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haare: sitz der seele und Der lebenskraft, symbol für körperliche stärke, weltliche macht und magische kräfte, sinnbild für erotik, gesundheit und jugend

das lange Haar von Göttinnen oft sehr kunstvoll drapiert. In monotheistischen Religionen, die durch strenge Regeln und restriktive Sexualmoral geprägt sind, gilt offen getragenes Haar als Ausdruck weiblicher Verführungslust. So müssen auch heute noch im orthodoxen Judentum verheiratete Frauen ihr Haar mittels Kopftuch, Hut oder Perücke verstecken. Katholische Klosterschwestern schneiden ihre Haare ab und machen sie mittels Schwesternhaube unsichtbar und auch das heftig diskutierte islamische Kopftuch ist Teil einer monotheistischen Tradition. Für Männer auch eine Gelegenheit, ihre eigene Disziplinlosigkeit auf die Frauen zu projizieren. „Eine Frau kann noch so attraktiv sein, beraubt man sie ihrer Haare, kann sie nicht einmal mehr ihren Ehemann verführen“, befand Apuleius, ein römischer Schriftsteller, der im ersten Jahrhundert nach Christus lebte. Die Behaarung ist unser auffälligstes sekundäres Geschlechtsmerkmal. So sind Gesichtsund Körperbehaarung schon in der Pubertät ein deutlich sichtbares Zeichen für die hormonellen Veränderungen im Körper. Die gängigste Ursache für Glatzköpfigkeit ist ein entsprechendes Gen, das über Generationen hinweg vererbt werden kann. Bei Männern genügt bereits die Weitergabe durch ein Elternteil während Frauen von Vater und Mutter die Gene geerbt haben müssen, um zur Glatzenbildung zu neigen. Da sich Frauen viel stärker mit ihrem Kopfhaar identifizieren, leiden sie meist auch heftiger als Männer, wenn sie ihr Haar durch Krankheit oder nach einer Chemotherapie verlieren. Sophie van der Stap beschreibt diese Gefühle, die der Verlust der eigenen Haare auslöst, in ihrem autobiografischen Buch „Heute bin ich blond“: „Annabel sieht meinen kahlen Kopf heute zum ersten Mal. Ich habe Angst, dass sie

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mich kaum wiedererkennt, dass sie mein Anblick verschreckt. Aber sie lächelt und streicht mehrmals über meinen kahlen Schädel. „Schön weich“, sagt sie. Kloß im Hals. Verschiedene Frisuren werden mir über den Kopf gestülpt, und plötzlich ist Daisy da. Perücken sind viel mehr als nur Haare. Sie machen etwas mit mir, nicht nur mit meinem Kopf sondern auch mit meinem weiblichen Bewusstsein. Dass ich anders aussehe, bewirkt, dass ich mich anders fühle und dass ich andere Reaktionen hervorrufe.“ „Wenn alles sitzen bliebe, was wir in Hass und Liebe so voneinander schwatzen, wenn Lügen Haare wären, wir wären rau wie Bären und hätten keine Glatzen.“ Ein Zitat von Wilhelm Busch. Nur selten verzichtet jemand freiwillig auf seine Haarpracht und die dies tun, wollen meist ein Zeichen setzen. Mönche zum Beispiel, die sich die Tonsur scheren lassen, um ihre Demut vor Gott zu beweisen. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts demonstrierten Frauen mit dem kurz geschnittenen Bubikopf, dass sie emanzipiert sind. Die Popsängerin Sinead O’Connor ließ sich in den 1980er-Jahren das Kopfhaar rasieren, um damit zu verdeutlichen, dass sie nicht als Sexobjekt betrachtet werden will. Bei den Tschambuliern in Neuguinea, die eine matriachalische Gesellschaftsordnung haben, sind es noch heute die Frauen, die kurze Haare tragen, während die Männer viel Zeit damit verbringen, ihr langes Haar zu frisieren, zu Zöpfen zu flechten oder Locken zu drehen. Haare können Symbole für Überzeugungen und Anschauung sein. Auch in dem Musical „Hair“, in Deutschland 1968 uraufgeführt, spielen Haare eine wichtige Rolle: „My hair like Jesus wore it, Hallelujah, I adore it. Hallelujah; Mary loved her son. Why! Don’t my mother love me?” („Mein Haar, wie Jesus es

trug, Hallelujah, ich verehre es. Hallelujah; Maria liebte Ihren Sohn. Warum liebt meine Mutter mich nicht?)“, heißt es in einem Lied daraus. „Hair“ erzählt die Geschichte langhaariger Hippies, die im „Zeitalter des Wassermanns“ in New York leben und sich gegen ihre Einberufung als Soldaten im Vietnamkrieg wehren. Auch hier waren Haare ein wichtiges Ausdrucksmittel, um gegen die bestehende Ordnung zu protestieren, charakteristisch auch für eine Zeit in der Afrofrisuren in Mode kamen, um damit Solidarität mit den schwarzen Mitbürgern zu bekunden. Kampf gegen Krieg, Gewalt und Rassismus, Konflikte mit der Elterngeneration und die Hoffnung auf ein neues friedliches Zeitalter, das „Wassermannzeitalter“, bestimmten auch die Ziele und das Lebensgefühl der revoltierenden Studenten in Deutschland. Einer von ihnen war Christian Bundt – auch er selbstverständlich mit einer Frisur, die nicht allen gefiel. In einer Radiosendung erzählt er: „Wir liefen äußerst extrovertiert durch die Gegend, in gestreiften Jacketts und natürlich langen Haaren und Schlaghosen, die wir aus Amerika mitgebracht hatten. Und damit waren wir immer abends unterwegs. Mit den langen Haaren da kriegte man natürlich öfter mal Stress mit Bauarbeitern, wenn die sagten: „Na, bist Du ein Junge oder ein Mädchen? Und man hat dann geantwortet: „Komm mal her, dann zeig ich es dir schon, dass ich ein Junge bin.“ Man wurde als öffentliches Ärgernis empfunden. Aber man wollte sich nicht prügeln, man suchte die Konfrontation nicht. “ „Menschliches Haar ist eine „aufzeichnende Faser“, die Veränderungen des Stoffwechsels vieler Elemente über lange Zeiträume widerspiegeln kann und so eine Kopie vergangener Ereignisse in der Ernährung liefert“, schreiben

die Wissenschaftler Strain, Pories, Flynn und Hill. Haare haben die Fähigkeit, bestimmte Stoffe über lange Zeit zu speichern. Mit jedem Zentimeter Haar wächst dieses Informationsarchiv. Die Gerichtsmedizin kommt mit Hilfe der Haare Drogensündern und so manchem Giftmord auf die Spur. Mittels chemischer Analyse der Haare kann man außerdem die Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen oder eine eventuelle Belastung des Organismus durch Schwermetalle herausfinden. Und der Kabarettist Piet Klocke weiß zu berichten: „Durch Haartests kann man heute feststellen, ob zum Beispiel so eine ägyptische Königin bei offener Pyramide geschlafen hat.“ Die Grundsubstanz, aus der sich unser Haar aufbaut, ist Horn, auch Keratin genannt: Proteine mit großer chemischer Widerstandskraft und mechanischer Stärke. Zirkusartisten, die mit ihrem Körpergewicht nur an ihren Haaren hängen, demonstrieren die enorme Belastbarkeit dieser kleinen, zugfähigen und biegsamen Hornfäden. Bereits im frühen Embryonalstadium, im ersten Monat nach der Befruchtung, bilden sich alle Haarbälge oder Follikel, aus denen dann die Haare wachsen. Im fünften Monat entwickelt der Embryo Haare auf Kopf und Stirn, die er dann einige Monate vor der Geburt wieder verliert. Manche Frühchen tragen noch ihr „Embryofell“ wenn sie das Licht der Welt erblicken. Haare als Kletterseil – mit einer Länge bis zu zehn Metern – wie bei Rapunzel gibt es allerdings nur im Märchen. Auch kräftiges Haar fällt nach zwei bis sechs Jahren aus. Nur wenige Menschen haben eine Haarlänge von über einem Meter, wie die Chinesin Xie Qiuoing, die 31 Jahre lang auf den Friseurbesuch verzichtete und mit 5,6 Meter langen Haaren im Guiness-Buch der Rekorde steht.

Haare lassen sich in zwei Typen einteilen: Wollhaare und Terminalhaare. Eine Einteilung, die vor allem auf der unterschiedlichen Größe basiert. Terminalhaare sind gröber, pigmenthaltig und länger. Unser Kopfhaar gehört dazu, Barthaare, Augenbrauen und Augenwimpern, sowie Schamhaare, Haare unter den Achseln, in Nase und Gehörgang. Wollhaare (oder Vellushaar) sind feiner, kürzer und meist ohne Pigmente. Sie bedecken fast vollständig unseren Körper mit Ausnahme von Hand- und Fußflächen sowie Finger- und Zehenkuppen. Sie sind vergleichbar mit dem Wollhaar der Tiere. Doch während langes Haar als Synonym für Weiblichkeit betrachtet wird, wird starke Körperbehaarung – nicht nur bei Frauen – als unästhetisch und ungepflegt empfunden. „Schwarze Brauen, sagt man, sind schön bei manchen Frauen. Nur muss nicht zu viel Haar darin sein, nur ein Bogen, ein Halbmond, fein gemacht wie mit der Feder.“ So sah es schon William Shakespeare. Und so zog und zupfte die Weiblichkeit schon im alten Rom an jedem Härchen, das sich an den vermeintlich falschen Stellen entwickelte: unter den Achseln, an den Beinen oder im Gesicht. Ein Damenbart? Nein, danke! Charlotte Roche, die in ihrem Roman „Feuchtgebiete“ für eine Natürlichkeit kämpft, die die Haare sprießen lässt, wo immer sie wollen, wo alles schleimen und stinken darf wie die Natur es vorgesehen hat, ist – was das Gros der Weiblichkeit betrifft – noch immer die Ausnahme. Vom gezwirbelten, gestutzten Schnurrbart über den altehrwürdigen Rauschebart bis hin zum machomäßigen Dreitagebart, war und ist der Bart – zumindest bei Völkern die zum Bartwuchs neigen – ein Zeichen für Männlichkeit. „Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Im Feld den ganzen Sommer war // Der rote Mohn so rot nicht wie dein

Haar. // Jetzt wird es abgemäht, das Gras, // Die bunten Blumen welken auch dahin. // Und wenn der rote Mohn so blass // Geworden ist, dann hat es keinen Sinn, // Dass es noch weiße Wolken gibt... Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt. // Du sagst, dass es bald Kinder gibt, // Wenn man sich in dein rotes Haar verliebt, // So rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.“ So dichtete François Villon, gestorben 1464. Die Anzahl unserer Haare, Verteilung, Farbe und Stärke sind genetisch bedingt. Unser Haar gehört zu den Körperteilen, die sehr früh schon Alterserscheinungen aufweisen, indem sie Glanz und Farbe verlieren. „Sie wollte blond wie eine Semmel sein // Blond, blonder als der Sonnenschein // Blond, blond wie ein Weizenfeld // Weil Blondinen vieles leichter fällt...“, singt Rainhard Fendrich, geboren 1955. Dreiunddreißig Songtexte mit der Zeile „blondes Haar“ wurden in einer Datenbank gefunden. Fünfundzwanzig Treffer gab es für „schwarzes Haar“, dreizehn für rotes und vier für braunes. Allen Blondinenwitzen zum Trotz: Seit der Antike bis heute war und ist blond in Europa und über Europa hinaus die beliebteste Haarfarbe. Villon gehört insofern zu den Ausnahmen. Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte zeigt Botticellis Venus, Fra Angelicos Maria, Dürers Eva, Nymphen, Musen oder Prinzessinnen mit langen blonden Haaren, auch oder gerade in Kulturen, in denen die Menschen überwiegend dunkelhaarig waren. Ob Marilyn oder Madonna, Sharon Stone oder Paris Hilton – auch heute tragen viele Männer eine blonde Ikone in sich, während sich mehr Frauen einen Mann mit braunem oder schwarzem Haar wünschen. Blond gilt als feminin und kindlich und ist die Farbe von Engeln, Feen, Prinzessinnen: hell, licht,

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