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Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Bremeneckgasse 2 | 69117 Heidelberg Fon + 49 (0) 6221 981102 Fax +49 (0) 6221 981177 info@sintiundroma.de

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Inhalt

❚ Vorwort

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❚ Höhepunkt Neue Berliner Repräsentanz im Aufbau Haus eröffnet

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❚ Panorama Erinnerungen der Roma – Erinnerungen Europas Wichtige neue Quellen für das Archiv Ein Foto und seine Geschichte Informationsplattform der Bildungsakademie 71. Jahrestag der Auflösung des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz Medientagung: „Bilder von Sinti und Roma in Film und Fernsehen“

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❚ Antiziganismus Sinti und Roma – Sündenböcke in Zeiten der Krise Die Verwandlung einer Phantasie vom „Zigeuner“ in ein ethnographisches Dokument

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❚ Revue

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❚ Ausblick

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❚ Publikationen „Der Bann des Fremden“: eine neue Studie zum „Zigeuner“-Stereotyp in der Fotografie Tagungsband „Antiziganismus, Soziale und historische Dimensionen von ‚Zigeuner’-Stereotypen“ Sinti in Deutschland – Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation

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❚ Landesverband Rheinland-Pfalz Hochschulgesprächstag des Fachbereichs Polizei zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Gedenken an die erste Deportation ganzer Familien 1940

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❚ Zentralrat Treffen von Romani Rose und George Soros Schutz und Erhaltung der Grabstätten von Sinti und Roma als Familiengedächtnisstätten und öffentliche Lernorte Veröffentlichung der Dokumentation „Schonung für die Mörder? – Die justizielle Behandlung der NS-Völkermordverbrechen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Rechtskultur in Deutschland“ Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Rassismus – nicht auf dem Rücken der Minderheit Zentralrat fordert OSZE auf, den europaweiten Antiziganismus zu ächten Gemeinsames Symposium des Zentralrats mit dem BGH – Bedauern nach 60 Jahren

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❚ Nachrufe

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❚ Impressum

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Vorwort

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

© Dokumentations- und Kulturzentrum

die neue Ausgabe unseres Magazins Newess liegt nun vor und präsentiert Ihnen ausgewählte Neuigkeiten unserer Arbeit aus den Jahren 2014 und 2015. In den letzten Jahren konnten wir wesentliche Erfolge unserer Arbeit verbuchen, gleichzeitig stellte das Erstarken eines offenen Rechtsextremismus auch für unsere Minderheit ein zunehmendes Problem dar. Das Jahr 2015 brachte eine wichtige Neuerung für unsere Arbeit: Seit Oktober sind das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und der Zentralrat nicht mehr nur in Heidelberg, sondern auch in der Hauptstadt vertreten. Mit der Eröffnung unserer Berliner Repräsentanz erweitert sich die Reichweite unserer Arbeit deutlich: Durch die Nähe zum Zentrum des politischen und kulturellen Lebens in Deutschland kann die Vernetzung mit anderen Institutionen ausgebaut werden. Im Rahmen des Projektes „Demokratie leben!“ setzen wir uns auch in der Hauptstadt mit Bildungsprojekten für eine zivilgesellschaftliche Stärkung der Demokratie und gegen Rassismus ein. Das auf fünf Jahre geplante Projekt wird vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend gefördert, mein besonderer Dank hierfür gilt Bundesministerin Manuela Schwesig.

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Ein großer Erfolg unserer Arbeit stellt die Aufarbeitung und Distanzierung von früherer, diskriminierender Rechtsprechung gegenüber unserer Minderheit durch den Bundesgerichtshof im Februar 2016 dar. Der Grundstein dafür wurde bereits im Jahr 2014 gelegt, als ich bei einer Veranstaltung des Bundesgerichtshofes im Rahmen des „Rosenburg-Symposium“ zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit innerhalb der Justiz zum Umgang der Justiz mit der Minderheit Stellung beziehen konnte. Die justizielle Aufarbeitung der Geschichte ist ein Meilenstein in der Geschichte der Minderheit in Deutschland. In Zeiten eines immer offeneren Rassismus in der deutschen Gesellschaft, der sich gegen alle richtet, die von der Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ wahrgenommen werden, ist diese Distanzierung ein starkes Symbol für ein wachsendes öffentliches Bewusstsein für das Unrecht, das unserer Minderheit angetan wurde.

Sehr gefreut hat uns, dass am 8. April 2015, dem Internationalen Roma-Tag die Roma Sinti Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo M. Sahiti in der Stadthalle ein Konzert spielten. Das Konzert an diesem symbolträchtigen Datum zeigt die Verbundenheit unserer Einrichtung mit lokalen Institutionen. Ich wünsche Ihnen viele spannende Eindrücke beim Lesen. Bleiben Sie uns verbunden.

Ihr

Für ein solches wachsendes Bewusstsein spricht, dass am 15. April 2015 das Europäische Parlament den 2. August als Tag des Gedenkens an den Genozid an den Sinti und Roma anerkannte. Diese positive Entwicklung ist eine Folge unserer jahrelangen politischen Arbeit, die sich konsequent gegen die Diskriminierung der Minderheit und für eine gleichberechtigte Teilhabe einsetzt.

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Höhepunkt

❚ Neue Berliner Repräsentanz im Aufbau Haus eröffnet Von Thomas Baumann und Kerstin Müller

In Berlin wurde am 23. Oktober 2015 in Anwesenheit zahlreicher Politiker, von Gesandten und Botschaftsangehörigen sowie von Vertretern national und international agierender Institutionen die neue Repräsentanz des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma eröffnet. Mit der Berliner Repräsentanz im Aufbau Haus am Moritzplatz im Stadtteil Kreuzberg möchte das Dokumentations- und Kulturzentrum die Situation der Minderheit im heutigen Europa kritisch beleuchten und mit den politisch Verantwortlichen diskutieren – dort, wo die zentralen Entscheidungen getroffen werden: In der Hauptstadt der Bundesrepublik. Schwerpunkte der Arbeit sollen vor allem die Bereiche Menschenrechtsbildung, Antirassismusarbeit sowie historische Aufklärung sein. Nicht zuletzt sollen in der Repräsentanz die vielfältigen kulturellen Beiträge von Sinti und Roma sichtbar gemacht werden. Romani Rose betonte in seiner Rede, dass es gerade in Zeiten, in denen wieder verstärkt antiziganistische Denkstrukturen im öffentlichen Diskurs zu beobachten sind, für die Minderheit der Sinti und Roma wichtig sei, in der

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Bundeshauptstadt Gesicht zu zeigen und rassistischen Tendenzen entgegenzutreten. Weiter sagte Rose: „Durch seine in 25-jähriger Arbeit erworbene inhaltliche Kompetenz hat das Heidelberger Zentrum als Facheinrichtung im In- und Ausland große Anerkennung erlangt und gilt inzwischen geradezu als Modell einer erfolgreichen Minderheitenvertretung. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Kompetenz hier in Berlin – dank der Aufnahme in das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ – nun noch stärker zur Geltung bringen können. Ein thematischer Schwerpunkt des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ liegt auf der Bekämpfung des Antiziganismus. Damit hat die Bundesregierung die gesellschaftliche Gefahr, die von dem tief verwurzelten Rassismus gegenüber Sinti und Roma ausgeht, und die Notwendigkeit von dessen Bekämpfung ausdrücklich als Bestandteil der politischen Agenda anerkannt.“ Dr. Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, betonte in seiner Rede: „Eine offene, demokratische und tolerante Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft gleichwertig sind und teilhaben können. Das Bundesfamilienministerium fördert nun auch in Berlin einen Ort, der ein Verständnis für die Lebenswirklichkeiten von Sinti und Roma vermittelt und die Arbeit gegen


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V.l.n.r.: Matthias Koch, Moritz Pankok, Oswald Marschall, Romani Rose, Stephan J. Kramer, Dr. Ralf Kleindiek, Petra Pau | © Nihad Nino Pušija

Romani Rose | © Nihad Nino Pušija

Dr. Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend | © Nihad Nino Pušija

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Höhepunkt | Newess 2016

Stephan J. Kramer, ehem. Generalsekretär des Zentralrats Deutscher Juden | © Nihad Nino Pušija

Stephan J. Kramer bei seinem Vortrag | © Nihad Nino Pušija

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Antiziganismus unterstützt. Ich bin froh, dass wir zu diesem Ort der Kultur, der Begegnung und des politischen Engagements unseren Beitrag leisten.“ Matthias Koch, Geschäftsführer des Aufbau Verlags und der Aufbau Haus GmbH hob den Dialogcharakter der neuen Repräsentanz hervor: „In diesem Haus, in diesem Raum, können die Vertreter der Minderheit selbstbewusst und gleichberechtigt den Dialog mit Vertretern der Mehrheitsgesellschaft führen.“ Der ehemalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, nannte die Eröffnung der Repräsentanz in der Hauptstadt einen wichtigen Meilenstein für die Sinti und Roma. Weiter sagte er: „Die Dependance des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, als die Hauptstadtrepräsentanz, wird einen ganz wichtigen Beitrag zur aktiven Wissensvermittlung und Vertretung der Interessen der Sinti und Roma hier in Berlin beitragen, davon bin ich überzeugt. Ich beglückwünsche Sie zu diesem Schritt und wünsche Ihnen natürlich viel Erfolg.“

Moritz Pankok, eröffnet. Die Porträts entstanden vom Beginn der 1930er Jahre bis zu Pankoks Lebensende und umfassen alle künstlerischen Techniken, derer er sich bediente. Während Darstellungen von Sinti und Roma in der bildenden Kunst oft von tief verwurzelten Stereotypen oder exotisch-romantischen Projektionen überlagert sind, ließ Otto Pankok die von ihm porträtierten Menschen in ihrer Individualität und in ihrer unbedingten Würde hervortreten. Ermöglicht wurde die Berliner Repräsentanz mit finanzieller Unterstützung des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Der erste programmatische Höhepunkt, der in der neuen Repräsentanz zu sehen war, war die Ausstellung „Portraits Düsseldorfer Sinti (1931–1949)“ mit Werken Otto Pankoks. Die Ausstellung wurde durch einige einführende Worte des künstlerischen Leiters der Galerie Kai Dikhas,

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Panorama

❚ Erinnerungen der Roma – Erinnerungen Europas Von Oliver von Mengersen

Genozid und den langen Weg der Bürgerrechtsarbeit zur Anerkennung des NS-Völkermordes in der Bundesrepublik zu referieren. Mit dem Seminar verband sich der Einstieg in einen pädagogischen Prozess in Spanien, der im Laufe eines Jahres die Vorbereitung einer Gedenkfahrt nach Auschwitz von jungen spanischen Roma und Nicht-Roma begleiten soll. Die Fahrt dient dem Ziel, junge Leute zusammenzubringen und eine transkulturelle und humanistische Perspektive für das künftige Zusammenleben zu entwickeln.

Romani Rose bei seinem Vortrag in Madrid. Rechts von ihm: Juan de Dios Ramirez Heredia, Präsident der spanischen Roma Union und ehemaliger Europaabgeordneter | © Oliver von Mengersen

Der Genozid an den europäischen Sinti und Roma während der nationalsozialistischen Herrschaft war Thema eines internationalen Seminars am 28. und 29. November 2014 in Madrid, zu dem eine Reihe von spanischen und internationalen Organisationen eingeladen hatte. Gastgeber war das Ministerium für Bildung, Kultur und Sport, die Koordination lag bei der Asociacion Memoria del Genocidio Gitano. Zu den Sponsoren der Veranstaltung gehörte auch die Friedrich-Ebert-Stiftung. Romani Rose war eingeladen, über den

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Zunächst widmete sich Romani Rose in seinem Vortrag den zentralen Ereignissen der nationalsozialistischen Rassenpolitik gegenüber der Minderheit und dem offiziellen Umgang mit dem Völkermord in den ersten Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik, welcher sich als Ausblendung bezeichnen lässt. Im Anschluss zeichnete Rose die Entwicklung der Bürgerrechtsarbeit nach bis hin zur aktuellen Situation der Minderheit in Deutschland und Europa. Er machte deutlich, dass auch heute noch Antiziganismus in Europa vorherrscht und zu seiner Bekämpfung vielfältige Maßnahmen nötig sind. Es sei wichtig, „dass Sinti und Roma in allen europäischen Staaten in das nationale Gedächtnis ihrer Heimatländer aufgenommen werden: als integraler Bestandteil der eigenen Geschichte und der eigenen Kultur. Nur so können wir Ausgrenzung und Rassismus schrittweise überwinden.“


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❚ Wichtige neue Quellen für das Archiv Von Frank Reuter Bedeutende Schenkungen

Im März 2015 erhielt das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma eine bedeutsame Schenkung von Gerda Schmidt-Panknin, einer 1920 geborenen und in Kappeln an der Schlei lebenden, sehr renommierten Künstlerin. Die Schenkung enthält neben historischen Fotografien und Dokumenten auch zwei originale Kunstwerke. Ein 1954 entstandener großformatiger Holzschnitt zeigt einen Sinti-Jungen mit Namen Silbeli Rosenbach. Es handelt sich um den einzig erhaltenen, von der Künstlerin selbst hergestellten Abzug, da sie den Holzstock unmittelbar danach zerstört hat (Abb.1). Bei dem anderen Werk aus dem Jahr 2008, angefertigt mit Acrylkreide, handelt es sich um ihr letztes Bild überhaupt: ein aus dem Gedächtnis gemaltes Porträt einer Sintezza, von Gerda Schmidt-Panknin mit „Abend“ betitelt (Abb. 2).

Abb.1

Abb. 3

Eine Schwarzweiß-Fotoserie, entstanden in Kappeln Mitte der 1950er Jahre, zeigt die Künstlerin im Kreise einer Sinti-Familie. Gerda Schmidt-Panknin, die auch mit Otto Pankok gut bekannt war, unterhielt mit mehreren Familien aus der Region über Jahre hinweg enge Kontakte. Teil der Schenkung ist ein Briefwechsel, den sie in den 1960er Abb. 4

Abb. 2


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Panorama | Newess 2016

Jahren mit einer befreundeten Sintezza aus Duderstadt (Kreis Göttingen) führte. Die Briefe und Postkarten legen auf beeindruckende Weise Zeugnis ab vom freundschaftlichen Verhältnis der beiden. Eine weitere wichtige Schenkung stammt von Ilona Dalwigk, Tochter der 2012 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Luise Bäcker. Es handelt sich um historische Familienfotos und zwei wertvolle Originaldokumente: ein altes Familienstammbuch (Abb. 3) sowie ein gebundenes Buch, in dem die Schulbesuche von Luise Bäcker und ihren Geschwistern vermerkt sind (samt Stempel der Schulen), da die Eltern ein Schaustellergewerbe ausübten (Abb. 4). In beiden Dokumenten finden sich Namen von Familienangehörigen, die später Opfer des nationalsozialistischen Völkermords wurden. Luise Bäcker wurde im März 1943 mit ihren Eltern und Geschwistern in Biedenkopf, wo die Familie lange beheimatet war, verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Das Familienstammbuch wie auch das Buch mit den Schuleinträgen waren zuvor vergraben worden und konnten so gerettet werden. Aus diesem Grund weisen beide Dokumente Feuchtigkeitsschäden auf. Es war der ausdrückliche Wunsch von Luise Bäcker, die die Arbeit des Zentrums über Jahre begleitet und an zahlreichen Gedenkfahrten teilgenommen hat, dass diese wichtigen Erinnerungszeugnisse an ihre ermordeten Angehörigen

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Abb. 5: Familie Bäcker Anfang der 1940er Jahre vor der Deportation nach Auschwitz. Luise Bäcker steht links neben ihrer Mutter Johanna Bäcker (Mitte, sitzend mit Kind auf dem Schoß).

Abb. 6: Luise Bäcker bei einer Gedenkveranstaltung in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen (20. Dezember 2007).


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später an das Archiv des Dokumentationszentrums übergeben werden sollten. Mit Hilfe von Frau Dalwigk konnten fast alle auf den historischen Familienfotos abgebildeten Personen namentlich identifiziert werden. Für ihre engagierte Unterstützung möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken (Abb. 5/6).

❚ Ein Foto und seine Geschichte Von Frank Reuter

Abb. 7: Katharina Birkenfelder und ihre Tochter Sonja Ludwina. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Im Sommer 2015 erreichte uns der Brief einer 1934 geborenen Frau namens Marder, die an der Schweizer Grenze lebt. Ihre Kindheit verbrachte sie in Balzfeld im Kraichgau. Ihre Tante aus dem benachbarten Eschelbach war Taufpatin eines Sinti-Mädchens, das mit seiner Familie in Hoffenheim wohnte. Wie uns Frau Marder schrieb, erzählte ihre Tante später, die Sinti-Familie sei eines Tages „einfach nicht mehr da gewesen“. Frau Marder ließ die Frage nach dem Schicksal des Mädchens und seiner Angehörigen zeit ihres Lebens nicht los. Leider kannte sie den Namen der Sinti-Familie nicht, da sie den Kraichgau bereits 1938 verlassen hatte. Ihre Tante verstarb früh, und es gab keine Verwandten, bei denen sie

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hätte nachfragen können. Allerdings hatte Frau Marder ein Foto aus dem Besitz ihrer Tante, das deren Patenkind gemeinsam mit seiner Mutter zeigt (Abb.7). Diese Aufnahme bildete den Ausgangspunkt der vom Dokumentationszentrum angestellten Recherchen. Ausschlaggebend war dabei die Unterstützung des Erzbischöflichen Archivs in Freiburg. Der dortige Archivar fand in einem Taufbuch der katholischen Gemeinde Zuzenhausen (der Nachbargemeinde von Hoffenheim) den entscheidenden Hinweis: Demnach wurde am 27. Februar 1938 das Mädchen Sonja Ludwina geboren und am 1. März getauft. Sie war die Tochter des Korbmachers Wilhelm Birkenfelder und seiner Frau Katharina, geb. Steinberger. Der Kaplan hatte beim Vater noch die Ergänzung „Zigeuner“ hinzugefügt. Als Taufpatin war die Tante von Frau Marder vermerkt. Familie Birkenfelder war schon lange in Hoffenheim ansässig. Mithilfe dieser Angaben war es möglich, die Verfolgungsgeschichte der genannten Personen zu erschließen. Die weiteren Nachforschungen ergaben, dass die gesamte

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Familie in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Im Gedenkbuch des dortigen „Zigeunerlagers“ sind die Todesdaten der auf dem Foto abgebildeten Mutter und Tochter, ebenso des Vaters und sechs weiterer männlicher Familienangehöriger – wahrscheinlich handelt es sich um die Söhne – verzeichnet. Damit wird das übersandte Privatfoto, aufgenommen wenige Jahre vor der Deportation und Auslöschung der ganzen Familie, zum Zeugnis eines beispiellosen Völkermordverbrechens. Diese tragische Geschichte hinter einer zunächst namenlosen Fotografie macht deutlich, wie wichtig alte Privatund Familienfotos von Sinti und Roma für die historische Erinnerung sind. Das Dokumentationszentrum sammelt solche Bilder seit vielen Jahren in seinem Archiv. Die Fotografien zeigen die Menschen, bevor sie in die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie gerieten, und geben den Opfern ein Gesicht. Zugleich machen solche Aufnahmen sichtbar, in welch vielfältiger Weise Sinti und Roma vor ihrer systematischen Ausgrenzung durch die Nationalsozialisten in das gesellschaftliche Leben und in die lokalen Zusammenhänge eingebunden waren.


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❚ Informationsplattform der Bildungsakademie Von Oliver von Mengersen

Am 20. und 21. Juni 2015 fand im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma das zweite Bildungstreffen der Sinti und Roma statt. Das Treffen bot SchülerInnen, Eltern und Studierenden eine Orientierungshilfe für Bildungsverläufe. Außerdem konnten sich junge Angehörige der Minderheit über verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung im Bildungswesen informieren und sich vernetzen. Der Leiter des Bildungsreferats im Dokumentationszentrum, Reinhold Lagrene, gab bei der Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer seiner Freude über die Teilnahme so vieler junger Menschen aus der Minderheit Ausdruck. „Die Jugend und die Bildung“, so Lagrene, „sind die Zukunft unserer Minderheit.“ Der erste Tag des Bildungstreffens war dem Informationsaustausch gewidmet, der zweite Tag war Auswahlgesprächen für Stipendien verschiedener Träger vorbehalten. Zunächst stellten die VertreterInnen fünf stipendiengebender Stiftungen ihre Einrichtungen vor: die Heinrich-Böll-,

Reinhold Lagrene mit Julie Georg, Laura Brinker, Marvin Joa und Pia Reinhardt (v.l.n.r.) | © Dokumentations- und Kulturzentrum

die Konrad-Adenauer-, die Hans-Böckler- und die RosaLuxemburg-Stiftung sowie die Studienstiftung des deutschen Volkes hatten zu diesem Anlass MitarbeiterInnen und BotschafterInnen nach Heidelberg geschickt. Danach konnten die jungen Sinti und Roma, die sich für ein Stipendium interessierten, mit den VertreterInnen der Stiftungen ins Gespräch kommen. Laura Brinker aus Bremen moderierte die Präsentation, an der Julie Georg, Marvin Joa und Pia Reinhardt teilnahmen. Die verschiedenen Projekte und Projektideen erhielten viel Beifall. In der Runde wurde deutlich, wie wichtig die Aufgeschlossenheit der Eltern für die Bildungswege ihrer Kinder ist. Ebenso kam zur Sprache, dass aufgrund historischer Erfahrungen in den Familien auch heute noch Ängste vor staatlichen Institutionen, einschließlich der Schule, existieren. Die Erfahrungen, dass die Nationalsozialisten Kinder der Minderheit direkt von der Schule abholten und nach Auschwitz deportierten, die Leugnung der Verbrechen an den Sinti und Roma in den ersten Jahrzehnten der neuen Bundesrepublik und die damit verbundene mangelnde

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Gitarrenduo Sascha Reinhardt und Armani Lehmann © Dokumentations- und Kulturzentrum

Aufarbeitung seitens der Mehrheitsgesellschaft hinterlassen bis heute ihre Spuren. Die Verantwortung der Regierung gegenüber den ehemaligen Opfern erlittenen Unrechts unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten war auch Thema einer kurzen Einführung von Prof. Horst Rolly zu Beginn der Veranstaltung. Bereits in der Mittagspause diskutierten die TeilnehmerInnen über Studium, Finanzierung und Perspektiven, sowie ganz individuelle Fragestellungen.

Prof. Albert Scherr | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Prof. Albert Scherr aus Freiburg, der mit seiner Mitarbeiterin Lena Sachs eine Untersuchung über positive Bildungskarrieren von Sinti und Roma durchführt, und Prof. Rolly aus Berlin, der in Ingolstadt und Bremerhaven ein Projekt mit partizipativem Arbeitsansatz begleitet, gaben über den Stand dieser beiden Studien Auskunft. Zum Abschluss des Abends gab das Gitarrenduo Armani Lehmann und Sascha Reinhardt ein Konzert.

Das Bildungstreffen wurde sehr gut angenommen © Dokumentations- und Kulturzentrum


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❚ 71. Jahrestag der Auflösung des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz

Kränze in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau © Behar Heinemann

von Jara Kehl und Thomas Baumann

Am 2. August 1944 ermordete die SS in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau 2.900 Sinti und Roma – die letzten der 23.000 familienweise aus elf Ländern Europas in das Vernichtungslager deportierten Sinti und Roma. Unmittelbar zuvor selektierten die SS-Ärzte noch 3.000 Sinti und Roma als „arbeitsfähig“ und verschleppten sie als Sklavenarbeiter in andere Konzentrationslager. Insgesamt fielen im besetzten Europa 500.000 Roma und Sinti dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Mit einer Delegation von fünfzig Personen – unter ihnen viele Holocaust-Überlebende – nahmen das Dokumentations- und Kulturzentrum und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 2. August 2015 an der Gedenkveranstaltung in Auschwitz zum 71. Jahrestag der Vernichtungsaktion durch die SS teil. Für die Überlebenden des Völkermordes sprach Siegfried Heilig, der elf Angehörige in Auschwitz verloren hat. Als Vertreterin des Europäischen Parlamentes war Soraya Post anwesend, die sich als Roma-Abgeordnete maßgeblich für die Entscheidung des Parlaments einsetzte, den 2. August

zum europäischen Gedenktag zu erklären. Soraya Post stellte in ihrer Rede fest, dass es bis heute Regierungen in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gebe, die selbst rassistische Positionen gegenüber Roma – ihren eigenen Bürgern – einnähmen. Romani Rose übte in seiner Rede deutliche Kritik an Politikern in Deutschland und in Europa, die, anstatt sich für den Schutz von Minderheiten einzusetzen, vielmehr die Fehler der Vergangenheit wiederholten, indem sie selbst versuchten, rechtsextreme Positionen zu übernehmen, um Wahlkampfpropaganda auf dem Rücken der Roma zu betreiben. „Gerade in Wahlkampfzeiten werden Roma zu Zielscheiben rechtsextremer Hetze gemacht, und oftmals auch zu Objekten eines rassistischen staatlichen Handelns.“ Immer wieder werden in einer Vielzahl von Ländern in Europa auf staatlichen Druck Familien aus ihren Häusern vertrieben, wie beispielsweise in Garmen, Bulgarien, wo die Stadtverwaltung über 120 Häuser von Roma abreißen lassen wollte, ohne anderweitig angemessene Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. „Hier werden von staatlicher Seite systematisch Konflikte geschürt, bei denen Roma immer wieder zu

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Die Delegation betritt das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau | © Behar Heinemann

Sündenböcken gemacht werden, um rechtsextreme Positionen auf populistische Weise zu besetzen. Es sind längst nicht mehr allein die Rechtsradikalen – der Rassismus ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und das ist die wirkliche und akute Gefahr“, so Rose. Rose erinnerte in seiner Rede auch an den im April 2015 verstorbenen ehemaligen Außenminister Polens, Władysław Bartoszewski, den er als großen Europäer würdigt. Bartoszewski war selbst in Auschwitz inhaftiert gewesen. „Wir haben Władysław Bartoszewski sehr viel zu danken: für das Gedenken an die Opfer der Sinti und Roma im Museum Auschwitz, für die Erinnerung an die Verbrechen, vor allen Dingen aber für die immer lebhaften Diskussionen, sei es um die polnisch-deutschen Beziehungen, sei es um Fragen der Literatur und der Geschichte.“ Die Delegationsteilnehmerin Behar Heinemann war von den Reden und den persönlichen Gesprächen mit den Überlebenden ergriffen und fasste ihre Eindrücke mit folgenden Worten zusammen: „Sie alle – Siegfried Heilig, Romani Rose und Soraya Post, aber auch alle anderen, die sich in

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Die internationale Delegation hält vor der „Schwarzen Wand“ inne | © Behar Heinemann

diesem Sinne geäußert haben und sich mit ihrem Lebenswerk dafür einsetzen – haben recht in der Botschaft, die sie an diesen vier Tagen des Gedenkens ausgesprochen haben: Dass es an uns ist, an der jungen Generation, das Andenken zu pflegen, die Mission aufzugreifen, das begonnene Werk fortzusetzen, nicht nachzulassen in dem Bemühen, mit Begeisterung und Zuversicht an der Gestaltung einer besseren und gerechteren Zukunft mitzuwirken, auf dass auch wir mit Anstand vor die uns nachfolgenden Generationen treten können.“


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❚ Medientagung: „Bilder von Sinti und Roma in Film und Fernsehen“

Podiumsdiskussion auf der Medientagung in der Berliner Repräsentanz | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Von Ruhan Karakul

Bis heute sind stereotype Darstellungen von Sinti und Roma in deutschen Medien präsent. Eine Sensibilisierung für dieses Themengebiet ist noch immer kaum vorhanden, stattdessen werden häufig unreflektiert traditionelle Stereotype und Vorurteile wiedergegeben. Wo dies nicht in offener Form geschieht, kommen verschiedene mediale Mechanismen zum Tragen, die einer Ethnisierung der sozialen Situation bei Angehörigen der Minderheit Vorschub leisten. Eine vom Zentralrat und Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma organisierte Medientagung am 17. Dezember 2015 befasste sich mit den Bildern von Sinti und Roma in Film und Fernsehen. Neben der stigmatisierenden Berichterstattung, wurden auch positive Produktionen vorgestellt, die mittels einer fairen und vorurteilsfreien Darstellung zu einer Sensibilisierung in der Gesellschaft ihren Beitrag leisten.

Markus End (Politikwissenschaftler), Elmar Theveßen (stellvertretender Chefredakteur beim ZDF) und Dr. Christoph Bungartz (Leiter des Programmbereichs Kultur und Dokumentation/Magazine beim NDR) konkretisierten die Streitfragen und die journalistischen Herausforderungen. In der anschließenden Podiumsdiskussion, bei der auch Spiegel TV-Chefredakteur Steffen Haug und der auf Medienrecht spezialisierte Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz ihre Stellungnahmen abgaben, waren verschiedene Positionen vertreten. Das Ziel der Tagung, durch beispielhafte bildliche Darstellungen und kontroverse Diskussionen ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, wurde erreicht.

Eröffnet wurde die Tagung mit den Grußworten von Romani Rose und Christine Lüders, der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Fachvorträge von

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Antiziganismus

❚ Sinti und Roma – Sündenböcke in Zeiten der Krise Von Gheorghe Petru

„Wenn die Gesellschaft leidet, dann braucht sie jemanden, dem sie die Schuld zuschreiben und an dem sie für alle Enttäuschungen Rache nehmen kann; und diejenigen, die von der Öffentlichkeit missbilligt werden, werden als natürliche Träger dieser Rolle ausgewählt. Es sind die Außenseiter, die als Sündenböcke dienen.“ Übersetzt aus dem Englischen, Emile Durkheim, 18991

“When society suffers, it needs someone to blame, someone upon whom to avenge itself for its disappointments; and those persons whom opinion already disfavours are naturally singled out for this role. It is the pariahs who serve as expiatory victims.” Emile Durkheim, 1899 2

In Zeiten von sozialen und wirtschaftlichen Krisen treten Populismus und nationalistisches Gedankengut immer öfter auf. Der bisherige Status quo ist verloren gegangen, in 1

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immer mehr europäischen Staaten kommt es zum Abbau des Sozialstaats – auf den zunehmenden Druck der Leistungsgesellschaft und den Verlust der Zukunftssicherheit reagiert die Bevölkerung mit Frustration und Angst. Dieses Unvermögen, die Situation selbständig verändern zu können, kann in Gewalt gegenüber den Schwächeren, Migranten, Flüchtlingen und Minderheiten ausarten. Wie der Soziologe Pierre Birnbaum3 schreibt, besitzt dieses Suchen nach Sündenböcken eine bestimmte soziale Funktion – es erzeugt die Illusion von Solidarität und Handlung. So wie der frühere Umgang mit den Minderheiten der Juden und Sinti und Roma, dient die heutige entwürdigende Behandlung der Sinti und Roma in vielen Ländern Europas als ein Sozialbarometer. Mit 12 Millionen Mitgliedern stellen Sinti und Roma die größte und meist verstreute Minderheit in Europa dar. In vielen europäischen Ländern erleiden sie schwere soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung und besitzen kaum politische Entscheidungsmacht. Das Trauma des Völkermords hat bei vielen Roma einen tiefen Eindruck von Angst und Unsicherheit hinterlassen. In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses enorme

Durkheim, Emile.1988. Anti-Semitism and Social Crisis. Malden, USA: Blackwell Publishing Inc. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9558.2008.00331_2.x/abstract (letzter Aufruf: 27.02.2016). Durkheim, Emile.1988. Anti-Semitism and Social Crisis. Malden, USA: Blackwell Publishing Inc. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9558.2008.00331_2.x/abstract (letzter Aufruf: 27.02.2016). Birnbaum, Pierre. 2000. Jewish Destinies: Citizenship, State, and Community in Modern France. New York: Hill and Wang.

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Verbrechen, das an ihnen begangen wurde, öffentlich nicht diskutiert. Obwohl sich die Situation dank des unermüdlichen Einsatzes sowohl der Bürgerrechtsbewegung in Deutschland, als auch anderer Organisationen in Europa zum Teil verbessert hat, erlangten die nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber der Minderheit nicht überall in Europa öffentliche Aufmerksamkeit. Das Misstrauen und die Vorurteile einiger Staaten gegenüber der Minderheit setzen sich bis zum heutigen Tag fort. Der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn würde diese Vorurteile womöglich als Paradigma bezeichnen. Die Werte und Wahrnehmungen einer Gesellschaft verändern sich im Lauf der Zeit und der Geschichte. Das alte Paradigma, welches durch den Nationalsozialismus definiert war, darf in der europäischen Nachkriegsgesellschaft keine Gültigkeit besitzen. Ein neues Paradigma hat die Entstehung einer anderen Weltsicht, die die alte entkräftet, zur Folge: Wie Kuhn erklärte, sehen ihre Vertreter „andere Dinge, wenn sie von der gleichen Stelle in die gleiche Richtung schauen“4, als die Verfechter des vorherigen Paradigmas. Gesellschaften und Politiker der heutigen Zeit befassen sich mit der Grundfrage der Menschenrechte. Gemäß der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 5, bildet „die Anerkennung 4 5 6

der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.“ Der Schutz und die Aufrechterhaltung dieser grundlegenden Menschenrechte aller Bürger unterliegen der Verantwortung des Staates und der Politik. Mithin ist die Bekämpfung von im Werden begriffenen rassistischen und nationalistischen Haltungen, und der ihnen innewohnenden menschenfeindlichen Taten, mit der Wahrung der Menschenrechte und dem Erhalt der Demokratie gleichzusetzen.

Antiziganismus in Europa

„Am Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung im Judentum, machte der Hohepriester die Sünden des Volkes Israel bekannt und übertrug sie durch Handauflegen symbolisch auf einen Ziegenbock. Mit dem Vertreiben des Bocks in die Wüste wurden diese Sünden mitverjagt.“ 6

Die Diskriminierung gegenüber der Minderheit hat ihre Wurzel im Antiziganismus. Wie beim Antisemitismus, handelt es sich hierbei um auf Angst und Frustration

Kuhn, Thomas. 1962/1970a. The Structure of Scientific Revolutions. Chicago: University of Chicago Press. „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.“ United Nations. http:// www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger (letzter Aufruf: 22.03.2016). „Sündenbock.“ Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCndenbock (letzter Aufruf: 27.02.2016).

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basierende, mehrheitsgesellschaftliche Projektionen und Kollektivgeistesverfassungen. Rassismus ist auf mehreren Ebenen der gegenwärtigen Europäischen Gesellschaft maßgebend – auf den Straßen kann man ihm ins Gesicht blicken, in den Medien ist er präsent, ohne Weiteres ist er in Behörden anzutreffen und manchmal auch bei Regierungsvertretern zu beobachten. Er ist das Erbe des Nationalsozialismus, das die Minderheit zu überwinden erstrebt. Seit dem Ende des Kommunismus in der ehemaligen Sowjetunion und dem Fall des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), werden die Belange der Roma als dringendste Prioritäten in den Bereichen der Menschenrechte und der sozialen Integration innerhalb Europas betrachtet. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) richtet ihre Aufmerksamkeit derzeit auf die Bekämpfung der Hassreden gegen Minderheiten7, auch aufgrund der dem sozialen Zusammenhalt dadurch zugefügten Schäden. Im Laufe der Erweiterung der Europäischen Union ist die Situation der Sinti und Roma immer wieder als ein Bereich 7

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hervorgehoben worden, der für die neuen Mitgliedstaaten ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit rücken sollte. Dem ging die Erkenntnis voran, dass in vielen EU-Beitrittsund Kandidatenländern die Situation der Roma eine Frage im Rahmen der so genannten „Kopenhagener Kriterien“ aufwarf, welche die politischen Kriterien für den vollständigen Beitritt in die EU festlegen und an erster Stelle „institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, Wahrung der Menschenrechte sowie Achtung und Schutz von Minderheiten“8 fordern. Die Europäische Kommission hat festgestellt, dass Sinti und Roma von fast allen der 14 Barrieren, die die soziale und berufliche Integration für Angehörige von ethnischen Minderheiten erschweren können 9, beeinträchtig werden. So sind vor allem Roma in Ost- und Südosteuropa von folgenden Barrieren betroffen: – oftmals fehlender Zugang zur allgemeinen und beruflichen Bildung – keine Anerkennung von Fähigkeiten und Qualifikationen – Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt

2016. “States should sanction the use of hate speech, while safeguarding freedom of expression, says Council of Europe anti-racism commission.” Council of Europe. http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/ecri/Library/PressReleases/212_2016_03_21_GPR15_en.asp (letzter Aufruf: 23.03.2016). „Beitrittskrigerien (Kopenhagener Kriterien).“ EUR-Lex. http://eur-lex.europa.eu/summary/glossary/accession_criteria_copenhague.html?locale=de (letzter Aufruf: 22.03.2016). 2007. „Fact Sheet 36: Report on the High Level Advisory Group of Experts on the Social Integration of Ethnic Minorities and their Full Participation on the Labour Market.” European Commission. http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/social_integration_ethnicminorities_en.pdf (letzter Aufruf: 17.03.2016).

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– stereotype Vorstellungen, Vorurteile und negative Einstellungen – fehlender Zugang zu Berufen – fehlender Zugang zur Bürgerschaft – fehlende Integrationspolitik – Mangel an Informationen – industrieller Wandel – Diskriminierung – Schwarzarbeit Des Weiteren wurde in den letzten Jahren ein Anstieg an Vorfällen rassistisch motivierter Gewalt gegen die Minderheit verzeichnet. Den Höhepunkt dieser Ressentiments stellen die Morde von 2008 und 2009 dar, als Rechtsextremisten sechs Roma, einschließlich eines Kindes, in Ungarn ermordeten. Obwohl die Täter zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, nehmen die Ressentiments in Ungarn überhand: 2013 rief ein Politiker die Gesellschaft öffentlich zum Völkermord10 an den Roma auf. 2015 stellte das Political Capital Institute in Budapest fest, dass 29 % der Ungarn der Meinung sind, Gewalt gegenüber Sinti und Roma sei gerechtfertigt.11 Der EUobserver berief 10

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sich auf Berichte von Amnesty International, als er 2014 erklärte, dass Hassverbrechen und andere pogromähnliche Gewaltakte in vielen Staaten Europas stattfinden.12 Alle oben genannten Faktoren wirken sich nachteilig auf die Identitätsbildung der Roma aus und beeinträchtigen den möglichen Zugang zu angemessenem Wohnraum, Bildung, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung, mit dem Ergebnis, dass Angehörige der Minderheit auf allen Ebenen an der gesellschaftlichen Teilhabe gehindert werden. Die sozialen und wirtschaftlichen Faktoren erhöhen die Kommunikationsbarrieren zwischen der Regierung und der Nicht-Roma-Bevölkerung auf der einen Seite und der Roma-Bevölkerung auf der anderen. Die Situation wird durch die wirtschaftliche und soziale Krise massiv verschlechtert. Obwohl Sinti und Roma in verschiedenen Ländern leben, teilen sie oft die Erfahrung von Armut, Diskriminierung und Ausgrenzung – und der Unwahrscheinlichkeit, den Teufelskreis auf eigene Faust durchbrechen zu können.

2013. „Fidesz-Hassprediger Zsolt Bayer: Roma sind Tiere.“ Pusztaranger, 6. Januar. https://pusztaranger.wordpress.com/2013/01/06/fidesz-hassprediger-zsolt-bayer-roma-sind-tiere/ (letzter Aufruf: 27.02.2016). 2015. „Political violence on thie rise in Hungary says Péter Krekó.” The Budapest Beacon, 8. November. http://budapestbeacon.com/public-policy/political-violence-on-the-rise-in-hungary-says-peter-kreko/29046 (letzter Aufruf: 27.02.2016). 2014. „Violence against Roma on the rise, says Amnesty.” EUobserver, 8 April. https://euobserver.com/justice/123780 (letzter Aufruf: 17.03.2016).

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Erhalt demokratischer Werte

„… die Regierung trägt Verantwortung dafür, die Volksmassen über die von ihnen begangenen Fehler aufzuklären und es zu vermeiden, selbst den Anschein zu erwecken, sie würde Verbündete in der Partei der Intoleranz suchen.“ Übersetzt aus dem Englischen, Durkheim 1899 13

“… that the government take responsibility for enlightening the masses about the error in which they are kept and avoid even the appearance of looking for allies in the party of intolerance.” Durkheim 1899 14

EU-Institutionen legen regelmäßig einen Bericht vor, demzufolge sich die Situation der Sinti und Roma weiter ver13

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schlechtert, weil der Rassismus und die Diskriminierung, denen sie ausgesetzt sind, ansteigt. Wahlkämpfe der letzten Jahre in Italien und Frankreich illustrieren dies besonders: Berlusconi baute seinen Wahlkampf 2008 direkt auf der Fremdenfeindlichkeit gegenüber den Sinti und Roma auf 15, während Sarkozy die erzwungene Umsiedlung und Abschiebung von Tausenden von Roma, die auch unter Präsident Hollande andauert16, aufgrund ihrer mutmaßlichen Kriminalität17 veranlasste.18 In Deutschland werben rechtsextreme Parteien im Wahlkampf mit antiziganistischen Wahlslogans. Beispiele rassistischen und fremdenfeindlichen Verhaltens liegen außerdem aus dem noch jungen Jahr 2016 vor: Als lokale Behörden ein Roma-Dorf in Russland von der Gasversorgung abschnitten und die Bewohner aus Verzweiflung das Gas anzapften, gingen 400 mit

Durkheim, Emile. 1899. Anti-Semitism and Social Crisis. Malden, USA: Blackwell Publishing Inc. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9558.2008.00331_2.x/abstract (letzter Aufruf: 27.02.2016). Durkheim, Emile. 1899. Anti-Semitism and Social Crisis. Malden, USA: Blackwell Publishing Inc. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9558.2008.00331_2.x/abstract (last accessed on 27.02.2016). Maccanico, Yasha. 2009. „Italy – Institutionalising discrimination” Statewatch Bulletin Vol 18 (2). http://www.statewatch.org/news/2008/nov/05italy-institutionalising-discrimination.htm (letzter Aufruf: 27.02.2016). 2012. „Roma Evictions: Francois Hollande, This Policy is Harmful and Ineffective. ERRC, 13. August. http://www.errc.org/article/roma-evictions-fran%C3%A7ois-hollande-this-policy-is-harmful-and-ineffective/4036 (letzter Aufruf: 27.02.2016). 2016. „The ERRC calls on Paris public authorities to halt unlawful evictions immediately.“ ERRC, 5. Februar. http://www.errc.org/article/ the-european-roma-rights-centre-calls-on-paris-public-authorities-to-halt-unlawful-evictions-immediately/4447 (letzter Aufruf: 27.02.2016). 2010. „Spotlight on France: Targeted Evictions and Deportations of Roma.“ ERRC, 19. August. http://www.errc.org/article/spotlight-on-france-targeted-evictions-and-deportations-of-roma/3619 (letzter Aufruf: 27.02.2016).


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Schlagstöcken und Schildern ausgerüstete Polizisten gegen die Bevölkerung vor.19 In Madrid verhöhnten Anhänger des Fußballvereins PSV Eindhoven mehrere BettlerInnen rumänischer Herkunft.20 Das Europa der Gegenwart befindet sich am Rande eines Abgrunds, denn viele Bürger suchen nach Sündenböcken, die sie für die soziale und wirtschaftliche Krise zur Verantwortung ziehen können. Die EU muss die Warnung der Geschichte des 20. Jahrhunderts ernst nehmen. Wie die Bürgerrechtsbewegung in Deutschland beweist, ist es mit Hilfe des politischen Rückhalts möglich, die Bevölkerung für die Lebenswirklichkeit der Minderheit zu sensibilisieren. Der Bewegung gelang es, die Sichtweise der Bevölkerung zum Guten zu verändern und die kulturellen Beiträge der Minderheit hervorzuheben. Leider ist eine solche Bewegung ein einmaliges Phänomen in der europäischen Sinti und Roma-Gemeinschaft – es besteht aufgrund der historischen Erfahrung ein starkes Misstrauen gegenüber staatlichen

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Behörden. Die EU hat erste Schritte unternommen und Programme ins Leben gerufen, die Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Im Weiteren ist es maßgeblich, Vertrauen aufzubauen und diejenigen zu unterstützen, die einen direkten Kontakt zwischen den Behörden und der Gemeinschaft ermöglichen. Einen solchen Ansprechpartner stellt der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma dar. „Politiker, religiöse Oberhäupter und Regierungsvertreter haben eine entscheidende Aufgabe – sie sollen nicht nur vermeiden, Hassreden in den öffentlichen Diskurs einzubringen, sondern diesen auch proaktiv in ihren öffentlichen Aussagen entgegenwirken.“ Übersetzt aus dem Englischen, Christian Ahlung, ECRI 21

“Politicians, religious and community leaders have a crucial role to play – not only should they avoid using hate speech in public discourse, but they should also pro-actively counter it in their public statements.” Christian Ahlung, Chair of the ECRI 22

2016. 400 Russian Police Clash With Roma Residents in Tula over Gas Siphoning.” TheInterpreter, 17. März. http://www.interpretermag.com/russia-update-march-17-2016/ (letzter Aufruf: 21.03.2016). 2016. PSV-Fans demütigen Bettler – widerliche Szenen vor Champions-League-Spiel in Madrid. Focus Online, 16. März. http://www.focus.de/sport/ videos/psv-fans-demuetigen-bettler-widerliche-szenen-vor-champions-league-spiel-in-madrid_id_5362575.html (letzter Aufruf: 21.03.2016). 2016. “States should sanction the use of hate speech, while safeguarding freedom of expression, says Council of Europe anti-racism commission.” Council of Europe. http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/ecri/Library/PressReleases/212_2016_03_21_GPR15_en.asp (letzter Aufruf: 23.03.2016). 2016. “States should sanction the use of hate speech, while safeguarding freedom of expression, says Council of Europe anti-racism commission.” Council of Europe. http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/ecri/Library/PressReleases/212_2016_03_21_GPR15_en.asp (last accessed on 23.03.2016).

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Antiziganismus | Newess 2016

Laut Kuhn werden alte Paradigmen durch neue Paradigmen nicht unverzüglich verdrängt und ersetzt, der Paradigmenwechsel benötigt eine gewisse Zeit – dies veranschaulichen auch die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Es existiert kein kontinuierlicher Veränderungsprozess, der langsam, aber unausweichlich seinen Lauf nimmt – stattdessen wandelt sich die Situation abrupt aufgrund eines historischen oder politischen Ereignisses. Die Gesellschaft muss sich in der Folge an die neue Situation anpassen. Es ist daher von großer Bedeutung, dass die Politik und die Regierung das soziale Ungleichgewicht ausbalancieren und einen gleichwertigen Zugang zu Ressourcen gewährleisten – für alle Teile der Gesellschaft, aber besonders für die Schwächeren. Dies ist nur durch einen langen, aus mehreren Schritten bestehenden Prozess zu erreichen. In einem ersten Schritt muss die steigende Diskriminierung gegen Sinti und Roma gesetzlich und politisch unterbunden werden.

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(ebenda).

Diesen ersten Schritt ist die ECRI im Frühjahr 2016 23 gegangen, in dem sie die Mitgliedstaaten der EU dazu aufrief, ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Es wurde empfohlen, sich selbst zu regulieren und Institutionen, die Hassreden verbreiten, gegebenenfalls die finanzielle und politische Unterstützung zu entziehen. Auf diese Weise würden die Konsequenzen für Missbrauch und die Verletzung der Menschenrechte ins Bewusstsein gerufen. Außerdem würde durch die Ächtung solcher Personen und Institutionen an das gesellschaftliche Gewissen, insbesondere im Hinblick auf den NS-Völkermord, appelliert und die Zivilgesellschaft darin bestärkt werden, sich für die Wahrung der Menschenrechte und den Erhalt demokratischer Werte einzusetzen.


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❚ Die Verwandlung einer Phantasie vom „Zigeuner“ in ein ethnographisches Dokument Untersuchung des jugoslawischen Films Ich traf sogar glückliche Zigeuner (1967) von Aleksandar Petrovic´ Von Radmila Mladenova

In ihrer Masterarbeit Über Zigeuner-Repräsentationen in Literatur und Film, die 2014 für hervorragende Forschungsleistungen durch die Stiftung Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Mannheimer Universität ausgezeichnet wurde, versucht Radmila Mladenova anhand des Films „Ich traf sogar glückliche Zigeuner“offenzulegen, wie die Wahrheit über „Zigeuner“ hergestellt wird, aus welchen Komponenten sie besteht und wer von dieser Wahrheit profitiert.

Was ist das Besondere an diesem Film? Heutzutage gilt Petrovic´s Film als Klassiker der südosteuropäischen Filmgeschichte und wurde z.B. in einem Artikel in der FAZ vom 3. April 2013 als „die erfolgreichste Filmproduktion Jugoslawiens“ erwähnt. In der Tat, im ersten Jahr brach der Film alle Kassenrekorde in Jugoslawien und erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, unter anderen

den Grand Prix des Filmfestivals von Cannes (1967) sowie Oscar und Golden Globe Nominierungen (1968). Über Jahre hinweg hielt er den Rekord für den populärsten Film in Jugoslawien und wurde in mehr als 100 Länder verkauft. Wer hat die Definitionsmacht? Der serbische Regisseur Petrovic´ war nicht nur für die Filmregie zuständig, sondern auch für das Drehbuch, für die Rollenbesetzung und für die Auswahl an „authentischen“ Charakteren, Orten und Artefakten. Die Dialoge unter den „Zigeunern“ im Film wurden aus dem Drehbuch zusätzlich für die Schauspieler in Romanes übersetzt. Das Ergebnis ist ein Autoren-Film, der gleichzeitig überwiegend als „wahrhaft“, „ethnographisch“ oder „dokumentarisch“ wahrgenommen und zelebriert wird. Merkwürdigerweise wurden aber drei der vier Hauptrollen von Nicht-Roma Schauspielern gespielt: dem Kosovo-Albaner Bekim Fehmiu und den Serben Olivera Vucˇo und Bata Živojinovic´. Nach den Dreharbeiten machten nur diese Menschen einen großen Karrieresprung: Bekim Fehmiu wurde nach Hollywood eingeladen und dadurch zum ersten osteuropäischen Schauspieler, der den Eisernen Vorhang überwand; Olivera Vucˇo und Bata Živojinovic´ wurden zu großen Stars in Jugoslawien. Petrovic´ selbst wurde zum „europäischen Regisseur“ erklärt. Gordana Jovanovic´ aber, die einzige Romni unter den Hauptprotagonisten, verschwand wieder von der Kinoszene, wie auch alle andere Roma, die als „authentische“ Requisite eingesetzt worden waren.

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Petrovic´s Film ähnelt einer rassistischen blackface minstrel show, bei der weiße Schauspieler auf stereotype Art und Weise Schwarze imitierten Quelle: Wikimedia Commons

Inhalt Die Geschichte des Films, die den Ideen des Regisseurs entsprang und die mit Hilfe der Kamera wie ein Abdruck der Realität wirkt, stellt ein Kompendium abweichenden Verhaltens dar: gröbste Armut, durchgehend Schmutz, Übermut jenseits der menschlichen Begriffsmöglichkeiten, sexuelle Promiskuität, Kinderheirat, Heirat außerhalb der Kirche, häusliche Gewalt und Mordtaten, Analphabetismus, Mangel an persönlicher Unabhängigkeit, Bettelei, Körperbehinderungen, schwankende Arbeitsmoral, unübersichtliche Geschäfte, übermäßige Trunkenheit, exzessives Glücksspielen, Mißachtung der Behörden. Als interpretativen Rahmen setzt Petrovic´ am Anfang des Films ein Zitat aus der biblischen Geschichte ein: „Es war aber daselbst eine große Herde Säue auf der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen und fuhren in die Säue. Und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.“

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Blackface minstrel show Die „Zigeuner“-Gestalt, die im Film hergestellt wird, ist die andere Seite, die lichtlose Gestalt des weißen Europäers. Das Herstellungsmuster von Petrovic´s Film ähnelt mehr einer blackface minstrel show, d.h. einer rassistischen Maskerade, als einer Dokumentation. Die Hauptfunktion von Petrovic´s filmischer Maskerade ist es, eine Hierarchie zwischen Menschen aufgrund ihre Hautfarbe zu legitimieren.

Radmila Mladenova forscht derzeit an der Universität Heidelberg zur Konstruktion des „Zigeuners“ im Film. Der erste Teil ihrer Masterarbeit „Über Zigeuner-Repräsentationen in Literatur und Film“ ist erschienen in: Antiziganism. What’s in a Word? Herausgeber: Jan Selling, Markus End, Hristo Kyuchukov, Pia Laskar und Bill Templer. Cambridge Scholars Publishing, 2015. Der zweite Teil erscheint 2016 in Romani Studies, Herausgeber: Yaron Matras, Liverpool University Press.


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Revue

❚ Unsere Highlights des vergangenen Jahres Marius Banica Quartett | © Dokumentations- und Kulturzentrum

❚ Marius Banica Quartett Den Auftakt der Veranstaltungen des Jahres 2015 bildete am 28. Februar der rumänische Violinist Marius Banica mit seinem Quartett. Banica wurde als Sohn einer berühmten Musikerfamilie geboren und spielt bereits seit seinem sechsten Lebensjahr Geige. Sein Können stellt er auch in Riccardo M. Sahitis Roma und Sinti Philharmonie unter Beweis. Neben den hauptsächlich klassischen Stücken gaben die Musiker auch Filmmelodien zum Besten. Das Publikum dankte den Musikern mit begeistertem Beifall.

❚ Neuer rechter Kulturkampf und Rassismus in der Mitte Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus hielt der Sozialwissenschaftler Alexander Häusler einen Vortrag über den neuen rechten Kulturkampf und Rassismus in der Mitte. Vor dem zahlreich erschienenen Publikum stellte Häusler die jüngeren Entwicklungen um Pegida und Co. in einen gesamtgesellschaftlichen und historischen Kontext und zeigte, wie es zu diesen Entwicklungen kommen konnte.

❚ Hitlers Rache – Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer Am 12. März 2015 stellte Friedrich-Wilhelm von Hase sein Buch „Hitlers Rache – Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer“ vor. Von Hase erzählte die bewegende Geschichte seiner Familie. Sein Vater, Paul von Hase, gehörte der Gruppe junger Wehrmachtssoldaten um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an, der am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler misslang. Bei seinem Vortrag gab er dem Publikum einen Einblick in die Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus und die Zeit danach, darüber hinaus gab er seine persönliche Geschichte preis.

❚ Konzert der Roma und Sinti Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo M. Sahiti Am Internationalen Tag der Roma spielten die Roma und Sinti Philharmoniker unter der Leitung Riccardo M. Sahitis im Rahmen des Heidelberger Frühlings in der Stadthalle in Heidelberg. Die Philharmoniker begeisterten das Publikum mit einem breit gefächerten Repertoire, das Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, unter anderem Stücke von Brahms, Liszt und John Williams umfasste. Bereits einen Tag zuvor, am 7. April 2015, gaben die Musiker im Bürgerhaus bei einem kleinen Konzert auf dem Berg im Emmertsgrund einen Teil des Repertoires ihres großen Konzerts zum Besten.

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Eszter Hajdú | © Dokumentations- und Kulturzentrum

❚ Baschrass: Lesung und Konzert von Dotschy Reinhardt Im Rahmen des in Kooperation mit dem Karlstorbahnhof veranstalteten Baschrass Festivals 2015 war die Musikerin und Autorin Dotschy Reinhardt gleich zwei Mal in Heidelberg zu sehen. Bei ihrem Auftritt im Dokumentations- und Kulturzentrum am 7. Mai 2015 las sie Passagen aus „Everybody’s Gypsy“ vor und begeisterte im Anschluss das Publikum mit einem Akustik-Set. Mit ihrem Set gab sie einen kleinen Vorgeschmack auf ihr Konzert, das sie am darauffolgenden Abend im Karlstorbahnhof gab. ❚ Vorstellung aktueller Publikationen aus dem Bereich Antirassismus Am 11. Juni 2015 wurden in unserem Haus gleich drei neue Werke zum Thema Antiziganismus vorgestellt. In kurzen Präsentationen stellten die AutorInnen Markus End, Karola Fings, Radmila Mladenovic und Benedikt Wolf die Publikationen und ihre darin veröffentlichten Beiträge vor. Bei den Publikationen handelte es sich um den vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

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V.l.n.r.: Radmila Mladenova, Karola Fings, Benedikt Wolf, Markus End | © Dokumentations- und Kulturzentrum

herausgegebenen Band „Antiziganismus – Soziale und historische Dimension von ‚Zigeuner’-Stereotypen“, den von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Band „Sinti und Roma – Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation“ und den Tagungsband „Antiziganism – What’s in a Word“. Im Anschluss an die Vorstellungen der wissenschaftlichen Beiträge fand eine rege Diskussion zwischen ReferentInnen und Publikum statt. ❚ Gibsy – Rukeli Trollmanns Kampf ums Leben Das Doku-Drama „Gibsy“ behandelt die Geschichte des Boxers Rukeli Trollmann, der im Jahr 1933 die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht gewann, seinen Titel jedoch eine Woche später wieder aberkannt bekam, weil er Sinto und damit für das NS-Regime „Zigeuner“ war. Sein Protest gegen die NS-Politik hatte für ihn schwerwiegende Folgen. Regisseur Eike Besuden war bei der Filmvorführung am 18. Juni 2015 selbst anwesend und gab einige einleitende Worte zu seinem Werk. Im Anschluss an die Vorführung entwickelte sich zwischen Publikum und Regisseur eine angeregte Diskussion.


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Dotschy Reinhardt | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Hans Seeger | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Saimir Mile, Raymond Gureme und Pierre Chopinaud – Antiziganismus in Frankreich | © Dokumentations- und Kulturzentrum

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Revue | Newess 2016

❚ Fundstücke: Entwurzelt im eigenen Land: Deutsche Sinti und Roma nach 1945 Am 30. Juni 2015 wurde das Buch „Entwurzelt im eigenen Land: Deutsche Sinti und Roma nach 1945“ in unserem Haus vorgestellt. Das Buch, die zweite Ausgabe der„Fundstücke“Reihe, beschäftigt sich mit deutschen Sinti und Roma, die als Überlebende des NS-Genozids nach 1945 versuchten, sich im eigenen Land ein neues Leben aufzubauen, oder zu emigrieren. Susanne Urban vom International Tracing Service (ITS) und Markus Roth von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur führten in den Abend ein und Dr. Silvio Peritore referierte über die Nachkriegsgeschichte der deutschen Sinti und Roma. ❚ Zeitzeugengespräch mit dem Holocaustüberlebenden Hans Seeger Am Internationalen Gedenktag des Völkermordes an den Sinti und Roma am 2. August 2015 organisierte das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit dem Verein Amaro Foro e.V. ein Zeitzeugengespräch mit dem Holocaustüberlebenden Hans „Jajo“ Seeger. Vor zahlreichen, hauptsächlich jungen ZuhörerInnen berichtete er über das Schicksal seiner Familie. Hans Seegers Vortrag gab einen Einblick in die individuelle Verfolgungserfahrung und beeindruckte das Publikum zutiefst. ❚ Christiano Gitano Der junge Musiker Christiano Gitano stellte bei seinem Konzert am 19. September 2015 im Dokumentations- und

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Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma mit seinem Trio (Gitarre, Bass, Percussion) sein von lateinamerikanischer Musik, Flamenco und Jazz beeinflusstes Debutalbum „Ab o Drom“ vor. Seit seinem siebten Lebensjahr spielt der junge Musiker Gitarre. Mit dieser Hingabe begeisterte er auch das Publikum in unserem Haus. ❚ Solidaritätskonzert und Spielzeugsammlung für Flüchtlingskinder In Kooperation mit der Heidelberger Band SomeSwing veranstaltete das Dokumentations- und KulturzentrumDeutscher Sinti und Roma am 26. September 2015 ein Solidaritätskonzert für geflüchtete Kinder in Heidelberg. Während des Auftrittes der Band wurden Sachspenden wie Teddybären, Puppen und Spielzeug, aber auch saubere Kinderkleidung entgegengenommen. Diese wurden von der Caritas den Menschen in der Flüchtlingsnotunterkunft im Patrick-Henry-Village in Heidelberg zur Verfügung gestellt. ❚ David Rose Quintett Am 24. Oktober 2015 trat im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma das David Rose-Quintett auf. David Rose zählt zu den wichtigsten deutschen Interpreten am Gesangshimmel des Swing. Begleitet wurde David Rose von einem Quartett, bestehend aus internationalen Jazz-Virtuosen, darunter bekannte Namen wie Alexey Wagner (Gitarre), Thibault Falk (Piano), und Lars Gühlcke (Bass).


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Das Quintett begeisterte das Publikum mit Titeln, die das Lebensgefühl der Swing-Ära wieder erweckten. ❚ Antiziganismus in Frankreich Im Rahmen der französischen Woche Heidelberg-Mannheim hielten die drei französischen Roma-Aktivisten Pierre Chopinaud, Raymond Gurême und Saimir Mile am 27. Oktober 2015 einen Vortrag über den Antiziganismus in Frankreich. Der Blick wurde sowohl auf die Vergangenheit, als auch auf die Gegenwart gerichtet. Bereits nachmittags hielten sie einen Vortrag vor den Oberstufenkursen Französisch des Heidelberger Bunsen-Gymnasiums. Die Zuhörer bekamen einen interessanten Einblick in die Erfahrungen der Minderheitsangehörigen in Frankreich, welcher sowohl die persönliche als auch die strukturelle Ebene umfasste. Gerade die Schüler, die vorher noch wenig über das Phänomen Antiziganismus wussten, wurden sensibilisiert. Im Anschluss an den Vortrag ergab sich sowohl bei der Abendveranstaltung, als auch beim Besuch der FranzösischOberstufenkurse eine rege Diskussion. ❚ Ulrich Opfermann: Sinti in der frühen Neuzeit Am 3. November 2015 hielt der Historiker Ulrich Opfermann im Historischen Seminar der Universität Heidelberg einen vom Dokumentations- und Kulturzentrum und dem Fachbereich Minderheitengeschichte der Universität Heidelberg gemeinsam organisierten Vortrag zu den Sinti in der frühen Neuzeit. Vor zahlreich erschienenem Publikum berichtete

Eva Fahidi und Romani Rose | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Opfermann über seine Quellenrecherche und Rechercheergebnisse. Dabei bot er einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der frühneuzeitlichen Sinti im westlichen Mitteleuropa, auf das Verhältnis zur Bevölkerungsmehrheit und zu den staatlichen Instanzen. ❚ Jerome Weiss und Sandro Roy: Gypsy Classic Am 7. November 2015 traten in unserem Haus Jerome Weiss und Sandro Roy mit ihrem Programm „Gypsy Classic“ auf. An Piano und Violine begeisterten die beiden Musiker das Publikum mit ihrer Präsentation klassischer Stücke, sowie Filmmelodien und Jazzstandards. Die beiden Musiker boten dem Publikum ein sehr abwechslungsreiches und kurzweiliges Programm, durch das der Pianist Jerome Weiss mit interessanten und teils sehr persönlichen Ansagen führte. Das Publikum zeigte sich von den beiden Musikern und ihrem großartigen Spiel restlos begeistert und belohnte sie mit Standing Ovations. ❚ Zeitzeuginnengespräch mit Eva Fahidi Am 19. November 2015 führte Romani Rose mit der jüdischen Holocaustüberlebenden Eva Fahidi ein Zeitzeuginnengespräch. Frau Fahidi wurde im Jahr 1925 geboren und wuchs in Ungarn auf. Ihr Traum von einer Karriere

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Revue | Newess 2016

als Pianistin zerschlug sich jäh, als sie von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurde, wo sie ihre ganze Familie verlor. Über ihre Lebensgeschichte schwieg sie sehr lange, bis sie sich vor fünfzehn Jahren entschied, sie zu erzählen. Seitdem setzt sich die Holocaust-Aktivistin gegen das Vergessen der Geschichte ein. Bei ihrem Gespräch mit Romani Rose beeindruckte Frau Fahidi das Publikum mit ihrer Stärke. ❚ Judgment in Hungary Am 15. März 2016 zeigten wir im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus den Film „Judgment in Hungary“ der ungarischen Regisseurin Eszter Hajdú. In den Jahren 2008 und 2009 überfielen im Norden Ungarns Rechtsextreme mehrere Roma-Dörfer und ermordeten dabei sechs Menschen. In einzigartiger Weise dokumentiert „Judgment in Hungary“ den Prozess zu diesen Ereignissen: Die Regisseurin Eszter Hajdú begleitete mit ihrem Kamerateam jede Sitzung des Prozesses gegen die Rechtsextremisten, der zwischen 2011 und 2013 stattfand. Damit waren sie die einzigen, die den Prozess komplett verfolgten. Aus den Aufnahmen des Prozesses entstand eine Dokumentation, ergänzt wurde diese durch Aufnahmen von den Orten, die für den Prozess wichtig waren. Im Anschluss an den Film entstand eine rege Diskussion zwischen der Regisseurin und dem Publikum.

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❚ Entrechtet – verfolgt – vernichtet Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung wurde am 22. März 2016 das Buch „Entrechtet – verfolgt – vernichtet“ vorgestellt. Das Buch nimmt das Schicksal der Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik und politischer Repression in den Blick, welches lange Zeit nicht wahrgenommen wurde. Inzwischen ist die Geschichte der Opfer des NS-Terrors ein wesentlicher Bezugspunkt der Gedenk- und Erinnerungskultur des Landes. Dabei stellt sich mit dem Blick auf die Opfer immer auch die Frage nach den Tätern, menschlichen Verhaltensweisen, staatlichen Zielen und Verfassungsnormen. Der präsentierte Band fasst erstmals für Baden-Württemberg die Geschichte der Opfergruppen des NS-Regimes im Südwesten zusammen. Im Zentrum stehen die Ereignis- und die Rezeptionsgeschichte, jeweils ergänzt um den Blick auf aktuelle Formen der Erinnerung. Bei der Buchvorstellung wurde neben dem Blick auf die Vergangenheit auch auf aktuelle Debatten eingegangen und eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt.


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Ausblick

❚ Dienstag, 1.3.2016 bis Samstag, 16.4.2016 | Ausstellung: NS-Psychiatrie in der Pfalz NS-Psychiatrie in der Pfalz bedeutet: Zwangssterilisation von PatientInnen psychiatrischer Kliniken und BewohnerInnen pfälzischer Dörfer und Städte, staatlich organisierter Krankenmord, Deportation und Ermordung „unerwünschter“ Patientengruppen und Sterben in der Anstalt aufgrund von bewusst herbeigeführter Mangelernährung. Die Veranstaltung soll über die Hintergründe dieser Vorgänge informieren und die Menschen hinter den Opferzahlen zeigen. Schwerpunkt liegt hierbei auf der ehemaligen „Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster“. Weiterhin wird beleuchtet, wie nach 1945 mit diesem Teil der Vergangenheit umgegangen wurde. ❚ Mittwoch, 13.4.2016, 17:00 Uhr | Verleihung des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma Am 13. April 2016 verleihen das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und die Manfred Lautenschläger Stiftung gemeinsam den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma. Die Preisverleihung findet im Europäischen Parlament in Straßburg statt. Der Hauptpreis wird an die Menschenrechtsorganisation Amnesty International für ihren Einsatz für die Minderheit, gerade in Südosteuropa, verliehen. Der Sonderpreis geht an die ungarische Regisseurin Eszter Hajdú, die für ihren Film „Judgment in Hungary“ den Gerichtsprozess gegen vier ungarische Neonazis verfolgte und daraus einen Dokumentarfilm machte, der international Aufmerksamkeit erlangte. ❚ Dienstag, 26.4.2016, 19:30 Uhr | Filmvorführung mit anschließender Diskussion: Valley of Sighs Zwischen 1943 und 1945 wurden 25.000 Roma vom Antonescu-Regime nach Transnistrien deportiert. Die Hälfte davon starb bald danach an Hunger, Unterkühlung oder anderen Gründen. 70 Jahre später erinnern sich einige wenige Überlebende, die damals sehr jung waren, an die schrecklichen Ereignisse und berichten davon. Der Film rekonstruiert so die Reise, Orte und tragischen Erfahrungen der Vergangenheit. Die Geschichten der überlebenden Roma werden durch Mitglieder der ukrainischen Gemeinschaft von Transnistrien ergänzt. So wird ein heute scheinbar triviales Gebiet in einen Ort anthropologischen Wertes, Erinnerungen und Trauer verwandelt. Im Anschluss an die Filmvorführung besteht die Möglichkeit der Diskussion mit dem Regisseur Andrei Crisan. Film auf Englisch mit deutschen Untertiteln

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Publikationen

❚ „Der Bann des Fremden“: eine neue Studie zum „Zigeuner“-Stereotyp in der Fotografie Von Frank Reuter Im Oktober 2014 erschien im Wallstein Verlag die Monografie „Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des ,Zigeuners‘“ unseres wissenschaftlichen Mitarbeiters Frank Reuter. Es ist die erste systematische Untersuchung zum „Zigeuner“-Stereotyp in einem visuellen Leitmedium und damit ein Grundlagenwerk zur Geschichte des Antiziganismus. Im Folgenden gibt der Autor ein kurzes Resümee seines Buches und dessen Zielsetzung.

„Zigeuner“-Stereotypen haben sich gleichermaßen in Hochund Populärkultur eingeprägt. Sie legen sich wie ein Raster über unsere heutige Wahrnehmung, meist ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Eine jahrhundertealte Ikonografie des „Fremden“ macht den „Zigeuner“ zur Projektionsfläche für Überlegenheitsfantasien und Angstbilder, aber auch für erotische und exotische Sehnsüchte. In meinem Buch versuche ich die Tiefenschichten des Sehens von „Zigeunern“ – verstanden als mediales und gesellschaftliches Konstrukt – freizulegen. Mit der Fotografie liegt der Fokus auf einem Schlüsselmedium der Moderne, das die Entwicklung des „Zigeuner“-Bildes seit Mitte des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hat. Ich begreife

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Fotografie dabei weniger als ein Dokumentationsmedium, sondern vielmehr als ein Zuschreibungs- und Markierungsmedium, das unser Welt- und Menschenbild prägt. Dabei geht es auch um die Wechselwirkung der Fotografie mit der Literatur und der bildenden Kunst und den daraus resultierenden Verstärkereffekt. An exemplarischen Bildanalysen werden Markierungsstrategien und Stigmatisierungsmuster untersucht, die dem Konstrukt „Zigeuner“ zugrunde liegen und bis heute wirksam sind. Ebenso werden die politisch-ideologischen und sozialen Kontexte der Fotografien beleuchtet: Unterschiedliche „Zigeuner“-Diskurse haben je eigene Bilderwelten hervorgebracht, die auf ihre spezifischen gesellschaftlichen Funktionen befragt werden. Gezeigt wird, dass die Sicht auf „Zigeuner“ im Medium Fotografie von selektiven und reduktionistischen Wahrnehmungsmustern bestimmt ist, die höchst unterschiedlich instrumentalisiert werden können. Thematischer Schwer- und Ausgangspunkt ist die Rolle der Fotografie beim nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma. Im NS-Staat war rassenanthropologische Fotografie ein wichtiges Instrument für die rassenbiologische Konstruktion des „Zigeuners“ und damit für die Vorbereitung und ideologische Begründung des Genozids an den Sinti und Roma. In der offiziellen NS-Bildpropagande wie in der Amateurfotografie während des Zweiten


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Weltkriegs blieben althergebrachte Codierungen weiterhin wirksam, wurden jedoch in neue rassenideologische Zusammenhänge gerückt. Untersucht werden die unterschiedlichen Funktionen und Wirkungsfelder des Mediums Fotografie im Verfolgungs- und Vernichtungsprozess. In der Fotografie des Nationalsozialismus bündeln und überschneiden sich zentrale Entwicklungsstränge der fotografischen Repräsentation von „Zigeunern“, deren Wurzeln ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Eine Schlüsselrolle spielt neben der anthropologischen und kriminologischen Fotografie die ethnologische Fotografie, die – vermittels populärer Medien wie Bildpostkarten, Bildbänden, illustrierten Reiseberichten oder Magazinen – die Entwicklung des „Zigeuner“-Bildes weit über die eigene Fachdisziplin hinaus beeinflusste. Gegenströmungen zu den dominierenden exotisierenden oder kriminalisierenden Sehweisen sind die Sozialfotografie und die Arbeiterfotografie, deren Vertreter die sozialen und ökonomischen Existenzbedingungen der Abgebildeten thematisieren. Nach 1945 wirkte die ideologische Erblast des Nationalsozialismus im gesellschaftlichen Umgang mit den Sinti und Roma lange Zeit fort. In Bildbänden und in der illustrierten Massenpresse hingegen knüpfte man an das exotischromantische Blickregime des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Ein tiefgreifender Umdenkungsprozess setzte erst zu Beginn der 1980er Jahre ein, als eine neue Generation

sozialdokumentarischer Fotografen die sozialen und mentalen Folgen des Völkermords für die Gemeinschaft der Sinti und Roma zum Thema ihrer Bilder machte und das vorherrschende „Zigeuner“-Konstrukt als eine Form der Verdrängung bloßlegte. Damit wurden die bisherige Art des Sehens von „Zigeunern“ und die Prämissen des eigenen Blicks grundlegend hinterfragt. Eng verwoben ist dieser Prozess mit der sich etablierenden Emanzipationsbewegung der deutschen Sinti und Roma: Erstmals werden Angehörige dieser Minderheit als gesellschaftliche Subjekte mit eigener Stimme und mit eigenem politischen Bewusstsein im Medium Fotografie sichtbar. Reaktionen der Fachwelt

Das Buch wurde von der Fachwelt einhellig positiv aufgenommen. Zahlreiche Rezensionen haben Reuters Studie zwischenzeitlich als ein neues Standardwerk gewürdigt. Im Folgenden sollen beispielhafte Stimmen zitiert werden:

„Reuter hat zweifellos ein wichtiges, kluges und auch betroffen machendes Buch geschrieben, das die LeserInnen geradezu zwingt, eigene Vorstellungen von Roma und Sinti zu hinterfragen.“ Elisabeth Boeckl-Klamper in den „Mitteilungen“ des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (Folge 219, Dezember 2014)

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Publikationen | Newess 2016

In seinem Blog „intellectures“ schreibt der Kulturjournalist Thomas Hummitzsch im März 2015 unter der Überschrift „Fragwürdiger Armutsvoyeurismus“: „Es reicht ein oberflächlicher Blick auf die bundespolitische Debatte um die sogenannte ,Armutsmigration‘, um die Aktualität der fundamentalen und bislang einzigartigen Studie des Heidelberger Wissenschaftlers Frank Reuter vor Augen geführt zu bekommen (…). Nachdem man Frank Reuters preiswürdige Untersuchung von Genese und Pflege der denunziatorischen Imagination des ,Zigeuner‘-Stereotyps gelesen hat, löst der Blick auf diese Diskussion, aber auch auf so manche Bildikone der modernen Fotografie eine umso größere Beklemmung aus.“ Der renommierte Wiener Fotohistoriker Anton Holzer urteilt wie folgt: „Frank Reuter hat eine hervorragende Studie zu Geschichte und Gegenwart der ,Zigeuner‘-Fotografie geschrieben. (…) Ein Werk dieses Umfangs, das den Anspruch hat, eine Geschichte der ,Zigeuner‘-Fotografie von den Anfängen bis heute zu schreiben, ist dazu prädestiniert, ein Referenzwerk für die künftige Forschung zu werden.“ (in: Fotogeschichte, Heft 135, Frühjahr 2015) Die Historikerin und Ethnologin Barbara Danckwortt kommt zu folgender Einschätzung: „Abgesehen von den zahlreichen, meist unbekannten Fotos zur Illustrierung ist besonders die akribische Quellenrecherche in Archiven und Bilddatenbanken im In- und Ausland hervorzuheben. Reuters

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Betrachtungen zur ,Zigeunerfotografie‘ sind somit eine hervorragende Basis für künftige Forschungen. Zudem liefert er einen fundierten Überblick zur Geschichte der Sinti und Roma sowie zu antiziganistischen Vorurteilen. Seine Arbeit ist ein spannendes Pendant zum Standardwerk von Klaus-Michael Bogdal.“ (in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 7/8, 2015) Schließlich schreibt der Medienwissenschaftler Ulrich Hägele auf der Internetplattform H-Soz-Kult im Dezember 2015: „Mit seinem monumentalen Werk ,Der Bann des Fremden‘ ist Frank Reuter der große Wurf gelungen – präzise recherchiert, faktenreich, umfassend und spannend geschrieben. Eine grandiose Studie, die methodologisch und quellentechnisch beispielhaft ist für eine interdisziplinäre Bildwissenschaft; ein Standardwerk, das keine Wünsche offen lässt und für die Visuelle Kulturwissenschaft und darüber hinaus seine Zeichen setzen wird.“


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❚ Tagungsband „Antiziganismus, Soziale und historische Dimensionen von ‚Zigeuner’-Stereotypen“

Der 2015 veröffentlichte Tagungsband dokumentiert die Ergebnisse einer interdisziplinären wissenschaftlichen Fachtagung, die im November 2012 im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg stattfand. Ziel der Fachtagung war es, das Phänomen Antiziganismus hinsichtlich seiner historischen und sozialen Dimension zu untersuchen. Als Antiziganismus wird im Generellen eine spezielle Form des Rassismus gegenüber Menschen verstanden, die als so genannte „Zigeuner“ identifiziert werden. Bei der Fachtagung wurde die Herkunft und Entwicklung des „Antiziganismus“-Begriffs in den Blick genommen und die Diskussion um die Stärken und Schwächen des „Antiziganismus“-Begriffs neu angeregt. Darüber hinaus wurde das Phänomen selbst aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert. Die in diesem Band versammelten Aufsätze fassen die wichtigsten Vorträge der damaligen Tagung nochmals zusammen und stellen einen wissenschaftlichen Beitrag zur aktuellen „Antiziganismusforschung“ dar. Neben dem „Zigeuner“- bzw. „Antiziganismus“-Begriff selbst beschäftigt sich der Band

auch mit der Entwicklung, Funktion und Auswirkungen des Antiziganismus in politischer und sozialer Hinsicht. So finden sich Beiträge zu verschiedenen Formen des Antiziganismus in unterschiedlichen Medien und Bereichen der Gesellschaft, ebenso wie der Blick auf regionale Ausprägungen des Antiziganismus. Der Band reflektiert auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Antiziganismus und „Zigeuner“-Stereotypen in der Vergangenheit. Das Buch ist beim Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg zu beziehen.

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Publikationen | Newess 2016

❚ Sinti in Deutschland – Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation

Romani Rose bei der Buchpräsentation in München. © Oliver von Mengersen

Von Oliver von Mengersen

In Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma haben die Bundeszentrale für politische Bildung und die Bayerische Landeszentrale für politische Bildung die Publikation „Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation“ herausgebracht. Der Band schließt eine wichtige Lücke in der Literatur, die eines handlichen Überblicks über die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Am 8. Juni 2015 stellte Romani Rose gemeinsam mit Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle und dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Thomas Krüger die neue Publikation im München vor. Bei der Präsentation machte Minister Spaenle, selbst Historiker, deutlich: „Sinti und Roma haben viel zu lange zu den vergessenen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gezählt.“ Beispielhaft erinnerte der Minister an das Denkmal für die rund 500.000 ermordeten Sinti und Roma in Berlin, das erst 2012 fertiggestellt wurde. Nur wenige Jahre zuvor, nämlich 2007, hatte sich Bayern mit der „Gemeinsamen Erklärung der Bayerischen Staatsregierung

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und des Verbands Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern“ klar zu seiner geschichtlichen Verantwortung gegenüber Angehörigen der Minderheit bekannt, für Minister Spaenle angesichts der Einbindung bayerischer Behörden in die Ausgrenzung und Verfolgung von Sinti und Roma ab etwa 1900 bis zum Ende des NS-Regimes ein wichtiger Schritt. Minister Spaenle erinnerte auch daran, dass sich die Sinti und Roma am 16. Mai 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ihren Unterdrückern und Folterern widersetzten. Genau wie das Leid, das die Menschen jüdischen Glaubens unter den Nazis erlitten hätten, müsse das Leid der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma fest in der Erinnerung der Bundesbürger verankert sein. Weil auch nach 1945 viele Sinti und Roma, die den Völkermord überlebt hatten, erneut kriminalisiert wurden, müsse die Aufklärungsarbeit ihren festen Platz im Programm der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit erhalten, betonte Minister Spaenle.


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Ausgangspunkt der Publikation war ein Gespräch zwischen Romani Rose und Dr. Spaenle. Romani Rose erinnert selbst in seinem Vorwort an die Folgen dieses Gesprächs mit Dr. Spaenle in seiner damaligen Funktion als Präsident der Kultusministerkonferenz: „Ich bin Herrn Dr. Spaenle sehr dankbar für seine Initiative, aufgrund unseres Gesprächs ein Publikationsprojekt initiiert zu haben. […] Die Geschichte der Sinti und Roma, und zwar nicht nur als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sondern eben auch als aktive Bürger dieses Landes, trägt dazu bei, die Bedeutung der Menschenrechte und demokratischer Werte begreiflich zu machen. Insbesondere in Schulbüchern werden Sinti und Roma allerdings meistens nur am Rande erwähnt. Mit dem vorliegenden Band wird hier eine Lücke geschlossen.“ Thomas Krüger sagte: „Als Bundeszentrale für politische Bildung engagieren wir uns mit unseren Bildungsangeboten gemeinsam mit anderen Initiativen in der Bürgerrechtsbewegung und der Zivilgesellschaft gegen den nach wie vor weit verbreiteten Antiziganismus.“ Geschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart erfasst

Die besondere Chance des Buchs liegt darin, dass die Geschichte der Sinti und Roma dort nicht nur auf dieses dunkelste Kapitel reduziert wird, sondern vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Sinti und Roma leben seit

rund 600 Jahren in Europa. Im späten Mittelalter hatten Sinti und Roma in vielen Städten wie in Hildesheim, Köln und Lindau obrigkeitliche und bürgerschaftliche Akzeptanz erfahren. In der Öffentlichkeit ist über die lange Geschichte der Minderheit in Deutschland nur wenig bekannt. Dieser Band nimmt nicht nur die Zeit des Völkermordes, sondern auch die lange Geschichte vor dem Nationalsozialismus und die Situation der Überlebenden des Genozids nach 1945 in den Blick. Weiter erschöpft er sich nicht im Blick von außen auf die Minderheit, sondern zeigt auch Perspektiven aus der Minderheit. Die Publikation stellt eine gute Grundlage dar, um die begonnene Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Geschichte der Minderheit fortzusetzen.

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Landesverband Rheinland-Pfalz

❚ Hochschulgesprächstag des Fachbereichs Polizei zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

In der Rahmenvereinbarung zwischen dem Land RheinlandPfalz und dem Landesverband der Sinti und Roma verpflichten sich die Partner, „jeglichen Diskriminierungen von Angehörigen der Minderheit entgegenzuwirken. Diese Verpflichtung gilt gerade auch für Angehörige von Bevölkerungsgruppen wie z.B. den Sinti und Roma, denen in der Zeit des Nationalsozialismus schwerstes Unrecht durch staatliche Organe widerfahren ist. Schon der Respekt vor den Opfern verbietet es der Polizei, Angehörige der Sinti und Roma zu diskriminieren, Vorurteile zu fördern oder zu wecken. Hierzu gehören vor allem Angaben über die Minderheitenzugehörigkeit von Beschuldigten in Polizeiberichten und gegenüber Dritten einschließlich der Presse.“ Vor diesem Hintergrund und im Rahmen der interkulturellen Kompetenzförderung hat der Landesverband in der Vergangenheit bereits mehrere Seminare für Polizeibeamtinnen und -beamte im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma durchgeführt.

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Polizeikommissaranwärter und -anwärterinnen und Mitglieder des Landesverbandes | © Landesverband Rheinland-Pfalz

Die Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz hat anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2015 im Rahmen eines Hochschultages die Rolle der NS-Polizei ebenso wie Opferschicksale beleuchtet und ermöglichte den Polizeikommissaranwärtern und -anwärterinnen des 9. Bachelorstudienganges die Diskussion und persönliche Begegnung mit Vertretern von Opfergruppierungen. Jacques Delfeld informierte in den Workshops die 150 Studierenden über die nationalsozialistische Verfolgung der Minderheit und die aktuelle Lebenssituation.


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❚ Gedenken an die erste Deportation ganzer Familien 1940

Obwohl schon 1933 rassistische Kriterien in die Gesetzgebung eingeführt wurden, waren es bis dahin jedoch meist einzelne Personen, auf die diese Kriterien angewandt wurden. Auch wenn die bloße Zugehörigkeit als Jude, Sinto oder Rom bereits genügte, um nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt zu sein, so waren es doch in der Regel erwachsene Männer, die hiervon betroffen waren. Mit der ersten großen Verschleppungsaktion von Sinti und Roma in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Jahr 1940 waren zum ersten Mal in Deutschland ganze Familien betroffen. Anlässlich des 75. Jahrestages hat der rheinland-pfälzische Landesverband landesweit Gedenken initiiert: In Mainz mit Oberbürgermeister Michael Ebling, in Worms mit Oberbürgermeister Michael Kissel, in Koblenz, in Ludwigshafen und in Asperg an den jeweiligen Gedenkorten für die Sinti und Roma mit dem aktiven Engagement der Vorstandsmitglieder Ella Braun, Ilona Lagrene, Django Reinhardt und Michael Weiß. Im Dom zu Trier hielt Bischof Dr. Stephan Ackermann am 17. Mai das sonntägliche Hochamt im Gedenken an die Sinti und Roma. Dem schlossen sich die Ansprachen von Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Jacques Delfeld an.

Kranzniederlegung am Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Trier. V.l.n.r.: Verbandsvorsitzender Delfeld, Ministerpräsidentin Dreyer, Oberbürgermeister Leibe, Bischof Ackermann | © Landesverband Rheinland-Pfalz

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Zentralrat

Anna Striethorst, George Soros und Romani Rose | © zg

❚ Treffen von Romani Rose und George Soros

Am Rande der Sicherheitskonferenz im Februar 2015 in München traf sich Romani Rose mit George Soros zu einem einstündigen Gespräch. Soros fördert seit Jahrzehnten zivilgesellschaftliche Initiativen in Europa und insbesondere die Initiativen von Sinti und Roma in Ost- und Südosteuropa. Hierzu zählen das Europäische Zentrum für die Rechte von Roma (ERRC) in Budapest, der Roma Education Funds, über den zum Beispiel Stipendien und Bildungsprogramme finanziert werden, aber ebenso auch die Europäische Universität in Budapest. Romani Rose informierte George Soros über die aktuelle Lage von Sinti und Roma in Deutschland und über konkrete Projekte, die gegenwärtig auch in Europa diskutiert werden. George Soros, der in einzelnen Bereichen die Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum sucht, will bei seinem nächsten Berlin-Aufenthalt zusammen mit Romani Rose das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas besuchen.

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❚ Schutz und Erhaltung der Grabstätten von Sinti und Roma als Familiengedächtnisstätten und öffentliche Lernorte Von Jara Kehl

Aktuell gibt es im Hinblick auf eine bundesweit einheitliche Regelung zum Erhalt der Grabstätten von Überlebenden des Holocaust positive Entwicklungen: Der Zentralrat kam am 3. September 2015 auf Einladung des Innenministeriums mit Vertretern der Bundesregierung in Bonn zusammen. Ergebnis dieses Gesprächs war, dass es eine mit Bund und Ländern abgestimmte Regelung geben soll, die auch eine Kostenregelung umfasst. Eine entsprechende Regelung soll jetzt konkret vom zuständigen Bundesministerium erarbeitet und möglichst zum nächsten Termin des Beratenden Ausschusses für Sinti und Roma 2016 beim Bundesministerium des Innern vorliegen. Im Hinblick auf den Erhalt der Grabstätten in Bayern hat die bayrische Landesregierung zugesagt, bis zu einer bundesweit einheitlichen Regelung in der Sache den Erhalt


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der abgelaufenen bzw. jetzt ablaufenden Grabstätten auf Landesebene ab 2016 sicherzustellen. Auch im Bundesland Thüringen sollen die Grabstätten unter Schutz gestellt werden: Ministerpräsident Bodo Ramelow vereinbarte am 22. Oktober 2015 in einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma den Abschluss einer gemeinsamen Erklärung über die künftige Zusammenarbeit des Freistaates Thüringen mit dem Zentralrat in allen die Thüringer Sinti und Roma betreffenden Angelegenheiten. Inhalt der Vereinbarung sollen auch der Erhalt und der Schutz der in Thüringen liegenden Grabstätten von im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma als Familiengedächtnisstätten und öffentliche Gedenkorte sein.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma setzt sich bei der Bundesregierung und den Ländern dafür ein, dass die Gräber von im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma auf Dauer kostenfrei erhalten und gepflegt werden. In vielen Fällen wurden betroffene Gräber inzwischen als Ehren- oder Dauergräber erhalten bzw. unter Denkmalschutz gestellt. In den übrigen aktuellen Fällen, in denen die Grabrechte jetzt abgelaufen sind, wurden die Entscheidungen über Gebühren und die Erhaltung im Hinblick auf die angestrebte allgemeine Regelung ausgesetzt.

❚ Veröffentlichung der Dokumentation „Schonung für die Mörder? – Die justizielle Behandlung der NS-Völkermordverbrechen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Rechtskultur in Deutschland“ Von Arnold Roßberg

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma veröffentlichte im Dezember 2015 eine Dokumentation mit dem Titel Schonung für die Mörder? – Die justizielle Behandlung der NS-Völkermordverbrechen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Rechtskultur in Deutschland. Mit diesem Projekt möchte der Zentralrat über die jahrzehntelangen Initiativen des Verbandes und seiner Gründer für eine rechtsstaatliche Verfolgung der Täter und Organisatoren des NS-Völkermordes informieren und das Versagen der Justizbehörden bei den Ermittlungsverfahren dokumentieren. „Hier sehen wir uns nicht nur in der Verantwortung gegenüber den Opfern und den Überlebenden des Holocaust, sondern auch in der Pflicht zur Bewahrung des Rechtsstaats“, erklärte der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose. Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern hatten die Überlebenden schon sehr früh in Eingaben an die Justiz kritisiert, dass die ihnen bekannten Mörder unbehelligt in Freiheit waren und frühere Funktionen in den Behörden

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Zentralrat | Newess 2016

wieder ausübten. Die Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma, Vinzenz und Oskar Rose, schrieben im Jahre 1948 an die Justiz in München: „Sie werden verstehen, dass wir ein großes Interesse daran haben, diese Leute unschädlich zu wissen, denn sie waren ja die Triebfeder, aufgrund derer viele ungezählte Menschen den Tod fanden, darunter aus unserer Familie allein dreizehn.“ Die Täter wurden bis zu ihrem Lebensende nicht strafrechtlich belangt. Anlass für die vorgelegte Bestandsaufnahme, zu der noch ein zweiter Band folgen wird, sind vor allem die ab dem vergangenen Jahr neu zur Anklage gebrachten Strafverfahren gegen mehrere in Deutschland noch lebende Angehörige der SS-Wachmannschaft von Auschwitz – meist im Alter von über 90 Jahren – und die öffentliche Diskussion darüber. In dem jetzt erschienenen Band sind auch die Beiträge einer Konferenz zu der Thematik aus dem Jahre 1992 enthalten, an der Repräsentanten der zuständigen deutschen und ausländischen Strafverfolgungsbehörden sowie Medienvertreterin der Akademie Bad Boll teilgenommen haben. Diese erscheinen heute wieder aktuell. Die Dokumentation ist beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg zu beziehen.

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❚ Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Rassismus – nicht auf dem Rücken der Minderheit Von Ruhan Karakul

Der NSU-Prozess, brennende Flüchtlingsheime, rassistische Wahlkampagnen, neonazistische Aktivitäten im Internet, die Demonstrationszüge „besorgter Bürger“, der immer schärfer werdende Ton der AfD: Rechtspopulismus, Rassismus, Rechtsextremismus sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern ein Dauerproblem unserer Gesellschaft. „Krisensituationen“, für die zunächst eine Lösung gefunden werden muss, lassen die Politik zeitweilig hilflos wirken, sodass geistige Brandstifter die Gunst der Stunde für ihre verbale Hetze nutzen. Die Minderheit der Sinti und Roma gehört zu den beliebten „Opfergruppen“. Nicht nur als politische Vertretung der Minderheit entwickelt der Zentralrat Strategien und Handlungsmaßnahmen, um eine generelle Sensibilisierung in der Gesellschaft zu erreichen, sondern auch als Menschenrechtsorganisation, die sich der Demokratie verpflichtet fühlt. Kern der Arbeit ist die Aufarbeitung der Vergangenheit, aber auch die Stärkung des Bewusstseins von Multiplikatoren.


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„Das wird man doch wohl sagen dürfen!“ – Diskriminierung durch Minderheitenkennzeichnung

Obwohl die Innenministerkonferenz 2007 per Beschluss bestimmte, dass die Polizei bezüglich von Minderheiten „Stigmatisierungen, Kategorisierungen oder pauschale Bezeichnungen von Menschen“ zu unterlassen hat, weisen Polizeidienststellen in ihren Fahndungsaufrufen bzw. Pressemitteilungen immer noch explizit, aber auch verdeckt, auf die Zugehörigkeit von Tatverdächtigen zur Minderheit der Sinti und Roma hin. Gemäß diesem Beschluss darf auf die Zugehörigkeit zu einer Minderheit in der internen und externen Berichterstattung ausnahmsweise nur hingewiesen werden, wenn sie für das Verständnis eines Sachverhalts zwingend erforderlich ist. Das ist nur dann der Fall, wenn die vorgeworfene Straftat mit der Abstammung so in einem sachlichen Zusammenhang steht, dass die Tat als solche ohne den Hinweis auf die Minderheitenzugehörigkeit nicht verständlich wäre, mithin „im Namen der Minderheit“ (etwa bei politisch motivierten Straftaten) begangen wurde. Rassistische Bilder über Sinti und Roma sind immer noch gesellschaftlich etabliert und auch heute noch verbreitet. In den Jahren 2014–2015 sind dem Zentralrat mindestens zwanzig Fälle der rechtswidrigen Minderheitenkennzeichnung bekannt geworden. Im Rahmen der Täterbeschreibung wurden die Wörter „Sinti oder Roma“, „mobile ethnische Minderheit“, „südosteuropäisches

Erscheinungsbild – Sinti oder Roma“ verwendet. Unterschiedlich fielen die Reaktionen auf die Beschwerden der Zentralratsjustitiarin aus: Während einige Polizeirevierleiter die monierten Mitteilungen anstandslos löschten und versicherten, dass dieser Vorfall eine Ausnahme sei, verstanden andere den Einwand des Zentralrats als Zensur, sodass der offizielle Beschwerdeweg über die Landesregierung angestrebt werden musste. Die Praxis der Minderheitenkennzeichnung und Fahndung nach „Sinti oder Roma“ ist grob rechtswidrig und dient nur dazu, in der Öffentlichkeit Vorurteile gegen die Minderheit der Sinti und Roma zu schüren. Kriminalität, so verwerflich sie auch ist, hat nichts mit der jeweiligen Herkunft der Täter zu tun. Gleiches gilt für Ersatzbezeichnungen oder Begriffe, unabhängig davon, ob sie tatsächlich oder subjektiv geeignet sind, einen Menschen, eine Ethnie, eine Volkszugehörigkeit oder eine Minderheit zu diskriminieren, zu stigmatisieren oder abzuqualifizieren. Diskriminierung durch Behörden, Ämter, Schulen und die Polizei sind besonders schwerwiegend, denn hier wirkt zusätzlich ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis. Deswegen verfolgt der Zentralrat den Ansatz, das Problem „an der Wurzel anzupacken“ und auf die Einhaltung des Beschlusses durch Aufklärungsarbeit hinzuwirken. Als positives Beispiel in diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Leiter der Stabstelle der polizeilichen Extremismusprävention der Landespolizeidirektion Thüringen, Prof. Dr. Ley, und sein

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Zentralrat | Newess 2016

Stellvertreter, Rainer Kolbe, die Justitiare des Zentralrats auf eine Fachtagung der thüringischen Polizei als Referenten zum Thema „Antiziganismus als Ausdrucksform von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Zeiten von Flucht und Asyl“ eingeladen hatten.

erfolgte weder eine Rehabilitierung der Minderheit noch die Aussprache einer Entschuldigung. Auskünfte durch Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft führten über längere Zeit dazu, dass in der Öffentlichkeit die Minderheit rechtsstaatswidrig unter Generalverdacht gestellt wurde.

NSU – ein prominentes Beispiel für die rechtswidrige Minderheitenkennzeichnung

Das „Versagen der Sicherheitsbehörden“ im Falle der Neonazi-Morde ist sicher ein guter Anlass, das Problem des strukturellen Rassismus aufzuwerfen. Die Einmütigkeit, mit der die Morde mit „organisierter Kriminalität, Drogenhandel und Mafia“auf Seiten der Opfer in Zusammenhang gebracht wurden und Sinti und Roma pauschal kriminalisiert und öffentlich unter Generalverdacht gestellt wurden, zeigt nämlich nicht in erster Linie die berüchtigte „Blindheit auf dem rechten Auge“. Die einseitige Fokussierung belegt vielmehr Routinen in der Polizeiarbeit, die bestimmten Personengruppen schematisch Delinquenz zuordnen. Angesichts der routinierten Verdachtsstruktur gegenüber Minderheiten und Personen mit Migrationshintergrund konnte das rechtsradikale Umfeld gar nicht ins Blickfeld kommen. Es wurde bis 2010 – mit einem ganz erheblichen Ermittlungsaufwand – fast ausschließlich in diese Richtung ermittelt; ein politisches Motiv für den Mord wurde hingegen nie in Betracht gezogen und Hinweise auf eine mögliche Verbindung zu den neun Morden an Migranten übergangen. Auch bei dem Mord an der Polizistin verstellten also strukturell rassistische Annahmen den Blick der Strafverfolgungsbehörden und verhinderten eine Ermittlung in alle Richtungen.

Der NSU-Untersuchungsausschuss hat seine Arbeit im Stuttgarter Landtag beendet. Der 1000-seitige Abschlussbericht wurde im Februar 2016 veröffentlicht. Bislang ist dem Zentralrat nicht bekannt, dass die von den ermittelnden Behörden bzw. der Landesregierung geforderte Rehabilitierung der Minderheit erfolgt ist. Zwei Jahre suchten die Ermittlungsbehörden aufgrund einer falschen – bundesweit und im angrenzenden Ausland aufgefundenen – DNASpur nach einer reisenden „Phantom-Frau“, wie sie von der Polizei genannt wurde, als Täterin des Mordes. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen sprachen die Behörden in Presse und Fernsehen von „Ermittlungen im ZigeunerMilieu“ und der angeblich „heißesten Spur“ bei verdächtigen „Sinti-Clans“ und Mitgliedern von „mobilen sozialen Gruppen wie Sinti und Roma, die doch schwer zu fassen sind“. Von Seiten des damals zuständigen Justizministeriums wurde die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft legitimiert. Obwohl sich die DNA-Spur im Jahr 2009 als falsch und darüber hinaus als Ermittlungspanne herausstellte,

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Somit geht es nicht nur um das Fehlverhalten einzelner Beamter oder das „Versagen“ der Sicherheitsbehörden, sondern man muss die Vorgehensweise zweifellos in den Kontext eines institutionellen Rassismus stellen. Auch gab es der Presse und den Erkenntnissen der öffentlichen Hauptverhandlungstage des NSU-Prozesses zufolge rassistische Aktenvermerke, die von verdächtigten „Negern“ und „Zigeunern“, „die typischerweise lügen würden“, sprachen. Laut einem LKA-Vermerk hätte ein serbischer Psychologe in Belgrad über einen Lügendetektortest bei einem Roma-Angehörigen festgehalten, der Mann sei „ein typischer Vertreter seiner Ethnie“, was bedeute, dass „die Lüge ein wesentlicher Bestandteil seiner Zivilisation“ darstelle. Obwohl in der Folgezeit die zuständige Staatsanwaltschaft die gegen die verdächtigten Sinti und Roma eingeleiteten Verfahren ausdrücklich als falsche Spur einstellte, erfolgte auch insofern bis heute keine Erklärung des Bedauerns gegenüber der öffentlich stigmatisierten Minderheit, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ausdrücklich verlangte. Zu hoffen bleibt, dass dies im Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses des baden-württembergischen Landtags nachgeholt wird. „Asylmissbrauch“, „Flüchtlingsströme“, „Sozialbetrug“ – das Recht auf Asyl in Gefahr?

Krieg, Leid, Not, Diskriminierung und viele andere Gründe bewegen viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen

und Zuflucht in der Bundesrepublik Deutschland zu suchen. Im Vorfeld des Erlasses des Asylverfahrensbeschleunigungsgesetzes, durch das die Länder Albanien, Kosovo, Montenegro zu sicheren Herkunftsländern bestimmt wurden, gab es hitzige Diskussionen über „Flüchtlinge, denen man helfen muss“ und „Flüchtlinge, die nur unsere Gutmütigkeit ausnutzen“. Die Debatten, in denen das Vokabular „Asylmissbrauch“ und „Armutsmigration“ herangezogen wurden, wurden zumeist mit der Migration von Roma in Zusammenhang gesetzt. Zum einen lässt diese Kontextualisierung außer Acht, dass die flüchtenden Menschen in ihren Herkunftsstaaten schwerwiegender Diskriminierung ausgesetzt waren, zum anderen ist es in der Rhetorik diskriminierend, populistisch und gefährlich, Menschen unter den Generalverdacht des sogenannten „Asylmissbrauchs“ zu stellen. Die Diskussionen über Zuwanderung aus den Westbalkanstaaten, bei der in der Öffentlichkeit der von Bundesund Landespolitikern erhobene Vorwurf des „Asylmissbrauchs“ ausschließlich am Beispiel der Roma aus den Westbalkanstaaten thematisiert wurde, zeigt, wie schnell die Minderheit wieder zum sogenannten „Sündenbock“ und zur Zielscheibe rechtspopulistischer Propaganda gemacht werden kann. Denn hier wird die besondere Situation der Minderheit deutlich: jeder Vorwurf, auch gegen einen Einzelnen, wird – wenn er mit der ethnischen Zugehörigkeit verbunden wird – sofort auf die gesamte

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Minderheit übertragen und als Bestätigung aller alten Vorurteile wahrgenommen. Auch Politiker demokratischer Parteien, wie jüngst der Duisburger Oberbürgermeister Link, bedienen sich antiziganistischer Stereotype.1 Außer Acht gelassen wird in der Debatte, dass nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge „Asylmissbrauch“ kein gesetzlich definierter, sondern ein umgangssprachlicher Begriff ist. Daher gibt es hierzu keine statistischen Daten.2 Aus diesem Grund hatte der Zentralrat in seiner Stellungnahme zum Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz die Bundesregierung dazu aufgerufen, statt asylrechtliche Hürden für Flüchtlinge aus den Westbalkanstaaten zu erhöhen, auf die Verbesserung der Situation vor Ort hinzuwirken und konkrete Maßnahmen und Projekte zu unterstützen. Solange Minderheiten in den Westbalkan-Ländern systematischer Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt sind, muss nach Deutschland flüchtenden Menschen auch der Schutz gewährt und der grundgesetzlich verbürgte Zugang zum Asylrecht gestattet werden. Dies steht nicht im Widerspruch zur notwendigen Entwicklung einer geregelten und tragfähigen Einwanderungspolitik.3 1

BGH arbeitet seine früheren diskriminierenden Urteile gegen Sinti und Roma auf

Am 7. Januar 1956 hatten die Richter des Bundesgerichtshofs ein Grundsatzurteil zur Ablehnung der Entschädigung von NS-verfolgten Sinti und Roma gefällt und erklärt, die „Zigeuner“ seien von den Nationalsozialisten zu Recht als „artfremd“ behandelt worden. Die obersten Richter verwiesen dazu auf Kommentarliteratur aus der NS-Zeit. Diese „Volksgruppe“ sei laut BGH von der Bevölkerung daher allgemein als „Landplage“ empfunden worden (BGH IV ZR 211/55 S. 8 und 9 in RZW 56; 113, Nr. 27). Diese Rechtsprechung prägte über viele Jahre das gesamte Entschädigungsrecht für die Überlebenden der Sinti und Roma. Der Zentralrat hat es sehr begrüßt, dass nach dem „Rosenburg-Symposium“ zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit innerhalb der Justiz im Oktober 2014 dem Zentralratsvorsitzenden Romani Rose die Möglichkeit gegeben wurde, auf einer Veranstaltung im Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu diesem Teil der Geschichte Stellung zu nehmen. Die anwesenden Richter und Bundesanwälte waren besonders schockiert über das im Jahre 1956 gefällte Urteil und die

Auf der kommunalpolitischen Konferenz zur Flüchtlingspolitik der SPD am 15. September 2015 hatte der Oberbürgermeister der Stadt Duisburg Sören Link

den Satz „Ich hätte gerne das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte“, geäußert. 2 3

http://www.rheinneckarblog.de/22/propagandabegriff-asylmissbrauch-verunglimpft-menschen-in-not/67002.html http://zentralrat.sintiundroma.de/content/downloads/presseschau/375.pdf

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Präsidentin des BGH, Frau Bettina Limperg, sagte zu, das Dokumentations- und Kulturzentrum in Heidelberg zu besuchen, um ein ausführliches Gespräch zu der gesamten Thematik zu führen. Bei ihrem Besuch am 12. März 2015 und in einer anschließenden öffentlichen Erklärung distanzierte sich die BGHPräsidentin nochmals mit klaren Worten von diesem Urteil. Sie sagte, man könne sich für dieses Urteil nur schämen. Es sei eine unvertretbare Rechtsprechung, die man auch nicht schönreden dürfe. In der Neuen Juristischen Wochenzeitschrift (NJW), einer der wichtigsten Fachzeitschriften für Juristen, veröffentliche Richter am BGH, Prof. Andreas Mosbacher, in der JanuarAusgabe einen bemerkenswerten Artikel, in dem er sich mit dem Urteil kritisch auseinandersetzte. Fazit

Auch wenn es in Zeiten wie diesen mühselig erscheint, hartnäckig zu bleiben und stets Position gegen den florierenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus zu beziehen, wird der Zentralrat – wie er es seit über drei Jahrzehnten tut – in den Bereichen Gesellschaft, Politik und Bildung zugunsten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung seine Aktivitäten fortsetzen und weiterhin einen wesentlichen Beitrag für gegenseitigen Respekt und Toleranz leisten.

❚ Zentralrat fordert OSZE auf, den europaweiten Antiziganismus zu ächten Von Jonathan Mack

Der Zentralrat wandte sich an die OSZE-Implementierungskonferenz zur menschlichen Dimension in Warschau und fordert die OSZE-Mitgliedsstaaten auf, den gravierenden Antiziganismus in Europa ebenso zu ächten wie den Antisemitismus. „Der Antiziganismus ist ebenso wie der Antisemitismus seit Jahrhunderten in der europäischen Geschichte verwurzelt. Diese besondere Form des Rassismus ist heute gezielte und systematische Politik der Ausgrenzung und des Rassismus, wie sie von rechtsextremistischen Parteien insbesondere im Wahlkampf, aber auch von nationalistischen Regierungen einzelner Länder in Ost- wie in Westeuropa geübt wird“, so der Zentralratsvorsitzende Romani Rose in seiner Rede. „Rechtsradikale Parteien bauen ihren Wahlkampf oftmals allein auf diesem Rassismus gegen Roma auf, aber es sind die Mehrheitsparteien, die diesen Rassismus oft genug aufgreifen, legitimieren und damit gesellschaftlich akzeptabel machen.“ Dabei stelle Antiziganismus nicht nur eine Bedrohung für Roma dar, sondern auch für die Demokratie und Wertegemeinschaft. Im Rahmen einer Veranstaltung auf der OSZE-Konferenz wies der Zentralrat in Zusammenarbeit mit dem OSZEODIHR Kontaktpunkt für Sinti und Roma Angelegenheiten

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auf die Gefahren von Hass, Rassismus und Volksverhetzung gerade in Wahlkämpfen und einen Zusammenhang zwischen den Übergriffen auf Roma und Sinti in den einzelnen europäischen Ländern und der gezielt antiziganistischen und rassistischen Rhetorik von Teilen der politischen Elite hin. Traditionelle Vorurteile bekämen durch die Politik eine neue Qualität und eine neue Gewalt. In der Folge wird Rassismus gegen Sinti und Roma bis weit in die Mitte der Gesellschaft akzeptiert – wie die aktuelle Flüchtlingsdebatte vielfach zeigt. Im Bundestagswahlkampf im Jahr 2013 wurde durch Plakate und Flugblätter der NPD gezielt gegen Sinti und Roma rassistisch diskriminierende Hetze betrieben. Auch in vielen weiteren Mitgliedsstaaten der OSZE in ganz Europa betreiben rechtsextreme Parteien ihren Wahlkampf oft ausschließlich mit massiv rassistischer und zur Gewalt aufrufender Propaganda gegen Roma. Mit Blick auf die aktuelle Situation in Europa kritisierte der Zentralrat die dramatische Entwicklung gewaltsamer Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen gegen Roma in zahlreichen mittelost- und südosteuropäischen Ländern. Diese Vertreibungspolitik auf lokaler Ebene, die die betroffenen Familien in eine Situation der Perspektivlosigkeit abdrängt, ist einer der wesentlichen Gründe für die gegenwärtige Migration von Roma aus einer Reihe von Ländern Mittelost- und Südosteuropas nach Westeuropa. Die gegenwärtige Flüchtlingsdebatte, die teilweise völlig

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unverantwortlich von Politik und Medien auf dem Rücken der Minderheit ausgetragen wird, und die fast täglichen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland zeigen uns wie brandgefährlich diese Situation ist.

❚ Gemeinsames Symposium des Zentralrats mit dem BGH – Bedauern nach 60 Jahren Von Ruhan Karakul

Am 17. Februar 2016 fand im Foyer des Bundesgerichtshofs ein gemeinsames Symposium des Bundesgerichtshofs und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma statt. Thema war das Grundsatzurteil zur Ablehnung der Entschädigung von NS-verfolgten Sinti und Roma vom 7. Januar 1956, in dem der BGH feststellte, dass die „Zigeuner“ von den Nationalsozialisten zu Recht als „artfremd“ behandelt worden seien. So führte er unter Zugrundelegung von NSKommentaren z.B. aus, dass „Zigeunern wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen“ sei. Diese Rechtsprechung prägte über viele Jahre das gesamte Entschädigungsrecht für die Überlebenden der Sinti und Roma und wurde zur Niederschlagung von Strafverfahren gegen die Organisatoren des Holocausts herangezogen.


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1963 erkannte zwar der BGH in Abänderung des Unrechtsurteils von 1956 den Entschädigungsanspruch an, nahm aber nicht Abstand von der rassistischen Charakterisierung der Minderheit.

Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts © Behar Heinemann

Nach knapp 60 Jahren distanzierte sich BGH-Präsidentin Bettina Limperg im Rahmen ihres Besuchs des Zentralrats und Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma im März 2015 von diesem diskriminierenden Urteil. Zudem erschien in der Fachzeitschrift Neue Juristische Woche in der Januar/Februar-Ausgabe ein Artikel von BGH-Richter Prof. Dr. Andreas Mosbacher, in dem der Richter den 60. Jahrestag der „Zigeuner-Urteile“ zum Anlass nahm, um sich bei der Minderheit zu entschuldigen. Das Symposium, auf dem auch Staatssekretärin Dr. Stefanie Hubig ein Grußwort hielt, setzte durch die Aufarbeitung der historischen Entwicklung auch ein Zeichen für Rechtsstaat und Demokratie.

Romani Rose | © Behar Heinemann

Dr. Detlev Fischer, Romani Rose, Dr. Helene Bubrowski, Prof. Dr. Dr. Ingo Müller, Prof. Dr. Mosbacher | © Behar Heinemann


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❚ Günter Grass Am 13. April 2015 verstarb der Schriftsteller Günter Grass im Alter von 87 Jahren. „Mit Günter Grass verliert nicht nur die Bundesrepublik Deutschland einen ihrer bedeutendsten Schriftsteller, sondern auch die Sinti und Roma in Europa einen engen Freund und Förderer“, bemerkte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose. 1999 war Rose bei der Verleihung des Literaturnobelpreises an Grass auf dessen Wunsch in Stockholm zu Gast.

Europas Umgang mit seiner größten Minderheit hat Günter Grass seit vielen Jahren bewegt. 1997 gründete er in seiner Heimatstadt Lübeck gemeinsam mit seiner Frau die „Stiftung zugunsten des Romavolks“, um Roma fördern, über ihre kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären und zu Respekt und Toleranz beizutragen. In seiner Rede anlässlich der Stiftungsgründung sagte Grass, er setze sich für das Volk der Roma ein, „weil die Roma, zu denen auch die in Deutschland lebenden Sinti gehören, wie kein anderes Volk, außer dem der Juden, anhaltender Verfolgung, Benachteiligung und in Deutschland der planmäßigen Vernichtung ausgesetzt gewesen sind. Dieses Unrecht hält bis heute an.“ Mit Günter Grass ist nicht nur ein kritischer Mahner gesellschaftlicher Missstände gestorben, sondern ein Mensch, der sich stets selbst aktiv in politische Debatten eingebracht hat.

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So kritisierte er 2010 in einem offenen Brief an Innenminister de Maizière mit deutlichen Worten die deutsche Abschiebepraxis in Bezug auf Roma aus dem Kosovo, in dem er warnte: „Wer Menschenrechte in so eklatanter Weise missachtet, spielt mit der Zukunft des Friedens auf unserem Kontinent.“ Auch in der Auseinandersetzung mit der NPD im letzten Bundestagswahlkampf stärkte Günter Grass den Sinti und Roma den Rücken. Grass äußerte, dass Plakate und Flyer mit rassistischen Aussagen wie „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ sich explizit gegen eine Volksgruppe richteten und nicht ungestraft verbreitet werden sollten. Die deutschen Sinti und Roma werden das Engagement von Günter Grass für die gemeinsame Sache in dankbarer Erinnerung behalten. ❚ Hugo Höllenreiner Am 10. Juni 2015 verstarb Hugo Höllenreiner im Alter von 81 Jahren. Hugo Höllenreiner war dem Zentralrat und dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma über viele Jahre eng verbunden. Als Holocaust-Überlebender nahm er nicht nur an zahlreichen Veranstaltungen der beiden Institutionen teil, sondern stellte dem Dokumentations- und Kulturzentrum auch historische Fotos sowie Dokumente seiner Familie für die Ausstellungen zur Verfügung.


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Hugo Höllenreiners Leben war geprägt von der furchtbaren Verfolgungserfahrung, die er als Kind in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern machen musste. Seine Familie ist seit Generationen in Bayern beheimatet, bevor sie von den Nazis systematisch entrechtet und schließlich in die Vernichtungslager deportiert wurde. Auf einem Familienfoto, aufgenommen wenige Jahre vor der Verschleppung nach Auschwitz, sieht man den damals achtjährigen Hugo mit seiner Mutter Sofie und seinen Geschwistern. Es ist ein berührendes Zeugnis bürgerlicher Normalität und familiärer Geborgenheit, die bald darauf grausam zerstört werden sollte. Trotz dieser traumatischen Erlebnisse und dem Verlust vieler Angehöriger hat sich Hugo Höllenreiner schon früh als Zeitzeuge engagiert. Dabei stand sein Wirken ganz im Zeichen der Versöhnung. Vor allem durch das 2005 im Hanser Verlag erschienene Buch von Anja Tuckermann „Denk nicht, wir bleiben hier!“ Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner und eine zwei Jahre später entstandene TV-Dokumentation wurde Hugo Höllenreiner als Zeitzeuge weit über die Grenzen Bayerns und Deutschlands hinaus bekannt. Am 2. August 2005 sprach er bei der Internationalen Gedenkveranstaltung anlässlich der Auflösung des sogenannten „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau am 2. August 1944 als Vertreter der deutschen Sinti und Roma für die Überlebenden des Völkermordes.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, erklärte zum Tod von Hugo Höllenreiner: „An dem jahrzehntelangen Kampf der deutschen Sinti und Roma um gesellschaftliche und politische Anerkennung und um ein würdiges Erinnern an unsere Toten hatte Hugo Höllenreiner einen ganz wesentlichen Anteil. Unermüdlich hat er im Dialog mit der Politik, auf Gedenkveranstaltungen oder in Schulen Zeugnis vom eigenen Leidensweg abgelegt und an die Gräuel der Nazi-Barbarei erinnert. Dabei hat er sich niemals auf die Rolle des passiven Opfers reduzieren lassen. Für Hugo Höllenreiner war Erinnerung stets auch Verpflichtung für die Gegenwart. Dafür wurde er zu Recht geehrt und ausgezeichnet. Hugo Höllenreiner sah es als seine Pflicht an, auch im Namen derer zu sprechen, denen die Stimme geraubt wurde. Das beeindruckende Zeugnis, das er hinterlassen hat, ist eine bleibende Mahnung für die nachfolgenden Generationen. Sein Name ist weit über München und Bayern hinaus zu einem Vorbild für historische Aufklärung und gelebte Versöhnung geworden. Dafür gebührt ihm nicht nur der Dank der deutschen Sinti und Roma, für deren öffentliche Anerkennung er so viel getan hat, sondern der Dank der ganzen deutschen Gesellschaft. Wir werden Hugo Höllenreiner nicht vergessen.“

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❚ Helmut Schmidt Am 10. November 2015 starb der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Schmidt hatte als Bundeskanzler am 17. März 1982 eine Delegation des kurz vorher gegründeten Zentralrates Deutscher Sinti und Roma empfangen und erstmals für die Bundesrepublik Deutschland den Völkermord an Sinti und Roma anerkannt und bedauert. Schmidt unterstrich damals auch die bis dahin stets bestrittene Tatsache, dass der Völkermord seine Ursache in der Rassenideologie der Nazis hatte. Romani Rose würdigte Helmut Schmidt als den für Sinti und Roma wichtigsten Bundeskanzler: „Für Sinti und Roma in Deutschland und in Europa ist Helmut Schmidt der Bundeskanzler, der nach Jahrzehnten der Leugnung und Verdrängung die Opfer des Völkermordes anerkannte und damit die Aufarbeitung dieses Teils deutscher Geschichte begann.“

Außerdem würdigte Romani Rose Helmut Schmidt als einen der großen deutschen Politiker, der aus seiner persönlichen Erfahrung heraus das einige Europa als entscheidende Voraussetzung für den Frieden gesehen und bei aller Pragmatik nie diese Vision aufgegeben hat. Rose war zuletzt im Oktober 2014 mit Helmut Schmidt zu einem längeren Gespräch in Hamburg zusammengekommen. Dabei zeigte sich Schmidt sehr gut informiert über die aktuelle Lage von Sinti und Roma in Deutschland und insbesondere in den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas, die für Schmidt Anlass zur Besorgnis gab. Den auch in Deutschland wieder

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erstarkenden Rechtsextremismus bezeichnete Schmidt damals als Gefahr für die Demokratie, die nicht unterschätzt werden dürfe. „Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt […]. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt.“ (Helmut Schmidt am 17. März 1982) ❚ Anna Mettbach Am 23. November 2015 verstarb die Holocaust-Überlebende Anna Mettbach, geborene Kreuz. Im Jahr 1926 geboren, wurde sie im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von der SS als „arbeitsfähig“ selektiert, kam sie Anfang August 1944 auf einen Transport in das Konzentrationslager Ravensbrück und schließlich in ein Außenlager im sächsischen Wolkenburg, wo sie Zwangsarbeit bei Siemens leisten musste. Kurz vor Kriegsende wurde sie auf einem „Todesmarsch“ nach Dachau von amerikanischen Truppen befreit. In Frankfurt lernte sie ihren späteren Ehemann Ignatz Mettbach aus Gießen kennen, der das KZ Buchenwald überlebt hatte.

Im Jahr 1999 erschienen unter dem Titel „Wer wird die nächste sein?“ Anna Mettbachs Erinnerungen an die erlittene Verfolgung. Immer wieder berichtete sie vor Schulklassen und bei öffentlichen Veranstaltungen über das Erlebte. Im August 2012 überreichte ihr der hessische


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Ministerpräsident Volker Bouffier in der Staatskanzlei in Wiesbaden die vom Bundespräsidenten verliehene Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Damit wurde ihr langjähriges Engagement für das historische Erinnern gewürdigt. Außerdem wurde Anna Mettbach mit der Hedwig-Burgheim-Medaille geehrt, der höchsten Auszeichnung ihrer langjährigen Heimatstadt Gießen. Anna Mettbach hat an zahlreichen Veranstaltungen und Gedenkfahrten des Dokumentations- und Kulturzentrums sowie des Zentralrats als Zeitzeugin teilgenommen. So sprach sie am 25. März 2003 bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Leipzig. Bis zuletzt hat sie sich für die Belange ihrer Minderheit eingesetzt. Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma wird Anna Mettbach ein ehrendes Andenken bewahren. ❚ Grete Groß Die Holocaust-Überlebende Grete Groß verstarb am 30. November 2015. Sie war dem Dokumentations- und Kulturzentrum und dem Zentralrat über viele Jahre eng verbunden. Geboren wurde Grete Groß am 3. September 1940 im Zwangslager Salzburg-Maxglan, das die Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ Österreichs eingerichtet hatten und wohin ihre Familie verschleppt worden war. Während ihre Schwester Aloisia nach Auschwitz-Birkenau deportiert

und dort ermordet wurde, konnte die restliche Familie der Deportation nach Auschwitz entgehen und bis Kriegsende in der Illegalität überleben. Zahlreiche Verwandte fielen dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer. Nach der Befreiung durch amerikanische Truppen lebte Grete Groß zunächst in Bayern in der Nähe der österreichischen Grenze, später in Mainz. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Augsburg. Wir werden Grete Groß ein ehrendes Andenken bewahren. ❚ Kurt Holl Am 10. Dezember 2015 starb Kurt Holl, der bis zuletzt noch vor Gericht dafür gefochten hat, dass Volksverhetzung und Rassismus in Deutschland keinen Platz haben dürfe. Angeklagt war er wegen Sachbeschädigung: Er hatte zwanzig Plakate der Partei „Pro Köln“ abgehängt und sie unbeschädigt der Polizei übergeben. Die Anzeige von Kurt Holl gegen „Pro Köln“ wegen Volksverhetzung wurde von den Behörden nicht verfolgt.

Für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte als Vorstandsmitglied Oswald Marschall an der Verhandlung im Juni 2015 teilgenommen und erklärte: „Auch eine scharfe Reaktion wie das Abhängen der Plakate muss generell von der Meinungsfreiheit gedeckt sein, da es nicht nur um Wahlkampf, sondern um den verfassungsmäßigen Schutz von bedrohten Menschen und Minderheiten geht.“

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Kurt Holl war seit vielen Jahren ein immer solidarischer Unterstützer der Sinti und Roma in Deutschland und ebenso in vielen europäischen Ländern aktiv.

denheit ihres Vaters mit der Minderheit kam Eva Pankok bereits als Kind mit gleichaltrigen Sinti in Kontakt. Aus diesen frühen Begegnungen entstanden enge Freundschaften.

Die unter seiner Federführung vom Verein Rom e.V. erstellte Dokumentation über die systematischen Vertreibungen von Roma aus dem Kosovo unter den Augen der KFOR zeigte detailliert, wie Roma vor dem Krieg dort integriert lebten, und wie die 600-jährige Geschichte der Roma im Kosovo ausgelöscht wurde.

Während der NS-Diktatur wurden Otto Pankoks Werke als „entartet“ diffamiert und er erhielt Berufsverbot. In der frühen Nachkriegszeit setzte sich Otto Pankok in beispielloser Weise für die überlebenden Sinti und ihre Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus ein. Eva Pankok kümmerte sich insbesondere um die von der KZ-Haft schwer traumatisierten Kinder. Die Porträts der Überlebenden, die Otto Pankok in diesen Jahren schuf, spiegeln die tiefe körperliche und seelische Verwundung der Menschen wider und gehören zu den bedeutendsten Beiträgen künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Holocaust an den Sinti und Roma.

Kurt Holl war ein entschiedener Anti-Rassist. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wird ihn vermissen. ❚ Eva Pankok Am 16. Februar 2016 verstarb Eva Pankok, die langjährige Leiterin des Otto-Pankok-Museums, im Alter von 90 Jahren. Eva Pankok, einzige Tochter des Malers und Bildhauers Otto Pankok und der Journalistin Hulda Pankok, war über viele Jahre eng mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma verbunden. Mit unermüdlicher Energie setzte sich Eva Pankok dafür ein, das künstlerische und humanistische Erbe ihres Vaters zu bewahren.

Otto Pankok schuf seit den frühen 1930er Jahren Hunderte Porträts von Düsseldorfer Sinti; viele der Porträtierten wurden später Opfer des Holocaust. Durch die enge Verbun-

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Um den Stellenwert dieses bedeutsamen Werks zu würdigen, wurde die Berliner Repräsentanz des Dokumentationsund Kulturzentrums im Aufbauhaus im Oktober 2015 mit einer Ausstellung von Pankoks Sinti-Porträts feierlich eröffnet. Eva Pankok nahm gemeinsam mit Mitarbeitern des Otto-Pankok-Museums am Eröffnungsfestakt teil. Das Dokumentations- und Kulturzentrum und die deutschen Sinti und Roma werden Eva Pankok und ihren Einsatz für die Minderheit, ihr unermüdliches Streiten für Gerechtigkeit und Menschenwürde, nicht vergessen.


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Impressum

Herausgeber Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Redaktion Kerstin Müller, Thomas Baumann newess@sintiundroma.de AutorInnen Thomas Baumann, Ruhan Karakul, Jara Kehl, Jonathan Mack, Oliver von Mengersen, Kerstin Müller, Jeannot Lehmann, Gheorghe Petru, Frank Reuter, Arnold Roßberg Titelfoto Roma und Sinti Philharmoniker unter Riccardo M. Sahiti

© visual photography Gestaltung Andrea Reuter Druck CITY-DRUCK HEIDELBERG Auflage 150 (Vorabdruck)

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie unterstützt durch das Ministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln April 2016

des Landes Baden-Württemberg.

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