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Die Ökonomie der beziehung Text: Hiltrud Bontrup Illustration: stephanie wunderlich

Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Gilt das wirtschaftliche Prinzip auch bei Paaren? Hiltrud Bontrup ist der Meinung: Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.

Franka könnte schreien vor Glück. Er hat Ja gesagt. Sie jubelt nicht, jedenfalls nicht in Gregors Gegenwart. Sie weiß, er tut es ihr zuliebe. Aber sie grinst. Es ist nicht nur die Freude auf das Haus mit Garten. Es ist ein Siegergrinsen. Sie hat sich durchgesetzt. Endlich. Zwei Jahre hat sie ihn bearbeitet: Sie würden die Sonne im Garten genießen, all das Grün. Bestimmt wohnen am Stadtrand auch relaxte Leute. Und sie ziehen doch sowieso nicht mehr ständig durch die Clubs. Zwei Jahre Diskussionen, Streit und Tränen. „Wenn es dir wirklich so wichtig ist“, sagte er plötzlich. Es war ganz still an ihrem Tisch gewesen. Seit zehn Minuten hatte keiner was gesagt. Er kaute sein Brötchen und starrte vor sich hin. Sie dachte an die Margeriten auf dem Balkon. Ein Kirschbaum wäre schöner. Aber noch mal davon anfangen? Sie traute sich nicht mehr, seit er letztens explodiert war. „Ich will kein Wort mehr davon hören!“ Seitdem schwieg sie, worüber sonst auch reden? Doch jetzt – gewonnen! Und verloren. Wenn Franka sich durchsetzt, zahlt sie einen Preis. So will es die Ökonomie der Liebe. Wer etwas bekommt, muss auch etwas geben. Wer den

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anderen niederringt, den eigenen Willen durchboxt, der mag sich überlegen fühlen. Vielleicht ist er sogar im Recht, ganz objektiv gesehen. Den anderen selbst aber wird er verlieren, mit jedem Sieg ein Stückchen. Ein Stück Loyalität, ein Stück Vertrautheit, ein Stück Liebe.

am ende sind es nicht selten die starken, die hintergangen und verlassen werden Du kriegst das Haus – was kriege ich? Wer immer mittendrin stecken wollte im prallen Leben, die nächste Bar nie mehr als zehn Minuten entfernt, der opfert ein Lebensideal. Doch nicht umsonst und nicht für selbstgebackenen Kuchen auf der Terrasse. Wer sich in seinen Werten und Wünschen so beschneiden lässt, sucht irgendwann den Ausgleich. Selbstbestimmung ist die Währung. Dann geht Gregor mit Nele, der neuen Kollegin, nach der Arbeit noch in seine Lieblingskneipe. Franka hat ja ihr Haus.

Das war ihr ja so wichtig. Und Gregor ist jetzt auch was wichtig: Das Gefühl, selbst nicht zu kurz zu kommen. Hat er nicht jedes Recht dazu? Sie müssen einem nicht leid tun, die Schwachen, die in Beziehungen immer unterliegen. Sie gehen den leichteren Weg: weniger Kampf, mehr Alleingang. Klar kostet es Kraft gegenzuhalten, Wünsche auszuschlagen, eine harte Kante zu ziehen. Klar kostet es Mut, Nein zu sagen und den anderen zu enttäuschen. Es ist viel einfacher, nachzugeben und heimlich Vergeltung zu genießen. Es hat nur eine Konsequenz: Die Schnittmenge zweier Leben wird kleiner. Die Kluft wird größer. Mit jeder kleinen Rache schrumpft der Respekt voreinander ein wenig mehr. Am Ende sind es nicht selten die Starken, die hintergangen und verlassen werden. Dabei richten sie doch alles perfekt ein. Das Haus mit Garten, die Familie, in der jeder seine Rolle spielt. Den Liebsten, der sich so willig dareinfindet, dass er alleine kaum noch lebensfähig scheint. Nur dass es so nicht funktioniert. Wer einen Menschen wirklich liebt, muss dankbar sein, wenn der ihm Wünsche abschlägt.

NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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