Page 79

dossier

dossier

überall potenziale, unausgeschöpfte potenziale. und welche davon nutzt man? welche entwickelt man weiter? tet. Was auch immer man haben will, man findet jemanden, der es schon hat, damit man ihn darum beneiden kann. Das macht einen ziemlich schnell ziemlich unzufrieden. Egal wie man es dreht und wendet, immer läuft es auf die eine Frage hinaus: Habe ich mich damals richtig entschieden? Mache ich das Richtige? Ist es das, was wirklich zu mir passt? Ich hatte einmal so viele Möglichkeiten, ich hätte Försterin werden können, Kampfpilotin, Rettungsschwimmerin, ich hätte Agrarwissenschaften studieren oder eine Lehre als Bankkauffrau machen können, ich hätte früher von zu Hause ausziehen können und wäre vielleicht selbständiger geworden, oder ich hätte später ausziehen können und viel Geld gespart. Ich hätte mich von vielen Männern fernhalten können, von denen ich wusste, dass ich auf deren Masche immer wieder hereinfalle. Ich hätte können, aber wollen hab ich mich damals nicht getraut. Damals. Damals war noch so viel möglich, denn wenn man jung ist, den Schulabschluss frisch ergattert hat, dann steht einem die Welt offen, überall Potenziale, unausgeschöpfte Potenziale, und welche davon nutzt man? Welche entwickelt man weiter? Das Falsche, immer das Falsche. Weil man hinterher immer klüger ist. Heute weiß ich: Ich hätte mich nicht dauernd verunsichern lassen sollen. Hätte lieber mehr dicke

078 nova JetztZeit

Bücher lesen sollen anstatt eine Karriere als Illustratorin zu verfolgen. Hätte nicht dauernd mit meinem Dasein hadern sollen, sondern entspannt ein, zwei Jährchen abwarten, weil es sich im Nachhinein doch alles geklärt hat. Hinterher bastelt man sich nämlich sowieso einen Sinn zurecht. Irgendwie bekommt man dann auch die biografischen Umwege da hineinintegriert und verleiht ihnen Bedeutung. Ohne meine Umwege wäre ich vielleicht nicht so geworden wie ich bin, sage ich mir dann und fühle mich sofort ein wenig beruhigt. Es ist ja schließlich so: Jahrhundertelang hatten Frauen wenig Möglichkeiten. Waren Mütter oder alte Jungfern oder gingen ins Kloster, viel mehr blieb nicht. Aßen erschreckend viel Haferbrei und fragten nicht groß, was sie hätten machen sollen, sondern fügten sich ins Unausweichliche. Noch das Leben meiner Eltern lief wie auf Schienen. Schienen mit sehr wenigen Weichen. Heute ist nichts mehr unausweichlich, man kann fast allem irgendwie ausweichen, fragt sich nur in welche Richtung, und kaum hat man eine Richtung eingeschlagen, beginnt man sich auch schon zu fragen, ob es die richtige war. Möchte am liebsten wieder zurück, hält sich mit Händen und Füßen alle möglichen Türen auf, will sich nicht festlegen. Oder anders gesagt: Will sich nicht entscheiden, denn entscheiden bedeutet, sich für eine Sache zu entscheiden

und sich von einer anderen zu verabschieden, und scheiden tut bekanntlich weh. Macht’s gut, ihr Möglichkeiten, bye bye, es war schön mit euch. Auf die Gegenwart folgt immer eine Zukunft, ständig, jede Sekunde passiert das, tick, tick, beim nächsten Komma sind sie fünf Sekunden älter, und jedesmal, wenn man sich umentscheidet, gestaltet man die Zukunft um. Das ist prinzipiell gut, die Zukunft zu gestalten, sonst bleibt man passiv, lässt einfach alles an sich vorbeiziehen. Wer will das schon? Niemand will passiv sein. Das Leben soll nicht an einem vorbeirauschen. Und so setzt man sich ganz schön unter Druck, seine Gegenwart danach auszurichten, dass eine möglichst strahlende Zukunft folgen kann. Ständige Gegenwartsoptimierung für das Versprechen, dass irgendwann alles besser wird. Andererseits: Diese Gegenwart, jetzt, das ist im Moment die einzige, die ich habe. Und das, worin ich

lebe. Mein Schreibtisch, meine Wohnung, mein Leben. Jetzt, hier, um mich herum. Mit zunehmendem Alter werden die Strukturen fester, die Potenziale weniger, Möglichkeiten fallen weg. Besser, ich gewöhne mich daran. Besser, ich setze mir ein paar Ziele, die ich auch erreichen kann, und bloß nicht zu viele Ziele. Besser, ich versuche mit dem Leben zurechtzukommen, das ich habe, und fange kein neues an. Brauche ich einen neuen Schreibtisch, eine neue Wohnung, ein neues Leben? Wirklich? Nein. Es ist einfach nur schön, mir vorzustellen, wie es wäre. Ein Gedankenspiel, eine Übung in Vorstellungskraft. Mich selbst kann ich ja ohnehin nicht groß ändern. Und so wie ich mich kenne, kommt immer – egal, was ich mache, egal, wo ich bin – mit dem Durchatmen auch das Denken. Wenn alles nicht hilft, dann kann ich ja auch immer noch nach Südengland auswandern.

andrea diener wurde in Frankfurt am Main geboren, studierte Anglistik und Kunstgeschichte und geriet von dort aus via Weblog in den Journalismus. Sie schreibt heute für das Reiseblatt der FAZ, reist, fotografiert und ist viel im Internet unterwegs. In ihrem NetzTagebuch http://gig.antville.org hält sie ihre „Reisenotizen aus der Realität“ fest.

JetztZeit nova

079

NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

Advertisement