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auf fremden füSSen brief: Rahel levin-varnhagen von Ense

An Rose Asser, im Haag

Frauenleben im 19. Jahrhundert: Rahel Levin-Varnhagen von Ense, eine geniale Denkerin zwischen Anpassung und Selbstbestimmung

Rahel Levin-Varnhagen von Ense wurde am 26. Mai 1771 in Berlin als ältestes Kind des Kaufmann Markus Levin geboren. Die Familie gehörte zu den „Schutzjuden“ Friedrichs II.; es ist die erste Phase der Judenemanzipation in Preußen. Rahel hatte entsprechend der Erziehung jüdischer Mädchen keine Schulbildung erhalten, sie bildete sich selbst durch Lesen, Gespräche und „Selbstdenken“. In ihrer kleinen Dachstube eröffnete sie Ende des Jahrhunderts ihren ersten Salon, in dem viele Intellektuelle und Künstler Berlins und Mitglieder des Hochadels verkehrten. Trotz dieses Erfolges litt sie ihr ganzes Leben darunter, als Jüdin Außenseiterin in der Gesellschaft zu sein. Finanziell war sie von ihren Brüdern abhängig. Ihre Verlobung mit dem preußischen Adligen Karl Graf Finkenstein zerbrach

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zu Rahels Verzweiflung an der Verschiedenheit ihrer Veranlagung und noch mehr ihrer Herkunft; sie war eine arme Jüdin für seine gräfliche Familie, er ein „Krautjunker“ in ihrem Salon. Ihre leidenschaftliche Beziehung zu dem ihr ebenfalls geistig unterlegenen spanischen Adligen Don Raphael d’Urquijo endete ebenfalls in Trennung. Mit dem Einmarsch Napoleons in Berlin 1806 löste sich ihr erster Salon auf. 1814 ließ sie sich taufen und heiratete den vierzehn Jahre jüngeren August Varnhagen von Ense, der sie verehrte und zur Kultfigur stilisierte. Durch ihn bekam sie endlich einen sicheren bürgerlichen Status. Sie war eine Gegnerin der Restauration und forderte die politische und formal-rechtliche Gleichstellung der Frauen. Rahel starb am 7. März 1833 in Berlin.

Karlsruhe, Freitag den 22. Januar 1819 Mittag 12 Uhr. Warmes Regenwetter

Teuerste Herzensrose!

Wie hat es mich gekränkt, daß dein so erwünschter Aufenthalt in Brüssel so unglücklich und quälend gestört war! [...] Mache dir auch Zerstreuung, bei deiner Eselsmilch: d.h. geh an Orte, wo neue Gegenstände, Worte und Menschen dich berühren, dir Blut, Leben, Nerven und Gedanken auffrischen. Wir Frauen haben dies doppelt nötig; indessen der Männer Beschäftigung wenigstens in ihren eignen Augen auch Geschäfte sind, die sie für wichtig halten müssen, in deren Ausübung ihre Ambition sich schmeichelt; worin sie ein Weiterkommen sehen, in welcher sie durch Menschenverkehr schon bewegt werden: wenn wir nur immer herabziehende, die kleinen Ausgaben und Einrichtungen, die sich ganz nach der Männer Stand beziehen müssen, Stückelein vor uns haben. Es ist Menschenkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sei anders und zu anderen Bedürfnissen konstituiert und wir könnten z. E. von des Mannes oder Sohns Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, dass ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres kennte als grade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt: oder die Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe, schon bloß als solche, der höchste menschliche Zustand: so aber ist es nicht: und man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen; fügt sich ihnen; macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten Beschäftigung: aber erfüllen, erholen, uns ausruhen, zu fernerer Tätigkeit und Tragen, können die uns nicht; oder auf unser ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund des vielen Frivolen, was man bei Weibern sieht und zu sehen glaubt: sie haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre, jeder Versuch, jeder Wunsch, den unna­ türlichen Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt; oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten. Darum musst du und ich ein wenig angefrischt werden! [...]

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NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

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