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gesandten Zeilen wieder und wieder zu lesen. Die Fotos zu betrachten – selbst Videotelefonate: Als es sie noch nicht gab, stellte man sich das noch ganz großartig vor – in etwas so wie Laserstrahlen, die sich dann als weitaus weniger epochal herausgestellt haben. Es gibt da diesen einen Film von Rainer Werner Fassbinder – noch schlechter und hölzerner als alle anderen, in dem macht Eddie Constantine dauernd mit einem grotesk aussehenden Videofon herum, weil die Filmhandlung erkennbar aus der fernen Zukunft (vermutlich im Jahr 2000, dem Jahr des Laserstrahls!) erzählen soll –, jedenfalls wird in diesem

mit ihrer letzten nachricht hatte julia ein elastisches band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer flugbahn mit sich zog und zog Film natürlich nicht klar, worin das Problem der Videotelefoniererei bestehen wird: Man will den anderen auch anfassen können, sobald man ihn beim Sprechen sieht. Nicht jeden, klarerweise. Rainer Werner Fassbinder sogar auf keinen Fall! Aber Julia schon – viel und heftig. Wenn Skype also erst das Berührungstelefonat eingeführt haben wird – eventuell werden dann extreme LongDistance-Beziehungen wie die unsere dadurch erträglich gemacht. Erträglicher gemacht. [...] Mit ihrer letzten Nachricht hatte Julia ein elastisches Band an mir befestigt, das sie nun auf ihrer Flugbahn mit sich zog und zog. Das Band wurde haarfein und noch dünner ausgezogen, sodass es mich nie würde tragen können – in meinem Liegen wurde ich von der

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Angst gequält, dass dieses Band irgendwann reißen könnte. Die Zeit verging anders, was mir lang schien, waren doch bloß Minuten gewesen. Aber als es dämmerte, war ich vom plötzlichen Aufziehen des Abends überrascht. Und nicht bloß mein Zeitgefühl war verändert. In meinem Empfindarium hatte sich ein für mich lebenswichtiger Regler verstellt. Musik war für mich schon immer von immenser Bedeutung. Musik war stärker als Lesen und alles andere, meine insgeheime Leidenschaft, und ich verdanke dem Hören von Musik etliche als selig machende empfundene Stunden. Bis ich Julia traf, hörte ich am liebsten allein Musik. Anfangs stellte ich wie so viele Jungs gerne Kassetten zusammen, entweder für meinen Walkman, oder ich verschenkte sie an Mädchen, das kam allerdings nicht oft vor. Denn ich musste schon früh feststellen, dass die Mädchen, die ich verehrte, deren Geschmack ich in vielem teilte, leider nur Musik hörten, die ich wiederum grässlich fand. Es war eigentlich erst Julia – sie war die erste Frau mit ausgezeichnetem Musikgeschmack. Ausgezeichnet heißt in diesem Fall: identischer Geschmack. Mit Julia habe ich viel Musik gehört. Wir haben Tausende von Musikdateien ausgetauscht. Ich habe ihr Wiedergabelisten für das iPhone und für ihr iPad zusammengestellt. Musik war ein Kleber. Ganz, ganz wichtig für uns. [...] Es war schon beinahe wieder dunkel, da bekam ich die erste Nachricht von Julia. Die erste Zeile wurde mit in der Vorschau auf dem gleißend aufleuchtenden Display des Geräts angezeigt. Ich entsperrte den Bildschirm ohne hinzusehen, um mich an der gesamten Nachricht erfreuen zu können, ohne mir diese Freude schon im Vornherein gemindert zu haben, da ich den ersten Satz schon im Vorschaumodus gelesen hatte. Ich war ganz ruhig, äußerlich, doch in meinen Ohren sauste es, als sich

die gläserne Blase öffnete und ich sofort sah, dass es sich um eine Nachricht von erheblichem Umfang handelt. Sie rekapitulierte die Reise, beschrieb mir das Wetter, den Strand und die Stadt. Sie schrieb, dass sie sich in ein paar Tagen ausführlicher würde melden können, einstweilen gäbe es eine Menge herauszufinden, zu entdecken und tun. Ich sollte nicht traurig sein: Deine J Wie wenig doch von einem Menschen in seinen Zeilen steckt. Und dann ist es doch eine ganz schöne Menge, die er schafft herüberzubringen, zigtausend Kilometer mit ein paar Buchstaben, Punkt, Komma, Strich. Fix und fertig, das Telefon in der Hand, schlief ich ein. [...] Instagram wurde kostenlos vertrieben. Wie bei allen erfolgreichen Apps erschien das Geschäftsmodell der App-Programmierer schleierhaft (später, nach zwei Updates, verfestigte sich der Eindruck, hier würde Geld durch den Verkauf von Ortsdaten gemacht). Innerhalb eines Monats luden sich über hunderttausend Menschen die App herunter. Nicht allzu viele davon werden das Programm als privates Kommunikationsmittel benutzt haben. Aber unser Austausch gewann durch Instagram eine ungeahnt tief gehende Qualität. Nun war ja Julia der Philosoph von uns beiden. Und ich hätte sie wohl fragen können, warum dem so war; warum das Kommunizieren durch Bilder noch ergreifender und bindender wirkte als eines mit Worten allein. Ich denke: es lag daran, dass es von Vertrauen zeugte. Dass wir mittlerweile eine Vertrautheit erreicht hatten, in der wir nicht mehr alles mit Worten erklären mussten. Ein zunehmender Teil unserer Weltsicht war als übereinstimmend erkannt worden und wir konnten es nun wagen, uns mit unkommentierten Bildern zu konfrontieren – der jeweils andere wusste schon, was damit gemeint war. Und dennoch: wie unbeschreiblich

groß noch bei jedem Mal dann die Freude war, wenn man sich tatsächlich verstanden fand! Prinzipiell musste es diese Furcht des Nichtverstandenwerdens auch bei rein schriftlichem Austausch geben. Und am Anfang war das auch manchmal vorgekommen: Missverständnisse, Zerwürfnisse. Irgendwann (aber eben nie absehbar) auch wieder die Erleichterung, dass es ja alles nicht so schlimm gewesen war wie gedacht. Im Gegenteil: der andere war nicht nur in etwa, sondern glücklicherweise genauso wie gewünscht! Aber die Schrift war eben auch ein Instrument, die Begriffe hatten etwas von Pinzetten, und Bilder, keine Ahnung, ob das gehirnlich stimmig ausgedrückt war: Bilder waren primäres Ausdrucksmittel. Nicht im Sinne einer Denksprache, aber: minimal zugerichtet. Da steckten Gefühle, Gedanken, Sinneseindrücke – in den Bildern, die sie für mich machte, steckte Julia für mich drin. Besonders schön, in einem Sinne der Wirksamkeit fanden wir beide die subtilen Selbstporträts. Es waren dies Fotos, deren vordergründiges Motiv in etwas Gegenständlichem zu bestehen schien. Das hatten Dinge zu sein, deren Oberfläche aus glänzenden Materialien bestanden, zumindest aber schimmernd oder sonst wie reflektierend waren. Bei genauem Hinsehen war dann entweder im Anschnitt, oder dominierend der jeweils Fotografierende, waren dort also Julia oder ich selbst zu entdecken. Sowie das iPhone, mit dem die Aufnahme gemacht worden war. Um die Wirkung solcher subtilen Selbstporträts zu optimieren, musste man im Moment des Auslösens das Agapornidenauge des iPhones im Spiegelbild fixieren. Dann ergab sich für den Betrachter des Fotos der schöne Eindruck, man schaue ihm, aus dem Spiegelbild heraus, in die Augen. Julia hatte mir von Anfang an ihre Meisterschaft in der Kunst des subtilen Selbstporträts de-

monstriert. Ich fragte mich, ob sie das verwickelte Wesen unserer Beziehung nach der Komposition dieser Selbstporträts formte oder ob diese Porträts eine visuelle Geheimsprache ergaben – oder eine Mixtur aus beidem, oder doch um-

stendhals abguss einer hand méthildes war ein vergleichsweise schwaches tool hinsichtlich dessen, was eine solide datenleitung im verbund mit geeigneten geräten an tröstendem zu leisten vermag gekehrt? Mit jedem neuen Foto aus Julias – ja: Seele, das beim Öffnen von Instagram erschien, wurde mir das, wurde mir unsere innige Verbundenheit vor Augen geführt. Zwar hatten wir uns so ziemlich von Anfang an auch gegenseitig Fotos geschickt, unter anderem war meine Sammlung der Buchstaben J so entstanden, doch war ein Austausch von Bilddateien über E-Mails nicht dasselbe. In E-Mails verschickte Bilder musste man speichern, musste sich sogar einen Ordner dafür anlegen und dergleichen. Darin lagen sie dann getrennt vom ebenfalls mit der E-Mail verschickten wörtlichen Inhalt. Dieses bürokratische Emp-

fangen und Speichern und Ablegen wurde aber der Sache nicht gerecht, die ja Liebe, die Leidenschaft war. Instagram hingegen wurde für uns zu einem Ort. Zu einem portablen Ort. Nur für uns beide. Es wuchs dort Bild auf Bild, Zeile unter Zeile: ein neuer bewohnbarer Teil unserer Welt. [...] Wenn wir uns schrieben, wenn wir unsere Fotos auf Instagram kommentierten, verwendeten wir die Anrede allenfalls akzentuierend. Es war doch klar, an wen man sich wandte. Das wurde wie Sprechen. Unter die sonnige Aufnahme eines unspektakulären Wipfels schrieb sie: Ich wollte dir das Licht kommunizieren. In manchen Zeilen lag die gesamte Person. Einmal, in der Welt vor dem Großen Wasser, war ich auch auf Reisen gewesen, da war Julia mit ihrem Schlüssel in meine Wohnung gegangen und wir hatten über mein MacBook ein Videogespräch über Skype geführt. Das war unheimlich intim. Wirklich unheimlich. Ich ließ mir Dateien schicken von ihr zum Beweis, dass Zeit, Ort und sie wirklich eins waren. Es ging die ganze Nacht. Dazwischen schliefen wir ein vor Erschöpfung, ließen die Monitore und Kameras aber laufen. Ich erwachte einige Augenblicke vor ihr. Mein Bildschirm war erfüllt von ihrem schlafenden Gesicht. Stendhals Abguss einer Hand Métildes war ein vergleichsweise schwaches Tool hinsichtlich dessen, was eine solide Datenleitung im Verbund mit geeigneten Geräten an Tröstendem zu leisten vermag.

Joachim Bessing , geboren am 26. Juni 1970, ist Autor mehrerer Bücher. „Untitled“ ist sein zweiter Roman. Der ehemalige Modejournalist verarbeitet darin die Arbeit als weltreisende Edelfeder des Fashion-Business, die Zeit im Axel-Springer-Hochhaus und eine fulminante Love-Story. Er lebt in Addis Abeba. Untitled von Joachim Bessing ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, 304 Seiten gebunden, 19,99 Euro © 2013 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

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