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weniger ist mehr interview: Theresa Huth

Tanja Diezmann, Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste in Bremen, geht eher kritisch mit digitalen Medien um. Als Gründerin des Interaction Labs lehrt und forscht sie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Wir sprachen mit ihr über ihre Ideen zur Entschleunigung.

nova: Frau Diezmann, Ihre erste Lehrveranstaltung hieß: „Weniger ist mehr – Back on Focus“. Was hat Sie dazu gebracht? Tanja Diezmann: Durch die Informationsüberflutung vertieft man sich nicht mehr in Inhalte, konzentriert sich nicht mehr auf die Dinge, die einem als Mensch langfristig etwas bringen, sondern nimmt Häppchen auf, die am nächsten Tag bereits wieder vergessen sind. Die Frage an die Studenten war: Wie bewegt man die Menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? nova: Ihr Student Lorenz Potthast hat hier den „Entschleuniger-Helm“ entwickelt. Wie funktioniert der? Tanja Diezmann: Dieser rundherum geschlossene Metallhelm ist mit einer Kamera ausgestattet, die auf eine Brille im Inneren des Helmes das überträgt, was um den Träger herum passiert – allerdings verlangsamt. Der Träger sieht also immer die Vergangenheit: Kommt ihm beispielsweise jemand entgegen, dann sieht er die Person erst, wenn sie schon längt an ihm vorbeigegangen ist. nova: Und wie kommt man dadurch zum „Weniger“? Tanja Diezmann: Man fängt an, sich auf Dinge zu kon-

zentrieren, die selbst langsam sind, weil man die sehr gut wahrnehmen kann. Beispielsweise darauf, ein Buch zu lesen, weil es auch 30 Sekunden später noch auf dem Schoß liegt. Dinge, die schnell passieren, bringen einem dagegen nichts, denn die sind ja schon vorbei, wenn man sie sieht. Viele Echtzeiterfahrungen kann man da nicht mehr machen. Dadurch entschleunigt man. nova: Wie entschleunigen Sie sich selbst? Tanja Diezmann: Durch die bewusste Reduktion von

Dingen, Aktivitäten und Interaktion und vor allem durch die Konzentration auf Ausgewähltes. Oder ich mache einfach Urlaub im Ausland ohne Daten-Roaming. Das klappt am besten.

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nova JetztZeit

nova: Das Internet bietet schier unendliche Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die unser Leben mittlerweile ganz schön durchdringen und uns viel Zeit rauben. Tanja Diezmann: Ja, bislang fehlen die richtigen Zugriffsstrukturen, die einen effektiven, vorausschauenden Zugang zu Informationen ermöglichen. Bei einer Onlinesuche sehe ich erst, welche der gefundenen Seiten relevant sind, wenn ich auf den entsprechenden Seiten den Inhalt gelesen habe. Es gibt kein Instrument, das mir bereits vorher zeigt, worum es auf der Seite wirklich geht und ob es sich lohnt sie anzuklicken. Das ist wie Topfschlagen mit Sucheingabefeld. Es dauert teilweise sehr lange, bis man das Passende gefunden hat und es passiert oft, dass man sich unfokussiert treiben lässt und von einem Informationshäppchen zum nächsten kommt. Ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd. Und plötzlich stellt man fest: „Eigentlich wollte ich doch was ganz anderes“. Dabei versickert das, was man unterwegs gelesen hat, einfach. So wird das Ganze mehr zur Zeitverschwendung als zur Informationsbeschaffung. nova: Was wäre eine denkbare Lösung dafür? Tanja Diezmann: Wenn Browser die Information vorab

einschätzbar präsentieren würden. Wenn ich bei den Suchergebnissen beispielsweise eine Inhaltsangabe der gefundenen Seiten angezeigt bekäme. Oder wenn ich sehe, wann und wo die Information ins Netz gestellt wurde, wer der Sender ist, wie umfangreich der Text ist und in welchem Kontext er steht. All das könnte visuell auf einen Blick dargestellt werden. An solchen Ideen forsche ich. nova: Haben Sie eine Strategie, wie man schon jetzt

besser mit den vielen Optionen im Internet klarkommen kann? Tanja Diezmann: Nein, leider nicht. Mir passiert es

wie bewegt man die menschen dazu, weniger zu konsumieren und mehr zu fokussieren? selbst, dass ich mich im Nirwana des Internets verliere. Wichtig ist, dass einem bewusst wird, wie sehr man davon vereinnahmt wird – auch von den vielen Kommunikationsmöglichkeiten. Diesen Punkt habe ich mit den Studenten im Seminar „Weniger ist mehr“ bearbeitet. Eine Idee des Studenten Lennart Hespenheide war zum Beispiel ein interaktiver Hocker, der anfängt zu vibrieren, wenn man zu lange vor dem Rechner sitzt. Es ging darum, Arbeiten zu entwerfen, die Menschen dazu bringen, sich wieder mehr auf eine Sache zu konzentrieren, als unablässig durch die Multioptionalität zu flanieren. nova: Was würde uns Gas vom Pedal nehmen lassen? Tanja Diezmann: Ein einfacheres Leben mit weniger Ge-

genständen, weniger Verpflichtungen, weniger Informationen und Kommunikation, mit weniger von allem würde der Gesellschaft mehr Zeit zum Reflektieren, Fokussieren und verantwortlichen Handeln geben. nova: Eine schöne Vorstellung! Wann werden wir Ihre Produkte zur Verlangsamung kaufen können? Tanja Diezmann: Ich würde mich freuen, wenn es zu Kooperationen mit Firmen käme, mit denen man gemeinsam derartige Ideen entwickeln könnte. Für diesen Zweck plane ich ein Utopie-Lab, für das ich gerade Partner akquiriere.

Tanja Diezmann , geboren 1969, war nach ihrem Studium der visuellen Gestaltung in Schwäbisch Gmünd Creative Director bei der Multimediaagentur Pixelpark, bevor sie 1998 als Professorin für Interface Design an die Hochschule Anhalt in Dessau berufen wurde. Nach ihrer zweijährigen Tätigkeit als Director of Interaction Design am Art Center College of Design in Pasadena, USA, lehrt sie seit 2011 als Professorin für Interaction Design an der Hochschule für Künste, Bremen. Seit 2000 führt sie ihr eigenes Design Studio: die pReview digital design GmbH in Berlin.

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