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Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt. Copyright 2007 by Nico Schiefer Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.


Neulich in Amsterdam Irgendwas war am 11. September geschehen. Der Einsturz der Twin-Towers in New York war es nicht. Die Leute, die dabei aus dem Fenster sprangen auch nicht. Einer der 300 Helikopter, von denen kein einziger in der Luft war, hätte sie retten können. Gemächlich sickert was durch. Mein Sperma ist es nicht. 50 Stundenkilometer, einen halben Meter weit, macht etwas mehr als 13 Meter pro Sekunde, ergösse es sich nicht in eine viel zu junge Justiz, die zu eng geworden ist um diesen Satz fortzusetzen. Die Fiktion ist real, meine Biographie so flüssig wie Ecstasy in den Venen von Partyschlampen. Lucy ist eine von ihnen. Jetzt stöhnt sie. Ich täusche ihr einen Orgasmus vor, habe noch was vor, ziehe meinen Schwanz heraus, laufe unter die Dusche und werfe sie aus der Wohnung. Draussen geht die Party weiter. Verfluchte Junkies. Wer hat die Mädchen reingelassen? Der Alk lässt nach, das Koks schlägt rein, das Wasser verbrüht meine Haut, ich schreie. Die Tussi hört mich nicht, ist längst draussen. Ich folge ihr durch die feiernde Masse schwitzender Teenies, dort streckt mich ein Gemisch aus Mundgeruch, Alkoholdunst und östrogengeschwängerter Luft zu Boden, bevor ich mit einem Badetuch um die Hüften Richtung Haustür wanke. Auf dem Weg ins Freie krache ich durch die Glasplatte der Wohnzimmercouch. Spritzer schwarzen Blutes verdunkeln die Bloody Marys einiger Herumstehender. Drei Collegejungs zerren meinen Körper hoch und drücken mich mit dem Rücken gegen die Wand, eine Fontäne ergiesst sich wie ein Schlag über ihre Footballjackets. Dann bin ich nüchtern. Ich wische mir das Blut in die Ärmel, boxe die Menge zur Seite, torkle zur Tür und bin weg. Meine Corvette springt


sofort an und trägt mich wie durch ein Wunder bis nach Mexiko. Im Verschlag einer Farm unweit der Grenze wache ich auf. Die Sonne sticht durch eine grindige Plexiglasscheibe und verstellt mir den Blick auf zwei pralle Provinzbauern, die gerade durchs Tor stampfen. Verdutzt starren sie mich an. Oder auch nicht, ich weiss nicht was sie denken. Da bin ich also: 6000 Kilometer von dem Ort entfernt, den ich dank einer Nudelpfanne, einer angeschimmelten Scheibe Salami im Kühlschrank und einem Topf Makkaroni als mein Zuhause kenne. Die Jungs sind kolossal. Sie laden mich auf einen Kaffee ein, wir sitzen vor der Hütte, schauen auf das weite Land hinaus. Zum Abschied kaufe ich einen Sack Peyotebuttons und bin weg. Ein paar Meilen hinter der Ortschaft erfüllt sich ein Jugendtraum. Ich schiebe meine Corvette über die Klippe, stoppe zur nächsten Kleinstadt und fahre die restliche Strecke bis über die Grenze mit dem Linienbus. Dann ist mein Geld alle und ich überlege, ob ich eine Prostituierte am Strassenstrich anquatschen, ficken und hinterher unterm Bankett verbuddeln soll. Die Vorstellung ist zu nah am Cliche, also perfekt, sie für die Wahrheit zu halten; Oder für das Tagebuch eines Wahnsinnigen. Ein Glücksfall für CNN, eine Horrorvorstellung für Eltern. Ich kann mich nicht entscheiden. Ohne Wagen auf weiter Landstrasse? Ich würde nicht weit kommen, lasse den Gedanken fallen -, vorerst, tausche an einer Highway-Tankstelle ein paar Peyote gegen Dollars und fahre zum Flughafen. Ich zwinge das Yellow Cab zum anhalten, springe in das nächstbeste Thailokal, würge auf der Toilette zwei Peyote hinunter, den Rest verticke ich dem Fahrer -, das reicht bis in die Nordstaaten. Auf knapp 9000 Metern erweise ich dem Kotzbeutel vor mir alle Ehre, dem neben mir gleich dazu. Mir war immer klar, dass die nicht ganz dicht sind. Diese Amerikaner! In Washington D.C. bin ich weit davon entfernt die Stewar-


dessen nicht für sechsköpfige Monster zu halten. Ich stehe in der Ankunftshalle, die so furchterregend ist wie das blanke Nichts und schiebe Paranoia. Zwei Bullen packen mich seitlich am Arm, schleifen mich in ihr Büro, quatschen mich von beiden Seiten voll, ich stammle etwas von Schlangen und Fledermäusen und als eine Krankenschwester meine Körperöffnungen durchsucht und dabei meiner Prostata zu Nahe kommt, mach ich ihr den Kittel voll. Als fest steht, dass ich ohne Gepäck unterwegs bin lassen sie mich laufen. Ich bin Europäer, wen kümmert´s, ... Meine Bankomatkarte funktioniert wieder, ich hebe den Maximalbetrag ab, frage Paranoia schiebend die Schalterdame nach Billigtickets, klatsche einen Extraschein auf den Schalter, mich in die Wartehalle und nach endlosem Komadösen reisst mich das billige Parfum der Lady für einen kurzen Moment in die 4. Dimension: "Ihr Flug, Mister..." In der American Airways Maschine nach Schiphol kippe ich zwei Minibarflaschen Whisky, nehme die Tram zum Bahnhof und setze mich in den erstbesten Coffeeshop, ins Doors. Morrisons Songs holen mich runter, der erste Grasofen macht mich warm, aber nicht so warm, dass ich dem Typen neben mir ein Zungenspiel gestatten würde. Ich knalle ihm das halb volle Heineken ins Gesicht, brauche frische Luft, laufe die Warmoe Straat zu Fuss bis zum Steakhaus. Es ist voll, ich laufe weiter, ziehe mir unterwegs eine Falaffel aus der Wand, ertränke sie in Majo, laufe weiter zum Dam , setze mich auf die Stufen, schaue den Gauklern zu, wie sie Touristen abzocken, checke ein paar E für den Abend und dampfe mit dem Asphalt um die Wette. Die Polstersitze des Krasnapolsky fangen mich auf. Ich bestelle einen caffe americano , der mich noch derber dehydriert, ... Völlig stoned breche ich Stunden später in der Matratzengruft des YHI zusammen. Im matten Augenwinkel verfolge ich das Treiben zweier Teenies mit drei Typen, wobei un-


klar ist, wer, wen, was, wohin steckt. Ich laufe zum Rotlichtviertel, besorge mir eine Taiwanerin mit kleinen Titten, die gut blasen kann, schlafe sofort nach dem kok & blow ein und lande auf dem Gehsteig. Ihr Zuh채lter hat mich hart getroffen, meine Kopfwunde, scheusslich offen, quillt und dampft wie die Fotze einer Altgedienten, dass mir beim R체ckweg zur Herberge nicht mal die Nutten auf der Damrak get free! zurufen. Mann, war das ein Wochenende, ...


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Nico Schiefer, geboren am 11. April 1981, lebt zusammen mit seiner Frau in Manila. Der Grenzgänger schreibt von den Rändern der Gesellschaft. Bevor er damit begann, durch Asien und Europa zu reisen, verdiente er sich die ersten Sporen im erweiterten Feld des Journalismus: er arbeitete für eine Presseagentur in Wien, verkaufte Werbeflächen, schrieb für österreichische Lokalzeitungen und Underground-Magazine in Deutschland. Seine Umtriebigkeit und sein Gespür dafür, was hinter dem Sichtbaren brennt, bringt ihn ständig ins Gespräch - auch im Establishment. Die Presse nennt ihn „das Untergrundgenie“.


Bücher von Nico Schiefer

S-BAR: eine schlechtbürgerliche Küche, Reisetexte 2009 ISBN: ISBN-13: 978-3000210426

Schmetterlingsherzen, Roman 2006 ISBN: 9 783902 546692

Lagunen Lieder, Gedichte 2006 ISBN: 9 783902 546616

backfeed, Shortcuts & Aphorismen 2006 ISBN: 9 783902 546685

GIRLS! untouched, Kunstbuch 2007 ISBN: 9 783833 492747

eBook-Editionen: www.readbox.net ________________________________________________ Infos zu allen Büchern (+ Vorschau), e-books und apps:

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Travel Stories from the Road: Amsterdam  

Eine Short Story vom Underground-Genie Nico Schiefer. Genehmigter Textauszug aus dem Buch "S-BAR: eine schlechtbürgerliche Küche", kulTVerla...

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