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zurück auf los Text: Mariet ta Duscher-Miehlich

Wie wäre es, alles hinter sich zu lassen? Sein Leben auf Null zu stellen und noch mal ganz neu anzufangen? Alle Optionen zu ergreifen, die sich einem bieten? Anja Beyer hat es getan. Mit 36 hat sie den kompletten Neustart gewagt – mit einer neuen Ausbildung, einem neuen Beruf, einem neuen Wohnort und einer Frau als Lebenspartnerin.

Gelächter, Geplapper, Schnittchen, die in den Mün- kauft hat sie ihn in dem kleinen Bistro ums Eck in dern hoher Marketing-Tiere verschwinden – all das Berlin-Moabit, wo sie mittlerweile wohnt. In diesem widert sie an. Weil sie die Mäuler an schnappende klassizistischen Haus des vorigen Jahrhunderts, dem Krokodile erinnern, die nach Geld stinken, viel Geld. man seine schmucke Fassade nach dem Krieg abgeIhr Blick wendet sich ab, zur Rennschlagen und damit gesichtslos bahn hin, auf der edle Vollblüter ihre gemacht hat und wo sich gleich gedas war Runden traben, immer im Kreis, genüber die Betonbrücke einer ein schleichender rundherum. Sie nippt an ihrem OranSchnellstraße spannt. prozess, hat gensaft, der trotz der Premium-MarKurz nach der Wende, 1991, geht viele jahre gedauert, ke irgendwie schal schmeckt, zupft an die geborene Magdeburgerin mit ihwo es immer der Hose ihres grauen Anzugs, den sie ren damaligen Freund in den WesEine latente sich extra für die exklusive Kundenten, nach Koblenz. Sie ist 20. Das unzufriedenheit veranstaltung auf der Horner TrabLeben liegt vor ihr. In ihrem gelerngab rennrennbahn kaufen sollte, zieht an ten Beruf als Wirtschaftskauffrau den Ärmeln des Blazers, die ihr zu findet sie einen Job in einer Speditikurz erscheinen. Anja Beyer* fühlt sich wie verkleidet on, lernt nette Kollegen kennen, schließt neue und extrem unwohl. „Das war nicht mein Menschen- Freundschaften. Endlich kann sie sich eine Selbstänschlag, waren nicht meine Gespräche, so oberflächlich digkeit leisten, mit eigener Wohnung, Ausgehen, und materiell“, erinnert sie sich an ihre Zeit als Ver- Auto und Urlaub. Einfach leben, ohne sich großartig kaufsassistentin in einem Hamburger Unternehmen Gedanken machen zu müssen, was morgen ist. Bis für Außenwerbung. „Es hat mich regelrecht angewi- nach acht Jahren die Beziehung mit ihrer Jugendliebe dert. Letztendlich war es das Ereignis, worauf ich zerbricht, plötzlich eine Lücke aufklafft. Und sie wusste: Das halte ich nicht länger aus. Ich muss etwas spürt, dass dies nicht der Ort ist, an dem sie Wurzeln ändern.“ schlagen möchte. Weil etwas fehlt. Ihr Leben hakte, lief nicht mehr rund. Passte einAls sie von Hamburg zu erzählen beginnt, leuchten fach nicht mehr. Wie ein Kleid, das über die Zeit zu ihre großen grünen Augen. „Da wollte ich hin, unbeeng geworden war und sich unangenehm um den Kör- dingt“, sagt sie. „Diese Lebendigkeit dort, die gigantiper spannte. „Das war ein schleichender Prozess, hat sche Hafenkulisse, das Großstädtische – Hamburg viele Jahre gedauert, wo es immer eine latente Unzu- hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert.“ Ihr friedenheit gab“, erzählt Anja Beyer, die jetzt auf ih- wird klar, dass ihr die süddeutsche Mentalität nur werem kleinen Sofa mit dem eierschalenfarbenen Leinen- nig entspricht, der Norden sich besser anfühlt für sie. überwurf sitzt und ein Stück vom Apfelkuchen ab- Ein Mann ist schließlich ihr Sprungbrett dafür. Die beißt. Kuchen, da könne sie nicht widerstehen. Ge- große Liebe ist es nicht. Aber als sich Anja Beyer ein

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Jahr später von ihm trennt, bleibt sie in Hamburg. schen. Für Ende Juli hatte sie bereits ihre Kündigung, Überzeugt davon, dass die Stadt im hohen Norden der aber der verfrühte Rausschmiss kam völlig unverrichtige Platz für sie ist, versucht sie Fuß zu fassen. hofft. „Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt“, sagt Fängt in einer Werbeagentur einen Job als Teamassis- sie. „Es hat eine Weile gedauert bis ich realisiert hatte, tentin an, findet eine Handvoll Menschen, denen sie dass ich morgen nicht mehr zur Arbeit gehen werde.“ sich nahe fühlt. Am nächsten Tag läuft sie durch ihr Viertel HamAnja Beyer lässt sich treiben. Schwimmt auf einer burg-Ottensen und denkt: Jeder starrt mich an. Ich schillernden Welle. Kultur, Unterhaltung, Shopping, habe ein Schild auf der Stirn, auf dem steht: Ich bin Männer – alles da. Sie muss nur zugreifen. Und sie tut jetzt arbeitslos. „Der Arbeit so prompt entrissen, fühles. Führt ein Singleleben wie es in vielen Großstädten te ich mich erst mal ziemlich komisch. Nirgendwo datypisch ist, mit all den verkorksten Männergeschich- zugehörig, nichts mehr wert. Auf einmal war ich nutzten, dem Freizeit- und Konsumwahn, dem ständigen los, von einem Tag auf den anderen.“ Kreisen um sich selbst. Zwei Jahre, drei Jahre, vier JahAnja Beyer, die fast ein halbes Jahr lang ohne Arre. Das, was für andere Berufung oder Selbstverwirkli- beit sein wird, will in der Zeit zwischen Arbeitschung ist, ist für sie lediglich ein Job, um ihr Leben zu agentur und Bewerbungen schreiben etwas Sinn­ finanzieren. „Ich hatte nie einen wirkvolles tun. In einer Obdach­ losenlichen Plan, was berufliche Dinge anEinrichtung, die von drei Franziskamich ehrenamtlich geht“, gesteht Anja Beyer. „Spaß sollner-Schwestern geleitet wird, hilft zu engagieren, hat te mir in erster Linie das Private sie bei der Essensausgabe, schmiert mir sehr viel gegeben bringen.“ Bis sie 2004 plötzlich ihren Brote, setzt Tee auf, spricht Leuten und mir den weg in Job verliert. Mut zu. Und merkt, wie gut ihr das Es ist Juni, ein warmer Sommer- den sozialen bereich tut. „Dort ist mir erstmals bewusst geöffnet tag. Anja Beyer sitzt an ihrem Schreibgeworden, dass es mir total viel gibt, tisch in einer Hamburger WerbeagenMenschen etwas Gutes zu tun, dass tur, einem schicken Industrieloft, wo einst Schiffs- man auch ganz viel zurückbekommt. Das Gefühl schrauben geschmiedet wurden, checkt wie jeden kannte ich bis dahin nicht. Und es war mir gar nicht Morgen ihre E-Mails, als einer der Geschäftsführer so bewusst, dass ich eher für diesen Bereich geschafins Büro reinplatzt und sie auffordert: „Anja, jetzt fen bin. Rückmeldung und Dankbarkeit zurückzuschalt mal deinen Rechner aus und pack deine Sachen bekommen, das war für mich unheimlich bereizusammen. Du gehst.“ Mitnehmen darf sie nichts aus chernd. Mich ehrenamtlich zu engagieren, hat mir ihrem Büro. Sie fühlt sich wie ein Schwerverbrecher, sehr viel gegeben und mir einen anderen Weg aufgefährt den Computer runter, steht auf und geht raus auf zeigt, mir letztendlich den Weg in den sozialen Bedie Straße, wo die Autos unbemerkt an ihr vorbeirau- reich geöffnet.“

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NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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