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essen und erotik sind total miteinander verbunden. das geht nicht anders, beides sind so sinnliche erfahrungen

In Silikonförmchen wird Rohmarzipan zu nackten Frauen und Männern gepresst, aus Buttermasse entstehen ein Steinbock und ein Liebespaar

Sonja Alhäuser stammt aus dem Westerwald, aus einer Familie, wie man sich Familien im Westerwald vorstellt: Der Vater, dem eine Metallfirma gehört, ist im Schützenverein und bei der Feuerwehr, die Mutter eine begnadete Köchin. „Essen hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt“, sagt Alhäuser. Anfang der Neunziger begann sie an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren, wurde Meisterschülerin und schloss 1997 mit einem sich aufbäumenden Hengst aus 700 Kilogramm Schokolade ab. Heute Mittag gibt es Ziegenköpfe aus Ziegenkäse auf Rucola, Lachspasta mit zwei Liebenden und zum Dessert Fruchtspieße mit filigranen Marzipanfiguren. In Silikonförmchen presst Alhäuser Rohmarzipan zu nackten Männern und Frauen. Für die Feinarbeit nimmt sie Zahnarztbesteck. An dem langen Arbeits- und Esstisch ihres kreativ-chaotischen Küchen-Ateliers bohrt sie winzige Bauchnabel und formt hingebungsvoll Poritzen. Auf der Fensterbank hinter ihr windet sich ein Butterlachs. Ihr gegenüber presst sich ein Buttermännchen, das an einen griechischen Faun erinnert, gegen die Glaswände des Kühlschrankes, als wolle er da raus. Im ganzen Raum riecht es nach Butter. „Ich mag, dass der Betrachter sich bei meinen Werken denken kann: Ich kenne dieses Material“, sagt Alhäuser, „das macht Kunst nahbar.“ Nahbar ist auch die Künstlerin. Keine Exzentrik, keine

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abgehobenen, verstiegenen Philosophien über ihr Schaffen, keine Eitelkeit. Mit Jeans und Clogs hat sie fast etwas von einer Handwerkerin. Mit dem Handrücken ihrer butterverschmierten Hände streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Wie eine Töpferin wirkt sie – nur dass Alhäuser mit deutlich anspruchsvolleren Stoffen arbeitet. Lebensmittel brächten einen ständig vor „Materialprobleme“. Sie müsse viel reagieren und improvisieren. Aber sie mag das: „Grenzen tun mir gut. Sowohl bei Butter als auch bei Schokolade muss man in einer bestimmten Zeit Entscheidungen treffen.“ Butter müsse immer wieder gekühlt werden, sei aber ansonsten einfacher zu verarbeiten als Schokolade, die entweder zu hart ist oder zu flüssig. NINA ANIK A KLOTZ: Ich glaube, ich kann die Marzipanfrau nicht einfach aufessen. SONJA ALHÄUSER: Man muss es einmal so sehen: Wenn wir die Marzipanfrau nachher nicht aufessen würden, hätten wir sie ja auch nicht gemacht. Außerdem: Nicht jedes Kunstwerk ist ein Meilenstein. Und man sollte keine Angst vor Kunstwerken haben. Keine Angst, Kunst zu essen. Keine Angst vor Kalorien. Keine Angst vor Verschwendung und Überschwang. „Ich liebe diesen Griff ins Füllhorn“, sagt die 44-jährige Künstlerin. Ihre Bilderwelt ist üppig und opulent. Barocke Bankette sind ihre Inspiration. Einmal hat sie 70 Kaninchenbraten und 1000 Knödel für

ein „Bankett ohne Anlass“ zubereitet. Die wurden alle gegessen. Genauso die vielen Hasenfilets, die sie für ein anderes Projekt zu Hackfleisch verarbeitet hat, um daraus Dürer-Häschen zu formen und in eine Spinatwiese zu setzen. „Meine Botschaft ist: Lebt im Hier und Jetzt, genießt den Augenblick.“ Während sie das sagt, formt sie einen großen, knallgrünen Kräuterbutterklumpen zu einer Büste mit aufgerissenem Mund und großem Busen. NINA ANIK A KLOTZ: Viele Ihrer Kunstwerke sind irgendwie erotisch. SONJA ALHÄUSER: Ganz wichtiges Thema. Essen und Erotik sind total miteinander verbunden. Das geht nicht anders, beides sind so sinnliche Erfahrungen. Oder eigentlich auch schon das Kochen. Scampi in der Pfanne zu braten, ist so ein erotisches Erlebnis. Wie aus so etwas Weichem, Grauen etwas so ansprechend Rosafarbenes entsteht – das finde ich wahnsinnig sexy. Während ihrer Schokoladenphase hat Alhäuser ihr Schokoladenbad ausgestellt: eine Wanne gefüllt mit 250 Kilogramm flüssiger Schokolade, daneben ein Paravent, als Einladung sich zu entkleiden und einzutauchen. Habe nie jemand gemacht. Deshalb heuerte die Künstlerin einen Mann an, der in die Wanne stieg und in dem braunen Sumpf versank. Auch sie selbst stieg in die Wanne, allerdings ohne Publikum. NINA ANIK A KLOTZ: Wie war das? SONJA ALHÄUSER: Eine eigenartige Erfah-

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