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No Robots Magazine

#3, Oktober 2016

Heimat


n e h c s n e Normale Mhichi statt C irdy.de

heute:

early-b Roxy von

u o y , Girl ! d o o g k loo


Hallo! Grüßgott! Bei uns in München läuft ja gerade das Oktoberfest - das heimatlichste Heimatfest der Welt ... für Touristen Also, was ist Heimat eigentlich? Ist es ein Ort? Oder ein Gefühl? Ist Heimat etwas Schönes? Oder ist Heimat vielleicht ein rechter Begriff, der gar nicht mehr in unsere Zeit passt? Um all diese Themen geht es in dieser Ausgabe. Um das Wegehen, das Kommen, das was bleibt und das was nie wieder kommt. Sabine erzählt, wie sie aufs Land zog, während Corinne und Indre von ihrer Liebe zur Stadt sprechen. Nina hat ihre Heimat verloren, während Natalia und Galina als Kinder in ein fremdes „Zuhause" kamen. Für sie alle ist Heimat etwas anderes. Was ist es für dich? Ich hoffe, du befindest dich an einem schönen Ort und kannst in Ruhe diese Ausgabe genießen. Lass doch im Anschluss gerne einen Kommentar auf www.norobotsmagazine.de und erzähle mir von deiner Heimat! Deine

Larissa

! e m w o Foll facebook.com/norobotsmagazine twitter.com/NoRobotsMag


S. 8 München ist ein Dorf S. 14 S. 12 Berlin, Berlin Ein Hoch auf die GleichS. 17 gültigkeitt »Wir sind doch keine Russen!« S. 20 S. 23 »Psst, seid leise!« Zerbrochene Heimat ...und mehr!

Inhalt.

von Sabine Rest

von Corinne Luca

von Indre Zetzsche

von Larissa Strohbusch

von Julia

von Nina M. Jaros

Impressum Redaktion:

Larissa Strohbusch Klingerstr. 8 81369 München E-Mail: redaktion@norobotsmagazine.de Layout: Larissa Strohbusch Autoren: Corinne Luca, Fabian Wiesner, Gudrun Hoffmann-Schoenborn, Indre Zetzsche, Julia, Larissa Strohbusch, Nina M. Jaros, Sabine Rest Bildnachweis: Titel: Unsplash/Carlyle Tylkowski, S. 2: Moritz Schwind, S. 3: Flaticon, S. 5: Unsplash/Noah Rosenfield, S. 6/8-9: Larissa Strohbusch, S. 10-11/28/30: Pexels.com, S. 12-13/20-21: Unsplash/Roman Kraft, S. 14-16: Unsplash/Matthew Wiebe, S. 14: Unsplash/Matt Wilson, S. 16: Unsplash/Camila Damásio, S. 17: Unsplash/Benjamin Balazs, S. 18-19: Unsplash/Patrick Hendry, S. 23: Unsplash/Alex Krivec, S. 24-25: Unsplash/Maxime Staudenmann, S. 26: Unsplash/Annie Spratt, S. 27: Unsplash/Natalie Collins, S. 31 Unsplash/Ben White, S. 32/33: Unsplash/Priscilla Westra, S. 34: Unsplash/Quentin Dr, S. 36/37: Hannah Rodrigo, S. 38-39: Freepik, S. 40: Unsplash/Matt Jones 

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Home is ...

von Larissa Strohbusch


Im Englischen ist es simpel: Home, das kann genauso gut dein gegenwärtiger Wohnort sein, als auch deine Heimat. Im Deutschen können wir trennen, aber das macht es nicht einfacher. Auf der einen Seite haben ein fast schon lapidar dahin geworfenes „zu Hause“. „Zu Hause“, das ist meistens der Ort, dessen Adresse in unserem Personalausweis steht. Gelegentlich fahren wir auch „nach Hause“ und meinen damit unser Elternhaus – nur um geraume Zeit später mit „nach Hause“ wieder die Gegenrichtung zu meinen. Und manchmal ist das „Zuhause“ sogar nur da, wo wir die nächste Nacht verbringen werden. Es ist nicht immer gleich klar, wovon aktuell die Rede ist. Aber es lässt sich ungefähr erahnen. Ganz anders sieht es mit dem Begriff „Heimat“ aus. Heimat, das kann alles sein. „Home is where your heart is“, schlägt mir Google vor. Oder: „… where your bag is“. Oder: „… whereever I‘m with you“. Oder: „… where wifi connects automatically“. Oder auch: „… such a lonely place“. Heimat, das klingt nach Heimatfilm und Musikantenstadl, nach grünen Wiesen und Rehkitzen. Für manche klingt es auch nach Nazi-Couleur, je nachdem, auf welche Ohren es trifft. Was ist also Heimat? Das kann jeder nur für sich selbst beantworten. Und mir fällt diese Antwort unheimlich schwer. Als Kind, da hätte ich vielleicht gesagt: „Da,

wo ich herkomme.“ Das war lange ein altes Fachwerkhaus mit grünen Wiesen hinterm Haus. Erinnerungen habe ich an dieses praktisch keine. Aufgewachsen bin ich zwei Dörfer weiter, in einem Haus aus den Siebzigern mit einem dunklen Wald auf der anderen Straßenseite. Achtzehn Jahre lang habe ich dort gewohnt. Doch ein Gefühl der Heimat hat sich nie eingestellt. Ich bin mit einem Ressentiment dort eingezogen, das man bei einer Dreijährigen wohl erwarten, aber auch getrost ignorieren kann. Doch das Gefühl blieb. Das Gefühl von „Ich bin hier nicht zu Hause, ich möchte hier nicht bleiben“. Überall, nur nicht hier: Heimat musste woanders sein. Und das Gefühl weitere sich aus. Auf das Dorf mit dem Fachwerkhaus – bis in die Kreisstadt. „Wo willst du denn hin?“, schrie mich viele Jahre später ein wohl recht patriotischer Liebhaber unserer Region an – in Schweden, was zu der Zeit mein Zuhause war. „Glaub bloß nicht, dass es woanders besser ist!“, giftete er. „Geh ruhig, du wirst schon sehen, dass es woanders auch nicht anders ist.“ Ich wollte mir selbst beweisen, dass er nicht recht hatte. Also ging ich. Ich war im Norden, außerhalb von Deutschland (siehe oben), ich war im Osten, in „DunkelDeutschland“, und schließlich landete ich „irgendwie nicht mehr in Deutschland“, im Süden. Nicht ganz freiwillig, sondern der Liebe und der lieben Arbeit wegen. Ich war gerade erst zwecks Wohnungssuche in der Stadt angekommen, da hing ich im HostelAufzug weinend am Telefon und schrie meinen Mann an: „Ich hasse diese Stadt jetzt schon!“ Ich hasste die Verkehrsführung, in der ich mich kurz zuvor heillos verfahren hatte. Ich hasste es, dass Brötchen hier „Semmeln“ hießen und die Brezeln


kein L besitzen. Ich hasste den Mietpreis meines kleinen WGZimmers. Ich hasste die Kleidung, die ich in der U-Bahn sah – von Dirndl bis Pelzjacke. Ich hasste es, mich als „Preiß“ fremd zu fühlen im eigenen Land. Ich blieb pedantisch und klammerte mich an mein Hochdeutsch. Die Zeit ging, wir blieben. Ich fand Freunde, viele davon sogar „echte“ Bayern. Ich mietete eine eigene Wohnung an. Ich bekam ein Kind, in dessen Papieren diese fremde Stadt als Geburtsort eingetragen ist. Ich habe gelernt, dass man kein Dirndl tragen, ja nicht mal das Oktoberfest besuchen muss, wenn man hier leben will. Beim Bäcker bestelle ich immer noch Brötchen, aber ich sage genauso selbstverständlich „Grüß Gott“ wie Hallo und natürlich heißt es „a Brez‘n“. Wir sind hier zu Hause. Aber ist es auch unsere Heimat? Besuchen wir Berlin oder das „Anti-München“ im Norden, dann bekommen wir Fernweh. Dann machen wir uns frustriert auf den Rückweg und beschweren uns darüber, dass schon wieder einer der tollen Indie-Clubs in München geschlossen wurde, dafür aber Limp Bizkit als heißer Act auf dem Rockavaria spielen. Wir schimpfen immer noch auf die Mietpreise und mindestens ein Mal im Jahr explodiert unser Frust in ein „Lass uns woanders hinziehen!“. Wohin? „Zurück nach Hause!“ Ich erkläre immer noch, dass ich nicht ordentlich Fahrrad fahren kann, weil man bei „mir zu Hause“ irre sein muss, wenn man ohne Elektro-Antrieb Rad fährt. Ein kleines Obstmesser heißt bei mir immer noch „Knippchen“ und wenn jemand beim Spielen schummelt, dann rufe ich: „Du hast gefuddelt!“ Dreht sich das Gespräch um Fußball, dann frage ich meinen Mann, wie Dortmund sich gerade schlägt. Das hat keinen besonderen Grund. Außer dem, dass ich doch nun mal aus Südwestfalen komme. Und da liegt Dortmund eben nahe.

Doch bin ich „zu Hause“, dann stellen sich mir schon nach wenigen Minuten die Nackenhaare auf, wenn mich Leute mit „Schur!“ begrüßen (ein Übrigbleibsel von den Franzosen – ja, da hieß es noch „bonjour“), wenn jemand „Mussick hören tut“ oder „essen“ in der zweiten Person Singular mit „issest“ konjugiert. Hier bin ich vielleicht beheimatet, aber nicht mehr zu Hause. Dann fühle ich mich plötzlich ganz bayerisch und vermisste beinahe die Lederhosen, die ich sonst so greißlich finde. Heimat – was ist das nun, frage ich mich. Komme ich aus der Heimat oder bin ich in ihr angekommen? Oder suche ich sie vielleicht sogar vergebens? Hat jeder eine Heimat oder ist es ein glückliches Geschenk für Auserwählte? Heimat, das kann Tausend Gesichter und Tausend Gründe haben. Heimat, das ist für mich der Ort, wo mein Mann und mein Kind sind. Heimat, das ist ein Ort, den ich manchmal hasse – aber noch mehr liebe, wenn ich an einem sonnigen Tag all die Menschen auf der Straße sehe. Heimat, das ist, wenn ein Ort nicht mehr nur aus Namen auf dem U-Bahn-Plan besteht – sondern die schwarzen Flecken auf der Karte langsam weniger werden. Heimat ist, wenn man sich mit jemandem an Ort XY treffen will und nicht erst die Öffi-App fragen muss, wie man dort hinkommt. Heimat, das ist, wenn man schon okay findet, wie die Leute um einen herum reden. Heimat ist, wenn man sich im nächsten Supermarkt bestens auskennt. Heimat ist, wenn man durch die Stadt kennt und an jeder Erinnerungen wohnen: Orte, an denen man sich mit Freunden geplaudert, Kneipen, in denen man mal gefeiert hat oder auch: Wohnungen, die man nicht bekommen hat. Das alles ist Heimat für mich. Und was ist es für dich?


Münch von Sabine Rest

ist


hen

Titelthema Schließlich war unser Leben doch anders hier als auf dem Land. Wir sind die meiste Zeit mit dem Fahrrad herumgefahren und nicht mit dem Auto. Wir hatten unsere Crew am Spielplatz getroffen und haben erst gegen 4 Uhr nachmittags überlegt, was wir denn zum Abendessen machen. Dann sind wir noch schnell zum Türken was einkaufen gegangen. Oder zum Griechen. Oder zum Edeka. Oder zum Aldi. Mein erster Weg führte mich zur San Francisco Coffee Company. Die Jungs wollten Babycappuccino – okay, sie erinnern sich doch. Bisschen nostalgisch war ich da. Habe ich mich dort oft mit meiner Freundin getroffen. Die ist inzwischen auch weg. Und während wir da so draußen sitzen und ich irritiert bin, dass alles noch so aussieht, wie es mal war, treffe ich die erste Bekannte. Eine Frau, deren Namen ich nicht mehr weiß, aber die ich immer exakt an dieser Stelle traf. Sie wohnt ein Haus weiter und die Schneise hin mit dem San Francisco an der Ecke ist ihr Weg. Ich kreuze also nach einem Jahr wieder ihren Weg. Wir unterhalten uns kurz. Wie immer. Sie sagt, dass die anderen Zwillinge vom Viertel sich nachher im Biergarten treffen. Ich verspreche, vorbeizuschauen. Ich weiß nicht, ob ich das so richtig wiedergebe, aber unser letztes Gespräch verlief ähnlich. Sie lehnte auf ihrem Fahrrad, ihre Kinder waren um sie herum und die Sonne schien. Alle unsere Gespräche verliefen so. Die Menschen gehen weiter ihren Weg. Ob du nun da bist oder nicht. Wären wir wieder hergezogen, dann hätte sich diese Bekanntschaft wieder nahtlos eingefügt. So, als ob wir nicht weg gewesen wären. So muss es sich anfühlen, in sein Dorf zurückzukehren. Alles auf Anfang. Alles wie immer. Wir gehen weiter auf unseren alten Wegen. Manchmal hat sich ein Laden verändert, ist plötzlich aufgeploppt und wirkt für mich irgendwie unwirklich. Es gibt jetzt einen veganen Supermarkt mit Superfood und eine Salatbarkette. Früher war an der Stelle ein Jogging-Laden. Man geht halt mit dem Trend. Das ist München. Mein Sohn legt sich plötzlich auf den Boden. Er will nicht weiter. Ich verspreche

t ein Dorfrf Stellt euch vor, ihr seid ein Stadtmensch. Vielleicht müsste ihr euch das auch gar nicht vorstellen. Aber ich versuche mal, präziser zu sein: Stellt euch vor, in eurer Stadt gibt es ein Viertel,in dem ihr echt lange gelebt habt. Als Student irgendwann hingezogen, verliebt, verlobt, zusammengezogen, Kinder. Das erste Jahr mit Baby. Und dann stellt ihr fest, dass ihr noch an keinem Ort zuvor so lange gelebt habt wie dort. In jenem Viertel. Mir geht es so. Ich habe die größte Zeit meines bisherigen Lebens im Münchner Westend verbracht. Dann bin ich verschwunden. Aufs Land verzogen. Nach genau einem Jahr bin ich zum Sommerfest-Picknick unserer ehemaligen Krippe wieder dahin zurück gekommen. Ich war neugierig, wie die Kinder auf ihre alte Heimat reagieren. Ob ihnen bestimmte Menschen, Kinder und Plätze noch was sagen.

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zu zweit. Ich habe mich schneller ans Land angepasst, als ich dachte. Eine Mutter bemerkt trocken, dass ich ganz schön bayerisch reden würd. Ich muss fast lachen. Dass muss ich meinen Landfrauen erzählen. Die kippen mir glatt vom Stuhl. Grad ich. Ich rede ein gepflegtes Münchner Hochdeutsch. Die müssten hier mal hören, wie es klingt, wenn man wirklich Dialekt spricht. Da ist das hier nicht mehr München, sondern Minga und kein Mensch würd glauben, dass man sich hier wie am Dorf vorkommen könnt. Ich bemerke, dass es wenig zu essen gibt. Aprikosen, Reiswaffeln, jemand hat Pizza besorgt. Auch das ist normal hier. Meine Landfrauen haben mich stadttechnisch völlig ruiniert. Die würden einen Haufen Essen zu einem Picknick anschleppen – glaub ich zumindest. Ich habe auch Kuchen gemacht und habe belegte Brote dabei. Massenweise. Letztes Jahr ist mir das auch noch nicht passiert. Die Details, die anders sind, sind nicht die Details, die ich so damals im Blick hatte. Die Leute verändern sich nirgends. Vielleicht sind neue Gesichter dazugekommen, aber wie man sich so verhält, was man so macht, da gibt es überall Rhythmen, aus denen nicht ausgebrochen wird. Klar, die meisten Frauen arbeiten. Man tauscht sich schnell über Berufe und Perspektiven aus. Meine Landfrauen arbeiten auch, aber darüber wird nicht so viel gesprochen. Wer nicht arbeitet, der arbeitet auch nicht weniger. Der hat dann halt Hühner oder so. Die Männer sind auch hier selbstständig oder auch nicht. Aber der Beruf Schreiner kommt nicht vor. Die arbeiten hier in verenglischten Berufsbezeichnungen und sitzen im Büro. Aber tauchen zu großer Zahl an einem Freitagnachmittag beim Picknick auf. Jetzt heulen meine Kinder fast, weil wir gehen. Sie wollen ihre alte Erzieherin am liebsten mitnehmen. Ich verspreche den Spielplatz am Biergarten. Das stimmt sie zumindest friedlich. Es wuselt am Biergarten und doch finde ich meine Zwillingseltern wieder. Ein Dorf. Dieses Viertel ist ein Dorf und die Leute verlassen die Dorfgrenze nicht. Aus der Masse an Aktivitäten und Plänen, die eine

ihm den Kuchen, den ich gemacht habe. Er mag nicht zum Picknick. Er mag nicht, dass er nicht weiß, was passiert und wen er trifft. Verdammtes Landei. Ich zweifle an der Idee und schubse ihn mit Worten liebevoll weiter. Für das letzte Stück brauchen wir eine gefühlte Ewigkeit, aber schließlich sitzen sie auf einer Decke am Rand der Feier und mampfen Kuchen. Unser Kuchen lockt die anderen Kinder an und es dauert nicht lange, da ist er mit der Situation doch einverstanden und verschwindet auf dem nahegelegenen Spielplatz. Es ist so unglaublich voll hier. Ich bin unsicher, wie stark ich auf meine Kinder achten soll. ich habe vergessen, was so der Rahmen der Freiheit ist. Ich mein, der ganze verdammte Park ist voller Leuten. Waren hier immer so viele? Habe ich meine Kinder hier früher so unbekümmert zwischen den ganzen Menschen herumlaufen lassen oder hab ich die dabei beobachtet? Ich weiß es nicht mehr. Die Begrüßung mit den anderen Eltern verläuft herzlich. Die meisten Väter sitzen im Anzug oder schon im Freizeitdress auch mit auf den Decken rum. Ja, da ist normal hier. Moderne Elternschaft und so. Working parents, Kinderkrippe. Wo ich jetzt herkomme, taucht die Mehrzahl der Frauen alleine mit ihren Kindern auf. So wie ich heut. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, meinen Mann zu überreden mitzufahren. Wie schnell man sich an Geschlechterrollen gewöhnt. Man macht immer das, was die Mehrheit macht. Picknick am frühen Freitagnachmittag? Frauensache. Die letzten Jahre waren wir hier

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Titelthema ganze Stadt bietet, wählt man halt doch nur das, was im Viertel passiert. Da passiert ja auch genug. Keiner würde groß mit einem Auto rumfahren. Und fährt man mal mit der U-Bahn bis zum Marienplatz, dann sagen die hier: Wir sind in die Stadt gefahren und das ist als Ausflug zu werten. Der Radius auf dem Land ist viel weiter als in der Stadt. Da fährt man zu dem nächsten Dorf zwengs am Judounterricht und zum nächsten für die Milch. Das fällt einem erst auf, wenn man weg ist. Die Entfernungen schrumpfen. Meine Freundin hat mal gesagt, der Weg von der Stadt zum Land ist viel weiter als umgekehrt. Da hatte sie recht. Es ist kein großes Ding, mal eine Stunde wo hinzufahren, aber ich bin nie freiwillig weit aus dem Viertel rausgefahren, als ich noch hier lebte. Obwohl es kleiner war, war es groß genug. Mein Sohn fällt von der Wippe und heult, es ist Zeit zu gehen. Die sind jetzt müde. Komisch, dass ich die Zeit überhaupt nicht im Blick hab. Ich muss doch noch weiter fahren und nicht bis um die Ecke. Ich bin deswegen aber überhaupt nicht nervös. Dann fahr ich halt noch. Ich muss das Abschlusseis noch einlösen. Die Schlange ist mir zu lang am Biergarten und ich will zum Edeka. (Allein bei dem Gedanken, dass mir irgendwo zu viel los sein könnte, da muss ich schon innerlich grinsen) Als wir den Biergarten verlassen, sagt eine Frau grad zu ihrer Tochter, sie solle zum X gehen. Mein Sohn horcht auf und sagt, er sei X. Sie lächelt und meint, dass ihr Sohn auch so heiße und sie den Bruder des Mädchens meinte. Mein Sohn sagt, sein Bruder heiße Y. Da bleibt die Frau stehen und lächelt diesmal mich an. Ihr Sohn heiße XY. Da grinse ich auch. Wir erinnern uns beide an ein lustige Gespräch vor Jahren vor dem Italiener im Viertel. Da haben wir nämlich festgestellt, dass sie ihren Sohn XY genannt hat und ich meine Zwillinge X und Y. Und wir fanden es total witzig. Ein bisschen ist sie irritiert, mich zu treffen und dann geht sie wieder weiter.

eingefroren. Irgendwie bin ich auch stolz, dass ich so verwurzelt war. Dass ich ein Dorf hatte, in dem ich viele zu kennen schien. Es ist erst ein Jahr vergangen. Vergehen zehn Jahre, lehnt die Frau vielleicht nicht mehr an der einen Stelle an ihrem Fahrrad oder versammeln sich die üblichen Verdächtigen um den Spielplatz am Biergarten. München ist nur die Imitation eines Dorfes. Für eine gewisse Zeit fühlt es sich wohl ähnlich an, aber die Besetzung wechselt schon schneller. Die meisten, denen ich begegnet bin, sind hier nicht geboren worden und aufgewachsen. Wir kennen uns nicht aus Schulzeiten und es tauchen bei jedem Lebensabschnitt nicht immer wieder die gleichen fünf Hanseln auf. Aber ist man in einem bestimmtem Lebensabschnitt, dann kommt man auch nicht voran ohne einen Ratsch an der Ecke. Ich habe ein paar Leute zu uns eingeladen. Vielleicht verlassen sie für uns doch mal das Viertel. Für einen Kaffee am Land.

Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Sie bloggt sie über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen. Dieser Artikel erschien zuerst auf fadenvogel.de.

Beim Edeka, den ich echt in und auswendig kenne, fröstelt es mich dann doch. Wenn was total gleich aussieht. Und ich den Impuls unterdrücken muss, hier noch schnell was einzukaufen. Die Zeit schien

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Berlin, Berlin

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hat dreitausend Einwohner. Ich war in den letzten Wochen viel da. Es ist wunderschön dort und es schreibt sich ganz fantastisch unter einem alten Kirschbaum in einem traumhaften Garten. Untermalt von der Geräuschkulisse der Landmaschinen, Rasenmäher und Kreißsägen – Einer der größten Mythen über das Leben auf dem Land ist ja, dass es dort ruhig zugeht. – habe ich es nicht ganz geschafft, meine Sommerpause einzuhalten. Ich liebe diesen Ort. Aber das Zuhausegefühl überkommt mich schon lange, wenn ich von der A100 aus den Funkturm erblicke. Berlin ist meine Heimat.  Zehn Jahre bin ich nun hier. In Berlin ist bald Wahl und nicht nur deswegen ist die Stadt gerade Lieblingskind der Feuilletonisten.

von Corinne Luca

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Titelthema beschweren, denn ich sehe sie nur sehr selten, wenn sie sich auf dem Weg nach Schönefeld im Bus gerirrt haben. Der wichtigste Teil, der einen Ort zur Heimat macht, sind die Menschen. Und trotzdem würde es mir äußerst schwer fallen, mit ihnen Wuppertal oder Osnabrück als neue Basis zu wählen. Die Vorteile von Berlin sind nicht nur Theater oder Ausstellungen, die Parks und die Tatsache, dass es einfach eine Großstadt ist, die aus vielen kleinen Städten besteht, in denen man im Supermarkt mit Namen begrüßt wird. Berlin ist für mich einfach dieser unerwartete, anziehende, magische Ort. Wenn man versucht, Gefühle zu erklären, verlieren sie oft ihren Zauber. Sie werden nur noch eine Aneinanderreihung von versuchten Argumenten, die andere so leicht madig machen können. Deshalb schreibe ich jetzt einfach nicht mehr weiter. Denn es ist schon alles gesagt: Berlin ist einfach mein Ort. Mein Zuhause.

Ein komplettes Genre scheint sich nur damit zu beschäftigen, wieviel besser hier früher alles war. Als man noch für 300 Mark im 200 Quadratmeter Altbau wohnte, die Drogen etwas taugten und nichts Unangenehmes passierte. Jemals. Oder es keinen interessierte, weil alle viel entspannter waren. Nicht nur die Feuilletonisten und Onliner fühlen sich diesem urbanen Mythos verpflichtet, sondern auch viele reale Berliner. (Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den schlecht bezahlten Onlineredakteuren und dem Typ neben mir im Biergarten um die gleiche Person handelt, auch sehr hoch ist). Sie neigen sich bei ihren Erzählungen verschwörerisch herüber, um zu verkünden, dass man leider selbst mindestens fünfzehn Jahre zu spät kam, um diese Zeiten noch zu erleben. (Mein elfjähriges Ich war aber leider nicht sehr abenteuerlustig.) Mich beschleicht dann oft das Gefühl, ich habe die ganze Sache mit Berlin grundfalsch angepackt. Vermutlich liegt mein ganzes Verderben darin, dass ich nicht zum Studieren hergezogen bin, sondern erst für meinen ersten Fünfzig-Stundenplus-Job. Gut, ehrlich gesagt: Es war nicht nur die mangelnde Zeit oder naive Entscheidung, in die Nähe der Arbeitsstelle zu ziehen (Hallo Wilmersdorf, goodbye Friedrichshain-Kreuzberg.), die mich um die authentischen Clubbing- und Türstehererlebnisse gebracht hat – sondern meine grundlegend langweilige Persönlichkeit. Heute bringt sie mich dazu, die Stadt richtig gern zu haben, eher wenig zu meckern und mich damit nicht dem aktuellsten Subgenre der Berlinberichterstattung anzuschließen: Ich hatte Alles: das Berghain, die Drogen, den Sex –   Und jetzt, wo ich in Brandenburg wohne, habe ich noch mehr! Denn, das muss man einfach sagen (Ich verabschiede an dieser Stelle einige Hamburger und Münchener Leser_innen, es war mir ein Fest mit euch.): Berlin ist fantastisch und die beste Stadt überhaupt. Auch wenn man dort, wo ich wohne, Smoothie gelegentlich wie Schmoosie ausspricht, es nie einen Frozen-Joghurt-Laden gab und nur ein Kindercafé. Ich kann mich hier nicht einmal über nervige Touristen

Corinne, *1982, ist Autorin des makellosmag. Dort schreibt sie über das Leben und unseren Platz in der Welt - und vor allem über die Stupidität unserer Gesellschaf. Dieser Artikel erschien zuerst auf makellosmag.de

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Heimat. Oder: Ein Hoch auf di Zusammenfassung: Kann eine 3,8-Millionen-Stadt, in der Menschen aus über achtzig Nationen aller Alterskohorten und unterschiedlichster Sozialmilieus leben, eine Heimat sein? Die konservative Kulturkritik antwortet darauf mit einem klaren Nein. Ich sage: Ja, und noch mehr. Die Großstadt kann nicht nur Heimat sein, sie lehrt einen auch, in unserer komplexen, chaotischen Welt heimisch zu werden – und dabei menschlich zu bleiben.

Heimat, schrieb der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger 1980 zum Thema „Kulturelle Identität“, sei die verständliche, durchschaubare Nahwelt des Menschen, der Bezugsrahmen, in dem seine Verhaltenserwartungen an seine Mitmenschen und deren Verhaltensweisen weitgehend zusammenpassen und er selbst darin sinnvoll handeln kann. Damit stehe sie im Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung.


ie Gleichgültigkeit

Titelthema

von Indre Zetzsche dung der Arbeiterschicht dramatische Ausmaße angenommen und in der Weimarer Republik (1918 bis 1933) wurde die Großstadt zum Laboratorium der Lebensstile, in dem alles erprobt und probiert wurde. Doch ihrer Deutung dieser Symptome folge ich nicht. Nach meinem Dafürhalten konnte man die Verelendung der Arbeiterklasse kaum der Großstadt anlasten als vielmehr auf die fehlenden Sozialstandards und Arbeiterrechten zurückführen. Und das zuweilen sehr wilde und ausschweifende Großstadtleben muss nicht zwangsläufig als Sittenverfall gedeutet werden; man kann es ebenso gut (oder noch besser) als einen Zugewinn an Freiheit interpretieren – der Freiheit von Bevormundung und der Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch diese Deutung passt nicht ins zivilisationskritisch-antiliberale Denktableau.

Meine Heimat ist Berlin. Das klingt ein wenig paradox. Kann eine 3,8-MillionenStadt, in der Menschen aus über achtzig Nationen aller Alterskohorten und unterschiedlichster Sozialmilieus leben, eine „durschaubare, erwartungsstabile Nahwelt“ sein? Ist eine Großstadt nicht vielmehr die steingewordene Fremdheit und Entfremdung? Für die konservative Kulturkritik ist sie das seit jeher. Ob der Kulturhistoriker Wilhelm Riehl (*1823; † 1897), der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (*1880; † 1936) oder der Theologe Paul Althaus (*1888; † 1966) – für sie alle standen die schnellwachsenden Metropolen ihrer Zeit pars pro toto für das entfremdete bzw. „entartete “ Leben. Sie sahen in ihr den Quell allen Elends und des Verderbens, die Brutstätte aller Laster, Krankheiten und des sittlichen Verfalls – und ganz Unrecht hatten die Herren (konservative Kulturkritikerinnen ihres Schlages sind mir nicht bekannt) ja nicht.

Das positive Gegenbild zur „bösen" Großstadt fanden die Großstadtverächter übrigens im bäuerlich-feudal geprägten Dorf bzw. der ständisch gegliederten Klein- und Mittelstadt. Mit ihren klaren Hierarchien und vermeintlich gewachsenen Strukturen entsprächen sie dem wahren Naturell des „deutschen Volkes“.

Ich bin in einem Dorf im nördlichen Niedersachsen aufgewachsen. Zwischen Heide und Moor, Wiesen, Wäldern und Feldern. Gleich ums Eck lag die Kiesgrube und eine Fahrradlänge entfernt die Fischteiche. Am Sonntag ging man in die Kirche und nach dem Mittag wurde geruht. Im Sommer feierte man das Schützen-, im Herbst das Erntedankfest und zur Sonnenwende lud Bauer N. auf seinen Hof, auf dem sich auch sonst gerne Alt- und NeuNazis am Lagerfeuer versammelten. Doch darüber sprach man nicht – wie über vieles andere auch. Nichts sollte die dörfliche

In der Hochzeit der Industrialisierung (1871 bis 1910) hatte die Verelen-

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Ordnung stören. Um das zu gewährleisten, trat neben das Tabu die Sozial- und Selbstkontrolle. Wie oft habe ich den Satz gehört: „Was sollen denn nur die Nachbarn von uns denken?“ Als Kind verstand ich nicht, später wollte ich nicht verstehen, was denn so wichtig daran war, was Herr K., Frau S. oder Familie M. über uns dachten. Später verstand ich dann – ich entkam meinen Rufmördern nur knapp. Zuflucht fand ich in der großen Stadt, die mich umstandslos integrierte. Hier war es gleich, welche Kleider ich trug, ob ich eine Frau liebte oder einen Mann, ob ich gern ausging oder ein Stubenhocker war, wer meine Freunde waren und was meine Leidenschaften. Überhaupt war’s egal, was und wer und woher ich war, solange ich mich an die Grundregel hielt: „Leben und leben lassen.“ Und so ist es bis heute geblieben.  

Man kann das als Desinteresse auslegen, als Gefühlskälte oder Ignoranz. Ich sehe das anders. In meinen Augen ist diese großstädtische Indifferenz eine wunder-

bar unkomplizierte Weise, um in der Undurchschaubarkeit und Unverständlichkeit unserer Welt heimisch zu werden – und dabei menschlich zu bleiben. Quelle: 

Bausinger, H. "Kulturelle Identität - Schlagwort und Wirklichkeit, in: Konrad Köstlin u.a. (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur. Neumünster: Wachholtz 1980, S.9-24.

Indre, *1972, lebt seit 21 Jahren glücklich in Berlin. Auf ihrem Blog m-i-ma.de versucht die 2fache Einzelkindmama und Kommunikationsberaterin den Spagat zwischen Lifestyle und Tiefgang. Dabei schaut sie gerne hinter die Kulissen und sucht neue Perspektiven auf das scheinbar Selbstverständliche – ganz gleich ob es um Design oder Politik, Blogs oder Kleider geht.


ÂťWir sind doch keine Russen!ÂŤ von Larissa Strohbusch


mordet wurden. Weil sie Deutsche waren – immer noch, nachdem ihre Familien bereits seit knapp zweihundert Jahren im sowjetischen Raum lebten. Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion kam die Sehnsucht nach der Heimat. Eine Heimat, die viele von ihnen sicherlich noch nie gesehen haben, während ihre Muttersprache ein Anachronismus geworden ist. Aber natürlich war der Wunsch auszusiedeln weit mehr als pure Nostalgie. „Meine Eltern hatten Angst vor der Inflation“, berichtet Natalia. „Sie fanden aber auch den Gedanken sehr reizvoll, jeden Monat ein festes Gehalt zu bekommen. Sich Dinge kaufen zu können, die sie sich wünschen – ohne Schlange stehen zu müssen. Es war also der Kapitalismus, der sie gereizt hat.“ Und da war der Wunsch, nicht mehr länger die deutsche Minderheit unter Russen zu sein. Natalias und Galinas Familien und deren Freunde und Verwandte wollten einfach endlich nach Hause. Natalia kam im Mai 1990 nach Deutschland, da war sie vier Jahre alt. Galina reiste zwei Jahre später ein, siebenjährig. Beide haben sie kaum Erinnerungen an Kasachstan. Natalia kann sich nur nach an den blauen Zaun vor ihrem Haus erinnern, Galina kann ihre Kolchose noch recht deutlich beschreiben, die eingeschossigen Familienhäuser mit jeweils einem Acker hinter dem Haus. Aber es bleiben Erinnerungen aus frühester Kindheit. Beide sind sie in Deutschland aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, haben mit deutschen Freunden gelernt, Abitur gemacht. Genau wie ich. Doch sie kamen als Deutsche und wurden als Osteuropäer aufgenommen: „Ich wurde immer als Russin angesehen, das hat sich lange nicht geändert“, erzählt Galina. „Das war mir peinlich, ich wollte keine Russin sein. Ich wollte einfach nur dazu gehören.“ Natalia erging es ähnlich: „Ich habe mich als Kind dafür geschämt, einen Migrationshintergrund zu haben. Ich wollte nicht auffallen, habe nie russisch gesprochen, hatte immer nur deutsche Freunde.“ Während wir deutschen Kinder hungrig

„In Russland hieß es immer: ‚Ihr scheiß Deutschen!‘. Und in Deutschland hieß es dann plötzlich: ‚Ihr scheiß Russen!‘.“ Natalia ist eine hübsche junge Frau mit großen braunen Augen und dunklen Haaren. Sie ist ein Mensch, der viel lacht und einen quasi dazu zwingt, mitzulachen. Während des Studiums hatten wir gemeinsame Freunde, trafen uns auf WG-Partys oder zum Mittagessen in der Mensa. Nie hatte ich das Gefühl, dass sie irgendwie anders sein könnte als wir anderen. Bis zu dieser Nacht, als sie anfing von ihrer Herkunft zu erzählen. Erst da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass „Natalia“ nicht unbedingt ein deutscher Name ist. (Larissa im Übrigen auch nicht, aber das hat keine weitere Bedeutung.) Anders war das bei Galina. Galina war von Anfang an anders und exotisch, als sie damals im dritten Schuljahr in unsere Klasse kam. Allein schon ihr Vorname lässt vermuten, dass sie in einem anderen Land zur Welt kam. Wir bestaunten sie, ja, im Nachhinein muss ich wohl sagen: Wie ein Tier im Zoo. Wir liebten ihre Prinzessinnenkleidchen und ihre wunderschön geschmückten Haare. Oh, wie enttäuscht wir waren, als sie eines Tages mit einer Kurzhaarfrisur zur Schule kam! Ihre Mutter habe die langen Haare für zu aufwendig gehalten, antwortete sie uns damals. Aber wahrscheinlich wollte sie nur einfach nicht mehr die Exotin in der Klasse sein. Natalia stammt aus Almaty (früher AlmaAta), der ehemaligen Hauptstadt Kasachstan, unweit der kirgisischen Grenze gelegen. Galina verbrachte ihre ersten Jahre im kleinen kasachischen Dorf Gorkunowo, Nahe der Grenze zu Russland. Gemeinsam haben sie, dass ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert dem Aufruf Katharinas der Großen folgten, sich an der Wolga anzusiedeln. Galina kann ihre Familie bis ca. 1766 zurückverfolgen, als ein Urahn sich aus der Nähe von Darmstadt gen Osten aufmachte. Ihre Vorfahren gehörten wohl zu den 350 000 Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg von Stalin zwangsumgesiedelt, verschleppt und möglicherweise sogar er-

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Titelthema diese abenteuerliche Exotik der Neuankömmlinge aufsogen, grenzten wir unsere neuen Freunde unwillentlich aus. Die Neugier der anderen habe ihr immer das Gefühl der Andersartigkeit verliehen, erinnert sich Natalia. „Man hatte das Gefühl, dass man bloßgestellt wird“, fügt Galina hinzu. „Als Kind oder Jugendliche ist es am schwersten, weil man nicht versteht, warum die anderen einen unbedingt als ‚anders‘ darstellen wollen.“ „Was bedeutet Heimat für euch?“, frage ich sie. „Welcher Nationalität fühlt ihr euch zugehörig?“ „Die Frage nach der Heimat habe ich mir niemals gestellt“, gibt Galina zu. „Ich weiß nur, dass ich niemals zurück will.“ Und überhaupt: „Muss man heute eine Antwort darauf haben, was für einen Heimat ist? Ist man unglücklich, wenn man keine Antwort darauf hat?“ Natalia kann ihr Heimatgefühl deutlicher beschreiben: Die kleine Stadt im RheinSieg-Kreis, in der sie aufgewachsen ist, ist ihre Heimat. „Das merke ich vor allem dann, wenn ich mit dem Zug ankomme und ich mich freue, die seichten Hügel und die Sieg zu sehen. Die Landschaft berührt mich sehr. Das ist der Ort, dem ich mich sehr verbunden fühle.“ Die Frage nach der Nationalität können beide jedoch klar für sich klären: „Wir sind Deutsche die aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind“, stellt Natalia klar. „Deswegen gibt es ja den Begriff ‚Russlanddeutsche‘. Genau das sind wir und das bleiben wir auch. Seit dem Studium kann ich das als Potenzial betrachten.“ Mittlerweile promoviert sie sogar über die Lebensführung älterer Spätaussiedler. Galina kann dem zustimmen: „Ich sage jetzt immer: ‚Ich bin Russlanddeutsche!‘ Ich verbinde das irgendwie auch mit etwas Positivem, weil ich da an unsere Geschichte denke. Und wir sind definitiv in Deutschland angekommen, aber haben unsere Kultur auch nicht ganz abgelegt – was im Übrigen auch nicht geht. Denn das hieße, dass man alles, was familiäre Bräuche angeht, ablegen müsste.“

Das sehen allerdings nicht alle jungen Aussiedler so deutlich, wie Galina zu berichten weiß: „Je später die Familien nach Deutschland kamen, umso mehr fühlen sie sich russisch. Es gibt große Unterschiede in unserer Familie. Während wir, die Anfang der 90er kamen, eigentlich nur deutsch reden, sprechen die anderen fast nur russisch. Als ich mal kritisch über Putin gesprochen habe, hat eine Cousine zu mit gemeint: ‚Wir Russen müssen doch zusammenhalten!‘ Ich war entsetzt und sagte: ‚Wir sind doch keine Russen!‘“ Sie könne diese Vaterlandliebe nicht verstehen – vor allem nicht im Angesicht dessen, wie es den deutschen Familien in Russland ergangen ist. Doch am Ende bleibt die Frage: Was bringt es uns, eine Nationalidentität zu haben? Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern sind in Deutschland geboren, meine Großeltern zu großen Teilen auch. Das sagt nichts über mich aus. „Sich über eine Nationalität zu definieren liegt in der Natur des Menschen, vermute ich. Und jeder braucht einen Ast auf der Suche nach sich selbst, an den er sich klammern kann“, überlegt Galina. Doch genau wie für mich, spielt auch für meine russlanddeutschen Interviewpartner Nationalität kaum eine Rolle: „Ich habe Sozialwissenschaften studiert, das hat mir viele Konzepte geliefert“, erklärt Natalia. „Ich fing an, mich als Europäerin zu sehen und irgendwann betrachtete ich mich auch mal als Kosmopolitin.“ Und auch Galina findet: „Vor allem bin ich Europäerin.“

Und so sehe ich das auch.

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d13490058.html

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»Ps Wenn man meine Mutter spontan oder angekündigt besucht, ist es eines sicher: Wäre es nötig, könnte man dort vom Boden essen. Es liegt wenig bis nichts herum, vielleicht hängt mal eine gebügelte Bluse am Schrank. Trotzdem ist meine Mutter der Meinung, dass es in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung vollkommen chaotisch aussieht und sie Stunden braucht, um dort aufzuräumen. Unangekündigter Besuch von Fremden wäre für sie eine Katastrophe. Bei mir kann man nicht vom Boden essen, weder wenn gerade geputzt wurde, noch an den anderen vielen Tagen, an denen

nicht geputzt wurde. Ich habe einen Mann, drei Söhne, wir sind zu fünft und hinterlassen Dreck, Krümel und Flecken. Und Chaos ohne Ende. Das Hobby des Jüngsten ist es momentan, Dinge irgendwo rauszuziehen und sie dann an einem anderen Ort fallen zu lassen. Meine Mutter ist der Meinung, dass ich erst einmal in die komplette Wohnung „Grund reinbringen" müsste, wenn ich denn tatsächlich eine Putzfrau engagieren würde. Wenn meine beiden ältesten Söhne sich in der Öffentlichkeit streiten, erstarrt meine Mutter vor Peinlichkeit. Vor lauter „Die

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sst, sei leise!«

Titelthema

Wie das Gefühl, nicht willkommen zu sein, weitergegeben wird von Julia

fünfunddreißig. Natürlich legt die ältere Generation mehr Wert auf Ordnung, Sauberkeit und Ruhe. Doch der Konflikt, der in unserer Familie seit Jahren mal mehr, mal weniger offen ausgetragen wird, ist von ganz anderer Natur. Meine Mutter ist 1943 geboren, kurz vor Kriegsende floh sie mit ihrer Familie von Pommern nach Schleswig-Holstein. Ihr Vater war in Kriegsgefangenschaft, meine Großmutter kam mit ihren beiden Töchtern bei einem Melker und dessen Familie unter, die dazu gezwungen worden waren, ein acht Quadratmeter großes Zimmer an die Flüchtlingsfamilie abzugeben. Als mein Großvater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, lebte die Familie also zu viert auf diesen acht Quadratmetern in einem schleswigholsteinischen Dorf, von dessen Bewohnern kritisch beäugt, vom Melker und seiner Familie so gehasst, dass dieser irgendwann vor Wut über den verlorenen Wohnraum mit einem Stein die Fensterscheiben des Zimmers einwarf, das er hatte abgeben müssen – während meine Mutter und ihre drei Jahre ältere Schwester im Raum waren. Dieses Gefühl, weniger als nicht erwünscht zu sein, gar gehasst zu werden, fremd zu sein, hat sich bei meiner Mutter manifestiert. Wer fremd und unerwünscht ist, darf nichts – schon gar nicht auffallen. Wer zu viert in einem acht Quadratmeter großen Zimmer lebt, lebt vor allem in einem: im Chaos. Wie so viele hat meine

Leute gucken schon!" und „Was denken die wohl!" ist sie nicht mehr in der Lage, die beiden Streithähne zu trennen. Ich bin daran gewöhnt, dass meine Söhne streiten. Die beiden trennt lediglich ein Altersunterschied von anderthalb Jahren, sie haben dasselbe Geschlecht – in jedem Erziehungsratgeber kann man nachlesen, dass da Streit vorprogrammiert ist. Dass ich das weiß, führt zwar (leider) nicht dazu, dass es mich nicht nervt - aber peinlich ist es mir nicht. Nun könnte man denken, dass das einfach ein Generationenkonflikt ist, meine Mutter ist dreiundsiebzig, ich bin

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Mutter es nicht geschafft, dieses Gefühl loszuwerden. Und so räumt und putzt sie gegen das vermeintliche Chaos an, mahnt ihre Enkel zum Leisesein und macht meiner Schwester und mir Vorwürfe, wenn auch wir laut sind und uns gegen Ungerechtigkeiten wehren. Im Zweifelsfall denkt meine Mutter, dass es unsere Schuld war. Eine Bekannte erzählte mir, dass ihre Mutter – ebenfalls ein Flüchtlingskind – jedes Mal, wenn die Familie zusammen kommt, Unmengen an Essen kauft, die nicht einmal von drei Geschwistern inklusive Partnern und acht Enkelkindern aufgegessen werden können und regelmäßig im Müll landen. Und neulich machte ich Bekanntschaft mit der Autorin Nicki Pawlow, die 1977 als Dreizehnjährige mit ihren Eltern aus der ehemaligen DDR floh, was bei ihr eine jahrelange Suchterkrankung zur Folge hatte. Ich begegne auch Menschen, die im Hier und Jetzt geflohen sind. Viele treffe ich durch meine Arbeit, aber auch in meinem Privatleben: In der Nähe des Sportfeldes, auf dem meine Söhne Fußballtraining haben, wurden Anfang diesen Jahres Wohncontainer für Flüchtlinge aufgebaut. Und so traf ich, als meine Jungs in den Osterferien an einem Fußballcamp teilnahmen, täglich die dort untergebrachten Familien auf meinem Weg – die meisten wie wir, mit zwei oder drei Kindern. Sie gingen regelmäßig die große und vielbefahrene Straße entlang, die ich so hasse, wenn wir alle mit den Fahrrädern unterwegs sind. Manche hatten ihren Kindern im nahen Supermarkt ein Eis gekauft. Eine Familie saß mit ihren beiden Kindern an einer der vielen Kreuzungen, die ich so hasse, im Gras und veranstaltete eine Art Picknick. Sie alle trauten sich nicht, diese für Familien wirklich unwirtliche Gegend zu verlassen – und sie alle versuchten aber, ihren Kindern eines zu vermitteln: Normalität. Die an der Kreuzung picknickende Familie jagt mir jetzt noch die Tränen in die Augen. Normalität ist alles andere, aber nicht das. Und das meist verdrängte Trauma des Heimatverlustes und der Fremdheitserfahrung bricht irgendwann bei jedem Bahn, äußert sich vielfältig und vererbt

sich an die nachfolgenden Generationen. Denn meine Schwester und ich und unsere Kinder mögen laut und fordernd sein, und unsere Wohnungen unordentlich – aber die kleine Stimme im Kopf, die mal mehr oder weniger laut ruft: „Du hast nicht das Recht dazu!" oder „Wie asozial!" ist allgegenwärtig. Diese Stimme bekamen wir direkt mit der Muttermilch eingeflößt und wenn wir Pech haben, geben wir sie ebenfalls weiter. Deshalb wünsche ich mir, dass bei allen „Wir schaffen das!"- und vor allem bei allen „Wir schaffen das nicht!"-Rufen eines nicht vergessen wird: Die „Flüchtlingskrise“ mit ihrer „Flüchtlingswelle“, die an eine „Flüchtlingsobergrenze“ stößt, bringt vor allem eines zu uns: Geflüchtete Menschen, die ihre Heimat verloren haben und die dieses Gefühl an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben werden. Genera-tionen von Menschen werden mit der Fluchterfahrung ihrer Eltern und Großeltern leben müssen und sie brauchen tatsächlich mehr als Sprache, Bildung und Arbeit. Diese Menschen brauchen es, als Menschen behandelt zu werden – und das kann doch verdammt nochmal nicht so schwer sein, in einem Land wie Deutschland und einer Zeit, in der niemand gezwungen ist, seinen Wohnraum zu teilen.

Julia, *1980, schreibt sonst fröhlich-subjektiv auf juliliest.net, dem Blogazine für Familien, die gerne lesen. Im wahren Leben Literaturwissenschaftlerin - also alles und nichts.

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Zerbrochene Heimat von Nina M. Jaros


kein Mann sein kann, kein Mann bin und niemals war. Ich gestand ihr meine Transsexualität. Unser gemeinsamer Weg begann, in dem ich Schritt für Schritt, langsam zu dem Menschen werden durfte, der ich in mir immer war: eine Frau. Diese Transition passierte fließend und wenn ich zurückblicke, bin ich oft erstaunt, wie klein die Schritte waren, die mir riesig erschienen. Nun lebte ich fernab der Berge in Freiheit. Wann immer es möglich war, besuchte ich meine Familie in Österreich. Es war ein eigenartiges Gefühl, wenn die Berge näher kamen und die Luft sich veränderte. Mein Herz schrie: „Heimat!“ und doch hatte ich nach spätestens zwei Wochen das Gefühl, erdrückt zu werden, von den Bergen und manchmal ein wenig von den Menschen, die nicht erkennen konnten, wie sehr ich mich verändert hatte, und ich konnte es nicht zeigen. In Österreich trug ich meine männliche Maske und zerbrach innerlich jedes Mal ein wenig. Nach Hause zu fahren wurde immer befreiender. Nachdem ich fern von den Bergen ein paar Jahre als Frau gelebt hatte, kam der Zeitpunkt, meiner Geburtsfamilie, meinen Eltern zu sagen, dass ihr Sohn in Wirklichkeit eine Tochter war. Die Reaktionen auf mein Coming Out waren deutlich. Ich hatte gehofft, dass es für sie leichter wäre, weil ich weit weg lebe. Es fällt ihnen bis heute

Heimat ist ein Wort, das mein Großvater oft verwendete. Für ihn war es der Ort, an dem er zurückgekehrt war, nachdem er einen Krieg und Gefangenschaft erlebt hatte. Es war der Platz, an dem seine Familie war, die Felder und Menschen, die er kannte. Heimat war Sicherheit und Geborgenheit. Als ich das Wort von ihm hörte, war der kleine Sandkasten vor seinem Haus meine „Heimat“, die Blumenwiese vor dem Haus und sein Werkzeugschuppen. Ja, meine Großeltern waren Heimat für mich. Als ich heranwuchs, wurde der Begriff für mich komplexer und bis heute ist die erste Assoziation, die mir im Kopf erscheint, ein sonniger See in den Alpen und ich blicke mit ein wenig Wehmut zurück, wenn ich das Wort höre. Vor etwa neun Jahren verließ ich die Berge Österreichs und wanderte aus. Es verschlug mich in die Hügellandschaft Ostwestfalens. Wenn ich gefragt werde, was mich hierher verschlug, kann ich es einfach sagen: Es war die Liebe, die ich hier gefunden habe. In diesen neun Jahren ist viel passiert, ich habe Kinder gezeugt, Bäume gepflanzt und ein eigenes (Garten-)Häuschen gebaut – ich habe Wurzeln geschlagen. Diese Wurzeln gaben mir genug Halt, um einen Schritt zu machen. Vor etwa sechs Jahren gestand ich meiner Frau, dass ich

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Titelthema

den – ein fernes Urlaubsziel vielleicht. Die Menschen, die einst meine Nachbarn, meine Freunde waren, sind nun fremd. Mein Innerstes sucht seitdem nach einem Ort, verzehrt sich oft in tiefem Heimweh, das kein Ziel findet. Ich kann nicht mehr zurück. Aber fernab von dem, was Heimat war, habe ich mein Zuhause, meine Familie, meinen Platz gefunden.

schwer, mich als Frau anzunehmen. Natürlich würden sie mir die Türe niemals verschließen, aber es fiele ihnen schwer, mich willkommen zu heißen – ohne mich als ihren Sohn zu sehen. Mit mir gemeinsam auf der Straße gesehen zu werden ist fernab von jeder Vorstellung. Man will nicht, dass die Nachbarn reden. Sie würden mich bitten, mich doch „normal“ anzuziehen, damit es nicht auffällt. Man will nicht, dass getuschelt wird. Mit ein paar Sätzen, die ich aussprechen musste, veränderte sich die ganze Welt. Auf einmal erlebte ich nicht nur meine Familie verändert, auch die kleine Bergstadt sah ich mit anderen Augen, ich sah die katholisch geprägten Menschen, die jeden Touristen willkommen heißen, aber denen es schwer fällt die Welt offen anzunehmen. Ich sah, wie tief die ach so geliebte Tradition in den Köpfen verwurzelt ist. Ich erkannte, dass ich nicht mehr unbeschwert durch die Straßen meines Geburtsortes gehen kann – nicht für einen einzigen Tag. Ich erkannte, dass ich nie wieder einfach so die Füße in den kleinen See stecken kann, um den Wolken zuzusehen. Mit meinem Coming Out zerbrach meine Heimat. In meinem Kopf, in meiner Seele ist dieser Bergsee geblieben, der einst das Bild für meine Heimat war. Er ist mir fremd gewor-

Nina, *1972, neugierige Bloggerin auf fraupapa.wordpress.com schreibt nicht nur über ihre Regenbogenfamilie.

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Leben. und so.


favourites ssa b y Lar i

HOT FUZZ Who? Edgar Wright mit Simon Pegg und Nick Frost What? Nick Angel (Simon Pegg), der beste Cop Londons, wird in das langweiligste Städchen Englands „befördert". Die Verbrechensrate ist dort beneidenswert niedrig ... und die Unfrallrate erschreckend hoch ... Why? Ein ganz normaler Action-Film? Eine Action-Parodie? Weder noch oder doch eher: beides. Auf der einen Seite gibt es proper action and shit. Auf der anderen Seite haben wir hier Regie-Querkopf Edgar Wright, der mit Comedy-Superstar Simon Pegg als Co-Autor bereits mit „Shaun of the Dead" einen Klassiker geschaffen hat. „Hot Fuzz" knüpft als zweiten Teil der „Cornetto-Trilogie" perfekt an mit einer Mischung aus Satire, Gesellschaftskritik und bissigem Wortwitz – und versteckten Details, die nur versteht, wer alle drei Filme gesehen hat. Plus: Pegg und beste buddy Nick Frost sind einfach das schönste Leinwand-Paar ever.

SET THIS HOUSE IN ORDER Who? Matt Ruff What? Andrew Gage teilt sich mit seiner Familie einen Körper. Alles easy, bis seine neue Kollegin Penny mitsamt eigener Bagage sein Leben durcheinander bringt. Why? Matt Ruff ist ein Genie der verschrobenen Sci-Fi- und Fantasy-Literatur. „Set this House in Order" ist jedoch verschrobene Realität – Andrew und Penny haben eine dissoziative Identitätsstörung (oder: gespaltene Persönlichkeit). Ruff gibt derart detaillierte Einblicke in Alltag und Innenleben, die einen alles, was man über die menschliche Seele zu wissen glaubte, über Bord werfen lassen. Herauskommt ein unterhaltsamer, abenteuerlicher Seelen-Fuck-up erster Klasse. Dabei verliert Ruff jedoch nie den Respekt vor seinen Figuren. Denn, seien wir ehrlich, eine Seele zerbricht nicht einfach, weil sie mal einen schlechten Tag hatte ...

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Gewalt gegen Männ Ein Aufschrei ging und geht durch das Netz. Wieder einmal. Kern des Anstoßes diesmal: Ein Promo-Poster für X-Men: Apocalypse, in dem titelgebender Apocalpse (Oscar Isaac) die nackte Mystique (Jennifer Lawrence) würgt. Schriftzug: Only the strong will survive. Kritikpunkte: Gewaltverherrlichung gegenüber Frauen, Nacktheit der Figur, angebliche Schwäche Mystiques und, nochmal: physische Gewalt gegen-über Frauen. Gegen Frauen! Unter anderem nimmt  auch Rose McGo-wan Stellung  und sagt: „There is a major probl em when the men and women at 20th Century Fox think casual violence against women is the way to market a film. There is no context in the ad, just a woman getting strangled.“ Fox‘ Antwort: „In our enthusiasm to show the villainy of the character Apocalypse we didn’t immediately recognize the upsetting connotation of this image in print form. Once we realized how insensitive it was, we quickly took steps to remove those materials. We apologize for our actions and would never condone violence against women.“ Verstehen wir uns nicht falsch:  Gewalt gegen Frauen – gegen  Menschen, Lebewesen  – ist indiskutabel. Definitiv. Aber:

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ner ist so witzig!

von Gudrun Hoffmann-Schoenborn

Dies ist ein Banner. Für einen Film. In dem ein finsterer Bösewicht das Leben einer nichtsdestotrotz starken Heldin bedroht. Es ist keine Werbung für „Hey, würgt mal alle eure Frauen, macht total viel Spaß!“ Nein, es soll Spannung generieren – weil die Macher davon ausgehen, dass das Leben dieser Frau zählt. Für den Zuschauer wichtig ist. Gerade auch, da die Zukunft Jennifer Lawrence‘ als Mystique bislang eine sehr unsichere ist, die Figur also durchaus auch sterben kann. Macht das Mystique schwach? Weil sie von  verdammtnochmaltotalimbalanced-Apocalypse gewürgt wird? „Aber Guddy! Es geht doch darum, dass es ein Poster ist, das auch Kinder und Unbeteiligte sehen!“ Stimmt. Glücklich gewählt sind die Locations der Billboards vermutlich wirklich nicht. Sind sie häufig nicht –  auch dann, wenn einem aus dem Poster heraus eine Waffe entgegengestreckt wird. Schwieriger als das finde ich jedoch etwas anderes: Es scheint fast, als wäre nicht der Fakt,  dass  jemand auf einem Plakat gewürgt  wird, das Verwerfliche – sondern die Tatsache, dass es sich um eine  Frau  handelt. Gewalt gegen Männer? Das ist doch lustig. Sieht man immer wieder in Werbespots. Frauen bejubeln andere Frauen,  wenn diese ihrem Freund eine Ohrfeige verpassen. Männer haben Gewalt ohnehin immer verdient – sonst würden sie ja auch keine erfahren.  Oder? Männer, die Frauen ohrfeigen: Ein Tabu! Frauen, die Männer ohrfeigen? Super!  Oder? Sansa, die in Game of Thrones vergewaltigt wird: Ach du Schreck, Aufschrei! Theon, der zuerst sexuell genötigt  und der später seines Penis‘ beraubt wird: Ach, easy. Oder? Männer sind nunmal

entbehrlich. Gewalt gegen Männer ist gesellschaftsfähiger. Nicht nur, dass Menschen gerne wegschauen, nein, mancheiner kichert dann auch noch. „Ach guck mal, der Mann da wird von einer Frau geschlagen, hihi, was ein Loser!“ oder „Haha, voll in die Nüsse, wie witzig!“. Nun kann man sagen: „Hey! Wer fremdgeht, hat doch eine Ohrfeige verdient!“. Ehm. Ja. Stellt euch das mal mit vertauschten Rollen vor. Aber natürlich gehen Frauen nicht fremd, nein, nein, die Frage stellt sich also gar nicht! Und natürlich können Frauen keine physischen Schmerzen verursachen, sind sie doch schwach wie Gänseblümchen. Gewalt gegen Frauen ist – zu Recht! – Stoff für Dramen. Gewalt gegen Männer dagegen Stoff für Comedy. Auch in Sachen Filmplakaten: Ein Mann, der von einer Frau erniedrigt wird: Witzig. Ein Mann, der um sein Leben weint, weil ihm womöglich gleich der Kopf eingeschlagen wird: Kein Aufschrei. Ant-Man, der von Hope hinterhältig weggeschnipst zu werden droht: Alles super. Kick-Ass, der verprügelt wurde und blutend auf dem Bett sitzt: Voll normal. Aber nur, solange der Mann die Opferrolle einnimmt, sonst wäre der Aufschrei vermutlich wieder groß. Das ist natürlich alles überhaupt nichts im Vergleich zu der gewürgten Mystique. Würgen ist schlimmer als eine schnöde Ohrfeige. Dennoch bleibt beides körperliche Gewalt – und mit dem geohrfeigten Mann ist nur die Spitze des Eisberges erreicht. Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie viele männliche Figuren in den Star-Wars-Filmen gewürgt werden? Die Szenen sind derart ikonisch, dass sie überall – auch auf der Straße vor Kindern –

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Gudrun - oder besser: guddy *1985, ist seit ihrer kindheit leidenschaftlicher Geek und bloggt als Zeitzeugin über über alles, für das ihr herz schlägt: von filmen und serien bis gute (Rock-)Musik. Dieser Artikel erschien zuerst auf zeitzeugin.net.

nachgestellt werden. Sind ja nur Männer. Wäre die Szene jedoch mit einer Frau … ach, lassen wir das. Wollen manche nicht wahrhaben, dass es auch gewalttätige Frauen gibt? Gewalt von Männern an Männer? Dass auch Männer Opfer sein können? Dass Männer auch ein Recht auf ein verdammtes, gewaltfreies Leben haben und nicht alles verdient haben, was ihnen um die Ohren oder Eier geklatscht wird?  Hallo?! Sexismus? Wer Gleichberechtigung fordert, Respekt für Frauen, und sich Feminist nennt – der sollte gleichen Respekt auch Männern gegenüber zeigen. Feminismus ist keine Einbahnstraße. Und Filme keine Realität. Mehr noch: Dass Gewalt thematisiert wird, halte ich für durchaus legitim, in manchen Fällen sogar für wertvoll und wichtig. Nicht „Gewalt gegen Frauen“ sollte ein Problem sein. Sondern „Gewalt gegen Lebewesen“. Und mein Gott. Größenwahnsinnige, blaue Mutanten dürfen in Superheldenfilmen Gewalt ausüben. Gegen Männer sowieso – und gegen Frauen als Gegner auch. Vielleicht werden sie sich beim nächsten Strei-fen aber ja im Schach  duellieren  und sich gegenseitig mit Wattebäuschen bewerfen. So, wie es Helden und Schurken eben tun! Im Happy Unicorn-Land.

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»Guckt euch mal den Irren an!«

von Larissa Strohbusch


stellen sich nicht hin, zeigen mit dem Finger auf ihn und lachen laut los. Bei den ganzen „Irren“ da draußen sieht es schon anders aus: Menschen, die mit sich selbst reden oder laut vor sich hin singen. Menschen, die hysterisch ins Telefon schreien. Gerade in der Stadt laufen solche und andere Verhaltensauffällige einem ja ständig über den Weg. Und plötzlich fangen selbst sonst eigentlich sehr nette Menschen an

Lieber Leser, lass mich raten: Du bist weiblich, in deinen Dreißigern und würdest dich als gebildet bezeichnen, hast vermutlich sogar einen Hochschulabschluss. Du interessierst dich für das Weltgeschehen und bist zuweilen etwas zynisch. Gewisse Reality-Formate der Privatsender schaust du nur aus Ironiegründen. Du warst #TeamBöhmi bei der Erdogan-Affäre und liest ab und an den Postillon. Die Satireartikel findest du mal mehr, mal weniger – aber meistens doch eher mehr – witzig. Aber, gib‘s zu, am allergeilsten findest du das „Reaktionen-Best-of“: Wenn die dümmsten Kommentare zu einem Artikel geteilt werden. Haha, unfassbar, wie blöde die Leute sein können! Ja, falls du so bist: Ich identifiziere mich mit dir. Wie oft wanderte mein Mauszeiger schon fast automatisch auf „Gefällt mir“, wenn wieder der neueste Vollpfosten vorgeführt wurde? Zum Schreien komisch! Aber irgendwann fing es in meiner Magengegend an, missmutig zu grummeln, während sich der Zynismus scheckig lachte. „Ist das wirklich so komisch?“ Der Zynismus fragte etwas irritiert: „Hä? Klar, ist das komisch!“ Doch dann hielt er inne und lauschte der Stimme und plötzlich wurde ihm klar: „Nee, ist gar nicht komisch. Damn it!“ Dumme sind tierisch lustig, oder wie? Dabei sind wir aus den Zeiten raus, in denen Menschen mit Down-Syndrom als Satanskinder verbrannt wurden. Die „Aktion T4“, in der kognitiv beeinträchtigte Personen systematisch getötet wurden, liegt mit all den anderen Nazi-Gräueln weit hinter uns in unserer dunkelsten Vergangenheit (und da soll es auch bleiben). Vielleicht sind wir nicht alle geübt im Umgang mit Behinderten, vielleicht sind wir unbeholfen, schauen weg oder geben unangebrachte Kommentare, aber – kommt schon – keiner von uns würde einen geistig Beeinträchtigten öffentlich an den Pranger stellen und demütigen. Nun stellt sich allerdings die Frage: Was ist geistig beeinträchtigt? Was ist einfach irre? Und was ist zum totlachen dämlich? Klar, einen „Downie“ erkennen wir auf der Straße – mandelförmige Augen, verkürztes Nasenbein, kleiner Kopf, easy. Halbwegs ordentlich erzogene Menschen

zu grinsen oder sogar zu lachen. Sie drehen sich auffällig um und rufen ihren Freunden zu: „Guck dir mal den Irren an!“ Ist dir auch schon passiert? Erwischt! Ja, das ist nicht sehr nett. Aber wir sind ja auch nur Menschen. Und die sind ja auch wirklich irre. Und dann sind da ja auch noch die richtig Dummen. Die, die den Postillon nicht verstehen und Kommentare abgeben, die jedem Menschen, der sie noch halbwegs zusammen hat, zum Facepalm zwingen. Die haben’s echt nicht anders verdient. Nun ist es aber doch so: Wie sich Intelligenz entwickelt ist immer noch nicht vollkommen erforscht. Klar ist aber, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spie-

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nicht davon ab, „Freaks“ öffentlich an den Pranger zu stellen. „Schaut mal alle her, was für ein minderbemittelter Idiot!“ Er hat’s ja nicht anders verdient? Seriously? (Fühlst du dich jetzt schlecht? Wird schon wieder!)

len: Erbgut, Einflüsse während der Schwangerschaft und soziales Umfeld. Wenn du also das Kind eher minderbemittelter Eltern der sozialen Unterschicht bist, und deine Mutter auch noch während der Schwangerschaft ordentlich gesoffen hat, dann hast du leider einfach die IQArschkarte gezogen, um es mal simpel auszudrücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Kind einen Hochschulab-

Dann gibt es wiederum Menschen, die einer neurologischen Störung der anderen Art unterliegen. Diese Menschen fallen in der Regel weniger auf – vielleicht ist es ihnen selbst gar nicht so genau bewusst, dass sie beeinträchtigt sind, vielleicht können sie es auch nur gut verstecken. Lieber Leser, vielleicht bist du sogar einer von ihnen. Diese Menschen leiden unter Depressionen, Zwangsneurosen oder anderen psychischen Erkrankungen. Diese „Verrückten“ „ticken irgendwie nicht ganz richtig“: Oft sind Funktionsstörungen der Neurotransmitter schuld – dies kann vererbt, oder durch ein traumatisches Ereignis oder andere äußere Umstände ausgelöst worden sein. Manche Menschen sind davon nur peripher beeinträchtigt, so wie manche Menschen eine moderate Sehstörung haben. Andere jedoch leiden massiv und sind permanent auf Medikamente und Hilfe angewiesen – vergleichen wir sie mit Menschen, die einer angeborenen Erblindung unterliegen oder auf Grund einer Krankheit zunehmend ihr Augenlicht verlieren. Sicher ist nur: Es handelt sich um schwerwiegende Erkrankungen, die im schlimmsten Fall tödlich ausgehen können. Lieber Leser, vielleicht gehörst du aber auch zu der Sorte Mensch, die ich gar nicht als Leser haben möchte. Vielleicht machst du dich über beeinträchtige Menschen offen lustig, ohne dich zu schämen. Vielleicht mobbst du deine Mitmenschen oder verbreitest Hass im Internet. Aber, klar, ist ja alles nur ein Spaß. Vielleicht findest du, dass es ein „netter Zeitvertreib ist“, „zartbesaitete Personen auf die Palme zu bringen“. Die Leute sollen sich mal nicht so anstellen. Aber, mal ganz ehrlich: Sich über „Zartbesaitete“ „lustig zu machen“ ist ungefähr genauso witzig wie einen Gehbehinderten mit einem Truck zu jagen. Nämlich gar nicht.

schluss erhält, ist eher gering. Dafür ist es gut möglich, dass derjenige den Postillon leider nicht raffen wird. Möglicherweise lässt er (oder sie) sich aber dazu hinreißen, mal im Fernsehen aufzutreten, oder gewisse Parteien zu wählen, die eigentlich unwählbar sein sollten – mit gesundem Menschenverstand betrachtet. Diese Menschen hatten zwar nicht das Pech einer genetischen Mutation unterworfen zu sein, dennoch können sie recht wenig dafür, dass weniger clever sind als der Durchschnitt. Wir zerren heute keine Menschen mehr mit Mikrozephalie, Phokomelie oder Nonne-Milroy-Meige-Syndrom unfreiwillig ins Freakshow-Rampenlicht. Das hält uns aber

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500 Jahre Rei 2016 hat das Reinheitsgebot seinen 500. Geburtstag und wurde in ganz Deutschland als „ältestes Lebensmittelgesetz der Welt" gefeiert. Bei genauerer Betrachtung werden hier allerdings nur Industrie und die Lobbyarbeit dahinter bejubelt. Das Reinheitsgebot bezieht sich auf die bayerische Landesordnung von 1516. Im Originaltext heißt es dort: „Wir wollen auch sonderlichhen dass füran allent-halben in unsern stetten märckthen un auf dem lannde zu kainem pier merer stückh dan allain gersten, hopfen un wasser genommen un gepraucht solle werdn". Kurios. Bier wird doch eigentlich aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt, wieso fehlen Malz und Hefe im Text von 1516? Die Gerste musste damals vom Brauer vermälzt werden, um Gerstenmalz  zu erhalten und somit überhaupt verzuckern zu können. Ziel der Landesordnung war nicht zu bestimmen, wie die Gerste weiterverarbeitet wird, sondern dass für die Bierherstellung einzig und allein Gerste und kein anderes Getreide benutzt wird. Die Beschränkung auf ausschließlich Gerste ist zurückzuführen auf Getreideknappheit. Weizen eignete sich für Brot und Bier gleichermaßen gut, Gerste nur für Bier, also wurde beschlossen: Gerste fürs Bier, Weizen fürs Brot. Kapitalismuskritik ist nachfolgend durchaus angebracht, da Herzog Maximilian I. eine Ausnahmegenehmigung für das Brauen von Weißbier innehielt und Genehmigungen zum Brauen von Weißbier quasi im ganzen Herzog-tum gegen eine Abgabe vergab. Ein äußerst lukratives Geschäft, um die durch den Dreißigjährigen Krieg geleerte Staatskasse wieder aufzufüllen. Nichtsdestotrotz ist ein Weißbier mit einem „gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot von

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inheitsgebot

Wissen sprechen und im Ausland gebraut wurden, in Deutschland als Biere verkauft werden. Das führt zu äußerst kuriosen Szenen: Ein Stout, welches beispielsweise in Irland gebraut wurde, darf hier in Deutschland verkauft werden, obwohl es unvermälzte Gerste enthält. Das gleiche Produkt mit einer 1:1 gleichen Rezeptur darf in Deutschland allerdings nicht gebraut und verkauft werden. Besonders erschreckend ist der Einfluss der Industrie und die Erschaffung des Alleinstellungsmerkmals Reinheitsgebot in den Köpfen der Kundschaft. Nicht selten hört man: „Ausländische Plörre. Trinke ich nicht!". Es wird alles außerhalb des Reinheitsgebots abgelehnt. Der daraus resultierende übermäßige Nationalstolz des eigenen Gesöffs und das schlechtmachen ausländischer Biere ist äußerst beängstigend. Möglicherweise kann der aktuelle Craft-Beer-Trend, der Biere mit allerlei exotischen Zutaten auch nach Deutschland bringt, dieser konservativen Strömung entgegenwirken. Quellen: wikipedia braumagazin.de

von Fabian Wiesner

1516"-Etikett Verbrauchertäuschung. Hefe wurde zu dieser Zeit als Nebenprodukt angesehen, welches bei der Gärung entsteht. Man hat es als selbstverständlich angesehen, dass ein Bier die Hefe macht und nicht die Hefe das Bier, da die Hefe in dieser Zeit nicht aktiv zugesetzt, sondern wild eingefangen wurde. Erst 1876 wurde die Hefe, so wie wir sie heute verstehen, durch Louis Pasteur erkannt und verstanden. Die Landesordnung wurde in den letzten fünfhundert Jahren ständig verändert, gedreht, ersetzt und ergänzt. So waren zeitweise Koriander, Lorbeer, Wacholder und Kümmel als weitere Zutaten zugelassen. Final wurden erst am 9. Juli 1923 Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser als einzige Zutaten fest im Deutschen Biersteuergesetz verankert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgenommen Bayern, wurden wieder kurzzeitig Zusatzstoffe wie Kartoffelflocken, Zuckerrüben, Zucker und Hirse zugelassen. Einige Jahre später, 1952, wurden die heute bekannten Zutaten im Biersteuergesetz fest verankert. Man kann sich an diesem Punkt also die Behauptung sparen das Reinheitsgebot – pardon – die Landesverordnung von 1516 als „ältestes und unverändert gültiges Lebensmittelgesetz der Welt" zu bezeichnen. Der Begriff Reinheitsgebot fiel im 20. Jahrhundert zum ersten Mal. Die Interessen dahinter und die Entstehung eines Alleinstellungsmerkmals waren der Marktausschluss importierter, und eine höhere Verkäuflichkeit inländischer Biere. Das Importverbot ausländischer Biere wurde erst im März 1987 vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Seit damals dürfen Biere, die nicht dem „Reinheitsgebot" ent-

besser-bier-brauen.de

Fabian, *1986, trinkt gerne Bier und braut auch neuerdings selber. Er bloggt zwar nicht, aber dafür hat er einen InstagramAccount übers Bierbrauen. Folgt ihm über @Braupaar.

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deinem ersten Konze Erzähl mir von ...

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Roxana vom early birdy, Sabine vom fadenvogel und ich tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben. „Ich weiß nicht.“ Was eigentlich heißen sollte: „Ich habe keine Lust.“ Schließlich gab ich nach. Mir fielen schließlich keine guten Gegenargumente ein. Wir fühlten uns so groß an diesem Abend, meine Freundinnen N. und N. und ich – in Begleitung der Eltern, versteht sich. Wie selbstverständlich setzten wir uns zu den Großen auf den Boden, um zu warten (weil wir ja viel zu früh da waren). Wie

In Sachen Konzerte bin ich ein alter Hase. Ich habe die Regeln gelernt. Komm nicht zu früh. Bring keine große Tasche mit. Ach, bring am besten überhaupt keine Tasche mit! Geh nicht in die ersten Reihen – außer du hältst es aus. Halt deinen Mund, während die Band spielt. Am 11. Oktober 1998 wusste ich das alle freilich noch nicht. An diesem Abend war ich sicherlich eine der ersten am Einlass gewesen, als man den nicht-jugendfreien Bildauschnitt von meiner Die-Ärzte-Eintrittskarte riss. An diesem Abend stand ich weit vorne vor der Bühne, bestimmt hatte ich eine Umhängetasche dabei. Ich war dreizehn Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Meine Erwartungen waren so gering, dass ich nicht mal geplant hatte, überhaupt auf dieses Konzert zu gehen. Meine Freundinnen, ja, die waren Feuer und Flamme gewesen. Die waren Ärzte-Fans, bei denen stand dieser Termin dick im Kalender. Nicht bei mir. Ich war kein Fan. Gute-Laune-Punk gehörte nicht in mein schwermütiges Repertoire, ich befand mich eher auf der „Gegenseite“ - damals als Bates- und Toten-Hosen-Fan (Konzerte dieser Bands folgten, einerseits 1999, kurz vor der Auflösung der Bates, andererseits 2002, 2004, 2006, bis ich den Indie-Rock für mich entdeckte). Immer wieder kam die Frage: „Sollen wir eine Karte für dich mitbestellen?“ Immer wieder antwortete ich mit:

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ert!

muss. (Und heute sage ich auch: Sorry, nur weil ich groß bin, möchte ich trotzdem einen guten Platz haben.) Wir waren dreizehn Jahre alt. Wir wussten nichts von den Regeln. Wir wussten nicht, was ein Moshpit ist, hatten vielleicht eine grobe Ahnung davon, wie man Pogo tanzt oder gar, wie eine Wall of Death aussieht. Wir haben ungefähr zehn Sekunden gebraucht, um es herauszufinden. Denn das die Zeit, die es braucht, um eine klapprige Dreizehnjährige einmal durch die komplette Siegerlandhalle zu schubsen. Das ist lange her. Ich habe die Ärzte noch zweimal live gesehen. Einmal auf dem Hurricane, von einem Merchendise-Regenunterschlupf aus, mit meinem Exfreund. Noch einmal auf dem Hurricane, Jahre später, als Teil der Menge mit meinem Mann. Ich habe bei Rock am Ring erlebt, dass Motörheard wirklich die lauteste Band aller Zeiten waren und bin auf dem Southside im Schlamm versunken. Ich bin bei SKA-P vor Zwei-Meter-mal-zwei-MeterKästen aus dem Moshpit geflohen und habe mir bei Gogol Bordello Mädchen meines Formats zum Tanzen gesucht. Ich habe gelernt, wo der beste Platz bei einem Konzert zu finden ist – und ihn notfalls mit dem Ellenbogen zu verteidigt. Ich habe Kaizers Orchestra, die beste Band der Welt, fünfmal gesehen und werde für immer eine Narbe an der Stelle tragen, wo ich von einer Flasche abgeworfen wurde, als ich es einmal bis in die dritte Reihe geschafft habe. Ich habe einige Konzerte gesehen in meinem Leben. Ich war auf großen Festivals und kleinen (danke auch für die Platzwunde, Prima Leben und Stereo!), auf großen Konzerten und kleinen, guten und schlechten. In meinen Erinnerungen verschwimmen sie. Habe ich diese oder jene Band wirklich gesehen? Oder hatte ich es nur vor und habe sie verpasst? Wie oft habe ich Portugal. The man gesehen? Dreimal? Nein, viermal! Ich habe vieles vergessen. Aber eins habe ich nicht vergessen, selbst nach zwanzig Jahren nicht: Der Blick meiner Freundin als sie zehn Sekunden nach Beginn ihres ersten Konzertes einmal quer durch die Siegerlandhalle flog.

von Larissa Strohbusch

selbstverständlich schoben wir uns nach vorne in die ersten Reihen, bevor das Konzert begann. „Hey, Miss Germany“, riefen die älteren Mädchen von hinten. Ich wusste nicht, was sie damit sagen wollten. Heute weiß ich es natürlich. Sie wollten, dass ich mich verziehe, weil ich zu groß bin und ihnen die Sicht versperrte. Aber das war vor Germany‘s Next Topmodel, ich wusste nicht, dass eine Miss Germany groß sein

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Momentaufnahme zweier Menschen Eine Kurzgeschichte, basierend auf einer wahren Begebenheit. von Larissa Strohbusch

gleich? Was hatte der Freund ihrer Freundin gesagt? Sie konnte doch jetzt nicht noch mal nachfragen! Wie würde das denn aussehen? Und was macht man eigentlich, wenn plötzlich der tollste Typ der Welt in der eigenen Haustür steht? In ihren Träumen hatte sie sich das bestimmt schon mal ausgemalt. Ach, natürlich, hunderte Mal! Da hatte das alles aber ein bisschen anders ausgesehen. Da hatte sie gewusst, was sie sagen sollte. Und da hatte sie auch bestimmt nicht vergessen, zuzuhören, wenn der Typ sich vorstellt. Also, was macht man nun, wenn der Traummann in der Haustür steht? Sie konnte ja schlecht einfach die Tür wieder vor seiner Nase zuschlagen á la „Cool, dass du da warst! Komm bitte wieder, wenn ich weiß, was ich mit dir anfangen soll!“ Okay, es war Silvester. Da sollte einem schon etwas einfallen, oder? Weiter im Programm! Hier gibt es nichts zu sehen!

Wir sind hier nicht in Hollywood, aber … Boom! Das war Liebe auf den ersten Blick! Da stand er in der Tür, dieser Typ. Dieser unfassbar gut aussehende Typ. Er war groß, breitschultrig, hatte kurze blonde Haare … Was sollte sie sagen? Diese blauen Augen! Wer sagt, dass Blockbuster reine Lügenpropaganda der Romantikindustrie sind, der hat das wahre Leben verpasst. Denn: Das! War! Echt! Er stand dort tatsächlich in ihrer Haustür! So war der Abend nicht geplant gewesen. Okay, ursprünglich mal, ja, vielleicht. Da hatten sie und ihre Freunde mal von einer großen Party gesprochen. Auf großen Partys kann man tolle Typen treffen, da macht man sich chic, da entstehen aufregende Sachen. Aber sie waren hier nicht auf der großen Party. Sie standen bei ihr im Flur, auf einer ganz schnöden „Wir hängen einfach nur mit ein paar Leuten ab“Silvesterparty. Sie hatte ja nicht mal Schuhe an, sondern nur ihre ausgelatschten rosa Puschen! Und es war auch nie die Rede davon gewesen, dass Fremde kommen! Erst vor einer halben Stunde hatte ihre Freundin angerufen und gefragt, ob ihr Freund noch einen Kumpel mitbringen dürfe, der noch partylos sei. Nervös zupfte sie nun an ihrem Jeans-Rock. War der wenigstens fancy genug? Und, verdammt, wie hieß dieser Typ denn jetzt noch

Alle ihre Freunde war inzwischen eingetroffen. Sie waren zu siebt, eine nette, beschauliche Runde. Es war ja auch nicht geplant gewesen, dass dieser Abend unter die Annalen der besten Silvesterpartys aller Zeiten eingeht. Sie kommandierte alle Mann zum Gemüse schnippeln in die Kü-

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che. Dem Freund ihrer Freundin drückte sie die Zwiebeln in die Hand. Die würde sie heute Abend ganz sicher nicht schneiden – war er doch selbst schuld, dass er einfach den schönsten Mann der Welt mitbringt! Paprika an ihre Freundin. Die Mais-Dosen und Schälchen an einen anderen Kumpel. Schinkenschneiden an Freundin Nummer Zwei. Aber wohin jetzt mit ihm? Sie konnte Mister Perfect unmöglich mit Küchenarbeiten beauftragen. Und überhaupt: Sie wusste auch nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Also tat sie einfach so, als sei er gar nicht da, huschte an ihm vorbei, den Blick auf dem Boden. War das peinlich! Sie wünschte, ihre Eltern hätten wenigstens eine schönere Küche …

Was auch sonst? „Du, der starrt dich die ganze Zeit an!“, flüsterte ihre Freundin ihr irgendwann zu? „Wer?“ „Na, der!“ No way! Nooooo waaaay! Das konnte gar nicht sein! Ihr ganzer Körper prickelte, ihre Hände zitterten. In diesem Jahr begannen die Feuerwerkskörper um 23:05 Uhr zu explodieren, zumindest für sie. „Zehn, neun, acht, ...“ Mitternacht. Hallo, 2007, wir sind schon so aufgeregt und freuen uns auf dich! „Sieben, sechs, fünf, vier, ...“ Sie hatte immer noch kein Wort mit ihm geredet. Und nun standen sie alle dort auf der Straße. „Drei, zwei, eins, frohes neues Jahr!“ Zum dritten Mal an diesem Abend machte es Boom! Nun aber wirklich. Die Raketen explodierten, es war schon fast egal. Sie spiegelten sich in seinen Augen, und sie überkam dieses Gefühl, das man nur an Silvester um Mitternacht hat. Ein neues Jahr. Alles war möglich. Sie umarmte ihre Freundin, deren Freund, alle Kumpels und Freundinnen. Dann umarmte sie ihn. Und küsste ihn. Einfach so. „Wollt ihr nur mal testen!“, rief sie mit vor Aufregung und Sektgenuss geröteten Wangen. „Schönes neues Jahr!“

Sie wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, aber sie hatte das Essen überstanden. Nein, eigentlich wusste sie sehr gut, wie sie es geschafft hatte: Sie hatte sich so weit weg von ihm wie möglich an den Tisch gesetzt und sich panisch an ihr Raclette-Pfännchen geklammert, um etwas in der Hand zu haben. Wie unter Scheuklappen hatte sie ihren Blick, ihr Gespräch und ihre komplette Konzentration auf die Freundin gerichtet, die neben ihr gesessen hatte. Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Weiter im Programm. Also, im Fernsehprogramm. Sie saßen vor dem Kamin und unterhielten sich, im Hintergrund lief „Dinner For One“. Das hatte er sich bestimmt aufregender vorgestellt. Die Gruppe unterhielt sich über die Schule, über alte Lehrer und neue Mitschüler, über vergangene Partys und misslungene Ausflüge. Sie kannten sich seit Ewigkeiten, es fehlte nie an Gesprächsstoff. Nur er schwieg. Er kannte niemanden außer seinem Kumpel. Sie hatte das ganze Essen über überlegt, was sie Kluges zu ihm sagen könnte. Hatte sogar im Geiste nach Anmachsprüchen aus Zeitschriften gesucht. Aber ihr Kopf war leer gewesen. Es war aussichtslos. Es gab nichts, was sie zu ihm sagen könnte. Und er zeigte sowieso kein Interesse, mit ihr zu reden. So what? Immer hin hatte sie inzwischen rausgefunden, wie er hieß. Zu ihrem großen Glück saß er direkt neben dem Fernseher. Sie beobachtete an diesem Silvesterabend sehr konzentriert, wie der Butler über das Tigerfell stolperte.

Böller knallten, Raketen verzauberten den Nachhimmel, Sektkorken sprangen durch die Gegend. Um zwei Uhr verabschiedete sich das Grüppchen nach und nach. Er hatte immer noch kein einziges Wort mit ihr gesprochen. Das war’s also. Sie würde ihn nie wiedersehen. Sie und er trafen sich einige Tage später zum Date und waren anschließend ein Paar. Nach drei Monaten machte er überraschend mit ihr Schluss.

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Die nächste Ausgabe erscheint am 5. November 2016.

No Robots Magazine #3: Heimat  

Was ist Heimat? Ist Heimat ein Gefühl? Oder ein Ort? Ist Heimat etwas Schönes? Oder ist es ein Begriff aus dem rechten Jargon? Um all diese...

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