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billigste Gericht im Restaurant aussuchte und die Kinder ermahnte, vor dem Restaurantbesuch doch noch ein belegtes Brot zu essen. Was hast du also vor, wie soll die Veränderung aussehen, fragte Hans, frisch rasiert, im gestärkten Hemd, mit starkem Rücken und seinem Kaffeebecher in der Hand. Vor ihm lag ein Tag, vollgepackt mit Terminen und einer wichtigen Präsentation, und er fürchtete die Morgende, an denen Hannah im Bademantel und mit verkniffenem Mund die Welt und ihr Leben ändern wollte. Sie hatte sich die Haare abgeschnitten und es machte sie älter. Das sagte er ihr natürlich nicht. Stattdessen sagte er: Ich liebe Dich. Was ist denn los? Stirnkuss. Vielleicht würde uns eine Paartherapie helfen, sagte Hannah. Hans stutzte, brummte, nickte dann. Warum nicht? Eine Fliese hatte sich in der Küche von der Wand gelöst und er ärgerte sich über die Handwerker. Natürlich spürte auch er die Entfremdung zwischen ihnen, die drohende Vereisung, und manchmal sagte er sich: So kann es nicht bleiben. Er dachte, es ist schlimm, aber es ist nicht schlimm genug. So war er erzogen und er konnte es einfach nicht ändern. Zwei Wochen später die erste Sitzung bei Frau Dr. Marianne Huber, die am Telefon unverkennbar bayrisch geklungen hatte. Die Praxis befand sich in einer geräumigen Altbauwohnung, einer Wohnung, wie Hannah sich immer eine gewünscht hatte. Hans‘ Eltern hatten auf dem Kauf einer Neubauwohnung bestanden. Irgendwann krachen alte Häuser zusammen, sagten sie. Aber wenn etwas schon so lange steht, dann kracht es nicht zusammen, erwiderte Hannah. Du wirst dich noch wundern, liebe Hannah. Letzlich, dachte Hannah, braucht man für so eine Wohnung die richtigen Möbel und die richtigen Kinder und den richtigen Körper und die richtigen Bücher und die richtigen Gedanken. Das Vorzimmer war mit einem weißen Teppich ausgelegt, drei helle Sessel standen um einen Glastisch herum, und eine große rote Vase mit weißen Lilien schmückte den Raum. Sofort musste Hans niesen. Seine Allergie. An der Wand hing eine riesige Schwarzweißfotografie, die einen Schmetterling im Flug zeigte. Wie schön, sagte Hannah, ohne es zu meinen. Sie war nervös 03

und ärgerte sich über Hans, der an seinem Handy spielte, als warte er auf die Straßenbahn. Wollen wir danach noch etwas essen gehen, fragte Hannah. Wenn uns danach nicht der Appetit vergangen ist, sagte Hans und lachte, bemerkte aber sofort, wie unpassend das war. Sie starrte unverwandt den riesigen Schmetterling an, zwang sich, nicht ihren Arm zu heben und an ihrer Achselhöhle zu riechen. Sie schwitzte, und es war ihr peinlich. Zu dumm, dass ihr immer alles peinlich war. Stephan und Kerstin haben sich getrennt, sagte Hannah, um etwas zu sagen. Die haben doch gerade erst geheiratet, sagte Hans und schaute von seinem Telefon hoch, sichtbar bemüht, interessiert zu erscheinen. Ja. Vor einem Jahr. Die Hochzeit war schön. Irgendwie unverkrampft. Fandest du unsere Hochzeit verkrampft? Hans verstaute das Telefon in seiner Jackentasche und eine zerknüllte Zigarettenpackung fiel heraus. Du rauchst wieder?, fragte Hannah und Hans nickte. Fast stolz. Seit wann? Ich weiß nicht. Schon länger. Das habe ich gar nicht bemerkt. Ja, man hält sich im Zaum, sagte Hans. Im Zaum?, wollte Hannah fragen, aber schwieg. Sie hasste diesen weißen Teppich und diesen Schmetterling. Sie hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, Alkohol zu trinken. Von der Seite blickte sie Hans an und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Unter anderen Umständen hätte vielleicht einer der beiden gelächelt. Als die Tür aufging und eine hochgewachsene Frau mit kurzen roten Haaren erschien, waren Hans und Hannah fast erleichtert und Hannah fragte sich, ob Frau Dr. Huber wohl auch rote Schamhaare hat. So dumme Gedanken. Sie können jetzt hereinkommen, sagte sie und Hannah und Hans erhoben sich gleichzeitg, räusperten sich gleichzeitig und sagten: Danke! 04

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