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ich hatte mein bein verloren, aber ich hatte das leben wiedergewonnen. ich war gott dankbar, das wollte ich weitergeben

Irene in ihrem Friseursalon auf dem Gelände der Gulu-Behinderten-Station und mit Tochter Hope. Ihr Vater hält sich verborgen im Hintergrund. Jeden Abend betet sie. Ihr Fort­bewegungsmittel: ein Bobadoda (Motorrad-Taxi)

Irene hatte kaum geschlafen. Rebellen hatten das Haus nebenan gesprengt und den Nachbarn ermordet. Es herrschte Bürgerkrieg im Norden Ugandas. Sie ging aus dem Haus, um Wasser zu holen, da trat sie auf etwas. „Im selben Moment ging das Ding los“, erzählt Irene. „Ich wollte wegrennen, aber ich konnte nicht. Es tat sehr weh. Ich wusste nicht mal, was passiert war, bis Soldaten kamen, den Rauch sahen und mir dann erklärten, ich sei auf eine Landmine getreten.“ Als sie wieder aufwachte, lag sie im Krankenhaus von Gulu. Die untere Hälfte ihres rechten Beines war zerfetzt. Die Ärzte versuchten es zu retten. Vergeblich. Sie traten an Irenes Bett und sagten ihr, dass sie ihr halbes Bein verlieren würde, der Unterschenkel amputiert werden müsse. „Ich dachte nur: Hauptsache, ich überlebe das.“ Die Ärzte mussten Irene das Bein unterhalb des Knies abnehmen, um ihr Leben zu retten. Viele Wochen lag Irene im Krankenhaus. Bald darauf bekam sie von der italienischen NGO Avsi, die sich um Minenopfer in Nord-Uganda kümmert, eine Prothese. Irene lernte mit ihrem künstlichen Bein zu laufen. Und ahnte nicht, wie weit ihr Weg noch sein würde. „Ich habe mich vor der Welt versteckt, ich war ja plötzlich behindert“,

erzählt sie. Keine Chance, wie früher Netzball und Basketball zu spielen. „Mein Vater sagte: ‚Jetzt muss ich für dich sorgen wie für ein Kind.’ Das hat mich sehr beschämt.“ Ihr Mann kümmerte sich nicht um sie. Einmal besuchte er Irene im Krankenhaus – um sie zu informieren, dass es aus sei. „Wegen meiner Behinderung“, sagt sie, während ihr Tränen in die Augen schießen. Als Bäuerin konnte Irene nun nicht mehr arbeiten. Aber sie hatte zwei Kinder zu versorgen und keinen Mann mehr. Sie versuchte zunächst bestickte Decken zu verkaufen, doch das lief nicht. Mit Backwaren klappte es besser. Und sie half ehrenamtlich im Büro einer Organisation, die sich um die Landminenopfer in Gulu kümmert. „Ich hatte immer das Gefühl, auf mich wartet noch eine Aufgabe“, sagt sie. „Ich hatte mein Bein verloren, aber ich hatte das Leben wiedergewonnen. Ich war Gott dankbar, das wollte ich weitergeben.“ Ungefähr ein Jahr später, als Irene gerade auf dem Weg in die Stadt war, traf sie Monica Piloya, die ebenfalls eine Landmine überlebt hatte. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein waren. Die beiden Frauen gründeten eine ULSAOrtsgruppe, die sich von nun an regel-

mäßig traf. Traurig genug: Die Zahl der Mitglieder wuchs. Irene saß wie jeden Morgen vor dem Spiegel, machte sich ihre Haare und sprach mit ihrem Spiegelbild: „Irene, du siehst gut aus. Ein Teil von dir ist zwar unbrauchbar, aber du taugst noch zu ganz viel. Und dann dachte ich: Wenn ich mich selbst aufbauen kann, kann ich das auch bei anderen. Ich sollte etwas tun. Für mich und für die vielen Mädchen und Frauen, die nicht wissen, was sie machen sollen.“ Damit war die Idee zum Salon geboren. Sie schlug der Vereinigung der Landminen-Überlebenden vor, auf dem Gelände des Behindertenzentrums einen Friseur- und Kosmetiksalon aufzumachen. Ihr Vorschlag gefiel und sie bekam einen großen Spiegel, zwei Waschbecken, Schere und Trockenhauben geschenkt. Die Frauen konnten Produkte und ein paar Geräte für die Haar- und Schönheitspflege auftreiben. Im Februar 2010 begann die Ausbildung für Irene und neun weitere Frauen, alle Opfer der LRA. Ein halbes Jahr lang, fünf Tage die Woche, übten sie an Freundinnen und Bekannten, „das widerspenstige afrikanische Haar“ zu glätten und Fingernägel zu verschönern. Ihre Künste sprachen sich herum. Bald

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