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INTERVIEW MARKUS DEISENBERGER FOTO VICTORIA SCHAFFER

EIN WUNDER, WIE DAS PASSIERT Matthias Schulz, kaufmännischer Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Stiftung Mozarteum Salzburg, über den riskanten Mozart und die einfachen Dinge, die oft die größte Wirkung erzielen.

Bei der Mozartwoche gehe es darum, sagen Sie, die künstlerische Vielfalt Mozarts erlebbar zu machen – einerseits im Programm, andererseits in den Interpretationsansätzen. Wie genau geht das? Es geht uns um die Bandbreite. Entscheidend ist, dass bei Mozart immer das „Sowohl als auch“ möglich ist: Zum einen der Klang der Wiener Philharmoniker mit modernen Konzertinstrumenten. Genauso aber gibt es viele Werke, die man im Originalklang gehört haben sollte, wie ihn etwa das Ensemble Les Musiciens du Louvre Grenoble unter der Leitung unseres künstlerischen Leiters Marc Minkowski praktiziert. Wir wollen zeigen, dass nicht nur beides möglich, sondern auch notwendig ist. Wieso ist Ihnen persönlich der Originalklang so wichtig? Es ist dieser quer gebürstete Mozart, der so spannend ist. Dieses vibratolose Spiel, das in der Farbgebung und der Phrasierung sehr akzentuiert. Teilweise sind das radikale Interpretationsansätze, bei denen auch nicht immer alles funktionieren muss. Das hat nichts mit Verstaubtheit zu tun. Im Gegenteil: Die Spielart kann extrem risikoreich sein und auf ihre Weise sehr modern wirken. Inwiefern risikoreich? Mozart selbst hat viel improvisiert: Ort, Saal, die zur Verfügung stehenden Instrumente – das alles spielte eine Rolle, wurde aufgegriffen. Wenn wir heute ins Konzert gehen, ist das oft konfektioniert. Da ist das Orchester, das nach ganz bestimmten Spielregeln auftritt etc. Bei der Originalklang-Bewegung versucht man immer wieder, diesen improvisierten Charakter herauszuarbeiten. Das ist unakademisch und riskant. Das Programm darf nicht in falsch verstandener Schönheit erstarren, sagen Sie auch. Heißt das, dass man Mozart nicht isoliert darbieten sollte, sondern in vielfältige Beziehung auch zu anderen Komponisten anderer Epochen setzen sollte? Ich verstehe es als in beide Richtungen gedacht: Einmal in die Richtung der eben erwähnten Interpretationsansätze. Und dann gilt es, wie Sie richtig sagen, Beziehungen zu anderen Komponisten und auch zum Zeitgenössischen herauszuarbeiten, um so Mozart innerhalb eines Konzertes neu hör- und erlebbar zu machen. Heuer wird der 300. Geburtstag Glucks begangen. Ich nehme an, das ist nicht der einzige Grund, weshalb ihm ein Schwerpunkt gewidmet wird. Natürlich ist der Geburtstag ein Anlass, aber Gluck hat das Musiktheaterschaffen enorm beeinflusst. Es gibt Reiseberichte, die vermitteln, wie der Besuch

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von Gluck-Opern tiefen Eindruck bei Mozart hinterließ. Dazu kommt, dass Marc Minkowski einer der Gluck-Dirigenten überhaupt ist. Ein weiterer Schwerpunkt ist Arvo Pärt gewidmet. Er ist ein bedeutender Klang-Experimentierer, bei dem die unmittelbar berührenden Momente durch die größte Einfachheit zu Tage treten. Genau darin liegt die Parallele zu Mozart, bei dem gerade die am einfachsten strukturierten Dinge die größte emotionale Wirkung erzielen. Es ist ein Wunder, wie das passiert, dem es nachzuspüren gilt. Pärt hat auch ein Auftragswerk für die Mozartwoche komponiert. Darauf sind wir besonders stolz, denn er hat fünf Jahre lang keinen Auftrag angenommen. Wie haben Sie ihn umgestimmt? Was ihn entscheidend dazu motivierte war, dass er den Streicherklang der Wiener Philharmoniker zur Verfügung hat. Wenn man weiß, wie wichtig ihm der Klang an sich ist, kann man das nachvollziehen. Mit Carl Philipp Emanuel Bach steht ein weiterer Zeitgenosse Mozarts im Fokus. Viele seiner Werke weisen einen großen Bezug zu Mozart auf. Das Hauptwerk, das wir zeigen, ist das Oratorium „Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“, das Mozart einst handschriftlich abschrieb und dabei leicht editierte. Und genau diese Fassung, deren Autograph im Wiener Musikverein liegt und uns zur Verfügung steht, wird erklingen. Wie schon in den Vorjahren spielen auch heuer wieder Zyklen eine wichtige Rolle. Lassen Sie uns vielleicht einen herausgreifen: „Mozart 1784.“ Was hat es damit auf sich? Ganz einfach: Es werden alle Werke Mozarts gespielt, die in diesem Jahr entstanden. Für András Schiff und die Cappella Andrea Barca, einem eigens für die Mozartwoche gegründeten Orchester, ist es ein gutes Jahr, denn es entstanden ganze sechs Klavierkonzerte. Und ein Kammermusikwerk, das sich auf ein Thema Glucks bezieht. Durch die Zyklen an sich, das ist mir wichtig, werden Teilbereiche des Werks von Mozart als Ganzes erfahrbar macht. Vielen Dank für das Gespräch.

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