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Um ein Haar Text: Inge Kurtz Fotos: Maia Flore

Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt – unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Eine kleine Kulturgeschichte über das, was wir täglich mit uns herumtragen.

„Eine Locke von deinem Haar, wäre schon wunderbar, eine Locke von dir, für mich als Souvenir,“ dies wünschte sich im Jahre 1967 der belgische Schlagersänger Salvatore Adamo in seinem sehr bekannten Chanson. Nicht erst seit damals besitzt die Haarlocke eines geliebten Menschen eine besondere Bedeutung. Bereits auf ägyptischen Grabmalereien, findet sie sich als Symbol für ewige Liebe und Treue. Auch im 19. Jahrhundert war es Mode, Nachfahren und Freunden zur Erinnerung und als Zeichen der Zuneigung Ringe zu schenken, die eine Locke des eigenen Haares beinhalteten. In den Vereinigten Staaten von Amerika hinterließen die Soldaten des Bürgerkrieges ihren Verwandten eine Haarlocke bevor sie in den Krieg zogen. Fiel ein Soldat, wurde diese in einem Schmuckstück aufbewahrt. Ob gelockt oder glatt, kurz geschnitten oder lang über die Schultern fallend, wild drapiert oder züchtig versteckt, unsere natürliche Kopfbedeckung war schon immer mehr als nur ein Schutz gegen Sonne und Kälte. Seit Jahrtausenden haben die Menschen den Haaren eine besondere Rolle und Symbolik beigemessen: Haare galten als Sitz der Seele und der Lebenskraft, sie standen für körperliche Stärke, weltliche Macht und magische Kräfte, waren Sinnbild für Erotik, Gesundheit und Jugend. „Haar! Wundervoller Mantel des Weibes in Urzeiten, als es noch bis zu den Fersen herabhing und die Arme verbarg,“ schwärmte Gustave Flaubert und Mark Twain befand: „Es ist töricht, sich

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im Kummer die Haare zu raufen, denn noch niemals ist Kahlköpfigkeit ein Mittel gegen Probleme gewesen.“ Dass der Verlust der Haare gleichbedeutend ist mit dem Verlust von Macht und Lebenskraft zeigt schon die biblische Geschichte von Samson und Delilah. Samsons Kraft lag in seinen Haaren. Nachdem Delilah ihm diese abschnitt, war er machtlos. Auch einige Indianerstämme glaubten, mit dem Skalp ihrer Gegner deren Kraft zu erlangen. Über Jahrhunderte hinweg raubten und rauben Menschen anderen die Haare, um sie zu demütigen und zu zerstören: Griechen und Germanen taten es mit ihren Sklaven. Und auch die Nationalsozialisten rasierten den Häftlingen in den Konzentrationslagern die Haare ab, um sie im wahrsten Sinn des Wortes bloßzustellen. Helga Luther, die wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Lächerlichmachung des Führers“ im Konzentrationslager Ravensbrück einsaß, erzählt in einem Tondokument: „Ich hatte so Haare bis über die Schulterblätter, und da war’n so zwei Frauen. Ich wusste ja nicht, dass es Häftlinge sind. Ich wusste ja überhaupt nicht, wie ein Häftling aussieht, und die sagten dann zu mir: “Ja, ja, die kommen auch noch ab.“ Ich sag’: „Was kommt ab?“ „Ja, du blöde Gans, deine Haare.“ Da hab ich das erste Mal geschrien: „Nicht meine Haare!“ Das haben die mit wieherndem Gelächter begleitet, haben reingefasst und haben geschoren, nicht nur die Kopfhaare auch die Achsel- und die Schamhaare. Ich kam mir vor, als ob

man mir mit den Haaren auch die Haut abgestreift hätte, als ob alles, was ich einmal war, weg ist.“ Im Laufe der Geschichte wurden Frauen viel öfter durch das Scheren ihrer Haare bestraft als Männer. Auch in der Zeit der Hexenverfolgung wurden verurteilte Frauen kahl geschoren, weil man glaubte, der Teufel habe nur zu Personen Zugang, die langes Haar besäßen. Heutzutage bestimmen in weiten Teilen der Welt Friseure und die Modeindustrie, welche Haartracht Frauen und Männer kleidet. In früheren Zeiten aber war es in erster Linie die Kirche, die darüber befand, was sich diesbezüglich schickte. „Lehrt Euch nicht die Natur selbst, dass es für den Mann eine Schmach ist, wenn er langes Haar trägt, dass es hingegen der Frau zur Ehre gereicht...? Das Haar ist ihr gewissermaßen als Schleier verliehen worden“, schrieb der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther. Loreley, Lilith, Rapunzel, Lady Godeva... Sänger und Dichter huldigen seit jeher vorzugsweise Frauen mit langen üppigen Haaren. „Hör zu, Maler, mal mir eine Frau ohne Hemd, wie Gott sie schuf, blonde Haare, der Zopf gelöst, mit einem frechen Blümchen auf dem Kopf“, dichtete Giorgio Baffo, ein italienischer Senator aus dem Venedig des 18. Jahrhunderts. Über die Zeiten hinweg galt und gilt langes Haar als weibliches Geschlechtsmerkmal und sexuelles Symbol – selbst als es Mode war, dass Männer ihr Haar ebenfalls lang trugen. In polytheistischen Religionen wurde

NOVA - Das Frauenmagazin mit Eigensinn  

Für die erste Ausgabe von NOVA haben sich über 30 Leute engagiert – zum Großteil unentgeltlich. Doch ein Magazin auf die Beine zu stellen, b...

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