Andererseits N° 19 »Freiheit« – Magazin des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

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Andererse s

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Im Lexikon steht:

Frei·heit

Substantiv, feminin [die]

1. Zustand, in dem jemand frei von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen, unabhängig ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht eingeschränkt fühlt

2. Möglichkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen

Der Begriff »Freiheit« ist in den letzten Jahren in so unterschiedlichen Kontexten aufgetaucht, dass er in manchen Fällen von der eigentlichen Lexikon Definition abweicht: So forderten beispielsweise Querdenker die »Freiheit« vom »Maskenzwang« und die Bewegung #freethenipple die Freiheit, sich unzensiert barbusig zeigen zu dürfen. Neben der Freiheit für Nippel und Nasen fordern unterschiedliche Organisationen oder Einzelpersonen immer wieder u.  a. die Freiheit für die Liebe, die eigene Meinung, den Riesling, die Hauskatze oder –wie Richard David Precht es kompakt auf den Punkt bringt – die Freiheit für alle. Der Begriff »Freiheit« ist das unschlagbare Super­Argument: Denn wer »Freiheit« fordert, der hat erst mal recht, so steht es ja auch im Grundgesetz. Doch was es eigentlich bedeutet, wirklich einen Verlust von Freiheit zu erleben, das verdrängen wir zwischen all den Forderungen gerne mal. Die Menschen in der Ukraine befinden sich derzeit weder in einem Zustand, in dem sie sich »nicht eingeschränkt fühlen«, noch haben sie die »Möglichkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen«. Viel schlimmer noch: Die Menschen in der Ukraine müssen um ihre Existenz fürchten.

Auf die Frage: »Was bedeutet Freiheit?«, reicht derzeit nicht mehr nur der Blick ins Lexikon, sondern man muss vielleicht jemanden antworten lassen, dem sie genommen wurde.

1 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
… ist die Bedeutung des Begriffs »Freiheit« irgendwie verschwommen.
2 Inhalt 6
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HERAUSGEBER Hessisches Staatstheater
19
36
»
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UND
HEIRATEN
WIE FREI IST DIE KUNST? Von Hanno Rauterberg
MEINE FREIHEIT, DEINE FREIHEIT Oper L Fidelio
DAS MENSCHENHERZ AUSFÜLLEN , GEDÄCHTNIS AUFFÜLLEN Ballett L V/ertigo
DIE KLEINBÜRGERSEELE AUSKLOPFEN Schauspiel L Michael Kramer IMPRESSUM
Wiesbaden INTENDANT Uwe Eric Laufenberg GESCHÄFTSFÜHRENDER DIREKTOR Holger von Berg SPIELZEIT 2022.2023 Magazin
TITELTHEMA Freiheit REDAKTION Juliane Gaebler Anika Bárdos Wolfgang Behrens Bjarne Gedrath Lucas Hermann Marie Johannsen Constantin Mende Luisa Schumacher ART DIREKTION formdusche, Berlin DRUCK Köllen Druck + Verlag GmbH ANZEIGEN Ursula Maria Schneider ursula.maria.schneider@ t-online.de Tel. 0160.93 71 86 14 COVERBILD formdusche
FEENSTAUB UND FANTASIE JUST L Peter Pan 40
ALLES GEB’ ICH HIN … « Oper L Rusalka
VON LIEBES-
ANDEREN
Schauspiel L Ein Sommernachtstraum 26 DIE FREIHEIT DES TANZES JUST L blau 32 WITWEN IN RIGA UND WIESBADEN Oper L Die Lustige Witwe 44 MORD IM THEATER Schauspiel L Mord auf Schloss Haversham – The Play That Goes Wrong 48 WARUM SCHREIBT MAN SCIENCE-FICTION? Oper L Oryx and Crake

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einerseits …

»Wie frei ist die Kunst?« von Marie Johannsen 50 Mach den Empathietest!

Läuft das eigentlich noch unter Meinungsfreiheit – oder ist das einfach

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Quergeschaut

Lesefutter 58 #TheaterTheater mit Laufenberg Freiheit 60 … andererseits Kolumne von Wolfgang Behrens

Welt in Zahlen Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit?

HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN N° 19
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MAGAZIN #02 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN 5 5 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Sinn
ist Freiheit.
Der
von

L

Wie frei ist die Kunst?

Ein Gastbeitrag von Hanno Rauterberg

Richtig, so steht es im Grundgesetz: Die Kunst ist frei. Doch gefeit ist sie damit keineswegs. Immer wieder werden Künstlerinnen und Künstler scharf kritisiert, manchmal werden sie sogar ver klagt, es kommt zu Gerichtsprozessen, ange strengt zumeist von konservativer Seite. In jüngster Zeit verlangt eine Neue Rechte, jede Art von Multikulturalität und Multiperspektivität von den Bühnen und aus den Museen zu verbannen. Insbesondere an ostdeutschen Theatern gab es Störungen durch sogenannte Identitäre, während zugleich die AfD verlangte, in Berlin den Etat des Berliner Friedrichstadt Palasts, des Gorki Theaters oder des Deutschen Theaters einzukürzen. Es zeigen sich hier vertraute, antimoderne Muster. Die Kunst soll gefallen und keineswegs für Unruhe sorgen.

Vergleichsweise unvertraut sind hingegen die Grenzen, die seit einigen Jahren von einem fortschrittlich orientierten Milieu eingefordert werden. Dieses Milieu hält sich selbst für tolerant und polyglott und neigt dennoch dazu, unliebsame, den eigenen Vorstellungen einer inklusiven Gesellschaft widersprechende Positionen aus dem Diskursraum verdrängen zu wollen. Nicht zuletzt deshalb zeigen sich viele Künstler beunruhigt, die Schriftstellerin Eva Menasse zum Beispiel. Sie sagte in einem Vortrag: »Ich bin davon überzeugt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner ist als noch vor wenigen Jahren. Das ist eine Entwicklung, die mich bestürzt und alarmiert.« Ähnlich schilderte die Schriftstellerin Tina Übel in einem Zeitungsbeitrag, sie sei zunehmend »beunruhigt«, dass sich viele Debatten nicht mehr um Meinungen und Fakten drehten, es vielmehr um die »Gesin nung eines Autors« gehe. Sie beklagte »schmerzliche Verluste« an Weltoffenheit und Empathie.

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TEXT HANNO RAUTERBERG

Auch international fühlen sich viele Autoren und Wissenschaftler in ihren Freiheitsräumen bedrängt, so etwa Margaret Atwood, Ian Buruma, Noam Chomsky und Joanne K. Rowling, die 2020 einen offenen, viel diskutierten Brief unterschrieben. Dort heißt es: »Der freie Austausch von Informationen und Ideen, das Lebenselixier einer liberalen Gesellschaft, wird täglich mehr eingeengt. Während wir dies von der radikalen Rechten erwarten, breitet sich die Zensur auch in unserer Kultur immer weiter aus: eine Intoleranz gegenüber gegenteiligen Ansichten, eine Vorliebe für öffentliche Beschämung und Ächtung und die Tendenz, komplexe politische Fragen in einer blendenden moralischen Gewissheit aufzulösen.«

Zu dieser Entwicklung gehört beispielsweise, dass die »New York Times«, Inbegriff der politischen Unerschrockenheit, keine Karikaturen mehr drucken möchte, weil sich gleich mehrfach Menschen von den Zeichnungen in ihrer Würde verletzt gezeigt und protestiert hatten. Zu dieser Entwicklung gehört ebenfalls, dass die Schau spielerin Scarlett Johannson harsche Kritik auf sich zog, weil sie die Rolle eines Transmanns spielen sollte, obwohl sie selber heterosexuell ist. Sie antwortete ihren Kritikern: »Ich bin der Meinung, dass in einer idealen Welt jeder Schauspieler in der Lage sein sollte, jeden zu spielen, und dass Kunst in jeder Form immun gegen politische Korrektheit sein sollte.« Dar aufhin wurde sie mit einem Shitstorm globalen Ausmaßes überzogen.

Nicht die ästhetische Qualität eines Werks, nicht die kreative Leistung der Künstler und Künstle rinnen stehen im Mittelpunkt solcher Debatten. Vielmehr werden Fragen der Anti­Rassismus oder der Metoo Bewegung in die Arenen der Kunst getragen, auch in der Hoffnung, hier, auf dem symbolpolitischen Feld, jene Veränderung zu bewirkten, die im realpolitischen Raum nur wenig Chancen zu haben scheint. So geht es den Aktivisten oftmals nicht um kritische Ausein andersetzung und den Austausch kontroverser Stimmen. Was zählt, ist ein möglichst großes mediales Echo. Und die Forderung nach ikono klastischer Verbannung und Vernichtung erzeugt ein solches Echo höchst zuverlässig.

Die Kritik am Liberalismus, die in den Kultur kämpfen zum Ausdruck kommt, kennt viele Spielarten. Allen gemeinsam ist die Enttäuschung darüber, dass universale Gleichheit und Ge rechtigkeit ausgeblieben sind. Ebenfalls ist allen gemeinsam, dass sie nach Rebellion verlangen: Sie wollen einen in ihren Augen falschen, weil exklusiven Freiheitsbegriff überwinden, da er strukturelles Unrecht decke und beschönige.

„ALLES MIT STIL, STATT VON ALLEM ZU VIEL.“

Betina Weiler

Wilhelmstraße 38, 65183 Wiesbaden fashion@betina-weiler.de, 0611 / 360 544 22 www.betina-weiler.de

7 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
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Hanno

Journalist, Autor, Kunst- und Architekturkritiker. Seit 1998 ist er Redakteur im Feuilleton der ZEIT und seine oft thesenstarken Betrachtungen haben gleich mehrere wichtige Preise gewonnen. 2018 erschien sein Essay »Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus« im Suhrkamp-Verlag und bringt aktuelle Debatten und grundsätzliche Fragen zur Kunstfreiheit treffend zu Papier.

Um das zu ermöglichen, nehmen sich manche Kritiker des Liberalismus das Recht heraus, das Egalitätsprinzip aufzuheben, etwa durch eine »Umverteilung von Redefreiheit«, wie sie von der Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldman und anderen als Option diskutiert wird. Sie halten die Tabubrüche moderner Künstler selbst für ein Tabu, das gebrochen werden müsse. Hingegen könne eine Begrenzung der Kunstfreiheit eine progressive, emanzipatorische Kraft freisetzen, wenn es sich um eine »Zensur von unten han delt«.

Feldman beruft sich in dieser Argumentation auf den Underground Musiker Ian F. Svenonius und seinen Essay »Censorship Now!!«, in dem er sich gegen den Sonderstatus der Kunst wendet, weil diese dadurch »gegen alle Schuldfähigkeit immunisiert« werde. Deshalb trete er ein für eine »Volkszensur, eine Graswurzelzensur, eine Zensur als Aufstand.« Feldman stimmt ihm zu, da es sich bei der Kunstfreiheit ohnehin um einen »Mythos« handele, hinter dem kaum mehr verborgen sei als bürgerliche Heuchelei: »So lange Frauen und andere marginalisierte Gruppen keinen gleichberechtigten Zugang zur Kunst welt haben, bleibt das abstrakte Ideal der Kunst freiheit ein liberales Trugbild.«

Solche grundsätzlichen Zweifel an der bürgerlichen Werteordnung und ihrer Freiheitsvorstellungen bezeichnet Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunst sammlungen in Dresden, als »Rückschritte in der Emanzipation«. In den kulturellen Kon flikten zeige sich, »dass wir in einer Welt der Verbote und Tabuisierungen leben.« Auch der Theoretiker Diedrich Diederichsen kritisiert die »fromme Intersektionalität, in der so viele kunstlinke Texte baden«, und weist darauf hin, dass es im Kampf für mehr Emanzipation nicht um »böse Menschen gehen« dürfe, sondern um »deren in ideologisch institutionalisierte Interessengegensätze gegossene objektivierte Form«.

Ein freiheitlicher Kunstbegriff, der seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat, setzte auf Werte wie Autonomie und Universalität. Hier, im Reich der Künste, sollten nicht die Moral und nicht die Herrschaftsansprüche der Wirklichkeit regieren. Vielmehr öffne sich, so die Hoffnung, ein Raum für das Unausdenkliche und Absurde, ein Raum, in dem Menschen als Tiere auftreten, sich ein Christ in einen Juden verwandelt oder aus dem Mann eine Frau werden kann. In Gedanken würden die klassischen Grenzen der Vorstellung und auch der Sittlichkeit durchlässig, der Mensch dürfe dem Korsett der eigenen Identität entkommen. Hingegen geht es in den jüngsten Kulturkämpfen um neue Grenzziehung, konkret um die Frage, wer in wessen Namen sprechen, wer sich auf welche kulturellen Zeichen berufen und diese für sich nutzen darf.

Dieses Bedürfnis nach identitätspolitischer Einhegung der ästhetischen Fantasie betrachtete der Philosoph Richard Rorty bereits Ende der Neunzigerjahre als »politisches Unglück«. Die politische Macht bleibe unangefochten, wenn sich Menschen in den Debatten um »kulturelle Stigmata« und »Pseudoereignisse« zerfleische. Ein Gutes allerdings haben die ikonoklastischen Streitfälle: In der Postmoderne schien alles möglich, nichts gültig, und in diesem schläfrigen Gefühl der Beliebigkeit hatte man sich eingerichtet. Jetzt hingegen ist die Kunstwelt ge zwungen, die eigene Bedeutung neu zu er kunden. Sie muss begründen, warum und wozu sie ihre Freiheit beansprucht. Und dank der Attacken genießt sie eine ungewohnte Aufmerk samkeit: Sie wird zu einem Ort, an dem die Gesellschaft für sich klärt, wer sie sein will und wie wichtig ihr die eigene, schwer errungene Freiheit in Zukunft noch sein soll.

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deine Freiheit

TEXT CONSTANTIN MENDE BILDER LENA OBST

Meine Freundin lernt gerade Deutsch. Neulich fragte sie mich beim Vokabellernen: »Wieso gibt es eigentlich das Wort  ›Freiheiten‹? Es gibt doch eigentlich nur eine Freiheit. Die Freiheit.« Ich versuchte schnell zu antworten: »Naja, es gibt schon einen Plural. Es kann doch verschiedene Freiheiten für verschiedene Menschen geben.« Sie: »Aber bei anderen großen Begriffen gibt es doch auch nur Singular. Bei Liebe zum Beispiel.« Ich, meinen Wohnungsschlüssel suchend: »Der Plural von Liebe ist ›Liebschaften‹.« »Aber das hat doch nichts mit Liebe zu tun …« An dieser Stelle musste ich die Diskussion leider unterbrechen, um mich auf den Weg zum Theater zu machen. Ich musste an diesem Tag dringend die Übertitel für »Fidelio« korrigieren.

MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN 9 L Thema: Freiheit Meine Freiheit,
Oder doch: unsere Freiheit?

In meinem Dramaturgenbüro angekommen, recherchierte ich im Internet. Besonders viele Leute schienen sich dieser Frage anscheinend noch nicht gestellt zu haben, zumindest keine Leute mit Internetverbindung. Schon im ersten Wiki pedia Artikel stieß ich aber auf zwei Freiheiten, die vonein ander unterschieden wurden. Positive Freiheit und negative Freiheit. Als Beispiel für die Unterschiede dieser beiden Freiheiten wurde erklärt (im Folgenden sehr frei paraphrasiert): Negative Freiheit ist, dass mich niemand daran hindert zu rauchen. Positive Freiheit ist, dass ich freien Zugang zu Informationen über den gesundheitsschädlichen Effekt von Zigaretten habe, ich mich nach Abwägung aller Risiken aber dafür entscheiden kann, ob ich trotzdem rauche oder nicht. Genau genommen waren es aber zwei unter schiedliche Freiheitsbegriffe, die sich jeweils auf die Freiheit bezogen. Also auch hier nur die eine Freiheit. Da fiel mir ein Beispiel für negative Freiheit ein, das ich immer wieder mal gehört hatte: »Meine Freiheit hört da auf, wo deine Freiheit anfängt.« Hier hatten wir also zwei Freiheiten. Meine Freiheit und deine Freiheit. Hatte also jeder seine eigene Freiheit, sah die Freiheit eines jeden Menschen anders aus? So betrachtet fragte ich mich auf einmal eher, wieso es überhaupt den Singular, »Freiheit«, gab. Und konnte jeder mit seiner Freiheit umgehen, wie er oder sie wollte? Konnte es etwa auch Freiheit sein, sich freiwillig zu entscheiden, nicht in Freiheit zu leben?

Liegt Freiheit im Auge des Betrachters?

In der Szene, in der Pizarro und Rocco die Ermordung Florestans planen, begründet Pizarro die Ermordung: »Dem Staate liegt daran, den bösen Untertan schnell aus dem Weg zu räumen.« »Wie? Der Staat will es?«, dachte ich. Und die Gedanken stürzen los: Ist nicht der Staat, vor allem der Staat der Aufklärung, von dem Beethoven träumte, die Institution, die möglichst vielen Menschen möglichst viel Freiheit ermöglichen will? »Der Sinn von Poli tik ist Freiheit«, steht auf einem Banner, das vor dem Staatstheater hängt. Ein Zitat von Hannah Arendt. Wie kann sich ein ganzer Staat denn der Freiheit widmen, wenn jeder einen eigenen Begriff von Freiheit hat? Damit könnte ja jeder die Einschränkung der Freiheit eines anderen damit begründen, dass das für eine andere Freiheit eben notwendig sei. Liegt damit Freiheit im Auge des Betrachters? Damit würde sich jede Theorie von Freiheit, auch die Definitionen von positiver und negativer Freiheit, erübrigen. Denn eine Theorie will ja objektiv wahr sein. Wenn Freiheit immer nur subjektiv ist, dann ist alles relativ. Eine Politik, deren Sinn ist, Freiheit zu ermöglichen, muss sich für die eine Freiheit entscheiden. Und wenn jede Freiheit subjektiv wahr wäre, dann müsste sich die Politik für die Freiheit entscheiden, über die am meisten Konsens herrscht. Wo es keine Wahrheiten mehr gibt, zählen nur noch Meinungen. Und dann wird die Meinung wahr, die Konsens ist. Und was ist dann mit uni versalen Menschenrechten? Dafür müsste man ja von der einzelnen Person abstrahieren und jede Person allgemein als Mensch betrachten. Und leider sind die Menschenrechte alles andere als Konsens in vielen Ländern.

An dieser Stelle fiel mir ein Zitat von Bertolt Brecht über das Theater ein. Er sah gerade im Theater die Möglichkeit, zu abstrahieren vom einzelnen Schicksal und die Mechanik der Welt von außen zu sehen: »Das epische Theater ist hauptsächlich interessiert an dem Verhalten der Menschen zueinander […]. Der Zuschauer er hält die Gelegenheit zur Kritik menschlichen Verhaltens vom gesellschaftlichen Standpunkt aus, und die Szene wird als historische Szene gespielt.« Das Theater also bietet die Möglich keit, das Verhalten von Menschen abstrahierend zu betrachten. Es ist damit universal und nicht bloß subjektiv. Denn dann wird das Publikum zu einer Entscheidung gezwungen: Wie verhalte ich mich zu dem, was ich auf der Bühne sehe? Woran leiden diese Menschen auf der Bühne?

Ohne diese Fragen beantworten zu können, gab ich beim Korrigieren der Übertitel das Wort »Freiheit« in die Suchmaske ein. Überraschender weise gab es nur zwei Treffer. Florestan: »Der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich« und der Gefangenenchor: »O Freiheit! Kehrst du zurück?« Ausgerechnet die Gefangenen sind es, die als einzige das Wort Freiheit in »Fidelio« aussprechen! Dabei meint Florestan jedoch nicht seine Befreiung aus dem Kerker, sondern den Tod. Er erträumt sich einen Engel, der wie seine Ehefrau aussieht, der ihn ins himmlische Reich, also über die Schwelle des Todes führt. Im Tod sieht er die einzige Möglichkeit auf Befreiung aus dem Kerker.

Ich suchte noch einmal, diesmal nur nach dem Wort »frei«, und jetzt gab es mehr Treffer. Es erstaunte mich, dass auch Rocco, das Wort »frei« in den Mund nimmt. Als er von Pizarro beauftragt wird, Florestan zu ermorden, rechtfertigt er den Mord mit: »Ihn töten, heißt ihn retten, der Dolch wird ihn befrein«. Wie konnte es sein, dass sich sowohl die Gefangenen als auch die Gefängniswärter auf Freiheit bezogen?

Und die Gefängniswärter damit den Tod, die Unfreiheit meinten?

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Woran leiden diese Menschen auf der Bühne? Und wie könnten sie befreit werden? Das Theater ist damit dasLabor der Freiheit.

Das Menschenherz ausfüllen

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L Ballett
Gedächtnis
Doppelabend »V/ertigo« katapultiert das Hessische Staatsballett hoch hinaus
,
auffüllen Der

In »V/ertigo« wird in der Wiedereinstudierung von Damien Jalets »Skid« und der Neukreation »I’m afraid to forget your smile« von Imre & Marne van Opstal der existenzielle Kampf des Menschen in einer vom Schwindel ergriffenen Welt thematisiert.

Ein Schwindel, befeuert durch die pandemischen Erfahrungen der letzten Jahre, den im Februar 2022 ausgebrochenen Krieg in Europa, von den humanitären und geopolitischen Katastrophen –nicht zuletzt bedingt durch den Klimawandel –ganz zu schweigen. Diese Schräglage im gesell schaftlichen Sinne fordert den Freiheitsbegriff des modernen aufgeklärten Menschen eben so heraus wie die Bühnenschräge in »Skid« die Bewegungsfreiheit des tanzenden Körpers. Geneigt in einem Winkel von 34 Grad, fällt diese 10 mal 10 Meter große Fläche direkt in den Orchestergraben.

Die Arbeiten des belgisch französischen Aus nahmechoreografen Damien Jalet sind von Ritualen inspiriert, sie regen ebenso zu philosophischen Diskursen an wie sie spirituelle Erfahrungen befördern. 2017 kreiert für die GöteborgsOperans Danskompani, stellt »Skid« nach der 2016 am Hessischen Staatsballett entwickelten Arbeit »Thr(o)ugh« eine erneute Aus einandersetzung Jalets mit dem japanischen Ritual »Onbashira« dar. Beim »Onbashira« (zu deutsch »heilige Holzsäulen«) stürzen sich im Rahmen eines mehrmonatigen Festivals in der Präfektur Nagano alle sechs Jahre Männer, auf tonnenschweren Baumstämmen blockreitend, einen Hügel hinab. Hintergrund des extrem gefährlichen Rituals mit seiner über tausend jährigen Tradition ist die Erneuerung der Säulen des Shinto Schreins Suwa Taisha, für die die zuvor gefällten Bäume dienen sollen.

Es ist das Festhalten und Hingeben, das Jalet an diesem Ritual fasziniert. Gleichzeitig geht es dem Choreografen um einen dekonstruktiven Akt des tänzerischen Wissens: Indem es auf eindringliche Weise die Kraft der Gravitation untersucht, fordert »Skid« die Tänzer:innen heraus, ihre bisherige Körpererfahrung zu hinterfragen und sich einem existenziellen Moment hinzugeben. Die Fragilität des Menschen wird dabei ebenso vor Augen geführt wie dessen un bändige Stärke, sowohl physisch als auch geistig. Aus dem Abgrund wird ein Aufstieg, aus dem Fall ein Höhenflug; der menschliche Körper geriert zum Knotenpunkt von Wille, Widerstand, Zu sammenbruch und Resilienz.

In dem stetigen Versuch, immer wieder neu anzusetzen, referiert der Choreograf dabei auf einen Mythos, der in der modernen Geistesgeschichte wie kein zweiter den existenziellen Freiheitskampf des Menschen thematisiert: auf den Mythos von Sisyphos. In seinem berühmten gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1942 konstatiert etwa der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus, dass man sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen habe und der Kampf gegen Gipfel ein Menschenherz auszufüllen vermöge. So setzen sich auch die Tänzer:innen in »Skid« nicht nur dem Gesetz der Schwerkraft aus, sondern finden in ihrer Hingabe an den Moment eine ambivalent erscheinende Fülle an Ausdrucks freiheit durch extreme Körperkontrolle.

13 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
So ließe sich auch die Erinnerung als ein Ort der Freiheit verstehen mit uns als glücklichen Menschen …

Ein ganz anderer existenzieller Kampf wird in der Neukreation »I’m afraid to forget your smile« des niederländischen Geschwisterpaars Imre & Marne van Opstal ausgetragen. Mit sechs Tänzer:innen und sechzehn Chormitgliedern erforschen die beiden Shootingstars der europäischen Tanz szene den Moment des Loslassens als einen Über gangszustand in der Hingabe an den Verlust. Dabei wird die Zerbrechlichkeit des Menschen als ein körperliches Wesen gleichermaßen thematisiert wie dessen Stärke im Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Wie zwei untrennbar verwobene Fäden verknüpft das Duo die Dualität von Leben und Tod auch auf seinen künstleri schen Ausdrucksebenen. Stimme und Bewegung wirken in diesem Stück mit und gegeneinander. Auch wenn beide Kräfte im Körper ihren Aus druck finden, konterkariert der Tanz durch eine stärkere Verwurzelung in diesem die erheben den Stimmen des Chors. Der Gegensatz von sakral anmutender Erhabenheit und ihrer irdischen Resonanz in einem kreatürlichen Körperbild wird so heraufbeschworen. Sowohl für das Choreo grafenduo wie auch für das Hessische Staatsballett ist es die erste Zusammenarbeit mit einem Chor, die in Wiesbaden unter der Leitung von Christoph Stiller erfolgt. Das Musikrepertoire umfasst zeitgenössische Chorkompositionen von u.  a. Ola Gjeilo, Jóhann Jóhannsson und Arvo Pärt.

In der von Werken aus der Malerei inspirierten, sehr plastisch wirkenden Choreografie kreieren Imre & Marne van Opstal im Verbund mit der Chormusik und der beeindruckenden Bühnen und Lichtszenerie Tom Vissers ein flüchtiges Tanzgemälde aus vielen Farben und Schichten. Diese assemblage artige Flüchtigkeit verweist zugleich auf den Prozess des Erinnerns. Auf den Titel angesprochen, der von der Angst handelt, das Lächeln eines geliebten Menschen zu verges sen, erklären die beiden Choreograf:innen, dass die Erinnerung der einzige Ort sei, an dem der Mensch weiterlebe. Nicht statisch wie auf einem Foto, sondern in Bewegung und sich ver ändernd durch ein beständiges Auffüllen unseres Gedächtnisses. So ließe sich auch die Erinnerung als ein Ort der Freiheit verstehen –mit uns als glücklichen Menschen …

SKID

Choreografie Damien Jalet Bühne Jim Hodges mit Carlos Marques da Cruz Musik Christian Fennesz zusätzliche Musik Marihiko Hara Kostüme Jean-Paul Lespagnard Licht Joakim Brink Choreografische Beratung Aimilios Arapoglou Choreografische Assistenz Emilie Leriche , Pascal Marty Probenleitung Uwe Fischer I’M AFRAID TO FORGET YOUR SMILE Choreografie & Kostüme Imre & Marne van Opstal Bühne & Licht Tom Visser Musik Ola Gjeilo , Jóhann Jóhannsson , David Lang , Arvo Pärt , Howard Skempton , Eric Whitacre & Charles Anthony Silvestri Choreinstudierung Christoph Stiller Probenleitung Jaione Zabala Martin Dramaturgie Lucas Herrmann Es tanzt das Hessische Staatsballett Es singt u. a. die Schiersteiner Kantorei Premiere 28. Okt. 2022, Großes Haus Weitere Termine 2./ 12./ 16./ 18./ 20. Nov. 2022, 1./ 5. Feb. 2023

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Wer gut aussieht, hat es leichter auf der Bühne des Lebens. Persönliche Ausstrahlung und Selbstbewusstsein wachsen mit dem Gefühl, gut aus zusehen. Als plastische Chirurgen helfen wir, wo aus gesundheitlichen oder ästhetischen Gründen eine Korrektur notwendig ist. Für lhren sicheren und überzeugenden Auftritt.

Gemeinschaftspraxis für Plastische Chirurgie Dr. med. Nuri Alamuti und Dr. med. Dietmar Scholz Schöne Aussicht 39, 65193 Wiesbaden

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Von Liebes- und anderen Heiraten

In William Shakespeares »Sommernachtstraum« dürfen am Ende diejenigen die Ehe eingehen, die sich lieben. Normal, könnte man denken. Die Historikerin Stephanie Coontz jedoch weiß: Das ist alles andere als selbstverständlich …

Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen – darf ich? Zuallererst: Sind oder waren Sie schon einmal verheiratet? Wenn nein, dann dürfen Sie jetzt gerne weiterblättern: Bestimmt finden Sie noch den einen oder anderen interessanten Artikel in unserem Magazin. Wenn Sie aber mit Ja antworten, dann wüsste ich gerne, warum Sie geheiratet haben. Aus steuerlichen Grün den? Oder weil Sie eine »gute Partie« gemacht haben? Weil Sie in eine gute, in eine standes gemäße, womöglich gar in eine reiche Familie hineinkommen wollten? Vielleicht sind Sie ja auch vor allem zu dem Zweck in den Ehestand eingetreten, um Kinder zu bekommen? Mögli cherweise haben Sie auch gar nicht ganz freiwillig geheiratet, sondern sind einem Wunsch Ihrer Eltern gefolgt? Wurde Ihre Ehe arrangiert? Oder aber sollten Sie etwa aus Liebe geheiratet haben?

16 L
Schauspiel
TEXT WOLFGANG BEHRENS BILDER KARL & MONIKA FORSTER

UNGESCHLIFFEN UND ECHT, SO

IST LIEBE –

authentisch, leidenschaftlich, mit Ecken und Kanten, voll Charakter. Gemacht, um mit der Zeit noch schöner zu werden. Vor allem aber: innig verbunden.

EIN SOMMERNACHTSTRAUM von William Shakespeare | In einer Fassung von Tilo Nest und Hanno Friedrich unter Verwendung der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel Inszenierung Tilo Nest Bühne Robert Schweer Kostüme Anne Buffetrille , Mirjam Ruschka Video Eduardo Mayorga Musik Vera Mohrs , Kostia Rapoport

Dramaturgie Wolfgang Behrens Premiere 24. Sep. 2022, Großes Haus Weitere Termine 25. Nov., 22. Dez. 2022, 7./ 13./ 22. Jan., 24. März, 1./ 10. Apr., 1. Juni 2023

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie die letzte Frage bejahen werden. Und damit entspräche Ihre Antwort genau der Erwartung, wie sie heute in unserem Kulturkreis an eine Ehe herangetragen wird: Zwei Menschen entscheiden sich aus freien Stücken füreinander, weil sie sich lieben. Fortan beansprucht diese Liebe eine gewisse Exklusivität; zu ihren Gunsten werden andere sexuelle Beziehungen, aber auch familiäre und sonstige soziale Bindungen tendenziell zurückgestellt (zumindest im Idealfall). Was indes wie eine Selbstver ständlichkeit erscheint – eine Liebesheirat –, ist es mitnichten. Glaubt man der amerikanischen Historikerin und Familien forscherin Stephanie Coontz (und warum sollte man ihr nicht glauben?), so stellt sich die Heirat durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch in den meisten Gesellschaften als eine Institution dar, in der die Liebe nicht unbedingt die erste Geige spielen durfte. In einem auf YouTube nachzuhörenden Vortrag bringt Coontz die Sache auf den witzigen Punkt: »Je länger ich mich mit der Heirat beschäftige, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass ihre Erfindung nicht das Geringste mit der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zu tun hat. Die Heirat wurde erfunden, um Schwiegereltern zu bekommen.« Die Heirat sei ein Weg gewesen, um Fremde –und damit potentielle Feinde – in Angehörige zu verwandeln. hermsen-wiesbaden.de · 0611 - 30 67

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In ihrem Buch »Marriage. A History« hat Stephanie Coontz erstaunliche Geschichten und Belege aus allen möglichen Zeiten und Kulturräumen gesammelt, die aufzeigen, dass die Liebesheirat eine nahezu einzigartige und zudem eine relativ späte Konstruktion des westlichen Denkens ist. Coontz zufolge entwickelte sich das Konzept überhaupt erst im europäischen Spät mittelalter ab dem 14. Jahrhundert, und zur Blüte gelangte es sogar erst ab dem 18. Jahrhundert. Mag das alleine schon erstaunen, so sind die alternativen Entwürfe von Heirat und Ehe oft noch verblüffender. Nicht selten offenbar wurde die Liebe zwischen zwei Heiratskandi daten eher als hinderlich empfunden. Im Alten China etwa galt die übermäßige Liebe zwischen Ehegatten als eine Bedrohung für die Großfamilie, der vor allem die Solidarität zu gelten hatte.

Die Konsequenzen für die Ehe nehmen sich aus heutiger Sicht martialisch aus: Eltern konnten einen Sohn zur Scheidung zwingen, wenn ihnen das Verhalten seiner Frau missfiel. Schlimmer noch: Die Frau wurde gewissermaßen zum Besitz der Großfamilie, ein Patriarch konnte sich straflos an ihr vergehen. Die chinesische Sprache kannte vor 1920 nicht einmal ein positiv be setztes Wort für die Liebe zwischen Eheleuten: Liebe fand sozusagen nur außerehelich statt.

In vielen Kulturen sah und sieht man die Liebe immerhin als einen festen Bestandteil der Ehe an. Allerdings soll sich diese Liebe keinesfalls schon vor der Heirat einstellen: »Erst heiraten, dann verlieben«, lautet die Devise. Wie nah an die Gegenwart eine solche Einstellung heran reichen kann, belegt Stephanie Coontz mit einer Umfrage unter Student:innen im indischen Bundesstaat Karnataka aus dem Jahr 1975: Damals erschien nur 18 Prozent der Befragten eine Liebesheirat eindeutig wünschenswert, 32 Prozent hingegen lehnten sie ab.

Man muss freilich nicht in die räumliche Ferne schweifen; all diese Sichtweisen auf die Heirat findet man auch in Europa. Arrangierte Ehen waren lange Zeit der Normalfall, wobei man bei gutwilligen und charakterlich gefestigten Partnern davon ausging, dass sich die Liebe schon einstellen würde – und sei es durch das in die Ehe eingebrachte Kapital. Für wirklich verliebte junge Leute gab es dagegen das Sprich wort: »Wer aus Liebe heiratet, hat gute Nächte, aber schlechte Tage«. In Umkehrung heutiger

Standards vermuteten die höfischen Dichter des Mittelalters sogar, dass wahre, intensiv erlebte Liebe nur außerhalb der Ehe stattfinden könne –weswegen der Ehebruch in aristokratischen Kreisen durchaus geduldet war. Im 12. Jahrhun dert schreibt der französische Autor Andreas Capellanus etwa, dass die »Ehe keine Entschul digung bietet, nicht zu lieben«. Allerdings ist hier »lieben« nicht auf den Ehepartner bezogen, son dern auf eine dritte Person. Besonders plastisch wird die Trennung von Liebe und Ehe in einer der berühmtesten (realen) Liebesgeschichten des Mittelalters: Der Theologe Peter Abaelard un terhielt eine geheime Liebesbeziehung zu seiner Schülerin Heloïse, die er nach Geburt eines Kindes zu legalisieren trachtete. Heloïse jedoch sperrte sich anfänglich gegen dieses Ansinnen, und zwar mit zwei Argumenten: Zum einen könne eine Heirat Abaelards Karriere schaden, zum anderen – und das ist schon bemerkenswert! –könne die Ehe ihre Liebe untergraben. Wenn man sich all dies vor Augen führt, dann erscheint uns plötzlich die Szene, von der Shakespeares »Sommernachtstraum« ihren Ausgang nimmt, gar nicht mehr so radikal. In ihr nämlich verlangt ein Vater namens Egeus unmissverständlich von seiner Tochter Hermia, dass sie den vom Vater ausgewählten Demetrius heiraten müsse. Hermia widersetzt sich – aus Liebe zu einem anderen. Man muss sich wohl klarmachen, dass im 16. Jahrhundert, als Shake speare seinen »Sommernachtstraum« schrieb, das Vorgehen von Egeus schlicht normal war. Der Widerstand Hermias aber war revolutionär. Und dass am Ende des Stücks tatsächlich Liebesheiraten stehen, ist Shakespeares Blick in eine utopische Zukunft, in der freie Individuen ihre Lebenspartner:innen frei wählen können. Weil sie sie lieben.

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Die Kleinbür gerseele ausklopfen

Kann man Kunst lehren? Michael Kramer, die Hauptfigur in Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Drama, kann es –und scheitert trotzdem.

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L Schauspiel

TEXT WOLFGANG BEHRENS

Vor vielen Jahren fand in der Berliner Akademie der Künste eine Podiumsdiskussion statt, bei der der 2008 verstorbene Komponist Frank Michael Beyer folgende kleine Geschichte erzählte: Er habe einmal einen Kompositions schüler gehabt, der mit leuchtenden Augen zu ihm gekommen sei und verkündet habe: »Herr Beyer, ich möchte ein Stück für Schlagzeug komponieren. Ja, für Schlagzeug! Aber es soll ein besonderes Stück sein, denn es soll gar nicht wie Schlagzeug klingen.« Beyer will darauf geantwortet haben: »Na, dann schreiben Sie doch erst einmal ein Stück für Schlagzeug, das so klingt wie Schlagzeug!«

Ich gehöre zu den Menschen, die über diese Anek dote herzlich lachen können. Aber im Grunde illustriert sie ein ernstes Problem: Es geht letzt lich um die Frage der Lehrbarkeit von Kunst. Beyer wollte seinem Schüler künstlerisches Hand werk vermitteln. Er wollte dem jungen Mann eine Komposition abverlangen, in welchem das Schlagzeug nach gewissen lehrbaren Regeln verwendet wird und das genau deswegen am Ende wie ein richtiges Schlagzeug Stück klingen würde. Der Schüler hingegen hielt offensichtlich nichts von dieser Regelhaftigkeit, die ihm möglicherweise sogar unkünstlerisch erschien. Er wollte das Schlagzeug als Mittel gewissermaßen transzendieren: Die Musik, die er imagi nierte, sollte sich von der Materialität ihres Instruments lösen, das Schlagzeug würde sich in der Musik sozusagen selbst zum Verschwinden bringen. Frank Michael Beyer wird vermutlich dieser Vision gegenüber keine Einwände gehabt haben, allerdings war er Prag matiker genug, um zu wissen: Wer kein Stück für Schlagzeug schreiben kann, das nach Schlagzeug klingt, wird auch keines schreiben können, das nicht nach Schlagzeug klingt.

Das Lehrer Schüler Verhältnis ist in den Künsten meist ein recht prekäres. Während die Schüler sich oft für ein künstlerisches Studium entschie den haben, weil sie von Luftschlössern träumen und sich möglichst radikal zum Selbstausdruck bringen wollen, müssen die Lehrer den ihnen Anvertrauten nahezu zwangsläufig ganz konkreten Stoff beibringen. Das kann zu großen Enttäu schungen führen, weil sich Luftschloss und Stoff möglicherweise allzu sehr reiben. Manchmal freilich mag die Enttäuschung auch sehr berechtigt sein, wenn Lehrer etwa ihren Schülern einfach ihr eigenes Ding aufoktroyieren wollen. Ein Freund von mir hat einmal Kompositions stunden genommen: Sein Lehrer wollte von den wilden Klangorgien meines Freundes jedoch gar nichts wissen, sondern empfahl ihm, mit mathematischen Wachstumsformeln zu experimentieren (weil er das gerade selbst in seinen Kompositionen so machte). Das war zwar etwas Handwerkliches, brachte aber meinen Freund kein bisschen weiter, weil es in gar keiner Weise mit seiner Vorstellung von Musik übereinging. Als gute Lehrer gelten solche, die das Eigene der Schüler aufgreifen und ihnen an diesem Eigenen zeigen, was handwerk lich zu verbessern wäre.

Gute Kompositionslehrer in diesem Sinne sollen z.  B. Arnold Schönberg oder Wolfgang Rihm gewesen sein.

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In Gerhart Hauptmanns Drama »Michael Kramer« stoßen wir in der Titelfigur auf einen guten Lehrer, in diesem Fall auf einen für Malerei. Wenn man seinem Schüler Lachmann glauben darf, der sich im Stück an seine Lehrzeit erinnert, dann war es vor allem Kramers eigene, ernste und geradezu kunstreligiöse Weltsicht, die er seinen Schülern vermittelte: »Einen Lehrer wie ihn, den gibt’s gar nicht mehr. Auf wen dein Vater einwirkt, der kann gar nie gänzlich verflachen im Leben. […] Er hat uns alle so durch gewalkt, uns Schüler. Die Kleinbürger seele ausgeklopft. Wer seinen Ernst gekannt hat, seinen unabirrbaren Ernst zur Kunst, dem erscheint alles da draußen frivol.« Dieser große Lehrer – und darin liegt die doppelte Tragik des Stücks – versagt aber an zwei entscheiden den Stellen: Zum einen kann er seinem eigenen Anspruch nicht genügen, denn er ist nicht in der Lage sein Hauptwerk fertigzustellen. Die andere, größere Niederlage Kramers jedoch besteht darin, dass er als Lehrer an seinem eigenen Sohn scheitert. Dieser, Arnold, hat offenbar alle Anlagen eines Genies, er entwickelt in seinem Kopf gleichsam ständig Stücke für Schlagzeug, die nicht wie Schlagzeug klingen. Doch nach außen dringt dieses Genialische nur in Form von wüst revoltierender Rhetorik: »Ich kann mehr wie die Kerle alle zusammen.

Im kleinen Finger. Zehntausendmal mehr. Mein eigner Vater mit inbegriffen«, sagt er, und: »Vielleicht bin ich auch wirklich lächerlich. Ich meine äußerlich, innerlich nicht. Denn wenn Sie mich innerlich könnten betrachten, da brenn’ ich die Kerls von der Erde weg.« Doch zum großen Künstler fehlt Arnold seinem Vater zufolge etwas, und dieser bringt das auf die Begriffe »Fleiß« und »Zähigkeit«. Diesen Fleiß wiederum hätte der Sohn gebraucht, um die handwerkliche Seite seiner Kunst bis in Kleinste zu durchdringen. Arnold aber hat sich dem widersetzt, er hat sich offenbar nie dazu bequemt, die Stücke für Schlagzeug zu schreiben, die wie Schlagzeug klingen.

Hauptmann hat sein Stück genau an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert geschrieben, an der Schwelle zu einer Zeit also, in der in den Künsten nach und nach sämtliche Regeln in Frage gestellt und die Grenzen des künstlerisch Erlaubten immer aufs Neue verschoben wurden. Vielleicht kann man Arnold als einen Prototypen des modernen Künstlers interpretieren, der ins komplett Offene hinauswollte. Auch seinem Vater eignet zwar ein hohes Kunstethos, das den »Funken« des Genies heraufbeschwört, von den Regeln aber kann er nicht lassen: Diese wollen fleißig und zäh erarbeitet werden. Der Generationenkonflikt, den Hauptmann entwirft, ist so auch einer zwischen Alter und Neuer Kunst. Und da die Frage, wie viel traditionelles Handwerk ein Künstler braucht und ab wann dieses Handwerk vielleicht sogar ein schränkend wirkt, wohl nie zu Ende verhandelt sein wird, ist das ein Konflikt, der nicht veraltet –auch im 21. Jahrhundert nicht.

Premiere 4. Nov. 2022, Kleines Haus Weitere Termine 12./ 16./ 18./ 24. Nov., 2./ 9./ 16. Dez. 2022

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MICHAEL KRAMER von Gerhart Hauptmann Inszenierung Ingo Kerkhof Bühne Anne Neuser Kostüme Britta Leonhardt Musik Felix Kroll Dramaturgie Wolfgang Behrens
25 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN ANZEIGE ANZEIGE

DIE FREIHEIT DES TANZES

Wasser ist blau, ist formlos, ist kalt, ist sauber, ist wichtig, ist salzig, ist laut, ist geheimnisvoll.

Susanne Orosz
WAS DANN LERN DOCH, DUWILLST! Volkshochschule Wiesbaden e.V. Volkshochschule Wiesbaden e.V. Alcide-de-Gasperi-Str. 4 65197 Wiesbaden Tel.: 0611/9889-0 www.vhs-wiesbaden.de ANZEIGE »BLAU« 2+ Stückentwicklung von Felix Berner Eine spartenübergreifende Produktion des JUST und des Hessischen Staatsballetts Inszenierung Felix Berner Bühne & Kostüme Christin Vahl Musik / Komposition Jan-S. Beyer Dramaturgie Luisa Schumacher Tanzvermittlung Nira Priore Nouak Mit Patric Neves Lindström , Adam Shpira-Lintner , Sophie Pompe Premiere 2. Okt. 2022, Studio Weitere Termine 23./ 24. Nov. 2022 Foto: Lena Obst

Wasser ist das Element des Lebens. Die Erdoberfläche ist zu 71 Prozent davon bedeckt. Es fließt, verdampft oder wird, als Eis, hart wie Stein. Täglich wird es gebraucht. Gemeinsam widmen das Junge Schauspiel und das Hessi sche Staatsballett, im Jahr des Wassers, diesem besonderen Element eine eigene Produktion, die sich auf eine Forschungsreise für die Kleinsten in unbekannte Gewässer begibt. Das Stück »blau« ( mit Mitteln des Tanzes und Schauspiels inszeniert.

DREI FRAGEN AN FELIX BERNER –CHOREOGRAPH VON »BLAU« (UA),

EIN

TANZSTÜCK AB 2 JAHREN.

FELIX BERNER Sehr kollaborativ; ich starte einen Probenprozess mit einem Thema und vielen Ideen und überlege dann gemeinsam mit den Darsteller:innen wie und was wir genau erzählen wollen. Erfahrungsgemäß kommen dann nochmals viele Ideen und Vorschläge hinzu. Das kann zur Folge haben, dass wir einige meiner Ideen zurücklassen, da jemand aus dem Team einfach eine bessere Idee hat. Grundsätzlich stelle ich Improvisationsaufgaben, und die Darstel ler:innen beantworten diese, indem sie szenische oder tänzerische Vorschläge machen. Wir be sprechen im Anschluss an solche Improvisationen gemeinsam, was uns gefallen hat und was viel leicht noch fehlt. So entsteht dann nach und nach ein Ablauf und aus diesem schließlich das Stück »blau«.

Was fasziniert dich am meisten an der Darstellungsform der Bewegung?

FB Bewegung und Tanz sind universelle Sprachen, die wir alle verstehen und die ganze Welten jenseits der sprachlichen Semantik formulieren können. Mich fasziniert die Musi kalität und Komik von Bewegung und die Energie, Freude, Traurigkeit und Ekstase die im Tanz liegen kann. Worauf freust du dich bei »blau« am meisten?

FB Ich freue mich auf die Reise, die unsere drei Protagonist:innen durchleben werden, und darauf, wenn wir das Stück vor Kindern spielen und diese damit hoffentlich begeistern können.

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TEXT & INTERVIEW LUISA SCHUMACHER
Wie würdest du deine Art der Probenarbeit beschreiben?

Felix Berner absolvierte seine tänzerische Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste in Essen und schloss diese mit dem Tanzpreis der Josef und Else Classen Stiftung ab. Als Tänzer arbeitete er mit einer Vielzahl von internationalen Choreo graf:innen wie Pina Bausch, Ann van den Broek, Sharon Eyal, Tero Saarinen, Club Guy & Roni und Jan Pusch u. v. a. Seine Arbeit als Choreograf brachte ihn u. a. an das Residenztheater in München, ans Staatstheater Oldenburg, Staatstheater Mainz und das Theater der Jungen Welt in Leipzig. Neben Lehraufträgen, z. B. am HZT der Universität der Künste Berlin, der Universität Mozarteum Salzburg und der Universität Koblenz / Landau gibt er zahlreiche Fortbildung zum Thema Tanzvermittlung, ist Jury mitglied für das Tanztreffen der Jugend der Berliner Festspiele und im Leitungsteam für den Tanzkongress 2022.

Großes Theater in kleinen Tassen.

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Foto: Andreas Etter

Nachfahrrätsel

Der Tänzer muss dringend zur Vorstellung und findet den Weg nicht mehr. Hilfst du ihm?

EINTAUCHEN UND SELBERMACHEN

Material: Handtuch, Schüssel mit Wasser, Gegenstände nach Wahl

Nimm eine Schüssel Wasser in der Größe deiner Wahl zur Hand und stelle sie auf das Handtuch. Welche unterschiedlichen Geräusche können erzeugt werden? Welche Hilfsmittel kann man nutzen? (Strohhalm, Hände, Flasche, Kochlöffel etc.)

Patsche mit der Hand auf die Oberfläche.

Rühre im Wasser.

Klopfe mit den Fingerspitzen auf die Wasseroberfläche.

Blubbere mit einem Strohhalm. Schöpfe mit den Händen Wasser. Wie kriegst du das Wasser zum Blubbern, Platschen, Gluckern, Tröpfeln, Sprudeln, Fließen?

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Eine kleine Fantasiereise

Lege dich entspannt auf den Boden oder eine Matte, schließe deine Augen und atme langsam ein und aus. Stelle dir vor, du liegst auf einer schönen Wiese, es ist Frühling, die Sonne scheint angenehm vom Himmel herab und du spürst wie deine Atmung entspannt und ruhiger wird. Vögel zwitschern in der Ferne und Insekten summen an deinem Ohr vorbei.

Direkt neben dir nimmst du das Plätschern eines Baches wahr. Das Wasser des Baches glitzert in der Sonne, und du beobachtest die springenden Wassertropfen im Bachlauf. Deine Hand gleitet langsam in das angenehm kühle Nass des Baches. Plötzlich stellst du fest, du bist einer der tanzenden Wassertropfen und wirst mit dem Strom des Baches mitgerissen.

Wie in einer Achterbahn wirbelst und tanzt du mit dem Bach durch einen kleinen Wald, vorbei an trinkenden Rehen und spitzen Steinen, bis du als Teil eines kleinen Wasserfalls in einem Teich landest. Dort ist es ruhiger. Du spürst die zarten Beine von Wasserläufern auf der Oberfläche des Teiches.

Karpfen und Forellen streifen durch das Wasser mit großen Augen und offenem Mund. Ab und zu springen sie mit Schwung aus dem Wasser und landen freudig wieder in ebendiesem. Auch du merkst, dass du von der Sonne nach oben gezogen wirst. Langsam bewegst du dich, in der Luft kaum erkennbar, mit vielen anderen kleinen Wassertropfen nach oben in den Himmel. Immer weiter und weiter steigt ihr empor, immer weiter zieht es euch nach oben, wo ihr euch gemeinsam in einer Wolke niederlasst und wartet, wo euch der nächste Regenschauer wieder nach unten zur Erde bringt. Du spürst deine Atmung, langsam kehrst du wieder zurück in deinen Körper. Du bist nun kein Wassertropfen mehr, sondern liegst wieder auf der Wiese im Sonnenlicht. Recke und strecke dich ausgiebig, vielleicht musst du auch gähnen.

Öffne dann ganz langsam wieder deine Augen und kehre zurück in den Raum, in dem du dich befindest.

31 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
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Witwen in Ri ga und Wiesbaden

Franz Lehárs »Die lustige Witwe« hatte am 22. September Premiere in Riga. Am 3. Dezember wird sie Premiere in Wiesbaden haben. Das Besondere daran: Uwe Eric Laufenberg inszeniert beide Premieren im gleichen Bühnen- und Kostümbild. Bjarne Gedrath hat als Dramaturg die Premiere in Riga begleitet und wird auch bei den Proben in Wiesbaden dabei sein.

DIE LUSTIGE WITWE von Franz Lehár Musikalische Leitung Johannes Klumpp Inszenierung Uwe Eric Laufenberg Bühne Julius Semmelmann Kostüme Jessica Karge Licht Andreas Frank Chor Albert Horne Choreographie Myriam Lifka Dramaturgie Bjarne Gedrath Hanna Glawari Elissa Huber Graf Danilo Danilowitsch Thomas Blondelle / Alexandre Beuchat Camille de Rosillon Ioan Hotea / Gustavo Quaresma Baron Mirko Zeta Ralf Lukas Valencienne Elisabeth Breuer / Anastaiya Taratorkina Vicomte Cascada Darcy Caroll Raoul de Saint-Brioche Ralf Rachbauer Njegus Hans-Joachim Heist Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Premiere 3. Dez. 2022, Großes Haus Weitere Termine 3./ 8./ 10./ 16./ 18./ 21./ 25. / 31. Dez. 2022, 15./ 19. Jan. 2023, 24. Feb. 2023, 10. März 2023, 23. Apr. 2023, 14. Juni 2023

32 L Oper

Es ist Donnerstag, der 22. September. Ich sitze bei offenem Fenster in meinem kleinen Apartment zimmer in Riga, meine Haare sind noch nass vom Duschen, und mein Hemd ist erst halb zugeknöpft. Auf dem Display meines Handys steht die Uhrzeit: 18:30 Uhr.

In einer halben Stunde wird sich der Vorhang heben, und das Publikum in der lettischen Nationaloper wird die Neuinszenierung von Franz Lehárs »Die lustige Witwe« sehen.

Der Wind fährt durch meine Haare – ich friere leicht. Nun wird die Arbeit von einem guten Jahr endlich ihren ersten Höhepunkt finden.

Am Montag bin ich zum zweiten Mal in Riga gelandet. Es war spät abends, kurz vor Mitter nacht. Ich war mit leichtem Handgepäck unterwegs und konnte, ohne am Gepäckband zu warten, direkt zum Bus gehen. Im Apartment angekommen, legte ich mich direkt hin. Ich schlief einen unruhigen Schlaf mit Träumen, in denen mir Millionen für eine Hochzeit angeboten wurden, in denen Berge zu kleinen Hügeln schrumpften, in denen Pavillons in unermessliche Höhe wuchsen und in denen eine Schar von Kakerlaken mein Zimmer im fernen Wiesbaden einnahmen.

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33 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
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Am Morgen wachte ich vor meinem Wecker auf. Ich stand auf, machte mir einen Kaffee und las ein Gedicht: Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter. Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.

Anders als ursprünglich gedacht, hatten wir es mit einer historischen Aufgabe zu tun: Die letzte Premiere der »Lustigen Witwe« in Riga war 1933. Seither war das Stück dort nie mehr gespielt worden. Dazu kam, dass die Inszenierung ein totaler Flop war, hauptsächlich wohl wegen der langen Dialoge auf Deutsch. Wir haben uns entschieden, weiterhin sämtliche Gesangsnummern auf Deutsch singen zu lassen, aber in den Dialogen auf einen wilden Mix aus Deutsch, Lettisch, Englisch, Französisch und Russisch zu setzen.

18.37 Uhr. Ich nehme die offene Flasche Rotwein, die vor mir steht, und gieße noch einmal nach. Auf dem Domplatz schlendern die Menschen vor bei, sitzen im Gespräch bei Essen und Trinken. Die Musik in den Bars und Restaurants wummert polyphon gleichtönige Popmusik, wie fast den ganzen Tag. Es wird Abend. Ich knüpfe mein Hemd zu, ziehe Schuhe und Sakko an, trinke das Glas Wein in einem Zug aus und mache mich auf dem Weg zum Opernhaus.

Vor vier Wochen habe ich Riga zum ersten Mal gesehen. Am Abend vor meinem Abflug habe ich eine SMS bekommen in der stand: »Denke, wir werden nicht nur Spaß haben.«

Am Tag nach der Ankunft dann die erste Probe. Konzeption, ein erstes Kennenlernen, erste szenische Versuche. Ich habe eine Woche dem Entstehen der Produktion zugeguckt, habe den lettischen Sänger:innen bei der deutschen Aussprache geholfen, Details recherchiert, Fehler in der Textfassung behoben, … Nach einer Woche stand das Stück grob, und ich bin wieder zurück nach Wiesbaden geflogen.

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ETWAS

18:43 Uhr. Statt auf direktem Weg zum Theater zu gehen, führen mich meine Füße, als hätten sie einen eigenen Willen, auf einen Umweg. Ich gehe wie ferngesteuert die lange, schmale Kopf steinpflastergasse entlang. Vor mir sehe ich in der Abenddämmerung die dunkeln Umrisse der Petrikirche. Der Kirchturm ragt wie ein Monster in den Himmel. Oben im Turm leuchten wieder die roten Lichter, als wären sie die Augen eines Drachen, der über die Stadt wacht.

Wie eine an Seilen geführte Marionette biege ich nach links ab und komme nach einigen Metern aufs Opernhaus zu. Ich gehe über die breite Treppe ins helle Foyer, suche meinen Platz im Zuschauerraum und warte gespannt.

Wie wird das Publikum unsere Fassung mit den verschiedenen Sprachen annehmen? Hier tritt Hanna Glawari auf, spricht mit den Chor herren Französisch, um im nächsten Moment dort elegant zwischen Englisch, Lettisch und Deutsch zu wechseln. Jede Situation ermöglicht den Wechsel der Sprachen. Vor allem vor den russischen Sätzen wurden wir – mit Blick auf die aktuelle politische Situation – gewarnt. Der Vorhang geht auf – es geht los.

Die Kirchturmuhr hat vor einiger Zeit 1:00 Uhr geschlagen. Ich liege wach auf meinem Bett. Ich bin erschöpft und kann trotzdem noch nicht direkt einschlafen. Was für ein Erfolg! Das Publikum applaudierte lang, die Darsteller:innen waren glücklich, die Premierenfeier ein Fest.

In gut zwei Monaten wird sich der Vorhang auch in Wiesbaden für diese »Witwe« heben. Dann mit unserem Ensemble, in unserem Theater, aber immer noch auf Deutsch, Franzö sisch, Englisch und Russisch.

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FEENSTAUB FANTASIE UND

Im diesjährigen Weihnachtsmärchen »Peter Pan« wird es hoch hergehen, so viel steht fest. Zusammen mit Wendy, ihrem Bruder John und den Verlorenen Kindern erlebt Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden will, auf der fernen Insel Nimmerland (die zweite rechts und dann geradeaus bis zum Morgen) jede Menge Abenteuer. Es wird gekämpft, getanzt, geträumt und geflogen! Doch wer sind die Dar steller:innen, die sich ab November acht Wochen lang fast täglich auf der Bühne des Großen Hauses in jemanden ganz anderes verwandeln? Hier stellen sie sich vor und antworten auf einige wichtige Fragen!

PETER PAN 6+ von J.M. Barrie | In einer Fassung von Marita Erxleben

Inszenierung Marita Erxleben Ausstattung Julia Schiller Musik Tilman Ritter Kampfchoreografie Atef Vogel

Dramaturgie Anika Bárdos Theaterpädagogik Luisa Schumacher Mrs. Darling / Smee Sophie Pompe Mr. Darling / Kapitän Hook Lukas Mundas Peter Pan Jonathan Lutz Tinkerbell Raquel Nevada Ramos Wendy Anne Eigner John Merlin Brown * Tiger Ricco-Jarret Boateng Tootles (verlorenes Kind), Nooder (Pirat), Meerjungfrau Selina Hoffmann * Slightly (verlorenes Kind), Starkey (Pirat), Meerjungfrau Merlin Mosbach * Nibs (verlorenes Kind), Morgan Skylight (Pirat), Fury 1, Meerjungfrau Chiara Amedick * Curly (verlorenes Kind), Bill Jukes (Pirat), Fury 2, Meerjungfrau Jan Göbel * *Studierende der Schauspielschule Wiesbaden

Premiere 13. Nov. 2022, Großes Haus Weitere Termine auf der Website

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Sophie Pompe

Worauf freust du dich am meisten?

Auf die gespielten Kinder auf der Bühne und noch mehr auf die Echten im Zuschauerraum.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Ab und zu nach Island, das wäre schön.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus? Meine Kinder sind regelmäßig in Toll Besonder land und erzählen viel von dort. Ähnlich wie Nimmerland scheint es ein Land zu sein, in dem Träume in Erfüllung gehen. Alles Gute, was man sich vorstellen kann, gibt es dort. Die Kano nen schießen ausschließlich Konfetti und Süßigkeiten. Es gibt immer die gewünschte Jahreszeit: Sommer, wenn man baden möchte, oder Winter, mit Schnee und Eis für den Wintersport –und alles ist fußläufig erreichbar. Oder halt mit fliegenden Drachen.

Übrigens hat sich Toll Besonderland aus Blödland entwickelt, wo sich alle gegenseitig bekriegen. Zum Glück wurden es immer weniger Blöde und das Land verwandelte sich in Toll Land und schloss sich später mit Besonderland zusammen, nachdem sie schon einige Jahre eine gemeinsame Fußballmannschaft hatten.

Ein super Vorbild, finde ich.

Anne Eigner

Worauf freust du dich am meisten? Natürlich auf die Kinder im Publikum!

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

An einen Ort mit viel Kuchen, wilden Pferden und einem riesigen Bett mit tausend Kissen (das auch fliegen kann).

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Ich muss mal da gewesen sein, denn die Playmobilwelten, die als Kind mein komplettes Zimmer in Anspruch genommen haben, hätte man sich nicht ausdenken können. Ich sage nur: Wolfsrudel mit Höhlensystem unterm Bett, Geheim verstecke auf Plattformen, die in der Luft hingen, und Blumen als Währung.

Lukas Mundas

MR. DARLING UND DER PIRATENSCHURKE KÄPT’N HOOK

Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich am meisten auf meine Mitspieler:innen und auf die Vorstellungen vor ausverkauftem Publikum.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Ich würde eine Saison mit den Zugvögeln mitfliegen.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Nimmerland ist die Phantasie jedes Menschen … und es ist herrlich dort!

Ricco-Jarret Boateng

TIGER

Worauf freust du dich am meisten?

Auf meine Kolleg:innen.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Irgendwohin, wo es warm ist oder kalt –je nach Lust und Laune!

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Also ich kenne mein Nimmerland. Sogar sehr gut. Und dort ist es immer warm, alles ist bunt –auch die Menschen – und alle sind ständig am lachen.

Raquel Nevada Ramos TINKERBELL

Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich auf ganz viele Dinge, die Proben, die Vorstellungen und die Arbeit mit Menschen aus anderen Bereichen. Aber worauf ich mich am meisten freue, das sind die Reaktionen der Kinder, die sich die Show ansehen. Ich hoffe, es wird ihnen gefallen!

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Ich würde so hoch wie möglich fliegen und von dort aus auf die Erde runtergucken. Ich glaube, das ist die schönste Aussicht.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Ich weiß es nicht genau, aber ich habe eine Ahnung. Eine unberührte Insel, auf der alle möglichen unvorstellbaren Kreaturen zusammen leben. Ich sehe viele Piraten an den Stränden und viele Kinder, die herumlaufen und auf der ganzen Insel spielen. In der Mitte ist ein hoher Berg, es gibt viele Seen und es ist immer warm!

37 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
MRS. DARLING, DIE MUTTER VON WENDY UND JOHN UND SMEE, DER GEHILFE VON KAPITÄN HOOK WENDY MOIRA DARLING

Merlin Brown

Worauf freust du dich am meisten?

Darauf, zum ersten Mal in einem großen Haus auf einer großen Bühne zu spielen.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

So hoch ich nur könnte und überallhin.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus? Ein kunterbuntes und lebendiges Land, voller Spaß, Spiele und Abenteuer, in dem der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Selina Hoffmann

TOOTLES (VERLORENES KIND), NOODER (PIRAT) UND EINE MEERJUNGFRAU

Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich auf die strahlenden Gesichter der Kinder, die mit uns gemeinsam auf die Reise gehen.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Ich würde an einen Ort fliegen, wo es ganz viele Tiere in der freien Natur zu sehen gibt. Wahrscheinlich Alaska.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Ja, ich kenne Nimmerland. Aber für jeden Menschen sieht Nimmerland anders aus, weil es sich der Fantasie anpasst.

Chiara Amedick

Worauf freust du dich am meisten?

Gemeinsam mit dem Ensemble zusammen zu arbeiten und die Zuschauer in die zauberhafte Welt von Peter Pan zu entführen.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Ich würde nach Irland fliegen und mich dort auf eine Klippe setzen, um aufs Meer hinauszuschauen.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Na klar! Es ist eine traumhaft schöne Insel, die so bunt und vielfältig ist, dass man nur staunen kann.

Jan Göbel

CURLY (VERLORENES KIND), BILL JUKES (PIRAT), FURY 2 UND EINE MEERJUNGFRAU

Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich am meisten auf die Arbeit mit den verschiedenen Künstler:innen in der Produktion und natürlich auch auf die Vorführungen.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Den Feenstaub würde ich benutzen, um dem regnerischen, grauen Herbst zu entkommen.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Nimmerland war für mich immer eine exotische Insel voller Geheimnisse, die zum Erkunden einlädt. Natürlich darf die Bucht der Piraten nicht fehlen.

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JOHN, DER BRUDER VON WENDY NIBS (VERLORENES KIND), MORGAN SKYLIGHT (PIRAT), FURY 1 UND EINE MEERJUNGFRAU

Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich am meisten darauf, den realen Arbeitsalltag eines Schauspielers am Theater erleben zu können.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Wenn ich Feenstaub hätte, würde ich als allererstes nach Jamaica fliegen.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Nimmerland ist eine Insel mit sehr viel grüner Natur und stark bewachsenen Bergen.

Auf das Fliegen über Nimmerland und den vielen Spaß, den wir gemeinsam haben werden.

Wenn du Feenstaub hättest wie Peter Pan, wohin würdest du fliegen?

Einmal so weit wie möglich nach oben, kurz an die Erdatmosphäre klopfen und zurück.

Kennst du Nimmerland? Wie sieht es dort aus?

Ich kenne es noch nicht, aber wenn ich es gefunden habe, sage ich Bescheid.

39 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Merlin Mosbach SLIGHTLY (VERLORENES KIND), STARKEY (PIRAT) UND EINE MEERJUNGFRAU Im Alleinvertrieb
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» Alles geb’ ich hin … «

BÁRDOS

TEXT ANIKA

Antonín Dvořáks Oper »Rusalka« erlebte am 31. März 1901 in Prag ihre sehr erfolgreiche Uraufführung und ist seither aus dem Basisrepertoire der Oper nicht mehr wegzudenken. Umso erstaunlicher ist es, dass es am Hessischen Staatstheater Wiesbaden bisher noch keine eigene Inszenierung dieses faszinierenden Stückes gegeben hat, das sowohl klanglich vielschichtig ist als auch einen großen Interpretationsspielraum bietet.

Philipp Pointner zeichnet für die musikalische Leitung des Werks verantwortlich, und Olesya Golovneva und Daniela Kerck inszenieren gemein sam die Geschichte der verzweifelten Wassernixe, die um der Liebe willen alles riskiert – und alles verliert. Zum Bühnenbild, das ebenfalls in den Händen von Daniela Kerck liegt, gehören zudem Videoeinspielungen von Astrid Steiner, deren bewegte Bilder bereits die »Babylon« Inszenierung 2022 fulminant bereicherten. Einen Vorabeindruck sollen die folgenden »Stills« (»Stehbilder«) aus den für »Rusalka« vorgesehenen Videos bieten.

40 L Oper
41 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
42 RUSALKA von Antonín Dvořák Musikalische Leitung Philipp Pointner Inszenierung Olesya Golovneva , Daniela Kerck Bühne Daniela Kerck Kostüme Andrea Schmidt-Futterer Licht Oliver Porst Chor Albert Horne Dramaturgie Anika Bárdos Rusalka Olesya Golovneva , Alyona Rostovskaya Der Prinz Gerard Schneider Der Wassermann Derrick Ballard Ježibaba / Die fremde Fürstin Katrin Wundsam Heger / Jäger Christopher Bolduc Der Küchenjunge Anastasiya Taratorkina 1. Elfe Donata-Alexandra Koch 2. Elfe Nora Kazemieh 3. Elfe Sarah Mehnert Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden Premiere 21. Jan. 2023, Großes Haus Weitere Termine 25./ 27. Jan., 4./ 8./ 12./ 16. Feb., 18./ 25. März 2023
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Mord auf Schloss Haversham

oder: Mord im Theater?

Und so geht’s:

Ein Spieler liest die dargestellte Szene auf der Vorderseite laut vor und fragt die anderen Mitspieler dann: »Warum wohl?«. Danach liest er sich die Rückseite durch, behält das Gelesene aber für sich.

Jeder auf Schloss Haversham hat ein Mordmotiv: Die Verlobte des Verstorbenen ist eigentlich in den Bruder des Bräutigams verliebt, der Haus diener wurde erst am gleichen Tag als Alleinerbe eingesetzt, und der beste Freund des Toten und Bruder der Verlobten ist besitzergreifend gegenüber seiner Schwester und deshalb rasend vor Eifersucht auf seinen besten Freund.

Wenn aber selbst der Gärtner nicht mehr glaub haft als Mörder infrage kommt, dann hat viel leicht einfach der beste Freund gemeinsam mit dem Polizeiinspektor einen Betrug begangen. Wenn der beste Freund und der Inspektor dann durch Beweise eindeutig überführt werden können, sollte man aufpassen, was man in seinem eigenen Haus noch trinken kann. In jedem Glas Sherry könnte auch Gift untergemischt worden sein.

In »Mord auf Schloss Haversham« ist genau diese Geschichte der Plot, der im Laufe des Abends zu einer absurden Komödie heranwächst, an deren Ende kein Vorhang mehr hängt, kein Requisit mehr auf dem anderen liegt und keine Wand mehr steht. Alles geht drunter und drüber im »Play That Goes Wrong«.

Als Einstimmung auf die rasante Komödie finden Sie auf den beiden kommenden Seiten ein Spiel für mindestens zwei Personen.

Die anderen Spieler dürfen nun Fragen stellen, die eindeutig mit »Ja« oder »Nein« zu beantworten sind. So arbeiten die Fragenden sich Stück für Stück an die richtige Antwort heran und können so die merkwürdigen Kriminalfälle am Theater aufdecken. Dabei gibt es Geschichten von der Theaterbühne zu erraten, aber auch Geschichten, die in einem Theater spielen könnten. Diese sind fiktional und natürlich nicht ohne das ein oder andere Klischee.

44 L Schauspiel

DER ASSISTENT

Ein Toter liegt auf einem Schreibtisch. In seinem Auge steckt ein Bleistift. Auf dem Schreibtisch sind mehrere dicke Bücher mit Noten und Notizen darin und eine volle Tasse Kaffee.

DER APPLAUS

Das Publikum klatscht, obwohl eine Schauspielerin sterben musste.

DIE BALLERINA

Nach dem Essen stirbt die Ballerina. Wären die Gäste langweiliger gewesen, würde sie noch leben.

VERZWEIFELTE RUFE

Hinter verschlossener Tür schrie er ohne Erfolg um Hilfe. Am Ende verdurstete er.

PAUSE, DIE KEINE WURDE

Fünf Männer gehen in ihre Pause. Auf dem Weg werden sie von einem Bühnenbildelement erschlagen.

DAS PHANTOM

Die junge Sopranistin konnte gerade noch aus den verwinkelten Kellergängen des Theaters entkommen. Ohne Hilfe wäre ihr das nicht gelungen.

DER KOMTUR

Nachdem er einen steinernen Gast eingeladen hatte, musste er zur Hölle fahren.

DIE JUNGE CELLISTIN

Aus Notwehr rammte sie einem Mann den Stachel ihres Cellos ins Herz.

DER FISCHER

Nachdem er dem gesellschaftlichen Druck nicht standhalten konnte, fuhr der Fischer mit seinem Boot aufs Meer und versenkte es dort. Wäre er aufgeschlossener gewesen, würde er vielleicht noch leben.

45 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
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Die fünf Techniker haben gerade eine schwere Wand aufgestellt, die Teil eines Bühnenbilds ist. Alle fünf gingen davon aus, dass jeweils die anderen die Sicherung der Wand übernehmen. Auf dem Weg in die Pause werden sie von der herabstürzenden Wand erschlagen.

Während ihrer langen Monologszene geht die Schauspielerin wie üblich in den kleinen Pool, der dafür aufgebaut wird. Leider liegt diesmal auch ein Stromkabel von der Szene davor im Pool. Das Publikum deutet die Zuckungen als Teil des Spiels und applaudiert wegen der inbrünstigen Darstellung.

Der Regieassistent ist in einer Endprobenwoche völlig übermüdet eingeschlafen, als er noch eine nächtliche Kritik der Regie verschicken wollte. Da er beim Durchsehen seiner Notizen noch einen Bleistift in der Hand hielt, stach er sich damit das Auge aus. Hätte er wenigstens Zeit gehabt, den Kaffee zu trinken, wäre er vielleicht nicht eingeschlafen.

Nach einem Konzert lädt ein Verehrer eine junge Cellistin zum Essen ein. Auf dem Heimweg im Park nähert er sich ihr in ungebührlicher Weise. In ihrer Panik schlägt sie ihm mit ihrem Cellokasten nieder und sticht ihm dann den Stachel ihres Cellos ins Herz.

Kurz vor den Theaterferien ging ein einzelner Gewandmeister in den Kostümfundus. Er ließ den Schlüssel von außen stecken und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Sein Rufen und Klopfen konnte keiner mehr hören, weil alle anderen bereits im Urlaub waren.

Die Ballerina wurde oft zum Essen eingeladen. Um ihr Gewicht zu halten, steckte sie sich nach dem Essen den Finger in den Hals. Auf diesem Empfang wurde sie in viele interessante Gespräche verwickelt und vergaß nach dem Essen, auf Toilette zu gehen. Ihr übervoller Magen riss, und sie starb an den Folgen.

Ein Fischer lebt sehr zurückgezogen für sich. Nachdem sein Lehrjunge bei einem Unfall stirbt, breiten sich Gerüchte um dessen Tod aus. Die meisten Dorfbewohner meinen, dass der Fischer den Jungen umgebracht hat, weil er so komisch sei. Als der gesellschaftliche Druck immer höher wird und die Dorfbewohner wie ein wilder Mob vor seiner Hütte stehen, hält der Fischer es nicht mehr aus. Er fährt aufs Meer und versenkt sein Boot. Wäre er offener gewesen, hätten die Leute ihm vielleicht zugehört und er hätte den Unfall erklären können.

Im Liebesspiel mit einer seiner vielen Angebeteten wird ein Edel mann von ihrem Vater erwischt. In seiner Überforderung erschlägt er den Vater. Als er die Statue des Vaters auf dem Grab besucht, beginnt diese mit ihm zu sprechen. In seinem Übermut lädt der Edelmann die Statue zum Essen. Der geladene Gast erscheint und fordert vom Edelmann: »Bereue! Ändere dein Leben.« Als dieser keine Reue zeigt, verschlingen ihn die Flammen und er muss zu Hölle fahren.

Das Phantom der Oper hat sich mit Fürsorge und Ausdauer das Mitleid der jungen Sopranistin ergattern können. Als sie ihm in sein Reich tief unter dem Theater gefolgt war, wollte das Phantom sie dort festhalten. Nur durch das mutige Einschreiten eines Kollegen konnte sie aus der Gefangenschaft des Phantoms gerettet werden.

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Bastelanleitung

Sie brauchen: 1 Schneidelineal, 1 Cutter / Skalpell.

Das Lineal an zwei gegenüberliegenden Linien anlegen und der Nummerierung nach mit dem Cutter schneiden.

MORD AUF SCHLOSS HAVERSHAM –

THE PLAY THAT GOES WRONG Komödie von Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields | In der Übersetzung von Martin Riemann Inszenierung Tom Gerber Bühne Bettina Neuhaus Kostüme Jannik Kurz Dramaturgie Bjarne Gedrath Premiere 10. Dez. 2022, Kleines Haus Weitere Termine 17./ 21./ 23./ 25./ 29./ 30. Dez. 2022, 15. Jan., 26. Feb., 5./ 12. März 2023

PRAXIS am Theater

Im Herzen von Wiesbaden

Schnell strahlend schöne neue Zähne

Viele Menschen wünschen sich ein strahlend schönes Lächeln à la Hollywood. In der Praxis von Dr. Nord erfüllen wir Ihnen diesen Traum auch mit Zahnim plantaten. Unsere Schwerpunkte liegen auf Prophylaxe, Zahnästhetik und lmplantologie, ergänzt durch Paradontologie und Endodontie.

Festsitzende Prothesen, Zähne wie im echten Leben! Festsitzende Zähne bedeuten Lebensqualität. Was für junge Menschen selbst verständlich ist, kann für ältere schon mal zur Tortur werden. Offen zu lachen und zu sprechen oder zu essen, was man möchte, bedeutet Selbstsicherheit, Gesundheit und Genuss. Ernährungsbeschränkungen können zudem zu ge sundheitlichen Problemen führen. Abhilfe schafft das All-On-4 Konzept. Diese minimalinvasive Behandlungsmethode ermöglicht festsitzenden Zahnersatz in kürzester Zeit.

Das All-On-4® Konzept

Dazu wild der Patient in die Praxis gebeten, um ihm nach dem All-On-4 Kon zept Implantate zu setzen. Das Konzept sieht vor, dass die Implantate schräg an der Oberkieferhöhle beziehungsweise dem Unterkiefernerv vorbeigeführt werden. Zeitaufwendiger sowie schmerzafter Knochenaufbau wird so vermieden. Nach einer 3-D-Auf nahme wird eine, am Computer konstruierte OP- Schablone gefer tigt und exakt auf die Schleimhaut gelegt. Durch die eingearbeiteten Führungen werden die Implanta te unter örtlicher Betäubung oder Schlafsedierung in den Kiefer einge setzt. Die Behandlung ist schmerzfrei und auch hinterher hat man nahezu keine Schmerzen, da das Zahnfleisch nicht aufgeschnitten werden muss. Die wesentlich geringere Infektionsgefahr, die sich dadurch ergibt, ist ein weiterer Vorteil dieser Nobel-Guide-Technik. Anschließend wird die Schablone entfernt und der bereits im eigenen Praxis labor angefertigte Zahnersatz aufgeschraubt. Der Patient hat im Vergleich zu anderen Verfahren bereits nach wenigen Stunden neue, festsitzende Zähne, die nicht herausgenommen werden müssen.

All-On-4®

Fragen oder Anregungen?

Unser Team ist 5 Tage in der Woche für Sie da! Lassen Sie sich einen Termin geben oder vereinbaren Sie eine Beratung.

Dr Cornelius Nord, Praxis am Theater, Wilhelmstrasse 48 65183 Wiesbaden, Telefon: +49-611-44 90 51 E-Mail: praxis@drnord.de

47 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
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Warum schreibt man ScienceFiction?

Die amerikanische Bestseller autorin Margaret Atwood würde wahrscheinlich antworten: »Weiß ich auch nicht. Ich schreibe speculative fiction .« Und was soll das nun wieder sein?

Margaret Atwood

Die kanadische Schriftstellerin gehört zu den erfolgreichsten Autor:innen der Gegenwart. Ihre Bücher, z. B. »Der Report der Magd«, erreichten Millionenauflagen und wurden mehrfach verfilmt. Immer wieder wird sie als Nobelpreiskandidatin gehandelt. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählen etwa der Booker Prize (2000, 2019) oder der Friedenspreis des deutschen Buchhandels (2017). Atwood bezeichnet ihre Bücher in Unterscheidung zum Begriff »Science Fiction« als »Speculative Fiction« und meint damit, dass sie »sich mit den Mitteln auseinandersetzen, die wir bereits anwenden, und nicht mit den Dingen, die wir noch nicht tun können.«

ORYX AND CRAKE

Søren Nils Eichberg (*1973) | Nach dem Roman »Oryx and Crake« (2003) von Margaret Atwood

Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung / Bühne Daniela Kerck Kostüme Andrea Schmidt-Futterer Licht Oliver Porst Chor Albert Horne Dramaturgie Wolfgang Behrens, Constantin Mende

Oryx Heather Engebretson Crake Christopher Bolduc Snowman Benjamin Russell Jimmy Samuel Levine Sharon, Jimmys Mutter

Fleuranne Brockway Jimmys Vater Mikhail Biryukov

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Premiere 18. Feb. 2023, Großes Haus Weitere Termine 1./ 11./ 23./ 31. März, 16./ 21. Apr. 2023

Worum geht es in »Oryx and Crake«?

In ihrem Roman »Oryx und Crake« entwirft die kanadische Erfolgsautorin Margaret Atwood eine schillernd dystopische Welt, die sich deutlich aus unserer heutigen Gegenwart ableiten lässt: Weltweit agierende Konzerne lassen ihre Mitarbeiter:innen in Gated Communities leben, während die Mehrheit der Menschen in Slums darbt. Künstliche Lebensmittel, die biotechnisch »optimiert« wurden, stellen die Ernährung der Bevölkerung sicher, Zuchttiere wie Organschweine sorgen für menschliche Ersatzteile. Doch die Vision des Konzernmitarbeiters Crake zielt noch weiter: Er möchte die Menschheit durch Genmanipulationen in friedfertige und fantasielose Wesen verwandeln. Das Hessische Staatstheater Wiesbaden bringt diesen faszinierenden Stoff nun weltweit erstmals auf die Bühne und hat bei dem Komponisten Søren Nils Eichberg eine Oper in Auftrag gegeben. Am 18. Februar 2023 wird »Oryx and Crake« in der Regie von Daniela Kerck (die in der vergangenen Saison mit »Babylon« in Wiesbaden einen Sensationserfolg erzielte) zur Uraufführung kommen.

»Oryx and Crake« ist eines der Auftragswerke, die das Hessische Staatstheater Wiesbaden in der Spielzeit 2022.2023 zur Uraufführung bringt.

48 L Oper

TEXT CONSTANTIN MENDE

Wann immer ein neuer Roman von Margaret Atwood erscheint, warten Fans in langen Schlan gen vor den Buchhandlungen, um ein Exemplar des neuesten »Atwood« zu ergattern, sobald die Uhr Mitternacht schlägt. Szenen, die man sonst nur noch von den Veröffentlichungen der Harry Potter Romane kennt. Durch die Verfilmung mehrerer ihrer Romane und das weltweite BingeWatching der Serie »The Handmaid’s Tale«, hat Atwood eine Prominenz, die vielleicht nur noch mit J. K. Rowling und Stephen King vergleich bar ist. Inzwischen gilt sie als Prophetin, die in ihren dystopischen Romanen Ereignisse wie den Sturm auf das Capitol, die Finanzkrise 2008, den chinesischen Totalitarismus und die durch den Klimawandel ausgelösten Naturkatas trophen vorhergesagt hat.

Wie kann es sein, dass eine Romanautorin solch großen gesellschaftlichen Einfluss hat? Immer wieder entzünden sich Diskussionen über Meinungsfreiheit, Feminismus und Totalitarismus an ihren Romanen. Und das mit Werken, die – ob man sie nun als Science Fiction oder Speculative Fiction bezeichnet – auf jeden Fall Fiktion sind. Auch »Star Wars« etwa wird als Science Fiction bezeichnet, politische Diskussionen hat der »Star Wars« Hype aber selten ausgelöst. Denkt man aber an Klassiker wie George Orwells »1984«, dann steht Atwood in der Tradition höchst brisanter Literatur. Orwells 1949 erschienener Roman thematisierte den sich anbahnenden Kalten Krieg und den sowjeti schen Faschismus.

Der frühen Science Fiction, die man vielleicht aus Heftchen an der Bahnhofsbuchhandlung kennt, haftet stets etwas Nerdiges an. Spekulationen über Raumfahrtmissionen, Marsbewohner, seiten lange Schilderungen über Technik, die es nicht gibt. Atwood aber definiert ihre Speculative Fiction anders: »Jeder meiner Romane beginnt mit der Frage: Was wäre wenn?« Ihre Themen sind weniger Spekulationen über zukünftige Technik, die Technik in ihren Romanen gibt es in der Regel schon. Gentechnik, Transplantationen von künstlich gezüchteten Organen und Gated Communities sind keine Zukunftsmusik. Atwood stellt viel eher die Frage: Was passiert, wenn wir den Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, weitergehen? Was sind die Auswirkungen unseres Handelns? Wer hat die Macht, uns zu stoppen? Wenn Speculative Fiction die Frage »Was wäre wenn?« stellt, dann will sie etwas bewirken. Ist sie damit literature engagé? Also eine Literatur, die aus dem Willen heraus geschrieben ist, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?

WISST IHR NOCH, WIE MAN ÜBERALL HINFAHREN KONNTE? WISST IHR NOCH, WIE ALLE IN PLEBSLAND LEBTEN? WISST IHR NOCH, WIE WIR AN JEDEN BELIEBIGEN ORT DER WELT FLIEGEN KONNTEN, OHNE ANGST ZU HABEN? ERINNERT IHR EUCH NOCH AN DIE HAMBURGER-LOKALE, IMMER ECHTES RINDFLEISCH, ERINNERT IHR EUCH NOCH AN DIE IMBISSSTÄNDE? ERINNERT IHR EUCH AN NEW YORK, ALS ES NOCH NICHT NEW-NEW YORK WAR? ERINNERT IHR EUCH AN DIE ZEIT, ALS DAS WÄHLEN NOCH ETWAS BEDEUTET HAT? Margaret Atwood, »Oryx and Crake«

Dietmar Dath beginnt seine große Studie »Niegeschichte« über die Gattung Science Fiction mit einer Anekdote. Ein Kind, das oft allein ist und sich vor vielem fürchtet, beginnt, Geschichten zu erfinden. Es stellt sich vor, was alles Schlimmes geschehen könnte. Und der Vergleich des imaginierten Schreckens mit der dann doch harmloseren Realität, beruhigt das Kind. Stelle dir etwas Schreckliches vor, dann wird es nicht geschehen. Demnach ist Speculative Fiction ein Weg, mit Ängsten umzugehen. Im Vergleich mit der fiktiven Dystopie fühlt man eine wohlige Nostalgie nach der Gegenwart. So schlimm ist es ja heutzutage zum Glück nicht. Damit würde Science und Speculative Fiction die Funktion erfüllen, uns mit den Schrecken unserer Gegen wart zu versöhnen.

So einfach macht es sich Atwood aber nicht. Die meisten ihrer Romane sind nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut: Aus der Perspek tive einer postapokalyptischen Zukunft wird die Vergangenheit erzählt, die in die Apokalypse führte. Diese Vergangenheit kann damit genauso gut unsere Gegenwart sein. Aber durch die Kenntnis der Katastrophe, in die sie führt, sehen wir sie mit anderen Augen. In Atwoods Fiktio nen ist zukünftige Vergangenheit unsere Gegen wart, aber extremer. Was in unserer Gegen wart angelegt ist, tritt in der Fiktion deutlicher zutage. Auch heute schon ist die Gentechnik weit entwickelt. Dass sie aber die Ausmaße wie in »Oryx and Crake« annimmt, in denen ver meintlich perfekte Menschen gezüchtet wurden –gewaltfrei, vegetarisch, vielfarbig und sonnenunempfindlich –, ist der Weg, den Atwood unsere Gesellschaft beschreiten sieht. Durch die Speculative Fiction blicken wir also mit zukünftigen Augen auf uns selbst zurück. Wir sehen durch diese Augen, wie wir sein werden, wenn wir bleiben, wie wir sind.

49 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN

TEXT

Ein Artikel, der insbesondere im Zuge der – milde ausgedrückt – politischen Umwälzungen der letzten Jahre häufig mal benutzt wurde, um diverse Aussagen zu rechtfertigen.

Doch: Obacht! Nicht alles lässt sich leichtfertig unter »Meinungsfreiheit« verbuchen, denn nicht vom Grundgesetz geschützt sind Meinungen, die andere beleidigen oder zu einer Straftat aufrufen. Und erst recht nicht antisemitische, fremdenfeindliche oder sexistische Hetzparolen, Witze oder »eigentlich ironisch gemeinte« Kommentare – egal ob offline oder online. Wichtiger Hinweis: Behauptungen, die nachweislich unwahr sind, sind keine Meinungen – also auch nicht frei ; )

Puh!, hört man da viele rufen, Da darf man ja plötzlich gar nix mehr! Und immer diese Political Correctness! Da steh ich ja dauernd unter Generalverdacht! Ein Sprech und Denkverbot!

Nein, mein Schatz, das hat nichts mit Verboten zu tun, sondern mit Empathie.

Na, bereit für den Test?

Mach den Empathietest!

oder ist das einfach nur scheiße?

1) »Die Erde ist eine Scheibe!« Diese Aussage ist … A … eine Meinung. B … ein interessanter Gedanke. C … eine Falschbehauptung.

2) »Diese Fernsehmoderatorin sieht aus wie eine ausgemolkene Ziege.« Diese Aussage ist … A … leider witzig.

B … Schmähkritik und damit eine Beleidigung. C … eine objektive Bestandsaufnahme.

3) »Alle Männer sind Idioten.« Diese Aussage ist … A … eine Feststellung. B … zu allgemein gehalten für eine Beleidigung. C … Volksverhetzung.

4) »Soldaten sind Mörder« Diese Aussage ist ein(e) … A … Beleidigung. B … Meinung. C … Zitat.

5) »Diese Inszenierung ist wirklich unterirdisch schlecht.« Diese Aussage …

A … wurde in Wiesbaden noch nie getätigt. B … ist eine Meinungsäußerung. C … ist erstunken und erlogen!

50 L Schauspiel
Läuft das eigentlich noch unter Meinungsfreiheit –

Richtigwar:1C,2B,3B,4B&C,5B,6B,7C,8?

Naaaa,allesgewusst?

6) »Die meisten Flüchtlinge fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung. Sie kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Über 95 Prozent.« Diese Aussage …

A … wIRD MaN JA WohL NOCH SAgeN DÜRFEN 1!!!111!11

B … ist eine Falschbehauptung.

C … kommt ganz offensichtlich von einem Soziologen, der viele Jahre mit Studien ver bracht hat, die diese Prozentzahl belegen.

7) »Sackdoof, feige und verklemmt, ist Erdogan, der Präsident. Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, nur ein Schweinefurz ist schöner.« Diese Aussage …

A … ist bislang unüberprüft.

B … ist das nicht der Typ in Gold auf dem Platz der Deutschen Einheit?

C … ist ein Schmähgedicht.

8) Hakenkreuzsymbole aufzuhängen ist …

A … Kunst.

B … antisemitisch.

C … unsensibel.

D … ein Hinweis auf äußerst zufriedenstellende Arbeit.

Zusatzfrage für aufmerksame Leser:innen: Das N-Wort zu sagen ist …

A … ein Ausdruck meiner Freiheit.

B … der Gipfel der Empathielosigkeit.

C [müssen wir da echt noch drüber reden?!]

DER FALL MEDEA Eine Truecrime-Tragödie nach Euripides Inszenierung Sophia Aurich Ausstattung Kim Zumstein Musik Friederike Bernhardt Dramaturgie Marie Johannsen Mit Christina Tzatzaraki , Anne Lebinsky Ipek Özgen , Lukas Schrenk , Martin Plass Premiere 2. Dez. 2022, Wartburg

51 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
kunst schaefer de65183 Wiesbaden Faulbrunnenstr. 11 Tel: 0611 304721 Galerie
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Gemeinsam Kultur erleben.

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Genießen Sie vor der Vorstellung oder in der Pause unsere Theaterhäppchen!

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53 MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
WIESBADEN
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Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit?

Dass Frauen und Männer theoretisch gleichberechtigt sind, kann man als bekannt voraussetzen. Leider aber auch, dass dies praktisch immer noch nicht überall funktioniert. Hier ein paar Zahlen zu den Themen Emanzipation und Frauenwahlrecht, einige davon verblüffend!

54 L Welt in Zahlen

Seit 104 Jahren (1918)

dürfen Frauen in Deutschland wählen.

Zum Vergleich: In der Schweiz führte Appenzell Innerrhoden erst 1990 als letzter Kanton das Stimmrecht für Frauen ein (entgegen einem Mehrheitsentscheid der Männer). Seit 1971 gibt es aber bereits das Frauenstimmrecht auf Bundesebene.

Seit 1949

steht die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz.

1961

gab es mit Elisabeth Schwarzhaupt die erste Bundesministerin. 1977 wurde die gesetzliche Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung abgeschafft.

2005 wurde Angela Merkel als erste Frau Bundeskanzlerin.

MAGAZIN #19 HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN 55

Lesefutter

# 01

FÜR LIBERALE

Manchmal gibt es auch Erfolgsgeschichten. Der Liberalismus zum Beispiel, jene politische Philosophie also, die auf offene Debatte, Meinungsfreiheit und Demo kratie setzt, hat in den letzten Jahrhunderten viele gesellschaftliche Fortschritte erzielt, nicht zuletzt, was die Gleichstellung der Geschlechter oder den Kampf gegen Rassismus, Homo und Transphobie betrifft. In ihrem Buch »Zynische Theorien« zeigen Helen Pluckrose und James Lindsay nun jedoch, wie diese Fortschritte gerade von denjenigen, die sich als aktivistische Avantgarde der Gerechtigkeit sehen, bedroht werden. Die beiden Autor:innen legen dar, wie die neuesten Spielarten etwa von Feminismus, Gender Studies, postkolonialer oder Critical Race Theorie in Prinzipien der postmodernen Philosophie wurzeln und mit deren Werkzeugen auch tatsächliche, oft von herrschenden Diskursen verdeckte Missstände aufspüren. Zugleich demonstrieren Pluckrose und Lindsay aber auch, wie die Methoden dieser »Social Justice« Theorien irgendwann zu Dogmen erhoben werden und plötzlich einer offenen Debatte zuwider laufen. Indem die universelle Austauschbarkeit von Argumenten zugunsten identitätspolitischer Hack ordnungen aufgegeben wird – wer darf unter welchen Umständen was sagen? –, erodieren sogar die Begriffe der freien Wissenschaft und Kunst. Pluckrose und Lindsay belegen, wie die Angriffe der »Social Justice« Bewegung auf die zentralen Überzeugungen einer freien Gesellschaft zielen, und plädieren zuletzt für einen Liberalismus ohne Identitätspolitik. Wenn nicht alle Vorzeichen täuschen, könnte dieses Buch leider zur Pflichtlektüre werden.

Helen Pluckrose, James Lindsay: Zynische Theorien. Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt. Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus und Helmut Dierlamm. C. H. Beck, München 2022. 380 S.

# 02 FÜR JUNG UND ALT

»Unsere Kinder lesen wieder!« hallte vor 25 Jahren ein Jubelschrei durch Millionen von Elternhäusern. Und in der Tat: Selten wurde wohl dem Erscheinen eines neuen Bands so leidenschaftlich entgegengefiebert wie den Romanen der »Harry Potter« Reihe von J. K. Rowling. Zwar übertrumpften die Verfilmungen den Wirbel um die Bücher recht schnell, aber weltweit über 500 Millionen verkaufte Bücher sind für sich gesehen schon eine beachtenswerte Errungenschaft. Beim erneuten Lesen der Bücher (ich habe »Harry Potter« tatsächlich relativ bald nach dessen Erscheinen gelesen) fiel mir wieder auf, wie spannend, lebendig und mitreißend J. K. Rowling zu schreiben vermag. Die Bücher sind wahrhaftige »Page­Turner«, die Charaktere nachvollziehbar und der Ideenreichtum der Erfin derin schier unerschöpflich. Von den Unsicherheiten eines anfangs Elfjährigen über die Stimmungsschwan kungen der pubertierenden Hogwarts Schüler:innen bis zum über sich selbst Hinauswachsen im wahrhaft furiosen Finale lebt und leidet man mit den Figuren mit, allen voran natürlich mit Harry, Hermine und Ron, durchaus aber auch mit den großen und kleinen Nebenfiguren wie dem tollpatschigen Neville, dem Haus Elf Dobby oder dem humorlosen Fast Bösewicht Professor Snape. Mitunter wird es richtig unheimlich (empfohlen wird die Lektüre ab 10 Jahren), denn der Kampf gegen das Böse und seinen Hauptvertreter Voldemort (dessen Name nicht genannt werden darf) fordert auch harte Opfer. Nach dem letzten großen Kampf steht man zusammen mit all den liebgewonnenen Held:innen wieder auf und muss sich der großen, grausamen Sinnfrage stellen: Und was lese ich jetzt?

J.K. Rowling: Harry Potter. Alle sieben Bände sind u. a. im Carlsen Verlag erschienen.

56 EMPFEHLUNGEN WOLFGANG BEHRENS & ANIKA BÁRDOS # 02
# 01 L Quergeschaut

PREMIEREN OPER FIDELIO

Ludwig van Beethoven

ML Will Humburg IN Evelyn Herlitzius

Ab 16 Okt 2022

DIE LUSTIGE WITWE

Franz Lehár

ML Johannes Klumpp / Holger Reinhardt

IN Uwe Eric Laufenberg

Ab 3. Dez. 2022

RUSALKA

Antonín Dvořák

ML Philipp Pointner

IN Olesya Golovneva & Daniela Kerck

Ab 21 Jan 2023

ORYX AND CRAKE (UA)

Søren Nils Eichberg

ML Albert Horne IN Daniela Kerck

Ab 18. Feb. 2023

DIE SACHE MAKROPULOS / AUS EINEM TOTENHAUS

Leoš Janáček

ML Johannes Klumpp IN Nicolas Brieger

Ab 30. Apr. 2023

CARMEN

Georges Bizet

ML Yoel Gamzou / Albert Horne

IN Uwe Eric Laufenberg Ab 3 Juni 2023

PREMIEREN SCHAUSPIEL

EIN SOMMERNACHTSTRAUM

Von William Shakespeare

IN Tilo Nest

Ab 24. Sep. 2022

HIOB

Nach dem Roman von Joseph Roth

IN Henriette Hörnigk

Ab 1 Okt 2022

MICHAEL KRAMER

Von Gerhart Hauptmann

IN Ingo Kerkhof

Ab 4. Nov. 2022

DER FALL MEDEA

Eine Truecrime-Tragödie nach Euripides

IN Sophia Aurich Ab 2 Dez 2022

MORD AUF SCHLOSS HAVERSHAM

Komödie von Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields IN Tom Gerber Ab 10 Dez 2022

BAKCHEN

Von Raoul Schrott, Neudichtung nach Euripides IN Sebastian Sommer Ab 28 Jan 2023

DIE BESETZUNG DER DUNKELHEIT

Nach dem gleichnamigen Roman von Bachtyar Ali IN Ihsan Othmann Ab 17. Feb. 2023

DIGITALES FEUER

Von Ulf Erdmann Ziegler | Ein Auftragswerk des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden IN Christoph Kohlbacher Ab 11. März 2023

DIE SCHULE DER DIKTATOREN

Komödie in neun Bildern von Erich Kästner IN Bjarne Gedrath Ab 22 Apr 2023

TARTUFFE

Komödie in fünf Aufzügen von Molière IN Uwe Eric Laufenberg Ab 29. Apr. 2023

ENDSTATION SEHNSUCHT

Von Tennessee Williams, Deutsch von Helmar Harald Fischer IN Mirja Biel Ab 17. Juni 2023

IN Inszenierung ML Musikalische Leitung Änderungen vorbehalten!

Wir bringen die Jugend unserer Stadt auf die große Bühne.

Spielplan & Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de

Mit unserer Gestaltung für den Leonardo-Award der Wiesbaden Stiftung setzen wir seit 2005 für unsere Landeshauptstadt ein bundesweit einmaliges Format in Szene. Auch die oscarreife Gala im Staatstheater gehört dazu.

Im Rampenlicht stehen die Hauptdarsteller: Jugendliche aus über 30 Wiesbadener Schulen.

www.agentur-bell.de www.leonardo-award.de

2022.2023
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# TheaterTheater mit Laufenberg

Heute: Freiheit

Theater ist eigentlich erfunden worden, um den Kräften, die in den Menschen sind, einen Platz zu geben. Kräfte im Menschen, die keine andere Bahn, keinen anderen Ausdruck finden, die aber herauswollen. In den dionysi schen Spielen im Griechenland des ersten Jahrtausends vor Christus diente das Theater als ein Forum, in dem wild getanzt, getrunken und »gefeiert« wurde. Es war ein Ort, an dem sich auch das ausdrücken konnte, was sonst in einer Gesellschaft nicht sein darf. Eine Gesellschaft muss für alle funktionieren. Aber eine gute Gesellschaft braucht auch Ventile, um nicht am eigenen Druck zu ersticken.

Später dann wurden Stücke für diese Dionysien geschrieben, von Aischylos, Sophokles, Euripides und anderen – und schon war es mit der Freiheit am Theater vorbei. Das Theater war nun nicht mehr wilder unmittelbarer Ausdruck, sondern das Theater bekam eine Form, Riten kamen hinzu, und: verbindli che Texte, die gesprochen und ins Auditorium getragen werden mussten. Und später entstand daraus Musik. Und MusikTheater. Seitdem steht die Kunst des Theaters in einer stän digen Auseinandersetzung zwischen wilder Freiheit und zivilisierter Form. Zwischen hoher Kunst und Improvisation, Organisation und Chaos, der Behauptung des Einzelnen und dem Zusammenspiel der Gruppe, eben zwischen Diktatur und Freiheit, wie in allen Gesellschaften dieser Welt. Die Einen bevorzugen die Form, die anderen die Freiheit.

Vor etwa 120 Jahren dann wurde der Beruf des Regisseurs erfunden, und seitdem bestimmt eine oder einer wie ein Theaterabend auszusehen hat. Eigentlich eine kurze Spanne in den 2600 Jahren der Theatergeschichte der Mensch heit. Dementsprechend ist der Beruf des Regisseurs hoffnungslos überschätzt. Wie Diktatoren alle überschätzt werden. Sie/Er soll es richten, verantworten, es wird fast über nichts Anderes mehr gesprochen, wer hat inszeniert, wie war es, modern oder märchenhaft, hat es eine neue Sicht gegeben, war es interessant, was ist ihr/ihm eingefallen, ist die Inszenierung gesellschafts konform, zeitkritisch, woke, grün, cool, frauengerecht, gendergerecht, rassismusfeindlich, ausgewogen, provokativ, unkon ventionell, überschrieben, plakativ, innovativ, ästhetisch auf der Höhe der Zeit? Texte, Schauspieler, Bühnenbilder, Kostüme interessieren da in Wirklichkeit weniger, es muss nur irgendwie passen.

Und dann gibt es an den Theatern das Problem der Intendanten. Auch so ein Theaterberuf! Oft ist der Intendant zu mächtig, zu stark, dabei zu schlecht, zu selbstbezogen, nicht teamfähig, sich versteckend oder zu kämpferisch, zu angepasst, zu wild. Doch das Bild des Intendanten wandelt sich. Heute ist er am besten eine Frau. Vor allem aber sollen Intendant:innen keine Künstler sein. Denn Künstler:innen als Intendant:innen sind eine schlimme Verunsicherung: Sie leben für ihre Kunst, leben in Freiheit, fordern die Freiheit der Kunst, am Ende könnten sie noch so verwegen sein, neue dionysische Spiele zuzulassen! Plötzlich hätte das Wilde, die Freiheit wieder einen Platz im Theater und in der Gesellschaft.

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FOTO: LENA OBST
L Kolumne

Nein, das will eigentlich keiner, viele wollen die Freiheit im Theater abschaffen. Lieber Kontrolleure! Kontrolleurinnen und Kontrolleure der Kunst, vielleicht mit sanfter Hand und mit dem Blick darauf, dass keine Religion, keine Interessens gemeinschaft oder Gesellschaftsgruppe verletzt wird. Sie kontrollieren, dass keine falschen Wörter benutzt werden! In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts durfte man alles auf einer deutschsprachigen Bühne sagen, wirklich alles, und auch alles tun. Man konnte sich und eine Frau schwarz anmalen und nackt über eine Wäscheleine hängen. Das gab zwar auch veritable Skandale (wie Zadeks »Othello« mit Ulrich Wildgruber und Eva Mattes in Hamburg, der nur nach 22 Uhr gespielt wurde), aber es war möglich. Möglich als Ausdruck von Kunst.

Heute werden diese Freiheiten zur Diskussion gestellt. Wenn ich jetzt Wörter ausschreiben würde wie N…, P…, F…, Schw… würden so viele Menschen über mich herfallen, dass es mit meiner Freiheit wohl dahin wäre. Das Theater hat ein Stück, vielleicht ein großes Stück Freiheit verloren und aufgegeben.

Ach, Freiheit! Wie schön war der Gedanke! Alle Menschen sind frei! Alle Menschen sind gleich!

Aber alles ist ein ständiger Kampf zwischen Intelligenz und Dummheit, zwischen Gut und Böse. Und die Mischungen dieser vier Kategorien sind scheinbar unendlich.

Der Mensch ist ein Abgrund, wie Georg Büchner gesagt hat. Und auch wenn wir weghören wollen, die Stimmen aus dem Abgrund sind ja da, sie flüstern es immer noch, nur sehr viel leiser, aber nicht weniger intensiv: »Ne…«, »Pol…«, »Fotz…«, »Schwanz« … Ganz leise noch. Doch wehe, sie werden wieder laut, weil sie kein Ventil finden!

Wollen wir die Menschen wirklich frei lassen und sie um ihre Stimmen bitten?

Oder doch lieber mit und gegen Schiller sagen:

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Fickt sie.

Liebes Theaterpublikum !

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Inszenierung des »Siegfried« beispielsweise wurde vor einem Schuss gewarnt, der zweifellos fallen und ganz sicherlich sehr laut werden würde. Bang also quetschte ich mich in meinen hinteren Parkettsitz und harrte angespannt auf den ohrenbetäubenden Knall. Dieser erwies sich dann als harmloses Schüsschen aus einer Kalaschnikow – die Aufregung war also völlig umsonst gewesen (und die Frage, wieso im »Siegfried« mit einer Kalaschnikow geschossen wird, behandle ich hier ja nicht). Die Trigger warnung, die ausgesprochen worden war, um das Publikum vor einer unangenehmen Erfahrung zu schützen, hatte vor allem abgelenkt und die Aufmerksamkeit auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Das dürfte gar nicht so selten passieren, denn der Triggerwarnung wohnt gewissermaßen inne, das Augenmerk der Zuschauer:innen auf genau den Aspekt zu lenken, vor dem gewarnt wird. Auf dem Streaming Portal des Disney Konzerns etwa wird man häufig vor den dort zu sehenden Filmen einen Hinweis wie den folgenden finden: »Die gezeigten Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute.« Automatisch wird man nun nach diesen falschen Stereotypen suchen (die manchmal gar nicht so leicht zu finden sind), über deren Einordnung freilich der Disney Konzern glücklicher weise schon für eine:n entschieden hat. Bedarf es dieser Art der Bevor mundung der Zuschauer:innen? Sind sie nicht selbst in der Lage, stereotype Darstellungen zu bewerten? Im Theater wiederum, einer Kunst, die anders als der Film auch noch live stattfindet, kann alles Mögliche passieren: Vielleicht müssen Sie weinen, vielleicht werden Sie lachen, vielleicht sind Sie erschüttert, vielleicht werden Sie verstört und vielleicht sogar in Ihrem Wertesystem unsicher. All das sind Folgen – sogar wünschens werte Folgen – des Theaters. Sollen die Theaterleute nun vor solchen Wirkungen warnen? Muss man künftig über alle Aufführungen schreiben: »Vorsicht! Diese Inszenierung kann überraschende und auch unange nehme Wendungen enthalten und könnte in Ihren emotionalen Haushalt eingreifen!« Es gibt zweifelsohne berechtigte Triggerwarnungen (die Warnung vor Stroboskoplicht zum Beispiel). Und doch muss man wohl auch so manche Triggerwarnung mit einem Warnhinweis versehen: »Vorsicht! Diese Triggerwarnung könnte den Charakter der Kunst ver kennen! Beachten Sie sie lieber nicht!«

FOTO THOMAS AURIN

WOLFGANG BEHRENS Dramaturg Schauspiel

Vorsicht! Wolfgang Behrens erfüllt das Stereotyp eines Dramaturgen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und schreibt als solcher Dramaturgentexte. Seien Sie gewarnt!

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