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Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum beispiel goldene strähnen ins haar. das kommt bei den meisten frauen gut an

Tochter Hope guckt Fernsehen auf einem kleinen Empfänger. Der Blick auf Irenes Füße offenbart ihre Beinprothese

kamen immer mehr Kundinnen. Zuerst frage ich, was ich mit den Haaren machen soll“, erzählt Irene. „Viele haben keine Idee, sie fühlen sich unattraktiv. Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum Beispiel goldene Strähnen ins Haar. Das kommt bei den meisten Frauen gut an. Und hinterher mögen sie sich wieder im Spiegel anschauen und strahlen.“ Irene kann nicht lange stehen, arbeitet meistens im Sitzen. Die Leute verstehen das und setzen sich auf eine Matte am Boden. Manchmal lässt sie Videos laufen, meistens jedoch mag sie es still. „Während ich frisiere, meditiere ich ein bisschen oder bete“, sagt Irene. „Wenn ich dazu komme. Denn die meisten wollen über ihre Probleme reden.“ Bei den Frauen gehe es meistens um ihre Ehemänner, von denen sie sich schlecht behandelt fühlen. „Ich sage ihnen dann: Es gibt einen Mann, der nie enttäuscht: Jesus. Wenn du ihm dein Leben gibst, dann veränderst du dich, und dadurch verändert sich auch dein Leben mit deinem Mann. Manche kann ich überzeugen, andere nicht.“ Inzwischen kämen in den kleinen Salon auch Leute, deren Seele krank ist, sagt Irene. Früher seien sie zum Hexenarzt gegangen und hätten dort viel Geld

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gelassen. Denen sagt sie: „Behalte dein Geld. Vom Herrn bekommst du kostenlose Liebe. Ich kann keine Seelen heilen, aber ich versuche, die Menschen aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben.“ Manche finden, dass der Ort hier eine besondere Ausstrahlung habe. Neulich sei eine Frau gekommen, die einfach nur auf dem Gras vor dem Container schlafen wollte und sagte: „Wenn ich hier bin, fühle ich mich geborgen.“ Irene kann das verstehen. „Wenn ich morgens um halb neun meinen kleinen Salon aufschließe, singe ich“, erzählt sie. „Dann setze ich mich raus und lese in der Bibel.“ Gegen elf Uhr kommen die ersten Kunden. Heute lernt Irene sechs Frauen für ihrem kleinen Salon an. Einige sind Überlebende von Landminen, andere sind auf unterschiedliche Weise zum Opfer der LRA geworden, wie zum Beispiel auch die 22-jährige Miriam, die als Baby taub

wurde, als eine Bombe in ihrem Dorf Awach direkt nebenan explodierte. Viele der Lehrlinge haben in Irenes Salon einen Arbeitsplatz gefunden. So auch Christine, die ihre Kundinnen auch zu Hause besucht. Die zahlen ihr dann etwas mehr – für die Reisekosten. Manchmal reicht das Geld gerade aus, um die Schulgebühren für ihre fünf Kinder zu begleichen, gelegentlich bleibt auch etwas mehr übrig. Ein paar andere Frauen müssen, um über die Runden zu kommen, noch Schweine und Ziegen halten. Es ist ein tägliches Ringen ums Überleben. Irene verdient an die 15.000 Uganda Shilling (etwa 4,10 Euro) am Tag. Etwas davon investiert sie in Haarpflegeprodukte. Der Schönheitssalon, so sagt sie, habe auch sie schön gemacht: „Ich strahle jetzt!“ Der Text beinhalt Passagen aus dem Chrismon-Protokoll von Ariane Heimbach.

AMY FALLON , 32, reist viel. In Kampala / Uganda hat sie ihren momentanen Stützpunkt aufgeschlagen, wo sie für internationale Publikationen in Australien, Großbritannien und Afrika unterwegs ist. Über sieben Stunden reiste sie von Gulu nach Kampala, um Irene zu treffen und am Ende der strapaziösen Reise von ihr mit einer Verwöhnkur belohnt zu werden. Mehr über die Journalistin unter www.amyfallon.com

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