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Essthetik zum Einverleiben Text: Nina Anik a Klotz Fotos: Catarina Schmid

Sonja Alhäuser macht Alltägliches zu Kunst. In ihren künstlerischen Arbeiten versucht sie Kulinarik und Erotik zu einer hedonistischen Rezeptur zusammenzubringen. Nina Anika Klotz traf die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier und erlebte eine Mischung aus Kunstworkshop, Happening und liebevoll gekochtem Mittagessen.

Aus einem Kräuterbutterklumpen formt Sonja Alhäuser eine Büste, Ziegenkäse modelliert sie mit Zahnarztbesteck zu Ziegenköpfen

Sie schmilzt dahin. Er zergeht. Alles um sie herum ist so warm und weich. Sie gleiten aufeinander zu, fallen ineinander, schmelzen zusammen, werden eins. Das war der Höhepunkt. „Lachsloretta trifft Kräuterprinz“ heißt das Kunstwerk. Ein Stück Performance Art. Zwei zart geformte Butterbüsten zerlaufen ineinander auf einem Berg von Pasta, sind kaum mehr zu erkennen, vergangen und für immer vereint in einem See von Weißweinsahne. Irgendwie ist das ziemlich sinnlich. Irgendwie auch niedlich. Und irgendwie bizarr und komisch. Die Künstlerin selbst jedenfalls muss ständig kichern. Und dann sagt sie, ganz pragmatisch: „So, jetzt wird gegessen.“ NINA ANIKA KLOTZ: Ist es nicht furchtbar, dass Ihre Kunst einfach aufgegessen wird? SONJA ALHÄUSER: Es geht mir nicht anders als jeder Hausfrau. Etwas, in das man viel Mühe gesteckt hat, wird gegessen. Das kennt eigentlich jede Mutter, die für ihre Familie kocht. NINA ANIK A KLOTZ: Ja, aber auch denen tut das doch manchmal weh. SONJA ALHÄUSER: Man erlebt aber das herrliche Gefühl, jemandem mit diesem Essen ein Geschenk zu bereiten. Schon während man alles vorbereitet, fühlt es sich gut an, weil man sich bewusst macht, dass man sich gleich zusammensetzen und dieses Werk essen wird. Sonja Alhäuser ist nicht „jede Hausfrau“. Sie vergleicht sich manchmal mit einer, weil sie bodenständig und be-

scheiden ist. Doch Sonja Alhäuser ist Eat Art-Künstlerin. Das Treffen in ihrem Berliner Wohnatelier ist mehr Ausstellungsbesichtigung, Kunstworkshop und Happening als einfach nur ein Interviewlunch. Auch wenn das mit diesen schubladenmäßigen Einteilungen von Kunst und ihren Machern so eine Sache sei – Eat Art könne man schon sagen, findet Alhäuser. Schließlich seien Butter, Schokolade und Marzipan nun mal ihre Materialien. Und auch aus Scampi, Hasenfilets und Ziegenkäse macht sie Kunst: filigrane oder wuchtige Skulpturen, kantige oder feingeschliffene Plastiken. Ergänzt werden diese oft durch zarte Aquarelle, Rezept-Bilder oder Lebensmittellandschaften, aber im Zentrum steht ihre essbare Kunst, die bei Galeristen und Kritikern ziemlich hoch im Kurs liegt. Alhäuser stellt ihre vergänglichen Werke in Museen und Galerien weltweit aus. Mal werden die antik anmutenden Schokoladen- und Butterskulpturen in gläsernen Kühlkästen haltbar gemacht, mal kommt ihre Kunst in Form ausladender Bankette daher, die einfach an einem einzigen Abend verspeist werden. SONJA ALHÄUSER: Ich finde es wichtig, dass man sich Dinge richtig einverleibt. Das ist ein ganz anderes Erlebnis als sich nur ein Kunstwerk anzuschauen. NINA ANIK A KLOTZ: Begeben Sie sich damit nicht auf einen sehr schmalen Grad zwischen Kunst und künstlerischer Dienstleistung? So einer Art dekorativem Catering? SONJA ALHÄUSER: Nicht wenn man das

Gesamtkunstwerk betrachtet. Es geht ja nicht darum, dass alle satt werden, vielmehr ist das eine Gesellschaftsstudie. Wie verhalten sich Menschen mit und um Essen herum? Das wurde mir vor ein paar Jahren klar, als ich für die Berlin Art Fair einen essbaren Messestand gemacht habe, mit Wänden aus Lebkuchen, einem Tisch aus Karamell, das Telefon darauf aus Schokolade. Den haben die Leute innerhalb von Stunden regelrecht aufgefressen. Das war unglaublich, Vandalismus als Gemeinschaftsakt. Irgendwie war es eine richtige Orgie. NINA ANIK A KLOTZ: Aber das muss Sie doch verletzt haben. SONJA ALHÄUSER: Ich habe vor allem den Kontrollverlust in diesem Moment empfunden. Und ein bisschen habe ich mich auch gefühlt wie ein Opferschaf. NINA ANIK A KLOTZ: Und seitdem beobachtesn Sie die Menschen mehr beim Essen? SONJA ALHÄUSER: Bei meiner letzten Ausstellungseröffnung habe ich Videos von den Menschen gemacht, die sich am Buffet bedienen. Aus Sicht der Skulpturen, die da standen. Ich habe absichtlich von dem einen oder anderen Gericht zu wenig gemacht um zu schauen, was passiert. NINA ANIK A KLOTZ: Interessant ist doch sicher auch, wie und wo die Menschen die Skulpturen anfangen zu essen. SONJA ALHÄUSER: Typsache. Es gibt immer welche, die ganz vorsichtig an einer unauffälligen Stelle etwas wegnehmen, und andere, die ganz bewusst den Kopf oder eine Brustwarze abschneiden.

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