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TEXT BERNHARD OSTERTAG FOTO ANDREAS KOLARIK

Auf Augenhöhe Das soziale Gefälle findet jeden Tag auch auf den Straßen Salzburgs seinen Ausdruck: Durch den Blick der Vorübergehenden nach unten zu den auf dem Asphalt sitzenden Bettlern.

Wenn die Schritte der eilig durch die Gassen laufenden Passanten im Stakkato vorbeirauschen, verhallen die „Bitte, Bitte“-Rufe der Menschen, die am Straßenrand auf Knien und mit flehenden Augen um Almosen betteln, in den Weiten des Alltagslärms. Und doch finden die Stimmen und Gesichter, die wir oft einfach vergessen möchten, am Ende des Tages wie ein Zerrspiegel unserer Gesellschaft wieder ihren Weg in unsere Köpfe: Wir sehen das Leben am untersten sozialen Ende durch unser persönliches Kaleidoskop. Die Debatte ist bald so alt wie die Diskussionen über die Verkehrspolitik in dieser Stadt. Bettelverbote kommen und gehen, und heute sieht es so aus, als ob „stilles Betteln“ erlaubt sei, „aggressives Betteln“ nicht. Geht das an der Problematik vorbei? In gewisser Weise ja, denn Theoretisieren schön und gut, aber die Not leidenden Menschen haben herzlich wenig davon. Warum kann die Stadt nichts gegen die organisierte Bettelei unternehmen, wenn es etwa ein offenes Geheimnis ist, dass jeden Morgen am Hauptbahnhof die Menschen wie Ware abgeliefert werden und sich am Abend zum Einsammeln und Abkassieren wieder dort einzufinden haben? Die Hintermänner bekommen Cash, die Bettler „dürfen“ in ihre Elendsquartiere zurückkehren. Wenn die NSA schon seit Jahren über österreichische Politiker Bescheid weiß, dann müsste die Stadtpolizei doch auch über diese Machenschaften der Ausbeutung Informationen haben und etwas unternehmen können. SOWEIT DIE GERÜCHTE Die Fakten sehen so aus, dass man in Salzburg derzeit bei fünfzig Metern Shopping auf etwa zehn Bettler aus augenscheinlich demselben Dorf und mit derselben Behinderung trifft. Bettler aus Österreich trifft man nicht oft an, falls doch, sind es bekannte Gesichter. Doch auch deren Schicksal erschließt sich uns kaum, Verschlossenheit und Angst gegenüber den „Reichen“ und den Medien überwiegen. Und wir, die „Reichen“, werfen doch ohnehin alle in einen Topf. In einen großbürgerlichen Topf der Überheblichkeit, des Vorurteils und der Unsicherheit. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, wie wir uns verhalten sollen, wenn wir an den Bettlern vorbeigehen, die uns ansehen und bitten. Wir senken unsere Blicke, geben vor in Eile zu sein, gehen vorbei und fühlen uns schlecht. Aber schlechte Menschen sind wir ja nicht, wenn wir nichts geben, es ist bloß Un-

zulänglichkeit hinsichtlich der Entscheidunggsstärke und des Umgangs mit der emotionalen Konsequenz. Doch eine solche Tour de Force in der Salzburger Innenstadt ist dennoch wie eine Achterbahn der sozialen Gefühlswelt. Ich möchte gerne etwas geben, die Medien sagen mir aber ich sollte nicht, da alle organisierte Bettlerbanden aus Osteuropa sind, doch dann leiden die Menschen ja, und ich genieße nichtsdestotrotz mein Leben und flaniere mit vollen Einkaufstaschen vorbei. Inwieweit ist also das ungestörte Durchstreifen der eigenen Stadt ein Grundrecht des Bürgers? Steht hier das soziale Gewissen im Kampf mit dem Gefühl der privaten „Pufferzone“? Wer hat nun mehr Anrecht auf Menschenrechte, mit oder ohne Anführungszeichen? Zum Ehrenschutz der Salzburger sei angemerkt, dass viele in dieser Stadt gerne geben und helfen. Und immer öfter sieht man auch Menschen, die Bettlern statt Geld Essen und Trinken anbieten. Ein guter Ansatz, denn dadurch sieht zumindest der verbrecherische Hintermann kein Geld. Hilfe ist das natürlich nur bedingt. So mancher Bettler aus dem Osten wäre nicht hier, hätte er gewusst, unter welchen Umständen er hier leben muss. Und das kommt von Menschen, die ihr Land verlassen, weil die Lebensumstände für sie dort unerträglich geworden sind. So gesehen sind so manche Schimpfkanonaden von Bettlern gegenüber „Nichtgebern“ irgendwie verständlich. Die Frustrationsschwelle ist überschritten. Wenn wir heute auf ein Amt gehen, ist unser Limit doch auch bereits erreicht, bevor noch der Satz „Bitte beim Kollegen“ kommt. EINE EINFACHE FORMEL Politik und Religion helfen den bettelnden Menschen auf unseren Straßen nicht. Es kommt nur darauf an, wie jeder von uns persönlich damit umgeht. Wie korrupt ist denn unser soziales Gewissen mittlerweile geworden, wenn in Deutschland Jugendliche Obdachlose zu Tode treten und das auch noch im Internet posten? In Griechenland verbrennen sich Pensionisten vor dem Parlamentsgebäude, weil sie nichts mehr zu essen haben, was wir als Marginalie in der Zeitung lesen. Natürlich lässt sich nicht alles verallgemeinern, jedes Problem ist individuell zu betrachten. Aber auf Augenhöhe mit Bettlern sind in Salzburg momentan jedenfalls nur die Kinder. Die Perspektive macht den Unterschied.

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