Page 1

Reportage

14. März 2009

4/5

Nicht nur ein Mittel gegen die Armut Mit Mikroversicherungen in Indien beweist der Münchner Allianz-Konzern sein soziales Engagement – und erschließt sich gleichzeitig neue Kundenschichten.

Mit äußerst geringen Beiträgen können sich im Süden Indiens seit einem Jahr auch arme Menschen gegen ihre größten Risiken versichern – um nicht durch Naturkatastrophen oder Krankheiten plötzlich alles zu verlieren. Langfristig soll sich das vielbeachtete Pilotprojekt auch für den Münchner Allianz-Konzern lohnen, der gemeinsam mit der Hilfsorganisation Care neue Wege beschreitet und die Grenzen zwischen Profitstreben und Wohltätigkeit verwischt.

Wenn der Regen mit aller Macht kommt, geht es ganz schnell. Nur Minuten dauert es, bis auf den schlammigen Pfaden zwischen den Hütten dünne Rinnsale zu kleinen Bächen werden, kaum Stunden, bis die lehmgelbe Brühe schließlich bis vor die Türen reicht. Dann hoffen die Menschen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, dass nach dem Unwetter die Sonne bald wieder durch die Wolken bricht, dass der Wind seine Kraft verliert und die Natur noch einmal zur Ruhe findet – wie so oft in der Regenzeit zwischen Dezember und März. Doch Jyothi hat mehr als einen Sturm erlebt, der erst nach Tagen weiterzieht und in ihrem Dorf Semmatti Kuppam großen Schaden anrichtet. Der letzte hat ihr das Haus genommen und fast alle Hoffnung. Das Wasser schwappte zentimeterhoch durch die beiden kleinen Räume, umspülte die weichen Lehmwände, die am Ende einfach zusammensackten. „Der Wind hatte das Dach weggerissen, der Regen hörte einfach nicht auf; es war nicht sicher dort, wir mussten nach draußen“, erzählt die 45-Jährige.

Journal

Mit ihrem traditionellen Begrüßungsritual wollen diese Frauen in einem südindischen Dorf vor allem eines ausdrücken: Dankbarkeit. Nach dem letzten schweren Sturm wissen sie, dass ihre Entscheidung richtig war. Sie vertrauten für ein paar Euro im Jahr auf eine Mikroversicherung – ein Pilotprojekt der Allianz mit der Hilfsorganisation Care und rund 180 lokalen Selbsthilfegruppen. Fotos: Carsten Luther

Sicherheit kann auch für Arme bezahlbar sein Die Idee, sich gegen solche Natur- alten Hütte auf ein paar krumme katastrophen und andere Risiken zu Holzpfosten stützt. Schutz bietet dieversichern, ist den Menschen hier se Bleibe nur ein wenig vor der Sonvöllig fremd. Ohnehin sind Versiche- ne, Sicherheit nicht. „Es gibt gefährrungen in Indien bislang wenig ver- liche Schlangen hier, manche fast breitet, obwohl der Bedarf riesig ist. zwei Meter lang, viele giftige InsekNur etwa 20 Prozent der Bevölke- ten, wir müssen auf Skorpione aufrung sind in irgendeiner Form versi- passen“, sagt Jyothi. „Wir können chert, meist in einer Sach- oder Lebensversicherung. Der größte Teil davon sind Jyothi, indische Tagelöhnerin, die durch einen Sturm ihre Hütte verloren hat Angestellte des Staates, die automatisch eine Lebensversicherung nicht in Frieden schlafen.“ Das sagt erhalten. Eine Krankenversicherung sie auch, weil sie sich Sorgen um ihre besitzen gerade einmal 1,5 Prozent beiden Töchter und das kleine Ender Inder. Nur vergleichsweise kelkind macht. Nirgends können sie wohlhabende Bürger in den Städten sich zurückziehen, um ihre Kleidung können es sich überhaupt leisten, zu wechseln oder sich zu waschen. selbst eine Police abzuschließen. Für „Und in der Nacht liegen wir hier die Mehrheit der Landbevölkerung ganz allein.“ sind die Beiträge einfach zu hoch. Weil alle einen Bogen um diese Auch für Jyothi, die jetzt mit zwei vom Glück verlassenen Menschen ihrer sechs Kinder unter einem pro- machen, ist es so etwas wie eine visorischen Dach aus Palmwedeln kleine Revolution, wenn Europas lebt, dass sich neben den Resten der größter Versicherer, die Allianz, genau hier um neue Kunden wirbt. Seit knapp einem Jahr verwischen in Dörfern wie Semmatti Kuppam die Grenzen zwischen dem Profitstreben eines börsennotierten Branchenriesen und wohltätiger Entwicklungshilfe. Bajaj Allianz, der indische Ableger des Münchner Konzerns, hat Tamil Nadu ist der südlichste Bundesstaat Indiens drei Distrikte im Bundesstaat Tamil mit rund 65 Millionen Einwohnern auf etwas mehr als Nadu als Schauplatz für ein ehrgei130 000 Quadratkilometern. Die Hauptstadt ist Chennai ziges Pilotprojekt gewählt. Zusam(gut 4,2 Millionen Einwohner). Die Amtssprache, die etmen mit der Hilfsorganisation Care wa 90 Prozent der Einwohner sprechen, ist Tamil. Hindus und lokalen Selbsthilfegruppen biestellen mit gut 88 Prozent die deutliche Mehrheit der Retet der Versicherer Menschen wie ligionsgruppen. Gut 6 Prozent sind Christen, rund 5,5 Jyothi einen Grundschutz gegen UnProzent gehören dem Islam an. fälle, Feuer und Naturkatastrophen an. Eine Police für eine vierköpfige Rund 45 Prozent der Fläche werden landwirtFamilie kostet 250 Rupien im Jahr – schaftlich genutzt. Auch wenn Tamil Nadu zu den am das sind rund vier Euro. Eine einfahöchsten industrialisierten Bundesstaaten Indiens zählt, che Krankenversicherung für die ist die Landwirtschaft nach wie vor der wichtigste Arganze Familie liegt bei 400 Rupien – beitgeber. Angebaut werden vor allem Reis, Erdnüsse, etwas über sechs Euro. Mais und Hirse, an Obst vor allem Bananen und Mangos. Für Jyothi ist das mehr als ein Monatsverdienst. Doch sie weiß: Ein Verhältnismäßig wohlhabend ist Tamil NaSchicksalsschlag wie ihrer kann hier du im Vergleich zu anderen Regionen Indiens. Krasse für jeden schnell den Ruin bedeuten. Armut ist nicht ganz so häufig wie im Norden des LanEs gibt nicht viel Arbeit in der armen des. Dennoch gibt es gravierende soziale Probleme und Region. Die meisten Bewohner von Ungleichheiten, vor allem durch das Kastensystem. KinSemmatti Kuppam leben von der derarbeit und Unterernährung sind weit verbreitet. Landwirtschaft, oft als Tagelöhner

„Wenn ich das Geld nicht habe, werden sie kommen und mir das Land abnehmen.“

ohne eigene Felder. Eine zerstörte Hütte wieder aufzubauen, dafür reichen die wenigen Ersparnisse in der Regel nicht. Und wenn der Regen die Ernte zerstört, gibt es teils monatelang kein Einkommen. Seit März 2008 sind mehr als 100 000 Versicherungspolicen in den drei Distrikten abgeschlossen worden – meist für eine ganze Familie. In der Münchner Allianz-Zentrale sieht man in dem Projekt weit mehr als nur eine Form der Entwicklungshil-

fe, auch wenn die Idee dazu aus dem Wunsch der Mitarbeiter entstand, in einer akuten Katastrophe schnelle Hilfe leisten zu wollen. Nach dem verheerenden Tsunami, der im Jahr 2004 die Südküste Indiens verwüstete, spendeten sie mehr als eine Million Euro, und der Vorstand legte noch einmal so viel obendrauf. Mit dem Partner Care wuchs auf der Suche nach Konzepten für den nach-

haltigen Wiederaufbau schließlich auch das ambitionierte Geschäftsmodell für einen Versicherungsschutz, der ganz auf die Bedürfnisse der Menschen hier zugeschnitten ist – und ihnen helfen kann, nach Naturkatastrophen, Unfällen oder Krankheiten nicht unweigerlich in eine unaufhaltsame Armutsspirale zu geraten. Selbst Jyothi, die eine solche Versicherung abgeschlossen hatte, blieb nach dem Sturm zunächst keine an-

dere Wahl, als sich zu Wucherzinsen Geld zu leihen – immer in der Angst, den Kredit vielleicht niemals zurückzahlen zu können. Höchstens 60 Rupien hat die Frau pro Tag zur Verfügung, wenn sie Arbeit hat – umgerechnet ist das nicht einmal ein Euro. Allein die Wände für eine neue Hütte kosten sie mindestens 1200 Rupien. Leiht sie sich 5000 Rupien für die Dauer von zwei Monaten, zahlt sie

Einfache Verhältnisse: Für eine Versicherung können diese Menschen nur wenig Geld aufbringen, sie sind aber großen Risiken ausgesetzt.

Daten und Fakten

Nach dem Einsturz ihrer Hütte können Jyothi (rechts) und ihre Familie auf einen Neuanfang hoffen: Sie hatten sich zuvor versichert.

In einer der vielen Selbsthilfegruppen diskutieren die Frauen über das Versicherungsangebot von Allianz und der Hilfsorganisation Care.

6000 Rupien nur für die Zinsen. Jyothi ist verzweifelt, denn sie weiß, was als nächstes kommt: „Wenn ich das Geld nicht habe, werden sie kommen und uns tyrannisieren; sie werden mich zwingen, das Land abzugeben.“ Fragt man nach ihrem Mann, bricht die tapfere Frau in Tränen aus. Hat er selbst Arbeit, sieht die Familie von dem Geld wenig. „Die Hälfte geht für den Alkohol drauf, und für uns fühlt er sich überhaupt nicht verantwortlich. Ich weiß nicht einmal, wo er sich rumtreibt.“ Wie eine Versicherung den Menschen in einer solchen Situation helfen kann, begreifen die Menschen in den Dörfern nur langsam. „Fast alle, die wir von einer Police überzeugen konnten, sind zum ersten Mal in ihrem Leben versichert“, berichtet Devaprakash, der Leiter des CareBüros in Tamil Nadu. „Die Risiken kennen die Leute hier genau, beinahe jeder ist schon einmal selbst durch Sturm, Krankheit oder Unfall in eine schwierige Lage geraten – aber das Prinzip, für den Schutz vor etwas zu bezahlen, das vielleicht gar nicht eintritt: Das ist nicht leicht zu vermitteln.“ Immer wieder fordern Versicherungskunden ihre Beiträge nach einem Jahr zurück, wenn es keinen Schadensfall gab, oder wollen eine Police abschließen für ihr Haus, wenn es bereits zerstört ist. Mit Theaterstücken oder einfachen Bildergeschichten versuchen die Care-Mitarbeiter und ihre Partner aus den lokalen Selbsthilfeorganisationen deshalb, die Menschen aufzuklären. Oft unterschreiben nach solchen Veranstaltungen, die in den Dörfern vor allem die Frauen besuchen, gleich ganze Gruppen eine Versicherungspolice. So kam auch Jyothi damals an ihren Vertrag – „weil die anderen gesagt haben, dass es eine gute Sache ist“, gibt sie zu. Dass sie jetzt 4750 Rupien (73 Euro) für den Wiederaufbau ihrer Hütte bekommt, kann sie kaum fassen: „Das müssen alle erfahren, ich will gerne helfen, noch viele Menschen zu überzeugen.“

CARSTEN LUTHER .................................................

Der Blick in die Schadensbilanzen ihrer Landesgesellschaften in Asien nach dem verheerenden Tsunami Ende 2004 überraschte die Manager der Allianz: Eine riesige Flutwelle hatte in Ländern wie Indien, Indonesien oder Thailand weite Teile der Küstenregionen verwüstet – aber in den Büchern fanden sich kaum Spuren der Katastrophe. Dabei sind gerade diese Menschen besonders auf Schutz angewiesen, droht doch jeder Schicksalsschlag sie noch tiefer ins Elend zu stürzen. Die traditionellen Versicherungsprodukte kann sich aber ein Großteil der ländlichen Bevölkerung einfach nicht leisten. Zwar sieht der indische Versicherungsmarkt feste Sozialquoten vor: Die Unternehmen müssen einen Teil ihrer Prämienumsätze in ländlichen Regionen erzielen und auch Landarbeiter oder Fischer mit geringem Einkommen unter Vertrag nehmen. Doch der Markt ist für viele Versicherer offenbar nicht interessant genug, um ihre Angebote genau auf die Bedürfnisse der Menschen zuzuschneiden. In München sah man das anders. 500 000 Euro Startkapital aus Spenden der Mitarbeiter und des Konzerns nach der Flutkatastrophe sollten einen riesigen Feldversuch ermöglichen. Mit Mikroversicherungen hatte die Allianz bereits in anderen Ländern Erfahrungen gemacht – doch lange nicht in dieser Größenordnung. Für den Versicherer war schnell klar: Einfach bestehende Versicherungsprodukte so weit zu schrumpfen, dass auch die arme Landbevölkerung sie sich leisten kann, ist der falsche Weg. Schließlich sollte es nicht um die Erfüllung von Quoten gehen, sondern um die Menschen.

Gesundheit und Bildung sind den Menschen wichtig Mit Care fand die Allianz den Partner, um die Frauen und Männer in den vielen kleinen Dörfern der Region bereits bei der Produktgestaltung einzubinden. Die Hilfsorganisation kooperiert seit Jahren mit zahlreichen lokalen Selbsthilfegruppen, die sich wie ein dichtes Netz über Indien spannen und überall viele Mitglieder zählen. Zusammen fanden sie durch die Befragung Hunderter Haushalte heraus: Gesundheitsschutz und die Bildung der Kinder sind den Menschen hier am wichtigsten. Daraus entstand die gebündelte Lebensund Unfallversicherung, die von der Allianz seit März 2008 in drei Distrikten des Bundesstaates Tamil Nadu angeboten wird. Sie deckt auch Schäden am Haus durch Feuer, Sturm oder Überschwemmung ab und zahlt den Kindern im Todesfall der Eltern ein Bildungsstipendium. Vier Euro kostet die Police für eine vierköpfige Familie pro Jahr. In einigen Dörfern experimentiert die Allianz zudem mit einer genossenschaftlichen Krankenversicherung, bei der sie als Rückversicherer auftritt. Krankenhausaufenthalte,

Die Allianz will den Menschen in Indien helfen – und mit ihnen Geschäfte machen. Arztbesuche und Medikamente kann die Police (sechs Euro pro Jahr für eine vierköpfige Familie) abdecken, weil ein Vertragsarzt die Erstbehandlung übernimmt, die Mitglieder selbst die Verwaltung übernehmen und mit örtlichen Kliniken Rabatte aushandeln konnten. „Trotz der Startfinanzierung aus Spenden ging es uns natürlich auch darum, Geld zu verdienen“, sagt Allianz-Sprecher Nicolai Tewes. „Wenn das System wirtschaftlich funktioniert, kann eine solche Mikroversicherung der Schlüssel zur Entwicklung der Menschen sein.“ Der Konzern beweist also sein soziales Engagement, nimmt aber gleichzeitig neue Kundenschichten in einem aufstrebenden Schwellenland in den Blick und verspricht sich langfristig neue Geschäfte. Die Partnerschaft mit der Hilfsorganisation und rund 180 lokalen Gruppen ermöglicht dabei nicht nur den engen Kontakt zu den Menschen, sie drückt auch die Kosten drastisch. Die Helfer übernehmen den Vertrieb, klären die ländliche Bevölkerung zum Beispiel mit Theaterstücken über das Versicherungswesen auf und kümmern sich teils auch um die Regulierung von Schadensfällen. Tewes: „Das ist auch wichtig, weil es um Vertrauen geht, das Care und die anderen Gruppen in dieser Region genießen und von dem wir profitieren können.“ In drei bis fünf Jahren will die Allianz mit den Mikroversicherungen schwarze Zahlen schreiben. Geringe Prämien, hohes Risiko – der Versicherer will zeigen, dass sein Geschäftsmodell dennoch trägt. Aus dem letzten großen Wirbelsturm Ende vergangenen Jahres mit weit mehr als 16 000 Schadensfällen zogen die Münchner die vielleicht wichtigste Lehre auf diesem Weg: „Wir müssen das Risiko auf mehrere Regionen streuen, wir müssen über Rückversicherung nachdenken – das Ganze letztlich wie jedes andere Versicherungsgeschäft auf eine solide Basis stellen“, glaubt Tewes. In seinen Augen trägt das Unternehmen mit seinem Engagement im Süden Indiens eine große Verantwortung: „Wenn es ein Geschäft gibt, in dem wir die Kunden nicht enttäuschen dürfen, dann dort.“ (lu)

Für die Menschen im Süden Indiens hängt vieles vom Wetter ab. Heftiger Regen kann schnell die gesamte Ernte vernichten.

Sicherheit kann auch für Arme bezahlbar sein  

Mit äußerst geringen Beiträgen können sich im Süden Indiens seit einem Jahr Menschen gegen ihre größten Risiken versichern - um nicht durch...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you