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In der Multioptionsfalle Text: Andrea Diener

Ob im Job oder Privaten: Die Vielfalt der Möglichkeiten macht uns verrückt. Wir leben in einem ständigen Konjunktiv des „Ich könnte“ und „Ich sollte“. Die Qual der Wahl, sie ist für uns Alltag geworden.

Nein, das Leben ist kein Fertiggericht. Es ist eher ein Mit dem Durchatmen aber kommt das Denken. Mit kaltes Buffet, von dem man unmöglich alles probie- dem Wochenende, mit dem Urlaub, mit dem Feierren kann. Dass ich eingelegte Artischockenherzen abend, hinterrücks attackieren einen ungewollte nicht mag, weiß ich, ich mag lieber Fisch, davon will Hirnaktivitäten. Plötzlich kommt man zu Bewusstich unbedingt etwas nehmen, aber der Menschen- sein, wie nach einem langen Koma, taucht auf, pulk davor schreckt mich ab. Fisch ist hart um- schnappt nach Luft und schaut sich um: Wo bin ich kämpft. Ich wende mich also dem hier eigentlich, was mach ich hier eiSalat zu, neben dem stehe ich zufäl- man kleidet sich mit gentlich? Man kocht Kaffee, duscht lig gerade, und praktischerweise lebensmodellen an und fragt sich: Wie bin ich hineingescheint er nicht sehr begehrt. Ich raten in diese Wohnung, in diese Bewie eine papierpuppe: häufe gerade grüne Blätter auf den ziehung, in dieses Leben? Hab ich Vielleicht wäre Teller, da sehe ich das Chicken Tanmich jemals dafür entschieden? Hat anders alles doch doori. Ich will Chicken Tandoori, mich überhaupt mal jemand gefragt? viel besser aber bloß nicht zuviel, das macht Vielleicht neigt man zur Larmoyanz satt und ich will später noch vom und heult: Nie fragt mich einer. Fisch probieren und außerdem die Desserts. Die sind Manchmal, wenn man nichts Besseres zu tun hat, alle heftig, Mousse au Chocolat und Panna cotta, fängt man auch an, sich Paralleluniversien auszumadas muss ich schon mal einplanen, aber erst... Halt, len: Ich mit Kind, ich ohne Kind, ich verheiratet mit der Fischpulk lichtet sich, schnell rüber, ach Mist, der Jugendliebe, ich mit Studium, ich ohne Studium, nur noch Aal übrig. Also doch Salat. So geht das die ich ausgewandert in ein Cottage in Südengland. Kleiganze Zeit. det sich mit Lebensmodellen an wie eine PapierpupMan kann sich natürlich auch gut und gerne mit pe: Vielleicht wäre anders alles doch viel besser. Vielanderen Dingen ablenken. Wenn man in der Tret- leicht wäre ich in Südengland mehr ich selbst, noch mühle steckt, damit beschäftigt ist die Tage abzuha- ichiger, am ichigsten. Es heißt ja immer, dass man zu ken, dann merkt man es nicht. Denkt nicht darüber sich selbst kommen soll, aber dann? Soll man dann nach, was alles sein könnte, denn das, wo man gera- da bleiben, einfach stehenbleiben und froh sein, dass de drinsteckt, ist einem ohnehin schon zu viel. Man man sich gefunden hat? ist froh, regelmäßig in der Betriebskantine seine Es gibt viele Möglichkeiten, mit seinem Dasein zu Nahrungsversorgung sichern zu können und ausrei- hadern, aber die verletzendste und unfruchtbarste ist chend zu schlafen. Man nimmt die Zeit eigentlich die, sich mit anderen zu vergleichen: Meine Freundin nur noch wahr, weil man regelmäßig den Terminka- ist genauso alt wie ich und leitet schon ein Büro. Meilender umblättern muss und das Geld auf dem Kon- ne Schwester ist jünger und verdient viel besser als to auf- und abschwillt. ich. Alle aus meiner alten Klasse sind schon verheira-

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NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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