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Coffee Table, 2009

34, wollte glücklich sein, mit ihrer eigenen Agentur-für-Irgendwas – jetzt steht sie da, pleite und vom Ehemann betrogen. ,Egal, ich bin Optimistin, es muss ja weitergehen‘, sagt Silke S. und lacht.“ In jede dieser Geschichten wird mindestens ein Psychologe eingebaut, der windelweiche Wohlfühltipps gibt wie: „Gelassenheit ist der Schlüssel. Und: Das Atmen nicht vergessen!“ Manchmal dient das Scheitern auch der bloßen TV-Unterhaltung: Der „Schuldnerberater“ berät Finanz-Dilettanten von nebenan, der „Restauranttester“ hilft beinahe-bankrotten Gastwirten auf die Sprünge. Auch in der Kunst ist „The big fail“ ein beliebtes Thema: So zeigt die Hamburger Kunsthalle aktuell noch bis Mitte August eine Ausstellung mit dem Titel „Besser scheitern“. Man kann also sagen: Seit einer Weile tun wir nichts anderes mehr, als uns von unserem Scheitern zu erzählen – auf allen Niveaus und allen Kanälen. Und je höher der Scheiterhaufen von Scheitergeschichten wächst, desto skeptischer sollte man vielleicht werden. Einerseits bringt die neue Offenheit im Scheitern eine gewisse Erleichterung mit sich. Der Druck, „so zu tun als ob“, scheint abgenommen zu haben. So wie die Gesellschaft sich immer weiter individualisiert hat, so ist auch die Gesprächskultur durchlässiger geworden – die Menschen trauen sich mehr, von sich selbst zu erzählen. Sie haben auch die Möglichkeiten dazu: Ob bei Facebook, Twitter oder im eigenen Blog: Jede(r) ein Gesamtkunstwerk, jede(r) der oder die Heldin in der eigenen Daily Soap. So wie die einen nicht genug Bewunderung bekommen können – für ihren „Style“, ihren Musikgeschmack oder ihre Topchecker-Urlaube, die sie angeberisch im Instagram-Modus ausstellen – so werden die anderen nicht satt von Mitgefühl. Krankheits-Diarys, Arbeitslosigkeits-Blogs, aber auch Liebeskummer-Dokumentationen in der Facebook-Chronik: Auch fürs Scheitern kann man „Gefällt mir“-Klicks

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ernten. Auch das ist eine Form von Narzissmus – einer, der schamlos nach Gemeinschaft hungert, nach Betüdeltwerden und Aufgehobensein. Auffällig ist, wie „großes“ und „kleines“ Scheitern aktuell zusammenfallen. Da sind ganze Staatsapparate und Finanzzyklen, die zusammenbrechen, Börsencrashs und Schuldenkrisen. Politiker und Projektleiter setzen ein Milliardenprojekt nach dem anderen in den Sand. Je mehr Flops und Fehl-Investitionen uns in den Nachrichten um die Ohren sausen, desto weniger schämen wir uns für unser höchstpersönliches Missma-

Geschichten steht auch der Wunsch nach etwas, das man vielleicht „Wahrhaftigkeit“ oder auch „Menschlichkeit“ nennen kann. „Please confirm that you’re not a machine“ lautet eine typische Eingabeaufforderung im Internet, wenn man erst einen Sicherheitsode („Catchpa“) eingeben muss, bevor man weiterklicken kann. Immer mehr Menschen weigern sich jetzt, Maschinen zu sein – könnte man sagen. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir uns im Scheitern doch allzu heimisch einrichten und uns von all den berührenden Einzelschicksalen einlullen lassen. Das

Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an nagement. „Wenn es bei denen da oben schief laufen darf, warum dann nicht auch bei mir hier unten?“ Der kleine, leider ziemlich gemeine Unterschied zwischen „da oben“ und „hier unten“ besteht allerdings darin, dass „da oben“ im Zweifelsfall dicke Abfindungen gezahlt werden, wenn wieder mal ein Geschäftsführer Mist gebaut hat und ausgetauscht werden muss – während einen „hier unten“ kein potenzieller Arbeitoder Auftraggeber mehr anruft, wenn einmal etwas schiefgelaufen ist. Die Geschichte der Menschheit ist ein einziger großer Roman voller Flops und Missgeschicke. Das fing bei Sisyphos an, der unablässig versuchte, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzurollen (was nie funktioniert hat), ging bei Charlie Chaplin und seinem vergeblichen Kampf gegen riesige Fabrikmaschinen weiter (im Film „Moderne Zeiten“) und mündet heute in dramatisch-traurige Yellow-Press-Fortsetzungsgeschichten wie bei Amy Winehouse (die von manchen geifernd „Alkosoulikerin“ genannt wurde). Hinter der aktuelll neu ausgebrochenen Lust auf Scheiter-

eifrige Zugeben des Scheiterns ist ja auch wieder nur eine perfide gedrehte Bestätigung der herrschenden Standards: Je lauter wir das Scheitern als Sensation thematisieren, desto mehr erkennen wir die Anforderungen an Leistung, Wachstum und Optimierung als eigentlich Normales an. Gerade Frauen wissen aber sehr genau, dass sogenanntes Scheitern oft sehr viel mehr mit strukturellen Problemen zu tun hat als mit „persönlichem Versagen“. Eine eigene Familie, das Geldverdienen, eine erfüllte Partnerschaft und das Jung- und Gesundbleiben zu vereinbaren, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. All die herzerwärmenden Schicksals-Stories bewirken so gut wie: nichts. Es ist höchste Zeit, dass wir die Melodramatik zurückfahren und aus dem gesamtgesellschaftlichen Scheiter-Porno aussteigen – dass wir all die vermeintlich individuellen Dramen links liegen lassen und uns wieder all dem sperrigen Zeugs zuwenden, das uns verbindet: den Fragen nach Geld, Macht, Gerechtigkeit, letztlich also: der Politik.

NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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