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golden girl

daggy prüter Arbeit hält sie jung, Freundschaften lebendig und Optimus hat sie sowieso genug. Daggy Prüter bleibt in ihrem Leben am Ball – nicht nur als langjähriger HSV-Fan.

Der Laden ist voll, alle Kassen sind besetzt bei Edeka Niemerszein in Hamburg-Eimsbüttel. Anstehen muss keiner lange. Es sei denn, er hat ein besonderes Ziel: Daggy Prüter, 71, an der Kasse ganz rechts außen. Das feine Silberhaar schwingt bei jeder Bewegung, die perfekt in Pink lackierten Nägel leuchten, wenn sie die Ware über den Scanner zieht. Für ein „Hallo, mein Süßer, geht’s Dir gut?“ nehmen Eimsbüttler gern Wartezeit auf sich. Und Daggy Prüter hat für jeden einen Spruch parat. Nova traf die Senior-Kassiererin auf einen Kaffee, bei Karstadt gegenüber. Nova: Frau Prüter, was tun Sie nach Ladenschluss? Daggy Prüter: Ich sticke. Gucken Sie mal (zieht ein Smartpho-

nachten bin ich meist bei meinem Bruder und meiner Schwägerin. Wir feiern wie früher, mit riesengroßem Weihnachtsbaum. Nova: Und mit Kindern? daggy Prüter: Meine Tochter verreist meistens mit ihrer Fami-

ne hervor und zeigt Fotos), das war vielleicht Arbeit! 125 Jahre HSV, und das Blau, das ist ganz kleiner Kreuzstich. Nova: Für wen haben Sie das gemacht? daggy Prüter: Für einen Kunden zum Geburtstag. Die Kunden

Nova: Warum haben Sie sich getrennt? daggy Prüter: Ich war für ihn nur noch ein Arbeitstier, das

wissen ja alle, dass ich HSV-Fan bin. Seit 58 Jahren.

wollte ich nicht mehr. 1974 war das.

Nova: Gehen Sie auch ins Stadion? daggy Prüter: Mit den Beinen kann ich das nicht mehr. Aber

Nova: Wurden Sie damals schief angeguckt? daggy Prüter: Wir hatten einen Kegelclub aufgemacht, und ich

zwei, drei Mal im Jahr schaff’ ich es noch.

hatte das Gefühl, die Frauen waren eifersüchtig, weil die Männer mich ein bisschen mehr betüddelt haben. Deshalb zog ich mich zurück nach Jesteburg. Da habe ich viel Tennis gespielt und hatte einen großen Bekanntenkreis. Trotzdem ging ich 1989 wieder nach Hamburg. Und da bleibe ich jetzt.

beschäftigt bleiben. Sticken, Freunde treffen, arbeiten – das ist so schön. Wenn ich die Menschen sehe mit Demenz, da sage ich immer, ich arbeite, so lange ich kann, damit ich das bloß nicht bekomme.

Nova: Was gefällt Ihnen so gut? daggy Prüter: Ich hab hier so liebe Freunde, und es sind viele

alte Dame, die sagt, „Frau Prüter, ich muss einfach reinkommen, wenn Sie da sind. Wenn ich weiß, Ihnen geht’s gut, dann geht’s mir auch gut.“ Da arbeitet man natürlich mit Freude.

junge Leute dabei, das ist ein Wahnsinn. Ich begreif es nicht, dass die immer auf mich zukommen. Wenn ich das alles wahrnehmen würde, wozu ich eingeladen würde, dann wäre ich nur noch unterwegs. Basti und Steffi zum Beispiel, ein Pärchen. Er ist so dreißig und sie Mitte zwanzig. Mit denen geh ich zum Fußball oder ich bekoche sie bei mir zu Hause.

Nova: Waren Sie immer berufstätig? daggy Prüter: Ja, ich habe immer viel gearbeitet. Hab eine

Nova: Kochen tun Sie also auch noch. daggy Prüter: Oh, gerne! Da gibt es eine Kundin, Bente. Der

Lehre gemacht bei Sophia Szagun im Modegeschäft. Als ich meinen Mann kennenlernte, haben wir uns selbstständig gemacht, mit einem Geschäft für Versicherungsschäden. Das lief fantastisch. Wir mussten Ware abholen, die bei Unfällen oder Kaufhausbränden übrig blieb. Eingepackt wurde, was noch heil war und sich wiederverkaufen ließ. Wir hatten alles, vom Nagel bis zum Teppich, Möbel, Kleidung und Getränke. Das war eine schöne Zeit, aber Knochenarbeit. Ich bin oft auf einer Matratze im Lager eingeschlafen.

hab ich einen Topf Hühnersuppe mitgebracht. Sagt sie „Daggy, das ist nicht wahr, wie du kochen kannst.“ Wenn ich den Kunden was mitbringe, stell ich es eingefroren an die Kasse.

Nova: Die Kunden kennen Ihre Arbeitstage genau. daggy Prüter: Die Frau Kern mit dem Gehwagen, so eine süße

Foto: anne eickenberg

Nova: Sehen Sie sich noch oft? daggy Prüter: Leider nicht, das macht das Alter. Aber an Weih-

lie, aber die Tochter meiner Schwägerin und die Enkelkinder kommen, das ist eine schöne große Runde, in Jesteburg. Da habe ich lange gewohnt, nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte.

Nova: Informiert sind Sie trotzdem? daggy Prüter: Klar! Samstags guck’ ich Sportschau. Man muss

Tex t: hiltrud bontrup

Familie. Wir waren sieben Kinder. Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Mädchen, Mädchen. Meine Zwillingsschwester und ich waren die Jüngsten.

Nova: Wo sind Sie geboren? daggy Prüter: In Hamburg-Bergedorf in einer großen, tollen

Nova: Sie sind ja so was wie der Star dieser Filiale. Verstehen Sie sich auch mit den Kollegen gut? daggy Prüter: Fantastisch. Ich sag immer, wer mit mir nicht klarkommt, hat selbst Schuld. Manchmal hab ich wirklich keine Lust zu arbeiten, aber wenn ich dann da bin, lebe ich auf. Durch die Kunden und durch die Kollegen. Elf Jahre bin ich jetzt da und hab so viele Leute kennengelernt. Alles durch Edeka. So sieht’s aus, mein Leben. Ist schon schön.

Kraftakt nova

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NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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