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ICH KANN NICHT MEHR UND WILL NICHT MEHR Text: K atja Kullmann Fotos: Lee Materazzi

Überall Burn-out-Berichte und Psycho-Beichten. Jaja, wir leben in einer Ära des Scheiterns, sagt Katja Kullmann – und ruft dazu auf: Schluss mit dem Scheiter-Porno! Jetzt ist nicht die Zeit für Melodramatik, sondern für den harten Stoff, Macht, Geld, Gerechtigkeit.

Cleaning Supplies, 2009

Das Ding „Zeit“ ist eine faszinierende Angelegenheit. Genau wie das Ding „Gesellschaft“. Beide Dinger sind um uns herum, prägen unser Leben. Aber wir können sie nur sehr schwer fassen – weil wir selbst voll drinhängen, mitmachen, dabei sind. Wenn man zu nahe dran ist, verschwimmen nicht nur die Buchstaben auf dem Papier, es verschwimmen auch die „Zeichen der Zeit“. Am ehesten erkennen wir sie an neuen Vokabeln, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen: Plötzlich nehmen wir Begriffe wie „Social Media“ oder „Wellness“ in den Mund – Wörter, die wir kurze Zeit vorher noch gar nicht kannten und die uns dennoch sofort ganz selbstverständlich erscheinen, weil sie ein paar Details in der wirren Jetztzeit ganz gut markieren. „Was ist hier eigentlich gerade los?“: Schon immer haben Menschen sich diese Frage gestellt. Im Jahr 1796 hat der Philosoph Johann Gottfried Herder den Begriff „Zeitgeist“ erfunden. Er klingt überraschend modern, man versteht ihn sofort: Der „Zeitgeist“, das ist die herrschende Denk- und Fühlweise, das sind die Gesprächsthemen und der Tonfall einer Epoche. Wer unsere Gegenwart aufmerksam belauscht, der hört den Zeit-

geist ächzen: „Ich kann nicht mehr“. Wir leben in einer Ära des Scheiterns. „Coaching“ und „Ritalin“, „Angststörungen“ und „ADHS“: Noch vor ein paar Jahren kursierten diese Begriffe nur unter Psychologie-Experten. „Staatsanleihen“, „Schuldenschnitt“, „Wohlstandsschere“: Kein Zeitungsleser hat sich vor sechs bis sieben Sommern mit diesen Wortungetümen herumschlagen müssen. „Shitstorm“ und „Prekariat“, „Kostenexplosion“ und „Rentenloch“: Das ist der Sound unserer Gegenwart. Die immer irgendwie passende Überschrift lautet: „Burn-out“. Nichts, einfach gar nichts, scheint noch zu funktionieren. Sprachforscher sind sich uneinig, ob das Wort „Scheitern“ etwas mit dem frisch vom Stamm geschlagenen Holzscheit zu tun hat – mit einer „Spaltung“ also. Oder ob es vom persischen Wort „Scheitan“ rührt – „Scheitan“ wie „Satan“. Fest steht, dass der renommierte US-Soziologe Richard Sennett noch vor gut einem Jahrzehnt behauptete: „Das Scheitern ist das letzte große Tabu.“ Mit diesem Satz wurde er damals, kurz bevor das World Trade Center einkrachte und das Wort „Krise“ in den Schlagzeilen aufblitzte, oft zitiert. In seinem Buch „Der flexible Mensch“ schrieb er 1998: „Es

gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen.“

Je mehr Flops und FehlInvestitionen uns um die Ohren sausen, desto weniger schämen wir uns für unser persönliches Missmanagement Inzwischen ist alles anders. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Die Talkshows sind voll mit Halb- und Ex-Prominenten, die Pleiten, Pech und Pannen beichten – hier eine versenkte Kapitalanlage, dort eine Privatinsolvenz. Nachrichtenmagazine wie Spiegel, Focus, Stern bringen alle paar Wochen eine Titelgeschichte zum Thema „Depression“. Sogenannte Frauenzeitschriften stellen Fallbeispiele aus dem „echten Leben“ vor, die eine Art Trost versprechen und sich immer gleich lesen, nämlich etwa so: „Silke S.,

Kraftakt nova

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NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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