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NEUNUNDNEUNZIG UNBEK ANNTE BEK ANNTE


NEUNUNDNEUNZIG UNBEK ANNTE BEK ANNTE EIN

FOTOPROJEKT

VON

ANDREAS

UND

TOBIAS

VOEGELIN

·

BASEL

2009 –2010

VORWORT VON ANDREAS UND TOBIAS VOEGELIN M I T T E X T EN VO N DAV I D W O H N L I C H U N D BO R I S S C H I B L E R


ISBN 978-3-033-02789-3 © 2011 Fotos: Andreas und Tobias Voegelin · Basel © 2011 Texte: bei den Autoren 1. Auflage 2011 watchthebirdies · Feierabendstrasse 56 · CH-4051 Basel info@neunundneunzig.ch · www.neunundneunzig.ch Herausgeber: Andreas und Tobias Voegelin · Basel Texte von Andreas und Tobias Voegelin, David Wohnlich und Boris Schibler · Basel Fotos: Andreas und Tobias Voegelin · Basel Gestaltung und Satz: Oliver Greuter · Basel Steudler Press AG · Basel Gedruckt auf Lessebo smooth white FSC, 400 gm2 und hochweiss Profibulk 11 FSC, 170 gm2 Buchbinderei Grollimund AG · Reinach Printed in Switzerland


Irgendwann begann das gemeinsame Fotoprojekt

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von Andreas und Tobias Voegelin

Linie A Von Beziehungen und Portraitaufträgen – Oder: Der Mensch zwischen den Zeilen

11 113

von David Wohnlich

Linie B

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Fotografie ist Kommunikation

217

von Boris Schibler


Irgendwann begann das gemeinsame Fotoprojekt von Vater Andreas und Sohn Tobias. Die Idee war so einfach wie bestechend: Wir starteten mit zwei Personen. Jeweils ein SchwarzweissStudioportrait vom Vater und eine Farbaufnahme mit dem Lieblingsumfeld des Portraitierten vom Sohn fotografiert. Diese beiden Ansichten derselben Person wurden zu einem Bildpaar montiert. Die so Dargestellten suchten eine Nachfolge, welche sich wiederum auf dieselbe Weise von uns portraitieren liessen – bis wir neunundneunzig Personen fotografiert hatten. Jetzt, nach beinahe zwei Jahren, ist der fotografische Teil abgeschlossen und wir präsentieren unser Projekt in Form einer Ausstellung und eines Buches. Unsere Idee geht an andere Fotografen weiter, welche in anderen Städten und Ländern wiederum neunundneunzig Personen finden, die sich portraitieren lassen. In Aarau haben bereits zwei Fotografen damit begonnen, nach ihren Vorstellungen, unsere Idee weiterzuführen. Die Grundidee bleibt sich gleich: Neunundneunzig Personen mit je zwei Aufnahmen zu portraitieren, miteinander verbunden durch eine fotografische Stafette. Mit weiteren Fotografen in Indien und Südkorea sind wir im Gespräch. Anfang 2009 hatte sich die Idee eines Vater/Sohn-Projektes in unseren Köpfen festgesetzt. Der Übergang vom «Das-wäre-schön» zum «Jetzt-packen-wir-es-an» war fliessend. Der Startknopf war gedrückt mit der Gewissheit, dass eine Reise mit unbekanntem Ziel begann: Ein Weg mit vielen Begegnungen. Als momentane Begleiter wurden wir – Schritt für Schritt – zu Bekannten, entdeckten unser Gegenüber und formulierten unsere Sicht. Besser noch – wir fanden eine uns entsprechende Sprache, welche diese Begegnung protokollierte. Und da zwei Fotografen zwei verschiedene Situationen – Studio und Lieblingsort – fotografierten, wurde diese Sicht präziser. Zugegeben: Ein Mensch lässt sich nicht auf zwei Fotos reduzieren – auch nicht auf tausend – zum Glück. Aber wenn wir die Bedingtheit unserer Beobachtungen akzeptieren, entstehen synchrone Momente der Empfindung. Die Wahrnehmung des Fotografierten wird sich immer unterscheiden 7


von der Sicht der Fotografen. Und das ist gut so. Das macht das Fotografieren spannend und einzigartig. Die Fotografien sind die Bausteine, mit denen der Betrachter eine neue Geschichte schreiben wird. Wir sind weit entfernt davon, den Eindruck einer Objektivität erwecken zu wollen. Aber der Wunsch, unserem Gegenüber einigermassen gerecht zu werden, begleitete uns durch die ganze Arbeit. Wir hatten dem Interpretieren das Betrachten gegenüber gestellt, aber wir waren nie distanziert. Unsere Fotografie ignorierte bewusst die Tendenz modischen Darstellens. Wir konzentrierten uns auf eine der primären Aufgaben, dem Zeigen. Diese Reduktion weist auf das hin, was uns am wichtigsten erscheint: den Menschen. Peter Stein schrieb 1984 im Katalog «Riehener Künstler im Berowergut»: «... Ob spontan oder konzeptuell fotografiert wird, der abgedrückte Augenblick/Standort ist der positive, reduzierte Ausdruck von unendlich vielen Möglichkeiten. Der Vorgang, den die Fotografie festhält, ist die verdichtete Begegnung zwischen dem Aufnahmeinhalt und dem Fotografen. An dieser Stelle erlebt der Fotograf eine Spannung in sich, denn das ‹Erzeugte› ergibt sich nicht aus einer natürlichen Selektion, aus einem natürlichen Trieb, sondern aus einer willkürlichen, entschiedenen, beeinflussten, gewollten, vielleicht bewussten Auswahl: ein gewagter Eingriff in einer selbständig geordneten Umgebung. Der Betrachter jedoch erlebt die Fotografie nicht als Erzeugnis, sondern als ihm gegenüber hängende Gegebenheit, die genauso wenig zufällig da hängt, wie er selbst da steht. Er nimmt nicht wahr, dass er oder sie nicht da sein könnte.» Im Februar 2009 starteten wir das Projekt mit Menschen aus unserer nächsten Umgebung. Zufällig begannen wir mit Mona und Oliver, Tochter und Vater. Zufällig in dem Sinn, dass wir die Konsequenzen nicht abschätzen konnten, wen wir in der Folge portraitieren würden. Wohl wissend, dass bei anderen Erst-Entscheidungen vollkommen andere Reihen entständen. Die Aufnahmesituation bei den ersten Portraits unterschied sich klar von den weiteren, weil wir uns 8


schon kannten. Wie man sich sieht und wie man gesehen wird, lag darum hier näher beieinander. Dass wir mit zwei Personen gleichzeitig begannen und damit zwei Linien geschaffen haben – eine Linie A und eine Linie B – hatte zwei Gründe: Wir wollten den Verlauf der beiden Linien (A Mona und B Oliver) überprüfen und herausfinden, ob es signifikante Unterschiede gibt, wenn wir mit einer jungen Frau beginnen oder mit einem älteren Mann. War die aus unserem persönlichen Umfeld getroffene Auswahl der Erst-Portraitierten entscheidend für die Fortsetzung der Reihe? Da Mona ihre Mutter Verena und Oliver seinen Sohn Cyrill ausgewählt hatten, glich sich die Situation schon nach den ersten Schritten aus. Die ersten vier Portraits gehören alle zur selben Familie. Später erkannten wir, dass unter anderem Arbeitsplatz, Schule, Freundschaften und Freizeit entscheidendere Faktoren waren für den weiteren Verlauf. So fanden zum Beispiel Personen mit unregelmässiger Arbeitszeit ihre Nachfolge häufig im beruflichen Umfeld und 16-jährige Schüler wählten mit Vorliebe ihre gleichaltrigen Kollegen. Um aus dieser gleichbleibenden Reihe auszubrechen, mussten wir den zwölften Jugendlichen bitten, eine andere Altersgruppe zu wählen. Aber immer wieder bestimmten Freundschaft und Liebe die Auswahl. Es hatte aber auch einen praktischen Grund, dass wir in zwei Linien fotografierten: Sollte die eine ins Stocken geraten, konnten wir mit der anderen trotzdem weiterfahren. In der Praxis hatte sich dieser Entscheid als richtig und wichtig erwiesen. Neunundneunzig und nicht hundert Portraits: Mit der Zahl Hundert verbinden wir etwas Abgeschlossenes. Bei neunundneunzig bleiben wir vor dem letzten Schritt stehen und reichen das Projekt weiter an nächste Fotografen, welche unsere Idee an andern Orten weiterführen. So wird, ohne Anspruch auf Vollkommenheit oder Repräsentanz, an verschiedenen Orten eine momentane, zufällige Bestandesaufnahme entstehen, welche zukünftigen Betrachtern eine eigene Sicht auf Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geben wird. Wie sie diese Informationen 9


interpretieren werden, wissen wir nicht. Aber mit Bestimmtheit werden sie über die vorgefundene Vielfalt individueller Charakteren, Ausdrucksformen, Kleidung und Örtlichkeiten staunen – und das ist doch schon etwas. Für uns war dieses Projekt eine optimale Möglichkeit, mit vielen uns unbekannten Menschen in Kontakt zu kommen. Jede dieser Begegnungen war eine Bereicherung. Was wir dabei erfahren durften, wird uns nachhaltig begleiten. Das genaue Hinschauen und Hinhören hat uns mehr gezeigt, als wir auf den ersten Blick wahrnehmen und erhoffen konnten. Für einen kurzen Moment den Film anhalten zu können, wird eine immer wiederkehrende Sehnsucht bleiben. In diesem kurzen Zwischenbereich von Erlebtem zum Bildwerden liegt der Wunsch nach Unvergänglichkeit. Dieser Wunsch treibt uns immer wieder an, nach neuen Schnittstellen zu suchen. Mit unseren Fotografien konnten wir nur einen beschränkten Ausschnitt darstellen. Wenn künftige Betrachter bereit sind, sich auf diese Bilder einzulassen, werden sie an diesem Dialog teilhaben. Das entstandene Gespräch zwischen fotografierendem Sohn und Vater begleitet uns weit über das abgeschlossene Projekt hinaus und wird uns immer wieder zu neuen, spannenden Erlebnissen führen. Andreas und Tobias Voegelin

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LINIE A

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Mona Studentin der Politikwissenschaften, Islamische Welt und Arabisch Tochter von Oliver

Meine ganz eigenen Vorstellungen und Ideen nach aussen tragen und sehen wie sie sich wandeln und wachsen. Das ist mein Ziel. 12


Volleyballtraining im Schulhaus Margarethen 13


Verena Heilp채dagogin Mutter von Mona

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Lesen im Wohnzimmer 15


Beat Primarlehrer arbeitet mit Verena

Vernetzt in Basel, im Dorf mit Grossstadtflair 16


Reisen vorbereiten im Wohnzimmer 17


Ina Kinderg채rtnerin heiratet Beat

Ich lebe jetzt seit f체nf Jahren in Basel und f체hle mich sehr wohl. 18


Joggen im Allschwilerwald 19


Rahel Sprachheilkinderg채rtnerin befreundet mit Ina

Das zu Marco. St채rke, Gelassenheit, Geborgenheit, W채rme......Liebe 20


Pisoni-Brunnen, M端nsterplatz 21


Marco selbständiger Informatik Berater teilt bald die Adresse mit Rahel

«You do not talk about Fight Club.» 22


Spannung im Kino 23


Franziska Lehrerin Mutter von Marcos Patenkind und fr端here Freundin

Neues Spiel? 24


Blick zur端ck im Sch端tzenmattpark 25


Sonja Lehrerin seit der Schule mit Franziska befreundet

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Beim Tinguely Museum 27


Mathias Lehrer und Student seit der Schule mit Sonja und Franziska befreundet

Ein Ort der Ruhe und der Besinnlichkeit. Wenn ich nachdenken muss bin ich oft hier... in letzter Zeit muss ich oft nachdenken... und komme zum Schluss, dass es ist, was es ist. 28


Im Kreuzgang des Basler M端nsters 29


Evelyne Übersetzerin Kollegin von Mathias

It is with words as with sunbeams, the more they are condensed, the deeper they burn. Worte sind wie Sonnenstrahlen, je konzentrierter sie sind, desto mehr brennen sie. C’est avec les mots comme avec les rayons de soleil, plus ils sont concentrés, plus ils brûlent. 30


Ăœber dem St. Alban-Teich 31


Pidi Zeichenlehrer Onkel von Evelyne

«Guten Tag, mein Name ist Pidi … Pidi Zumstein.» 32


Mit dem M端nsterbaumeister Hans von Nussdorf im Genick, Martinsturm 33


Claudia Lehrerin und K端nstlerin Freundin von Pidi

Ich glaube ich habe meinen Ort gefunden. 34


Die spezielle Aussicht von der Terrasse 35


Nora Studentin Tochter von Claudia

Suche zuversichtlich und voller Freude meinen Weg. 36


Im Ausstellungsraum und Atelier H95 37


Balz selbst채ndiger Innenarchitekt und Designer gut befreundet mit Noras Mutter

Was ist was scheint warum wann und wo innen aussen T채uschung oder Wirklichkeit gl체ckt ganz glanzvoll 38


Spiegelungen des Ateliers im Hinterhof 39


Shakinah Tänzerin, Tanzlehrerin Kraniosacraltherapeutin, Alexander-Techniklehrerin Lebenspartnerin von Balz

Liebe macht blind Blindheit macht feinfühlig Feinfühligkeit macht mitfühlend Mitgefühl macht resonierend Resonanz macht lebendig Lebendigkeit macht liebend P.S. Liebe macht blind 40


Im Bauchtanzstudio 41


Mara Juristin und angehende Naturheilpraktikerin Bauchtanzschülerin von Shakinah

Mein nächstes Konzert, an welchem ich unbedingt live dabei sein möchte, ist ein intensives Vogelkonzert bei Sonnenaufgang mitten in der Natur. Die Eintrittskarte kostet die Bereitschaft, früh aufzustehen und ein paar Stunden Zeit. Dazu serviert wird eine Portion frische Frühlingsluft garniert mit feinem Frühlingsduft. 42


Lauschend zu Hause 43


Martine Unternehmensberaterin befreundet mit Mara

«I know what I am going to do when I don‘t know what to do.» Mein Grossvater hat dieses Zitat von mir in seinem Tagebuch festgehalten, das ich eben vor ein paar Tagen erhalten habe. Mir gefällt die scheinbare Widersprüchlichkeit in dem Zitat. Es scheint bei näherer Betrachtung sehr treffend zu sein. 44


Auf dem Bruderholz beim Predigerhof 45


Pierre Koordinator sehr guter Freund von Martine

Gib jedem Tag die Chance, der Beste deines Lebens zu sein. 46


Am Rhein 47


Sonja Kauffrau mit dem gewissen Etwas arbeitet mit Pierre

Was will ich machen, wo mĂśchte ich hin, wie will ich es schaffen? Habe viel gehĂśrt, viel beobachtet, viel gefragt, viel gesehen, viel verglichen. Ich schaue hinauf in den Himmel, hab Sonne im Herzen und den Schalk im Nacken und weiss, mein Weg ist der richtige fĂźr mich. Stay cool und mache das Beste daraus. 48


Peterskirche 49


Markus Feuerwehrmann zuk端nftiger Schwager von Sonja

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Berufsfeuerwehr Basel-Stadt 51


Sandro Feuerwehrmann löscht Feuer mit Markus

Ein Ort wo ich immer wieder gerne hingehe, denn dort treffe ich meine Freunde, kann den Sport ausüben der mir gefällt und geniesse immer eine schöne Aussicht. 52


Auf dem Rhein beim Weidling fahren 53


Pascal Polizist steht im Weidling mit Sandro

Für mich ist es das Schönste, die Freizeit auf dem Bach beim Weidling-Fahren oder in einer der zahlreichen Gartenbeizen zu verbringen. Ich kenne definitiv keinen schöneren Ort als: «z’Basel am mym Rhy»! 54


Auf dem Dach des Messeparkings 55


Sissi Polizistin Berufskollegin von Pascal

Auf gute Freunde, verlorene Liebe, auf alte Gรถtter und auf neue Ziele, auf den ganz normalen Wahnsinn, auf das was einmal war. 56


Im Innenhof des Polizeipostens Spiegelhof 57


Sara Juristin seit Jahren mit Sissi befreundet

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Auf ein k端hles Bier mit der besten Freundin 59


Damien Koch gut befreundet mit Sara

«I’m living on an island in the middle of Europe, after all I grew up on an island surrounded by water.» 60


Drei KÜnig-Weglein, täglicher Arbeitsweg 61


Andy

bester Freund von Damien

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Petersplatz 63


Samira Sch端lerin Tochter von Andy

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Petersplatz 65


Warda

Freundin von Samiras Vater

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Spalentor 67


Begi

arbeitet mit Wardas Freund

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Treffpunkt Piano Bar 69


Alex Ă„rztin hat ihre Wohnung an Begi weiter gegeben

Das GlĂźck am Ufer eines Flusses 70


Auf einen Kaffee mit dem F채hrimann, Ueli F채hre 71


Rémy Fährimaa Freund von Alex

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Ueli F채hre 73


Silvia Hauspflegerin und Mutter seit langem mit RĂŠmy befreundet

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Botanischer Garten, Viktoriahaus 75


Beat Musiker Silvias Sohn ist das Patenkind von Beats Frau

Hänge die Stange immer ein wenig höher als du kannst, dann stösst du dir nicht den Kopf an beim unten durchgehen. 76


Mit dem neuen Schlagzeug im Dachstock zu Hause 77


Arthur Inspizient Lieblingsinspizient von Beat

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Cargo Bar am Rhein 79


Roli Beleuchter f채ngt ohne Arthur nicht an

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Eoipso, Lounge im Gundeldingerfeld 81


Graziano hat einen 채hnlichen Musikgeschmack wie Roli

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NT-Areal 83


Andrea Kulturmitarbeiterin «Parterre» (Bookings, Künstlerbetreuung) befreundet mit Graziano

Venues - spaces for theatre, music and dance - have always been a place of magic for me. And I find them most magical in the moments before and after the whirling, pulsing vibrancy of a show. No actors. No dancers. No costumes. No music. Just an empty space waiting; full of absolute possibility – hovering on the edge of bursting into experience. 84


Auf und hinter der B端hne zu Hause 85


Simon Ökonom und Bähnler befreundet mit Andrea

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Wartesaal Basel SNCF 87


Barbara Steinbildhauerin wohnt im selben Haus wie Simon

Kunst eröffnet Räume im Innen und Aussen, sie macht den Menschen zum Menschen. Sie ist der Blick auf das Schöpferische im Menschen. «Kunst ist nicht sichtbar – sie macht sichtbar» Paul Klee 88


Im Atelier 89


Georg Philosoph Freund von Barbara

Flughäfen sind intimster Ausdruck unserer Zeit: Sie sind Schnittstelle von intensiven Emotionen, gelebter Mobilität und perfektionierten Maschinen. Hier fühle ich mich animiert und entfremdet zugleich – hier bin ich Zeitzeuge von Genialität und Tragik. 90


EuroAirport 91


Thomas Sozialarbeitender war froh um Georgs Rat f端r die Diplomarbeit

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Zu Hause beim Feierabenddrink 93


Yves Musiker Mitbewohner von Thomas

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Zu Hause 95


Natalie Sozialp채dagogin verlobt mit Yves

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Bei der Merian-Villa, Unter Br端glingen, M端nchenstein 97


Ines Musikerin spielt mit Natalies zukßnftigem Mann bei K’aliche

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Lange Erlen 99


Michael Jazzpianist findet mit Ines oft den gleichen Ton

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Rheinhafen Kleinh端ningen 101


Magatte Musiker startet ein neues Musikprojekt mit Michael

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CafĂŠ Bar le Central, Basel SBB 103


Eric Musiker spielt Schlagzeug in der Band von Magatte

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Passerelle 端ber die Autobahn 105


Ismail Gastronom hat Eric im Za Zaa bedient

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Restaurant Oriental Za Zaa 107


Chris Umweltingenieur FH wohnt vor端bergehend bei Ismail

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Sonnendeck, Kasernen-Areal 109


Monique Sozialarbeiterin Schwester von Chris

ÂŤGegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.Âť Theodor Fontane 110


Aussicht geniessen vor der St. Margarethen Kirche 111


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Von Beziehungen und Portraitaufträgen – Oder: Der Mensch zwischen den Zeilen Zu fragen gingen wir aus, verharrten am Tore, lauschend

(Anfang des Gedichts «Fürchtet euch nicht» von Marie Luise Kaschnitz)

Es ist eine seltsame Sache um menschliche Beziehungen. Heinrich Böll sagte einmal, wenn es darum gehe, welchen Menschen er vertraue, frage er sich, welchen Menschen ausgeliefert zu sein er sich vorstellen könne. In diesem Buch wird diese Frage etwas verfeinert gestellt und die Antwort darauf poetischer gegeben: Welchen Menschen möchte ich der Kameralinse ausliefern? Wen möchte ich portraitieren lassen, von wem möchte ich einen Satz zu ihrem oder seinem Leben lesen? Was entsteht, wenn ein Fotograf ein Bild macht von einem Menschen, von dem ich mir ein Bild mache, wenn ein Mensch, auf den ich mir einen Reim mache, sich in Sprache fasst? Es gibt kaum je eine erkennbare Logik in privaten menschlichen Beziehungen. Die modische Beratungsliteratur, die es in reicher Fülle zu diesem Thema gibt, vermag denn auch keine zu erkennen; sie kann ihnen allenfalls eine Form geben und sie innerhalb dieser Form beschreiben. Den meisten Leserinnen und Lesern ist dies zu wenig; sie hatten sich von der Lektüre möglicherweise die Erkenntnis des jeweils anderen, der jeweils anderen erhofft und finden nichts weiter als Entwürfe, die die oder den anderen in einer gezielten Perspektive darstellen und daraus die Funktionsweise von Beziehungen ableiten. Die Kunst vermag in diesem Bereich mehr. Sie kann erzählen, ohne festzuschreiben. Das kann sie einerseits in ihren unmittelbar wahrnehmbaren Werken, andererseits bereits in der Lust der Künstlerin oder des Künstlers, diese überhaupt zu erzeugen. Es ist die Lust, all das, was vom menschlichen Verstand nicht erfasst und beschrieben werden kann, darzustellen, wenn möglich in der ganzen Vielschichtigkeit, die das Leben letztlich ausmacht. 113


Gerade deshalb sind die Motive der Kunst unbegrenzt; in dem Augenblick, in dem ich sie eingrenze und auf einen kognitiven Aspekt hin konzentriere, wird sie bedeutungslos, wird Kitsch oder Dekoration. An dieser einfachen Tatsache scheitert didaktische Kunst, scheitern im besten Willen formulierte Kulturkonzepte, die – wie gegenwärtig formuliert – Qualitätsmerkmale der Kunst nach bestimmten Kriterien objektiv messbar machen wollen. Gerade darin liegt die Verwandtschaft zwischen der Kunst und den privaten menschlichen Beziehungen: Sie sind inkommensurabel. Sie überwinden die langweilige, öde epistemische Wahrheitstheorie, derzufolge die Natur der Wahrheit nicht unterscheidbar sei von den Kriterien der Wahrheit – «Werch ein Illtum», möchte man da mit Ernst Jandl ausrufen. Wer könnte die Wahrheit der Kunst, die Wahrheit menschlicher Beziehungen in ein Verhältnis setzen zu irgendwelchen Kriterien, die ausserhalb dieser beiden Bereiche gewonnen werden? Gültiges oder, altmodisch, aber richtiger gesagt: Erbauliches kann über etwas ebenso Fühl- wie Undurchschaubares wie menschliche Beziehungen nur mit Mitteln gesagt werden, die sich genau dafür interessieren. Es sind die Mittel der Kunst, die sich – wie der Mensch und seine Beziehungen – jeder Kategorisierung entziehen. In diesem Buch sind die Kunstformen Fotografie und Literatur. Auf den ersten Blick scheint es sich um einfache Portraitaufnahmen zu handeln, garniert mit Kommentaren der jeweils Portraitierten. Bei genauerem Hinsehen stellen sich interessante Fragen ein: Warum hat diese oder jene Person diese oder jene Umgebung gewählt? Wieviel Selbstinszenierung sehe ich, und was steckt dahinter (Laurie Anderson: «What is behind that curtain?»)? Wieviel von uns ist überhaupt Identität, wie viel Inszenierung? Ist das eine vom anderen zu trennen? Und vor allem: Was mag die Person, die ich nun gerade betrachte und deren Aussage ich lese, dazu bewogen haben, die nächste als Motiv zu bestimmen, in welcher Beziehung könnte diese nächste Person 114


zu derjenigen stehen, die vor der jeweils betrachteten Person stand, die ihrerseits die gerade betrachtete gewählt hat? Wissen kann man dies nicht; vermutlich könnten auch die meisten der Portraitierten dazu nichts aussagen. Das macht nichts, im Gegenteil. Fragen sind – alte Binsenweisheit – stets interessanter als Antworten. «Zu fragen gingen wir aus, verharrten am Tore, lauschend», schrieb Marie Luise Kaschnitz. In absurder Verkennung der Idee der Aufklärung werden in der modernen Gesellschaft Menschen zunehmend als Funktionen wahrgenommen. Die Bologna-Reform, Qualitätsevaluationen in der Wirtschaft, zielorientierte Methoden der Einzel- und Gruppentherapie, Kulturkonzepte, Schulmedizin – all diese Disziplinen haben sich kluge Raster ausgedacht, in denen alles, was zwischen den Evaluationszeilen steht, durchfällt. Übersehen wird dabei, dass Menschen und Kunst immer zwischen den Zeilen stehen. Sie können durch Kriterien nur angedeutet, niemals jedoch erfasst werden. Der Versuch einer Funktionalisierung des Menschen ist vermutlich einer der ältesten Irrtümer der Menschheit; bereits Martin Luther hat ihn in seiner Kritik des Handels in seinem ihm eigenen herrlich polemischen Ton gegeisselt. Die moderne neurobiologische Forschung erstaunt oder erstarrt – je nach der Neigung des jeweils Forschenden – vor den eigenen unfassbaren Erkenntnissen. Je hartnäckiger versucht wird, Menschen in ein – noch so fein gesponnenes – Raster zu bekommen, desto mehr entgleiten sie einem. Genauso ist es mit der Kunst: Je mehr ich sie kategorisiere, desto mehr entgleitet sie mir. In diesem Buch wird dieser Versuch nicht nur nicht unternommen, er stünde sogar in vollkommenem Gegensatz zu seiner Absicht. Denn seine Absicht – wenn es denn eine bewusste Absicht war – ist es, die Menschen zwischen den Zeilen zu zeigen. Ein Atlas der Anatomie kann 115


einen Menschen nur so darstellen, wie einer, der zerschnittene Muskeln wieder zusammennähen muss, ihn wahrnehmen kann. Wenn ich mich in den Finger geschnitten habe, bin ich froh, dass die Ärztin diesen Atlas verinnerlicht hat, wenn sie meinen Finger wieder zusammenflickt. Wenn ich sie anschließend frage, ob ich sie einmal zu einem Kaffee einladen dürfe, merke ich an ihrer ratlosen und unbeholfenen Reaktion, dass dieser Fall in ihren Büchern nirgends erwähnt wurde. (Der bekannte Ärztejargon – «die Niere auf 17“ – ist nicht umsonst Motiv zahlreicher Witze, denn Witze kennzeichnen sich ja gerade dadurch, dass sie Systeme in Frage stellen. Auf wunderbare Weise erhellend in diesem Zusammenhang ist dieser alte Witz: «In einem Mathematikseminar sitzen drei Studenten, von denen vier während der Lektion den Raum verlassen. Der Professor sagt: Wenn jetzt noch einer kommt, ist keiner mehr da.» Ich weiß nicht, wer diesen Witz erfunden hat – es muß jemand gewesen sein, der um die Inkommensurabilität des Menschen gewusst hat.) Wir alle tragen immer oder gelegentlich eine sogenannte Identitäskarte auf uns. Insgeheim wissen wir, dass all diese Karten gefälscht sind, denn Geburtsdatum und Nationalität sagen nicht das geringste über uns aus, sind weniger als Schattenwürfe unserer selbst. Schon gar nichts sagen sie aus über unsere Beziehungen zu anderen Menschen, über den Zusammenklang mit ihnen. Die Bilder und Texte in diesem Buch sind Identitätskarten der anderen Art. Sie sprechen in unserer eigenen und zugleich in fremder Sprache, der einzigen Sprache also, die zu verstehen sich lohnt. Vom Kommenden hör‘ ich sie flüstern, die ewige Stimme. / Nicht von Maschinen spricht sie, / Nicht von Vermehrung der Ernten, / Nicht von gewonnenem Schiffsraum. / Zusammenklang sagt sie und Würde des Menschen und Freiheit, / Hoffnung sagt sie und Liebe, das süßeste Wort. (Schluß des Gedichts «Fürchtet euch nicht» von Marie Luise Kaschnitz)

David Wohnlich 116


LINIE B

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Oliver selbständiger Fotografiker Vater von Mona

Wenn ich in meiner Jugend tatsächlich einen Beruf zur See gewählt hätte: Wäre ich heute trotzdem Vater zweier erwachsener Kinder? Und wo? 118


Fotografieren vom Bernoulli-Siloturm, Rheinhafen Kleinh端ningen 119


Cyrill Psychologe Sohn von Oliver

Langsam ist manchmal schneller. 120


Im Tropenhaus, Botanischer Garten 121


Moritz Künstler seit der Schule mit Cyrill befreudet

Leben – ich mach mir viele Gedanken darüber. Schlussendlich ist es auch dieses was mir die Begegnung mit Cyrill und Manu ermöglicht hat. 122


Pfalz 123


Manu Schreinerin, mutiert zur Sozialpädagogin Kollegin von Moritz

Was seit diesem Foto alles passiert ist... Ich bin sicher, die beiden Herren vor und nach mir, werden das bestätigen kÜnnen! Whats next? 124


NT-Areal 125


Thomas ursprünglich Modegestalter, dann Häuserbauer, dann Bankier und nun ohne Job auf Reisen Kollege von Manu

«Espacio Libre» 126


Zu Hause am Rheinsprung 127


Urs Schreiner befreundet mit Thomas

Schreiner - Arch채ologe - Architekt - Hafner Modeinteressierter und Liebhaber von Schuhen 128


In der Werkstatt 129


Ed Handwerker und K端nstler renoviert mit Urs

Der Weg als Ziel. 130


Fernweh stillen im Rheinhafen Kleinh端ningen 131


Thomas Kindergärtner macht Fasnacht mit Ed

Ceci n’est pas une voiture, c’est mon art de vivre. 132


In seiner Citroen DS 23 Injection Pallas 133


Hansmartin Primarlehrer Herrenabendsauffreund von Thomas

In diesem Haus bin ich aufgewachsen. Jetzt lebe ich hier; und nun wächst darin die Liebe zu meiner Frau Sasa! – und nicht nur die zum FCBasel :-) 134


Im Vorgarten 135


Daniel Marketingmanager einziger Freund aus der Militärdienstzeit von Hansmartin

«Heute in zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du versäumt hast, als über die, die du getan hast. Also mach die Leinen los, verlass den sicheren Hafen, fang den Fahrtwind in deinen Segeln. Forsche, träume, entdecke.» Mark Twain 136


Warten auf die Leu F채hre 137


Marcel Gesch채ftsf체hrer Creditreform / Kaufmann joggt und l채uft Marathon mit Daniel

Optische T채uschung? Dieses Foto ist nicht schwarzweiss sondern nur ein weiterer Kontrast in unserer kunterbunten Welt. 138


Centralbahnplatz 139


Marcel Kaufm채nnischer Mitarbeiter Stiefbruder von Marcel

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Im Viktoriahaus, Botanischer Garten 141


Gabriella K端nstlerin gut befreundet mit Marcels Freundin

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Dreil채ndereck 143


Ralph Kunstverarbeiter Künstlerkollege von Gabriella

Wenn ich Raum bewusst mache, öffne ich meine Sinne. Dadurch bahnt sich ein Erlebnis an. Was passiert, wenn ich künstlerisch arbeite? Dieses Erlebnis findet einen Weg. Was hat das nun für eine Bedeutung? Das Erlebnis im Raum, verbunden mit dem Dialog des Betrachtens, bildet ein kleines Glück. Wird das über die künstlerische Arbeit begreifbar, sollte man zufrieden sein. 144


Rheinhafen Birsfelden 145


Gertrud K端nstlerin Freundin von Ralph

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Am Fenster im Atelier, Auf dem Wolf 147


Karin Bühnenbildnerin, Künstlerin Künstler-Freundin von Gertrud und Ralph

Julie ist umwerfend. Wenn ich mit 70 so bin wie sie, freue ich mich aufs Älterwerden. 148


Bruderholz 149


Julie Tanzp채dagogin wirkte in einem Film von Karin mit

Wenn ich einmal nicht mehr lachen kann... 150


Im Wohnzimmer voller Erinnerungen 151


Fred T채nzer/Choreograf Tangopartner von Julie

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Im New Dance Center Basel 153


Martin Sportlehrer tanzt bei Fred

Seit bald 20 Jahren darf ich im New Dance Center Basel bei Fred Mazaudou trainieren. In diesen Jahren habe ich von Fred viel mehr gelernt als “nur” das Tanzen. Das Tanzstudio ist für mich ein Ort der Ruhe und Sicherheit. Wann immer ich durch die grüne Eingangstüre gehe, bin ich in einer anderen Welt. Der Alltag hat dann für anderthalb Stunden Pause. Ich bin dankbar, dass es Fred und dieses Studio gibt. 154


Im New Dance Center Basel 155


Simone Sportstudentin Freundin von Martin

Sonnenuntergang, goldig glänzendes Wasser, ein wenig Wind in den Blättern der Bäume und frische Luft – ein angenehmes Tempo und nichts als die eigenen Gedanken – die unabhängigsten Minuten des Tages... 156


Lange Erlen 157


Luca Sch端ler Bruder von Simone

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«Stäpfeli» beim Niederholzrainweg, Riehen 159


Martin Schüler an der SBA Basis Plus Claraschulhaus geht mit Luca zur Schule

«Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum. Doch beim Universum bin ich mir nicht sicher.» Albert Einstein 160


Promenade, Unterer Rheinweg 161


Samuel Schüler wohnt neben Martin

Oft in meiner Freizeit, bei schönem Wetter stehe ich vor einer Entscheidung, die mir manchmal schwer fällt. Auf einer Seite wäre das Übliche, was man jeden Tag tun könnte: nach Hause gehen, den Computer anschalten und chaten, gamen oder Videos schauen. Doch wenn die Sonne scheint, reizt es mich auch nach draussen zu gehen. Manchmal gehe ich Kajak fahren auf den Rhein. Das lenkt mich ab und befriedigt mein Wunsch nach Luft. Was mir oft sehr gut tut. 162


«Helvetia» beim Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke 163


Jonathan angehender Elektromonteurlehrling gemeinsamer Freund von Martin und Samuel

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Scala Bar 165


Timo Sch端ler macht Zirkus mit Jonathan

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Zirkustraining in der Turnhalle des Gymnasiums Kirschgarten 167


Marc Sch端ler geht mit Timo zur Schule

168


Park beim Heuwaage-Viadukt 169


Aziza Sch端lerin Freundin von Marc

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Jugendzentrum PurplePark 171


Sebastian Sch端ler befreudet mit Azizas Freund

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Scala Bar 173


Katherina Sch체lerin 채ltere Schwester von Sebastian

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NT-Areal 175


Charlotte Sch체lerin tanzt mit Katherina die N채chte durch

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Bar und Lounge Baragraph 177


Adrian Sch端ler j端ngerer Bruder von Charlotte

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Stillgelegte Gleise hinter dem B채umlihof Gymnasium 179


Moritz Schüler ging mit Adrian in die Orientierungsschule

Das NT-Areal ist einer meiner Lieblingsorte in Basel. Schon früh verspürte ich dieses spezielle Gefühl, wenn ich auf dem NT war. Dieses Gefühl ist nicht so einfach zu beschreiben: Man fühlt sich einfach frei, Gleichgesinnte befinden sich dort und man hat es immer lustig. 180


NT-Areal 181


Walter Arbeitsagoge Vater von Moritz

Mein Lieblingsort ist der Rhein. … Es ist das ganze Kleinbasler Rheinufer das mich anspricht. … Das Rheinufer gibt mir eine Stimmung von Ferien und Gemütlichkeit. Für mich war die Stimmung im Fotostudio speziell. Speziell, dass ich für einen Moment im Mittelpunkt stand und ich das Foto aussuchen konnte. So wie ich auf diesem Foto rüber komme, sehe ich mich auch. Dominant und trotzdem schutzsuchend mit einem verschmitzten Lächeln. So ein Foto habe ich, als ich im Kindergarten war, allerdings konnte ich damals die Arme noch nicht richtig verschränken. 182


Auf dem Heimweg, Unterer Rheinweg 183


Marianne Kinderkrankenschwester, Mutter, Kinesiologin, Hausfrau befreundet mit Walter

ich bin im hier und jetzt schaue in die ferne wie wo was warum ich bin im hier und jetzt ich bin 184


Blick von der St. Chrischona 185


Bea Direktionsassistentin Patin von Mariannes j端ngster Tochter

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Solitude-Park 187


Colette Fotolaborantin Schw채gerin von Bea

Der Kasernenplatz habe ich ausgew채hlt, weil mir dieser Platz mitten im Kleinbasel sehr gef채llt, weil er so belebt ist von den unterschiedlichsten Menschen, Klein und Gross. Da ich jeden Tag dort vorbei fahre, mache ich gerne auf dem Platz einen Kaffeehalt und geniesse die Stimmungen. 188


Kasernen-Areal 189


Roland Nagelkünstler Lebenspartner von Colette

Über den Mont Ventoux mit dem alten Renault vor Jahren – jetzt im Restaurant Parterre mit einem Glas Wein mit Trauben vom Berg Ventoux. 190


Restaurant Parterre im Kasernen-Areal 191


Isabelle Primarlehrerin und Autorin Mutter von Rolands Patenkind

Eine Pariser Mauerinschrift aus dem Mai ‘68 ist für mich zu einem Lebensmotto geworden: «Soyez réalistes demandez l’impossible!» Dieser Satz kann ich mir ohne weiteres auf meinem Grabstein vorstellen. Er würde mein Leben zusammenfasssen. 192


Vor dem K端hlschrank 193


Roger MĂźllmann befreundet mit Isabelle

Mann/Frau sollte eigentlich alles schĂśner hinterlassen als Mann/Frau es angetroffen hat. 194


Zu Hause 195


Oliver Im Wachstum Sohn von Roger

In Erinnerung an den Himmel, ist das Leben ein luzider Traum, das Paradies. Das Leben liebt mich, ich vertraue dem Leben und ich danke dem Leben: Ich liebe das Leben. 196


Sch端tzenmattpark 197


Florian Hochbauzeichner bester Freund von Oliver

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Sch端tzenmattpark 199


Salome Angehende Studentin Schwester von Florian

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Lohnhofg채sslein 201


Vanessa angehende Studentin Freundin von Salome

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Steinb端hlplatz 203


Rafael angehender P채dagogikstudent Freund von Vanessa

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Im Garten 205


Selina Sch端lerin befreundet mit Vanessa und Rafael

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Pfalz 207


Anja angehende Schauspielsch端lerin beste Freundin von Selina

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Der Lieblingsort am Rheinufer 209


Kenneth Buchh채ndler Freund von Anja

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Zu Hause 211


Sophia

Tochter von Kenneth

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Spielen in der Gr端n 80, M端nchenstein 213


Timon

Bruder von Sophia

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Enten f端ttern in der Gr端n 80, M端nchenstein 215


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Fotografie ist Kommunikation. Und sie ist es in all ihren Aspekten. Im Akt des Fotografierens tritt der Fotograf in eine Beziehung zu seinem Motiv. Oder vielmehr: er verdichtet diese Beziehung, baut ein Spannungsfeld auf zwischen sich und seinem Motiv, oft innerhalb nur weniger Sekunden. Die Kamera dient dazu als Werkzeug, sie ist der Verdichter. Durch die Bildkomposition, die Wahl des Ausschnitts, mit der Einstellung von Schärfe, Blende, Belichtungszeit wird das abgelichtete Lebewesen oder ein Gegenstand aus der Umgebung gleichsam herausgehoben, erhält besondere Aufmerksamkeit und wird dadurch von einem neutralen Objekt zum unmittelbaren, individuellen Subjekt, zum «Bildsujet». Handelt es sich bei diesem Sujet um einen Menschen, so reagiert er auf das Fotografiertwerden. Meist reflexartig wird, vor allem körperlich, Zustimmung oder Ablehnung ausgedrückt. Man wendet sich ab, oder verteidigt sich mit Gestik und Worten. Oder aber man lächelt, wirft sich in Pose, rückt sich ins beste Licht. Das Herausgehoben-Sein wird entweder als Grenzverletzung oder aber als Anerkennung erlebt – nie aber vermag man ihm gegenüber gleichgültig zu bleiben. Eine dritte Ebene der Kommunikation in der Fotografie betrifft das Bild und dessen Betrachter. Der Mensch eignet sich die Welt – seit jeher – durch Bilder an. Versuchte er doch bereits in der Steinzeit mit Höhlenmalereien die numinosen Mächte (meist in Tiergestalt) gnädig zu stimmen oder das Jagdglück zu begünstigen. So scheint, wenn immer wir ein Bild betrachten, ein uraltes Programm abzulaufen: Neben das Erkennen was dargestellt und wie es abgebildet ist, tritt stets der Versuch des Verstehens und Erklärens des Bildes. Das Bild wird mit Hilfe von Erinnerung und Wissen beim Betrachter verortet und in ein Raster von Bezügen eingebaut. Mit anderen Worten, der Betrachter erfindet – in Sekundenbruchteilen und oft ganz ohne Worte – einen Kontext zum Bild. Das Bild erzeugt gewissermassen eine Erzählung beim Betrachter. Insofern sind Bilder – auch in der Zeit der Bilderfluten – machtvoll. Sie provozieren immer eine Reaktion. 217


Wenn es darum geht, Realität wiederzugeben, ist die Fotografie ein viel unmittelbareres Medium als die Malerei. Schon durch ihre Geschwindigkeit. Die rein technisch benötigte Zeit, um den Bildträger zu belichten misst sich in Sekundenbruchteilen. Und durch die Einfachheit dieses Vorgangs ist sie das Mittel schlechthin, das uns zur bildlichen Aneignung und Versicherung der Welt dient. Das uns erlaubt, das Gesehene in eine Erzählung im Koordinatensystem eigener Bilder und Erinnerungen zu verwandeln. In diesem Sinn – und auch weil heute nahezu jede und jeder ein Mobiltelefon mit eingebauter Kamera mit sich herumträgt – sind wir alle Fotografen. Mit dem Unterschied zu einem Berufsfotografen, dass jener die beschriebenen Mechanismen und Abläufe gezielt einsetzt, sie zu steuern, mindestens aber zu beeinflussen versucht, damit das Resultat, die Fotografie, der von ihm im Voraus komponierten Erzählung entspricht. Wenn Andreas Voegelin über Fotografie spricht, ist oft von Kommunikation die Rede. Sie sei für ihn ein Mittel, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Sei es bei der Arbeit im Studio, sei es in den Erzählungen seiner Bilder. Ohne Bezug zum Menschen gibt es keine Fotografie. Die Bilder werden – von Menschen – gemacht, um – von Menschen – gesehen zu werden. Bei jeglicher Kommunikation besteht aber das Risiko (die Chance?) des Missverständnisses. Und damit wird klar, dass Fotografie durchaus als reine Dokumentation der Wirklichkeit verwendet und verstanden werden kann, dass sie sich aber nie darauf beschränken lässt. Immer schwingen weitere Bedeutungsebenen mit – in stärkerem Mass wohl beim Betrachter des Bildes als bei dessen Urheber. Davon hängt in hohem Masse auch ab, wie sehr Fotografie Kunst sein kann. «Neunundneunzig unbekannte Bekannte» spielt dieses Spiel der Bedeutungsebenen auf eine exemplarische Weise. Zunächst denkt man an einen Katalog. Oder, mehr noch, an einen Biologieatlas: Links ein repräsentatives Bild der Art – in klassischem Schwarz-Weiss, rechts ihre Abbildung in ihrem 218


natürlichen Habitat – in Farbe. Nur dass hier, im Gegensatz zum Tierbuch, der Kontakt auf Augenhöhe stattfindet, von Mensch zu Mensch. Die 99 portraitierten Frauen und Männer inszenieren sich mit ihrer Haltung, mit Kleidern und Gesten, mehr oder weniger (selbst-)bewusst. Und mit der Bildauswahl. Bei den Portraits hat nämlich nicht der Fotograf seine «besten» Bilder ausgewählt, die Selektion wurde zusammen mit den jeweiligen Portraitierten vorgenommen. Die Bilder entsprechen damit in hohem Masse dem Selbstbild der Dargestellten. Denn ein Bild von uns selber empfinden wir dann als gut, wenn es dem inneren Bild entspricht, das wir von uns haben. Fotografie dient nicht nur der Versicherung der Welt, sie prägt auch stark unsere Selbst-Aneigung. Der Betrachter deutet Blicke, Gesten und Haltungen mittels seines persönlichen Massstabs, eben seines eigenen Selbstbilds, wenn man so will. Unwillkürlich charakterisiert er für sich die Portraitierten. Nicht einmal in unfertigen Gedanken, geschweige denn in Worten, sondern in viel unmittelbarerer Weise. Mit Gefühlen und Stimmungen. Er reagiert instinktiv – dem uralten Programm entsprechend, von dem bereits die Rede war. Der Absicht der Portraitierten, auf eine bestimmte Weise gesehen zu werden, steht deren Reflexion beim Betrachter gegenüber. Diese beiden Ebenen dürften sich nur selten entsprechen, vielmehr stehen sie sich wahrscheinlich diametral gegenüber. Das ist aber nicht entscheidend. Entscheidend ist der Austausch, der hier stattfindet: Ich sende ein Signal aus, das beim Empfänger eine Reaktion erzeugt (auf die ich dann wieder reagieren kann). Das ist Kommunikation. Die Farbbilder erweitern diesen Rahmen beträchtlich. Wurden die Portraits allesamt von Andreas Voegelin aufgenommen, so stand bei den Farbaufnahmen jeweils Tobias Voegelin hinter der Kamera. Er hat die Portraitierten dafür an ihrem jeweiligen «Lieblingsort» fotografiert. Oft am Wasser, genauer an einem Fluss, auch in der Natur, auf einer Parkbank sitzend, im Grünen spielend. Hier erfolgte die Bildauswahl ausschliesslich durch den Fotografen, der – schon bei der Aufnahme 219


– den Bildausschnitt wählte und im «entscheidenden Augenblick» auf den Auslöser drückte. Der Einbezug der Portraitierten fand bei der Frage nach dem Wo statt. Sie bestimmten den Ort, bisweilen bis in die Details, an dem sie abgelichtet werden wollten. Dass ein berufliches Umfeld nur selten dargestellt ist, und wenn, dann fast ausschliesslich bei Personen in kreativen Berufen, ist ein deutliches Zeichen. Man vermutet, dass das vor einer oder sicherlich zwei Generationen klar anders gewesen wäre. Auch der Ort, in dessen Umgebung die Fotografien entstanden sind, ist im Grunde nicht erkennbar. Dem vertrauten Betrachter erschliesst sich die Stadtsilhouette entlang eines Flusses als diejenige von Basel. Doch ist das in keinem Bild von Bedeutung. Die Aufnahmen wollen einem generelleren Anspruch genügen. Zusammen bilden sie einen Querschnitt typischer Lieblingsorte. Sehr viel wichtiger ist da das Element des Verbundenseins der Portraitierten untereinander. Die Reihe der «Neunundneunzig» kam zustande, indem jede Protagonistin und jeder Protagonist aus ihrem jeweiligen Bekannten- oder Freundeskreis die Person auswählte, welche die Reihe als nächste fortsetzen sollte. Auf manchen Bildern wird diese Verbundenheit auch sichtbar: Ein Vater mit seiner Tochter auf einer Parkbank, zwei spielende Freunde, Schulkameraden mit demselben Kleidungsstück – kurze Bildstrecken schaffen Raum für kleine, einfache Erzählungen. Daher die «unbekannten Bekannten»: Die jeweils nächste Person in der Reihe ist stets mit ihrem Vorgänger oder ihrer Vorgängerin bekannt. Dem Grossteil der Betrachtenden sind die Personen unbekannt. Aber wie sehr sind es tatsächlich Unbekannte? Gemäss einer Hypothese, die der Soziologe Stanley Milgram 1967 aufstellte, gibt es das sogenannte Kleine-Welt-Phänomen. Es besagt, dass jeder Mensch auf der Welt mit jedem anderen über eine Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist. Diese Kette ist sehr kurz: Durchschnittlich bestehe sie aus nicht mehr als sechs 220


Personen. Die Theorie der «six degrees of separation» ist ebenso umstritten wie faszinierend. Und letzteres ist sie zweifellos. Weit entfernt davon mit Ihrer Arbeit in dieser Hinsicht etwas beweisen zu wollen, fesselt die Arbeit der beiden Fotografen durch das Sichtbarmachen solcher Ketten oder, um ein Modewort zu gebrauchen, Netzwerke. Auch wer von Milgrams Hypothese noch nie gehört hat, spürt diese Faszination. Es ist – auch hier wieder – ein uralter menschlicher Mechanismus. Das soziale Wesen Mensch knüpft Kontakte und Verbindungen zu anderen Menschen. Daraus lassen sich, wie auf einer Landkarte, Linien bilden, «Routen» gewissermassen von Frau zu Mann und Kind. Wenn einem die «Neunundneunzig» als Männer und Frauen wie du und ich erscheinen, so ist das ein Widerhall unserer eigenen Bekanntschafts-Ketten. Man fühlt sich den Portraitierten nahe – auch in diesem Sinne sind sie «unbekannte Bekannte». Eine fotografische Bestandesaufnahme, nichts anderes ist dieses Buch. Damit stellt es sich in eine Reihe mit bedeutenden Vorbildern. In den 1910er-Jahren begann August Sander damit, systematisch deutsche Menschen zu fotografieren und zu systematisieren. Das daraus entstandene Buch «Antlitz der Zeit» gilt als herausragendes fotografisches Erzeugnis der beginnenden Moderne. Sander richtete sein kamerabewehrtes Auge auf Typen, soziale Klassen, Berufsstände und dokumentierte so eine Gesellschaft im Umbruch. Die Tätigkeit des Einzelnen und damit verbunden das soziale Prestige in einer stark hierarchisch gegliederten Gesellschaft sind klar das dominierende Thema der Bilder. Eine andere, ähnliche Arbeit: Ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging die von Edward Steichen kuratierte Ausstellung «The Family of Man» auf Tour und wurde zu einer der meistbesuchten Ausstellungen überhaupt. Die über 500 Fotografien zeigten ein Panorama der Menschheit und wollten ein Bild allgemein-menschlicher Harmonie vermitteln. Eine ideale Vision von humaner Koexistenz zu zeigen, war Steichens Ziel. 221


Hundert Jahre nach Sander sind unter den «Neunundneunzig» keine sozialen Gesellschaftsklassen oder gar Berufsstände mehr auszumachen. Und ein halbes Jahrhundert nach Steichen verfolgt dieses Buch nicht die Absicht, ein Bild der grossen Menschenfamilie zu vermitteln. Zu individuell scheinen die Menschen heute geprägt, als dass das alles Verbindende noch glaubhaft thematisiert werden könnte – mit Ausnahme der Bekanntschaft. «Neunundneunzig unbekannte Bekannte» zeigt weder die Gesamtheit der «Family of Man» noch hat es den Anspruch das «Antlitz der Zeit» wiederzugeben. Doch ist auch dieses Buch ein Zeitdokument. Zu einem solchen wird es im Lauf der Zeit immer mehr werden. Moden, Haltungen und auch Landschaften werden sich erst rückblickend als typisch erweisen, manche Informationen werden gar erst in der Zukunft lesbar sein. Einstweilen bilden die Neunundneunzig einen heterogenen Querschnitt durch Geschlecht, Altersstufen und Typen. Man mag an eine Fieberkurve denken, die einen Zustand unserer Mitbürger aufzeichnet, die die «Temperatur» der Gesellschaft in einer Schweizer Grossstadt am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts dokumentiert. Dabei ist das Gesamte am Ende natürlich mehr als die Summe seiner Teile. Schon darum, weil die beiden Autoren in ihr Arbeitskonzept zahlreiche «weiche» Elemente eingebaut haben: Die enge Zusammenarbeit mit den Portraitierten bei der Bildauswahl, die Entscheidung über die Fortsetzung der Reihen ebenfalls durch die «Sujets». Und – nicht zuletzt – der Umstand, dass die beiden Fotografen Vater und Sohn sind. Dass die beiden Autoren dies in den Bildern in keiner Weise thematisieren, zeugt vom Können der Fotografen und der Qualität ihrer Arbeit. Nichtsdestotrotz trägt aber die Kenntnis, dass hier eine Bestandesaufnahme aus den Perspektiven zweier Menschen aus unterschiedlichen Generationen gemacht wurde, zu einem vertieften Betrachten der Bilder bei. So bewegt sich die Arbeit im Grenzbereich zwischen wissenschaftlichem Festhalten der Realität und künstlerischer Arbeit, die freier und emotionsgeladener ist. Es ist denn auch die besondere 222


Qualität dieses Buches, dass es gleichzeitig Zeitdokument ist und Portraitsammlung. Die Bilder – jedes für sich, aber auch alle in ihrer Abfolge – erzählen Geschichten. Diese Form ist typisch für die Fotografie, es gibt sie so in keiner anderen bildenden Kunst; man möchte sie fast als genuin fotografisch bezeichnen. Es ist die Reportage. Eine Erzählung in Bildern, bei der jedes Bild wohl für sich selber stehen könnte, die aber durch die Kombination mehrerer Bilder eine deutliche inhaltliche Erweiterung erfährt. Malerei ist dafür zu langsam, und Film zu eingeschränkt, da er durch den ununterbrochenen Bilderfluss dem Betrachter keine Gelegenheit für Perspektivenwechsel und kaum Möglichkeit zum Innehalten bietet. Ein wichtiger Bestandteil der Fotoreportage ist nämlich die Lücke. Der schmale Steg auf dem Film, der zwei belichtete Bilder voneinander trennt, ist der Ort, wo sich die eigentliche Erzählung abspielt. Sie spielt sich in Wirklichkeit natürlich nicht dort ab, sondern im Kopf des Betrachters. Er stellt die Beziehungen zwischen den einzelnen Bildern her, er setzt die fotografierten Personen und Umgebungen sowie allfällige Merkwürdigkeiten in Relation zueinander. Nichts anderes ist es, was beim Betrachten dieses Buches, beim Umblättern der Seiten geschieht. Es ist Kommunikation. Boris Schibler

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neunundneunzig.ch  

Fotobuch von Andreas F. und Tobias Voegelin