aus dem Venedig des 18. Jahrhunderts. Über die Zeiten hinweg galt und gilt langes Haar als weibliches Geschlechtsmerkmal und sexuelles Symbol – selbst als es Mode war, dass Männer ihr Haar ebenfalls lang trugen. In polytheistischen Religionen wurde


haare: sitz der seele und Der lebenskraft, symbol für körperliche stärke, weltliche macht und magische kräfte, sinnbild für erotik, gesundheit und jugend

das lange Haar von Göttinnen oft sehr kunstvoll drapiert. In monotheistischen Religionen, die durch strenge Regeln und restriktive Sexualmoral geprägt sind, gilt offen getragenes Haar als Ausdruck weiblicher Verführungslust. So müssen auch heute noch im orthodoxen Judentum verheiratete Frauen ihr Haar mittels Kopftuch, Hut oder Perücke verstecken. Katholische Klosterschwestern schneiden ihre Haare ab und machen sie mittels Schwesternhaube unsichtbar und auch das heftig diskutierte islamische Kopftuch ist Teil einer monotheistischen Tradition. Für Männer auch eine Gelegenheit, ihre eigene Disziplinlosigkeit auf die Frauen zu projizieren. „Eine Frau kann noch so attraktiv sein, beraubt man sie ihrer Haare, kann sie nicht einmal mehr ihren Ehemann verführen“, befand Apuleius, ein römischer Schriftsteller, der im ersten Jahrhundert nach Christus lebte. Die Behaarung ist unser auffälligstes sekundäres Geschlechtsmerkmal. So sind Gesichtsund Körperbehaarung schon in der Pubertät ein deutlich sichtbares Zeichen für die hormonellen Veränderungen im Körper. Die gängigste Ursache für Glatzköpfigkeit ist ein entsprechendes Gen, das über Generationen hinweg vererbt werden kann. Bei Männern genügt bereits die Weitergabe durch ein Elternteil während Frauen von Vater und Mutter die Gene geerbt haben müssen, um zur Glatzenbildung zu neigen. Da sich Frauen viel stärker mit ihrem Kopfhaar identifizieren, leiden sie meist auch heftiger als Männer, wenn sie ihr Haar durch Krankheit oder nach einer Chemotherapie verlieren. Sophie van der Stap beschreibt diese Gefühle, die der Verlust der eigenen Haare auslöst, in ihrem autobiografischen Buch „Heute bin ich blond“: „Annabel sieht meinen kahlen Kopf heute zum ersten Mal. Ich habe Angst, dass sie

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mich kaum wiedererkennt, dass sie mein Anblick verschreckt. Aber sie lächelt und streicht mehrmals über meinen kahlen Schädel. „Schön weich“, sagt sie. Kloß im Hals. Verschiedene Frisuren werden mir über den Kopf gestülpt, und plötzlich ist Daisy da. Perücken sind viel mehr als nur Haare. Sie machen etwas mit mir, nicht nur mit meinem Kopf sondern auch mit meinem weiblichen Bewusstsein. Dass ich anders aussehe, bewirkt, dass ich mich anders fühle und dass ich andere Reaktionen hervorrufe.“ „Wenn alles sitzen bliebe, was wir in Hass und Liebe so voneinander schwatzen, wenn Lügen Haare wären, wir wären rau wie Bären und hätten keine Glatzen.“ Ein Zitat von Wilhelm Busch. Nur selten verzichtet jemand freiwillig auf seine Haarpracht und die dies tun, wollen meist ein Zeichen setzen. Mönche zum Beispiel, die sich die Tonsur scheren lassen, um ihre Demut vor Gott zu beweisen. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts demonstrierten Frauen mit dem kurz geschnittenen Bubikopf, dass sie emanzipiert sind. Die Popsängerin Sinead O’Connor ließ sich in den 1980er-Jahren das Kopfhaar rasieren, um damit zu verdeutlichen, dass sie nicht als Sexobjekt betrachtet werden will. Bei den Tschambuliern in Neuguinea, die eine matriachalische Gesellschaftsordnung haben, sind es noch heute die Frauen, die kurze Haare tragen, während die Männer viel Zeit damit verbringen, ihr langes Haar zu frisieren, zu Zöpfen zu flechten oder Locken zu drehen. Haare können Symbole für Überzeugungen und Anschauung sein. Auch in dem Musical „Hair“, in Deutschland 1968 uraufgeführt, spielen Haare eine wichtige Rolle: „My hair like Jesus wore it, Hallelujah, I adore it. Hallelujah; Mary loved her son. Why! Don’t my mother love me?” („Mein Haar, wie Jesus es

trug, Hallelujah, ich verehre es. Hallelujah; Maria liebte Ihren Sohn. Warum liebt meine Mutter mich nicht?)“, heißt es in einem Lied daraus. „Hair“ erzählt die Geschichte langhaariger Hippies, die im „Zeitalter des Wassermanns“ in New York leben und sich gegen ihre Einberufung als Soldaten im Vietnamkrieg wehren. Auch hier waren Haare ein wichtiges Ausdrucksmittel, um gegen die bestehende Ordnung zu protestieren, charakteristisch auch für eine Zeit in der Afrofrisuren in Mode kamen, um damit Solidarität mit den schwarzen Mitbürgern zu bekunden. Kampf gegen Krieg, Gewalt und Rassismus, Konflikte mit der Elterngeneration und die Hoffnung auf ein neues friedliches Zeitalter, das „Wassermannzeitalter“, bestimmten auch die Ziele und das Lebensgefühl der revoltierenden Studenten in Deutschland. Einer von ihnen war Christian Bundt – auch er selbstverständlich mit einer Frisur, die nicht allen gefiel. In einer Radiosendung erzählt er: „Wir liefen äußerst extrovertiert durch die Gegend, in gestreiften Jacketts und natürlich langen Haaren und Schlaghosen, die wir aus Amerika mitgebracht hatten. Und damit waren wir immer abends unterwegs. Mit den langen Haaren da kriegte man natürlich öfter mal Stress mit Bauarbeitern, wenn die sagten: „Na, bist Du ein Junge oder ein Mädchen? Und man hat dann geantwortet: „Komm mal her, dann zeig ich es dir schon, dass ich ein Junge bin.“ Man wurde als öffentliches Ärgernis empfunden. Aber man wollte sich nicht prügeln, man suchte die Konfrontation nicht. “ „Menschliches Haar ist eine „aufzeichnende Faser“, die Veränderungen des Stoffwechsels vieler Elemente über lange Zeiträume widerspiegeln kann und so eine Kopie vergangener Ereignisse in der Ernährung liefert“, schreiben

die Wissenschaftler Strain, Pories, Flynn und Hill. Haare haben die Fähigkeit, bestimmte Stoffe über lange Zeit zu speichern. Mit jedem Zentimeter Haar wächst dieses Informationsarchiv. Die Gerichtsmedizin kommt mit Hilfe der Haare Drogensündern und so manchem Giftmord auf die Spur. Mittels chemischer Analyse der Haare kann man außerdem die Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen oder eine eventuelle Belastung des Organismus durch Schwermetalle herausfinden. Und der Kabarettist Piet Klocke weiß zu berichten: „Durch Haartests kann man heute feststellen, ob zum Beispiel so eine ägyptische Königin bei offener Pyramide geschlafen hat.“ Die Grundsubstanz, aus der sich unser Haar aufbaut, ist Horn, auch Keratin genannt: Proteine mit großer chemischer Widerstandskraft und mechanischer Stärke. Zirkusartisten, die mit ihrem Körpergewicht nur an ihren Haaren hängen, demonstrieren die enorme Belastbarkeit dieser kleinen, zugfähigen und biegsamen Hornfäden. Bereits im frühen Embryonalstadium, im ersten Monat nach der Befruchtung, bilden sich alle Haarbälge oder Follikel, aus denen dann die Haare wachsen. Im fünften Monat entwickelt der Embryo Haare auf Kopf und Stirn, die er dann einige Monate vor der Geburt wieder verliert. Manche Frühchen tragen noch ihr „Embryofell“ wenn sie das Licht der Welt erblicken. Haare als Kletterseil – mit einer Länge bis zu zehn Metern – wie bei Rapunzel gibt es allerdings nur im Märchen. Auch kräftiges Haar fällt nach zwei bis sechs Jahren aus. Nur wenige Menschen haben eine Haarlänge von über einem Meter, wie die Chinesin Xie Qiuoing, die 31 Jahre lang auf den Friseurbesuch verzichtete und mit 5,6 Meter langen Haaren im Guiness-Buch der Rekorde steht.

Haare lassen sich in zwei Typen einteilen: Wollhaare und Terminalhaare. Eine Einteilung, die vor allem auf der unterschiedlichen Größe basiert. Terminalhaare sind gröber, pigmenthaltig und länger. Unser Kopfhaar gehört dazu, Barthaare, Augenbrauen und Augenwimpern, sowie Schamhaare, Haare unter den Achseln, in Nase und Gehörgang. Wollhaare (oder Vellushaar) sind feiner, kürzer und meist ohne Pigmente. Sie bedecken fast vollständig unseren Körper mit Ausnahme von Hand- und Fußflächen sowie Finger- und Zehenkuppen. Sie sind vergleichbar mit dem Wollhaar der Tiere. Doch während langes Haar als Synonym für Weiblichkeit betrachtet wird, wird starke Körperbehaarung – nicht nur bei Frauen – als unästhetisch und ungepflegt empfunden. „Schwarze Brauen, sagt man, sind schön bei manchen Frauen. Nur muss nicht zu viel Haar darin sein, nur ein Bogen, ein Halbmond, fein gemacht wie mit der Feder.“ So sah es schon William Shakespeare. Und so zog und zupfte die Weiblichkeit schon im alten Rom an jedem Härchen, das sich an den vermeintlich falschen Stellen entwickelte: unter den Achseln, an den Beinen oder im Gesicht. Ein Damenbart? Nein, danke! Charlotte Roche, die in ihrem Roman „Feuchtgebiete“ für eine Natürlichkeit kämpft, die die Haare sprießen lässt, wo immer sie wollen, wo alles schleimen und stinken darf wie die Natur es vorgesehen hat, ist – was das Gros der Weiblichkeit betrifft – noch immer die Ausnahme. Vom gezwirbelten, gestutzten Schnurrbart über den altehrwürdigen Rauschebart bis hin zum machomäßigen Dreitagebart, war und ist der Bart – zumindest bei Völkern die zum Bartwuchs neigen – ein Zeichen für Männlichkeit. „Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Im Feld den ganzen Sommer war // Der rote Mohn so rot nicht wie dein

Haar. // Jetzt wird es abgemäht, das Gras, // Die bunten Blumen welken auch dahin. // Und wenn der rote Mohn so blass // Geworden ist, dann hat es keinen Sinn, // Dass es noch weiße Wolken gibt... Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Du sagst, dass es bald Kinder gibt, // Wenn man sich in dein rotes Haar verliebt, // So rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.“ So dichtete François Villon, gestorben 1464. Die Anzahl unserer Haare, Verteilung, Farbe und Stärke sind genetisch bedingt. Unser Haar gehört zu den Körperteilen, die sehr früh schon Alterserscheinungen aufweisen, indem sie Glanz und Farbe verlieren. „Sie wollte blond wie eine Semmel sein // Blond, blonder als der Sonnenschein // Blond, blond wie ein Weizenfeld // Weil Blondinen vieles leichter fällt...“, singt Rainhard Fendrich, geboren 1955. Dreiunddreißig Songtexte mit der Zeile „blondes Haar“ wurden in einer Datenbank gefunden. Fünfundzwanzig Treffer gab es für „schwarzes Haar“, dreizehn für rotes und vier für braunes. Allen Blondinenwitzen zum Trotz: Seit der Antike bis heute war und ist blond in Europa und über Europa hinaus die beliebteste Haarfarbe. Villon gehört insofern zu den Ausnahmen. Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte zeigt Botticellis Venus, Fra Angelicos Maria, Dürers Eva, Nymphen, Musen oder Prinzessinnen mit langen blonden Haaren, auch oder gerade in Kulturen, in denen die Menschen überwiegend dunkelhaarig waren. Ob Marilyn oder Madonna, Sharon Stone oder Paris Hilton – auch heute tragen viele Männer eine blonde Ikone in sich, während sich mehr Frauen einen Mann mit braunem oder schwarzem Haar wünschen. Blond gilt als feminin und kindlich und ist die Farbe von Engeln, Feen, Prinzessinnen: hell, licht,

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haare: sitz der seele und Der lebenskraft, symbol für körperliche stärke, weltliche macht und magische kräfte, sinnbild für erotik, gesundheit und jugend

das lange Haar von Göttinnen oft sehr kunstvoll drapiert. In monotheistischen Religionen, die durch strenge Regeln und restriktive Sexualmoral geprägt sind, gilt offen getragenes Haar als Ausdruck weiblicher Verführungslust. So müssen auch heute noch im orthodoxen Judentum verheiratete Frauen ihr Haar mittels Kopftuch, Hut oder Perücke verstecken. Katholische Klosterschwestern schneiden ihre Haare ab und machen sie mittels Schwesternhaube unsichtbar und auch das heftig diskutierte islamische Kopftuch ist Teil einer monotheistischen Tradition. Für Männer auch eine Gelegenheit, ihre eigene Disziplinlosigkeit auf die Frauen zu projizieren. „Eine Frau kann noch so attraktiv sein, beraubt man sie ihrer Haare, kann sie nicht einmal mehr ihren Ehemann verführen“, befand Apuleius, ein römischer Schriftsteller, der im ersten Jahrhundert nach Christus lebte. Die Behaarung ist unser auffälligstes sekundäres Geschlechtsmerkmal. So sind Gesichtsund Körperbehaarung schon in der Pubertät ein deutlich sichtbares Zeichen für die hormonellen Veränderungen im Körper. Die gängigste Ursache für Glatzköpfigkeit ist ein entsprechendes Gen, das über Generationen hinweg vererbt werden kann. Bei Männern genügt bereits die Weitergabe durch ein Elternteil während Frauen von Vater und Mutter die Gene geerbt haben müssen, um zur Glatzenbildung zu neigen. Da sich Frauen viel stärker mit ihrem Kopfhaar identifizieren, leiden sie meist auch heftiger als Männer, wenn sie ihr Haar durch Krankheit oder nach einer Chemotherapie verlieren. Sophie van der Stap beschreibt diese Gefühle, die der Verlust der eigenen Haare auslöst, in ihrem autobiografischen Buch „Heute bin ich blond“: „Annabel sieht meinen kahlen Kopf heute zum ersten Mal. Ich habe Angst, dass sie

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mich kaum wiedererkennt, dass sie mein Anblick verschreckt. Aber sie lächelt und streicht mehrmals über meinen kahlen Schädel. „Schön weich“, sagt sie. Kloß im Hals. Verschiedene Frisuren werden mir über den Kopf gestülpt, und plötzlich ist Daisy da. Perücken sind viel mehr als nur Haare. Sie machen etwas mit mir, nicht nur mit meinem Kopf sondern auch mit meinem weiblichen Bewusstsein. Dass ich anders aussehe, bewirkt, dass ich mich anders fühle und dass ich andere Reaktionen hervorrufe.“ „Wenn alles sitzen bliebe, was wir in Hass und Liebe so voneinander schwatzen, wenn Lügen Haare wären, wir wären rau wie Bären und hätten keine Glatzen.“ Ein Zitat von Wilhelm Busch. Nur selten verzichtet jemand freiwillig auf seine Haarpracht und die dies tun, wollen meist ein Zeichen setzen. Mönche zum Beispiel, die sich die Tonsur scheren lassen, um ihre Demut vor Gott zu beweisen. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts demonstrierten Frauen mit dem kurz geschnittenen Bubikopf, dass sie emanzipiert sind. Die Popsängerin Sinead O’Connor ließ sich in den 1980er-Jahren das Kopfhaar rasieren, um damit zu verdeutlichen, dass sie nicht als Sexobjekt betrachtet werden will. Bei den Tschambuliern in Neuguinea, die eine matriachalische Gesellschaftsordnung haben, sind es noch heute die Frauen, die kurze Haare tragen, während die Männer viel Zeit damit verbringen, ihr langes Haar zu frisieren, zu Zöpfen zu flechten oder Locken zu drehen. Haare können Symbole für Überzeugungen und Anschauung sein. Auch in dem Musical „Hair“, in Deutschland 1968 uraufgeführt, spielen Haare eine wichtige Rolle: „My hair like Jesus wore it, Hallelujah, I adore it. Hallelujah; Mary loved her son. Why! Don’t my mother love me?” („Mein Haar, wie Jesus es

trug, Hallelujah, ich verehre es. Hallelujah; Maria liebte Ihren Sohn. Warum liebt meine Mutter mich nicht?)“, heißt es in einem Lied daraus. „Hair“ erzählt die Geschichte langhaariger Hippies, die im „Zeitalter des Wassermanns“ in New York leben und sich gegen ihre Einberufung als Soldaten im Vietnamkrieg wehren. Auch hier waren Haare ein wichtiges Ausdrucksmittel, um gegen die bestehende Ordnung zu protestieren, charakteristisch auch für eine Zeit in der Afrofrisuren in Mode kamen, um damit Solidarität mit den schwarzen Mitbürgern zu bekunden. Kampf gegen Krieg, Gewalt und Rassismus, Konflikte mit der Elterngeneration und die Hoffnung auf ein neues friedliches Zeitalter, das „Wassermannzeitalter“, bestimmten auch die Ziele und das Lebensgefühl der revoltierenden Studenten in Deutschland. Einer von ihnen war Christian Bundt – auch er selbstverständlich mit einer Frisur, die nicht allen gefiel. In einer Radiosendung erzählt er: „Wir liefen äußerst extrovertiert durch die Gegend, in gestreiften Jacketts und natürlich langen Haaren und Schlaghosen, die wir aus Amerika mitgebracht hatten. Und damit waren wir immer abends unterwegs. Mit den langen Haaren da kriegte man natürlich öfter mal Stress mit Bauarbeitern, wenn die sagten: „Na, bist Du ein Junge oder ein Mädchen? Und man hat dann geantwortet: „Komm mal her, dann zeig ich es dir schon, dass ich ein Junge bin.“ Man wurde als öffentliches Ärgernis empfunden. Aber man wollte sich nicht prügeln, man suchte die Konfrontation nicht. “ „Menschliches Haar ist eine „aufzeichnende Faser“, die Veränderungen des Stoffwechsels vieler Elemente über lange Zeiträume widerspiegeln kann und so eine Kopie vergangener Ereignisse in der Ernährung liefert“, schreiben

die Wissenschaftler Strain, Pories, Flynn und Hill. Haare haben die Fähigkeit, bestimmte Stoffe über lange Zeit zu speichern. Mit jedem Zentimeter Haar wächst dieses Informationsarchiv. Die Gerichtsmedizin kommt mit Hilfe der Haare Drogensündern und so manchem Giftmord auf die Spur. Mittels chemischer Analyse der Haare kann man außerdem die Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen oder eine eventuelle Belastung des Organismus durch Schwermetalle herausfinden. Und der Kabarettist Piet Klocke weiß zu berichten: „Durch Haartests kann man heute feststellen, ob zum Beispiel so eine ägyptische Königin bei offener Pyramide geschlafen hat.“ Die Grundsubstanz, aus der sich unser Haar aufbaut, ist Horn, auch Keratin genannt: Proteine mit großer chemischer Widerstandskraft und mechanischer Stärke. Zirkusartisten, die mit ihrem Körpergewicht nur an ihren Haaren hängen, demonstrieren die enorme Belastbarkeit dieser kleinen, zugfähigen und biegsamen Hornfäden. Bereits im frühen Embryonalstadium, im ersten Monat nach der Befruchtung, bilden sich alle Haarbälge oder Follikel, aus denen dann die Haare wachsen. Im fünften Monat entwickelt der Embryo Haare auf Kopf und Stirn, die er dann einige Monate vor der Geburt wieder verliert. Manche Frühchen tragen noch ihr „Embryofell“ wenn sie das Licht der Welt erblicken. Haare als Kletterseil – mit einer Länge bis zu zehn Metern – wie bei Rapunzel gibt es allerdings nur im Märchen. Auch kräftiges Haar fällt nach zwei bis sechs Jahren aus. Nur wenige Menschen haben eine Haarlänge von über einem Meter, wie die Chinesin Xie Qiuoing, die 31 Jahre lang auf den Friseurbesuch verzichtete und mit 5,6 Meter langen Haaren im Guiness-Buch der Rekorde steht.

Haare lassen sich in zwei Typen einteilen: Wollhaare und Terminalhaare. Eine Einteilung, die vor allem auf der unterschiedlichen Größe basiert. Terminalhaare sind gröber, pigmenthaltig und länger. Unser Kopfhaar gehört dazu, Barthaare, Augenbrauen und Augenwimpern, sowie Schamhaare, Haare unter den Achseln, in Nase und Gehörgang. Wollhaare (oder Vellushaar) sind feiner, kürzer und meist ohne Pigmente. Sie bedecken fast vollständig unseren Körper mit Ausnahme von Hand- und Fußflächen sowie Finger- und Zehenkuppen. Sie sind vergleichbar mit dem Wollhaar der Tiere. Doch während langes Haar als Synonym für Weiblichkeit betrachtet wird, wird starke Körperbehaarung – nicht nur bei Frauen – als unästhetisch und ungepflegt empfunden. „Schwarze Brauen, sagt man, sind schön bei manchen Frauen. Nur muss nicht zu viel Haar darin sein, nur ein Bogen, ein Halbmond, fein gemacht wie mit der Feder.“ So sah es schon William Shakespeare. Und so zog und zupfte die Weiblichkeit schon im alten Rom an jedem Härchen, das sich an den vermeintlich falschen Stellen entwickelte: unter den Achseln, an den Beinen oder im Gesicht. Ein Damenbart? Nein, danke! Charlotte Roche, die in ihrem Roman „Feuchtgebiete“ für eine Natürlichkeit kämpft, die die Haare sprießen lässt, wo immer sie wollen, wo alles schleimen und stinken darf wie die Natur es vorgesehen hat, ist – was das Gros der Weiblichkeit betrifft – noch immer die Ausnahme. Vom gezwirbelten, gestutzten Schnurrbart über den altehrwürdigen Rauschebart bis hin zum machomäßigen Dreitagebart, war und ist der Bart – zumindest bei Völkern die zum Bartwuchs neigen – ein Zeichen für Männlichkeit. „Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Im Feld den ganzen Sommer war // Der rote Mohn so rot nicht wie dein

Haar. // Jetzt wird es abgemäht, das Gras, // Die bunten Blumen welken auch dahin. // Und wenn der rote Mohn so blass // Geworden ist, dann hat es keinen Sinn, // Dass es noch weiße Wolken gibt... Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Du sagst, dass es bald Kinder gibt, // Wenn man sich in dein rotes Haar verliebt, // So rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.“ So dichtete François Villon, gestorben 1464. Die Anzahl unserer Haare, Verteilung, Farbe und Stärke sind genetisch bedingt. Unser Haar gehört zu den Körperteilen, die sehr früh schon Alterserscheinungen aufweisen, indem sie Glanz und Farbe verlieren. „Sie wollte blond wie eine Semmel sein // Blond, blonder als der Sonnenschein // Blond, blond wie ein Weizenfeld // Weil Blondinen vieles leichter fällt...“, singt Rainhard Fendrich, geboren 1955. Dreiunddreißig Songtexte mit der Zeile „blondes Haar“ wurden in einer Datenbank gefunden. Fünfundzwanzig Treffer gab es für „schwarzes Haar“, dreizehn für rotes und vier für braunes. Allen Blondinenwitzen zum Trotz: Seit der Antike bis heute war und ist blond in Europa und über Europa hinaus die beliebteste Haarfarbe. Villon gehört insofern zu den Ausnahmen. Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte zeigt Botticellis Venus, Fra Angelicos Maria, Dürers Eva, Nymphen, Musen oder Prinzessinnen mit langen blonden Haaren, auch oder gerade in Kulturen, in denen die Menschen überwiegend dunkelhaarig waren. Ob Marilyn oder Madonna, Sharon Stone oder Paris Hilton – auch heute tragen viele Männer eine blonde Ikone in sich, während sich mehr Frauen einen Mann mit braunem oder schwarzem Haar wünschen. Blond gilt als feminin und kindlich und ist die Farbe von Engeln, Feen, Prinzessinnen: hell, licht,

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ich trug im haar ein paar flaschen, die an die form des kopfes angepasst waren und etwas wasser enthielten, damit die blumen in meinem Haar frisch blieben

leuchtend. Dem ägyptischen Sonnengott Ra hat man goldene Haare zugeschrieben und auch der griechische Sonnengott Apollo trägt den Beinamen Chrysocomes: „der mit den goldenen Locken.“ Die meisten Blondschöpfe finden sich bei Kindern. Doch ein Teil von ihnen verliert das Blond im Lauf der Zeit. Ab der Pubertät werden die Haare dunkler. Auch wird die blonde Haarfarbe dominant-rezessiv vererbt. Das heißt: Ein Embryo, der von seinen Eltern je ein Gen für schwarze und eines für blonde Haare erhält, kommt öfter mit dunklen Haaren auf die Welt. Was jedoch nicht heißt, dass Blond irgendwann aussterben wird. In Zeiten der Globalisierung und der damit verbunden Durchmischung der Bevölkerung wird es seltener phänotypisch ausgeprägt sein, genotypisch aber erhalten bleiben. Alles, was selten ist, gewinnt jedoch an Wert. Auch dies könnte mit dazu beitragen, dass „Blondinnen bevorzugt“ wurden und werden, nicht nur in der gleichnamigen Filmkomödie des Regisseurs Howard Hawks aus dem Jahre 1953. Eine von vielen Methoden, mit dem Mythos Blond umzugehen, besteht darin ihn lächerlich machen. Die Assoziation, dass ‚blond’ gleichzusetzen sei mit ‚kindlich’, könnte eine mögliche Erklärung für das Vorurteil sein. Blondinen wären dümmer, sagt der Diplom-Psychologe Martin Gründl, denn „Kindern fehlt es aufgrund ihres geringen Alters an Lebenserfahrung und Wissen über die Bedeutung und Zusammenhänge von Dingen.“ Als in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts die ersten Haarfärbemittel auf den Markt kamen, wurde Blondhaar zum Massenphänomen. Viele Brünette wechselten ihre Haarfarbe. Die berühmteste unter ihnen war Marilyn Monroe. Die Haarfärbeindustrie und mit ihr die Friseure profitieren davon. Auf einer

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kleinen Statuette aus Ägypten, die auf 2000 vor Christi datiert wird, findet sich die älteste Darstellung eines Friseurs. Allerdings waren die Barbier- und Friseursalons seit der Antike ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen wurden im häuslichen Bereich von anderen Frauen oder in den Häusern der Reichen von Sklavinnen frisiert. Erst 1630 eröffnete in Paris der erste Friseursalon für Frauen, betrieben von dem Damenfriseur Champagne. Im 18. Jahrhundert sorgte dann ein weiterer berühmter Friseur, nämlich Legros von Rumigny, dafür, dass der Friseurberuf als Handwerk anerkannt wurde. Er gründete die Académie de Coiffure, in der junge Männer zu Friseuren ausgebildet wurden, um fortan mit viel Phantasie und Geschick die Köpfe ihrer Kundinnen zu wahren Kunstwerken zu modellieren. „Ich trug im Haar ein paar Flaschen, die an die Form des Kopfes angepasst waren und etwas Wasser enthielten, damit die Blumen in meinem Haar frisch blieben. ... Nichts sieht besser aus als ein Blumenkranz als Krone auf der schneeweiß gepuderten Pyramide der Haare“, heißt es zum Beispiel in den Memoiren einer Dame aus besseren Kreisen. Das 18. Jahrhundert war auch die große Zeit der Perücken, die manchmal so hoch waren, dass die Frauen sich in acht nehmen mussten, dass sich ihr Haar nicht im Kronleuchter verfing. Die Perücke, die damals für Wohlstand und Gelehrt-

heit stand, gehört bis heute zur Dienstkleidung englischer Richter. Heutzutage gibt es eine Vielfalt an Haarmoden und Frisuren. Die Bedeutung jedoch von gesundem schönen Haar bleibt unverändert entscheidend für das seelische Gleichgewicht und das allgemeine Wohlbefinden. In „Heute bin ich Blond“ beschreibt Sophie van der Stap, das „Mädchen mit neun Perücken“, wie sich die unterschiedlichen Haare und Frisuren anfühlen. „Wenn ich Daisy aufsetze, ist alles ganz anders. Die komplette Verwandlung. Lange Locken, die auf meinem Rücken tanzen. Meine italienischen High Heels werden plötzlich zu Hurentretern, meine engen Jeans zu Leggings und mein harmloses Dekolleté zu einem wahren Blickfang. … Jeder will wissen, wer sich unter den blonden Elfenlocken verbirgt. Als Daisy mache ich andere Dinge, als wenn ich Sue, Stella oder Blondie bin. Ich stehe dann gerne im Mittelpunkt. Ich schüttle meine Mähne, lache über jeden dummen Witz, trinke Milchshakes statt Tomatensaft und verwende rosa Lipgloss.… Als Sue habe ich den meisten Frauen etwas voraus: wilde rote Haare. Damit aufzufallen ist leicht, ohne über dumme Witze lachen oder die Locken schütteln zu müssen. Aber eins haben die vier Damen gemeinsam: Hinter allen verbirgt sich ein bisschen Sophie. Eine Sophie, die ihnen über die Schulter sieht und jede Schauspielerei mit Unbehagen registriert.“

Inge Kurtz hat nach dem Besuch der Kunstschule Linz Publizistik studiert und arbeitet sowohl als Malerin als auch als Hörspiel- und FeatureAutorin für ARD-Rundfunkanstalten. Sie wechselt die Genres, weil sie für unterschiedlichste Inhalt gerne die passgenauen künstlerischen Darstellungsmittel findet. Inge Kurtz lebt im bayerischen Törring und Frankfurt am Main. Mehr über sie unter www.inge-kurtz.de


ich trug im haar ein paar flaschen, die an die form des kopfes angepasst waren und etwas wasser enthielten, damit die blumen in meinem Haar frisch blieben

leuchtend. Dem ägyptischen Sonnengott Ra hat man goldene Haare zugeschrieben und auch der griechische Sonnengott Apollo trägt den Beinamen Chrysocomes: „der mit den goldenen Locken.“ Die meisten Blondschöpfe finden sich bei Kindern. Doch ein Teil von ihnen verliert das Blond im Lauf der Zeit. Ab der Pubertät werden die Haare dunkler. Auch wird die blonde Haarfarbe dominant-rezessiv vererbt. Das heißt: Ein Embryo, der von seinen Eltern je ein Gen für schwarze und eines für blonde Haare erhält, kommt öfter mit dunklen Haaren auf die Welt. Was jedoch nicht heißt, dass Blond irgendwann aussterben wird. In Zeiten der Globalisierung und der damit verbunden Durchmischung der Bevölkerung wird es seltener phänotypisch ausgeprägt sein, genotypisch aber erhalten bleiben. Alles, was selten ist, gewinnt jedoch an Wert. Auch dies könnte mit dazu beitragen, dass „Blondinnen bevorzugt“ wurden und werden, nicht nur in der gleichnamigen Filmkomödie des Regisseurs Howard Hawks aus dem Jahre 1953. Eine von vielen Methoden, mit dem Mythos Blond umzugehen, besteht darin ihn lächerlich machen. Die Assoziation, dass ‚blond’ gleichzusetzen sei mit ‚kindlich’, könnte eine mögliche Erklärung für das Vorurteil sein. Blondinen wären dümmer, sagt der Diplom-Psychologe Martin Gründl, denn „Kindern fehlt es aufgrund ihres geringen Alters an Lebenserfahrung und Wissen über die Bedeutung und Zusammenhänge von Dingen.“ Als in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts die ersten Haarfärbemittel auf den Markt kamen, wurde Blondhaar zum Massenphänomen. Viele Brünette wechselten ihre Haarfarbe. Die berühmteste unter ihnen war Marilyn Monroe. Die Haarfärbeindustrie und mit ihr die Friseure profitieren davon. Auf einer

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kleinen Statuette aus Ägypten, die auf 2000 vor Christi datiert wird, findet sich die älteste Darstellung eines Friseurs. Allerdings waren die Barbier- und Friseursalons seit der Antike ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen wurden im häuslichen Bereich von anderen Frauen oder in den Häusern der Reichen von Sklavinnen frisiert. Erst 1630 eröffnete in Paris der erste Friseursalon für Frauen, betrieben von dem Damenfriseur Champagne. Im 18. Jahrhundert sorgte dann ein weiterer berühmter Friseur, nämlich Legros von Rumigny, dafür, dass der Friseurberuf als Handwerk anerkannt wurde. Er gründete die Académie de Coiffure, in der junge Männer zu Friseuren ausgebildet wurden, um fortan mit viel Phantasie und Geschick die Köpfe ihrer Kundinnen zu wahren Kunstwerken zu modellieren. „Ich trug im Haar ein paar Flaschen, die an die Form des Kopfes angepasst waren und etwas Wasser enthielten, damit die Blumen in meinem Haar frisch blieben. ... Nichts sieht besser aus als ein Blumenkranz als Krone auf der schneeweiß gepuderten Pyramide der Haare“, heißt es zum Beispiel in den Memoiren einer Dame aus besseren Kreisen. Das 18. Jahrhundert war auch die große Zeit der Perücken, die manchmal so hoch waren, dass die Frauen sich in acht nehmen mussten, dass sich ihr Haar nicht im Kronleuchter verfing. Die Perücke, die damals für Wohlstand und Gelehrt-

heit stand, gehört bis heute zur Dienstkleidung englischer Richter. Heutzutage gibt es eine Vielfalt an Haarmoden und Frisuren. Die Bedeutung jedoch von gesundem schönen Haar bleibt unverändert entscheidend für das seelische Gleichgewicht und das allgemeine Wohlbefinden. In „Heute bin ich Blond“ beschreibt Sophie van der Stap, das „Mädchen mit neun Perücken“, wie sich die unterschiedlichen Haare und Frisuren anfühlen. „Wenn ich Daisy aufsetze, ist alles ganz anders. Die komplette Verwandlung. Lange Locken, die auf meinem Rücken tanzen. Meine italienischen High Heels werden plötzlich zu Hurentretern, meine engen Jeans zu Leggings und mein harmloses Dekolleté zu einem wahren Blickfang. … Jeder will wissen, wer sich unter den blonden Elfenlocken verbirgt. Als Daisy mache ich andere Dinge, als wenn ich Sue, Stella oder Blondie bin. Ich stehe dann gerne im Mittelpunkt. Ich schüttle meine Mähne, lache über jeden dummen Witz, trinke Milchshakes statt Tomatensaft und verwende rosa Lipgloss.… Als Sue habe ich den meisten Frauen etwas voraus: wilde rote Haare. Damit aufzufallen ist leicht, ohne über dumme Witze lachen oder die Locken schütteln zu müssen. Aber eins haben die vier Damen gemeinsam: Hinter allen verbirgt sich ein bisschen Sophie. Eine Sophie, die ihnen über die Schulter sieht und jede Schauspielerei mit Unbehagen registriert.“

Inge Kurtz hat nach dem Besuch der Kunstschule Linz Publizistik studiert und arbeitet sowohl als Malerin als auch als Hörspiel- und FeatureAutorin für ARD-Rundfunkanstalten. Sie wechselt die Genres, weil sie für unterschiedlichste Inhalt gerne die passgenauen künstlerischen Darstellungsmittel findet. Inge Kurtz lebt im bayerischen Törring und Frankfurt am Main. Mehr über sie unter www.inge-kurtz.de


vergessene wörter

Bei einer Frau ins warme Nest schlüpfen wollte er, aber sich festlegen nicht. Bratkartoffelverhältnis nannte man diese lose Liaison, bei der – meist der Mann – keine wirkliche Bindung eingehen wollte, er sich aber gerne regelmäßig an den gedeckten Tisch setzte. Geboren wurde diese Zweckbeziehung aus der Not des Ersten Weltkrieges, als es Männern mehr um ein regelmäßiges warmes Essen ging als um Liebe. Und schon gar nicht um Heirat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Bratkartoffelverhältnisse zwischen heimkehrenden Soldaten und Witwen, die nach heutiger Begriffsdefinition in „wilder Ehe“ lebten, um ihre Witwenrente nicht zu verlieren. Bis in die Mitte der 1970er-Jahre hinein galt diese Form des Zusammenlebens als Verstoß gegen die guten Sitten. Verträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar wurden als Begünstigung zur Kuppelei angesehen

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und konnten daher auch rechtlich unwirksam sein. Zudem bestand in Deutschland unter diesem Aspekt bis 1969 das Strafrisiko für den Vermieter. Auch in Hotels und Pensionen mussten Paare als Nachweis ihrer rechtmäßigen Verbindung Dokumente vorlegen, bevor sie ein Doppelzimmer buchen wollten. Konnte dem Haus doch die Vermittlung von Prostitution unterstellt werden. Mit dem Wandel der Sexualmoral, vorrangig mit der 68er-Bewegung, wurden diese Lebensformen zunehmend toleriert und in Deutschland als nichteheliche Lebensgemeinschaft auch nach und nach rechtlich anerkannt. Heute wird der Ausdruck Bratkartoffelverhältnis wieder zunehmend stärker für die sogenannten „Doppel-Singles“ verwendet, also für getrennte Paare, die weiterhin freundschaftlich Wohnung und Alltag teilen. Wobei Pizza- oder Spaghettiverhältnis heutzutage sicher die passenderen Ausdrücke dafür wären.

illustr ation: l aur a lünenbürger Quelle: w w w.re tropedia.de

Das Bratkartoffelverhältnis


Text: K aterina Poladjan Fotos: Y vonne schmedemann

So war das Eine Fortsetzungsgeschichte 端ber Hannah und Hans Fichtelbach

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H

annah und Hans Fichtelbach sind seit dreizehn Jahren ein Paar. Gefunkt hat es im Bus. Ganz schön voll, sagte er, als er sich neben sie auf die Bank schob, und sie nickte und lächelte und sah aus dem Fenster. Hinter regennassen Scheiben wälzte sich die Stadt, Autos standen im Stau und im Inneren der Autos bewegten sich Münder. Als sie aussteigen musste, sagte Hans: wenn Du magst, dann lass uns mal treffen. Hannah nickte wieder, kicherte, sprang im letzten Moment aus dem Bus und merkte, dass sie keine Adressen getauscht hatten. Sie winkte dem Bus hinterher und ein älterer Herr auf der anderen Straßenseite winkte zurück. Es dauerte noch einige Tage und Hans und Hannah vergaßen die Begegnung. Nein, Hans vergaß die Begegnung, in Hannahs Kopf schwirrte weiter das Bild des jungen Mannes mit der roten Jacke und den lustigen Augen. Immer wieder stellte sie sich vor, wie dieser Unbekannte ganz nah bei ihr gesessen hatte, so nah, dass sie meinte, seine Wärme durch die Kleidung zu spüren und sie dachte an die Worte ihrer Großmutter: Es gibt Dinge, Hannah, die passieren nur einmal im Leben. Kein Wunder also, das Hannah, als sie Hans einige Wochen später bei einem Konzert der Rolling Ricks wiedersah, vor Glück fast davongelaufen wäre. Wir kennen uns doch, rief er ihr hinterher. Sie tanzten, küssten sich, tranken Bier und küssten sich noch mehr. Die folgenden Monate waren wie Schaum: Hingerissen, elektrisiert, betäubt wühlten sie sich von seinem Bett in das ihre, sie aßen nicht, sie schliefen kaum, und manchmal betrachtete Hannah sein jungenhaftes Gesicht und dachte: Schön wie so ein Vogel ist er. Später beendete Hans sein Betriebswirtschaftsstudium, Hannah ihr Kulturwissenschaftsstudium, Hans‘ Eltern kauften den beiden eine Wohnung, sie bekamen zuerst eine Tochter, die sie Luisa nannten und dann einen Sohn, den sie zunächst Amos nennen wollten, dann aber Friedrich nannten. Luisa war zart und hübsch und entwickelte sich prächtig und Friedrich machte von Anfang an Probleme. Im Kindergarten biss er einem Kind die Fingerkuppe ab und in der Grundschule konnte er nicht

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stillsitzen. Mit zwölf sagte er, er hasse alles außer Wochenende. Vielleicht solltest du eine Zeitlang aufhören zu arbeiten, sagte Hans. Seit Kurzem erst leitete Hannah die Pressestelle einer kulturellen Einrichtung, eine schöne Aufgabe, die sie sich lange gewünscht hatte. Nur so lange, bis Friedrich wiederhergestellt ist, fügte Hans hinzu und küsste ihr die Stirn. Hans sagte wirklich „wiederhergestellt“ und Hannah wunderte sich, aber keine Mutter will, dass ihr Kind sich wild und unzivilisiert benimmt. Ihre ständige Anwesenheit zu Hause machte jedoch alles nur noch schlimmer und auch eine Kinderpsychologin konnte Friedrich nicht wiederherstellen. Nun hasste er sogar die Wochenenenden. Die Lehrerin empfahl dringend, Friedrich vom schwer erkämpften Gymnasium zu nehmen. Gesamtschule? Hannah und Hans protestierten, sprachen beim Direktor vor, Hans erwähnte Kontakte, die er spielen lassen könne und brachte am Ende sogar einen Anwalt ins Spiel. Alles grauenhaft. Eine Heimsuchung. Vielleicht fing da alles an. Oder schon viel früher. Vielleicht fing es mit dem Stirnkuss an. Warum küsste Hans Hannah plötzlich auf die Stirn? Oder es fing damit an, dass sie länger als früher miteinander schwiegen? Immer wenn sie ohne die Kinder etwas unternahmen, schwiegen sie und wurden müde. Nichts zerreißt die Liebe so wie Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Ich will dir ja zuhören, ich will mich ja interessieren, aber ich bin so schrecklich müde. Hannah konnte nicht schlafen, lag mit weit geöffneten Augen neben Hans im Bett, starrte in die Dunkelheit, lauschte dem rhythmischen Schnarchen ihres Mannes und fasste den Entschluss, ihr gemeinsamens Leben zu ändern. Als Hans am nächsten Morgen aus der Dusche kam, sagte sie zu ihm: Wir müssen unser Leben ändern, so geht es nicht weiter. Morgens hast Du immer die besten Ideen, antwortete Hans vergnügt. Hannah hasste die Nachlässigkeit, mit der Hans Wasserflecken auf dem Parkett hinterließ, wenn er aus der Dusche kam. Sie sagte nichts, aber es ging ihr auf die Nerven. Genauso, wie es ihr auf die Nerven ging, wenn Hans in seinem Geiz das 02


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annah und Hans Fichtelbach sind seit dreizehn Jahren ein Paar. Gefunkt hat es im Bus. Ganz schön voll, sagte er, als er sich neben sie auf die Bank schob, und sie nickte und lächelte und sah aus dem Fenster. Hinter regennassen Scheiben wälzte sich die Stadt, Autos standen im Stau und im Inneren der Autos bewegten sich Münder. Als sie aussteigen musste, sagte Hans: wenn Du magst, dann lass uns mal treffen. Hannah nickte wieder, kicherte, sprang im letzten Moment aus dem Bus und merkte, dass sie keine Adressen getauscht hatten. Sie winkte dem Bus hinterher und ein älterer Herr auf der anderen Straßenseite winkte zurück. Es dauerte noch einige Tage und Hans und Hannah vergaßen die Begegnung. Nein, Hans vergaß die Begegnung, in Hannahs Kopf schwirrte weiter das Bild des jungen Mannes mit der roten Jacke und den lustigen Augen. Immer wieder stellte sie sich vor, wie dieser Unbekannte ganz nah bei ihr gesessen hatte, so nah, dass sie meinte, seine Wärme durch die Kleidung zu spüren und sie dachte an die Worte ihrer Großmutter: Es gibt Dinge, Hannah, die passieren nur einmal im Leben. Kein Wunder also, das Hannah, als sie Hans einige Wochen später bei einem Konzert der Rolling Ricks wiedersah, vor Glück fast davongelaufen wäre. Wir kennen uns doch, rief er ihr hinterher. Sie tanzten, küssten sich, tranken Bier und küssten sich noch mehr. Die folgenden Monate waren wie Schaum: Hingerissen, elektrisiert, betäubt wühlten sie sich von seinem Bett in das ihre, sie aßen nicht, sie schliefen kaum, und manchmal betrachtete Hannah sein jungenhaftes Gesicht und dachte: Schön wie so ein Vogel ist er. Später beendete Hans sein Betriebswirtschaftsstudium, Hannah ihr Kulturwissenschaftsstudium, Hans‘ Eltern kauften den beiden eine Wohnung, sie bekamen zuerst eine Tochter, die sie Luisa nannten und dann einen Sohn, den sie zunächst Amos nennen wollten, dann aber Friedrich nannten. Luisa war zart und hübsch und entwickelte sich prächtig und Friedrich machte von Anfang an Probleme. Im Kindergarten biss er einem Kind die Fingerkuppe ab und in der Grundschule konnte er nicht

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stillsitzen. Mit zwölf sagte er, er hasse alles außer Wochenende. Vielleicht solltest du eine Zeitlang aufhören zu arbeiten, sagte Hans. Seit Kurzem erst leitete Hannah die Pressestelle einer kulturellen Einrichtung, eine schöne Aufgabe, die sie sich lange gewünscht hatte. Nur so lange, bis Friedrich wiederhergestellt ist, fügte Hans hinzu und küsste ihr die Stirn. Hans sagte wirklich „wiederhergestellt“ und Hannah wunderte sich, aber keine Mutter will, dass ihr Kind sich wild und unzivilisiert benimmt. Ihre ständige Anwesenheit zu Hause machte jedoch alles nur noch schlimmer und auch eine Kinderpsychologin konnte Friedrich nicht wiederherstellen. Nun hasste er sogar die Wochenenenden. Die Lehrerin empfahl dringend, Friedrich vom schwer erkämpften Gymnasium zu nehmen. Gesamtschule? Hannah und Hans protestierten, sprachen beim Direktor vor, Hans erwähnte Kontakte, die er spielen lassen könne und brachte am Ende sogar einen Anwalt ins Spiel. Alles grauenhaft. Eine Heimsuchung. Vielleicht fing da alles an. Oder schon viel früher. Vielleicht fing es mit dem Stirnkuss an. Warum küsste Hans Hannah plötzlich auf die Stirn? Oder es fing damit an, dass sie länger als früher miteinander schwiegen? Immer wenn sie ohne die Kinder etwas unternahmen, schwiegen sie und wurden müde. Nichts zerreißt die Liebe so wie Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Ich will dir ja zuhören, ich will mich ja interessieren, aber ich bin so schrecklich müde. Hannah konnte nicht schlafen, lag mit weit geöffneten Augen neben Hans im Bett, starrte in die Dunkelheit, lauschte dem rhythmischen Schnarchen ihres Mannes und fasste den Entschluss, ihr gemeinsamens Leben zu ändern. Als Hans am nächsten Morgen aus der Dusche kam, sagte sie zu ihm: Wir müssen unser Leben ändern, so geht es nicht weiter. Morgens hast Du immer die besten Ideen, antwortete Hans vergnügt. Hannah hasste die Nachlässigkeit, mit der Hans Wasserflecken auf dem Parkett hinterließ, wenn er aus der Dusche kam. Sie sagte nichts, aber es ging ihr auf die Nerven. Genauso, wie es ihr auf die Nerven ging, wenn Hans in seinem Geiz das 02


billigste Gericht im Restaurant aussuchte und die Kinder ermahnte, vor dem Restaurantbesuch doch noch ein belegtes Brot zu essen. Was hast du also vor, wie soll die Veränderung aussehen, fragte Hans, frisch rasiert, im gestärkten Hemd, mit starkem Rücken und seinem Kaffeebecher in der Hand. Vor ihm lag ein Tag, vollgepackt mit Terminen und einer wichtigen Präsentation, und er fürchtete die Morgende, an denen Hannah im Bademantel und mit verkniffenem Mund die Welt und ihr Leben ändern wollte. Sie hatte sich die Haare abgeschnitten und es machte sie älter. Das sagte er ihr natürlich nicht. Stattdessen sagte er: Ich liebe Dich. Was ist denn los? Stirnkuss. Vielleicht würde uns eine Paartherapie helfen, sagte Hannah. Hans stutzte, brummte, nickte dann. Warum nicht? Eine Fliese hatte sich in der Küche von der Wand gelöst und er ärgerte sich über die Handwerker. Natürlich spürte auch er die Entfremdung zwischen ihnen, die drohende Vereisung, und manchmal sagte er sich: So kann es nicht bleiben. Er dachte, es ist schlimm, aber es ist nicht schlimm genug. So war er erzogen und er konnte es einfach nicht ändern. Zwei Wochen später die erste Sitzung bei Frau Dr. Marianne Huber, die am Telefon unverkennbar bayrisch geklungen hatte. Die Praxis befand sich in einer geräumigen Altbauwohnung, einer Wohnung, wie Hannah sich immer eine gewünscht hatte. Hans‘ Eltern hatten auf dem Kauf einer Neubauwohnung bestanden. Irgendwann krachen alte Häuser zusammen, sagten sie. Aber wenn etwas schon so lange steht, dann kracht es nicht zusammen, erwiderte Hannah. Du wirst dich noch wundern, liebe Hannah. Letzlich, dachte Hannah, braucht man für so eine Wohnung die richtigen Möbel und die richtigen Kinder und den richtigen Körper und die richtigen Bücher und die richtigen Gedanken. Das Vorzimmer war mit einem weißen Teppich ausgelegt, drei helle Sessel standen um einen Glastisch herum, und eine große rote Vase mit weißen Lilien schmückte den Raum. Sofort musste Hans niesen. Seine Allergie. An der Wand hing eine riesige Schwarzweißfotografie, die einen Schmetterling im Flug zeigte. Wie schön, sagte Hannah, ohne es zu meinen. Sie war nervös 03

und ärgerte sich über Hans, der an seinem Handy spielte, als warte er auf die Straßenbahn. Wollen wir danach noch etwas essen gehen, fragte Hannah. Wenn uns danach nicht der Appetit vergangen ist, sagte Hans und lachte, bemerkte aber sofort, wie unpassend das war. Sie starrte unverwandt den riesigen Schmetterling an, zwang sich, nicht ihren Arm zu heben und an ihrer Achselhöhle zu riechen. Sie schwitzte, und es war ihr peinlich. Zu dumm, dass ihr immer alles peinlich war. Stephan und Kerstin haben sich getrennt, sagte Hannah, um etwas zu sagen. Die haben doch gerade erst geheiratet, sagte Hans und schaute von seinem Telefon hoch, sichtbar bemüht, interessiert zu erscheinen. Ja. Vor einem Jahr. Die Hochzeit war schön. Irgendwie unverkrampft. Fandest du unsere Hochzeit verkrampft? Hans verstaute das Telefon in seiner Jackentasche und eine zerknüllte Zigarettenpackung fiel heraus. Du rauchst wieder?, fragte Hannah und Hans nickte. Fast stolz. Seit wann? Ich weiß nicht. Schon länger. Das habe ich gar nicht bemerkt. Ja, man hält sich im Zaum, sagte Hans. Im Zaum?, wollte Hannah fragen, aber schwieg. Sie hasste diesen weißen Teppich und diesen Schmetterling. Sie hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, Alkohol zu trinken. Von der Seite blickte sie Hans an und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Unter anderen Umständen hätte vielleicht einer der beiden gelächelt. Als die Tür aufging und eine hochgewachsene Frau mit kurzen roten Haaren erschien, waren Hans und Hannah fast erleichtert und Hannah fragte sich, ob Frau Dr. Huber wohl auch rote Schamhaare hat. So dumme Gedanken. Sie können jetzt hereinkommen, sagte sie und Hannah und Hans erhoben sich gleichzeitg, räusperten sich gleichzeitig und sagten: Danke! 04

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billigste Gericht im Restaurant aussuchte und die Kinder ermahnte, vor dem Restaurantbesuch doch noch ein belegtes Brot zu essen. Was hast du also vor, wie soll die Veränderung aussehen, fragte Hans, frisch rasiert, im gestärkten Hemd, mit starkem Rücken und seinem Kaffeebecher in der Hand. Vor ihm lag ein Tag, vollgepackt mit Terminen und einer wichtigen Präsentation, und er fürchtete die Morgende, an denen Hannah im Bademantel und mit verkniffenem Mund die Welt und ihr Leben ändern wollte. Sie hatte sich die Haare abgeschnitten und es machte sie älter. Das sagte er ihr natürlich nicht. Stattdessen sagte er: Ich liebe Dich. Was ist denn los? Stirnkuss. Vielleicht würde uns eine Paartherapie helfen, sagte Hannah. Hans stutzte, brummte, nickte dann. Warum nicht? Eine Fliese hatte sich in der Küche von der Wand gelöst und er ärgerte sich über die Handwerker. Natürlich spürte auch er die Entfremdung zwischen ihnen, die drohende Vereisung, und manchmal sagte er sich: So kann es nicht bleiben. Er dachte, es ist schlimm, aber es ist nicht schlimm genug. So war er erzogen und er konnte es einfach nicht ändern. Zwei Wochen später die erste Sitzung bei Frau Dr. Marianne Huber, die am Telefon unverkennbar bayrisch geklungen hatte. Die Praxis befand sich in einer geräumigen Altbauwohnung, einer Wohnung, wie Hannah sich immer eine gewünscht hatte. Hans‘ Eltern hatten auf dem Kauf einer Neubauwohnung bestanden. Irgendwann krachen alte Häuser zusammen, sagten sie. Aber wenn etwas schon so lange steht, dann kracht es nicht zusammen, erwiderte Hannah. Du wirst dich noch wundern, liebe Hannah. Letzlich, dachte Hannah, braucht man für so eine Wohnung die richtigen Möbel und die richtigen Kinder und den richtigen Körper und die richtigen Bücher und die richtigen Gedanken. Das Vorzimmer war mit einem weißen Teppich ausgelegt, drei helle Sessel standen um einen Glastisch herum, und eine große rote Vase mit weißen Lilien schmückte den Raum. Sofort musste Hans niesen. Seine Allergie. An der Wand hing eine riesige Schwarzweißfotografie, die einen Schmetterling im Flug zeigte. Wie schön, sagte Hannah, ohne es zu meinen. Sie war nervös 03

und ärgerte sich über Hans, der an seinem Handy spielte, als warte er auf die Straßenbahn. Wollen wir danach noch etwas essen gehen, fragte Hannah. Wenn uns danach nicht der Appetit vergangen ist, sagte Hans und lachte, bemerkte aber sofort, wie unpassend das war. Sie starrte unverwandt den riesigen Schmetterling an, zwang sich, nicht ihren Arm zu heben und an ihrer Achselhöhle zu riechen. Sie schwitzte, und es war ihr peinlich. Zu dumm, dass ihr immer alles peinlich war. Stephan und Kerstin haben sich getrennt, sagte Hannah, um etwas zu sagen. Die haben doch gerade erst geheiratet, sagte Hans und schaute von seinem Telefon hoch, sichtbar bemüht, interessiert zu erscheinen. Ja. Vor einem Jahr. Die Hochzeit war schön. Irgendwie unverkrampft. Fandest du unsere Hochzeit verkrampft? Hans verstaute das Telefon in seiner Jackentasche und eine zerknüllte Zigarettenpackung fiel heraus. Du rauchst wieder?, fragte Hannah und Hans nickte. Fast stolz. Seit wann? Ich weiß nicht. Schon länger. Das habe ich gar nicht bemerkt. Ja, man hält sich im Zaum, sagte Hans. Im Zaum?, wollte Hannah fragen, aber schwieg. Sie hasste diesen weißen Teppich und diesen Schmetterling. Sie hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, Alkohol zu trinken. Von der Seite blickte sie Hans an und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Unter anderen Umständen hätte vielleicht einer der beiden gelächelt. Als die Tür aufging und eine hochgewachsene Frau mit kurzen roten Haaren erschien, waren Hans und Hannah fast erleichtert und Hannah fragte sich, ob Frau Dr. Huber wohl auch rote Schamhaare hat. So dumme Gedanken. Sie können jetzt hereinkommen, sagte sie und Hannah und Hans erhoben sich gleichzeitg, räusperten sich gleichzeitig und sagten: Danke! 04

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fundsache

„Menschen spielen Gott, indem sie sich physisch und bildlich perfektionieren. Schönheit ist derzeit auf einem historischen Höhepunkt, wo es zu erforschen gilt, was jenseits dieser Perfektion liegt. „Erschreckend schön“ fordert aktuelle Schönheitsideale heraus, indem es ihnen einen unerwartet neuen

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Schönheitsstandard aufzwingt“, sagt Leanie van der Vyver. Der niederländische Schuhhersteller René van den Berg setzte für die südafrikanische Designerin „Erschreckend schön“ um: Ein Paar Schuhe für Frauen, die die erwartete Lage der Fersen und der Innensohle umkehrt.

Foto: Lyall Coburn

erschreckend schön


Impressum Nova Verlag GmbH, Krayenkamp 10–11, Eingang N 20459 Hamburg Herausgeber Marietta Duscher-Miehlich, Birte Püttjer Chefredaktion Marietta Duscher-Miehlich Redaktionelle mitwirkung Hiltrud Bontrup Art Direktion Hanna Tembrink, Kaja Paradiek Bildredaktion Susanne Dupont, Catarina Schmid Text Joachim Bessing, Andrea Diener, Amy Fallon, Sonja Fink, Theresa Huth, Dr. Bärbel Kerber, Nina Anika Klotz, Katja Kullmann, Gunthild Kupitz, Inge Kurtz, Nadine Lischick Bild Anne Ackermann, Brigitte Aiblinger, Markus Burke, Anne Eickenberg, Charlotte Schreiber, Maia Flore, Lee Materazzi, Kerstin Müller, Kevin Hayes, Flora P., Fred Hüning, Yvonne Schmedemann Illustration Laura Lünenbürger, Stephanie Wunderlich, Valero Doval Lithografie Yvonne Schmedemann Schlusskorrektur Gesche Seemann Vermarktung und Geschäftsführung Birte Püttjer Vertrieb DPV Deutscher Pressevertrieb Düsternstraße 1–3, D-20355 Hamburg Druck Möller Druck und Verlag GmbH Zeppelinstraße 6, 16356 Ahrensfelde OT Blumberg E-Mail redaktion@nova-magazin.de Website www.nova-magazin.de Bestellservice order@nova-magazin.de


Selbermachen

Das Schnittmuster sah so einfach aus. Klar reicht das handwerkliche Geschick aus, um einen Kinderkapuzenpulli zu nähen. Und dann, beim Einnähen der Ärmel, stellt man fest: Die Armlöcher sind zu groß. Und das unfertige Ding wandert zu dem halb fertig gestrickten Schal und der kaputten Lampe in die Abstellkammer, die auch schon seit Monaten darauf wartet, entrümpelt zu werden. Schließlich will man den nächsten Flohmarkt ganz bestimmt nicht wieder verpassen. Und so kommt ein neues Unerledigt auf die To-DoListe, die unbeachtet am Kühlschrank hängt, und gesellt sich zu den anderen aufgeschobenen Projekten: die dringend notwendige Putzaktion, die endlich den sich fleißig vermehren-

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den Wollmäusen zu Leibe rücken soll, der Platten im Fahrradreifen, der wieder Luft bekommen müsste, der Staub- und Fettgrind auf dem Küchenschrank, der ramponierte Kinderzimmer-Türrahmen, der sich über neues Weiß freuen würde. Und so wird die Liste immer länger, das schlechte Gewissen größer und trotzdem: Man kann sich einfach nicht aufraffen... Habt Ihr auch unvollendete Projekte, die immer wieder verschoben werden? Dann berichtet uns davon! Schickt uns ein kurz kommentiertes Foto von Eurer Baustelle! Die besten Beiträge werden dann auf unserer Website unter www.nova-magazin.de veröffentlicht.

Foto: susanne dupont

Achtung Baustelle!


NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...