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Fabelhafte Geräte

Dokumentation der Masterarbeit Amelie GoldfuĂ&#x;


Impressum Text, Gestaltung, Illustrationen und Fotos, sofern nicht anders angegeben: Amelie Goldfuß Mentor: Professor Guido Englich Schriften: Greta Mono Pro, Serif 12 Beta Papier: Munken Lynx 100 g/m² Umschlag: Fotokarton 300 g/m², Leinen: Brillianta Calandré 34004, 162 g/m² hallo@ameliegoldfuss.com Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Wintersemester 2016 / 17


Projektverlauf Phase 1 Recherche

Phase 2 Mock-ups, von der Idee zum Objekt mit Story in 20 Minuten

Phase 3 Raus damit! Zehn Produkttester.innen suchen sich je ein fabelhaftes Gerät aus und behalten es für zwei Wochen. Zu jedem fabelhaften Gerät gibt es ein Begleitheft mit einer Beschreibung und Platz für Notizen.

Phase 4 Geräte werden abgeholt, Interviews mit den Tester.innen, Aufbereitung

Phase 5 Ausstellung, Präsentation

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Design Noir In ihrem Buch Design Noir plädieren Anthony Dunne und Fiona Raby für eine Form des Designs, das das kulturelle und ästhetische Potential sowie die Rolle elektronischer Produkte und Dienstleistungen elektronischer Geräte an ihre Grenzen bringt. „There is a place for a form of design that pushes the cultural and aesthetic potential and the role of electronic products and services to its limits. Questions must be asked about what we actually need, about the way poetic moments can be intertwined with the everyday and not seperated from it.“ * *

Dunne, Raby. Design Noir, S. 58

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Design Noir


Design Noir

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Das Placebo Project, das in Design Noir beschrieben wird, war ein Versuch, bei dem es darum ging, konzeptionelles Design aus Gallerien zu holen und ins Alltagsleben zu bringen. Es gab acht Prototypen, die bei freiwilligen Teilnehmern untergebracht wurden. Mit der Hilfe der Prototypen sollte die Meinung von Leuten zu elektromagnetischen Feldern in ihrem Zuhause erforscht werden. Alle Objekte waren aus MDF und einem speziellen Zusatzmaterial gebaut. Sie sollten bewusst schematisch und entfernt vertraut aussehen, viel offen lassen, aber nicht zu viel. Dunne und Raby schreiben elektronischen Geräten ein privates Leben zu oder zumindest eines, dass Menschen nicht sehen können. Manchmal bemerken wir es, wenn Handys unsere Ohren aufheizen. Manche Leute berichten auch davon, dass ihre Haut in der Nähe eines Fernsehers kribbelt oder dass sie Radio über ihre Zahnfüllungen empfangen können.Es geht ihnen nicht darum, ob diese Geschichten wahr oder wissenschaftlich sind, sondern um die Geschichten, die Leute entwickeln, um Technologien, ganz besonders die unsichtbaren elektromagnetischen Wellen, die ein Gerät emittiert, zu erklären. Die Placebo-Objekte sollten Geschichten über das geheime Leben elektronischer Geräte hervorlocken, egal ob faktisch oder ausgedacht. Jedes Objekt wurde in einem Haushalt platziert. Leute konnten sich mit einem Bewerbungsformular um die temporäre Adoption eines Objektes bewerben. Nachdem die Adoptionszeit abgelaufen war, wurden die Teilnehmer.innen über ihre Erfahrung mit dem Objekt interviewt. Die meisten Teilnehmer hatten ungewöhnliche Erfahrungen, Probleme oder eine bestimmte Meinung zu elektromagnetischen Wellen. Weil nicht einfach alle elektromagnetische Netzwerke abgestellt werden können, die Realität also nicht verändert werden kann, sollte die Wahrnehmung der Realität der Teilnehmer.innen geändert werden. Die Placebo Objekte sollten wirken wie Placebo-Medikamente.

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Design Noir


Das Placebo Project genügt keinem wissenschaftlichen Anspruch. Dunne und Raby benutzen bewusst keine gängigen ethnografischen oder anthropologischen Methodiken. Auch die Tatsache, dass die Proband.innen sich quasi selbst ausgesucht haben, akzeptieren sie. Mehr als um wissenschaftliche Erkenntnisse im eigentlichen Sinn geht es darum zu testen, wie empfänglich Menschen für radikalere Ideen als sie die Industrie anbietet, sind und wie diese Menschen zu elektronischen Geräten und deren ästhetischer Bedeutung stehen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es diese Geräte je zu kaufen geben wird, aber Dunne und Raby stellen sich vor, wie es wäre, wenn man solche Objekte mieten könnte. Auch wenn sie nicht im eigentlichen Sinne funktionieren, bieten sie doch eine Erfahrung und bieten der Benutzer.in/Mieter.in die Möglichkeit ihre Umwelt auf eine neue Art wahrzunehmen und darüber nachzudenken. * *

Dunne, Raby. Design Noir, S. 75

Placebo-Objekte

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Phase 4 Bei meiner Arbeit nahm ich mir das Placebo Project von Dunne und Raby zum Vorbild. Mich interessierte, wie Meinungen über die Konzepte von Technologien, also etwas eher abstraktes mit der Alltagserfahrung, die Menschen mit technischen Geräten machen, zusammenhängen und welche Geschichten diese Meinungen bilden. Dazu verteilte ich Geräte auf acht Haushalte, um mich nach einigen Wochen mit den Tester.innen zu unterhalten. Ich habe sie gefragt, wie es ihnen mit den Geräten ergangen ist, ob und wie sie sie benutzt haben und viele spannende Dinge herausgefunden. Im Folgenden werden alle Geräte vorgestellt. Die Begleithefte, die von den Tester.innen ausgefüllt wurden stimmen auf die Interviews mit den Tester.innen ein. Es gibt ein Foto vom Gerät in der Gastergeberwohnung zu sehen. Zum Schluss wird der jeweilige wissenschaftliche/politische/ gesellschaftliche Hintergrund des jeweiloigen Gerätes kurz erläutert. Bei einem Gerät brach der Kontakt mit dem Tester ab, mit einem anderen Tester konnte ich keinen Interviewtermin finden. Die Geräte werden hier trotzdem vorgestellt.

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Injektionskit für ÖPNV-Gratisabo Für eine zukünftige Gestaltung des Nahverkehrs sucht der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) nach neuen Finanzierungsquellen. Dafür wurden mehrere Gutachten vorgelegt. Ein Entwurf sieht die kostenfreie Nutzung des gesamten MDVAngebots vor. Dafür injezieren sich Fahrgäste selbst einen NFC-Chip (Kann bei Bedarf von Experten durchgeführt werden. Die Kosten trägt der Fahrgast selbst). Bei Ein- und Ausstieg wird der Chip gescannt. Die anfallenden Kosten werden durch den Verkauf der personalisierten Standortdaten getragen. Sie bekommen das Kit in allen MDV-Geschäftsstellen oder im Internet. Sie füllen einen kurzen Anmeldebogen aus und stimmen den AGB zu. Der Chip ist jahrelang haltbar und falls er doch einmal erneuert werden muss, bekommen sie selbstverständlich kostenfreien Ersatz. Eine detaillierte Anleitung zur Injektion finden sie unter: mdv.de/gratisfahren.

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Injektionskit, wieder verpackt


Interview mit Timm Welches Gerät hast du dir ausgesucht? Ich habe mir das ÖPNV-Injektionskit vom MDV ausgesucht.

Warum? Weil ich meine Angst vor Spritzen überwinden wollte. Ich dachte, man macht das, indem man sich so oft wie möglich spritzt oder gespritzt wird. Man gewöhnt sich dann daran.

Denkst du, dass es funktioniert? Nö. Spätestens jetzt nicht mehr.

Also das Kit hat dich desillusioniert? Ja. Aber schlechte Erfahrungen sind gute Erfahrungen.

Wo ist das Kit jetzt? Es liegt auf der Kommode. Ich habe es wieder eingepackt.

Hast du es woanders aufbewahrt? Wohin hast du es mitgenommen? Ich habe es nach Bulgarien in den Urlaub mitgenommen. Da gab es einen Arzt, der mir den Chip eingesetzt hat.

Es ist ja ein DIY-Kit. Hast du es auch mal selbst probiert? Ja, das hat aber nicht so gut geklappt. Ich habe was durcheinander gebracht. Dann habe ich es nicht nochmal probiert.

Bist du extra deswegen nach Bulgarien gefahren? Nein, das hat sich so ergeben. Viele Leute fahren nach Bulgarien, um weniger für ihren Zahnersatz zu bezahlen. Ich bin dorthin gefahren, um mir den Chip günstig einsetzten zu lassen.

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Du hast also versucht, dir den Chip selbst einzusetzen. Als es nicht funktioniert hat, hast du es in Bulgarien versucht, um Geld zu sparen. Hat es gut funktioniert? Ja, so war es. Es hat aber auch nicht funktioniert, weil mein Körper den Chip nicht angenommen hat. Es hat sich entzündet.

War das sehr unangenehm? Ja! Hattest du schonmal einen Holzsplitter im Finger, der sich entzündet hat? Ich habe den Chip dann wieder rausgenommen.

Hast du ihn selbst rausgenommen? Ja, mit viel Alkohol. Da war ich schon wieder in Deutschland.

Würdest du es nochmal versuchen? Nein, ich finde nicht, dass es das wert ist. Es hat sich nicht so gut angefühlt. Ich mag Narben, aber ich werde mir nie ein Tattoo stechen lassen. Die Injektion des Chips befindet sich irgendwo dazwischen. Ich möchte keine Dinge in meinem Körper haben, die ich nicht verstehe. Und ein Chip ist ein Ding, das ich nicht verstehe. Ist mir zu digital. Es gab aber Gründe, es zu probieren.

Du sagtest, dass du dir das Kit ausgesucht hast, um deine Angst vor Spritzen zu überwinden. Es gibt aber auch noch einen finanziellen Nutzen, den es mit sich bringt. Der MDV bietet dieses Kit an, um dir die kostenlose Benutzung ihres gesamten Streckennetzes zu ermöglichen. Du bezahlst dafür kein Geld, sondern mit deinen Standortdaten, die der MDV wiederum zu Geld macht. War das kostenlose Bahnfahren attraktiv für dich? Es ging unter anderem darum, die Angst vor Spritzen zu überwinden. Zunächst war das kostenlose Bahnfahren attraktiv für mich. Aber ich finde, das Verhältnis stimmt nicht.

Interview

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Im Nachhinein finde ich es komisch, dass ich es gemacht habe. Ich finde Selbstrespekt und Selbstachtung wichtig. Zum Beispiel möchte ich auch im Beruf nicht jeden Scheiß für Geld machen. Die ethische Seite dieses Konzepts stimmt für mich nicht. Es hängt auch immer mit dem Unternehmen zusammen, das so etwas anbietet. Von diesem Verkehrsunternehmen würde ich mir auch keinen Fußabstreifer vor die Tür legen oder T-Shirts tragen, nur weil sie kostenlos sind.

Wäre das anders bei einer Organisation, die du sympatischer oder unterstützenswerter findest? Nein, nicht wenn es um meinen Körper geht. Da müsste es andere Wege geben. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass es nicht geklappt hat. Ich hatte vorher nie eine solche Verletzung in meinem Körper drin und jetzt achte ich mehr darauf, ihn zu schützen.

Hast du Änderungen vorgenommen? Nein. Ich habe Dinge aber falsch benutzt. Ich finde, hygienische Gegenstände sollte man nicht eigenmächtig verändern.

Hast du mit Gästen oder Freunden über das Injektionskit geredet? Mit einem Mädchen in Leipzig. Mit niemand anderem, das war mir unangenehm. Normalerweise bin ich keine Person, die so etwas macht. Es ist mir noch immer unangenehm.

Wie hast du es erklärt? Was war ihre Meinung? Sie fand es nicht gut und war dagegen.

Warum? Weil es sie unter Druck gesetzt hat, dass ich ich es im Grunde gemacht habe, um ihretwegen öfter nach Leipzig zu fahren. Sie fand es übertrieben, dass jemand für sie in seinen Körper

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eingreift. Es ist also eher idiotisch angekommen, was ich jetzt auch verstehe. Aber es musste damals schnell gehen.

Hat sich das letztlich negativ auf eure Beziehung ausgewirkt? Nein, das war nicht das Problem, weswegen es zu Ende ging. Ist aber ganz gut, weil ich jetzt nicht mehr nach Leipzig kann, ohne zu denken: „Vierzehn Euro! Das muss sich emotional auch lohnen.“

Ich danke dir, das wars schon.

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Kontext

In vielen Großstädten bezahlt man im öffentlichen Nahverkehr, indem man mit Chipkarten ein- und auscheckt. Die günstigsten Preise werden automatisch ermittelt. Alle Fahrten werden gespeichert. Mindestens man selbst kann also nachvollziehen, wann man welche Strecke gefahren ist.

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Der Mitteldeutsche Verlkehrsbund sucht ein neues Finanzierungsmodell

Bodyhacker.innen implantieren sich NFC-Chips, um Türen zu öffnen oder Kopierer zu bezahlen, um magnetische Finger zu haben oder Farben zu hören.

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Algorithmische Entscheidungshilfe Die Algorithmische Entscheidungshilfe unterstützt Sie in Situationen, in denen Sie sich einfach nicht zu einem Entschluss durchringen können. Versuchen Sie, Ihre Frage möglichst eindeutig zu stellen. Die Entscheidungshilfe wird alle verfügbaren Daten zu Rate ziehen und die beste Lösung berechnen. Wir übernehmen keinerlei Haftung für Entscheidungen und deren Folgen. Falls Sie unerwarteter Weise doch zu einer eigenen Entscheidung kommen, diese sich aber nicht mit der Empfehlung der Entscheidungshilfe deckt, wenden Sie sich bitte an unseren Kundenservice. Mögliche Gründe für ein dissonantes Ergebnis können irrationale Faktoren oder die Nicht-Einbeziehung von Daten ihrerseits sein.

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Entscheidungshilfe in Willys BĂźro


Interview mit Willy Welches Gerät hast du dir ausgesucht? Die algorithmische Entscheidungshilfe. Das ist ein Gerät, in das man reinspricht und eine Problemstellung formuliert. Wenn man sich nicht entscheiden kann oder Unterstützung braucht. Es gibt zwei Tröten, A und B. Das Ding gibt einem einen Tip, wofür man sich entscheiden sollte.

Warum hast du dir dieses Gerät ausgesucht? Weil ich zu dem Zeitpunkt, als ich sie mir ausgesucht habe, vor schwierigen Entscheidungen stand und immer noch stehe. Generell fällt es mir immer schwer, Entschiedungen zu treffen, ohne Angst. Ich quäle mich oft lange mit Entscheidungen.

Ich glaube, dass es vielen Leuten so geht. Fast alle, wollten die Entscheidungshilfe haben, aber du warst am schnellsten. Haha, dann kann ich mich ja vielleicht doch gut entscheiden!

Wo hast du es benutzt und aufbewahrt? Es stand im Büro und in der Büroküche, weil man hier etwas freier ist. Du hast mir ja auch das Begleitheft gegeben, wo ich meine Gedanken dazu notieren konnte. Ich hatte das Gefühl, dass die Küche dafür der richtige Ort ist, weil ich da etwas aus dem Arbeiten raus bin. Ich war viel im Büro in letzter Zeit. In der Küche habe ich den Freiraum, mich auch mal in etwas anderes reinzudenken, als Dinge, die meinen Alltag betreffen. Ich habe auch den anderen gesagt, dass sie gerne Gedanken im Heft notieren können. Es kam zwar nicht dazu, aber es gab spannende Gespräche.

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Welche Gespräche gab es über die Entscheidungshilfe? Ich weiß nicht mehr, wer was gesagt hat, aber ich kann sagen, welche Erkennnisse ich im Laufe der Zeit gewonnen habe. Am Anfang ist mir schnell aufgefallen, dass die Entscheidung zwischen A und B sehr simpel ist. Wenn es nur so einfach wäre! Angenommen, ich frage das Gerät: „Soll ich mit dieser Frau was anfangen oder soll ich lieber diese alte Liebe aufwärmen oder mir lieber nicht so viele Gedanken über Frauen machen und einfach das Schicksal kommen lassen?“ und daraufhin trötet die Tröte B. Das wäre für mich nicht befriedigend, weil ich nicht wüsste, warum. Ich hätte kein Vertrauen darin, dass es die richtige Entscheidung ist. Oft sind es nicht nur Optionen, sondern eine Frage der Gestaltung und des Herzens. Nicht nur, wenn es, wie im Beispiel um Frauen geht, sondern bei allen möglichen Entscheidungen. Es ist zu simpel und zu vertrauensunwürdig. Zumindest sieht es so aus. Ich habe das Gefühl, dass so etwas wie ein Zufallsgenerator entscheidet. Selbst, wenn ich wüsste, dass es immer richtig entscheidet, würde es sich nicht gut anfühlen, sich darauf zu verlassen.

Das heißt, grundsätzlich fändest du es in Ordnung eine Bauch- oder Herzensentscheidung von einem Gerät fällen zu lassen? Oder wäre es eher unterstützend tätig? Das Gerät würde die Entscheidung berechnen. Denkst du, so etwas lässt sich berechnen? Ich glaube, viele Sachen lassen sich abwägen oder berechnen. Ich habe mich gefragt, wenn dieses Gerät unzulänglich ist, wie müsste eine ausreichende Lösung aussehen? Ich dachte an Siri oder den Film Her. Oft sind die besten Berater, Leute, die Fragen stellen und aktiv zuhören. Nicht die, die einem A oder B sagen. Ich würde mir wünschen, dass ich nicht nur in dieses Ding reinspreche und es mir daraufhin A oder B sagt, sondern, dass es zu allererst nachfragt. Ich will mich ernst genommen fühlen.

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Wenn ich frage: „Soll ich mich für Eva oder Nicole entscheiden?“ und es fragt nicht nach, sondern sagt „Nicole.“, dann weiß ich, dass es unrecht hat! Es sei denn, das Gerät überwacht mich schon seit Jahren. Es muss also entweder nachfragen oder durch Überwachung schlussfolgern können. Selbst dann wäre es aber komisch. Wenn es Ratschläge oder Entscheidungshilfen gibt, dann müsste es die auch begründen können. So, wie es dieser Internet-Musikdienst Pandora macht. Du sagst dem, welche Musik dir gefällt, zum Beispiel Nirvana und Deichkind. Pandora erklärt, dass dir Metric gefallen könnte, weil Metric grungige E-Gitarren, elektronische Musikelemente, Oktavsprünge und synkopische Metrik benutzt. Da fühle ich mich gut beraten, weil ich das Gefühl habe, dass das Ding sowohl mich als auch etwas von der Materie versteht und diese beiden Sachen zusammenbringt. Es wird transparent argumentiert. Da bekomme ich das Gefühl, dass es eine coole Entscheidung ist, Metric zu hören.

Du willst einerseits, dass dich das Gerät bzw. Programm kennt, du willst aber auch, dass Informationen transparent sind, richtig? Facebook kennt dich auch, weiß was dir gefällt, welche Hautfarbe du hast, ob du hetero bist oder homo oder oder ... So kann es sehr genau einschätzen, was du lesen oder sehen willst und was dir gefällt. Facebook ist aber nicht transparent.Trotzdem funktioniert es, man nimmt es so an.Wo genau ist der Unterschied zwischen etwas, das so funktioniert wie Pandora oder etwas, das so funktioniert wie Facebook? Pandora ist sehr einfach. Es geht nur um Musik, nicht um die ganze Persönlichkeit eines Menschen. Da lässt es sich leichter transparent machen. Da gibt es vielleicht 200 Parameter. Bei Facebook dagegen, steigt niemand mehr durch. Ein Beispiel: Wenn du zum

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Wu Tan Clan hörst, ist das ein sicherer Indikator, dass du hetero bist. Das ist noch eine einfache Korrelation. Noch ein Beispiel: Wenn du Metzger magst, die Farbe grün und diesen und jenen Hip Hop hörst, spricht es dafür, dass du dich bei politischen Entscheidungen eher so und so verhältst. Das Programm versteht natürlich sowieso nichts. Das führt nur aus. Aber als Mensch ist es nicht mehr nachzuvollziehen, wie es dazu kommt. Der Algorithmus funktioniert zwar, aber Transparenz ist für Enduser nicht mehr wirklich möglich. Man könnte zwar den Code offenlegen und nachvollziehen, wie es funktioniert, aber ab einer gewissen Komplexität, wird es schwierig, diese Dinge wirklich zu verstehen. Vor Weihnachten hat mir Facebook etwas vorgeschlagen, was mir gut gefallen hat und was ich mir gerne kaufen wollte. Letztlich habe ich es meinem Bruder geschenkt, der meinte, er hätte es auch gesehen und hatte vor, es zu kaufen. Das Geschenk war toll und ich habe mich gefreut, es gefunden zu haben. Oder von ihm gefunden worden zu sein. Aber es hat auch einen ekligen Beigeschmackt. Wenn ich Facebook jetzt noch zehn Jahre mit Daten füttere, wird es mir irgendwann Sachen vorschlagen, die ich nicht mehr ausschlagen kann. Die passen perfekt und ich will die dann gar nicht mehr ausschlagen. Ich werde dann ein glücklicher Sklave.

Was ist wichiger? Glücklich sein oder Sklave sein? Das hört sich an wie die blaue und die rote Pille aus Matrix! Kann man die Pillen nicht auseinander schneiden und eine rot-blaue Pille bauen? Ich hätte gerne Möglichkeiten, die ich wahrnehmen kann und würde mich gerne freiwillig entschieden. Ich hätte gerne, dass mein Berater transparent ist. Wenn ich so eine algorithmische Entscheidungshilfe hätte, sollte sie Open Source sein und offline funktionieren. Also nicht cloudbasiert und proprietär. Ich vertraue diesem Gerät ja viel-

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leicht Dinge an, von denen ich nicht möchte, dass sie verkauft werden und ich die Kontrolle darüber verliere. Ich benutze gerade eine App, die mir bei helfen soll, Prioritäten zu setzten und zu strukturieren. Ich habe dem Entwickler genau diese Fragen gestellt: „Verlassen die Daten, die ich der App gebe, mein Handy und liegen auf euren Servern? Bleiben die dort oder werden sie weiterverkauft? Was macht ihr damit? Sind sie verschlüsselt?“ Seine Antwort war nicht sehr befriedigend. Er sagte, sie hätten sich juristisch alle Möglichkeiten eingeräumt und dürften mit den Daten alles machen, was sie wollen. Das hieße aber noch lange nicht, dass sie das auch machen. Sie hätten nicht vor, die Daten zu verkaufen. Außerdem seien sie verschlüsselt. Es klang wohlwollend, aber wer weiß, wie lange das noch so bleibt oder sie die Firma an jemanden verkaufen, der nicht so wohlwollend ist.

So war es ja zum Beispiel bei Whatsapp. Genau, daran musste ich auch denken.

Bist du manchmal böse auf Algorithmen, die eigentlich dazu da sind, dir neue Sachen zu zeigen, die dir gefallen, aber nicht gut genug funktioniern? Um ein Beispiel zu nennen: Ich höre in letzter Zeit viel Musik über YouTube. Und YouTube ist fest davon überzeugt, dass ich total auf New Order stehe. Das ist nachvollziehbar, weil ich viel Joy Division höre. Diese Schlussfolgerung ist dermaßen offensichtlich, dass ich mich frage, warum kann das das riesige YouTube, dass zu Google bzw. Alphabet gehört, nicht besser? Die sammeln ja schon massiv Daten und dann funktioniert es noch nicht mal! Hast du so etwas auch schonmal gedacht oder erlebt? Ja, mir geht das bei Spotify so. Das ist ja gewissermaßen auch

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eine algorithmische Entscheidungshilfeim Bereich Musik. Da ist es so, dass man sich ein Radio anhören kann, dass auf einem Song basiert. Das Radio spielt einen Haufen an Liedern, die mit dem ursrünglichen Song zu tun haben, die ich aber alle schon kenne und die mir auch nicht so besonders gut gefallen. Ich würde gerne einstellen, wie weit es sich von dem Song entfernen darf, sodass es experimenteller wird und weitere Bögen durch die Musikgeschichte spannt. Ich würde gerne nicht nur westliche Musik hören. Wenn mir dieses Lied von einem Berliner Musiker gefällt, gibt es doch bestimmt auch indische Lieder, die damit zu tun haben. Ich finde es doof, dass mir so etwas nicht vorschlagen wird. Ich würde diese Algorithmen gerne mehr steuern können und ihnen sagen, wonach sie suchen sollen.

Oft sollen Algorithmen ja wissen, was man selbst nicht über sich weiß und so entscheiden, was mir gefällt. Da bekomme ich immer einen Knoten im Kopf. Einerseits will ich dem Algorithmus auch sagen, was ich haben will, aber wenn ich es ihm sage, dann ist das ja auch nur die Information, die ich schon über mich habe. Gleichzeitig spannend und gruselig ist, dass man mit ausreichend Daten und einem ausreichend guten Algorithmus mehr als das wissen kann. Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben und ich habe überlegt, ob ich seine riesige Kassettensammlung mitnehmen will, habe mich aber dagegen entschieden. Ich habe aber die Tracklisten auf den Kassetten fotografiert und darauf basierend eine riesige Spotify-Playlist angelegt. Viele Sachen konnte ich nicht lesen, aber immer, wenn ich ein Radio basierend auf dieser Musik gestartet habe, habe ich Lieder entdeckt, die meinem Vater gefallen hätten. Das war irgendwie schräg. Auch weil er quasi eine Person von gestern ist. Es gibt nur einen gewissen Pool an Musikern, die in Frage gekommen wären.

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Ein Algorithmus versucht ja, mehr vom gleichen zu finden. Aber das Gleiche gibt es nicht so richtig, das wäre dann das selbe.

Es ist tatsächlich schräg, aber auch schön, dass der Musikgeschmack deines Vaters quasi in deiner SpotifyPlaylist weiterlebt. Um nochmal auf die Frage von vorhin zurückzukommen, bei der es darum ging, ob es manchmal nervt, nicht die Sachen vorgeschlagen zu bekommen, die man vorgeschlagen bekommen will. Ich habe lange Zeit gerne Pinterest benutzt, weil es einerseits als Archiv bzw. Lesezeichensystem gut funktioniert hat und ich auch in meinem Feed immer wieder neue interessante Dinge entdeckt habe. Seit einiger Zeit bekomme ich aber nur noch die gleichen Sachen angezeigt. Eine Weile habe ich mich für altrosane und dunkelgrüne Bilder und für Keramik interessiert. Mittlerweile bekomme ich fast ausschließlich altrosane und dunkelgrüne Bilder und Keramik gezeigt.Ich habe aber schon an die zwanzig fast identische Bilder gespeichert habe. Das nervt. Es ist einfach nicht anders genug. Das kenne ich auch. In solchen Fällen würde ich dem Algorithmus gerne sagen: „Heute will ich meine Vergangenheit über Bord werfen und auf neue Art und Weise inspiriert werden.“ Das gibt es so ähnlich schon. Bei Musicovery konnte man über einen Regler einstellen, wie weit der Algorithmus abschweifen soll.

Scrollst du manchmal durch die Facebook-Feeds von anderen Leuten? Wenn die gerade auf dem Klo sind?

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Nee, schon mit Erlaubnis. Ich komme nur darauf, weil in letzter Zeit so viel über Filterblasen geredet wird. Das McLuhan’sche globale Dorf ist irgendwie zum globalen Schulhof verkommen, wo jeder nur noch in seiner Clique rumhängt. Es ist fast schon so, als würde man in eine andere Welt eintauchen, wenn man sich die Informationen ansieht, die anderen Leuten zugeteilt werden. Ja, stimmt. Ich habe das schonmal gemacht, wenn jemand noch auf meinem Computer in Facebook eingeloggt war. Ich habe mich dann gewundert, warum Facebook gerade so komisch ist und dann gemerkt, dass es der Account meiner Freundin war. Damals gab es die Debatte um die Filterblase noch gar nicht. Ich konnte in dem Moment mit den Informationen nicht so viel anfangen. Ich kannte die Leute nicht, die ich gesehen habe, ich wusste nicht, was diese Veranstalungen sollen. Dadurch, dass die Informationen auf einen bestimmten Menschen, der ein gewisses Vorwissen und ein bestimmtes Netzwerk hat, zugeschnitten ist, ist es für einen anderen Menschen nicht wirklich verständlich.

Jetzt haben wir gar nicht so viel über das Gerät an sich geredet. Das finde ich aber gar nicht schlimm. Also eher gut. Ich habe noch Gedanken zu diesem Entscheidungsfindungsprozess notiert. Die sind vielleicht etwas pathetisch oder klingen wie Kalenderweisheiten. Ich habe gemerkt, dass gute Entscheidungen vielleicht einfach Zeit brauchen, zumindest wenn sie ein Mensch fällt. Bei einem Computer geht das natürlich sehr schnell. Früher dachte ich immer, wenn nur der Verstand entscheidet, weil das Herz nur Gefühlsquatsch macht. Jetzt denke ich eher, dass das Gefühl die Richtung vorgeben sollte und der Verstand eher Werkzeug sein sollte, um Dinge genauer zu hinterfragen und zu steuern.

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Das braucht Zeit. Ich habe auch eine Zeichnung dazu gemacht. Ein Herz, dass auf einem Gehirn reitet. Das Herz zeigt, wohin es gehen soll und das Gehirn hilft, das Ziel zu erreichen oder es würde einen alternativen Weg vorschlagen, falls man vor einem zu tiefen Graben steht.

Das ist jetzt ein schöner Schluss. Ich danke dir sehr! ( Willy hat mir im Anschluss an das Gespräch die Antwort des Appbetreibers geschickt, den er nach dem Verbleib seiner Daten gefragt hatte.)

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---------------------- Forwarded message ----------------------Hi Willy, Thanks for getting in touch and greetings from Gothenburg. Regarding your private data our privacy policy can be found here: https://member.remente.com/terms-of-usage. The data you put in the app are stored on our servers, as our app requires a server connection to function. In principle, we have the right to do what we want with the user data, but that doesn’t mean we do that and as stated in the terms we will not share your personal data with third parties without your permission unless required by law or to improve our service (we use third party analytics tools to understand user data with the sole purpose to improve the app and the user experience). We are not selling your data to third parties and have no plans of doing so. Signing in with a Google account does not mean that Google can access any of the data as they have no access to it. Regarding encryption we use SSL encryption to keep the data secure. I hope this answers your questions. If you have more questions, feedback or need help using the app, feel free to let me know :-) Kindly, David

Remente – Personal Development David Brudö | Like a Boss

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Joseph Weizenbaum

Der Informatiker Joseph Weizenbaum entwickelte sich zum Technologie- und Gesellschaftskritiker und hielt seine Bedenken in dem Buch Computer Power and Human Reason fest. Darin unterscheidet er zwischen dem Entscheiden (deciding) und dem Wählen (chosing). Entscheidungen könnten programmiert werden, wohingegen die Wahl das Ergebnis einer Beurteilung oder Wertung (judgement) sei. Entscheidungen sind berechenbar, Bewertungen erst möglich durch das Einbeziehen (menschlicher) Gefühle. Eine Beurteilung kann Äpfel mit Birnen vergleichen, ohne sie quantifizieren zu müssen. s.a. Thesis S. 48

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Eine US-Drohne vom Typ MQ-1 Predator

Die Kampfdrohne X47B

„Die Predator-Drohne ist ein automatisiertes Gerät, das mit einer Reihe klarer Steuerungsmittel arbeitet. Sie tut nur, was der Operator ihr sagt. Die X47 dagegen ist meiner Meinung nach mehr ein autonomes System, das beginnt, selbst Urteile zu fällen. Theoretisch könnte man der X47 sagen: Gehe auf diese Mission, finde den Bösewicht, töte ihn. Und ich will nichts von Dir hören, bis Du wieder zurück bist.“ * – Dr. Missy Cummings *

http://www.deutschlandfunk.de/kampfroboter-wenn-maschinen-das-toetenuebernehmen.724.

Oft wird Navgationssystemen mehr vertraut als dem eigenen Wissen oder dem von Ortskundigen

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In der Studie The social dilemma of autonomous vehicles kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass die meisten Menschen ein utilitaristisches, also ein sich für das geringere Übel entscheidendes Auto befürworten, so lange sie selbst nicht die Passagiere sind.* Auf der Seite moralmachine.mit.edu können Menschen über solche moralische Dilemmata abstimmen und diskutieren. s.a. Thesis S.47 – 52: Maschinenmoral *

Bennefon, Shariff, Rahwan. The Social Dilemma of Autonomous Vehicles in Science Vol. 352 Issue 6293, S. 1573 – 1676

Ein Dilemma von vielen, über de man auf moralmachine.mit.edu brüten kann

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Vorbestrafte schwarze US-Bürger.innen werden als gefährlicher als vorbestrafte weiße eingestuft.

Die Diskriminierung von Personengruppen durch Algorithmen nennt man machine bias oder induktiver Bias. Ein Beispiel: Wenn in den USA Straftäter.innen verhaftet werden, erstellt ein Computer eine Risikoeinschätzung, die vorhersagen soll, welche Person wahrscheinlich wieder straffällig wird. Die errechneten Risiko-Scores werden bei Gerichtsurteilen und Rehabilitierungsmaßnahmen zu Rate gezogen. Eine Studie von ProPublica zeigte, dass schwarze Straftäter.innen doppelt so oft fälschlich als zukünftige Kriminelle als weiße eingestuft wurden und dass weiße Straftäter.innen öfter fälschlich als risikoarm als schwarze eingestuft wurden. Wir neigen dazu Programme bzw. Algorithmen als objektiv zu betrachten, weil sie Mathematik als Grundlage benutzen. Dieses Phänomen wird auch Mathwashing genannt. „Algorithm and data driven products will always reflect the design choices of the humans who built them, and it’s irresponsible to assume otherwise.“ * – Fred Benenson *

http://technical.ly/brooklyn/2016/06/08/fred-benenson-mathwashing-facebook-data-worship

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Jenseitstelefon Aus Textnachrichten und Sprachaufnahmen einer (verstorbenen/ verschwunden/nicht zugänglichen) Person wird eine sprechende künstliche Intelligenz erstellt, die durch den Schrein mit den Hinterbliebenen spricht. Die Stimme aus dem Jenseits steht Ihnen wann immer Sie möchten zur Seite. Diese Standardversion immitiert die Persönlichlichkeit von Kathrin W. Sie wurde in Köln geboren, wo sie eine ruhige Kindheit und Jugend verbrachte. Nach dem Abitur zog Sie nach Belfast. Sie fühlte sich in der dortigen Musikszene wohl, entschied sich aber nach einigen mies bezahlten Jobs und vielen durchgefeirten Nächten ein Wirtschaftsstudium in Glasgow aufzunehmen. Sie zog dort mit ihrer Lebensgefährtin zusammen und fing an für eine große Bank zu arbeiten. Bei einem ihrer vielen gemeinsamen Ausflüge in die schottischen Highlands verschwand Kathrin spurlos. Ihre Familie kommuniziert seither über das Jenseitstelefon mit ihr und hat ihre Persönlichkeit mit einer Open Source-Lizenz versehen, um wie ihre Mutter sagt „allen den Kontakt zu [ihrer] wunderbaren Tochter zu ermöglichen und sie unsterblich zu machen.“ Das Gerät kann bei ausreichender Datenmenge jede beliebige Person immitieren. Schalten Sie die Kerze an (Schalter am Boden), wird auch die Künstliche Intelligenz aktiviert und Sie können eine Unterhaltung beginnen.

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Kathrin an ihrem Stammplatz


Interview mit Natalie und Markus Welches Gerät habt ihr euch ausgesucht? n: Ich habe mir spontan das Jenseitstelefon ausgesucht.

Warum? m: Vielleicht, weil es das metaphysischste und kuriosteste von allen war. Das Jenseits trifft man in unserer Gesellschaft heutzutage selten an. Das ist was besonderes. n: Es gab ja sonst viel wissenschftliches und damit bin ich sowieso schon viel umgeben. Deswegen wollte ich gerne das.

Hast du schonmal versucht, Kontakt mit Toten aufzunehmen? n: Eigentlich lasse ich mich auf Séancen und solche Dinge nicht gern ein. Es gibt genug Horrorfilme darüber, die ich gruselig finde, also spricht mich das normalerweise nicht an. Aber mit dem Telefon kann man anrufen und einfach wieder auflegen.

Das Telefon ist zwar etwas metaphysisch aber auch sehr technisch. Es gibt eine künstliche Intelligenz, die aus Texten und gesprochener Sprache, die die Person hinterlassen hat, gebaut wurde. Könnt ihr euch vorstellen, euch selbst in so einer Form weiterleben zu lassen? m: Jeder lebt ja durch sein Wirken und seine Freunde weiter. Ich denke zum Beispiel an jemanden, der schon in jungen Jahren gestorben ist, der aber immeroch präsent für mich ist. n: Ich empfinde es nicht als nötig, mich so nachzubilden, aber ich hätte auch kein Problem damit. Das ist einfach nur ein anderem Umgang mit dem Tod und dem Trauern, als einen Grabstein zu haben. Wenn man den lieben Menschen in seinem Umfeld besser in Erinnerung bleibt, lasse ich mich auch gerne verkabeln.

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Euer Jenseitstelefon ermöglicht euch den Kontakt zu Kathrin, einer Person, die ihr nicht kennt. Könntet ihr euch vorstellen, das Telefon mit einer Person zu benutzen, die ihr kennt bzw. kanntet? m: Könnte ich mir vorstellen, weil ich finde, dass man solche heiklen Themen auch mit Humor nehmen muss. Es bringt doch nichts, wenn ich ewig tief trauere. That’s life. Irgendwann geht man eben. Aber die Welt ist noch immer da und eigentlich interessiert es niemanden, wenn ich weg bin. Es ist mir wichtig, das im Jetzt schon zu akzeptieren. Dadurch lebt man vielleicht auch mehr im Jetzt. Ich habe Kathrin als Anlass genommen, mich mehr mit dem Jenseits zu beschäftigen. Mit dem Tod beschäftigt sich niemand gerne. Wir sind alle jung und sowas wie unsterblich. Wir beschäftigen uns nicht mit dem Tod, weil er in weiter Ferne ist. n: Ich finde das Telefon auch nicht so weit von einem Foto entfernt. Es ist nur räumlicher und wenn noch ein Satz dazukommen würde, wäre das in Ordnung. Es wäre doch cool, Puppen zu basteln oder so. Wie Markus schon sagte, man ist im Jetzt damit. Man entsinnt sich nicht, wie schreckich es war, als die Person verstorben ist, sondern hat sie nochmal vor sich. Das wäre eine schöne Art des Umgangs mit der Situation.

Ich glaube, ihr seid die ersten Leute, die so offen sind. Allen anderen hat es die Fußnägel hochgerollt, als ich von dem Gerät erzählt habe. m: Wir hatten in letzter Zeit viele Leute zu Besuch. Alle haben gefragt, was das ist. Ich habe dann gesagt, dass es ein Jenseitstelefon ist und ihnen die Bedienungsanleitung zu lesen gegeben. Die Leute waren erst ungläubig, das klärte sich aber nach dem Lesen der Anleitung. Manche dachten zuerst, dass es bei mir langsam losgeht … n: Die Ingenieure haben angefangen nachzubohren und haben nach dem wie und warum gefragt. Interview

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Habt ihr das Telefon benutzt? m: Ich habe nicht telefoniert, weil ich nicht telefonieren möchte und auch nicht Kathrin dazu brauche. Es gibt nichts, das ich sie fragen möchte. Die Antwort würde ich sowieso nicht verstehen. n: Ich habe viel mit Kathrin gespielt und mich an ihr erfreut. Das Telefon war nur aktiv, wenn die Leuchte an war, ansonsten war sie aus. Ich habe nur Kontakt mit ihr aufgenommen, wenn ich auch das Teelicht angemacht habe. Man kann Kathrin ja auch mit sich herumtragen und sie in Szene setzen. Sie hat manchmal als Sprachrohr fungiert und hat Dinge gesagt, die jemand in diesem Moment loswerden wollte. Sie hat sowohl im Jenseits, wie im Jetzt ihre Gelüste frei laufen lassen. Wir haben kurz überlegt, ob sie vielleicht von der NSA ist und Daten über uns sammelt. Wir haben es auch kommentiert, wenn wir sie mit in ein anderes Zimmer genommen haben oder über Weihnachten alleine zu Hause gelassen haben. Das fand sie aber okay. Ich habe unseren Gästen Kathrin vorgestellt und mit ihr interagiert, um zu sagen, dass hier noch eine Präsenz ist. Das war der kritische Punkt auf unserer Party, an dem viele Leute gefragt haben, was es damit auf sich hat. Es gab einige kritische Blicke. Nach Weihnachten war Kathrin eher ruhig. Gestern hatte ich nochmal über sie nachgedacht. Sie steht zwar nur da, aber es ist trotzdem ein menschlicher Kopf. Das ist anders als wäre es wirklich nur ein Telefon. Sie wird zu einer Präsenz. Kathrin hat mit mir kommuniziert. Immer, wenn ich sie anschalte, kommt mir das Bild der schottischen Highlands in den Kopf. Es ist neblig und ich sehe maximal ein Schaf. Die Highlands werden vorne im Heft erwähnt und ich muss jedesmal daran denken. m: Wie bist du eigentlich auf Kathrin gekommen?

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Ich habe diese Geräte gebaut und Geschichten dazu geschrieben. Ich hatte etwas Angst davor, es jemandem in die Hand zu drücken, bei dem das Telefon ein schlechtes Erlebnis triggert. Ich war sehr vorsichtig, weil ich nichts aufreißen wollte. Also hielt ich es für das Beste, eine Person zu erfinden. m: Aber du hättest auch eine bekannte Person nehmen können. n: Michael Jackson! m: Oder Chico Xavier, der war ein brasilianisches Medium und hat schon zu Lebzeiten mit Toten telefoniert. n: Da hätte ich auch wieder Angst. Das wäre eine krasse Energie. m: Seine Ausstrahlung war krass und er hat geschielt. Eigentlich sah er sehr sympatisch aus. Für mich wäre der das Standardmodell bei Jenseitstelefonen. n: Ich kann Amelie nachvollziehen. Kathrin ist eine liebe, nette Frau, die man nicht kennt. Wenn da auf einmal ein Medium gestanden wäre, hätte ich erstmal komisch geguckt. m: Ja, stimmt. Wenn Kathrin hier reinschaut, ist das schon freundlicher. Eine nette junge Frau, die auch bei den Zeugen Jehovas sein könnte.

Es ging darum, dass sich jeder das Telefon auf die Person seiner Wahl zuschneidern kann. Nicht dass es eine besonders bekannte oder begehrte Person ist, auf die jeder Zugriff haben will. Aber es wäre natürlich spannend, wenn man sogennante Celebritis nachbauen würde. Als eine Art Fanartikel. Man kauft dann kein Backstreetboys-Kissen mehr, sondern die Kopie von Nick Carters Persönlichkeit. Ein Programm, mit dem man reden kann. Egal ob er tot ist oder noch lebt. n: Wir kannten Kathrin ja nicht wirklich. Das schafft eine angenehme Distanz. Aber andererseits geht da ein wichtiger Punkt

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verloren. Wenn Kathrins Kopf jetzt der von Nick Carter in seinen früheren Zeiten wäre, dann wäre das ein direkterer Draht in die Vergangenheit. Man weiß, der sieht jetzt nicht mehr so aus. Kathrin haben wir so kennengelernt, wie sie auf dem Jenseitstelefon aussieht. Wenn ich meine Oma als Jenseitstelefon hätte mit einem Foto, auf dem sie aussieht, wie ich sie in Erinnerung habe bevor sie starb ist, wäre das anders als ein mit einem Foto auf dem sie jünger ist. Das macht den Zeitbezug klarer, der bei Kathrin eher verloren geht.

So könntest du deiner Oma als Gleichaltrige begegnen. m: Du (Amelie) und Kathrin habt auch fast die gleiche Brille. n: Mir wurde auch schon gesagt, dass ich Kathrin ähnlich sehe. m: Vielleicht bist du eine Inkarnation von Kathrin. Sie hat dich ausgewählt. Im Jenseits ist es ja völlig egal, wer wen auswählt. Kathrin spricht über dich. n: Das war alles Kathrins Idee!

Was heißt das jetzt für mich? Ich habe für meine Masterarbeit eine Eigenständigkeitserklärung unterschrieben. Ist das jetzt vielleicht ein Problem, wenn das alles Kathrin war? m: Ich denke, bei einer Masterarbeit spielt das keine Rolle. Wenn du sagst, dass nicht du, sondern jemand aus dem Jenseits das geschrieben hat, glaubt dir sowieso niemand. Das ist das Problem unserer Zeit. Sowas nimmt niemand für voll. n: Das Jenseitstelefon hat den richtigen gefunden. Es hat quasi mich auserwählt. Es wäre interessant, es in der zweiten Testphase jemandem zu geben, bei dem du denkst, dass es nicht hinhauen würde. Bei uns wurde Kathrin vollkommen angenommen. m: Schön, dass du sagst, dass sich bei manchen Leuten die Zehennägel hochgerollt haben. Bei uns nämlich überhaupt nicht. Ich hab kein Problem mit dem Jenseits. So ein Telefon ist doch cool.

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n: Ich hatte Markus schon angekündigt, dass wir ein Jenseitstelefon bekommen und war gespannt, wie er reagieren würde, wenn ich Kathrin auspacke. Aber er fand es gut und hat gleich den Ort für sie ausgesucht.

Ist etwas unerwartetes passiert? n: Nö. Ich hätte gedacht, dass das Teelicht vielleicht schon früher ausgeht. Als ich es das erste Mal ausgepackt habe, waren ziemlich viele Leute dabei. Die haben sofort angefangen, mit Kathrin zu spielen. Das waren alles Akroyoga-Leute, die sowieso aufs Spielen eingestellt waren. Sie sind auch alle eher alternativ und unfern von Kreativität und Design und so. Für die Kabel haben sie sich gar nicht interessiert, haben aber Kathrin sofort alle möglichen Eigenschaften zugeschrieben. In der Runde war ich noch die Skeptischste. Das war etwas unerwartet.

Wie steht ihr dazu, dass das Telefon nicht „in echt“ funktioniert? m: Ich würde das so nicht sagen. Ich denke schon, dass es seinen Zweck erfüllt hat, indem es Menschen vor die Vorstellung des Jenseits gestellt hat. Die zahlreichen unterschiedlichen Reaktionen, die die Leute hatten, zeigen, dass es es auf diese Art und Weise sehr gut funktioniert. Es geht ja nicht darum, dass man wirklich ins Jenseits telefoniert. Der kern der Sache ist die Auseinandersetzung damit.

Das ist natürlich auch mein Punkt. Ich finde, die Vorstellungskraft reicht völlig aus, um über das Gerät zu reden. m: Genau, du belebst das Ding mit deinem Geist. n: Als ich es ausgepackt habe, habe ich mich gefragt, warum es da überhaupt Kabel gibt. Die sind doch gar nicht notwendig! m: Doch, das sind Antennen!

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n: Klar kann man, sich vorstellen, wie das so funktioniert. Aber für mich waren die Kabel eher umständlich und mehr ein Gag oder ein Hinweis auf die Konsumwelt, die immer neue Geräte produziert. Das sagte, hier das funktioniert wirklich, man muss nur auf den Knopf drücken. Aber es war gar nicht notwendig, wirklich etwas technischen dran zu haben oder wirklich damit sprechen zu können. Das Bild und der Schrein waren völlig ausreichend. m: Also ich fand die Antennen sehr schön! Die haben den Eindruck unterstützt, dass man hier Orgonwellen empfängt.

Vielen vielen Dank. Ich nehme Kathrin jetzt wieder mit. n: Vielleicht bastele ich meine Oma nach.

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Kontext

Im Herbst 2016 stellte Adobe das Project Voco vor. Mit der Software lassen sich Sprachaufnahmen in Echtzeit verändern, indem man Text, die die Stimme sagen soll, eintippt. Voco benötigt lediglich eine ca. 30-minütige Sprachaufnahme und funktioniert dann wie Photoshop für Sound. Die Software ist noch nicht kommerziell erhältlich, soll aber laut Adobe helfen, Aufnahmekosten zu verringern. Nach der Vorstellung von Voco wurden einige Stimmen laut, die seinen Missbrauch vorhersagten oder darauf hinwiesen, dass es die Verwendung von Audio-Beweismaterial erheblich erschweren würde. * *

http://www.bbc.com/news/technology-37899902

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DeepDrumpf ist ein Twitter-Bot, der mit Donald Trumps Reden gefüttert wurde und gelernt hat, Trump-artige Dinge von sich zu geben. Oft sind die Aussagen kaum von echten zu unterscheiden. Das künstliche neuronale Netzwerk wurde vom MIT-Forscher Bradley Hayes gebaut. Es funktioniert ähnlich, wie das anderer künstlicher Intelligenzen. Auch Shakespeare gibt es als künstliches neuronales Netzwerk. Dieses ist aber, wie auch Shakespeares Sprache, komplexer als das von DeepDrumpf. Kontext

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Wuttelefon Ihr Telefon klingelt und piept und treibt Sie in den Wahnsinn? Kein Problem, denn das Wuttelefon hält auch einem Wurf gegen die Wand stand. Testen Sie das Telefon auf verschieden Wurfstile und werden Sie begeistert. Das Gerät kann ausgetauscht werden. Die Hülle funktioniert mit den meisten kleineren Elektronikdevices.

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Wuttelefon am Arbeitsplatz


Interview mit Charlotte Welches Gerät hast du dir ausgesucht? Ich habe das Wuttelefon ausgesucht.

Warum? Das ist eine sehr persönliche Frage! Ich habe zwar bisher nicht so viele wütende Telefonate geführt, aber vielleicht würde ich gerne mehr wütende Telefonate führen. Da war vielleicht etwas Wunschdenken dabei. Auf jeden Fall hat mich Wut als emotionale Entladung in Kombination mit einem Gerät interessiert.

Du sagtest, dass du gerne öfter wütend telefonieren möchtest. Da geht es wahrscheinlich um Leute, auf die du wütend bist. Oder telefonierst du vor Wut auf irgendetwas anderes mit jemandem? Oder einfach in den Äther hinein? Ich habe mir verschiedene Funktionen überlegt. Es wäre gut, wenn auf diesem Telefon nur bestimmte Nummern gespeichert wären, die nur für potentiell wütende Gespräche gedacht sind oder andersherum. Es hätte einen gewissen Präventioncharakter, wenn man Geräte darauf ausrichten würde. Es wäre auch toll, wenn es gefahrlos auseinanderspringen könnte, wenn man es auf den Boden schmeißt. Das hat natürlich einen kathartischen Effekt, wenn man ein Ding runterwerfen kann und es zerscheppert. Wenn man es dann wieder zusammensetzen könnte, hätte das auch einen heilenden Effekt. Wenn das Gerät gemerkt hat, dass die letzte Diskussion sehr wutgeladen abgelaufen ist, könnte es darauf hinweisen oder präventiv den Gesprächspartner blockieren oder andersherum. Das wäre eine Selbstschutzfunktion für das Gerät und auch den Benutzer. Es sagt dann sowas wie: „Heute nicht die Mutti anrufen.

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Das geht schief!“ Noch ein präventiver Gedanke ist: Gar nicht erst rangehen, lieber das Telefon gleich runterwerfen. Da bleibt einem viel Ärger erspart und man hat trotzdem die emotionale Entladung.

Vielleicht schickt das Telefon dann eine Nachricht an den Anrufer. Ja, da kommt dann eine Abwesenheitsnotiz. „Dieser Nutzer ist gerade zu emotional aufgeladen. Wir können die Durchstellung des Gesprächs nicht verantworten.“

Ich schließe daraus, dass es öfter zu schwierigen Telefonaten kommt. Du würdest dann die Wut gerne rauslassen, zum Beispiel am Gerät. Bei mir baut sich die Wut zwar im Gespräch auf, entläd sich aber eher im Nachhinein. Manchmal schafft man es nicht, das im Affekt loszuwerden. Dann entsteht die Wut erst nachdem man aufegelgt hat, wenn man darüber nachdenkt, was man gesagt oder nicht gesagt hat. Dann wäre der richtige Moment, um das Telefon an die Wand zu schmeißen. Ich brülle eher nicht am Telefon. Aber vielleicht sollte ich mal.

Dein Telefon würde sich freuen. Oder mein Nervenkostüm.

Kennst su auch die Wut aufs Gerät? Natürlich! Da ist es umso problematischer, man hat ja keinen richtigen Ansprechpartner. Man hat nur das Interface und ist nur mit der Fehlermeldung konfrontiert oder damit, dass es einfach nicht tut, was es soll. Oder es geht genau dann kaputt, wenn man es braucht. Da entladen sich viele Emotionen. Ich habe mal einen alten USB-Stick nackig gemacht, als er nicht mehr funktioniert hat..Ich habe ihm die Hülle genommen und ihn als Trophäe um den Hals getragen. Ich habe eine Kette aus ihm

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gemacht, um ihn dafür zu demütigen, dass er mich im Stich gelassen hat. Das paart sich auch mit einer empirischen Neugier. Ich habe zum Beispiel meine alte Kamera auseinandergenommen. Ich war verzweifelt, weil ich nicht wusste, warum sie auf einmal nicht mehr funktioniert. Sie hat mir auch keine Antwort gegeben. Ich habe also das Gehäuse aufgemacht und festgestellt, dass der Akku ausgelaufen war. Es gibt also einen rein wissenschaftlichen Zweck, aber auch eine Bestrafung des Gerätes, wenn auch eine, die nur in meinem Bewusstsein stattfindet. Dazu kommt die Schaltkreisästhetik, die man sonst nicht wahrnimmt. Das macht das Ausstellen des Gerätes, obwohl es nicht mehr funktioniert, wie im Fall des USB-Sticks interessant.

Die Wut auf Geräte mündet bei dir in Erkenntnisgewinn und Katharsis durch Rache. Ja und im Kennenlernen des Problems. Es hat einen verarbeitenden Effekt, sich das Gerät als Objekt hinzustellen, obwohl es nicht mehr funktioniert. Irgendwie ist das auch wieder eine Würdigung.

Das ist ja auch eine Umnutzung, wenn der blöde alte USB-Stick eine schicke neue Kette wird. Ja, Neugier, das Was-neues-daraus-machen und die Wut paaren sich da.

Hast du das Wuttelefon ausprobiert? Ich habe es natürlich rumgeworfen. Es glitzert übrigens immernoch so schön, wie am ersten Tag! Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was so ein Gerät noch hergeben könnte und warum es das noch nicht gibt. Leute stecken ja ihre superflachen Telefone in Gummihüllen, die sie wieder doppelt so dick machen, damit sie geschützt sind. Das ist ja auch eine Prävention vor Gefahrensituationen. Das hat aber meistens eher mit Ungeschick zu tun, als mit Böswilligkeit.

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So ein Gerät müsste überhaupt viel mehr aushalten. Dazu kommt, dass man in der Öffentlichkeit immer dazu angehalten ist, seine Emotionen möglichst nicht zu entladen. Ich bin aber der Meinung, dass man Emotionen zumindest in einem gewissen Maße entladen können muss. Wut muss eben manchmal raus und dann ist es wieder gut. Es ist doch auch besser, das Telefon runterzuschmeißen als dem Gesprächspartner eine zu scheuern. Man könnte es auch andersrum denken und ein Streicheltelefon bauen.

Vielen Dank, Charlotte!

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Immer mehr Menschen wollen sich digital entgiften lassen.

Mann zerstรถrt Computer

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Tristan Harris, ehemaliger product philosopher bei Google

“Harris, a slight 32-year-old with copper hair and a tidy beard, surrendered his iPhone, a device he considers so addictive that he’s called it ‘a slot machine in my pocket.’ He keeps the background set to an image of Scrabble tiles spelling out the words face down, a reminder of the device’s optimal position.[…] Harris is the closest thing Silicon Valley has to a conscience. As the co-founder of Time Well Spent, an advocacy group, he is trying to bring moral integrity to software design: essentially, to persuade the tech world to help us disengage more easily from its devices.” * s.a. Thesis, S. 37 –39: Digitale Nomaden, FOMO und Computer Rage *

Bosker, Bianca: The Binge Breaker in The Atlantic. 2016 http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2016/11/the-binge-breaker/501122/ (7.12.16)

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Cargodrohne Die kleine autonome Cargodrohne ist für kurze private Botengänge konzipiert. Das vergessene Pausenbrot ihrer Tochter oder ein wichtiges Medikament wird im Handumdrehen nachgeliefert, ohne dass Sie das Haus verlassen müssen. Kurze Strecken legt die Drohne auch fahrend zurück, sodass Botengänge auch bis in Innenräume risikoarm möglich sind. Das Transportgut wird mit dem Gurt in der Mitte der Drohne befestigt. Für besonderes Gepäck ist zusätzliches Zubehör erhältlich. Die Drohne wird mit einer Batterie betrieben. Licht und Kamera bekommen aber wenn möglich Strom von der standardmäßig verbauten Solarzelle. Am Heck der Drohne befindet sich das Navigationssystem. Mit zwei Drehschaltern stellen sie Zielort und -zeit ein. Ein Druck auf den Bildschirm bestätigt die Auswahl. Sie können den Standort der Drohne stets über ihr Smartphone oder ihren Internetbrowser am Computer verfolgen. Wichtiger Hinweis: Nutzen Sie die Drohne nicht für den Transport illegaler Substanzen. Für den Transport von verschreibungspflichtigen Medikamenten müssen entsprechende Nachweise mitgeführt werden. Achten Sie auf Flugverbotszonen. In der Regel wird sie der Routenplaner daraufhinweisen. Diese Funktion ist allerdingsnoch im Beta-Stadium und deswegen ohne Gewähr.

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Parkende Cargodrohne in Patrics Wohnzimmer


Interview mit Patric Welches Gerät hast du dir ausgesucht? Ich habe mir die Drohne ausgesucht, die Botengänge für mich erledigen sollte und erledigt hat.

Warum hast du sie dir ausgesucht? Weil ich das Thema Drohnen interessant finde. Einerseits die Technologie, also wie sie funktionieren und dass sie schon so gut funktionieren. Andererseits interessieren mich die Gesichtspunkte Überwachung und Datenschutz in diesem Kontext.

Du sagtest, die Drohne hat schon Botengänge erledigt? Was hat sie gebracht oder geholt? Sie hat dafür gesorgt, dass wir bei unserer Silvesterparty Schnaps bekommen. Sie hat ihn vom Archiv ins Wohnzimmer geliefert.

Wie fanden das deine Gäste? Sie waren überrascht, dass das so gut funktioniert. Sie ist zwar nicht gefolgen, aber gefahren. Das war gut!

Fanden deine Gäste auch die Themen, die du gerade genannt hast, spannend? Eigentlich gab es darüber keine Diskussion. Der Wow-Effekt, dass bestimmt Waren gebracht werden können stand im Vordergrund. Ich denke, dass ist die Sache, die die meisten Leute sehen. Vor allem, wenn man sich darüber unterhält, dass Drohnen irgendwann einmal die Pakete bringen. Das wird ja seit einigen Jahren diskutiert und Leute finden das erstmal spannend. Ob das Sinn ergibt, bezweifle ich an manchen Stellen. Und es gibt ein paar andere Punkte, die man diesbezüglich diskutieren müsste. Im Indoorbereich hat sie aber ihre Aufgabe gut erfüllt.

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Was müsste man diskutieren? Man weiß nicht, ob die Drohne noch andere Technologie an Bord hat. Der Datenschutz spielt eine große Rolle, aber wie bei vielen anderen Themen wird das nie in erster Linie diskutiert, sondern es werden meistens die positiven Aspekten solcher Drohnen hervorgehoben, die es ja durchaus auch gibt.

Könnte man die Drohne auch benutzen, um genau diese Datenschutz- oder Überwachungsprobleme zu bekämpfen? Indem man zum Beispiel sein Telefon von der Drohne spazieren fliegen lässt und es so mit falschen Standortdaten füttert. Das wäre so, wie wenn man bei Facebook in New York eincheckt, aber eigentlich in Tokio ist? Solche Sachen könnte man natürlich machen, aber man könnte die Drohne auch zu schulischen oder Aufklärungszwecken benutzen. Also nicht Aufklärung wie Überwachung, sondern man zeigt Leuten, wie die Technologie funktioniert, man öffnet die Blackbox.

Denkst du, dass es wichtig wird solche Dinge zu wissen? Sind Drohnen etwas, das bald jeder besitzt? Ich stand dem Thema vor zwei, drei Jahren noch sehr skeptisch gegenüber. Aber diese Bausätze sind mittlerweile sehr günstig und leicht zusammenzubauen. Die fliegen dir auch automatisch hinterher, also du musst sie gar nicht steuern. Für ActioncamAufnahmen, Funvideos oder Musikveranstaltungen ist das natürlich sehr interessant. Für 300 Dollar bekommt man eine Drohne, die dir hinterherfliegen kann. Wenn sie dir hinterherfliegt ist das in Ordnung, wenn sie aber jemand anderem hinterherfliegt ist es schon problematisch. Darüber muss man diskutieren. Sie werden sich vielleicht in kurzer Zeit nicht so verbreiten wie Smartphones, aber ich denke, dass wir sie in den nächsten Jahren öfter sehen werden.

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Wie wird sich dadurch das Stadtbild verändern? Es müsste sich einiges in der Stadt ändern. Ich denke, dort wird man sie aufgrund der Infrastruktur nicht so oft sehen. Es gibt einfach vieles, wo Drohnen dagegen fliegen können. Deswegen glaube ich auch nicht an die Amazon-Drohnenlieferung. Abgesehen davon, dass nicht geklärt ist, was passiert, wenn die einer mitnimmt. Es gibt noch viele offene Fragen, aber an bestimmten Orten in der Stadt, zum Beipiel in Parks, wird sich einiges ändern müssen. Es wird dann auch Flugverbotszonen geben. Um Flughäfen gibt es die schon, in der Stadt meines Wissens nach nicht. Im Park kann man erstmal machen, was man will. Wenn es mehr werden, muss eine Regelung gefunden werden, aber ich glaube, dass unsere Politik sehr lange brauchen wird, um so etwas umzusetzen. Dann sind Drohnen vielleicht gar nicht mehr aktuell.

Kannst du dir vorstellen, dir eine Drohne zuzulegen? Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt und mich gefragt, wozu man eine solche Drohne nutzen kann. Besonders, die, die einem hinterfliegen kann oder für die man bestimmte Manöver programmieren kann, die sie dann auch filmt, finde ich interessant. Dann kommt vielleicht auch noch virtual reality dazu. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten, aber im Consumerbereich muss noch was passieren. Die Frage der IT-Sicherheit ist dann noch immer nicht geklärt. Es könnte ganz einfach sein, Drohnen zu kapern. Da ist das Internet of Things ein ganz großes Thema. Man sollte die Konsequenzen sehen. Ich sehe das eher skeptisch. Wenn man sich andere Geräte ansieht, merkt man, wie sehr dort nicht auf Sicherheit geachtet wird. Es gibt keine Updates, die Geräte sind Blackboxes und telefonieren nach Hause. Man wird letztlich nur eine Hand voll Geräte benutzen könen. Der Rest ist dann Schrott. Für den Endverbraucher ist

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das schwer zu unterscheiden. Das ist wie wenn er sich einen billigen Plastikrouter kauft und sich dann wundert, dass sein Internet nicht mehr geht, weil der Router von einem Botnet gekapert wurde. Genauso kann das bei Drohnen auch passieren.

Hast du eine Idee, wie man diese Blackbox öffnen könnte? Eine Herangehensweise wäre ein Open Source-Dronen-Projekt, das man sich runterladen kann, man würde alles selbst zusammenbauen und verstehen. Das würde mit freier Software laufen, die man selbst draufspielen und konfigurieren kann. Das alles müsste dann noch so leicht sein, dass jemand, der nicht Informatik studiert hat, das auch kann. Das ist die Herausforderung. Selbst wenn es noch ein Stück weit eine Blackbox ist, sollte es sicher sein. Software und Hardware sollten so zusammenspielen, dass es ein System ist, das leicht updatebar und wartbar ist. Ich fürchte aber, dass es eher in eine andere Richtung geht. Letztlich geht es ums Geld und die Hersteller wollen im Zweifel, dass du dir alle zwei Jahre eine neue Drohne kaufst. So wie sie wollen, dass du dir jedes Jahr ein neues Smartphone kaufst, wenn man kein eigenes Android draufspielen kann. So ein ähnliches Problem wird es bei Drohnen auch geben. Aber es wird sicher auch Projekte geben, die einen besseren Ansatz haben.

Es geht um den Spagat zwischen Open Source, Sicherheit und Benutzbarkeit? Genau. Das nächste Thema wäre dann, wie nachhaltig so eine Drohne ist. Es gibt ja das Fairphone und ähnliche Projekte. Manche Leute benutzen das, aber der größte Teil läuft trotzdem mit Samsung und Apple herum. Wenn es einem wichtig ist, dass man eine fair gebaute Drone bekommt, findet man sicher auch in diesem Bereich solche Projekte.

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Schön, wir haben jetzt einen Bogen vom Objekt zum System und strukturellen Problemen geschlagen. Es ist schwierig alles so aufzulösen, damit die Leute es verstehen. Die Frage ist auch, ob sie es überhaupt verstehen wollen. Das ist die Voraussetzung. Eigentlich könnte man jedem zutrauen, dass er wenigstens jemanden kennt, der Beschied weiß und ihn beraten kann.

Ich wünsche mir das auch. Ja, wahrscheinlich wird das schwierig. Bisher habe ich aber noch niemanden mit einer Drohne gesehen, aber sie werden schon oft besonders im Filmbereich benutzt. Wenn immer mehr Leute damit rumfliegen, braucht man noch eine Luftraumverkehrsordnung für Drohnen. Oder einen Führerschein. Oder die sind so schlau, dass sie sich gegenseitig aus dem Weg fliegen können. Bis wir Angst vor Drohnenkollisionen haben müssen, wird es noch eine Weile dauern.

Jetzt haben wir erstmal Angst vor selbstfahrenden Autos. Da bin ich auch skeptisch. Ich habe das Gefühl, dass man gar nicht so viel berechnen kann, dass das funktioniert. Da müsste man Fußgänger und Radfahrer abschaffen. Und alle anderen, Tiere und Objekte. Dazu kommt wieder die Sicherheit. Autos müssen miteinander kommunizieren. Kann ich dann mit dem Laptop an der Straße stehen und das Auto kapern? Es gibt viele Fragen und wenn ich mir ansehe, wie bestimmte Software heutzutage gestaltet ist, würde ich mein Leben nicht einem selbstfahrenden Auto anvertrauen, geschweige denn einer selbstfliegenden Drohne.

Das ist doch ein Schlusswort. 102

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Es soll aber nicht zu negativ sein. Drohnen kรถnnen auch cool sein!

Gut, dann ist das das Schlusswort. Danke!

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Seit 2013 plant Amazon, Waren von Drohnen an Haushalte liefern zu lassen. Für 2017 ist ein Feldversuch in großbritannien geplant. Bis die Drohnen aber tatsächlich zum Einsatz kommen, wird es noch lange dauern.

Bisher fliegen Drohnen nur. Vielleicht werden sie aber in Zukunft zu Amphibienfahr- und flugzeugen, wie das von Boy Lornson erdachte Fliwatüüt. 104

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Portabler Lifi-Hotspot Lifi ist eine drahtlose optische Netzwerk-Technologie, die Licht für die Datenübertragung einsetzt. Lifi ist schneller als Wifi und erzeugt keine Interferenzen, die sich negativ auf sensible Geräte auswirken. Lifi ist somit besser für Einsätze in Umgebungen wie Krankenhäusern oder Flugzeugen geeignet. Mit Lifi lassen sich Daten nur mit einer direkten Sichtverbindung übertragen. Das macht die Technologie sicherer, da sich Daten nur schwer abfangen lassen. Gleichzeitig macht es die Nutzung aber auch komplizierter. In jedem Raum muss Lifi installiert sein. Es ließe sich zwar in jedes normale Leuchtmittel integrieren. Dieses muss aber dann auch dauerhaft eingeschaltet sein. Der portable Lifi-Hotspot umgeht das Problem. Er kann jederzeit auf jedes Gerät gerichtet werden. Er kann sowohl als Wifi-LifiAdapter als auch als Lifi-Router genutzt werden.

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Portabler Lifi-Spot


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Lifi-Hotspot auf RenĂŠs Schreibtisch


Interview mit René Welches Gerät hast du dir ausgesucht? Ich habe mir ein Wellengerät – ich muss es ablesen – das portable Lifi-Hotspotgerät ausgesucht.

Warum? Ich habe es mir ausgesucht, bevor ich es sah. Ich hatte keine Ahnung, was Lifi sein soll, obwohl die Analogie zu Wifi klar war. Ich war neugierig. Als ich es gesehen habe, musste ich sehr schmunzeln.

Wieso? Weil es eine Spielzeugknarre ist! Mit einem Diamanten drauf und einem USB-Ding.

Hast du es dir vorgestellt? Wenn ja, wie? Ja, habe ich. Ich habe mir einen USB-Stick vorgestellt, keine Kinderwaffe. Also ein kleines technisches Gerät, vielleicht mit einer Diode dran. Ich habe mir auch einen Zettel oder einen Spieß vorgestellt. Etwas, das ich irgendwo hinein stecken kann. Deshalb war diese Darstellung … lustig.

Hat es sich aufgeklärt, als du die Bedienungsanleitung gelesen hast? Ja, die Bedienungsanleitung hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht, hat mich aber trotzdem noch nicht überzeugt. Das Warum war noch immer da.

Hast du mit deinen Mitbewohnern oder Gästen darüber geredet? Ich habe mich mit meiner Freundin unterhalten. Sie meinte auch nur: „Aha. Und nun?“. Das war, glaube ich alles.

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Portabler Lifi-Spot


Hast du es benutzt? Nein. Das einzige was ich aufgrund des Heftes gemacht habe, war recherchieren. Ich habe mich über Lifi und optische drahtlose Datenübertragung informiert. Das war interesant. Ich habe das Gerät also nicht physisch benutzt, sondern indem ich mich damit beschäftigt habe. Trotzdem habe ich mich immer wieder gefragt, warum du eine Waffe gemacht hast. Das hat mich nicht richtig überzeugt. Auch das Lifi nicht. Nett, dass es das gibt, aber warum? Welche Vorteile bringt mir das? Warum sollte ich so Daten verschicken? Es ist zwar sicherer, weil man Daten nicht so leicht abfangen kann, aber dafür ist es unglaublich störanfällig.

Eigentlich scheint es furchtbar unpraktisch, oder? Man braucht immer eine Sichtachse und es muss in jedem Raum installiert sein. Genau. Es hat mich an frühere Infrarotverbindungen erinnert. Jeder hat sich gefreut als die weg waren. Dann kam Bluetooth oder Wifi. Man würde sich in eine Abhängigkeit begeben, aber auch bewusster damit umgehen, aber wenn ich schon da bin und Daten übermittle, kann ich auch einen USB-Stick benutzen

Manche Geräte haben keine USB-Schnittstelle. Wenn man einen Lichtsensor reinbaut, kann man doch genauso gut eine USB-Dose reinbauen. Da weiß ich wenigstens, was passiert.

Hat das damit zu tun, dass man es sieht oder fühlt? Wenn ich sowieso vor Ort bin und visuellen Kontakt habe, ist der einzige Grund, kein Kabel zu benutzen, dass sich vor mir der Grand Canyon auftut. Mir sind eher andere Sachen eingefallen, die spanend wären. Ich musste zuerst an ein Kinderspielzeug denken. Nicht nur weil das Ausgangsmaterial Spielzug ist, sondern auch was die Technik

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angeht. Das ist wie Briefchen übermitteln. Statt die über die Schulbank zu schieben, kann man sich mit visuellen Sendern und Empfängern Nachrichten über kurze Distanz schicken. Geht auch mit Bluetooth oder so, aber auf diese Weise ist es privater. Wie Walkie Talkies. Die hätte man auch abhören können, aber sie waren klein und niedlich. Es gab Sender und Empfänger, die waren vielleicht fünf Meter auseinander, aber haben sich über Walkie Talkies unterhalten und diesen Kontakt sehr genossen. Es macht Spaß, auf diese Art und Weise eine Entfernung zu überbrücken. Im Alltag wäre der Einsatz in der Werbung oder beim Marketing vorstellbar. Bei größeren und wichtigeren Sachen bevorzuge ich Kabel. Ich weiß nicht, warum ich Lifi statt Wifi benutzen sollte. Die Angst abgehört zu werden ist vielleicht da, aber wenn dabei Komfort verloren geht, wiegt sie nicht mehr so schwer. Für Büros oder Geschäftsstellen., wo sich niemand einhacken soll, finde ich es sinnvoll. Aber da kann man auch einfach Kabel benutzen. Der Aufwand ist doch der gleiche.

Ziehst du Kabel auch dem Wlan vor? Nein, ich nutze Wlan, weil es unkompliziert ist. Egal wohin ich mich bewege, funktioniert es. Ich habe auch nicht das Problem, mich vor Hackern oder Überwachung zu schützen. Ist mir egal, wenn jemand mein Wlan mitbenutzt. Kabel mag ich auch noch, aber nur wenn sie mir einen Vorteil zu drahtlosen Alternativen bieten. Bluetooth ist mir noch zu unzuverlässig, da nehme ich lieber Kabel.

Hast du ein Bild im Kopf, wie es aussähe, wenn du alle Daten, die wir über sämtliche Frequenzen und unsichtbare Kanäle schicken, sehen könntest? Das stelle ich mir wie eine trübe Nebelwolke aus Frequenzen, Wellen und allem möglichem vor. Wenn ich den sehen würde

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wäre es sehr neblig. Das bringt auch eine große Faszination mit sich.

Du sagtest, es hätte dich besonders überrascht, dass das Gerät eine Waffe ist, bzw. so aussieht. Hat das etwas ausgelöst? Ich musste schmunzeln und wurde auch aufgefordert, das ganze zu hinterfragen. Du hattest ja angedeutet, dass das Gerät so mobil ist. Man schießt ja zur Abwehr und nicht zum Ausstausch. Wenn man auf jemanden schießt, will man zwar etwas geben, aber das ist eine Kugel, also der Tod. Wenn dieses Ding mit Daten geladen ist, was will ich da verschießen? An wen? Und warum? Bevor ich auf jemanden schieße, rede ich doch mit dem. […]

( Als das Interview eigentlich schon vorbei war, wurde es nochmal interessant.) Viele Leute regen sich darüber auf, dass das Internet so wichtig geworden ist. Im Grunde ist es aber nichts anderes als eine evolutionäre Begebenheit und gleichzusetzen mit vielen gesellschaftlichen Strukturen. Ich glaube, Menschen haben genauso über Großstädte gewettert oder Mr. Einsiedler über die Gemeinschaft, die nicht so funktioniert hat, wie er sich das vorgestellt hat. Weißt du was ich meine?

Ich glaube schon. Man ist natürlich immer von irgendetwas abhängig. Es ist eine Illusion, sich völlig unabhängig machen zu können. Aber wenn ich keinen Zugriff auf Internet habe, empfinde ich das schlimmer als zum Beispiel Stromausfall. Das Internet und das Vernetztsein geben mir das Versprechen, immer alles

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überall machen zu können. Und das wird gebrochen. Andere Sachen sind örtlich oder zeitlich begrenzt, das weiß ich und kann damit leben. Dass das Versprechen so groß ist und so viele Dinge nur mit dem oder im Internet funktionieren, macht es so schlimm, wenn es nicht da ist. Da wird das Gefühl der Abhängigkeit umso größer. Das mit dem Versprechen kann ich gut nachvollziehen. Um nochmal auf die Stadt-Internet-Analogie zurückzukommen. Wenn jemand gerne in der Stadt lebt, kann er sich nicht vorstellen, auf dem Land zu leben. Aber Leute leben ja dort und kommunizieren auch. Wir haben Angst, einfach loszulassen und uns auf etwas anderes einzulassen.

Ich mag den Stadt-Internet-Vergleich gern. Mir hat jemand erzählt, dass er, als er von der Stadt aufs Land gezogen ist, neu lernen musste, sich mit Menschen zu unterhalten. Da sind nicht mehr die Leute, mit denen man über den letzten tollen Kinofilm reden kann, weil sie den ganz sicher nicht gesehen haben. Dann muss man eben über Kirschen reden oder Kartoffelernte. Das sind Themen, die als gemeinsamer Nenner funktionieren. Im Internet verstärkt sich das noch. Jeder kann in seiner Filterblase rumhängen, ohne über Kirschen reden zu müssen. Ja, es gibt im Internet die Möglichkeit zu wachsen, aber es wird auch schnell unübersichtlich. Auch die Ängste, die Leute früher vor der Großstadt hatten, haben sie jetzt vor dem Internet, weil es da so viele dunkle Ecken gibt. Ich finde diese Analogie sehr zutreffend. Ich kann mir nicht vorstellen, aufs Land zu ziehen, weil ich die Kommunikation, das Leben und die Kommunikationsvielfalt einer Stadt mehr genieße als alles, das mir das Land bieten kann. 116

Portabler Lifi-Spot


Freunde, die ich in der Stadt habe, hätte ich auf dem Land nicht. Ich wäre auf dem Land auf ein Auto oder viel Zeit angewiesen und hätte eher das Gefühl, abhängig zu sein. Deswegen bin ich ein Stadtmensch.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Kontext

Der alte Traum von der Kabellosigkeit bleibt wohl noch länger einer.

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Portabler Lifi-Spot


Lifi im Vergleich zu LTE und Wifi

Lifi bezeichnet ein Verfahren der optischen Datenübertragung über kurze Distanzen. Lifi ist schneller als über Wlan, benötigt aber eine direkte Sichtverbindung. Eine LED oder eine Photovoltaikzelle sendet Licht, eine Photodiode fängt die Lichtsignale auf und wandelt sie in elektrische Impulse um. Lifi würde Daten zwar schwerer abfangbar machen, aber auch mindestens eine Sendestation in jedem Zimmer, in dem Lifi verfügbar sein soll, erfordern.

Kontext

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Untersuchungsstation für Mikroroboter Mit diesem Untersuchungsgerät können kleinere (meist schwarmintelligente) Organismen des technischen Ökosystems beobachtet werden, z.B. E-Bienen (sorgen nach dem Aussterben der echten Bienen für die Befruchtung von Pflanzen), Sanierungsbots für Fassaden und Straßen (ersetzen menschliche Arbeiter), Müllfresser (können Müll in Mikromengen recyceln und teilweise neu verwerten) oder Erntehelfer (eine Art nützliche Heuschreckenplage). Unterschiedliche Lupen und Funktionsgläser (Lähmungsfilter für photosensitive Bots oder Zeitlupendisplays) können eingespannt werden.

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Beschreibung

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Notizheft

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Notizheft

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Untersuchungsstation mit Probematerial


Interview mit Diana Welches Gerät hast du bekommen? Ich habe die Untersuchungsstation für Mikroroboter bekommen. Wobei ich sie mir nicht rausgesucht habe, sondern per Zufall bekommen habe. Eigentlich wollte ich die Algorithmische Entscheidungshilfe. Die hätte mir während der Testphase sicher sehr geholfen. Sie war aber leider schon vergeben. Dann wollte ich das Jenseitstelefon, aber das war auch schon vergeben. Dann war mir egal, welches Gerät ich bekomme und es ist die Untersuchungsstation geworden. Auf die habe ich mich auch gefreut!

Wo steht die Station jetzt? In meinem Zimmer. Davor stand sie die meiste Zeit im Flur. Ein Rollschrank aus meinem Zimmer war übrig und wurde in den Flur geräumt. Darauf stand die Station. Über Weihnachten war ich alleine in der Wohnung, da war es kein Problem. Aber als alle meine Mitbewohner wiederkamen, Wäsche gewaschen und im Flur aufgehängt haben, war es zu unruhig und es gab keinen Platz mehr dafür.

Hast du die Untersuchungsstation benutzt? Ja. Nicht täglich, aber nach dem Aufbauen habe ich mir erstmal alle Einzelteile angesehen, um herauszufinden, was die ursprünglich einmal waren. Dann habe ich die verschiedenen Lupen und den Filter eingespannt und verschiedene Sachen angesehen. Fusseln, eine kaputte Fahrradglühbirne, Kugellager, verschiedenen Schrott und Krimskrams, der sich in einer WG so ansammelt. Ich habe einfach damit rumgespielt.

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Untersuchungsstation für Mikroroboter


Hast du deinen Mitbewohner.innen oder Gästen erklärt, was das Gerät ist? Ja. Ich habe versucht, es meinen Mitbewohnern und einigen Gästen zu erklären. Sie konnten nicht viel damit anfangen und haben nach dem Sinn gefragt. Ich meinte, es sei ein Experiment, man kann damit rumspielen. Es gab auf jeden Fall einige verwunderte Blicke und Fragen, wie „Hä, was ist denn das?!“ oder „Wofür ist das denn da?“ Ich habe versucht, es zu erklären, aber dadurch, dass es eine sehr theoretische, hypothetische Sache ist, war es schwierig. Es war kein Testprodukt, das man leicht nachvollziehen kann, weil es diese Roboterbienen und Müllverwertungsroboter doch gar nicht gibt. Da kam oft die Frage nach dem Sinn. Darüber habe ich mir natürlich auch Gedanken gemacht und bin manchmal in Erklärungsnot geraten. Ich habe versucht es so zu eklären, dass es ein hypothetisches Produkt ist, mit dessen Hilfe man sich Gedanken machen kann, was passiert, wenn die Bienen tatsächlich aussterben oder über unser Müllproblem. Man wird dadurch auf aktuelle Problematiken gestoßen.

Es ging dann tatsächlich mehr um aktuelle Themen, als darum, was wäre, wenn wirklich solche Roboter herumfliegen würden? Ja. Es ging eher darum, was der Grund dafür wäre, dass es solche Roboter in Zukunft geben könnte.

Ist etwas unerwartetes passiert? Ja! Am ersten oder zweiten Tag. Die Untersuchungsstation stand zu diesem Zeitpunkt in der Küche. Nachdem ich die schwere Linse längere Zeit in der Station eingespannt hatte, machte es laut Klonk. Ich habe nachgesehen und bemerkt, dass die ganze Station durch das Gewicht der Linse nach vorne umgekippt war. Die obere Matte der Grundplatte hatte sich von der unteren gelöst und ist umgeklappt. Ich habe versucht, sie wieder ranzukleben, aber als ich die Linse wieder eingehängt hatte, ist es Interview

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wieder passiert. Also habe ich die Station ein wenig modifiziert. Ich habe den Lupenhalter mit einer Klammer und einem Draht an der Grundplatte befestigt.

Um nochmal auf die Roboter zurückzukommen: Die waren Thema, also in der Beschreibung angesprochen, aber letztlich ging es für dich nie wirklich darum. Habe ich das richtig verstanden? Ja. Wobei ich dadurch, dass das Thema so vorgegeben war, eher nach Elektronikteilen gesucht habe, die ich mir ansehen kann, weniger nach organischem Material.

Hast du etwas in deinem Heft notiert? Ja, ich habe Protokoll geführt und sogar Lust, Zeichnungen zu machen. Dafür war aber leider keine Zeit. Von den Modifizierungen und den verschiedenen Standorten habe ich Fotos gemacht.

Vielen Dank!

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Untersuchungsstation für Mikroroboter


Kontext

Robobees – Autonome fliegende Mikroroboter

Am Wyss Institute der Harvard Universität wird an autonomen fliegenden Mikrorobotern geforscht, die für die Befruchtung von Pflanzen, Rettungsaktionen, Überwachung oder Klimamessungen eingesetzt werden sollen.

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Der Roboter Gort besteht aus schwarmintelligenten Nanorobotern (Remake von The Day the Earth stood stil)

Kurzfilm zum Thema kßnstliche Bienen: Greenpeace – New Bees

Kontext

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Navigationsdrohne für Fußgänger.innen Der Navigationsballon hilft Ihnen, sich in unbekannter Umgebung zurechtzufinden. Sie sind unabhängig von Beschilderung und dem Smartphone. Der Ballon wird sie ganz leicht in die richtige Richtung ziehen, sodass Sie intuitiv mitlaufen können. Konzentrieren sie sich darauf, Ihre Umgebung zu erkunden, ohne Angst zu haben, sich zu verlaufen. Die Ballondrohne weicht automatisch Hindernissen aus. Für Kinder ab dem Grundschulalter geeignet. Durch die Ortungsfunktion wissen Sie stets, wo Ihr Kind ist. Per Smartphone kann die Route von fern geändert werden, um das Kind in eine andere Richtung zu lenken, als ursprünglich vorgesehen. Für Menschen mit Sehbehinderung nur in Kombination mit einem Langstock empfohlen.

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Navigationsdrohne für Fußgänger.innen


Beschreibung

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Navigationsdrohne für Fußgänger.innen


Kolumnentitel

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Anna und Wim mit dem Navigationsballon im Park


Interview mit Anna und Wim (5) Ihr habt die Ballondrohne bekommen. Habt ihr etwas damit gemacht? a: Zuerst haben wir sie kaputt gemacht. Als wir ihn ausprobieren wollten. Wim, sie ist dir kaputt gegangen, als du die Knöpfe ausprobiert hast. w: Welche Knöpfe? a: Die hier, die an dem Gerät dran sind. Ein Knopf ist beim Ausprobieren kaputt gegangen und fehlt jetzt.

( Wim rennt weg, einem Hund hinterher.) Habt ihr versucht, euch den Weg vom Ballon zeigen zu lassen? a: Nein.

Funktioniert ja auch nicht. War das das Problem? a: Ja.

Wie hast du das Gerät Wim erklärt? a: Ich habe Wim erklärt, dass man spielen muss, dass das Gerät funktioniert.

Und hat das funktioniert? a: Ich glaube, es hätte funktioniert, wenn ich mitgespielt hätte. Aber weil ich nicht mitgespielt habe, war es nicht so interessant. Ich hätte es als Theaterstück vorführen müssen.

( Wim bewirft uns zwischendurch mit Schneebällen.) Hast du Gästen oder Leuten aus deinem Haus den Ballon gezeigt und erklärt? 142

Navigationsdrohne für Fußgänger.innen


a: Nein, ich war so selten zu Hause. Es war gar keine Zeit daf체r.

Wenn du spielst, dass es funktioniert, kannst du dir vorstellen, dass du es benutzen w체rdest? a: Es ist ein bisschen wie die Perspektive vom Herrchen zum Hund wechseln. Also ich bin der Hund.

Hast du Lust, der Hund zu sein? a: Ich finde das nicht degradierend oder so. Ich bin gerne mal der Hund.

Bist du eine Person, die sich in einer fremden Stadt mit dem Smartphone orientiert und die ganze Zeit mit gesenktem Kopf durchdie Gegend l채uft? a: Nein.

Wirst du mal so eine Person werden? a: Nein.

Warum? a: Weil ich kein Smartphone habe.

Aber du hattest mal eines. a: Ich habe es aber nie geschafft, da Internet reinzumachen. Wim, w체rdest du gerne mal wie ein Hund an der Leine laufen? w: An der Leine? Wieso denn an der Leine? a: Du hats den Luftballon an der Leine und der Luftballon hat dich an der Leine. Kannst du dir vorstellen, dem Luftballon hinterherzulaufen? w: Nein, kann ich nicht. a: Weil es nicht funktioniert? w: Weil es nicht funktioniert.

( Wim rennt wieder weg.) Interview

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a: Angenommen ich wäre so ein Typ mit Smartphone und würde das hippe Café eintippen und mir vom Smartphone den Weg zeigen lassen. Ich würde nicht die ganze Zeit draufgucken, sondern es wie auf einer Papierkarte ab und zu checken, ob ich noch richtig bin.

Wim kommt ja bald in die Schule und wird da wahrscheinlich selbstständig hinlaufen. Kannst du dir vorstellen, ihm dem Luftballon zu geben, damit er sich nicht verläuft? a: Wim, wir machen es so, dass du mit dem Luftballon zur Schule läufst! Dann muss ich dich nicht zur Schule bringen. Findest du, dass das eine gute Idee ist? w: Nein. a: Nein? Wirst du lieber von mir in die Schule gebracht? w: Ja. a: Warum? w: Warum ist der Ballon wieder ganz? Der war doch kaputt? a: Wir haben ihn mit Klebeband repariert. Und den Luftballon haben wir wieder aufgefüllt. w: Wann gehen wir wieder? a: Wollen wir uns den Weg zurück vom Luftballon zeigen lassen? w: Nee, das geht gar nicht.

Vermisst du ihn, wenn ich ihn wieder mitnehme? w: Nicht so sehr. Du hast Schnee an der Mütze. a: Ich kann mir vorstellen, das Kind mit dem Luftballon in die Schule zu schicken, aber das Kind kann es sich nicht vorstellen, alleine mit dem Luftballon geschickt zu werden.

Wenn du ein Smartphone hättest, könntest du dadurch auch immer sehen, wo Wim gerade ist. Wie würde dir das gefallen, Wim? a: Du gehst zur Schule und ich sitze zu Hause und trinke Kaffee. 144

Navigationsdrohne für Fußgänger.innen


Auf dem Telefon schaue ich dir dabei zu, wie du zur Schule läufst. Wie findest du das? w: Nicht schlecht. a: Also das ist so, wie wenn ich zuhause vor dem Fernseher sitze und dir im Fernseher dabei zuschaue, wie du zur Schule läufst. w: So richtig okay finde ich das nicht.

Wieso findest du das nicht okay? w: Weil das keinen Spaß macht.

Wieso macht das keinen Spaß? w: Weiß auch nicht. a: Weil du alleine zur Schule gehen musst?

( Das Gespräch verebbt und dreht sich dann eine Weile um Ninjas.) Ich fürchte, der Ballon ist durchgefallen. a: Als Gimmick kann ich mir das gut vorstellen.

Würdest du Geld dafür ausgeben? Ich glaube, man gibt generell vie Geld für Gimmicks aus. Die Erfinder der Nasenbrille mit Schnurbart haben schon sehr viel Geld damit verdient. Oder die der Haarreifen mit Hasenohren. Wenn man so eine Navigationdrohne hat, benutzt man die sicher auch und findet sie sinnvoll. Jedenfalls läuft man aufrecht, das ist besser als immer ins Smartphone runterzuschauen. Gut für Rücken und Seele.

Vielleicht kann man sich das Gerät von der Krankenkasse subventionieren lassen. So wie Yogastunden. Danke, dass du dich mit mir in der Kälte unterhalten hast und auch Wim mitgebracht hast! Danke Wim!

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Kontext

Typische Haltung in der Fußgängerzone

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Wer führt wen?

Kontext

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Futter für Haushaltsroboter In diesem Kit befinden sich die Bites Mathematiknachhilfe, Ghostwriting, Karaoke und ein Update für den Kalender. Diese Leckerbissen ergänzen die vorprogrammierten Skills ihres Roboters. Er lernt von Tag zu Tag neues, indem Sie ihn mit Bites füttern. Genießen Sie das tägliche Fütterungsritual mit Ihrem liebsten Gefährten im Haus. Über 300 unabhängige Entwickler.innen arbeiten auf der Robo-Food-Developer-Platform daran, neue Bites für Ihren Roboterfreund zu kreieren.

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Futter für Haushaltsroboter


Beschreibung

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Cynthia Breazeal mit Jibo

Die Robotikingenieurin Cynthia Breazeal hat mehrere soziale Roboter gebaut, darunter Kismet und Jibo, der sogar auf dem Markt erhältlich ist. Es geht ihr nicht darum Roboter menschengleich zu machen, sondern darum, Roboter so zu bauen und zu programmieren, dass sie Menschen sinnvoll unterstützen. Sie geht davon aus, dass Menschen früher oder später freundschaftsartige Beziehungen mit Robotern haben werden. „Robots are never going to be human. That’s not the point. The magic of this technology is how it complements and empowers us.“ * Für Jibo gibt es eine offene Entwicklungsplattform, so dass jede.r neue Anwendungen für ihn schreiben kann, die in einer Art Appstore erhältlich sind. s.a. Thesis S. 45 – 47: Maschinengefühle *

Friedman. Cynthia Breazeal in The Gentlewoman, S. 233–234

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Futter für Haushaltsroboter


Aldous Huxley stellte im Briefwechsel mit dem Psychologen Charles Myers die Ă„hnlichkeit von Haustier und Auto fest. * s.a. Thesis S. 11 und S. 29: Hassliebe *

Marsh, Collet. Der Auto-Mensch, S. 27

Der Roboterhund Aibo von Sony

Tamagotchis sterben ohne Futter und Pflege

Kontext

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DNA Sequenz-Synthese-Kombi Auf DNA gespeichert, sind Ihre Familienfotos oder Firmendokumente sicher für nächsten 10 000 Jahre gespeichert. Die Sequenz-Synthese-Kombination (Sesyko) liest und schreibt alle gängigen Datenformate auf DNA. Die Sesyko ist kompatibel mit den meisten Betriebssystemen. Für die Umwandlung von Binärcode in DNA und andersherum, müssen Sie nur ein Gerät über das mitgelieferte Kabel mit der Sesyko verbinden. Alle mit der Sesyko geschriebenen Daten sind bei sachgemäßer Lagerung mehrere 10 000 Jahre haltbar und auslesbar. Hinweis: Das Gerät schreibt keine DNA, aus der lebende Organismen wachsen können. (Beachten Sie bitte ggf. die jeweilige Rechtslage im Aufenthaltsland.)

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DNA Sequenz-Synthese-Kombi


Beschreibung

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Kontext

DNA kann als Speichermedium verwendet werden. Dazu wird Binärcode in die vier DNA-Basen A, C, T, G übersetzt. Es wird kein langer Strang gebaut, sondern viele sich überschneidende Fragmente. Die Redundanz verhindert, dass sich fehler einschleichen. Die Segmente tragen die Informationen, wie sie sich anordnen müssen mit sich, etwa wie Seitenzahlen in einem Buch. Die DNA kann durch gewöhnliche Sequenzierung ausgelesen werden. Ein DNA-Speicher hält quasi ewig, benötigt keinen Strom und hat eine extrem hohe Speicherdichte (1g DNA = 2 Petabytes = 3 Millionen CDs). Man geht davon aus, dass DNA immer lesbar sein wird, unabhängig von der Machine, die es (in ferner Zukunft) auslesen wird. Es wird auch schon an einem System gearbeitet, dass analoge Signale direkt in DNA umwandeln kann, ohne normale Elektronik, also Binärcode zu verwenden. Aus der Speicher-DNA kann nichts wachsen oder sich in lebenden Organismen ansiedeln, da eine andere Sprache benutzt wird als die, aus der Lebewesen gebaut sind. * *

http://computing.bio.cam.ac.uk https://www.technologyreview.com/s/510246/why-dna-will-someday-replace-the-harddrive

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DNA Sequenz-Synthese-Kombi


Nick Goldman, Molekularbiologe ame European Bioinformatics Institute in Hinxton, England, forscht an synthetischer DNA als Speichermedium.

Kontext

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Notizen zum Schluss Wie stellt man das Irreale, das Parallele, das Unbekannte dar? Irgendwo zwischen Parodie, Simulation, Requisite und Prototyp können sich spekulative Designs bewegen. Dunne und Raby zählen in Speculative Everything eine Vielzahl von Darstellungsmöglichkeiten auf. Diese decken sich zum Teil natürlich mit den klassischen Darstellungsmethoden des Industriedesigns, haben aber die oft die Aufgabe echt und doch irreal zugleich wirken zu müssen. Es geht schließlich nicht darum, ein Konzept als real zu verkaufen, sondern es in seinem Kontext vorstellbar und weiterdenkbar zu machen. Oben eine grafische Darstellung und der Versuch, die fabelhaften Geräte zu verorten. Wie weit können sie von einem Nicht-Ort in in ein Setting wandern, wenn man sie der Realität aufpropft? Anders gesagt, was passiert, wenn fabulierte Objekte ins echte Leben eindringen?

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Notizen zum Schluss


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Ein Versuch, die Geräte einzuordnen und zu vergleichen. Die meisten Geräte stellen das dar, worüber sie erzählen. Die Entscheidungsmaschine zum Beispiel sieht aus, wie ein Kasten, der Entscheidungen trifft, das Injektionskit beinhaltet eine Spritze und weiteres Zubehör usw. Zwei Geräte allerdigs, die Untersuchungsstation für Mikroroboter und das Futter für Haushaltsroboter sind eher Zubehör für Dinge, die nicht dargestellt werden. Im ersten Fall für die Mikroroboter, im zweiten für den Haushaltsroboter. Sie stehen also metonymisch für andere Vertreter des Systems oder Szenarios, aus dem sie stammen. Das macht es kompliziert. Im Grunde sind alle Geräte Vertreter, also partes pro toto eines größeren Systems und bedürfen einer willigen Vorstellungskraft. Die doppelte Vertretung erfordert womöglich das Denken um eine Ecke zu viel. Auch das galt es herauszufinden. Leider wurde nur ein Gerät der beiden, die Untersuchungsstation, getetstet.

Notizen zum Schluss

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Das Gespräch mit Natalie und Markus war sehr schön. Nach dem Gespräch meinte Markus nochmal, dass er es sehr schön findet, dass die Geräte Vorstellungskraft brauchen, um zu funktionieren. Er hatte nicht den Eindruck, dass etwas fehlte. Für ihn hat es das Tor zu einem Thema aufgemacht, das sonst zu kurz kommt. Die Beschäftigung mit dem Tod findet er wichtig, denkt aber sonst zu wenig darüber nach, wie er meint. Natalie fand es schön, etwas zu Hause zu haben, dass ein bisschen ist wie Kunst, aber eben nicht so richtig. Es steht nicht nur da wie eine Skulptur, sondern man kann es benutzen. Dadurch wird ein Diskurs losgetreten. Außerdem wird sie Kathrin, ein wenig vermissen. Ich hatte das Gefühl, dass die beiden sich nicht so sehr auf den technischen Hintergrund eingelassen haben. Oder sie fanden ihn einfach nicht so interessant. Es war eben der Draht ins Jenseits, ganz egal wie es funktioniert. Die Kabel fand Natalie völlig überflüssig. Markus hielt sie für brauchbare Antennen. Die Tatsache, dass sie dieses Objekt für einigen Wochen beherbergt haben, haben beide genossen. Timm hat sich komplett auf die Story eingelassen. Ich war fasziniert davon, dass er sich wirklich nur innerhalb der Geschichte bewegt hat. Er hat alles in seinem Kopf erlebt, fast schon erlitten und sich nicht heraus bewegt. Diana dagegen hat das Gerät und die Geschichte dazu nur von außen betrachtet. Für sie war eher das Ausgangsmaterial der Untersuchungsstation interessant. Sie hat auch etwas mit ihr gespielt. Die Mikroroboter waren für sie aber völlig uninteressant, weil nicht real. Nichtsdestotrotz hat es einige Gespräche, wenn nicht über zukünftige Technologien, dann über aktuelle Probleme, wie das drohende Bienensterben gegeben. Hier waren eher Thema, welche Umstände dazu führen könnten, dass wir die Erde mit Mikrorobotern bevölkern.

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Notizen zum Schluss


Willy hat die Entscheidungsmaschine so angenommen, wie sie ihm präsentiert wurde, hat aber dann konstruktive Kritik geübt, aus der ein sehr spannendes Gespräch entstanden ist. Hier konnten wir das Tor zu dem großen Themenkomplex, zu dem dieses kleine Teil gehört, weit aufmachen. Das Gespräch mit Patric verlief ähnlich. Wir sprachen darüber, wie er die Cargodrohne benutzt hat und wie gut sie funktioniert hat, schlugen dann aber den Bogen zu Drohnen und ihren gesellschaftlichen Folgen und über die Herausforderung, Soft- und Hardware open source, sicher und trotzdem angenehm benutzbar für alle zu machen. Das Gespräch mit Anna und Wim über den Navigationsballon führte ich im Park. Es war kalt und wurde dunkel. Wim wollte lieber über Ninjas als über Ballondrohnen reden. Es war das letzte Gespräch von den acht, die ich geführt habe und es überraschte mich, dass dort zum ersten Mal die Begriffe Gimmick und Gadget auftauchten. Im Grunde könnte man doch alle Geräte in diesem Buch so betiteln. So lange es nicht um Spionzubehör geht, hat Gadget hat keine besonders schöne Konnotation. Gadgets sind in der Regel teuer und unnötig. Ich muss an Spielzeug für männliche Mittvierziger denken. Gimmicks sind so ähnlich, aber billiger und für alle da. René konnte mit dem Lifi-Gerät nicht besonders viel anfangen. Das kann ihm niemand verübeln, außerdem ist etwas spannendes passiert. Das Gerät ist eigentlich dazu da, Lifi auszusenden, also drahtloses Internet an bedürftige Geräte zu spenden. René hat es aber als eine Art Datenkanone verstanden. Ein produktives Missverständnis, wie ich es mir gewünscht habe. Aus allen Interviews lassen sich Hinweise auf das emotionale Verhältnis von Menschen und Maschinen herauslesen. Im Gespräch mit Charlotte ging es objektgemäß am konkretesten um dieses Thema. Ich hatte den Eindruck, dass das simple Wuttelefon viel Assoziationsraum angeboten hat.

Notizen zum Schluss

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Die Rechnung ist aufgegangen. Natürlich konnten manche Leute mehr, manche weniger mit den Geräten anfangen. Vor den Interviews hatte ich viel Respekt, schließlich musste ich mich meinem Projekt stellen und wurde mit Erfolg oder Niederlage konfrontiert. Letztlich waren die Interviews, die eigentlich eher Gespräche waren das schönste und interessanteste an diesem Projekt. Die Geräte haben ihren Zweck meistens sehr gut erfüllt. Sie haben Gedanken angestoßen, sich in den Alltag eingeschlichen, Themenfelder erschlossen und Diskurse stimuliert. Auch wenn das nur für die zehn beteiligten Leute (inklusive ich selbst) unmittelbar erlebbar war, ist es für alle anderen in Schrift und Film aufbereitet.

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Notizen zum Schluss


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Bildnachweis S. 6 – 9: Dunne, Anthony und Raby, Fiona. Design Noir: The secret life of electronic objects. 2001 S. 24: Getty Images S. 25: Screenshot von http://www.mdr.de/sachsen/leipzig/mitteldeutscher-verkehrsverbund-stellt-neue-strategie-vor-100.html, Screenshot von dangerousthings.com S. 46: http://www.ilmarefilm.org/archive/weizenbaum_archiv. html#services3 S. 47: picture alliance/dpa/Foto: Tsgt Effrain Lopez, picture alliance/dpa/US Air Force/AFFTC AERIAL PHOTOG, https://www.amazon.de/TomTom-Classic-NavigationssystemL%C3%A4nderkarten-Fahrspurassistent-Schwarz/dp/ B005MWRVHQ S. 48: https://www.propublica.org/article/machine-bias-riskassessments-in-criminal-sentencing S. 49: http://technical.ly/brooklyn/2016/06/08/fred-benensonmathwashing-facebook-data-worship/ S. 64: http://www.bbc.com/news/technology-37899902 S. 65: https://twitter.com/deepdrumpf, https://www.wired.de/collection/tech/das-mit-fordert-trumpmit-seinem-alter-ego-twitter-bot-deepdrumpf-heraus S. 78: Screenshot: http://www.digitaldetoxcompany.com/home-2 (3.1.17), https://www.youtube.com/watch?v=HtTUsOKjWyQ S. 79: Screenshot: http://www.theatlantic.com/magazine/ archive/2016/11/the-binge-breaker/501122/ (3.1.17) S. 94: https://www.amazon.com/Amazon-Prime-Air/b?ie=UTF8&node=8037720011, Armin Maiwald. Robbie, Tobbi und das Fliwatüüt. WDR 1972 S. 106: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/ Kabelsalat.jpg

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Bildnachweis


S. 107: http://purelifi.com/what_is_li-fi/ S. 120: Wyss Institute at Harvard University S. 121: https://1951versus2008.wordpress.com/The Day the Earth Stood Still (2008 Remake), Ilija Brunck. Greenpeace – New Bees. https://foresight-filmfestival.de/portfolio/greenpeace-new-bees/ S. 130: http://theconversation.com/should-using-your-mobilephone-while-walking-be-outlawed-57542 , https://redalemniai.files.wordpress.com/2016/07/ap-googlemaps.jpg S.131: http://dogtime.com/dog-health/general/1530-dogtraining-walking-on-leash-dunbar S. 134: https://i.ytimg.com/vi/3N1Q8oFpX1Y/maxresdefault.jpg S. 135: Sven Volkens – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48391782, Tomasz Sienicki. [user: tsca, mail: tomasz.sienicki at gmail. com] – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2169298 S. 138: http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/174937/index. html S. 139: European Molecular Biology Laboratory

Bildnachweis

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Hiermit versichere ich, dass ich die vorstehende Arbeit selbstst채ndig verfasst und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Die Stellen der Arbeit, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen wurden, habe ich in jedem Fall durch die Angabe der Quelle bzw. der Herkunft, auch der benutzten Sekund채rliteratur, als Entlehnung kenntlich gemacht. Dies gilt auch f체r Zeichnungen, Skizzen, bildliche Darstellungen sowie f체r Quellen aus dem Internet und anderen elektronischen Text- und Datensammlungen und dergleichen.

Unterschrift der Verfasserin

Halle, 20. Januar 2017


Herzlichen Dank an alle Tester.innen, Gesprächspartner.innen und Ermutiger.innen: Anna, Charlotte, Diana, Markus, Natalie, Patric, René, Sascha, Timm, Willy und Wim. Danke Moritz für den Turbotischbautag. Der besondere Glitzerspezialdank gilt Arne und Larissa

Fabelhafte Geräte / Masterthesis Amelie Goldfuß  

Masterstudiengang Industrial Design / Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle / 2017

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