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Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden

Schamhaft ist heute fast schon so schlimm wie schüchtern. In unserer Gesellschaft der prestigebewussten Selbstdarsteller haben wir die Scham längst aussortiert. Dann, plötzlich passiert es. Das eigene Kind schließt sich im Badezimmer ein, will sich nicht mehr nackt zeigen. Und schon ertappen sich Vater oder Mutter bei dem Gedanken „Huch, mein Kind ist prüde! Was hab ich falsch gemacht?” Dabei ist es nur eine Entwicklung am Beginn der Pubertät, in der es vor allem darum geht, Grenzen zu ziehen zwischen sich und den anderen und darum, herauszufinden, wer man selbst ist. Wollen dann dieselben Kinder kurze Zeit später mit tief dekolletiertem Shirt und pobackenzeigenden Shorts das Haus verlassen, pfeifen dieselben Eltern diese zurück, weil ein solch “schamloses Outfit” als unschicklich gilt. Obwohl es doch auch hier nur um einen weiteren Teil der Entwicklung zum Erwachsenen geht, nämlich dem Ausprobieren der eigenen Wirkung auf andere.

in unserer gesellschaft der prestigebewussten selbstdarsteller haben wir die scham längst aussortiert Was ist das eigentlich mit dem Schamgefühl? Wie wichtig ist es heutzutage, wo wir uns von Tabus ungern einengen lassen. Ist Scham eigentlich auch zu etwas nütze? Irgendwie hat das mit dem Schamgefühl ja einen total altbackenen Beigeschmack. Wer will heute schon etwas von Scham hören? Wer sich für etwas schämt, gilt als spröde. Wer freizügig ist, wirkt faszinierend und anziehend. Wir trimmen uns die schönsten Schamhaarfrisuren und reden ganz unverkrampft beim Frühstück mit Freunden darüber, wer wie unten aussieht. Und wer ganz lässig ist, geht gänzlich „ohne“ und rasiert gleich alles ab. Aber gefallen wir uns mit dem Kahlschlag wirklich besser? Am Ende haben uns diesen Trend nur die leicht verfügbaren Bilder der Internetpornografie eingeflüstert. Heute schämen wir uns nicht mehr,

wenn wir nackt sind, sondern wenn wir nackt und dabei nicht rasiert sind. Jeder Gang zum Frauenarzt oder in die Sauna bedarf der Vorbereitung – oder zumindest dem „Alles haarfrei?”-Schnellcheck der eigenen “private parts”. „Scham entsteht da, wo ich glaube, anders zu sein, nicht mithalten zu können“, sieht das Claudia Haarmann, die für ihr Buch „Unten rum – Die Scham ist nicht vorbei“ Interviews mit Frauen im Alter zwischen 20 und 70 geführt hat – und damit viel dazu beiträgt, dass wir unsere eigene, oft unbewusste und gut versteckte Scham überhaupt wahrnehmen: „Wir schämen uns, weil wir zu dick oder zu dünn sind. Wir schämen uns über unseren Busen: zu klein, zu groß, zu hängend. Wir schämen uns über zu große oder zu kleine Lustlippen (wie Haarmann die Schamlippen umgetauft hat). Wir schämen uns für unseren ‚unvollkommenen‘ Körper.“ Der nackte Körper ist immer wichtiger geworden. Table-dancende Fünfjährige konkurrieren heute mit für den Playboy blankzihenden Schauspielerinnen im Best-Ager-Alter um Sexyness. Irgendwie ist uns das Gefühl dafür, was geht und was nicht, verloren gegangen. Woher rührt die Irritation? Die Konsum- und Werbewelt hat uns eine Sexualisierung von Mädchen und jungen Frauen beschert, die uns bei Lichte betrachtet doch eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Knappst betucht, die Beine breit, lasziv den Mund geöffnet: So scheint sich – ganz egal, ob nun Parfum, Handtaschen, Lipgloss oder Jeans – einfach alles gut zu verkaufen. Die Weisheit „Sex sells” ist alt, neu hingegen ist, dass dies auch für unsere Jüngsten gilt. String-Tangas für Mädchen bei H&M, Make-Up für Siebenund Achtjährige, Miniröcke und High Heels für Neunjährige. Bei YouTube kursieren Videos, in dem bereits Sechsjährige Schminktipps geben. „So sexy so soon” – der Buchtitel eines Bestsellers aus den USA spricht Bände und muss erst gar nicht weiter erklärt werden, weil jeder sofort weiß, worum es geht. Wieso goutieren wir das? Sexysein, das scheint uns verdammt wichtig geworden. Und wir hinterfra-

gen das nicht. Wer das tut, kommt in den Verdacht, verklemmt und spießig zu sein. Und das ist wieder sowas von uncool. Ach Coolness... Wir feiern die neue Lässigkeit im Umgang mit unserer freizügigen Selbstdarstellung als Befreiung. Meinen wir wirklich, dies wäre ein Akt der weiblichen Emanzipation? Vorsicht, Missverständnis! So müsste es von allen Werbeplakaten rufen. Denn diese stehen für die immer rücksichtslosere sexistische Besetzung des weiblichen Körpers. In unserer Medien- und Konsumwelt boomt die Zahl der Botschaften, die ein heillos rückständiges Frauenbild befördern. Und wir glauben tatsächlich weiter daran, wir seien ja ach so selbstbestimmt? Eifrig streben wir nach der Optimierung unserer Körper. Makellosigkeit ist uns längst als neues Ideal in die DNA übergegangen. Denn die Öffentlichkeit kennt keine Gnade vor Falten, Schlaffem und Unperfektem. Merkwürdigerweise kehrt mit dem Schönheitswahn und seiner erbarmungslosen Perfektion plötzlich die Scham zur Nacktheit zurück. Weil viele sich nun für ihren Körper schämen, der nicht den neuen Maßstäben standhält. Kein Wunder, dass wir uns beim Sex nicht mehr einfach hingeben können, sondern ständig selbst beobachten, um ja nicht in eine un­vor­ teilhafte Stellung zu kommen, die möglicherweise unsere Cellulite an den Beinen oder Pölsterchen am Bauch zeigt. Naomi Wolf hat schon 1991 in „Der Mythos Schönheit“ darauf aufmerksam gemacht, wie der Spaß am Sex und das Gefühl, begehrenswert zu sein, bei Frauen merklich geringer geworden ist. Sex und Scham sind ohnehin ein schwieriges Paar. Wer möchte schon Spießersex bei zugezogenen Vorhängen und in der Missionarsstellung vollziehen. Lustvoll schamlos sein ist etwas Berechtigtes, Schönes und anderes als peinlich schamlos zu sein. Das eine vollzieht sich in der Regel im Privaten und zeugt von einer Hoheit über unseren Körper. Das andere passiert meist in der Öffentlichkeit – und ist deshalb noch peinlicher als peinlich. Es wird Zeit, dass wir unterschei­ den lernen zwischen Anpassungsdruck und einem sinnlichen, selbstbewussten

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