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Merry Crisis Chreis und Cheib 2020 – Auch Eine Momentaufnahme

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Wo beginnt ein Kreis ? Wo schliesst sich ein Kreis? 5


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Ausländer. Rotlicht. Hipster. Yuppies. Nein, ganz so einfach ein Quartier zu beschreiben ist es nicht.

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Zürichs Reichtum Zürichs Armut Zürich ist reich an sterilen, aufgeräumten Plätzen, grauen Hausfassaden und Menschen die sich morgens für die unkomplizierte Wahl der Farbe schwarz und einen ernsten Gesichtsausdruck entscheiden. Es gibt wenige Städte auf der Welt an denen du so wenig Zigarettenstummel und Abfallspuren findest. Das Stadtbild zeigt wie die Leute hier denken. An den aufgeräumtesten Orten wohnen die Reichsten. Die Stadt ist wirklich arm an Farbigkeit aber durch einzelne Quartiere bleibt sie trotzdem genügend reich an Inspirtionsquellen wie die lebendigen Quartiere vier und fünf. Möchtest du etwas von Zürichs anderem Gesicht sehen, kommst du am besten immer noch hierhin. Hier ist es immer noch weniger aufgeräumt ab und an. Vieles erscheint authentischer und etwas bunter an der Wand. Und manchmal, ja manchmal läufst hier richtig rund und es erscheint einem wirklich kunterbunt.

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Wir schreiten los. Es ist früh. 7.30 Uhr. Die kalte Brise begleitet uns von Beginn an. Ein Polizeiauto fährt mit langsamer Geschwindigkeit an uns vorbei. Sonst ist kein Mensch unterwegs. Hier und dort geht ein Licht an. Doch Wärme verspüre ich nicht. Erste Schneeflocken fallen vom Himmel. Aber auch nur kurz. Beim Helvetiaplatz treffen wir die ersten Seelen an. Zum einen diejenigen, die ihre Brötchen und Gipfeli im John Baker abholen und zum anderen jene, die ihre letzte Dose Bier schlürfen. Die Stimmung rund um die Langstrasse hat sich seit dem Coronaausbruch ausserordentlich verändert. Eine Frau fällt mir auf. Mit einem Bier in der Hand und halbkaputten Schlarpen, in die sie nur mit der Hälfte ihrer nackten Füsse hineingeschlüpft ist, schreitet sie in niedriger Geschwindigkeit voran. Sie wirkt verwirrt.

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Ein bekanntes Quartier mit neuen, neugierigen Augen betrachten? Wie geht das? Wenn darin schon gelebt, gelacht, musiziert und geliebt wurde? Versuchst du es? Gelingt es dir besser oder schlechter die Quartiere anders anzusehen wegen Corona? 14


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Strassennamen. Es waren alles alte bekannte Herren, nach welchen die Strassen benannt. Die Frauen, kaum jemand hatte sie gekannt. Sie wurden nach ihren Vornamen benannt. Agnes, Berta, Martha. Wer waren Sie? *innen klebte auf den Strassenschildern. Ich wollte genauso viele weibliche, wie männliche Strassenschilder sehen. Eigentlich wollte ich ja geschlechtsneutrale Strassenschilder sehen. Und gleichzeitig war mir alles manchmal zu wenig bunt. Die Revolution sollte viel mehr. Sie sollte Sprache und Namen als etwas Neues verstehen. Und kaum jemand wollte heute einen Strassennamen und dessen historischen Hintergrund kennen.

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Masken. Masken in Massen. Auf den Strassen. Bitte nicht zu Hause liegen lassen. Aber auf dem Asphalt. Nirgendwo machen die Halt. Im September sah ich die Masken in der Limmat, im Wasser. Fremde Gestalten in natĂźrlichem Territorium. Es lebe die Abfallfee. Blau-GrĂźn im Dezember im Schnee. Juhee.

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Bier in der Hand. Lautes Gelächter. Unangebrachter Spruch. Unkontrolliert. Betrunken.

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Langstrasse Die Langstrasse war wie ein grosses Nebelmeer. An einer Ecke erklang Musik. Es waren wenige, welche da tranken. Einige Gestalten schwankten. Gewimmel gab es keines mehr. Die Clubs standen leer. Ich sass da draussen vor der Bar und nippte am Ingwertee. Es fiel der erste Schnee. Fotografieren fiel mir so schwer. Vielen war das Jahr zu wenig bunt. Meines war eigentlich ziemlich bunt, wenn auch, es verlief nicht so rund. Ich wollte kosmopolitisches Treiben, kunterbunte und diverse Menschen auf den Strassen sehen. Lebendige Quartiere fotografieren gehen. Doch es war 2020. Und fĂźr viele verlief das Leben eben gerade etwas ranzig. Weihnachten war fĂźr viele salzig.

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Und da war Covid-19. Wie ein sch체chterner, unbeholfener und schlaksiger Teenager, welcher um sich schrie und dadurch die Langstrasse leer fegte. Jedoch sich nicht in die N채he der Prostituierten getraute. Und sie deshalb stehen liess. Und durch seine Augen noch auff채lliger dastehen liess. Wie pr채sent sie da standen. In den Daunenjacken und hohen Hacken. Wie die letzten Probanden, nur wenige andere Menschen waren es, die da an der Langstrasse standen. So rar. Meistens nur jene, welchen der Alkohol abhandenkam.

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Ins Puff gehen letztendlich die unterschiedlichsten… links bis rechts… Bauer, Schüler, Banker, Pensionisten,… Ja, so ist dem.

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Vereinsamt wird, wenn das Ego herrscht.

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Die zwei alten Gestalten sassen auf der Parkbank im Kalten. Auf was sie wohl warten?

Zürich. Zürich. Kompositionen. Konstellationen. Baustellen. In Zürich. Im Leben. Im Jetzt. In der Nacht. Aufgewacht.

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Meer. Am Stadtrand stand ich an der Tramhaltestelle. Ab und an kam ein Auto und kein Mensch bewegte sich auf der Stelle. Und ich dachte an das Stadtzentrum. Es war leer und eigentlich wollte ich es fotografieren gehen. Doch keiner bewegte sich ausserhalb seiner Wohnquartiere mehr. Es war irgendwie viel mehr. COVID-19 war bereits in Form einer Maske im Meer. Viele Menschen fĂźhlten sich leer.

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Da waren lauter bekannte Gesichter. Alle sonnten sich um den Brunnen. Es war das Sehen und Gesehen werden, eben. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre wieder nach Hause gerannt. Nicht, das so was geht. Meine Freundin hatte mich schon erkannt. Winkt mich an den Kaffeetisch nebenan. Es ist immer dasselbe hier.

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Umarmende. Jemanden kennenlernen war so absurd und gleichzeitig unheimlich gesund. Da gab es keine sich Umarmende auf den leeren Strassen mehr. Ich denke manche Menschen fĂźhlten sich kĂśrperlich wund. Andere kochten und umarmten zuhause umso mehr. Jemanden zu umarmen war provokant, zuweilen gewagt. Jeder hatte heute nach dem Befinden des anderen gefragt.

Wank. Es sich nicht bewegte. Keinen Wank machte. Nicht mal sachte regte. Sogar nachts wachte. Alle dadurch krank machte.

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Was macht man mit allen Geb채uden, welche jetzt leerstehen im Kreis vier und f체nf? Weniger Konsumwahn daf체r Kultursterben?

Gespielt. Und Filme wurden gedreht, wo die ganze Crew mit der Maske dasteht. Und in dem Moment wo das Licht angeht, war es als ob es die Welt von vorher wieder gibt. Wie einer ohne Maske dasteht. Eine Gruppe spielt eine Hochzeitsgesellschaft. Menschen, umarmen k체ssen sich. Vielleicht sollten alle in Filmen spielen um wieder etwas Spielerisches in unser Leben zu lassen. Viele haben hinter den Masken ihr altes Leben gelassen. Masken in Massen. Gelassenheit ist kein Wort an diesem Ort. Aber Masken hassen bringt einen auch nicht an einen anderen Ort.

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Amputiert. An manchen Tagen sehnte ich mich so stark nach deiner Anwesenheit, dass es sich wie Schmerzen anfühlte. Wie die Phantomschmerzen eines amputierten Armes. In meiner Vorstellung gab es nur noch etwas Schlimmeres, die Schmerzen der Weihnachtsgans. Oder der Gänse, wegen Foie gras. Grausam, so was. Was vermutlich schlimmer war als die Schmerzen meines Phantomherzens. Der Phantomschmerz des amputierten Armes, welcher eigentlich zum Herzen gehörte. Und Weihnachten dachte ich auch nur stumm, wegen all der Werbe-Summ-Summ im Supermarkt. Denn eigentlich fand ich Weihnachten dumm. Kapitalistische Kackscheisse. Doch bei Kapitalismus setzten die Schmerzen wieder ein. Denn, warst es nicht du, welcher die besten Reden zum Antikaptalismus bot? Halleluja, die Herzschmerzen sind gelobt. Und irgendwie war ich gespannt, was uns Weihnachten diesmal ohne Weihnachtsmärkte bot. Kapitalistische Kackscheisse hin oder her. Die Strassen sind jetzt schon leer und auf Ende Jahr werden alle weise. Leise rieselt Corona die Strassen leer.

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Schlafen im Kalten. Bei der Bäckeranlage war da die Schlafmatte, zusammengerollt. Es war arschkalt und nicht so als hätte jemand hier draussen freiwillig schlafen gewollt. Für Randständige war es noch schlimmer als sonst. Keiner trug mehr Bargeld bei sich. Die allermeisten waren nur noch beschäftigt mit sich. Es waren die Reichsten der Reichsten, welche sich in diesem Jahr bereicherten. Die allermeisten jedoch waren nur reich an Masken. Manchmal fiel es leicht die Menschheit für ihren Egoismus zu verachten.

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Fotografie, Illustration und Text : Gianna Bollinger & Noemi Kandler Im Dezember 2020

Danke an : Michaela Sattler, Johanna Schmitt, Nic Hösli

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