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annah und Hans Fichtelbach sind seit dreizehn Jahren ein Paar. Gefunkt hat es im Bus. Ganz schön voll, sagte er, als er sich neben sie auf die Bank schob, und sie nickte und lächelte und sah aus dem Fenster. Hinter regennassen Scheiben wälzte sich die Stadt, Autos standen im Stau und im Inneren der Autos bewegten sich Münder. Als sie aussteigen musste, sagte Hans: wenn Du magst, dann lass uns mal treffen. Hannah nickte wieder, kicherte, sprang im letzten Moment aus dem Bus und merkte, dass sie keine Adressen getauscht hatten. Sie winkte dem Bus hinterher und ein älterer Herr auf der anderen Straßenseite winkte zurück. Es dauerte noch einige Tage und Hans und Hannah vergaßen die Begegnung. Nein, Hans vergaß die Begegnung, in Hannahs Kopf schwirrte weiter das Bild des jungen Mannes mit der roten Jacke und den lustigen Augen. Immer wieder stellte sie sich vor, wie dieser Unbekannte ganz nah bei ihr gesessen hatte, so nah, dass sie meinte, seine Wärme durch die Kleidung zu spüren und sie dachte an die Worte ihrer Großmutter: Es gibt Dinge, Hannah, die passieren nur einmal im Leben. Kein Wunder also, das Hannah, als sie Hans einige Wochen später bei einem Konzert der Rolling Ricks wiedersah, vor Glück fast davongelaufen wäre. Wir kennen uns doch, rief er ihr hinterher. Sie tanzten, küssten sich, tranken Bier und küssten sich noch mehr. Die folgenden Monate waren wie Schaum: Hingerissen, elektrisiert, betäubt wühlten sie sich von seinem Bett in das ihre, sie aßen nicht, sie schliefen kaum, und manchmal betrachtete Hannah sein jungenhaftes Gesicht und dachte: Schön wie so ein Vogel ist er. Später beendete Hans sein Betriebswirtschaftsstudium, Hannah ihr Kulturwissenschaftsstudium, Hans‘ Eltern kauften den beiden eine Wohnung, sie bekamen zuerst eine Tochter, die sie Luisa nannten und dann einen Sohn, den sie zunächst Amos nennen wollten, dann aber Friedrich nannten. Luisa war zart und hübsch und entwickelte sich prächtig und Friedrich machte von Anfang an Probleme. Im Kindergarten biss er einem Kind die Fingerkuppe ab und in der Grundschule konnte er nicht

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stillsitzen. Mit zwölf sagte er, er hasse alles außer Wochenende. Vielleicht solltest du eine Zeitlang aufhören zu arbeiten, sagte Hans. Seit Kurzem erst leitete Hannah die Pressestelle einer kulturellen Einrichtung, eine schöne Aufgabe, die sie sich lange gewünscht hatte. Nur so lange, bis Friedrich wiederhergestellt ist, fügte Hans hinzu und küsste ihr die Stirn. Hans sagte wirklich „wiederhergestellt“ und Hannah wunderte sich, aber keine Mutter will, dass ihr Kind sich wild und unzivilisiert benimmt. Ihre ständige Anwesenheit zu Hause machte jedoch alles nur noch schlimmer und auch eine Kinderpsychologin konnte Friedrich nicht wiederherstellen. Nun hasste er sogar die Wochenenenden. Die Lehrerin empfahl dringend, Friedrich vom schwer erkämpften Gymnasium zu nehmen. Gesamtschule? Hannah und Hans protestierten, sprachen beim Direktor vor, Hans erwähnte Kontakte, die er spielen lassen könne und brachte am Ende sogar einen Anwalt ins Spiel. Alles grauenhaft. Eine Heimsuchung. Vielleicht fing da alles an. Oder schon viel früher. Vielleicht fing es mit dem Stirnkuss an. Warum küsste Hans Hannah plötzlich auf die Stirn? Oder es fing damit an, dass sie länger als früher miteinander schwiegen? Immer wenn sie ohne die Kinder etwas unternahmen, schwiegen sie und wurden müde. Nichts zerreißt die Liebe so wie Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Ich will dir ja zuhören, ich will mich ja interessieren, aber ich bin so schrecklich müde. Hannah konnte nicht schlafen, lag mit weit geöffneten Augen neben Hans im Bett, starrte in die Dunkelheit, lauschte dem rhythmischen Schnarchen ihres Mannes und fasste den Entschluss, ihr gemeinsamens Leben zu ändern. Als Hans am nächsten Morgen aus der Dusche kam, sagte sie zu ihm: Wir müssen unser Leben ändern, so geht es nicht weiter. Morgens hast Du immer die besten Ideen, antwortete Hans vergnügt. Hannah hasste die Nachlässigkeit, mit der Hans Wasserflecken auf dem Parkett hinterließ, wenn er aus der Dusche kam. Sie sagte nichts, aber es ging ihr auf die Nerven. Genauso, wie es ihr auf die Nerven ging, wenn Hans in seinem Geiz das 02

NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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