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0,7 qbm essentials Minimalismus als Lebens form


Inhalt 3-5 Aufgabenstellung 7-13 Exkursion 15-19 Statement zum Minimalismus als Lebensform 21-27 Selbstexperiment 29-31 Szenariodarstellung 33-89 Entwurfsprozess 91-99 Ergebnis


Aufgabenstellung 4-5 0,7qbm essentialsMinimalismus als Lebensform


0,7qbm essentials Minimalismus als Lebensform Minimalismus und Design? Das klingt zuerst nach ästhetischer Konzeption. Doch Minimalismus kann mehr sein: Organisationsform, Weltanschauung, Lebensprinzip … Untersuchen Sie Minimalismus als Lebensform. Entwickeln Sie Szenarien eines radikal minimalistischen Lebensstils. Überlegen Sie, mit welcher Methode Sie dies am besten untersuchen und explorativ erforschen und probieren wollen/können. 1. Selbstbeobachtung Machen Sie Inventur Ihres Besitzes und entwickeln Sie eine Skala der Bewertung, eine Katalogisierung. Was bleibt übrig, was sind für Sie die unverzichtbaren materiellen Essentials? 2. Stellen Sie Fragen und spekulieren Sie Heißt nutzen immer auch besitzen? Wie erleben wir Besitz (und Nutzung) unter einem privaten und wie unter einem öffentlichen Fokus? Wie können Handlungen, die bislang - warum auch immer? - privat erfolgen und mit persönlichem Besitz verbunden sind, stattdessen kollaborativ erfolgen oder durch Dienstleistungen erfüllt werden? Welche Handlungen und welche Bedürfnisse könnten das sein? Wie könnte/sollte eine passende Community aussehen/sich organisieren/ funktionieren? Heisst Reduktion auf das Notwendige im privaten Besitz zwangsläufig auch Verzicht und Einschränkung? Was nutzen wir heute in digitaler Form, was vor 10, 15 Jahren noch ausschließlich analog nutzbar war? Und wie kann diese Entwicklung sich fortsetzen? Überlegen & beobachten Sie und stellen Sie viele weitere Fragen …

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3. Ziel Entstehen soll ein dinghaftes »Etwas«, auch genannt »Personal Living Unit«, das alle Gegenstände (um)fasst/ordnet/bewahrt und alle Handlungen/Prozesse organisiert, die in Ihrem Szenario für das »private Habitat« einer minimalistischen Lebensform nötig sind (nicht berücksichtigt werden Kochen und werkzeugintensives Arbeiten).


Exkursion 8-9 Kloster La Tourette, Lyon 10-11 Auftaktworkshop 12-13 Ergebnisse


Kloster La Tourette, Lyon Eine Exkursion zum Auftakt des Projektes führte uns nach Lyon, genauer gesagt ins Kloster La Tourette. Geplant und erbaut wurde es 19561960 vom bekannten Architekten Le Corbusier. Die Exkursion sollte einen intensiven un schnellen Start ins Projekt sowie eine Verbindung zum Minimalismus als Lebensform bewirken. Dafür bot das Kloster die perfekten Bedingungen. Die ruhige Lage sowie auch das Zusammenleben und der Umgang mit den Mönchen verschafften uns einen Eindruck jener Form minimalistischen Lebens. Verstärkt wurde jener Eindruck dadurch,dass jeder eine jener Zellen bewohnte, welches Le Corbusier nach seiner Proportionenlehre konstruierte und auch dementsprechend ausstattete.

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Auftaktworkshop

Katalysatoren für minimalistische Lebensformen

Im Workshop in La Tourette sollten Bedingungen, Chancen, Entwicklungen, Potentiale usw. für die Konzeption/Beschreibung von Szenarien minimalistischer Lebensformen ausgelotet, skizziert und/oder visualisiert werden. Zentraler Einstieg war hierbei die Frage nach dem Verhältnis von Individuum,Privatheit,Eigentum zu Gemeinschaft,Kooperation,Teilhabe und Zugang in verschiedenen relevanten Kontexten. Insbesondere sollte die - im Sinne des Themas spekulierende, unterstellende oder schon zu beobachtende - Verschiebung/Neujustierung dieses Verhältnisses als Gestaltungsaufgabe begriffen und dargestellt werden in Form von Thesen und Visualisierungen der Möglichkeiten und Wirkungen, Handlungen und Prozesse. Ein wichtiger Grundstein aller Thesen sollte die Frage »Was wäre wenn?« sein. Ziel war es, eine Bandbreite von Visionen, Bidern und Vorstellungen zu anderen,neuen Dienstleistungen,Konsum- und Besitzverhalten, Wohn-, Lebens-, arbeitsformen etc. - kurz zu verschiedenen Kultivierungsimpulsen und Ausdrucksformen für minimalistisch Lebensweisen, zu kreieren. Sowohl Diskutieren,zusammen oder auch in Gruppen, als auch gemeinsames Speisen führte zu Kommunikation und brachte viele Ideen und Ansätze.

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Ergebnisse Es entstanden fünf ausgearbeitete Systeme utopischer Szenarien. In jedem dieser Szenarien ging es darum, seinen Besitz zu teilen statt zu horte. Im übertragenenen Sinne, seinen Besitz zu minimieren und dadurch zu leihen, statt zu besitzen. Verschiedenste Ansätze waren dafür die Ausganspunkte. Diese sollten nun die Grundlage für eine Generierung von Szenarien

sein, welche die Basis für eine minimalistische »Personal Living Unit« bilden sollten. Exemplarisch für jene ausgearbeiteten Systeme und Szenarien sind hier zwei Ansätze abgebildet.

Was wäre, wenn es eine Pflichtversicherung für elekrtonische Geräte gäbe?

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Was w채re, wenn es nur noch ein eingeschr채nktes Privateigentum g채be?

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Statement zum Minimalismus als Lebensform 16-19


Statement zum Minimalismus als Lebensform Minimalismus in der heutzutage konsumorientierten Überflussgesellschaft? Auf der einen Seite gibt es Menschen, welche zu minimalistischen Lebensformen gezwungen sind, auf der anderen jene, welche sich bewusst dafür entscheiden. Doch ist ein bewusst minimalistischer Lebensstil bei all dem Überangebot an Allem überhaupt möglich? Dass waren die ersten Fragen die mir anfangs zum Thema kamen. Während minimalistische Entwürfe im Design immer zunehmen und an Beliebtheit gewinnen, so scheint sich die heutige Gesellschaft immer mehr davon wegzubewegen. Doch nach Recherchen im Internet bin ich relativ schnell doch fündig geworden: es gibt sie doch, die Minimalisten in unserer Gesellschaft. Jene schreiben in zahlreichen Blogs von ihren Lebensweisen und Erfahrungen, vom Befreien von jeglichem Überfluss bis hin zu Experimenten, in welchen es darum geht, sämtliche Hygieneartikel nur noch selbst herzustellen. Doch ist es dass, was ich unter minimalistischer Lebensform verstehe? Auf der einen Seite gibt es Menschen, welche zu minimalistischen Lebensformen gezwungen sind, auf der anderen jene, welche sich bewusst dafür entscheiden. Befreien von jeglichem Überfluss ist für mich der erste Schritt dorthin. Dafür ist eine persönliche Inventur die Grundlage. Wenn man jeden Gegenstand für sich bewertet, so behält man am Ende jene Gegenstände für sich, welche man als wichtig bzw. notwendig befindet. Dass soll jedoch nicht bedeuten, alles abzugeben, was man nicht zum Überleben braucht. Gemeint ist dabei beispielsweise eher: Benötige ich wirklich drei Jeanshosen oder reicht nicht auch eine? Brauche ich wirklich eine Bohrmaschine, oder kann ich sie mir bei Bedarf auch ausleihen?

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Das Bedürfnis spielt für mich beim minimalistischen Lebensstil diewichtigste Rolle. Je nach Bedürfnis zu handeln und sich danach zu oientieren kann schnell dazu führen, Dinge anders zu bewerten und deren Besitz bzw. Gebrauch zu hinterfragen. Somit ist Minimalismus als Lebensform für mich ein gesunder Mittelweg, welcher sich irgendwo im Bereich zwischen Überfluss und Armut befindet. Eben je nach Bedürfnis kann sich jener Bereich verschieben. Auf den folgenden Seiten sind Personen oder Situatione abgebildet, welche aus meiner Sicht, entweder gezwungerermaßen oder aus freinen Stücken, ein minimalistisches Leben führen.


Obdachloser mit Hab und Gut

Obdachloser auf der Suche

Not macht erfinderisch

Familie beim Campingausflug

Dauercampering Elfriede K.

Dauercamper? 19


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Backpacker auf Wanderschaft

Backpacker-Gruppe

Nomaden

Nomadenbehausung

Mietnomaden

Jobnomaden


Digitale Nomaden in Coworking-Space

Auftragskiller Leon

Zirkusdirektor Edmund F.

Zirkusakteur

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Selbstexperiment 22-27 14Tage-14Teile


14 Tage - 14 Teile

2.-16-November

Ich suchte mir 14 Teile/Dinge/Objekte aus meinem persönlichen Besitz in meiner WG aus. Davon versuchte ich, jeden Tag eines abzugeben um meinen Besitz zu minimieren und Dinge zu hinterfragen.Jedes der Teile sollte einen neuen Besitzer finden um im übertragenen Sinn ein zweites, neues Leben zu beginnen. Dafür setzte ich mir bestimmte Regeln: • Wegwerfen/Tauschen ist verboten • Verschenken/Verkaufen/Spenden • Auswahl/Kategorisierung durch Einteilung und Werteverteilung • Dokumentation:Tagebuch

14 Tage 14 Teile

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Meine Ergebnisse hielt ich in Tagebuchform fest. Darin befinden sich Texte und Bilder zum jeweiligen Objekt so wie ein kurzes Interview mit dem neuen Besitzer (soweit es möglich war). Das Ergebnis: Es war nicht leicht für jedes Objekt einen neuen Besitzer/Benutzer zu finden, und auch nicht leicht sich von manchen Sachen definitiv zu trennen. Jedoch war es ein guter Einstieg und hat als erster Schritt hin zum MInimalismus seinen Zweck erfüllt. Auf den folgenden Seiten ein Auszug daraus, Rechts sind die einzelnen Kategorien mit den Objekten aufgelistet.


1.Brauche ich nicht mehr

3.Benutze ich so gut wie nie

Jene Dinge finden in meinem täglichen Leben kaum mehr Beachtung. Dennoch nehmen sie Platz in meinem Raum ein.

Darunter verstehe ich Dinge, welche ich zwar, vielleicht schon sehr lange, besitze, jedoch nie oder nur sehr selten nutze. Ausleihen könnte eine Alternative sein.

• Lavalampe • 3-teiliges Golfschlägerset • Stuhl • Bild

• IKEA-Beistelltisch LACK • Superior Sandwich-Toaster • Dremel 3000 • Billabong Umhängetasche

2.Ist überflüssig bzw habe zu viel davon

4.Das wird mir weh tun

Dazu zähle ich Dinge, welche ich mehrmals, eventuell in verschiedenen Variationen besitze. Durch Bewertung all dieser entscheide ich, welche davon ich abgebe.

Um zwei Dinge für diese Kategorie zu finden, muss ich über meinen Schatten springen und abwägen, auf was bereit bin in meinem täglichen Leben zu verzichten.

• Levis Jeans • Radio mit integriertem CD-Player • Schreibtischleuchte • WESC Kopfhörer

• Mikrowelle • Vans Schuhe

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Tag 1 Ja, ich besitze im heutigen Zeitalter von MP3 und iPod noch einen Radio mit integriertem CD-Player...Doch warum eigentlich? Mama und Papa meinten: Junge, du brauchst doch Musik in deinem WG-Zimmer! Und schon hatte ich dieses Multifunktionsgerät, welches sogar separate Regler für Bass und Treble besitzt.Man höre und staune.Doch auf der Suche nach Gegenständen für Kategorie 2 war ich mir sehr schnell bewusst: Dieses Ding muss weg! Aber halt; was, wenn ich eine meiner zweifelsohne zahllosen CompactDiscs wieder ins Leben rufen wollte? Ich zählte nach, und kam auf ein eher schmeichelhaftes Ergebnis: Ich besitze in meinem WG-Zimmer sage und schreibe fünf CDs. Fast genauso groß ist die Zahl jener Geräte in meinem Besitz, welche ebenfalls Musik wiedergeben können: iPod,Laptop,Handy. Okay,lass jut sein,das Ding muss weg!

Tag 2 Seit fast vier Jahren befindet sich der Superior Sandwich-Toaster nun in meiner Wohnung. Aber viel mehr auch nicht.Oft benutzt habe ich ihn nicht.Nun gut,ein Sandwich-Toast mag ja ein gutes, schnelles und einfaches Gericht sein. Diesen Gedankengang hatte ich wahrscheinlich auch im Hinterkopf, als ich jenes Teil mit von meiner Heimat nach Halle befördert habe,mit der ständigen Angst des Verhungerns im Nacken und stets auf der Suche nach einer schnellen Malzeit. Doch durch viel Einsatzzeit glänzte der Sandwich-Toaster bis jetzt nicht, seine Fähigkeit als Staubfänger in meinem Regal jedoch ist bemerkenswert. In diesem Sinne ist es jetzt Zeit,einen Schlussstrich zu ziehen und jene Zusammenarbeit,nennen wir es mal so,zu beenden.

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Ich dachte, dass dies eines der Teile ist, welche ich eher nicht losbringen werde.Falsch gedacht!Ich lief sämtliche Elektofachgeschäfte und Werkstätten ab,da ich meinen Radio mit integriertem CD-Player dort sehr gut aufgehoben dachte.Und siehe da:Jener nette Herr rechts im Bild vom JP-Electronic-Geschäft in Halle zeigte sich äußerst aufgeschlossen und nahm das Teil sehr gerne entgegen. »Vielleicht werden wir es ausschlachten und einige Teile zur Seite legen.So etwas kann man immer mal wieder gebrauchen. Vielleicht zwar nicht in unseren Geräten, aber privat auf jeden Fall!Eine schöne Idee!« Okay, bis auf die Tatsache,dass das Ding noch funktionstüchtig ist und er brutal von »Ausschlachten« gesprochen hat,bin ich mit meiner ersten Aktion doch schon ganz zufrieden.

Ein Abnehmer hierfür war sehr schnell gefunden:die WG meiner Freundin. Nicklas S.,Maria R. und Franziska Z. heißen die Glücklichen neuen Besitzer dieses Gerätes.Als ich nur das Wort Sandwich-Toaster in den Mund nahm,sah ich das Funkeln in den Augen dieser drei Jungen Leute. »Wir haben schon so oft darüber gesprochen, doch irgendwie haben wir uns nie daruaf geeinigt,wer jetzt den SandwichToaster kauft.Unzählige Angebote in allen möglichen Prospekten haben wir bereits ausgelassen.Und teuer ist so ein Ding ja eigentlich nicht.« Dass das nun so leicht gehen würde,jenen Gegenstand abzugeben,hätte ich mir anfangs auch nicht gedacht.Bereits zwei Tage darauf kam dr Toaster zum ersten Mal zum Einsatz.

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Tag 3 Wie kann ein angehender Designer nur auf die Idee kommen, seinen Dremel samt Equipment abzugeben? Jenes Werkzeug,welches im Modellbau wie überhaupt im Arbeitsprozess doch unverzichtbar ist für so viele! Selbst auf der Werkzeugliste für alle Erstsemester steht es an erster Stelle!So auch auf meiner...Und tüchtig und motiviert wie ein angehender Student sein sollte, holte ich mir jenes Werkzeug brav, selbst wenn ich nicht einmal ansatzweise wusste,worum es sich dabei überhaupt handeln könnte.»Den brauchste schon«, meinte auch mein Papa.Jut, alles klar, gekauft.Doch heute frage ich mit, wo bleiben all die Momente und Augenblicke, welche mir mit dem Kauf dieses Teiles prophezeit wurden? Wo sind die Situationen geblieben,in denen ich Seite an Seite mit meinem Dremel gegen die Anforderungen des Designstudiums kämpfen sollte?

Tag 4 Was muss ich groß über dieses kleine Mobiliar erzählen?Wer hat in nicht irgendwo zu Hause stehen?Der IKEA-Beistelltisch Lack ist alles was man sich wünscht,nämlich billig,einfach und praktisch.Jawoll...Und für mich mittlerweile eher im Weg stehend als hilfreich.Ständig schiebe ich in von einer freien Fläche in meinem Zimmer zur nächsten,immer mit Bedacht dahin,wo er nicht stört und möglichst wenig von seiner prächtig strahlenden,zitronengelben Farbe präsentiert.Anfangs war ich noch überzeugt von meiner Farbwahl,ich dachte mir:Gelb ist das neue Schwarz!Mittlerweile muss ich jedoch gestehen:das schwarze Modell wäre auch schön gewesen.Nun ja,wie auch immmer...Die Zeiten ändern sich eben.

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Wer dieses schicke Gerät auf jeden Fall gebrauchen kann,wusste ich sofort:meine Freundin.Franziska Z. ist leidenschaftliche Bastlerin und liebt Modellbau im kleinen.Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie ihn bereits so oft benutzt hat,im Gegensatz zu mir.Da liegt ein Abkauf ja förmlich auf der Hand. »Mit einem Dremel kann man Sachen super bearbeiten.« Immerhin wurde ich mit 60 Euro entlohnt.Ein Freundschaftspreis,versteht sich,denn der damalige Neukaufpreis lag bei satten 99,95 Euro.Ein Wert, der sich bei mir nicht wirklich ausgezahlt hat.

Mein erster Versuch, den Tisch vor meiner Haustür zum Verschenken anzubieten, scheiterte kläglich:kein Abnehmer. Mein Notfallplan führte mich schließlich zu Flodders, einem kleinen Lädchen in Halle an der Saale, welches für seine Abkäufe und Verkäufe, besonders von Mobiliar,bekannt ist. »Für einen Euro kaufen wir dir das Ding ab.Der sieht noch sehr gut aus!« Wenn man bedenkt, dass dies immerhin ein Fünftel des Einkaufspreises ist,dann kann man es wohl als gelungenen Deal bezeichnen.Auch »Frau Flodders« zeigte sich mit dem Geschäft durchaus zufrieden.Bemerkenswert dabei ist, dass Flodders jenen Tisch,welcher bei IKEA für 4,99 Euro neu zu erwerben ist,den Kunden hier für 6 Euro anpreist.

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Szenariodarstellung 30-31 Der moderne Arbeitsnomade


Der moderne Arbeitsnomade Nomaden gibt es schon seit sehr vielen Jahrhunderten. Eine relativ junge Spezies dieser Kultur, der sogenannte Arbeitsnomade, ist dabei immer mehr auf dem Vormarsch. Ansässig überall und nirgendwo, wie es das Wesen der Nomaden mit sich bringt, ist jene Gattung überall in der Welt zu Hause. Mindestens ein mal im Jahr heißt es Umziehen, und sich deshalb auf den nötigsten Besitz beschränken: Laptop & Ipad, Klamotten, und nicht viel mehr. Gearbeitet wird von dort aus, wo man sich gerade befindet und wo man eben gerade sein muss. Trotz aller Umstände das Gefühl zu haben, sich zu Hause zu fühlen, und alles zu haben was man braucht, je nach Bedürfnis, ist eine große Herausforderung im Altag. Um dies alles zu bewältigen, ist man in manchen Situationen auf andere Personen/ Mitmenschen angewiesen. Denn im Gegensatz zu den immer in Gruppen umherziehenden Nomaden-völkern ist der Arbeitsnomade allein reisend. Doch aufgeschlossen und weltoffen, wie die Spezies des Arbeitsnomaden auftritt, ist es kein Problem, in Kommunikation mit anderen Menschen zu treten, was wiederum zu neuen Kontakten und Beziehungen rund um den Globus führt. Der Arbeitsnomade benötigt deshalb etwas, dass genau all diese Anforderungen erfüllt und außerdem seine Persönlichkeit transportiert.

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Entwurfsprozess 34-35 Volumendarstellung 36-37 Selbstbeobachtung 38-41 1-Wochen-Projekt 42-47 Inhalte und Organisation der Living Unit 48-51 Recherche 52-81 Skizzen/Modelle/Vertiefung 82-89 Umsetzung


Volumendarstellung Um einen Eindruck davon zu bekommen, welch ein Volumen 0,7qbm tatsächlich sind, wurden in Gruppen VolumenkÜrper visualisiert. Diese wurden improvisiert auf verschiedenste Art und Weise umgesetzt und dargestellt. Hier sind drei Bespiele abgebildet.

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Selbstbeobachtung

Zeitraum 17.-21.Oktober

Um nun selbst einen persönlichen Einstieg ins Projekt zu finden, führte ich eine Phase der Selbstbeobachtung in meinem Zimmer durch. Weiterhin versuchte ich dadurch, Gegenstände bzw. Inhalte der späteren »Personal Living Unit« zu definieren. Ich führte Buch über die Nutzung von Orten und Gegenständen/Dingen in meinen vier Wänden genauso wie über die Beschäftigungen an diesen Orten bzw. mit diesen Dingen. Anschließend erstellte ich kleine Tabellen und Zeichnungen, um die Ergebnisse zu veranschaulichen. Als Ergebnis blieb festzuhalten, dass die beiden meist genutzten Gegenstände das Bett und der Schreibtisch waren. Bei den Utensilien/ Gegenständen waren es der Laptop sowie Papier & Stifte. Dies könnten somit mögliche Inhalte einer »Personal Living Unit« sein.

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9.Sportutensilien »Welches Mobiliar nutze ich (außer Schrank & Kommoden zur Aufbewahrung)?« 1.Bett 2.Schreibtischstuhl 3.Schreibtisch 4.Sessel 5.Standleuchte 6.Hocker 8.IKEA-Pappkisten

Welche Objekte/Dinge/Gegenstände benutze ich (im Bereich Arbeiten)? 1.Laptop 2.Papier & Stifte 3.USB-Stick 4.Schreibtischleuchte 5.Cutter 6.Externe Festplatte 7.Nähmaschine 8.andere Welche Objekte/Dinge/Gegenstände benutze ich (im Bereich Freizeit)? 1.Laptop 2.iPod 3.Handy 4.TV 5.Verstärker & Boxen 6.Papier & Stifte 7.Kopfhörer 8.Hobby

Wo halte ich mich in meinem Zimmer auf? 1.Bett 2.Schreibtisch 3.im Sessel 4.auf dem Teppich 5.vorm Spiegel 6.am Fenster

Was mache ich an diesen Orten? Schreibtisch 1.Beschäftigung mit Laptop 2.Arbeiten/Zeichnen 3.Nähen Bett 1.Schlafen 2.Fernseh schauen 3.Beschäftigung mit Laptop 4.Hobby 5.Essen 6.Lesen Sessel 1.Beschäftigung mit Laptop 2.Fernseh schauen 3.Hobby Teppich 1.Sortieren/Aufräumen 2.Arbeiten

2.Objekte/Dinge/Gegenstände, ausgenommen Klamotten und ähnliche

1.Orte & Beschäftigungen(ausgenommen Essen & Trinken)


1-Wochen-Projekt

Szenario- und Mockup-Präsentation

In einer intensiven Arbeitswoche war es das Ziel war es, ein erdachtes Szenario durchzuspielen und eine Mockup-Modell einer auf jene Person des Szenarios zugeschnittene »Personal Living Unit« zu erstellen. Dies sollte zu einem schnellen Einstieg in die Gestaltungsphase verhelfen. Bei meiner Person handelte es sich um einen fiktiven Charakter: Paul.

Paul ist ein digitaler Arbeitsnomade Technomade.Er ist Mitte 30 und mehr als die Hälfte des Jahres rund um den Globus unterwegs. Dafür hat er stets seinen kleinen Koffer bei sich, welcher alles beinhaltet, was er benötigt.

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Alles, was Paul stets bei sich hat.

Komprimiert auf einen Stapel. 41


Doch das ständige Leben im Hotel und dadurch in Anonymität hat Paul satt. Er beschließt von nun an via Couchsurfing zu leben. Dafür hat er seine »Personal Living Unit«, mit welcher er nun von Wohnung zu Wohnung reist.

Als Rucksack wird die Living Unit auf dem Rücken bequem transportiert. Er erfüllt genau die Höchstmaße für das Handgepäck in Flugzeug sowie für die Ablage in der Bahn.Pappe simuliert hier Schaumstoff und Stoff. Wird der Rucksack aufgeklappt, so ergibt sich eine 1,80 Meter lange Matratze, auf welcher Paul in jeder Wohnung seinen privaten, kleinen Platz besitzt. In der Matratze befinden sich Taschen, welche seinen Besitz sowie ein kleines Besitelltischchen beinhalten. Die Klamotten werden dadurch als Polsterung genutzt. Pasul schläft sozusagen auf seinem gesamten Besitz. Zudem kann ein Teil der Matratze zu einer Lehne geklappt werden um aufrecht sitzen zu können.

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Inhalte und Organisation der Living Unit Anhand der Erkenntnisse meiner Beobachtungen und des 1-Wochen-Projekts legte ich die Bestandteile/Inhalte fest, welche meine minimalistische Wohneinheit in meinem Szenario definitiv beinhalten soll. Die folgenden Abbildungen stehen stellvertretend für einen Begriff.

1.Eine bequeme Schlafunterlage. Sie kann evtl. mehrere Funktionen einnehmen, nich nur die einer Matratze.

2.Eine große Fläche (hier exemplarisch ein Tisch). Diese kann beliebig bespielt werden.

3.Eine Sitzgelegenheit. Diese ist ein sehr wichtiges Element in jedem Raum.

4.Der Laptop. Eine bestimmtes Unterbringungsmöglichkeit muss dafür vorhanden sein.

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5.Eine Transportmöglichkeit. Für Erledigungen und Tätigkeiten außerhalb des eigenen Wohnfeldes.

6.Eine Lichquelle (neben der vorhandenen Raumbeleuchtung).Diese kann für Privatheit sorgen.

7.Persönliche Dinge. Hierbei sind Klamotten und Accessoires gemeint.

8.Hygieneartikel. Eine spezielle Aufbewahrungsmöglichkeit muss hierfür vorhanden sein.

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Im nächsten Schritt folgten Gedanken und Überlegungen zur Organisation und zum Transport der Wohneinheit. Diese veranschaulichte ich in Form von einfachen und teilweise improvisiert wirkenden Collagen. Dies war für mich eine gute und schnelle Möglichkeit, Sachverhalte und Überlegungen zu visualisieren.

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Recherche Recherchearbeit betrieb ich sowohl im Bereich der Nomadenvölker, als auch im Bereich der modernen Arbeitsnomaden. Auch der Film »Up in the air« mit George Clooney sowie das Buch »Jobnomaden« von Gundula Englisch gaben viel Aufschluss und Anregungen.

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Weitere Recherchearbeit betrieb ich in den Bereichen Prinzipien, Mechanismen und Materialien, welche auf den folgenden Seiten abgebildet sind.

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Faltmechanismus

Scherenmechanismus

Prinzip Spannen

Zeltstangen


Prinzip Tapeziertisch

Klappmechanismus

Prinzip Faltmatratze

Material Filz

Prinzip Schrauben/Gewinde

Material Wabenkernplatte 53


Skizzen/Modelle/Vertiefung Erste Ideenskizzen und auch konkrete Ans채tze arbeitete ich mit zeichnerischen Mitteln aus. Hier die Skizzen f체r einen Entwurf, welcher auf zwei Teilen beruht und mit der Multifunktion von Gegenst채nden spielt.

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Aus meinen Collagen heraus entwickelte sich auch die Idee, etwas mittels einer S채nfte zu transportieren. Hierzu Skizzen und Ans채tze.

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Den Ansatz der Sänfte verfolgte ich weiter und arbeitete ihn aus. Mit Modellen im MaĂ&#x;stab 1:10 spielte ich verschiedene Versionen durch.

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Bei diesem Ansatz dient ein Teil der S채nfte als eine Art Schrank/Regal, der Andere Teil fungiert als Tisch oder Liege.

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Es folgte ein 1:1 Funktionsmodell, welches gleichzeitig Inhalt der Zwischenpräsentation war. Weiterhin galt es, die Living Unit und den Ablauf im Szenario mittels eines kurzen Films (auf CD) anschaulich darzustellen. Ein Korpus bestehend aus zwei identischen Rahmen bildet das Grundgerüst. Darin werden die Essentials untergebracht.Unter anderem eine Faltmatratze, welche als Schlafunterlage und gleichtzeitig als Sitzgelegenheit dient. Rundstäbe können variabel am Korpus angebracht werden. Die Art der Anbringeung soll einfach und schnell funktionieren.So kann sich der Nutzer verschiedene »Living-Modi« bilden, je nach Bedürfnis.

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Das Funktionsmodell lieferte einen Eindruck über die Proportionen sowie die Funktionalität und mögliche Materialien der Wohneinheit. Das galt es nun zu verfeinern und aufeinander abzustimmen. Ich entschied mich für eine Umsetzung aus Eichenholz und legte die Proportionen fest. Eichenholz ist ein sehr hartes Holz und lässt sich gut verarbeiten. Zudem steht es für etwas Beständiges in einer Zeit von Schnelllebigkeit und Wandel.

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Für die Verbindungen der Beine spielte ich verschiedene Möglichkeiten durch, welche ich zeichnerisch festhielt.Sowohl eine Platzierung im Rahmen als auch an den Außenseiten kamen dafür in Frage.

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Klappmechanismus, auĂ&#x;en

weiterer Klappmechanismus, auĂ&#x;en

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Verbindung mittels Magneten, innen

Bajonette-Verschluss, innen

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Schraubgewinde,Metall oder Holz,innen

Verbindung mit GummizĂźgen,auĂ&#x;en

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Hier ein Modell, welches mittels kleinen DĂźbeln an der AuĂ&#x;enseite befestigt werden kĂśnnte.

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Um sowohl die Funktionalität als auch die ästhetischen Aspekte mit einzubeziehen, entschied ich mich für eine Verbindung durch Holzgewinde. Diese benötigt keine zusätzlichen Anbringungen oder Hilfen durch andere Materialien, sondern verbindet äußerst stabil Holz mit Holz. Zudem lassen sich dadurch eventuelle Bodenungleichheiten ausgleichen. Das Schneiden der Gewinde wurde durch einen spezieller Holzgewindeschneider (unten) ausgeführt.

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Bei der Innenausstattung der Wohneinheit entschloss ich mich für eine Kombination aus Filz und Gummis. Dabei sollte ein spannendes und trotzdem sehr einfaches, schlichtes Innenleben mit gespannten Gummis und Taschen aus Filz entstehen. Ich fertigte dafür zunächst Vormodelle von Taschen in verschiedenen Größen und Variationen. Wichtig war mir dabei, dass eine dieser Taschen gleichzeitig als eine Art Aktentasche dienen kann. Zudem machte ich versuche zur Anbringung von Filz und Gummis.

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Parallel dazu spielte ich mit unterschiedlichen Mitteln Anordnungsmรถglichkeiten des Innenlebens durch.

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Umsetzung Bei der Umsetzung begann ich mit dem Bau der beiden Holzschalen. Dies konnte ich in der Massivholzschreinerei WeiĂ&#x; in Neudorf bei Luhe durchfĂźhren.

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AnschlieĂ&#x;end folgte das Holzgewinde-Schneiden per Hand.

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Hier führte ich die Näharbeiten durch und befestigte dadurch sowohl Gummis als auch Druckknöpfe für die abnhembaren Taschen.

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Ergebnis 92-99 In Anlehnung


In Anlehnung „In Anlehnung“ ist ein schlichter, transportabler Entwurf eines Möbels, der auf dem Prinzip der Sänfte beruht und eine moderne Interpretation derer darstellt. Als einfache Möglichkeit, etwas gemeinsam mit einem netten Mitmenschen zu transportieren, trägt „In Anlehnung“ keine Person auf sich, sondern eine Persönlichkeit im Inneren.

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Der gesamte Besitz des Arbeitsnomaden ist in zwei identischen Eichenholzrahmen mittels Gummis und Filztaschen verstaut. Das Eichenholz steht in einer Zeit von Schnelllebigkeit und Wandel für Beständigkeit. Zusätzlich befindet sich im Inneren eine Faltmatratze, welche sowohl als Schlaf- wie auch als Sitzmöglichkeit dienen kann. Im Transportmodus liegen beide Teile aufeinander, im „Living-Modus“ können diese beliebig bespielt werden. Variable Rundstäbe können sowohl horizontal als auch vertikal mittels Holzgewinden am Rahmen befestigt werden. Einfaches Ein- und Ausdrehen macht dies schnell möglich. Dadurch erhält der Benutzer verschieden Optionen, sich seine „Personal Living Unit“ je nach Bedürfnis zusammenzubauen. Durch seitliche Griffmulden wird dies erleichtert. Die Rundstäbe dienen gleichzeitig dem Transport und kreieren dadurch das Bild einer Sänfte. 202

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Als Add-Ons enthält die Wohneinheit eine Faltmatratze und eine separate Lichtquelle. Diese kann für Privatheit im Raum sorgen. Desweiteren dient die große Tasche als herausnehmbare Tragetasche für unterwegs und bietet Platz für Laptop, iPad und andere Unterlagen. Die kleine Tasche ist als Hygienetartikel angedacht und ist ebenfalls abnehmbar. Ein Video über den Gebrauch der »Personal Living Unit« ist auf der CD vorhanden.

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Bedanken möchte ich mich bei meinem Vater für die Hilfe beim Bau. Weiterhin bedanke ich mich bei der Massivholzwerkstatt Weiß und Matratzen Rasch für deren Unterstützung.

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Betreuer Prof. Guido Englich Dipl.Des. David Oelschl채gel Hochschule Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Halle/Saale Druck DruckZuck Halle/Saale 2013


In Anlehnung / Florian Schregelmann  

0,7 cbm essentials / Minimalismus als Lebensform / Projekt im Studiengang Industriedesign / Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle / Win...

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