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ausblicke 2.10 Magazin für ländliche Entwicklung

Schwerpunkt

Multifunktionalität Multifunktionalität im ländlichen Raum Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften | Regionalentwicklung und Lebensqualität | Multifunktionale Landwirtschaft Kulturlandschaftspreis 2010 Rege Teilnahme – erfolgreiche Umsetzung | Die Siegerprojekte Netzwerk Land Jahreskonferenz 2010 | Leader-Netzwerk | Arbeitsprogramm Land- und Forstwirtschaft + Markt | Baupreis Landwirtschaft International Nachbar Slowakei – Das Nationale Netzwerk für ländliche Entwicklung


Prolog ausblicke 2 |10

Wachstumsmotor ländlicher Raum Landwirtschaftsminister DI Niki Berlakovich

Wir leben in Österreich in einem vielfältigen Land mit einem lebendigen ländlichen Raum. Unsere Bäuerinnen und Bauern erzeugen nicht nur landwirtschaftliche Produkte, sondern tragen tagtäglich zum Erhalt einzigartiger Kulturlandschaften bei. Zusätzlich schaffen sie Lebens- und Erholungsräume, garantieren die Sicherheit unserer Lebensmittel, erhalten die Infrastrukturen im ländlichen Raum und schützen das Klima. Diese multifunktionalen Leistungen müssen gerecht entlohnt werden. Deshalb ist die Wichtigkeit der Agrarzahlungen deutlich zu machen. Agrarzahlungen sind keine Sozialförderungen, sondern werden nur gegen Leistung ausgezahlt. Die Zahlungen kommen vor allem den kleinen landwirtschaftlichen Betrieben zugute, ohne die der ländliche Raum nicht überlebensfähig wäre. Dies belegt auch eine aktuelle WIFO-Studie zu den Auswirkungen der Agrarzahlungen für die heimische Landwirtschaft. Die Ergebnisse machen die Dramatik deutlich: Ohne Agrarzahlungen müsste jeder zweite Hof zugesperrt werden, im Berggebiet sogar noch mehr. Ohne Agrarzahlungen würden mehr als 100.000 Menschen ihre Arbeit verlieren: 78.000 im landwirtschaftlichen und 23.000 im nichtlandwirtschaftlichen Bereich. Wir müssen also die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft unserer landwirtschaftlichen Betriebe weiterhin stärken. Eines ist sicher: Ohne die Zahlungen und Leistungsabgeltungen können unsere landwirtschaftlichen Betriebe die vielfältigen Leistungen nicht erbringen, und Österreich würde den Wachstumsmotor ländlicher Raum verlieren. |||

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ausblicke 2 |10 Vorwort

Multifunktionalität

Eine Sache, mehrere Wirkungen – wer will das nicht? Das Leben ist voll davon: Eine Bonbonniere für die Oma zum 80er schmeckt nicht nur gut, sondern drückt auch Liebe und Wertschätzung aus. Der berühmte Blumenstrauß, das dicke Auto, der schicke Urlaubsort – sie alle haben noch eine tiefere Bedeutung, haben noch eine zweite und dritte Funktion. Ein alltägliches Beispiel sei noch ausgeführt, das den wenigsten in seiner Vielschichtigkeit bewusst ist: das Essen. Essen ist natürlich Nahrungsaufnahme und sättigt den Körper, indem ihm die nötigen Nährstoffe und Energie zugeführt werden. Essen ist aber viel mehr. Es hat seit Menschengedenken auch eine soziale Funktion. Das gemeinsame Mahl mit der Familie, das Festessen mit Freunden und Bekannten zu bestimmten Anlässen, wer mit wem am Tisch sitzt, wer wo am Tisch sitzt – all das drückt vieles aus, das weit darüber hinausgeht, dass man den Bauch voll oder einen bequemen Platz am Tisch hat. Und dann gibt es ja auch noch die Bedeutung von Speisen in allen Religionen zu allen Zeiten … Multifunktion ist besser als Monofunktion – eine Kombizange kann mehr als eine Beißzange. Allerdings lässt sich ein Nagel leichter mit einer Beißzange als mit einer Kombizange herausziehen – damit braucht man mehr Kraft und handwerkliches Geschick. Spezial versus generell? Kommt darauf an! In unserer Zeit des Spezialistentums, in der im Rahmen der Arbeitsteilung zertifizierte Spezialisten (selbsternannte zählen nicht) über immer weniger immer mehr wissen, bis sie über nichts alles wissen, sind Allgemeinwissen/-bildung, mehrere Funktionen in einer Person bzw. in einer Firma wieder gefragt: Man schätzt Generalunternehmer, die sich intern darum kümmern, dass alle Arbeitsschritte richtig erledigt werden. Im Marketingsprech nennt man das „Komplexitätsreduktion“. Beispiel: Eine Buchung im Reisebüro, die

Anreise, Aufenthalt, Sightseeing, Essen, Versicherung etc. enthält. Der ländliche Raum war immer Generalist: Er lieferte seit jeher Lebensmittel (dafür hat man ja schließlich das Land urbar gemacht), Energie (wo sollte in der Stadt so viel Holz wachsen?), Baustoffe, Wasser. Was man eben in einer spezialisierten Stadt so braucht. Er stellte aber auch Menschen für die Fabriken zur Verfügung, für die Frisiersalons, die Wiener Polizei (die angeblich zur Hälfte aus Mistelbachern besteht). Er nahm den Müll und das Abwasser der Städte sowie die Abgase der Industrie auf. Und heute? Gewisse Funktionen, die der ländliche Raum schon immer hatte, haben eine neue Bedeutung erlangt. Die Produktion von Lebensmitteln durch Bewirtschaftung der Flächen ist geblieben, wenn auch die Intensitätsbandbreite größer wurde. Das Thema Energie wird gerade durch erneuerbare Energiequellen (Wasser, Wind, Biomasse) neu definiert. Die Erholungsfunktion für Stadtmenschen wird immer bedeutender, je belastender das Leben in den Städten wird. Der Speckgürtel der Städte ist eine Mischform, bei der Wohnen und Schlafen im Vordergrund stehen. Als (H)Ort der Artenvielfalt sind Städte keine Alternative, auch wenn sich dort mittlerweile Wildschweine und Biber wohlfühlen. Ökonomisch verliert das Land: weniger Menschen, weniger Konsum, weniger Infrastruktur, weniger Produktion. Ich liege beim Schreiben dieser Zeilen in einer Hängematte am Meer und mir fällt gerade ein, wie viele Funktionen das Meer erfüllt: als Temperaturpuffer, Feuchtigkeitsspender, Eiweißlieferant, Müllhalde, Transportweg, Entstehungsort des Lebens, Symbol für Weite und Reisen … Aber das ist eine andere Geschichte!

Christian Jochum, Netzwerk Land


Inhalt

1 Prolog 2 Vorwort

Multifunktionalität im ländlichen Raum 6 Multifunktionalität – mehr als ein Schlagwort?

Multifunktionale Landwirtschaft 26 Kulturlandschaft und Landwirtschaft Karl Buchgraber 28 Die vielen Funktionen des Waldes Gregor Grill 30 Landwirtschaft und Gesellschaft: Zwischen Tradition und Moderne Gerhard Hovorka

32 Viele Funktionen, viele Sichtweisen

Alois Heißenhuber

Kulturlandschaftspreis 2010 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften 10 Ökosystemleistungen und Landwirtschaft Ulrich Hampicke

13 Ökonomie und Biodiversität Carsten Neßhöver 14 Die vielen Aufgaben der Landwirtschaft – und ihre Zielkonflikte

16 Neun Ansichten zum Thema

36 Kulturlandschaftspreis 2010: Rege Teilnahme – erfolgreiche 38 39 40 41 42 43

Umsetzung Hemma Burger-Scheidlin Kulturlandschaft & Visionen 2020 – Siegerprojekt Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativen – Siegerprojekt Kulturlandschaft & Landwirtschaft/Forstwirtschaft – Siegerprojekt Sonderpreis „Eine wichtige Kleinigkeit“ Kulturlandschaft & Tourismus – Siegerprojekt Kulturlandschaft & Bildung – Siegerprojekt

„Der Wert von Kulturlandschaften“

Netzwerk Land Regionalentwicklung und Lebensqualität 18 Multifunktionalität im ländlichen Raum Alexandra Bednar

20 Lebensqualität im ländlichen Raum oder Die Renaissance der Orte in einer neuen Regionalität Hans Holzinger 22 Umweltressourcen: Integrierte regionale Lösungen sind gefragt! Bernhard Ferner 24 Multifunktionale Regionen

46 Veranstaltungen im Zeichen der Vielfalt Michael Proschek-Hauptmann 48 Das Leader-Netzwerk in Zeiten des Mainstreamings Luis Fidlschuster 50 Netzwerk Land und die Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft Christian Jochum 52 ÖKL-Baupreis Landwirtschaft Dieter Brandl 54 Die Österreichischen Naturparke – eine Landschaftsvielfalt Gerlinde Wakonigg

55 Lokale Agenda 21 in Österreich Martina Schmalnauer 56 Leader-Region Südburgenland: Paradies im Aufbruch Teresa Arrieta 58 Leader-Region Villach-Hermagor: Orte der Kraft in der Dreiländerregion Teresa Arrieta

International 60 Nachbar Slowakei: Das Nationale Netzwerk für ländliche Entwicklung Malvína Gondová

62 Internationale Termine 63 Literatur- und Webtipps 64 NWL-Veranstaltungen 65 Impressum


Multifunktionalit채t im l채ndlichen Raum


Land Art Cross Soccer (rhizom) beim Festival der Regionen 2005, Josef Pausch

Der ländliche Raum als attraktiver Wirtschafts-, Kultur-, Identifikations- und Lebensraum: Was können eine multifunktionale Landwirtschaft und eine integrierte ländliche Entwicklungspolitik dazu beitragen?


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ausblicke 2 |10 Multifunktionalität im ländlichen Raum

Multifunktionalität – mehr als ein Schlagwort? Der Begriff Multifunktionalität ist zu einem häufig gebrauchten Schlagwort geworden. Nicht zuletzt im Vorfeld der Verhandlungen zur Neuorientierung der EU-Agrarpolitik nach 2013 wird die multifunktionale Ausrichtung der europäischen Landwirtschaft als Argument zur Begründung für die Fortführung der Direktzahlungen verwendet. Alois Heißenhuber

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m europäischen Vertrag von 1957 wurden folgende Ziele der europäischen Agrarpolitik festgehalten: Förderung der landwirtschaftlichen Produktivität, Sicherung einer „angemessenen Lebenshaltung“ der landwirtschaftlichen Bevölkerung, Stabilisierung der Märkte und sichere Versorgung der Verbraucher zu angemessenen Preisen. Vor fünfzig Jahren wurde also der Landwirtschaft in erster Linie die Aufgabe zugeschrieben, Lebensmittel und agrarische Rohstoffe zu erzeugen. Vor zwanzig Jahren erfolgte die Formulierung des sogenannten Europäischen Agrarmodells (vgl. OECD, 2001). Demzufolge hat die Landwirtschaft zwei Funktionen, nämlich die Produktion von Lebensmitteln und agrarischen Rohstoffen sowie die Erbringung von Umweltleistungen im Zusammenhang mit ländlicher Entwicklung. Es werden demnach zwei Arten von Leistungen erwartet: die Erzeugung von „privaten“ und von „öffentlichen“ Gütern. Private Güter werden von einem Unternehmer, zum Beispiel einem Landwirt, aus eigenem Interesse heraus erzeugt, und die Entlohnung erfolgt über den Markt. Öffentliche Güter hingegen werden nicht am Markt gehandelt, sie haben also keinen Preis. Das generelle Kennzeichen öffentlicher Güter ist die Tatsache, dass man niemanden von der Nutzung ausschließen kann und dass das Gut von verschiedenen Personen zur gleichen Zeit genutzt werden kann. Auf der einen Seite kann man sie also unentgeltlich nutzen, auf der anderen Seite bekommt man für deren Bereitstellung

auch nichts bezahlt. In einer Obstbauregion etwa stellt der Anblick blühender Bäume ein öffentliches Gut dar. Niemand braucht dafür etwas zu bezahlen. Das gilt auch für den Anblick eines Sonnenblumenfeldes oder einer schönen Kulturlandschaft – egal, ob es sich um eine malerische Gegend in Österreich oder um eine beeindruckende Terrassenlandschaft auf den Philippinen handelt. Das erste Interesse der Landwirte besteht darin, Obst zu erzeugen, Sonnenblumenkerne zu ernten oder Reis zu gewinnen. Zudem liegt hier ein Koppelprodukt vor: Ein Betrieb produziert zwei oder mehrere miteinander verbundene Güter oder Dienstleistungen. Der Anblick blühender Obstbäume oder eines Terrassenfeldes oder einer attraktiven Kulturlandschaft ist also sowohl ein öffentliches Gut als auch ein kostenloses Koppelprodukt. Durch das wirtschaftliche Handeln des Landwirts werden mehrere Güter gleichzeitig hervorgebracht, was die Tatsache der Multifunktionalität umschreibt.

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ls Zwischenfazit bleibt festzuhalten: Das Wirtschaften erfolgt zuerst im ureigensten Interesse des Unternehmers. Es entstehen dabei in einem mehr oder weniger großen Umfang Koppelprodukte. Deshalb spricht man auch von einem multifunktionalen Wirtschaften. Diese neben der Produktion auftretenden externen Effekte können positiver, aber auch negativer Art sein. Aus diesen Zusammenhängen er-


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gibt sich die Frage, inwieweit eine Honorierung der positiven externen Effekte aus öffentlichen Geldern erfolgen und in welcher Weise die Vermeidung der negativen externen Effekte angestrebt werden soll. Es ist zu klären, bis zu welchem Niveau das Verursacherprinzip zur Anwendung kommt und in welchem Ausmaß die Vermeidung negativer externer Effekte honoriert wird.

Verursacher- und Gemeinlastprinzip Das Verursacherprinzip besagt, dass der Verursacher einer Ressourcenbelastung für die Vermeidung oder Beseitigung verantwortlich ist und deshalb die Kosten der Vermeidung, der Beseitigung oder des Schadensausgleichs tragen muss. Durch diese Vorgehensweise erfolgt eine Internalisierung der bei Produktion und Konsum entstehenden Zusatzkosten, das heißt, eine Anrechnung der Vermeidungs- bzw. Beseitigungskosten auf die Produkte. Somit tragen diese Kosten beim Verursacherprinzip die Produzenten und schließlich die Konsumenten. Bei der Anwendung des Verursacherprinzips können sich bei der Identifizierung, Zurechnung und Bewertung der externen Effekte (räumliche und zeitliche Differenz) Schwierigkeiten ergeben, und es kann sein, dass keine Zusatzkosten auf den Preis überwälzt werden. Das ist der Fall, wenn die Auflagen ein kleines Gebiet, zum Beispiel ein Wasserschutzgebiet, betreffen und deshalb beim Landwirt keine Überwälzung auf den Erzeugerpreis stattfindet. In solchen Fällen bietet sich das Gemeinlastprinzip an, bei dem zum Beispiel die Kosten des Umweltschutzes von der öffentlichen Hand (Steuerzahler) übernommen werden. Das Gemeinlastprinzip kommt zum Zug, wenn das Verursacherprinzip nicht anwendbar ist, weil es Identifizierungs- und Zurechnungsprobleme gibt, negative Nebeneffekte (soziale Härten, Wettbewerbsverzerrung) vermieden werden sollen oder es um die Beseitigung von Altlasten geht. Es verbleiben schließlich zwei entscheidende Fragen: f In welchem Maß ist der Ressourcenschutz vom Unternehmer (Landwirt) im Rahmen des Verursacherprinzips unentgeltlich zu erbringen, also für welche negativen externen Effekte soll der Landwirt belastet werden?

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In welchem Ausmaß wird die Vermeidung negativer externer Effekte honoriert, bzw. für welche positiven externen Effekte (Umweltleistungen) soll der Landwirt gezielt honoriert werden?

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ie erste Frage betrifft die Festlegung des Niveaus der „guten fachlichen Praxis“, die das Ergebnis eines politischen Entscheidungsprozesses ist. Die Wissenschaft kann bei diesem Prozess beratend zur Seite stehen und Zusammenhänge aufzeigen. Für die Einhaltung des gesetzlich festgelegten Niveaus sollte es keine Kompensationszahlungen geben. Allerdings könnte man argumentieren, dass die umweltbezogenen Vorschriften innerhalb der EU strenger sind als außerhalb der EU, weshalb Kompensationszahlungen geleistet werden müssen. Diese Forderung ist jedoch nicht so ohne Weiteres haltbar. So gibt es auch für andere Branchen Anforderungen, die innerhalb der EU höher liegen als außerhalb der EU, ohne dass eine Ausgleichszahlung geleistet wird. Zum Teil verbessert sich damit der Produktwert; somit ist auch innerhalb der EU eine konkurrenzfähige Produktion möglich. Dem könnte man entgegnen, dass in der Landwirtschaft häufig Produkte erzeugt werden, die als Rohstoffe weiterverarbeitet und nicht unmittelbar an die Endverbraucher verkauft werden, und deshalb eine Überwälzung auf den Preis schwieriger möglich sei. Zudem hat die Landwirtschaft die Besonderheit, dass sie standortgebunden ist und deshalb bei höheren Standards nicht auf andere Orte ausweichen kann, was in der Industrie durchaus üblich ist. Tatsache ist, dass in der EU momentan Direktzahlungen in erheblichem Umfang gewährt werden, sofern der Landwirt die Cross-Compliance-Auflagen einhält. Bei den derzeitigen Verhandlungen zur Reform der EU-Agrarpolitik nach 2013 wird die Begründung dieser Direktzahlungen sehr kontrovers diskutiert. Tatsache ist auch, dass die CrossCompliance-Auflagen weitgehend den gesetzlichen Vorschriften innerhalb der EU entsprechen. Als Begründung wird das höhere Niveau gegenüber Drittländern angeführt. Die in Deutschland regionalisierte Flächenprämie lässt sich mit diesem Argument aber nur sehr bedingt begründen, da die unterschiedlichen Betriebe nicht im gleichen Maß von den


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ausblicke 2 |10 Multifunktionalität im ländlichen Raum

Literatur • BFN (Bundesamt für Naturschutz), Beate Jessel, Ländliche Entwicklung als Arbeitsfeld moderner Naturschutzpolitik, Fachvortrag im Rahmen der Tagung „Innovationskonferenz ländliche Räume – Naturschutz als Motor ländlicher Entwicklung“, Berlin 2009, http://ilr2013.de/download/Jessel.pdf (Abrufdatum: 12. Mai 2009). • Franz Fischler, Land nutzen – Regionen gestalten: Agrikultur im Europa von morgen, Fachvortrag im Rahmen der IFLS-Fachtagung, Frankfurt 2007, www.ifls.de/download/ Fischler_Vortrag_Agi-Kultur.pdf (Abrufdatum: 12. Jänner 2009). • Annette Freibauer, Biogenic Greenhouse Gas Emissions from Agriculture in Europe – Quantification and Mitigation, Donauwörth 2002, http://deposit.ddb.de/cgi-bin/ dokserv?idn=966203704 (Abrufdatum: 12. Mai 2009). • Martin Kapfer/Sigrid Ziesel (2010), Visualisierung von Landschaftsentwicklungen, Endbericht zum F+E-Vorhaben im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Sektion III – Landwirtschaft und Ernährung, unveröffentlicht. • OECD (2001), Multifunctionality. Towards An Analytical Framework, www.oecd.org/ dataoecd/62/38/40782727.pdf (Abrufdatum: 30. Juli 2010).

gesetzlichen Vorgaben bzw. von den Cross-Compliance-Vorschriften betroffen sind. So hat ein Milchviehbetrieb viel mehr Auflagen zu erfüllen als ein Marktfruchtbetrieb, beide bekommen aber die gleiche Flächenprämie. Insofern stellt eine einheitliche Flächenprämie in dieser Höhe keine objektiv begründbare Vorgehensweise für die erhöhten Auflagen der EU-Landwirtschaft gegenüber Drittländern dar. Betrachtet man des Weiteren die enormen Unterschiede zwischen den EU-Ländern, lässt sich erahnen, dass die bisherige Vorgehensweise bei der Gewährung der Direktzahlungen der sogenannten 1. Säule auf Dauer nicht so bleiben kann. Die zweite Frage bezieht sich auf die Honorierung der Vermeidung negativer externer Effekte und die Entlohnung von positiven externen Leistungen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass eine multifunktionale Landwirtschaft nicht generell auch eine Honorierung zur Konsequenz hat. Der Anbau von Sonnenblumen trägt sehr wohl zu einem schönen Landschaftsbild bei, kann aber nicht automatisch eine staatliche Direktzahlung zur Folge haben. Insofern müssen schon bestimmte Bedingungen vorliegen. Ein Landwirt muss also zu einem höheren Niveau wirtschaften, als es die gute fachliche Praxis vorschreibt. Des Weiteren muss es sich um ein „knappes Gut“ handeln. Man wird doch keine Honorierung leisten, wenn die Bevölkerung an der Bereitstellung dieses Gutes kein Interesse hat. So ist zu erklären, dass vor fünfzig Jahren für die Bewirtschaftung von Almen keine zusätzlichen staatlichen Mittel eingesetzt wurden, da es wohl genügend Almen gab

und deren Bewirtschaftung in keiner Weise gefährdet war. Nun kann man aber nicht nur die gegenwärtige Situation als Maßstab nehmen. Wenn erkennbar ist, dass bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Entwicklung eine unerwünschte Verschlechterung der Situation eintreten wird, ist sehr wohl eine Begründung für Direktzahlungen gegeben, zumal man in vielen Fällen Entwicklungen nicht mehr umkehren kann. Wenn zum Beispiel Landwirte die Bewirtschaftung einer strukturierten Landschaft eingestellt haben, wird es kaum mehr möglich sein, eine Trendwende zu erreichen. Man kann also die Honorierung von Gemeinwohlleistungen nicht pauschal beurteilen. In vielen Fällen müssen die regionalen Verhältnisse Berücksichtigung finden (Anwendung des Subsidiaritätsprinzips). Bei der Höhe der zu gewährenden Zahlungen muss man sich an den entstehenden Kosten bzw. am entgangenen Nutzen orientieren.

Beispiele für die Honorierung von Multifunktionalität Für die Honorierung von zusätzlichen Leistungen der Landwirtschaft gibt es schon eine Reihe von Beispielen. Die Vergabe der Mittel erfolgt in vielen Agrarumweltprogrammen nach dem sogenannten Top-Down-Prinzip. Die entsprechenden Programme und Maßnahmen werden zentral koordiniert und finanziert, und der einzelne Landwirt prüft, ob für ihn einer der Fördertatbestände wirtschaftlich interessant erscheint. In Zukunft werden die Belange des Klimaschutzes, das Wassermanagement (u. a. Hochwasserschutz) und die Förderung der Biodiversität an Bedeutung gewinnen (vgl. BfN, 2009). Wichtig ist, auf die Effizienz des Mitteleinsatzes zu achten.

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ie beiden Fotos A und B zeigen ein und dieselbe Landschaft. Der Aspekt der Multifunktionalität kommt auf dem Foto A stärker zum Vorschein als auf dem Foto B. Wenn sich die Landwirtschaft zurückzieht, ergibt sich relativ rasch eine Bewaldung. Sofern das Offenhalten der Landschaft erwünscht ist, aber über die Markterlöse kein zufriedenstellendes Einkommen

Foto A: Diese attraktive Kulturlandschaft ist ein Koppelprodukt der Landbewirtschaftung.


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Foto B: Ohne Landwirtschaft kommt es zu einer relativ raschen Bewaldung.

mehr erwirtschaftet werden kann, muss die Erbringung dieses öffentlichen Gutes gesondert honoriert werden. In der Grafik ist ein funktionaler Zusammenhang zwischen dem Anteil an Strukturelementen und den damit verbundenen Mehrkosten der Bewirtschaftung dargestellt. Da Strukturelemente einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversität leisten, könnte man deren Bereitstellung gezielt honorieren. Die Erfassung des Strukturelementeanteils eines landwirtschaftlichen Betriebes wäre über Satellitenaufnahmen automatisierbar.

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Kosten durch Strukturelemente

250

0,7 ha 0,8 ha

Kosten in EUR pro ha

200

0,9 ha 1,0 ha 1,1 ha 1,3 ha

150

50

1,5 ha 1,7 ha 2,0 ha 2,4 ha 2,9 ha 3,6 ha 4,5 ha 11,5 ha 5,9 ha 32 ha 8,0 ha 72 ha 18 ha

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2%

3%

Unter standortbezogener Abwägung der unterschiedlichen Ziele ist zu entscheiden, welcher Nutzungsform der Vorrang zu geben ist. Auf jeden Fall bestehen umfangreiche Möglichkeiten, den Kohlenstoffgehalt der Böden zu beeinflussen. Wenn ein Landwirt durch eine Änderung der Bewirtschaftung zu einer Erhöhung des Kohlenstoffanteils beiträgt und damit bewusst auf Einkommen verzichtet, leistet er einen Beitrag zum Klimaschutz, der zu honorieren ist. Gerade die Renaturierung von Feuchtgebieten stellt eine sehr effiziente Klimaschutzmaßnahme dar.

Zusammenfassung

ür den Klimaschutz ist der Kohlenstoffgehalt der Böden von größter Wichtigkeit. Dieser erreicht in Moorböden den höchsten Wert, gefolgt von Grünland und von Ackerland (vgl. BfN, 2009 und Freibauer, 2002). Es besteht deswegen ein offensichtlicher Konflikt zwischen dem Kohlenstoffgehalt im Boden und der Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung.

100

9

4%

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Prozentualer Anteil der Strukturelemente

7%

8%

9%

10%

Quelle: eigene Berechnungen

Multifunktionalität dient mittlerweile als Argument zur Begründung der EU-Direktzahlungen an die Landwirtschaft. Generell handelt es sich bei Multifunktionalität um das Phänomen der Koppelprodukte. Ein Koppelprodukt entsteht, wenn ein Betrieb zwei oder mehr miteinander verbundene Güter oder Dienstleistungen produziert. Neben dem Hauptprodukt ergeben sich in einem mehr oder weniger großen Umfang auch Effekte außerhalb des Unternehmens. Deshalb spricht man auch von multifunktionalem wirtschaftlichem Handeln. Diese außerhalb des Betriebs auftretenden Effekte können positiver, aber auch negativer Art sein. Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich die Frage, inwieweit eine Honorierung der positiven externen Effekte aus öffentlichen Geldern erfolgen soll und auf welchem Wege die Vermeidung der negativen externen Effekte angestrebt werden soll. Es ist also zu klären, bis zu welchem Niveau das Verursacherprinzip und in welchem Ausmaß das Gemeinlastprinzip zur Vermeidung negativer externer und zur Honorierung positiver externer Effekte zur Anwendung kommt. |||

Alois Heißenhuber, Technische Universität MünchenWeihenstephan, Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues


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ausblicke 2 |10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften

Ökosystemleistungen und Landwirtschaft Ökosystemleistungen – Ecosystem Services – sind seit einigen Jahren in aller Munde. Reichlich spät, könnte man sagen, denn die Menschheit hängt seit Urzeiten vom Wirken der Natur ab. Es ist aber gewiss zu begrüßen, dass sich dessen nunmehr auch eine breitere Öffentlichkeit bewusst wird. Ulrich Hampicke

Das Verhältnis zwischen Ökosystemleistungen und Landwirtschaft ist komplex. Ohne die Leistung „Bodenfruchtbarkeit“ gäbe es keine Landwirtschaft; hier besteht eine direkte und unaufhebbare Abhängigkeit. Die Landwirtschaft hat darüber hinaus Auswirkungen auf andere Leistungen der Agrarbiotope. Der etwas inflationäre Gebrauch des Begriffs „Ökosystemleistungen“ rät zur Vorsicht und zur schärferen Beschreibung dessen, was man meint. Es ist zu unterscheiden, ob ein Biotop unabhängig davon, ob dort Landwirtschaft betrieben wird oder nicht, Leistungen hervorbringt, ob diese Leistungen anfallen, weil Landwirtschaft betrieben wird, ob sie anfallen, obwohl Landwirtschaft betrieben wird, oder ob es Leistungen sind, die eher dem Landwirt als dem Ökosystem zuzuschreiben sind.

Beispiele Wasserwirtschaft: Das Land Brandenburg im Nordosten Deutschlands ist für mitteleuropäische Verhältnisse trocken. Die 500 mm Niederschlag im Jahr werden von einem Kiefernwald in vollem und von einem Laubwald in erheblichem Umfang verdunstet. Unter Acker entstehen etwa 100 mm Grundwasser. Rechnerisch entsteht in diesem Land also allein durch das Offenland ein Oberflächenabfluss. Da der Zufluss durch Spree, Havel und kleinere Wasserläufe recht gering ist, nimmt es nicht Wunder, dass während der siedlungslosen Zeit von etwa 200 bis 700 nach Christus der Grundwasserspiegel tiefer lag und zahlreiche Kleingewässer trocken waren. Dies war natürlich objektiv-ökologisch weder ein „besserer“ noch ein

Foto 1: Blühende Bergwiese – eine Augenweide

„schlechterer“ Zustand als heute. Heute aber liegt in der Mitte des Landes der Ballungsraum-Koloss Berlin mit 3,5 Mio. Einwohnern, der des Wasserzuflusses und vor allem des Abflusses bedarf, um die Klärwerksabläufe weiter zu verdünnen. Die landwirtschaftlichen Flächen im Umland erbringen also für die


Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2 |10

geführt, hauptsächlich infolge des intensiveren Kontakts mit dem Luftsauerstoff durch das Pflügen. Wegen seiner Langwierigkeit hatte dieser Prozess allerdings kaum Auswirkungen auf den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Da die im Boden gebundenen Mengen an Kohlenstoff sehr groß sind, wäre eine relativ schnelle Zu- oder Abnahme durchaus von klimapolitischer Bedeutung. Ein durchschnittlicher Ackerboden in Deutschland enthält pro m2 7,5 kg organischen Kohlenstoff. Ließe sich dieser Wert durch Maßnahmen wie die teilweise Umwandlung in Dauergrünland, pfluglosen Ackerbau, die Betonung organischer Düngung und Weiteres nur um 500 g pro m2, also um etwa 6–7 % erhöhen, resultierte auf den etwa 12 Mio. ha Ackerland in Deutschland ein Kohlenstoff-Einfang von etwa 60 Mio. t, was einem Viertel des jährlichen Ausstoßes aus fossilen Quellen entspräche. Artenvielfalt und Landschaftsbild: An Artenvielfalt mangelt es der modernen Landwirtschaft bekannterweise sehr (siehe Foto 2). So sehr hier Fortschritte wünschbar sind, haben wir doch ein Problem vor uns, bei dem gefragt werden muss, wer hier etwas leistet. Gewiss existieren artenreiche, bunt blühende Bergwiesen (siehe Foto 1), die „Leistungen“ für Bienen, Tagfalter, Menschen etc. erbringen. Aber solche Biotope sind natürlich von Menschen angelegt und gestaltet. Anders als früher ist Artenvielfalt keine unbeabsichtigte Nebenwirkung der Landwirtschaft mehr, sondern muss, sei es durch gezielte Förderung oder unter Inkaufnahme wirtschaftlicher Nachteile, bewusst geschaffen werden.

Bewertung

Siedlungswasserwirtschaft Berlins eine sehr wichtige Leistung. Klima und Kohlenstoff-Kreislauf: Über viele Jahrhunderte hinweg hat die Ausbreitung des Ackerbaus auf der Erde zur Abnahme des Humusgehalts der Böden

Schon das Wort „Leistung“ drückt aus, dass wir Menschen etwas nützlich finden und anerkennen. Führt ein Ökosystem zu Effekten, die uns gleichgültig oder gar unwillkommen sind, würden wir eher „Wirkung“ dazu sagen. Eine sorgfältige physische Erhebung einer Ökosystemleistung mit möglichst quantitativer Abschätzung ihrer Folgen bzw. der eintretenden Nachteile bei ihrem Ausbleiben ist durchaus schon als ein sinnvoller erster Bewertungsschritt anzusehen. Die Ökonomik möchte indessen monetarisieren, das heißt, den Wert einer Leistung in Geldeinheiten ausdrücken. Richtig durchgeführt, kann daraus eine

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ausblicke 2 |10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften

Literatur • BfN (Bundesamt für Naturschutz), Anreiz – Ökonomie der Honorierung ökologischer Leistungen, BfN-Skript 179, Bonn 2006. • R. Marggraf/I. Bräuer/ A. Fischer/S. Menzel/ U. Stratmann/A. Suhr (Hg.), Ökonomische Bewertung bei umweltrelevanten Entscheidungen, Marburg 2005. • M. Rühs/U. Hampicke/ R. Schlauderer, Die Ökonomie tiergebundener Verfahren der Offenhaltung, Naturschutz und Landschaftsplanung 37, S. 325–335, Stuttgart 2005.

Foto 2: Durchrationalisierte Produktionslandschaft

wertvolle Entscheidungshilfe entstehen; es lauern jedoch zahlreiche methodische Fehlerquellen. Verbreitet wird der monetäre Wert einer Sache mit ihren Anschaffungskosten identifiziert, gegebenenfalls modifiziert durch Wertverluste infolge von Abschreibungen usw. Behördliche (insbesondere steuerliche) Vorschriften verlangen mindestens teilweise die Bewertung von Immobilien, Wäldern und Inventaren nach diesem Muster. Für die Bildung eines Urteils sind Informationen über die Gestehungskosten in der Vergangenheit sicherlich nützlich; auch in der Landschaft sind Kenntnisse über die Kosten von Nutzungsweisen, die bestimmte erwünschte Resultate erzielen, unabdinglich (vgl. Rühs et al. 2005). Der ökonomische Wert ist jedoch immer zukunfts- statt vergangenheitsbezogen. Jemand kauft eine Aktie, nicht weil es teuer war, das Unternehmen aufzubauen, sondern weil man sich eine Rendite in der Zukunft verspricht. Ebenso werden Ökosysteme ökonomisch als Kapital aufgefasst, dessen Wert sich aus dem erwarteten Renditestrom in der Zukunft ableitet. Der Renditestrom ergibt sich aus der geäußerten Zahlungsbereitschaft für die jeweilige Leistung, also aus der Nachfrage nach ihr. Dies führt zu der zunächst überraschenden Konsequenz, dass Leistungen, welche die Eigenschaften von Konsumgütern haben und insofern als „weich“ („soft“) angesprochen werden, am leichtesten zu bewerten sind. Wir brauchen nur die Konsumenten zu fragen, wie hoch ihre Zahlungsbereitschaft ist, etwa für den Genuss einer schönen Landschaft wie auf Foto 1. Wie verlässlich die Antworten sind, ist eine andere Frage, zu der umfangreiche Literatur vorliegt (z. B. Marggraf et al. 2005). Die „harten“ Leistungen, wie etwa die bereits erwähnte Grundwasserspende für Berlin, sind Elemente der Infrastruktur, für die es recht sinnlos ist, Konsumenten nach ihrer Zahlungsbereitschaft zu fragen. Hier greifen sogenannte Ersatzkostenwerte; man fragt, welcher technische Aufwand erforderlich wäre, um eine Leistung zu ersetzen, die uns die Natur versagt. Solche Fragestellungen sind methodisch unattraktiv, verlangen sehr viel Fleiß im Detail und

werden daher von Ökonomen gemieden, sodass kaum gute Ergebnisse vorliegen.

Verfügungsrechte Wird der Wert einer Ökosystemleistung korrekt erfasst, steht damit noch keineswegs fest, dass ein Zahlungsstrom in dieser Höhe in Gang zu setzen ist. Es kann nie einem Ökosystem etwas bezahlt werden, sondern immer nur Menschen. Stellen wir uns vor, die Besucher einer schönen Bergwiese würden wahrheitsgemäß erklären, dass sie für einen herrlichen Spaziergang auf dieser Wiese fünf Euro zahlen würden. Dieselben Besucher mögen an einem heißen Sommertag auch für ein Glas Bier eine Zahlungsbereitschaft von fünf Euro angeben. Wenn das Glas Bier an einem Stand nur drei Euro kostet, „sparen“ sie zwei Euro. Ihre Zahlungsbereitschaft wird nur teilweise abgeschöpft, und es bleibt eine Konsumentenrente übrig. In diesem Beispiel legt der Markt fest, wie hoch sie ist; bei Kollektivleistungen wie der Landschaftsgestaltung muss hingegen bewusst entschieden werden. Intuitiv wird man leicht zustimmen können, dass ein Landwirt, der den Artenreichtum fördert, eine Entlohnung verdient. Im Übrigen ist hier die Anreizwirkung zu beachten. Bauern mögen noch so fest versichern, kein Unkraut zu dulden – wir können sicher sein, dass sich die Kornblumen vermehren würden, wenn man sie nur hinreichend gut bezahlte (BfN 2006). Soll ein Landwirt, auf dessen Acker das Wasser versickert, das den Städtern zugute kommt, auch dafür bezahlt werden? Dann müsste er einen Anspruch, ein Verfügungsrecht (Property Right), darauf besitzen, es müsste sein Wasser sein, das er gegebenenfalls auch zurückhalten könnte. Man erkennt, dass die Bewertung einer Ökosystemleistung für die politische Gestaltung noch nicht hinreicht, immer treten Werturteile und letztlich verfassungsrechtliche Fragen hinzu. ||| Ulrich Hampicke, Universität Greifswald, Lehrstuhl für Landschaftsökonomie


Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2 |10

Ökonomie und Natur sind unversöhnliche Feinde. So die weithin landläufige Wahrnehmung, wenn es um neue Infrastrukturprojekte geht oder wenn die wirtschaftliche Entwicklung diskutiert wird. Die internationale TEEB-Studie will die Verbindung von Ökonomie und Biodiversität sichtbar machen. Carsten Neßhöver

Ökonomie und Biodiversität

Schon seit Langem wird überlegt, wie viel uns Umweltzerstörung auch in Geldwerten kostet: Ein konkretes Beispiel sind die Leistungen der Bienen und Schmetterlinge, die durch die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und die damit verbundenen Krankheitsfaktoren im Rückgang begriffen sind. Ihre Bestäubungsleistung für die Ernten von Früchten und Gewürzen hat weltweit jährlich einen Wert von etwa 150 Mrd. Euro. Ähnliche Dimensionen zeigen erste Schätzungen amerikanischer Experten zum Verlust von Ökosystemdienstleistungen im Golf von Mexiko durch die Ölkatastrophe: Die Schäden an der Golfküste könnten pro Jahr zwischen 1,2 und 23,5 Mrd. USDollar kosten – über einen noch unbekannten Zeitraum. Neben der Fischerei ist hier vor allem der Tourismus betroffen. Die ökonomische Bedeutung der biologischen Vielfalt anhand solcher Zahlen sichtbar zu machen hat sich die im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführte globale Studie zur Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität (The Economics of Ecosystems and Biodiversity – TEEB, www.teebweb.org) zum Ziel gesetzt. Die Studie schafft einen Überblick über die vielfältigen Abhängigkeiten unseres Wohlbefindens von der Natur. Denn alle wirtschaftlichen Aktivitäten hängen letztendlich von Leistungen ab, die Ökosysteme für uns erbringen: Produktion von Nahrungsmitteln und Holz, Filterung von Trinkwasser, Rückhaltefunktion von Feuchtgebieten und vieles mehr.

Die Ergebnisse der TEEB-Studie verdeutlichen, dass „es uns wert sein sollte“, die Biodiversität zu erhalten. Natürlich zunächst allein aufgrund der Wertschätzung, die wir der Natur für Leistungen entgegenbringen, die man ökonomisch kaum bemessen kann, wie die Möglichkeit eines Spaziergangs in einem schönen Wald. Darüber hinaus bedeutet der Verlust von Ökosystemen auch einen erheblichen Verlust von ökonomischen Möglichkeiten, was sehr unterschiedliche Nutzergruppen betrifft: Entscheidungsträger, Unternehmen, aber auch jeden Einzelnen von uns. Deswegen werden verschiedene TEEBBerichte erstellt, die auf die verschiedenen Fragen eingehen: Was muss und kann die nationale und internationale Politik tun, etwa durch eine Reduktion umweltschädlicher Subventionen? Welche ökonomischen Instrumente gibt es auf lokaler Ebene zum Schutz der Natur, etwa in der Raum- und Eingriffsplanung? Welche Chancen und Risiken bestehen für Unternehmen, deren Wirtschaften auf natürlichen Ressourcen aufbaut? Für all solche Fragen gibt es Beispiele in der ganzen Welt, die zeigen, dass eine Verbindung von Naturerhalt und wirtschaftlichem Handeln möglich ist. Ökonomie und Natur brauchen ein entsprechendes Miteinander – das lange sorgsam gehegte Gegeneinander gehört ins letzte Jahrhundert. ||| Carsten Neßhöver, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig

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ausblicke 2 |10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften

Die vielen Aufgaben der Landwirtschaft – und ihre Zielkonflikte Die Aufgaben der Landwirtschaft sind ebenso vielfältig wie die Schwerpunkte, die gesetzt werden können. In welche Richtung soll es gehen? Welche Schwerpunkte bereichern die ländliche Entwicklung? Und welche Zielkonflikte sind zu lösen? Drei Positionen zeigen Perspektiven auf.

Multifunktionalität der Landwirtschaft – ein Zielkonflikt Christian Krumphuber, Landwirtschaftskammer für Oberösterreich, Leiter der Abteilung Pflanzenproduktion

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts, vor allem aber in den ersten zehn bis zwanzig Jahren nach dem Ende des 2. Weltkriegs war es faktisch die alleinige Aufgabe der Landwirtschaft, die Bevölkerung mit Nahrung in ausreichender Menge zu versorgen. Erst als die mengenmäßige Versorgung gewährleistet war, begann es, um Qualität zu gehen. Das Agrarsystem wurde hinterfragt, der Verbrauch von Ressourcen – materiellen wie immateriellen (Beispiel Biodiversität) – stand und steht im Blickpunkt der kritischen Öffentlichkeit. Dennoch gilt: f Primäre Aufgabe der Landwirtschaft ist es, für die Bevölkerung Nahrungsmittel in ausreichender Menge und Qualität bereitzustellen. f Die Produktionsfunktion umfasst

f

zunehmend auch nachwachsende Rohstoffe und Energie. Ökonomisch spielt der Sektor eine wichtige Rolle, da damit die nach wie vor steigende Produktion kanalisiert werden kann. Die bestehenden oder sich eröffnenden Zielkonflikte gilt es auszudiskutieren. Ein erster Ansatz ist etwa das seit 2010 geltende Nachhaltigkeitsregime der EU für biogene Kraftstoffe. Übergeordnete Aufgaben der Landund Forstwirtschaft, die immer wichtiger werden, umfassen die Erhaltung der Kulturlandschaft sowie der Lebensgrundlagen wie Boden und Wasser etc. Hier erbringt die Landwirtschaft Leistungen, die von der Bevölkerung konsumiert werden, über Produktpreise aber nicht abgegolten werden (können).

Die Rolle der Landwirtschaft kann und darf man nicht auf die eines „Produzenten“ oder „Landschaftsgärtners“ reduzieren. Wir brauchen

beides: eine ökonomisch tragfähige und eine ökologisch verträgliche Produktion. Wenn man sich bemüht – und damit sind die Landwirtschaft, aber auch der Landwirtschaft kritisch gegenüberstehende Gesellschaftskreise angesprochen – kann der Kompromiss gelingen. Wir sollten uns klar werden, was Landwirtschaft überhaupt ist oder sein kann. Ein Werbespot bewirbt Lebensmittel mit „Natur*pur“ – das kann Landwirtschaft ehrlicherweise gar nicht erbringen. Denn Landwirtschaft zu betreiben ist menschliches Handeln – und somit Kultur. |||

Immer mehr Funktionen – immer weniger Artenvielfalt? Johannes Frühauf, BirdLife Österreich

Versorgung mit (gesunden) Lebensmitteln, Einkommen für landwirtschaftliche Betriebe, Kulturlandschaft als Bühne für Tourismus und Freizeitgestaltung. Wachsender Energiehun-


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ger lässt Biosprit, Energieholz und Biogas und selbst Windräder auf den Äckern wachsen. Klimaschutz gilt als Win-Win-Situation: Der Produzent von nachwachsenden Rohstoffen und Lebensmitteln wird sich selbst zum liebsten, die Preise stützenden Konkurrenten. All das wirft Ertrag ab. Doch trügt der Schein nicht? Die Aufgabe landwirtschaftlicher Betriebe schreitet voran. Das Artensterben geht weiter – so nahmen selbst die häufigsten Kulturlandvögel Österreichs allein zwischen 1998 und 2009 um über 30 % ab. Das Umweltprogramm ÖPUL wirkt bestenfalls bremsend. Naturschutzmaßnahmen sind ein Minderheitenprogramm, an dem sich immer weniger, tendenziell aufgebende Betriebe beteiligen. Pestizidund Düngereinsatz nehmen in jüngster Zeit wieder deutlich zu, das Landschaftsbild wird eintöniger. Die Hoffnung, fossilen Sprit weitgehend zu ersetzen, erwies sich bisher als illusorisch, und der Klimaschutzbeitrag der Landwirtschaft dürfte bescheiden ausfallen. Wachsende

Konkurrenz treibt Intensivierung und „Strukturbereinigung“ voran. „Grenzertragsflächen“ (v. a. Extensivgrünland) gehen verloren, selbst ertragreiche Böden verschwinden unwiederbringlich unter neuen Siedlungen und Straßen. Multifunktionalität muss auf immer kleinerem Raum stattfinden. Überfordert der multifunktionale Anspruch? Die hohen Erwartungen erfordern neue, ökonomisch nachhaltige, integrative Wirtschaftsmodelle und die Abkehr vom bisherigen Dogma der Intensivierung als einziger Antwort auf ökonomischen Druck. In die Erhaltung der Biodiversität müsste investiert werden, öffentliche Gelder müssten an (ökonomisch einschränkende) Bedingungen geknüpft, gesetzliche Regelungen müssten geschaffen werden. Neue Denkansätze, wie etwa die ökonomische Bewertung von Ökosystemen und Biodiversität, bergen eine Chance, artenreiche Kulturlandschaften zu erhalten. |||

Europäisches Agrarmodell 2.0 – Multifunktionale Landwirtschaft erfordert Systemoptimierung

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explizit die Freiheit von Pestiziden und Gentechnik verstanden wird. Landwirtschaft soll nachhaltig sein und ein Maximum an öffentlichen Gütern produzieren. Dieses Ziel kann nur durch Multifunktionalität erreicht werden, das Europäische Agrarmodell sollte daher im Rahmen der GAPReform wiederbelebt, weiterentwickelt und implementiert werden. Es ist höchste Zeit, die Notwendigkeit einer systemischen Gesamtoptimierung anzusprechen. Sektorale Ansätze, also die Fokussierung auf eine oder wenige Funktionen, sind ineffizient und führen zu Zielkonflikten – Klimaschutz auf Kosten von Tierschutz oder Produktivitätssteigerung auf Kosten von Bodenschutz ist nicht zielführend. Nur durch systemische Ansätze können Zielkonflikte minimiert und die Gesamtleistung über alle Funktionsbereiche hinweg optimiert werden. Die biologische Landwirtschaft verfolgt einen solchen systemischen Ansatz. Daher kann die Biolandwirtschaft als BestPractice-Beispiel für multifunktionale Landwirtschaft dienen. ||| Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines in „BIO.POLITIK“ 01/2010 (www.bio-austria.at/ BIO.POLITIK) erschienenen Artikels.

Thomas Fertl, BIO AUSTRIA, Leiter der Stabstelle Agrarpolitik

Das Europäische Agrarmodell einer multifunktionalen Landwirtschaft ist zunehmend in Vergessenheit geraten und wird allzu häufig als Beschreibung der europäischen Agrarpolitik bzw. europäischen Landwirtschaft per se instrumentalisiert. Die heuer von EU-Agrarkommissar Ciolos durchgeführte Konsultation zur Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) hat klar gezeigt, dass für die BürgerInnen der EU die GAP primär die Verfügbarkeit leistbarer, gesunder und natürlicher Lebensmittel sicherstellen soll, wobei darunter häufig

Grafik: BIO AUSTRIA


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ausblicke 2 |10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften

Natürlichen Reichtum wahren. Eine einzigartige intakte Naturlandschaft, regionale Erzeugnisse und gelebtes Brauchtum, wie es die Gäste im Salzburger Almsommer oder im Bauernherbst vorfinden, zeichnen Salzburgs Kulturlandschaft aus. Zudem zählt das SalzburgerLand mit großen Kultur-Marken wie den Salzburger Festspielen zu den wichtigsten Destinationen im internationalen Kulturtourismus. Bei der Destinationsentscheidung der Gäste spielt das Angebot an Sehenswürdigkeiten, Kunst und Kultur eine ebenso große Rolle wie die landschaftlichen Reize und das Flair der Region. Traditionelle Werte zu stärken, die Zusammenarbeit von Tourismus und Landwirtschaft zu vertiefen, den natürlichen Reichtum und die gesellschaftliche Bedeutung der Kulturlandschaft sowie Naturerlebnisse zu erhalten und durch neue authentische (Urlaubs-)Angebote weiterzuentwickeln wird in Zukunft wichtiger denn je sein, um sich im internationalen Wettbewerb behaupten und hervorheben zu können. Leo Bauernberger, Geschäftsführer der SalzburgerLand Tourismus GesmbH

Traditionelle Kulturlandschaften erhalten. Die Landschaft, die uns heute umgibt, ist ein Zeugnis unserer Geschichte, das Ergebnis vieler menschlicher Eingriffe in die natürlichen Gegebenheiten und die Antwort der Natur auf dieses menschliche Wirken. Die Technisierung in der Landnutzung hat den besorgniserregenden Wandel von vielfältigen, strukturreichen, kleinräumigen und artenreichen Kulturlandschaften hin zu eintönigen Wirtschaftslandschaften mit sich gebracht, sodass wir heute von gefährdeten Kulturlandschaften reden müssen. Uns vom Naturschutzbund NÖ ist die Erhaltung traditioneller Kulturlandschaften ein großes Anliegen. Naturverträgliches, nachhaltiges Wirtschaften ist somit ein Gebot der Stunde. Margit Gross, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Niederösterreich

Der Wert von Kulturlandschaften Wie entstehen Kulturlandschaften? Welche Funktionen erfüllen sie? Worin liegt ihr Wert? Und wie kann man ihren Wert ausdrücken? Neun Ansichten zum Thema.

Lebensweise gestaltet Umwelt. Die bäuerliche Kulturlandschaft ist im Lauf von Jahrhunderten durch die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern entstanden. Sie ist kultivierte – gepflegte, bearbeitete – Landschaft, die durch einen großen Artenreichtum und eine Vielzahl von Biotopen geprägt ist. Nur durch beständige Bewirtschaftung wird sie immer wieder von Neuem hergestellt. Die Erhaltung dieser vielfältigen Landschaft ist daher direkt damit verknüpft, wie wir leben und arbeiten und was wir täglich essen (wollen). Damit stellt sich nicht zuletzt die Frage, wie wir unsere Beziehung zur Umwelt gestalten. Denn die uns umgebende Landschaft stellt nie weniger als die Art und Qualität dieser Beziehung dar. Ruth Moser, Managerin im Biosphärenpark Großes Walsertal

Kulturlandschaft definieren und Bewusstsein fördern. Notwendig wäre, dass dieser (Kunst-)Begriff ins Bewusstsein der bäuerlichen Bevölkerung gelangt. Meint man „kultivierte“ Landschaft, Kultur in der Landschaft, die Erhaltung landschaftsprägender Elemente oder einfach landwirtschaftliche Nutzflächen, die es wert sind, mithilfe von Förderprogrammen bewirtschaftet zu werden? Mit der Förderung unserer Elsbeerbäume versuchen wir, dass letztlich jeder Baum, jede Streuobstwiese und jede Dirndlzeile als unverzichtbarer, wertvoller Teil der selbst zu bewirtschaftenden Fläche gesehen werden – als Beitrag zur Gestaltung der Kulturlandschaft, deren Wert auch ohne finanzielle Anreize immer weiter steigt. Norbert Mayer, Obmann des Vereins zur Erhaltung, Pflege und Vermarktung der Elsbeere


Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2 |10

Bewertung möglich und sinnvoll. Es mag auf den ersten Blick verblüffend erscheinen, aber die Bestimmung des Werts von Kulturlandschaften ist ein Problem, das grundsätzlich zu bewältigen ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bewertung des Nationalparks Kalkalpen durch die Linzer Ökonomen Pruckner und Hackl. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die Einigung auf Bewertungsmaßstäbe und die Messung eines Werts ohne Bezug auf den Menschen wertlos sind. Da für das Management bestimmter Kulturlandschaften öffentliche Gelder eingesetzt werden, ist eine Bewertung nicht nur sinnvoll, sondern nötig. Franz Sinabell, WIFO, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung

Schützen und nützen. Kulturlandschaften sind ein wichtiges und wertvolles Gut – sie sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Wechselspiels zwischen der Natur und dem Wirken des Menschen. Sie erfüllen nicht nur landwirtschaftlichen Nutzen, sondern übernehmen auch wichtige Funktionen für alle Lebewesen. Dadurch prägen sie auch

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Visionäre Bilder sind gefragt. Kulturlandschaft stand von 1995 bis 2004 im Fokus eines BMWFForschungsprogramms. Mit dem Begriff Kulturlandschaft wollten wir einen Rahmen für interdisziplinäre Forschung bieten. Kulturlandschaft war definiert als „ein vom Menschen als Einheit wahrgenommenes räumliches Wirkungsgefüge von natürlichen Gegebenheiten und menschlichen Einwirkungen. Kulturlandschaften verändern sich über die Zeit …“ Häufig wird die ideale Kulturlandschaft mit dem Bild vorindustrieller bäuerlicher Landschaft identifiziert. Angesichts dieser idealisierten Vorstellung ist die Forschung gefordert, visionäre Bilder zu entwerfen, in denen Neues ebenso Platz hat wie Altgewachsenes. Karolina Begusch-Pfefferkorn, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Referat Ökologie, Ressourcenvorsorge und Nachhaltigkeit

stark den Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsraum sowie die Lebensqualität von uns allen. „Schützen und nützen“ lautet daher auch die Devise von „Ja! Natürlich“, unter der wir uns für die Vielfalt und den natürlichen Reichtum in Österreichs Regionen einsetzen. Martina Hörmer, Geschäftsführerin von „Ja! Natürlich“

Lebensraum erhalten. Viele Menschen suchen in ihrer Freizeit Erholung in der Natur. Damit meinen sie in den allermeisten Fällen aber nicht die ursprüngliche Naturlandschaft, sondern die durch oft jahrhundertelange Bearbeitung entstandene Kulturlandschaft, die uns heute schützenswert erscheint und Möglichkeiten der touristischen Nutzung bietet. Wichtig ist aber, dass sich die Bewohner dieser Kulturlandschaft wohlfühlen und sich ihren Lebensunterhalt verdienen können. Daher muss die Gesellschaft alles daran setzen, um die Landflucht zu verhindern und finanzielle Anreize für den Erhalt der Kulturlandschaft zu bieten, die uns einerseits wunderbare Heimat ist und andererseits touristische Nutzung in meist strukturschwachen Regionen ermöglicht. Martin Ploderer, Bürgermeister von Lunz am See

Konsumverhalten überdenken. Österreich ist ein Landschaftsjuwel in Europa, das durch die kleinstrukturierte Landwirtschaft entstanden ist. Die Bevölkerung hat das Privileg, in einer intakten Kulturlandschaft zu leben. Österreichs JunglandwirtInnen sorgen für sauberes Trinkwasser, Rohstoffe, gesunde Lebensmittel und nachhaltige Energie. Jede(r) trägt die Verantwortung, all das mit bewusstem Konsumverhalten zu erhalten. Die Landjugend, die wichtigste Jugendorganisation im ländlichen Raum, baut zwischen der Landwirtschaft und allen Bevölkerungsgruppen Brücken; sie leistet mit ihren Aktionen und Projekten einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung, damit Landwirtschaft und Landschaftsbild erhalten bleiben. Monika Zirkl und Johannes Kessel, Bundesleitung der Landjugend Österreich


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ausblicke 2 |10 Regionalentwicklung und Lebensqualität

Multifunktionalität im ländlichen Raum Ländliche Räume weisen aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung und Funktionsfähigkeit eine große Heterogenität auf. Den ländlichen Raum gibt es nicht. Ländliche Räume sind durch verschiedenste Nutzungen – als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungsraum – charakterisiert und haben dadurch auch unterschiedliche Funktionen. Alexandra Bednar

Was ist unter einem multifunktionalen Raum zu verstehen? Entscheidend ist das Geschehen in diesen Räumen: Unterschiedliche NutzerInnen auf verschiedensten Ebenen agieren in einem Nutzungsgeflecht mit unterschiedlichen Ansprüchen, aber auch mit unterschiedlichen Verträglichkeiten. Multifunktionalität umfasst daher ökologische, ökonomische und soziale Nutzungen. Eine mögliche Folge von Multifunktionalität sind Mehrfachnutzungen; Nutzungen können einander aber auch ausschließen. In diesem Sinn ist der ländliche Raum als Multifunktionsraum zu verstehen. Multifunktionale Nutzungen im ländlichen Raum ergeben sich aufgrund einer Vielzahl von Gruppen von AkteurInnen, die in diesen Quellen und weiterRäumen leben und wirtschaften. Land- und Forstwirtführende Literatur schaft, Wasserwirtschaft, Energiewirtschaft, Natur• ÖROK (2002), Österreichisches und Landschaftsschutz, Tourismus, um nur einige zu Raumentwicklungskonzept 2001, Schriftenreihe 163. nennen, und nicht zuletzt auch die ländliche Bevölke• ÖROK (2006), Aufrechterhaltung rung haben unterschiedliche Ansprüche an den ländder Funktionsfähigkeit lichen Raum. ländlicher Räume, Schriftenreihe 171. In vielen ländlichen Gebieten ist die Land- und • ÖROK (2006), Freiraum & Forstwirtschaft für die Flächennutzung dominierend Kulturlandschaft, und hat daher eine große Flächenverantwortung. Schriftenreihe 173. • ÖROK (2009), Szenarien der Land- und forstwirtschaftlich genutzte Räume zeichRaumentwicklung Österreichs nen sich durch eine große Vielfalt aus: Neben den 2030, Schriftenreihe 176/II. • ÖROK (2010), paper in progress klassischen Nutzungen Ackerland, Grünland und – PIP. auf dem Weg zum Wald sind unterschiedliche Flurformen wie StreuÖREK 2011, Arbeitspapier obstwiesen, Obst- und Weingärten und Hecken zum neuen Österreichischen wesentliche Bestandteile der Kulturlandschaft. Die Raumentwicklungskonzept 2011; www.oerok.gv.at. Multifunktionalität dieser Räume zeigt sich neben der

Produktionsfunktion auch durch ihre Funktion als Lebens- und Natur(schutz)raum. Auch außerlandwirtschaftliche Nutzungsformen spielen eine große Rolle. Die Flächen im ländlichen Raum werden von der Wirtschaft und Industrie, vom Verkehr, vom Tourismus und für Freizeitaktivitäten in Anspruch genommen – der Multifunktionalität scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Der ländliche Raum im Rahmen der österreichischen Raumentwicklung Im Österreichischen Raumentwicklungskonzept (ÖREK) 2001 sind die ländlichen Regionen mit ihrer Vielfalt an Herausforderungen und Entwicklungschancen beschrieben. Die ländlichen Regionen sind längst nicht mehr nur dem landwirtschaftlich genutzten Raum gleichzusetzen; sie erfüllen unterschiedliche Funktionen und stellen der Bevölkerung verschiedenste Ressourcen zur Verfügung: hochwertige Nahrungsmittel, Trinkwasser, Biomasse, Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten sowie ein großes soziales und kulturelles Erbe. Die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des ländlichen Raums ist ein zentraler Inhalt des ÖREK 2001. Funktionsfähige Räume umfassen beispielsweise die Nahversorgung, soziale Dienstleistungen, das Vorhandensein von Telekommunikationstechnologien, kulturelle Angebote sowie die Erreichbarkeit. Funktionsfähigkeit kann aber auch im Hinblick auf die Bedeutung eines Raums für dessen Fauna und


Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2 |10

Flora oder für andere Nutzergruppen, beispielsweise für den Tourismus, betrachtet werden. Ausgehend von den „Raumszenarien Österreichs 2030“ (ÖROK, 2009, Schriftenreihe 176/II) ist im ländlichen Raum durch den steigenden Bedarf an natürlichen Ressourcen eine Verknappung des Bodens zu erwarten. Ländliche Gebiete, vor allem jene außerhalb von regionalen und touristischen Zentren, werden zukünftig auch vermehrt von starker Abwanderung, von einem Bevölkerungsrückgang und von Überalterung betroffen sein. Die Abnahme der landwirtschaftlichen Flächenbewirtschaftung, eine Übernutzung der natürlichen Ressourcen sowie der Verlust von Biodiversität sind weitere mögliche Folgen. All diese Entwicklungen haben Einfluss auf die Funktionsfähigkeit und in diesem Sinn auch auf die Multifunktionalität des ländlichen Raums.

Multifunktionalität als Chance für den ländlichen Raum Gerade aber die Vielfalt des ländlichen Raums kann dazu beitragen, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, Siedlungs- und Wirtschaftsräume zu erhalten, regionale Potenziale zu nutzen und für die BewohnerInnen nachhaltige Lebensbedingungen zu schaffen. Die Aufrechterhaltung der Multifunktionalität sowie der Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur Österreichs ist auch Thema des neuen, derzeit in Ausarbeitung befindlichen ÖREK 2011. Vor allem die Förderung der sozialen Vielfalt sowie die Umweltqualität als

Potenzial in den ländlichen Räumen stehen im Vordergrund. Die Weiterentwicklung einer leistungsfähigen Land- und Forstwirtschaft ist ebenfalls von großer Bedeutung. Neben der nachhaltigen Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen wird es in Zukunft weitaus größer gewordene Anforderungen an den ländlichen Raum geben: die Sicherung des Siedlungsraums, die Katastrophenvorsorge, die Energieproduktion; auch die Multifunktionalität soll gewährleistet bleiben. |||

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Wohnen und Wirtschaft im ländlichen Raum – Wasserkraftwerk Murau, Steiermark

Alexandra Bednar, Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK)

Multifunktionaler ländlicher Raum: Siedlungsraum, Naturraum, Erholungsraum – Mariazeller Land, Steiermark


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ausblicke 2 |10 Regionalentwicklung und Lebensqualität

Lebensqualität im ländlichen Raum oder

Die Renaissance der Orte in einer neuen Regionalität Über die Hälfte der Menschheit lebt mittlerweile in Städten. Der Trend ist eindeutig: Leben und Wirtschaften konzentrieren sich immer mehr auf urbane Ballungsräume. Drei Annäherungen

Die Chance des ländlichen Raums liegt daher in der Verflechtung mit der Stadt in der Region. Diese ist der zentrale Schauplatz des Lebens in der postfossilen Gesellschaft der Zukunft. Redimensionierte Bewegungsradien erfordern und fördern eine Ökonomie der Nähe. Eine neue Regionsverbundenheit trägt der Sehnsucht nach Überschaubarkeit Rechnung und erweitert die Gestaltungsspielräume. Ortsbindung wird zu einem Faktor für Lebensqualität.

Hans Holzinger

Betrachtet man Landkarten zur Wirtschaftskraft von Kommunen, so zeigen sich kumulierte große Blasen in den urbanen Ballungszentren. Die Rede ist von „Zukunftsregionen“, „Hot Spots“ der wirtschaftlichen Entwicklung, die sich um Metropolen herausbilden. Und die ländlichen Räume? Sind sie zum Aussterben verurteilt? Wird alles, was sich nicht im Scheinwerferkegel der Metropolen befindet, von der Zukunft vergessen? Ja und nein. Fest steht, dass sich die wirtschaftliche Konzentration und damit auch jene der Bevölkerung auf die Attraktionsräume der Stadtregionen weiter verstärken werden. Raumordnungspolitisch macht dies auch Sinn: Nur verdichtete Räume ermöglichen sinnvolle öffentliche Infrastrukturen. Die Zukunft des ländlichen Raums erscheint somit ambivalent: Florierenden Zonen im Nahfeld der Städte stehen solche gegenüber, die (fast) ausschließlich landwirtschaftlichen und Erholungszwecken dienen, wie der Trend zum Zweitwohnsitz am Land zeigt. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete ländliche Entwicklung muss sich dieser Herausforderung stellen. „Regionalwirtschaft“ bezieht sich dann nicht auf die Ebene des Dorfes, sondern eben

auf die Region, die durchaus mehrere Hunderttausend Menschen umfassen kann. Eine „Ökonomie der Nähe“ wäre dann eine solche, die das zum Leben Notwendige (mehrheitlich) in der Region produziert. Die optimalen Bewegungsradien in der „Solarspargesellschaft“ (Wolfgang Sachs) würden sich auf 50 bis 100 Kilometer einpendeln, ergänzt um Fußläufigkeit vor Ort.

Wohlstand und Lebensqualität Region und ländlicher Raum

Auch wenn dies angesichts der Wirtschaftskrise provokant klingen mag: Für viele Menschen sind nicht mehr Geld und Güter knapp, sondern Zeit und Aufmerksamkeit. Lebensqualität wird daher vermehrt mit immateriellen Bedürfnissen assoziiert. Gelingende Beziehungen, Zeit haben für die Menschen und Dinge, die einem wichtig sind, Selbstverwirklichung im Beruf und jenseits des Berufes, aber auch intakte Lebensgrundlagen und der Schutz der Umwelt gelten als neue Wohlstandsindikatoren. Dem Bruttoinlandsprodukt folgt das umfassendere Lebensqualitätsprodukt. Wachsen sollen menschliche Beziehungen, die Qualität der Lebensmittel, der Wert und die Dauerhaftigkeit unserer Güter. Was bedeutet das für den ländlichen Raum? Die Landwirtschaft wird eine Aufwertung erfahren. (Gesundheits)bewusstere KonsumentInnen fordern Lebensmittel hoher Qualität – der ungebrochene Bioboom bestätigt es. Auch regionale Herkunft wird wichtiger, wie die sich verändernden Warensortimente der Supermärkte zeigen. Dazu kommen die Leistungen der Landwirte als Kulturlandschaftspfleger und als zukünftige Energielieferanten. Das (unbezahlbare) Juwel der ländlichen Räume sind die her-


Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2 |10

vorragenden Lebensbedingungen: viel Grün, wenig Lärm, ästhetische Kultur- und Naturlandschaften. Eine bedachtsame Raumplanung hat darauf zu achten, dass dieses Juwel nicht leichtfertig zerstört wird.

Neue Ortsbindung Nachhaltigkeit hat nicht nur eine zeitliche Dimension, sondern auch eine räumliche. Menschen sind, anders als global zirkulierende Finanztransaktionen, nicht virtuell, sondern real. Sie leben an realen Orten und treffen an diesen Orten Entscheidungen. In den letzten Jahrzehnten ist jedoch ein Trend zur Entwertung der Orte festzustellen. Die Automobilität hat unsere Aktionsradien erweitert, jedoch alle Räume tendenziell zu Durchzugsräumen degradiert. Nicht mehr das Sein an einem Ort, sondern der massenhaft vollzogene Ortswechsel wurde zum neuen Paradigma. Die Zunahme der „Weltofferte“ hat unsere Freiheitsräume vergrößert, zugleich aber auch neue Zwänge geschaffen, etwa in Gestalt übervoller Terminkalender sowie als „Entortung“, als „Unfähigkeit zur Präsenz“ (Marianne Gronemeyer). Auch die zunehmende ökonomische Verflechtung hat ihren Tribut gefordert: Ruinöse Preis- und Werbeschlachten um Kunden entziehen die Kaufakte der räumlichen Bindung, da eben der (vermeintliche) Billigstpreis zum Hauptmotiv für Kaufentscheidungen wird. Regionale Verortung spielt dabei keine Rolle mehr. All das hat zur Zerstörung lokaler Wirtschaftsstrukturen und der Abwertung der Orte als Lebensräume geführt. Not tut somit eine Renaissance der Orte. Lebensqualität vor Ort, ein ansprechendes Wohnumfeld, soziale Kontakte in der Nachbarschaft, aber auch eine zumindest stückweise Rückbindung der Ökonomie an den Raum sind geboten. Ortsbindung in diesem Sinne geht mit (geistiger) Weltoffenheit einher, ja ist deren Voraussetzung. Ein wichtiger Aspekt liegt dabei in der Rückholung von Gestaltungsspielräumen. Je größer die physischen Räume werden, in denen wir uns bewegen, umso enger – so scheint es – werden unsere Denkräume. So wird an bekannten, aber brüchigen „Lösungsmustern“ festgehalten, etwa dem Wirtschafts- und Güterwachstum alten Stils. Folgerichtig wären auch die dominanten Bilder von Wohlstand kritisch zu hinterfragen. Neben den bekannten Güter-

wohlstand würden etwa „Zeitwohlstand“, „Ernährungswohlstand“, „Raumwohlstand“, „Beziehungswohlstand“, „Informations- und Demokratiewohlstand“ treten. So geht es um das Wiederfinden von Versammlungskulturen, etwa in „Zukunftswerkstätten“ an vielen Orten. In der Stadt wie am Land gilt es, neue Quellen einer „Mitmach-Gesellschaft“ zu erschließen. Wenn die Erwerbsarbeit zukünftig tendenziell abnehmen wird, bleibt mehr Zeit auch für soziales und kulturelles Engagement. Kooperation und Vernetzung sind zukünftig aber auch Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Ob in der Gastronomie, im lokalen Gewerbe oder in der Vermarktung einer Region nach außen – Kraft entsteht mehr durch Zusammenarbeit denn durch Konkurrenz. Der Wirtschaftsexperte Christian Felber spricht gar von „Gemeinwohl-Ökonomie“ als einzig tragfähiger Zukunftsperspektive. Gefordert wird auch eine neue regionale Konsumentenverantwortung.

Resümee Die postfossile Solargesellschaft wird dezentral organisiert sein. Krisenfeste Marktwirtschaften werden dem ebenso Rechnung tragen müssen wie resiliente Regionen. Denkbar wäre eine plurale, auf einem breiten Sektor der Regionalwirtschaft basierende Ökonomie, die um einen exportorientierten Hightechsektor sowie – in Österreich – um (internationalen) Tourismus ergänzt wird. Dazu käme ein erneut wachsender Sektor des Selbermachens jenseits des Marktes. Aufgrund der Überschaubarkeit der sozialen Beziehungen bietet der ländliche Raum ein gutes Experimentierfeld für eine moderne „Mitmach-Gesellschaft“, in der sich möglichst viele Menschen in unterschiedlichen Bereichen einbringen (können). Wenn Heimat im modernen Sinn bedeutet, „kennen, gekannt und anerkannt zu werden“ (Beate Mitzscherlich), dann sind Regionsidentität sowie partizipative und kooperative Regionskulturen im Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft der entscheidende Zukunftsfaktor für Lebensqualität. |||

Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung in Salzburg und Mitherausgeber der Zeitschrift „Pro Zukunft“, www.jungk-bibliothek.at

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Literatur • Christian Eigner u. a., Zukunft: Regionalwirtschaft! Ein Plädoyer, Innsbruck, Studienverlag 2009. • Christian Felber, GemeinwohlÖkonomie, Wien, Deuticke 2010. • Hans Holzinger, Wirtschaften jenseits von Wachstum? Befunde und Ausblicke, Wien und Salzburg 2010. • Beate Mitzscherlich, „Die psychologische Bedeutung von Beheimatung“, in: Heimat in einer globalisierten Welt, hg. v. Anton A. Buchacher, Wien, öbv & hpt 2001.


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ausblicke 2 |10 Regionalentwicklung und Lebensqualität

Umweltressourcen:

Integrierte regionale Lösungen sind gefragt! Wir leben in einer Zeit vielschichtiger und rascher Veränderungen. Um darauf reagieren zu können, bedarf es gemeinsam erarbeiteter Lösungen. In den ländlichen Regionen ist vor allem darauf zu achten, dass auch in Zukunft die naturräumlichen Standortvorteile gewahrt werden. Bernhard Ferner

Die vielfältigen Funktionen einer Umweltressource am Beispiel einer artenreichen Wiese: Sie ist Produktionsfläche für Lebensmittel und Energie, Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren sowie Erholungsraum, der alle Sinne anspricht. Sie macht Landschaften einzigartig, stiftet Identität und lässt sich touristisch nutzen.

Mannigfaltig strukturierte Kulturlandschaften, einzigartige Naturgebiete, große (Trink-)Wasservorkommen, ertragreiche Böden und gute Luftqualität zeichnen ländlichen Regionen aus und sind auch für die Tourismuswirtschaft unentbehrlich. Diesen landschaftsräumlichen Vorteil gegenüber städtischen Räumen gilt es langfristig zu erhalten – die naturräumliche Ausstattung einer Region ist nicht nur die Basis für Lebensqualität, sondern auch Grundlage für zahlreiche wirtschaftliche Aktivitäten. Am Beispiel der Ressource Boden und Fläche zeigt sich allerdings, dass der Grundsatz der haushälterischen Nutzung noch nicht vollends verwirklicht ist. Zwischen 2007 und 2010 lag die tägliche Flächeninanspruchnahme durch Bau- und Verkehrsflächen bei 11 ha, davon wurden 5 ha versiegelt (Umweltbundesamt 2010: 9. Umweltkontrollbericht). Zukünftig wird die Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung, der Bedarf an Hochwasserschutz, die steigende Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln sowie die Energieaufbringung verfügbare Flächen

weiter verknappen. Ein Trend, der sich auch in den Szenarien der Raumentwicklung Österreichs für 2030 abzeichnet (ÖROK 2009). Mit der Verknappung der Flächen steigt auch der Nutzungsdruck auf vorhandene Umweltressourcen. Vor allem in naturräumlich begrenzten Dauersiedlungsräumen (11,9 % in Tirol) werden dadurch Entwicklungspotenziale eingeengt.

Regionale Ressourcenplanung mit MUFLAN Durch beschleunigte sozioökonomische Veränderungen wächst der Bedarf an qualitativ hochwertigen, regional verfügbaren Umweltressourcen und damit zusammenhängend konkurrierenden Nutzungsansprüchen. Um sich frühzeitig mit potenziellen Konflikten auseinanderzusetzen, sind gegensteuernde Maßnahmen notwendig. Der regionale Kontext ist dabei besonders wichtig. Leader-Regionen etwa sind groß genug, um mehr als nur Beispiele für Insellösungen zu sein. Sie sind aber auch klein genug, um Wirkungs- und Handlungsebenen sowie die Auswirkungen individueller Nutzungsentscheidungen um Ressourcen nachvollziehbar zu machen. So wird Konfliktmanagement in einem umsetzbaren Rahmen möglich. Die Potenziale ihrer Regionen darstellen und die Lebensbedingungen dauerhaft erhalten – mit diesen Zielvorgaben starten drei österreichische Leaderregionen im Herbst 2010 ein Kooperationsprojekt. Unter dem Titel „Entwicklung regionaler Aktionsprogramme zur multifunktionalen, ökologisch optimierten Nutzung von Landschaft und Umweltressourcen“ (MUFLAN) werden neue Lösungswege beschritten.


Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2 |10

Es sollen Ansätze im Management von Nutzungskonflikten um die Verfügbarkeit von Umweltressourcen zwischen unterschiedlichen Interessengruppen aufgezeigt werden, um diese sichern zu können. Solche Aktionsprogramme zielen darauf ab, die Eigenständigkeit, Leistungsfähigkeit und Stabilität der Regionen zu unterstützen. Damit schaffen ExpertInnen aus den Regionen gemeinsam mit Fachleuten des Umweltbundesamts und der ÖAR-Regionalberatung wesentliche Voraussetzungen für eine integrierte Ressourcenplanung.

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Landschaft und Umweltressourcen sind Gegenstand zahlreicher Nutzungsansprüche.

Handlungsempfehlungen für die Zukunft Das Umweltbundesamt erstellt die Umweltressourcen- und Nutzungsinventare, also ökologische Regionsprofile. Diese geben Auskunft über die vielfältigen Funktionen der regional vorhandenen Umweltressourcen. Auf Basis der Inventare werden für die Regionen im Sinn einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung regionale Aktionsprogramme für die zukünftige effiziente Nutzung der Umweltressourcen und den Ausgleich von Nutzungsinteressen erarbeitet. Die Programme enthalten auch möglichst konkrete Handlungsempfehlungen für die Ressourcennutzung. Die Inventare und Aktionsprogramme werden in enger Abstimmung mit den relevanten Stakeholdern und regionalen ExpertInnen erstellt. Durch aktive Partizipation fließt regionales Wissen direkt in das Projekt ein. Die Regionen profitieren auf drei Ebenen: f Das Projekt liefert eine ökologische Bestandsaufnahme der Region. Der Prozess und die Ergebnisse schaffen bei Stakeholdern, Politik und Bevölkerung ein besseres Verständnis für den ökologischen Wert der Umweltressourcen. Die Inventare und Aktionsprogramme geben wertvolle Informations- und Entscheidungsgrundlagen für die Regionalentwicklung, vor allem für die Weiterentwicklung der Ressourcennutzung. Im Projektverlauf werden regional spezifische Umweltthemen aufgegriffen und bearbeitet, beispielsweise die Nutzung mineralischer Rohstoffe, die Zukunft der Flächennutzung und der biologischen Vielfalt sowie eine regionale Klima- und Energiebilanz.

f

Die Aktionsprogramme bieten eine regionale Informationsgrundlage im Vorfeld einschlägiger Verwaltungsverfahren zur Regelung von Nutzungsansprüchen und -konflikten um regionale Umweltressourcen – etwa bei der Ausweisung von Vorrangflächen in der Raumplanung. Die Region erhält damit ein Instrument, mit dem sie Nutzungsinteressen besser koordinieren und dadurch Konflikte vermeiden kann. Das ökologische Profil der Regionen kann zur Vermarktung und strategischen Positionierung nach innen und außen kommuniziert werden.

MUFLAN Projekt MUFLAN – Entwicklung regionaler Aktionsprogramme zur multifunktionalen, ökologisch optimierten Nutzung von Landschaft und Umweltressourcen Inhaltliche Bearbeitung: f Umweltbundesamt GmbH Prozessbegleitung: ÖAR-Regionalberatung Zukünftig soll es den Regionen gelingen, ihre Um- GmbH weltressourcen ökologisch verträglicher zu nutzen. Laufzeit: 18 Monate Zudem sollen sie über eine Grundlage verfügen, die Voraussichtlicher sie im effizienten Umgang mit unterschiedlichen Nut- Projektstart: Herbst 2010

zungsinteressen leitet. Eine Weisheit besagt: Versiegen die Quellen, versiegt das Leben. Ob dies traditionelle Kulturlandschaften, reiche Wasservorkommen oder ertragreiche landwirtschaftliche Böden sind – allen ist gemeinsam, dass ihre nachhaltige Nutzung gesichert sein muss. Umweltressourcen müssen in einer ausgewogenen Balance zwischen Schützen und Nützen achtsam behandelt werden, um heutiges Wirtschaften zu ermöglichen, ohne zukünftig lebende Gesellschaften in ihren Handlunsspielraum zu beschränken. Mit dem Projekt MUFLAN leistet das Umweltbundesamt einen Beitrag dazu. ||| Bernhard Ferner, Umweltbundesamt

Kontakt Umweltbundesamt: Bernhard Ferner, bernhard.ferner@ umweltbundesamt.at, 01/313 04-3539 Helmut Gaugitsch, helmut.gaugitsch@ umweltbundesamt.at, 01/313 04-3133 Kontakt ÖAR: Harald Payer, payer@oear.at, 01/512 15 950


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Verschiedene Akteure und Sichtweisen zusammenbringen. Welche Räume sind nicht multifunktional? Dieses modische Attribut kann wohl keiner menschlich genutzten Landschaft abgesprochen werden. Was ich an diesem Begriff aber dennoch schätze, ist, dass er verschiedene Blickwinkel öffnet und die vielfältige Bedeutung einer ländlichen Region als Lebens-, Wirtschafts- und Erlebnisraum bewusst macht. Die Kooperation im Geiste des Leader-Ansatzes kommt der Multifunktionalität entgegen, bedeutet sie doch, verschiedene Akteure und deren Sichtweisen zusammenzubringen und damit auch auf die jeweils anderen Funktionen Rücksicht zu nehmen. Diese Wirkung von Leader wurde beim Projektforum 2010 der LAG Vorarlberg eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eine bunte Mischung von Akteuren aus über 50 Projekten diskutierten in moderierten Foren ihre Erfolge und Hürden. Dabei zeigte sich, dass es gelebter Offenheit und Toleranz bedarf, um die unterschiedlichen Erwartungshaltungen zu respektieren, die sich in einem multifunktionalen Raum zwangsläufig ergeben. Bernhard Maier, Leader-Manager Regionalentwicklung Vorarlberg

Gemeindekooperation kann multifunktionale Regionen sichern. Wie können wir für alle Generationen eine hohe Lebensqualität in ländlichen Regionen schaffen und sichern? Bei einigen Themen, etwa bei Fragen der Gemeinwesensarbeit, in den Bereichen Kultur und Mobilität, aber auch bei Anliegen im Zusammenhang mit Pflege und Versorgung im Alter, ist und bleibt die Gemeinde zentraler Ansprechpartner. Durch gemeinsame Leader-Projekte, an denen sich mehrere Gemeinden

und Partner in der Region beteiligen, entstehen Möglichkeiten, die eine Gemeinde allein im Rahmen der Verwaltung nicht anbieten kann – und auch nicht anbieten muss. Die gemeindeübergreifende Finanzierung von Angeboten trägt maßgeblich zum Erhalt einer „multifunktionalen“ Region bei, erfordert aber eine große Bereitschaft zur Kooperation und Vertrauen in die Zusammenarbeit mit den Partnern für die Umsetzung. Claudia Schönegger, Geschäftsführerin von Terra Cognita und Beraterin von Leader-Regionen

Multifunktionale Regionen Was braucht der ländliche Raum, um als Wirtschafts-, Kultur-, Identifikationsund Lebensraum attraktiv zu bleiben?

Multifunktionale Herausforderungen und Vielfalt der Bedürfnisse. Ob Bildungsausbau, allgemeines Wirtschaftsgeschehen, E-Mobilität, Multisektorale Vernetzung sichert multifunktionale ländliche Räume. Der ländliche Raum war bis zur In- Diversifizierung der Landwirtschaft oder Aufbau dustrialisierung zu etwa gleichen Anteilen Regenera- kultureller Kooperationen – in der Regionalentwicktions-, Kultur-, landwirtschaftlicher Produktions- und lung ist man gefordert, multifunktional zu agieren. Lebensraum für Menschen sowie Naturraum. Mit der Industriali- In der Energieregion Weiz-Gleisdorf setzen wir zeitgleich in unterschiedlichen Sparten diverse sierung bildeten sich die Wirtschaftsräume überwiegend in den Projekte um, um der definierten Zielsetzung stetig Ballungszentren heraus, und die Peripherie wurde zunehmend näherzukommen und somit die Wertschöpfung der auf die anderen Funktionen reduziert. Wenn diese Entwicklung Region laufend zu erhöhen. Laut Duden bedeutet gestoppt werden soll, ist die Erhaltung der Multifunktionalität ländlicher Räume eine wichtige Voraussetzung. Wer kann zur Er- „multifunktional“ „viele Bedürfnisse befriedigend“. haltung der Multifunktionalität beitragen? Meiner Meinung nach Manchmal gewinnt man in der Umsetzung den Eindruck, dass die Vielfalt der Bedürfnisse gegen können das nicht so sehr sektorale Interessenvertretungen wie Wirtschafts- oder Landwirtschaftskammern – auch nicht Gemein- unendlich geht. Deshalb ist aufgrund unserer Erfahrung eine laufende Priorisierung der den mit ihrem kommunalen Fokus. Und die Bezirkshauptmann„Bedürfnisse“ unentbehrlich. schaften verwalten mehr, als dass sie lenken. Einen wichtigen und nachhaltigen Beitrag zur Absicherung eines multifunktiona- Iris Absenger, Leader-Managerin Energieregion Weiz-Gleisdorf len ländlichen Raums leisten für mich die Leader-Gruppen, die multisektoral, horizontal und vertikal vernetzt angelegt sind. Gabriele Meßner-Mitteregger, Regionalmanagerin kärnten:mitte


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Chancen und Risiken einer multifunktionalen Regionalentwicklung. Die multifunktionale Ausrichtung von Leader hat zwei Seiten. Einerseits sind die Vielfalt einer jeden Maßnahme und die Komplexität eines jeden Projekts ein Garant für besondere Qualität und ständige Weiterentwicklung. Genau dieser Umstand grenzt die ländliche Entwicklung im Sinn von Leader von den klassischen Standardprogrammen ab und macht eine langfristige, „multifunktionale“ Regionalentwicklung überaus spannend. Anderseits haben Leader-Projekte durch ihre Komplexität natürlich auch den Hang zum Scheitern. Egal, wie viele sinnvolle und interessante Bausteine ein Projekt vorweisen kann, man hat trotzdem selten die Garantie, dass eben diese oder eine ähnliche Maßnahme erfolgreich sein wird. Die beiden Seiten der Leader-Medaille – Chancen und Risiken – sind für Innovationsprozesse charakteristisch und notwendig. Peter Thaler, Regionalmanagement Bezirk Imst

Professionelle Beteiligungsprozesse als Basis für Multifunktionalität. Chormitglied, Agenda21-Kernteam-Leiter, Mitglied im Verschönerungsverein und LeaderArbeitskreis-Leiter Kultur, Ende 40, sucht: weiteres Ehrenamt. In die Gestaltung von Prozessen der Regionalentwicklung sind häufig Menschen dieses Typus involviert. Die zeitlichen Ressourcen zum engagierten Mitarbeiten im jeweiligen Themengebiet sind folglich oft begrenzt. Eine der großen Herausforderungen in der Leader-Arbeit besteht daher im Gestalten von Beteiligungsprozessen, die das häufig überstrapazierte Ehrenamt ablösen und engagierten Menschen aus unterschiedlichen Sektoren eine sinnvolle und nachhaltige Mitarbeit ermöglichen. Das ist aus meiner Sicht eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines multifunktionalen ländlichen Raums. Elisabeth Muss, Leader-Managerin Traunsteinregion

Neue Wege für die Landwirtschaft. Neben der Bereitstellung von Rohstoffen und Lebensmitteln leistet die Landwirtschaft durch den Erhalt und die Pflege der Kulturlandschaft, die Erhaltung und Gestaltung von Lebens- und Erholungsräumen, aber auch durch das Mitgestalten des sozialen Lebens in den Gemeinden einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raums. In der Leader-Arbeit können mit den LandwirtInnen und anderen Interessengruppen gemeinsam neue Möglichkeiten erarbeitet werden, damit diese vielfältigen und unverzichtbaren Funktionen unter heutigen Bedingungen weiter wahrgenommen werden können. Dazu muss in erster Linie das wirtschaftliche Überleben landwirtschaftlicher Betriebe durch die Erschließung neuer, zusätzlicher Wertschöpfungsmöglichkeiten gesichert sein. Christian Schilcher, Leader-Manager Traunviertler Alpenvorland

Keine multifunktionale Regionalentwicklung ohne Identität. Das kulturelle Erbe des Kulturparks Eisenstraße geht auf eine 3000-jährige Besiedelungsgeschichte zurück. Von jeher prägte das Eisenwesen die Region im südlichen Mostviertel Niederösterreichs. Die daraus resultierende Lebensweise und überlieferte Kulturlandschaft geben uns Identität und bilden die Basis der heute erfolgreichen interkommunalen Zusammenarbeit. Erst als der

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Multifunktionalität gestalten als Erfolgsrezept. 2007 war das Wendejahr in Europa. Erstmals lebten mehr Menschen in Städten als am Land, Tendenz steigend. Ausbildung, Jobs, Freizeitangebote und kulturelles Flair sind es, die Städte attraktiv erscheinen lassen. Wie soll da der ländliche Raum mithalten? Ich denke, es gibt sehr wohl Möglichkeiten, den ländlichen Raum anziehend zu gestalten. Der ländliche Raum hat viele Eigenschaften von Städten, nur auf einem wesentlich gesünderen Niveau – und das verbunden mit einer höheren Lebens- und Wohnqualität. Nur wird das nicht vermarktet. Diese Information geht einfach in einer lauten, schreienden und zunehmend städtischen Welt unter. Eine wichtige Schlüsselrolle bei der Gestaltung eines multifunktionalen ländlichen Raums hat das multisektoral agierende Leader-Management. Es kann die notwendige integrierte Entwicklung ländlicher Regionen fördern und der Bevölkerung bewusst machen, dass es doch schön ist, im ländlichen Raum zu leben, zu arbeiten und zu lieben. Das ist multifunktional. Thomas Heindl, Leader-Manager Südliches Waldviertel – Nibelungengau

Einzelne sich als integraler Bestandteil eines Großen verstand, entwickelte sich ein regionales Verantwortungsbewusstsein, welches wiederum die Identifikation mit dem gemeinsamen multifunktionalen Lebens-, Arbeits- und Bildungsraum „Region“ stärkte. Eine erfolgreiche Regionalentwicklung zur Aufrechterhaltung eines multifunktionalen ländlichen Raums ist ohne Identität nicht möglich. Andreas Hanger, Obmann Kulturpark Eisenstraße – Ötscherland


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Kulturlandschaft und Landwirtschaft Ohne die flächendeckende Bewirtschaftung der vielfältigen Kulturlandschaft durch die Bauernschaft wären Nahrungsmittelsicherheit und Attraktivität Österreichs als Tourismusland gefährdet. Es ist daher doppelt wichtig, die Kulturlandschaftsleistungen der Bäuerinnen und Bauern adäquat zu fördern. Karl Buchgraber

Die ursprüngliche Naturlandschaft veränderte sich mit dem Sesshaftwerden der Bauern und wurde durch Bewirtschaftung je nach Region unterschiedlich gepflegt und geprägt. Die Siedlungen wurden mit all ihrer Infrastruktur in den ländlichen Raum eingebettet. In Österreich übernimmt die Bauernschaft mit einer historisch gewachsenen, klein strukturierten Land- und Forstwirtschaft die Kulturlandschaftsleistungen. Die Acker-, Obst-, Wein- und Gemüsesowie Grünland-, Vieh- und Waldbäuerinnen und -bauern versuchen, im Rahmen der vorgegebenen Bedingungen, die vom Naturschutz (Biodiversität, Artenschutz etc.), vom Umweltschutz (Boden, Wasser, Luft) und vom Schutz des allgemeinen Lebensraumes (Wildbach- und Lawinenverbauung, Bergund Naturwacht, Jägerschaft etc.) wesentlich mitbestimmt werden, der Gesellschaft ihre qualitative Arbeit (Produktion guter Lebensmittel und Rohstoffe sowie Pflege der Landschaft und Erhaltung ihrer Attraktivität) anzubieten. Einerseits begegnen wir Ackerkulturen wie im Marchfeld und im Weinviertel sowie Mischwirtschaften in den Gunstlagen der Flusslandschaften. Andererseits finden wir in den Berglandschaften von der Buckligen Welt bis ins Hochgebirge in harmonischen Grüntönen gehaltene Wiesen- und Waldlandschaften mit weidenden Tieren rund um die bäuerlichen Betriebe und auf den Almen. Neben der bizarren Bergwelt und den gepflegten Wiesen und Weiden unterstreichen so mancher See und Gebirgsfluss die intakten und attraktiven Kulturlandschaften. Die geologisch unterschiedlichen Forma-

tionen und Klimata und vor allem die spezifische und fachgerechte Bewirtschaftung der Bauern machen Österreich zu einem beliebten und schönen Land. Und natürlich auch die Bäuerinnen und Bauern selbst, die oftmals interessante, charismatische und freundliche Menschen sind, geprägt von ihrer täglichen, meist erdverbundenen Arbeit. Sie schätzen die Pflanzen und Tiere und vollbringen ihr Tagwerk mit einer gewissen couragierten Demut.

Ein Kapital für Österreich Die Bevölkerung und auch die vielen Gäste, die wegen der landschaftlichen „Schönheiten“ nach Österreich kommen, sollten verstehen lernen, dass es viel mühevoller Arbeit bedarf, das alles so zu gestalten. Die Einmaligkeit der Landschaften vom Osten bis in den Westen Österreichs ist durch kleine Parzellen, durch steiles, unwegsames Gelände und karge Böden, durch oft raue Bedingungen und kleine Betriebsverhältnisse gekennzeichnet. Aber gerade das macht die ökologische Vielfalt und große Anziehungskraft aus. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob in Zukunft angesichts sinkenden Personals und


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geringer Löhne diese Kulturlandschaftsleistungen noch in allen Regionen erbracht werden können. Da die Produzentenpreise niedrig gehalten werden, bedarf es unbedingt eines öffentlichen Ausgleichs für die Benachteiligung, aber auch für die besondere rücksichtsvolle ökologische Bewirtschaftung unseres Landes. Wer glaubt, diese Gelder einsparen zu müssen, hat die komplexen Zusammenhänge nicht verstanden. Wer in Österreich Urproduktion (größtmögliche Nahrungsmittelsicherheit im eigenen Land) und Kulturlandschaft (Basis für unser Wohlbefinden und Hauptmotiv der Gäste, das Land zu besuchen) in Frage stellt oder gefährdet, spielt mit dem Feuer. Vor allem in bedrohten Regionen muss für Kooperationen zwischen den Betrieben und Zusammenschlüsse in den Regionen im Sinn eines modernen Landmanagements etwas getan werden.

Gesellschaft und Bauernschaft Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 30 Jahren in einen zügellosen Wohlstand mit allen Vor- und Nachteilen hineinentwickelt. Es hat sich ein Verhaltensmuster voller Oberflächlichkeit, Unzufriedenheit,

Gleichgültigkeit, Eigenbrötlertum und Sittenverfall breitgemacht. Auch Landwirte wurden teilweise von dieser Entwicklung erfasst. Die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise ist in Wahrheit der Höhepunkt unseres gesellschaftlichen Werteverfalls. Die meisten Bauern, die in Bescheidenheit ihre Arbeit in der Natur verrichten, haben noch eine erdverbundene und gesunde Lebenseinstellung. Die Bauernschaft sollte diese Einstellung an die oftmals „irregeführte“ Gesellschaft weitergeben. Das Leben ist mehr als haltloser Konsum und verbissener Reichtum. Die Gesellschaft sollte diese Gedanken aufnehmen und für die Kulturlandschaft des Landes mehr Verantwortung als bisher übernehmen. Schließlich entscheidet sie darüber, wie viel Landschaft sie in welchem Pflegegrad und in welcher Offenheit haben will. Da eine offene, produktive Kulturlandschaft uns auch wertvolle Nahrungsmittel bringt, ist es doppelt wichtig, die bäuerliche Bewirtschaftung flächendeckend zu erhalten. ||| Karl Buchgraber, LFZ Raumberg-Gumpenstein, Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft

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Eckdaten der österreichischen Landwirtschaft In Österreich gibt es 170.000 landwirtschaftliche Betriebe, davon sind 100.000 Grünland- und Viehbauern mit 2 Millionen Rindern, 350.000 Schafen, 70.000 Ziegen und 100.000 Pferden sowie 70.000 Acker-, Wein-, Obst- und Gemüsebauern. Österreichs LandwirtInnen bieten Nahversorgung von hoher Qualität mit nachvollziehbarer Produktion: Sie liefern Brotgetreide, Getreide für besondere Mehle und Brauereien, pflanzliche Öle und Fette, Zucker, Kräuter und Gewürze, Saatgut, Gemüse, Obst, Wein, Milch, Milchprodukte, Fleisch und Fisch. In den letzten 60 Jahren wurden 250.000 Betriebe stillgelegt. Die derzeitige Agrarquote beträgt 4,9 %. Einige Durchschnittswerte pro Betrieb f 16 ha Betriebsfläche (Acker, Grünland, Wald) f 11 Kühe f 60.000 kg Milch pro Jahr f 0,5 ha Parzellengröße im Grünland


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Die vielen Funktionen des Waldes Österreichs Wälder erfüllen eine Vielzahl von Funktionen, wie etwa Schutzfunktionen. Wälder bieten uns aber auch den wertvollen Rohstoff Holz, Raum zur Erholung, frisches Wasser und gute Luft. Bei allen Diskussionen über die verschiedenen Interessen am Wald sind auf jeden Fall die Eigentümer stark mit einzubeziehen. Gregor Grill

Schweizer Taschenmesser genießen auf der ganzen Welt einen hervorragenden Ruf. Erstens sind sie solide verarbeitet, und zweitens verfügen sie über viele funktionale Werkzeuge, vom Messer bis zum neuesten USB-Speicherstick. Werkzeuge, die nicht miteinander konkurrieren, sondern ihre ganz genau abgegrenzte Funktion erfüllen – der Schraubenzieher ist zum Schrauben da, die Lupe zum Vergrößern. Mit der Multifunktionalität der Wälder verhält es sich jedoch anders. Viele Gruppen stellen Ansprüche an den Wald, bekunden ihre Interessen und wollen diese auch in Ge- und Verboten widergespiegelt sehen, entweder für die Waldbesucher oder für die Waldeigentümer. Wie nun all diese Interessen, die teils einander auch widersprechen, unter einen Hut bringen?

Die Leitfunktion § 1 des Forstgesetzes lautet: „Der Wald mit seinen Wirkungen auf den Lebensraum für Menschen, Tiere

und Pflanzen ist eine wesentliche Grundlage für die ökologische, ökonomische und soziale Entwicklung Österreichs. Seine nachhaltige Bewirtschaftung, Pflege und sein Schutz sind Grundlage zur Sicherung seiner multifunktionellen Wirkungen hinsichtlich Nutzung, Schutz, Wohlfahrt und Erholung.“ Die Leitfunktion von Waldflächen ist österreichweit im Waldentwicklungsplan (WEP), einem behördlichen Instrument der forstlichen Raumplanung, festgehalten. Jede Waldfläche hat immer mehrere Wirkungen, nach Gewichtung wird jedoch die Leitfunktion, also die wichtigste, definiert. Dabei wird das öffentliche Interesse stark berücksichtigt. Jedem Wald ist eine andere Leitfunktion zugeteilt. Der Schutzwald im Paznauntal soll vor Lawinen, Steinschlag und Muren schützen. Im Wienerwald steht die Wohlfahrtswirkung im Vordergrund: Sauberes Wasser, saubere Luft und die damit verbundene ökologische Balance leiten hier die Bewirtschaftung.


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Im bäuerlichen Kleinwald in St. Radegund ist – wie bei mehr als der halben Fläche des Waldes in Österreich – die Nutzwirkung vorrangig.

Eine große Stütze der Volkswirtschaft Neben der Erfassung im Waldentwicklungsplan haben alle Wälder noch eine Gemeinsamkeit: Sie haben einen Eigentümer – vom Staat angefangen, der durch die Österreichische Bundesforste AG für knapp 15 Prozent der Wälder direkt die Verantwortung trägt, bis hin zu den gut 170.000 privaten Waldbesitzern, die knapp 80 Prozent der Waldflächen bewirtschaften. Als Partner steht eine der leistungsfähigsten holzverarbeitenden Industrien der Welt zur Verfügung, die den wertvollen Rohstoff aus dem Wald bestens nutzt. Die Außenhandelsbilanz zeigt, dass der Sektor Forst und Holz mit einem Außenhandelsüberschuss von über drei Milliarden Euro im Krisenjahr 2009 eine starke Stütze der österreichischen Volkswirtschaft ist. Neben dem Tourismus ist die Branche einer der größten Arbeitgeber im Land und gerade im ländlichen Raum ein unverzichtbarer Aktivposten. Der Sektor Forst und Holz bietet 280.000 Menschen Arbeit und Einkommen – eine eindrucksvolle Bilanz. Auch die energetische Nutzung nimmt in Österreich einen großen Stellenwert ein. Die Verwendung von Holz zur Erzeugung von Wärme und Strom hat in Österreich eine lange Tradition. Mit der Substitution fossiler Energieträger, die Österreich derzeit mehr als zehn Milliarden Euro Außenhandelsdefizit und eine große Abhängigkeit von Öl und Gas bescheren, steigt die Versorgungssicherheit mit heimischer erneuerbarer Energie.

Schutz und Erholung Die Schutzwirkung der Wälder ist vor allem in den alpinen Regionen Österreichs von größter Bedeutung. Seit Galtür im Winter 1999 von einer Lawinenkatastrophe mit 31 Todesopfern heimgesucht wurde, ist gerade in Tirol und Vorarlberg mehr in die Sanierung und Pflege der Schutzwälder investiert worden. Die „Initiative Schutz durch Wald“ (ISDW) des Lebensministeriums unterstützt seit Mitte des Jahres alle interessierten Partnergemeinden, die Wälder mit Objektschutzwirkung verbessern und erhalten wollen.

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Der übrige, zum Beispiel zur Bewahrung des Standorts vor Bodenerosion ausgewiesene Schutzwald bedarf jedoch auch aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels größerer Fürsorge. Borkenkäferbefall und Sturmkatastrophen haben in den letzten Jahren verdeutlicht, dass Waldbesitzer gerade in schlecht erreichbaren Lagen im Gebirge ohne ausreichende Erschließung durch hohe Ernte- und Bringungskosten die Bewirtschaftung und damit die Pflege des Schutzwaldes oft nicht kostendeckend bewerkstelligen können. Dazu kommen lange Verjüngungszeiträume und Wildverbiss, was den Eigentümern die Sicherung ihrer Lebensgrundlage vielfach erschwert. Die Wohlfahrts- und die Erholungswirkung der Wälder sind neben Ansprüchen des Natur- und Umweltschutzes weitere Themen, die heute Berücksichtigung finden.

Der Walddialog Egal, um welche Interessen, Wünsche und Ansprüche es auch geht: Der Eigentümer des jeweiligen Waldes muss in alle Diskussionen stark eingebunden werden. Denn wer außer dem Waldbesitzer soll die nötigen Maßnahmen schließlich setzen? Im Rahmen des Österreichischen Walddialogs (www.walddialog. at) können alle Interessen in Sachen Wald an einen Tisch gebracht werden, um zwischen den vielfältigen Anspruchsgruppen einen Ausgleich zu schaffen. Dem Walddialog sind in den letzten Jahren schon viele Initiativen entsprungen, die in einer vielfältigen Reihe von Veranstaltungen, Projekten und Kooperationen sichtbar werden. Viele dieser Aktivitäten gehen auf Eigentümer oder deren Vertretungen zurück. Damit alle Funktionen der Wälder und zusätzliche Ansprüche auch in Zukunft erfüllt werden können, wird die Gesellschaft Ökosystemleistungen sowie die Schutz-, Wohlfahrts- und Erholungswirkung der Wälder stärker honorieren müssen. Wir sollten den Wald keinesfalls nur zu einer Projektionsfläche von Interessen verkommen lassen. |||

Gregor Grill, Landwirtschaftskammer Österreich


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Landwirtschaft und Gesellschaft:

Zwischen Tradition und Moderne Die Landwirtschaft wird von der Gesellschaft – zusätzlich zur Nahrungsmittel- und Rohstofferzeugung – immer stärker als Träger allgemeiner und spezifischer Umweltleistungen, als Energieerzeuger und als Erhalter der Biodiversität und Kulturlandschaft wahrgenommen. In den letzten Jahren werden auch immer öfter neue soziale Aufgaben der Landwirtschaft wie etwa die Betreuung alter oder behinderter Menschen diskutiert. Gerhard Hovorka

In den letzten 60 Jahren kam es mit der wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften und den steigenden Löhnen in der Industrie sowie dem allgemeinen technischen Fortschritt zu tiefgreifenden sozioökonomischen Veränderungen, die auch an wichtigen Kennzahlen der Landwirtschaft nachvollziehbar sind (siehe Tabelle auf Seite 31). Die Agrarentwicklung war in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen durch folgende Trends gekennzeichnet: f eine enorme Zunahme der Produktivität und Kapitalintensität,

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eine starke Abnahme des Anteils am BIP, an den Erwerbstätigen und der Ausgaben der Privathaushalte für Nahrungsmittel, einen massiven Strukturwandel und eine starke Abnahme der Betriebe, hohe Budgetkosten, internationale Handelskonflikte und in der Folge eine größere Einbindung der Landwirtschaft in die Regelwerke des internationalen Handels, eine starke Bedeutungszunahme der allgemeinen und spezifischen Umweltleistungen und des Begriffs der Multifunktionalität, einen generellen Verlust des Ansehens der

Exkursion im Tiroler Zillertal: Ein Bergbauer und Gastwirt erklärt die Situation der Berglandwirtschaft in Extremlagen.


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Wichtige Kennzahlen der Land- und Forstwirtschaft in Österreich

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bäuerlichen Tätigkeit und des Lebens als Bauer/Bäuerin in der Gesamtgesellschaft, eine starke Interessenvertretung trotz massiver Kompetenzverschiebungen an EU-Gremien, die weiterhin große Bedeutung der Berglandwirtschaft im österreichischen Kontext und eine starke Zunahme des Biolandbaus.

Anteil am BIP in % Betriebe in 1000 Anteil Haupterwerb in % Anteil Bergbauern in % Anteil Biobetriebe in % Durchschnittliche Betriebsgröße in ha landwirtschaftl. Nutzfläche Agraranteil Gesamtexport in % Milchproduktion/Kuh in kg/Jahr Erwerbstätige in 1000 Erwerbstätigenanteil in %

1951 16,4 432,8 69,0 39,0 0,0

1970 6,9 367,7 59,0 37,0 0,0

1990 3,3 281,9 38,0 35,0 1,0

1999 1,9 217,5 37,0 39,0 9,0

2007 1,6 187,0 38,0 37,0 11,0

9,6 1,0 2.331 1.080 32,3

10,5 4,5 3.089 523 17,4

12,6 3,5 3.791 271 7,7

16,8 5,1 5.062 198 5,8

18,9 6,8 6.059 175 4,7

Neue Aufgaben der (Berg-)Landwirtschaft

Quellen: Groier/Hovorka (2007), eigene Aktualisierungen

In ökonomischer Hinsicht kann die Berglandwirtschaft aufgrund der natürlichen Bewirtschaftungserschwernisse gegenüber den Gunstlagen nur schwer mithalten. Bergbauernförderprogramme konnten aber die wirtschaftlichen Nachteile zu einem gewissen Grad kompensieren. In den neuen ökologischen und sozialen Bereichen hat aber die Berglandwirtschaft gegenüber Betrieben in landwirtschaftlichen Gunstgebieten Vorteile, da sie besser dem gewünschten Typ der multifunktionalen Landwirtschaft – vor allem im Hinblick auf Umwelt und öffentliche Güter – entspricht. Ein gutes Beispiel ist die biologische Landwirtschaft, die der klarste Indikator für eine ökologisch nachhaltige Bewirtschaftungsform ist und gut zum Image der Berglandwirtschaft passt. Immerhin sind 74 % der österreichischen Biobauern Bergbauern.

Agrarpolitik spüren wir unmittelbar beim Essen und mittelbar durch die Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Steuerausgaben. In den ländlichen Regionen kann und soll der Beitrag der Landwirtschaft zur Lebensqualität anderer Bevölkerungsgruppen sehr positiv sein. Die öffentliche Diskussion geht in die Richtung, dass als Gegenleistung für Förderungen zukünftig noch klarer begründete und nachweisbare Leistungen für die Gesellschaft erbracht werden müssen. Diese Orientierung kann unter dem Slogan „public money for public goods“ zusammengefasst werden und meint vor allem die Umweltleistungen der Landwirtschaft. Auch die Frage einer gerechteren Verteilung der Agrarförderungen steht zur Diskussion.

Agrarpolitik ist unverzichtbar In der Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft ist grundsätzlich zwischen dem neoliberalen Konzept der Agrarindustrialisierung („farming“) mit einer hochintensiven, semiindustriellen und regional konzentrierten Produktionsform und der Entwicklung eines europäischen Agrarmodells der multifunktionalen Landwirtschaft („agriculture“) mit einer nachhaltigen Produktionsform zu unterscheiden, die ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen den gleichen Stellenwert einräumt und auf Ernährungssouveränität setzt. Da der freie Markt einer globalisierten Welt die Erfüllung der multifunktionalen Leistungen der Landwirtschaft nicht sicherstellen kann, hat Agrarpolitik auch weiterhin ihre Berechtigung. Die zukünftige Ausgestaltung der Agrarpolitik ist nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für alle Menschen von Bedeutung.1 Die Ergebnisse der

Berggebiete: Lebensräume mit Zukunft Bisher haben sich die Bäuerinnen und Bauern im Berggebiet trotz naturräumlich bedingter Benachteiligungen und wirtschaftlicher Problemphasen überraschend flexibel auf die unterschiedlichsten externen Einflüsse eingestellt und sich behauptet. Der individuelle und gesellschaftliche Freiheitsgrad hängt in Zukunft davon ab, inwieweit es gelingt, einen Rahmen für Lebensbedingungen und -perspektiven zu schaffen, die auf gesellschaftlicher Teilhabe, einer ausreichenden wirtschaftlichen Basis, nachhaltigen Bewirtschaftungsformen sowie einem offenen soziokulturellen Klima beruhen. Dafür braucht es LandwirtInnen, die auf neue Bedingungen, Trends und gesellschaftliche Wünsche aufgeschlossen reagieren, aber auch eine aktive Agrarpolitik, die als Teil einer modernen Regionalpolitik mit anderen relevanten Politikinstrumenten abgestimmt ist. ||| Gerhard Hovorka, Bundesanstalt für Bergbauernfragen

Literatur • Thomas Dax/Gerhard Hovorka, „Multifunktionalität als Stärke der österreichischen Landwirtschaft“, in: Wege für eine bäuerliche Zukunft, Nr. 312, Mai 2010, S. 8–10. • Michael Groier/Gerhard Hovorka, Innovativ bergauf oder traditionell bergab? Politik für das österreichische Berggebiet am Beginn des 21. Jahrhunderts, Forschungsbericht Nr. 59 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 2007. • Elisabeth Loibl/Josef Hoppichler (Hg.), Schmackhafte Aussichten? Die Zukunft der Lebensmittelversorgung, Forschungsbericht Nr. 63 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 2010.

1 Als Gegenleistung für die Förderung der Landwirtschaft erwarten sich die BürgerInnen von dieser die Erzeugung gesunder Lebensmittel zu fairen Preisen, die Erhaltung und Gestaltung der Kulturlandschaft, die Einhaltung hoher Tierschutz- und Qualitätskriterien sowie einen positiven Beitrag zum Klimaschutz und zur Bewältigung der anderen neuen Herausforderungen (Biodiversität, erneuerbare Energien, Wassermanagement). Darüber hinaus rechnen sie auch damit, dass die Landwirtschaft soziale Aufgaben übernimmt.


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Viele Funktionen, viele Sichtweisen Die Landwirtschaft schafft in vielen Bereichen die Basis für den Erhalt und die Weiterentwicklung der ländlichen Regionen. Sei es auf den Almen, die als Rückzugs- und Erholungsort dienen, oder in den Wäldern, deren nachhaltige Bewirtschaftung eine ausreichende Produktion des Rohstoffs Holz sicherstellt und die eine wichtige Schutzfunktion erfüllen. Oft wird verkannt, dass auch der Naturschutz als integraler Faktor zur Regionalentwicklung beiträgt. Auch Zersiedelung und Ausbau der Infrastruktur prägen den ländlichen Raum. Im Folgenden vier Ansichten zu den vielen Funktionen und Aufgaben ländlicher Räume.

Rurbane Hochschaubahn Heidi Pretterhofer und Dieter Spath, Arquitectos ZT

Landschaftsbilder, früher durch die schönen Künste konstruiert, werden heute von Fertigteilhausproduzenten für die Vermarktung von Wohnträumen herangezogen. Angeblich wünschen sich noch immer 80 % der Europäer ein Einfamilienhaus im Grünen. Die Umsetzung des seit mehr als 50 Jahren andauernden Traums der Massen in die Realität hat die Landschaft mit einem dispersen Bebauungsteppich überzogen. Ringt dieser jetzt mit Wald und Wiese um Anerkennung als Pseudonatur? Als Antwort auf das Leben in der Region haben wir eine „rurbane Hochschaubahn“1 gezeichnet. Im Folgenden drei Empfehlungen aus der Reise durch eine neue Hybridlandschaft. Leben hinter Werbetafeln. Der Größen- und Preisvergleich eines Einfamilienhauses in Suburbia mit einem „Billboard“ an der Autobahn ergibt, dass beide gleich viel Platz brauchen und gleich viel kosten, die Werbetafel allerdings den besseren Ausblick hat. Was bedeutet dieses Äquivalent für die Wertschöpfung der Landschaft? Etwa hinter Werbetafeln zu wohnen? Die Pendlerblase. Die/der statistische ÖsterreicherIn braucht 17 % des Einkommens für Mobilität; in den

Multifunktionale Almwirtschaft 1950er-Jahren waren es umweltverträglichere 5 %. Immer wieder wird dieselbe Strecke zurückgelegt, fast forward und rewind, ein stundenlanger Aufenthalt in der Pendlerblase. Die transitorischen Räume werden zu Bindegliedern fragmentierter Lebensmuster, die eine klare räumliche Zäsur zwischen Arbeits-, Einkaufs-, Freizeit- und Wohnwelt ziehen. Der Infrastrukturwald. Windräder und Hochspannungsleitungen sind weithin sichtbare technische Wahrzeichen des infrastrukturell durchzogenen ländlichen Raums. In massierter Form stellen Windradparks oder Solarfelder künstliche Naturräume dar, die sich als neue Landschaftsstrukturen in das Bild der Regionen einfügen. Im kleineren Maßstab fallen erstaunliche Hybridobjekte auf, die weltweit für die Tarnung von Sendemasten entwickelt werden: Beispielsweise gibt es den steirischen Kunststofftannenbaum, der dem regionalen Landschaftstyp angepasst werden kann, oder in Kalifornien die echte Palme mit Mobilfunksender. ||| 1 Heidi Pretterhofer/Dieter Spath/Kai Vöckler, LAND. Rurbanismus oder Leben im postruralem Raum, HDA Graz, 2010.

Johann Jenewein, Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Agrarwirtschaft, Chefredakteur der österreichischen Fachzeitschrift „Der Alm- und Bergbauer“

Die Almwirtschaft kann aufgrund ihrer vielfältigen Funktionen, deren Bandbreite von ökonomischen und ökologischen bis zu Schutz- und soziokulturellen Aufgaben reicht, ohne Zweifel mit dem Prädikat „multifunktional“ versehen werden. Neben ihrer Hauptaufgabe, der Erhöhung der Futterbasis für die bergbäuerlichen Betriebe, erfüllt sie weit über den landwirtschaftlichen Bereich hinausgehende Funktionen. Als Hauptanteil des österreichischen Extensivgrünlandes haben Almen eine hohe ökologische Wertigkeit hinsichtlich Biodiversität und Artenschutz. Das Besondere der Almen ist die enge Verzahnung der extensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft mit der ursprünglichen Naturlandschaft der Gebirgslagen. Um dieses vom Menschen geschaffene Ökosystem zu erhalten, muss es jedoch kontinuierlich bewirtschaftet werden. Almen wird auch ein hoher soziokultureller Wert zugeschrieben. Sie sind Erholungs- und Rückzugsraum


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für Gäste und Naherholungsgebiet für die lokale Bevölkerung. Daraus ergibt sich für die Almwirtschaft die Chance, auch weiterhin wertvolle Lebensmittel herzustellen und zu vermarkten. Almen sind auch geeignet, bei der Bewältigung sozialer Herausforderungen wichtige Funktionen zu erfüllen, was wiederum ihren Bestand sichern kann. Der Rhythmus auf den Almen, der tägliche Umgang mit Tieren sowie die Beschäftigungsund Bewegungsmöglichkeiten in der freien Natur sollen etwa vermehrt für therapeutische Zwecke genutzt werden. Das für die bergbäuerlichen Betriebe wichtige „Produktionsmittel Alm“ ist also ein Produkt von großem sozialem und gesellschaftlichem Wert. |||

Multifunktionalität und Naturschutz Alois Lang, Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel/Initiative Grünes Band Europa, Öffentlichkeitsarbeit und Ökotourismus

Wie in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft ist die individuelle wie die öffentliche Wahrnehmung von Strukturen und Potenzialen von Klischees zugeschüttet, die zunächst einmal beiseite geräumt werden müssen, um – zumindest außerhalb eines überschaubaren Kreises von Experten – die tatsächlich wirkenden Rahmenbedingungen sichtbar zu machen. Womit wird beispielsweise Naturschutz in Österreich assoziiert? Mit 5-vor-12-Szenarien, mit Protestund (daran anschließenden) Spendenaktionen, mit Rettet-den-Regenwald-Kampagnen – oder etwa mit seiner Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung in ländlichen Gebieten? Naturschutz tut sich also nach wie vor schwer, aus der Verhinderer-

ecke herauszukommen. Aber genauso klischeebeladen ist der Blick der „Naturschützer“ auf die übrigen Funktionen des ländlichen Raums. Dass beispielsweise Schutzgebiete gut für die Lebensqualität, die Landwirtschaft und den Tourismus sind, wird oft und gerne kommuniziert; dass aber auch der Naturschutz in seiner Akzeptanz stark davon profitiert, als einer der Akteure in diesen Bereichen anerkannt zu werden, ist hingegen kaum wo zu lesen. Die vielbeschworenen Synergien werden erst dann zu solchen, wenn die einzelnen Sektoren aufhören, sich und die anderen als Inseln oder Parallelwelt in ein und derselben Region zu verstehen, und der Naturschutz als integraler Faktor, nicht als Blockierer der Regionalentwicklung verstanden wird. Das ist zuallererst als Forderung an den Naturschutz zu sehen, sich auch so darzustellen. Beispiele dafür, wie positiv sich die Verschränkung des Naturschutzes mit der kleinstrukturierten Wirtschaft, mit (Erwachsenen-)Bildung und anderen gesellschaftlichen Bereichen des ländlichen Raums auswirkt, sind in Österreich schließlich nicht selten. Wir müssen das nur etwas lauter erzählen. |||

Multifunktionalität aus forstpolitischer Sicht Fritz Singer, BMLFUW, Referat IV/4a

Traditionsgemäß spielt der Wald in unserer Landeskultur eine wesentliche Rolle. Daher ist die Waldgesinnung positiv und das öffentliche

Interesse am Wald und seiner Multifunktionalität steigend. Die österreichische Forstpolitik ist bemüht, über Öffentlichkeitsarbeit, Förderungen, den Walddialog und das Österreichische Waldprogramm gemeinsam mit den Waldbesitzern und Bewirtschaftern die Erhaltung und Sicherstellung aller Waldfunktionen zu gewährleisten. Dank der nachhaltigen Bewirtschaftung und der ausreichenden Produktion von Holz ist der Wald ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Jährlich wachsen ca. 31 Mio. m3 Holz zu, genutzt werden rund 20 Mio. Das bedeutet einen laufenden Zuwachs des Holzvorrates, vor allem im Kleinwaldbesitz. Ein vorrangiges forstpolitisches Ziel ist die Verbesserung der Schutzwirkung der Wälder, deren Wert im Vergleich zu technischen Bauwerken von Experten mit rund 600 Mio. Euro pro Jahr angegeben wird. Die Verbesserung des Wasserspeichervermögens und der Trinkwasserversorgung, Strategieentwicklungen in den Bereichen Erholung, Tourismus, Freizeit und kulturelle Aktivitäten sowie die Sicherung und Verbesserung der Biodiversität der Waldökosysteme stellen weitere forstpolitische Handlungsfelder dar, die sich aus der Multifunktionalität des Waldes ergeben. Im Rahmen der internationalen Bestrebungen zu einer gemeinsamen EU-Forstpolitik und der Vorgaben der Alpenkonvention ist Österreich bestrebt, durch „Best-Practice“Beispiele einen Beitrag zu leisten. |||

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Kulturlandschaftspreis 2010


Drei Monate lang hatten engagierte Personen und Organisationen die Möglichkeit, Projekte zum Thema ländliche Entwicklung, Kulturlandschaft und biologische Artenvielfalt einzureichen. Über 140 tolle Projekte wurden eingesandt. Die prämierten Projekte stehen im Mittelpunkt des folgenden Kapitels.


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ausblicke 2 |10 Kulturlandschaftspreis 2010

N ETZ werk LAND kulturlandschafts preis 2010

Rege Teilnahme – erfolgreiche Umsetzung

Im Rahmen einer Gala wurde am 29. September 2010 im Kongresshaus in St. Johann/Pongau von Bundesminister Niki Berlakovich der von Netzwerk Land ins Leben gerufene Kulturlandschaftspreis 2010 überreicht. Aus 143 eingereichten Projekten wurden die Sieger ermittelt. In fünf Kategorien wurden Preise vergeben. Hemma Burger-Scheidlin

Mit dem von Netzwerk Land im Internationalen Jahr der Biodiversität 2010 vergebenen Kulturlandschaftspreis 2010 soll der Wert von Artenvielfalt und Kulturlandschaften in den Blickpunkt gerückt werden. Netzwerk Land will mit diesem Wettbewerb einen wirksamen Beitrag zur Stärkung der biologischen Vielfalt leisten, das Bewusstsein für die Bedeutung der Landbewirtschaftung für die Artenvielfalt schärfen und die ErhalterInnen und GestalterInnen der Kulturlandschaften vor den Vorhang holen. Eine nachhaltige Bewahrung von Kulturlandschaften ist nur möglich, wenn unterschiedliche regionale AkteurInnen in den Entstehungs- und Erhaltungsprozess eingebunden und regionale Partnerschaften zwischen verschiedenen Interessengruppen gebildet werden. Der Wettbewerb möchte daher nicht nur bestehende erfolgreiche Projekte und Initiativen, sondern auch hervorragende neue Projekte und Kooperationen öffentlich machen, die zu einer nachhaltigen positiven Entwicklung des ländlichen Raumes beitragen können.

Viele interessante Projekte

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land, Umweltdachverband

Drei Monate lang hatten engagierte Bäuerinnen und Bauern, Gemeinden, Regionen und Vereine die Möglichkeit, ihre Projekte zu den Themen ländliche Entwicklung, Kulturlandschaft und biologische Artenvielfalt einzureichen. Der Wettbewerb stieß auf große Zustimmung. Insgesamt wurden 143 Projekte

aus acht Bundesländern vollständig eingereicht. Die besten Projekte wählte eine hochkarätige Jury aus, die u. a. aus VertreterInnen der Europäischen Kommission, des Lebens- und Wissenschaftsministeriums, des Naturschutzbundes Österreich, der Landwirtschaftskammer Österreich und der Universität für Bodenkultur bestand. Die meisten Einreichungen gab es in der Kategorie „Kulturlandschaft & Landwirtschaft/Forstwirtschaft“, aber auch die Kategorien „Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativen“ sowie „Kulturlandschaft & Bildung“ erfreuten sich großen Zuspruchs.

Unterstützung bei der Umsetzung Bester Dank für die erfolgreiche Umsetzung des Kulturlandschaftspreises 2010 gilt den Kooperationspartnern, dem LFZ Raumberg-Gumpenstein und der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik sowie den Sponsoren, der Landwirtschaftskammer Österreich, Ja! Natürlich, der Raiffeisen-KlimaschutzInitiative, der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik und der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Grünland und Futterbau, weiters dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, das für das Siegerprojekt der Kategorie 1 eine weiterführende Finanzierung der Forschungsarbeit in Aussicht gestellt hat.1 ||| 1 Die Entscheidung über die Förderung der weiterführenden Forschung obliegt dem BMWF.


Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2 |10

Die Preisträger Folgende Projekte wurden im Rahmen des Kulturlandschaftspreises 2010 prämiert: Kategorie 1: Kulturlandschaft & Visionen 2020 f Erster Preis Projekt: Biosphärenpark Lungau Einreichende Organisation: Regionalverband Lungau f Zweiter Preis Projekt: Offenhaltung der Kulturlandschaft in der Nationalparkregion Kalkalpen Einreichende Organisation: Regionalmanagement Oberösterreich f Dritter Preis Projekt: Landschaftsgarten uwe Einreichende Organisation: Regionalentwicklungsverein uwe Kategorie 2: Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativen f Erster Preis Projekt: Natur aus Menschenhand – Schutz und Pflege für die Fließer Sonnenhänge Einreichende Organisation: Naturpark Kaunergrat f Zweiter Preis Projekt: Internationales Workcamp zur Revitalisierung der Stodertaler Almen Einreichende Organisation: Österreichische Alpenvereinsjungend f Dritter Preis Projekt: Renaturierung Doblermoos – Dobler Lacke Einreichende Organisation: Gemeinde Kulm am Zirbitz Kategorie 3: Kulturlandschaft & Landwirtschaft/ Forstwirtschaft f Erster Preis Projekt: Ennstal Lamm Einreichende Organisation: Steirischer Schaf- und Ziegenzuchtverband f Zweiter Preis Projekt: Kulturlandschaft Rauchkogel Einreichende Organisation: Rauchkogler Gemeinschaft

f

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Dritter Preis Projekt: Mussenbewirtschaftung: Erhalt der Artenvielfalt und Offenhaltung der Bergwiesen Einreichende Organisation: Mussenbewirtschafter

Sonderpreis „Eine wichtige Kleinigkeit“ Projekt: Alte Sorten & Kultur am Jaglbauernhof Betrieb: Jaglbauer, Franz und Petronella Weißensteiner Kategorie 4: Kulturlandschaft & Tourismus f Erster Preis Projekt: Alchemilla-Kräuterprojekt im Biosphärenpark Großes Walsertal Einreichende Organisation: Biosphärenpark Großes Walsertal f Zweiter Preis Projekt: Landschaftsschule Donauschlinge Einreichende Organisation: Verein Landschaftsschule Donauschlinge f Dritter Preis Projekt: Tal der Almen Einreichende Organisation: Tourismusverband Großarltal Kategorie 5: Kulturlandschaft & Bildung f Erster Preis Projekt: Vorarlberger Wiesenmeisterschaft Einreichende Organisation: Amt der Vorarlberger Landesregierung, Abteilung Umweltschutz f Zweiter Preis Projekt: LandwirtInnen beobachten Pflanzen und Tiere in der Kulturlandschaft Einreichende Organisation: Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung f Dritter Preis ex aequo Projekt: Natürlich Second Hand – Umweltbildung im Netzwerk von Forschung und Naturschutz in Hohenau Einreichende Organisation: Verein AURING Projekt: Natura Trails Einreichende Organisation: Naturfreunde Internationale


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ausblicke 2 |10 Kulturlandschaftspreis 2010

www.lungau.travel

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Visionen 2020“

Gemeinsames Zukunftskonzept: Biosphärenpark Lungau Mit dem Lungau werden gemeinhin weite Almen, wilde Berge und schier endlose Möglichkeiten für Wanderungen und das Ausüben von Wintersport assoziiert. Jährlich zieht es sommers wie winters unzählige Besucher in die Region – über eine Million Nächtigungen werden pro Jahr verzeichnet. Zudem ist der Lungau als Genussregion bekannt und punktet mit seiner hohen Anzahl von Biobauern; mehr als die Hälfte der knapp 1200 Betriebe der Region wirtschaften biologisch. Alles in bester Ordnung? Sollte man meinen. Doch auch im Lungau gibt es Probleme. Die Seitentäler haben mit Abwanderung zu kämpfen. Zu wenige regionale Arbeitsplätze zwingen die BewohnerInnen des Lungaus zu pendeln. Immerhin 75 % der Bevölkerung finden in der Region Arbeit, doch der Rest muss seinem Broterwerb auswärts nachgehen. Die Landwirtschaft leidet, wie auch anderswo, unter dem fortschreitenden Strukturwandel. Wälder erobern die offenen Flächen zurück. Und somit gerät auch die Erhaltung der Kulturlandschaft in Gefahr. Kein Wunder, dass man nach Lösungen suchte, um die Regionalentwicklung nachhaltig zu unterstützen. Man fand sie im Biosphärenpark-Konzept der UNESCO. UNESCO-Biosphärenparke sind idealtypische Forschungsregionen, in denen Naturschutz, Bewahrung biologischer Vielfalt und regionaler kultureller Werte ebenso wie sozialverträgliches und nachhaltiges Wirtschaften gelebt werden sollen. Das Prädikat „Biosphärenpark“ wird als Chance gesehen,

der Region Aufschwung zu verleihen und sie stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Und Möglichkeiten für Veränderungen der Region sowie neue Impulse erhofft man sich im Lungau einige. Moderne Ausbildungs- und Arbeitsplätze sollen gefördert werden, denn Erhalt und Ausbau von Bildungseinrichtungen gelten als Basis für eine zukunftsorientierte Aus- und Weiterbildung. Touristische Infrastruktur soll modernisiert, naturverträglicher Tourismus gefördert werden. Um die bessere Vermarktung regionaler Qualitätsprodukte der Lungauer Landwirtschaft möchte man sich ebenso bemühen wie um die Förderung des Einsatzes erneuerbarer Energien. Nicht zuletzt soll die Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region gestärkt werden. Alle 15 Lungauer Gemeinden und alle 15 Tourismusverbände, die Wirtschaftkammer und die Landwirtschaftskammer haben sich zu diesem zukunftsweisenden Projekt bekannt. Die Bevölkerung soll in die Gestaltung des Biosphärenparks einbezogen werden. Denn ohne das aktive Mitwirken einer engagierten Bevölkerung ist ein Biosphärenpark undenkbar. Bisher wurden alle notwendigen Vorarbeiten zur Realisierung des Biosphärenparks Lungau geleistet. Nur noch wenige rechtliche Schritte stehen aus, um die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Einreichende Organisation: Regionalverband Lungau Kontakt: Josef Fanninger josef.fanninger@ lungau.org www.biosphaerenpark. eu Projektlaufzeit: seit 2009 Finanzierung: Regionalmittel, Land Salzburg, Leader


Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2 |10

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Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativen“

Natur aus Menschenhand: Schutz und Pflege für die Fließer Sonnenhänge Das inneralpine Klima, die Föhnlage und die jahrhundertelange Bewirtschaftung haben im oberen Inntal nahe Landeck eine einmalige Trockeninsel geschaffen: die Fließer Sonnenhänge. Eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten macht dieses Gebiet zu einem bedeutenden Trockenrasenkomplex, dem größten Tirols. Auch äußerst seltene Arten wie etwa die Ameise Epimyrma stumperi und der Schmetterling Conisania poelli sind hier zu finden. Ende des vorigen Jahrhunderts führte der Rückgang der extensiven Weidewirtschaft zur Verbuschung und gefährdete den Fortbestand der Sonnenhänge. Mit Gründung des Naturparks Kaunergrat im Jahr 1998 besann sich die Gemeinde Fließ jedoch dieses Naturjuwels. Gemeinsam mit den rund 70 Grundbesitzern wurde ein Pflegeplan entwickelt. Durch die Neuerrichtung und Sanierung von Weiderosten, Lesesteinmauern und Weidezäunen und die Entbuschung zugewachsener Bereiche wurde die Beweidung mit Ziegen, Schafen und Rindern wieder möglich. Die Gemeinde Fließ, die Fließer Bauern, Naturschutzexperten und der Naturpark Kaunergrat arbeiten nunmehr seit 2002 gemeinsam an der Umsetzung von traditionellen Bewirtschaftungsformen, um die Vielfalt der Sonnenhänge zu bewahren. Und es profitieren alle Partner des Netzwerks: Die Bauern haben neue freie Weideflächen, vor allem in den für sie wichtigen Jahreszeiten Frühjahr und Herbst. Die Ziegenhaltung wurde aufgewertet. Zudem besteht die Möglichkeit, den „Gewinn für die Natur“ mit einer

zusätzlichen Erwerbsmöglichkeit für die Bauern zu verbinden, etwa durch die Produktion und Veredelung von Ziegenmilch, mit dem „Kaisermantel“, einem rotgeschmierten Ziegenkäse, als Leitprodukt. Über spezielle Führungen erlangt die Vielfalt der Sonnenhänge auch touristischen Wert. Der Tourismus freut sich über ein intaktes Wegenetz, das auch Themenwege umfasst, und neue interessante Angebote für Einheimische und Gäste (z. B. Schmetterlingsleuchten, Genuss- und Kräuterwanderungen, Tierbeobachtungen) sowie zusätzliche Nächtigungen. Natürlich profitiert auch der Naturschutz. Pflegemaßnahmen sichern in dem Gebiet, das seit 2001 unter Naturschutz steht, Strukturvielfalt und Offenhaltung, der Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bleibt erhalten, und das Bewusstsein für Naturschutz steigt. Zwei mehrjährige Forschungsprojekte evaluieren zudem den Erfolg der Pflegemaßnahmen. Weiters führen Schulklassen Projekte zu Naturschutzthemen durch (z. B. zu Entbuschung sowie Bau und Betreuung von Nistkästen für den Wiedehopf) oder nehmen an naturkundlichen Exkursionen im Naturpark teil. Das Projekt stärkt die Wertschätzung und Identifikation der lokalen Bevölkerung mit ihrer Region und steigert die überregionale Bekanntheit. Und aus der Bewahrung von Altbewährtem, der traditionellen Bewirtschaftung, kann etwas Neues wie etwa zuvor nicht gegebene Erwerbschancen für die Bauern bzw. den regionalen Tourismus entstehen. ||| Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Einreichende Organisation: Naturpark Kaunergrat (Pitztal-Kaunertal) Kontakt: Ernst Partl naturpark@ kaunergrat.at www.kaunergrat.at Projektlaufzeit: seit 2002 Finanzierung: Gemeinde Fließ, Land Tirol, INTERREG IV A Italien – Österreich, Leader


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ausblicke 2 |10 Kulturlandschaftspreis 2010

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Landwirtschaft/Forstwirtschaft“

Schafherden für offene Almen: Das Ennstal-Lamm Die landwirtschaftliche Nutzung nahm im Bezirk Liezen in der Steiermark wie auch andernorts in den letzten Jahrzehnten dramatisch ab. Der Rückgang der Landwirtschaft an den Flanken der Täler führte zur vermehrten Aufgabe von Almen, die Verwaldung nahm zu. Grund genug, sich nach einer nachhaltigen Möglichkeit für die Offenhaltung der Almen umzuschauen – und in Althergebrachtem fündig zu werden. Denn im Bereich der Schafhaltung kann das Ennstal durchaus als das Kerngebiet der Steiermark bezeichnet werden. Seit dem Jahr 2008 weiden im Almgebiet rund um den Hauser Kaibling im Ennstal im Sommer rund 800 Schafe. Betreut werden sie von einem professionellen Wanderhirten, der im Sommer 3 bis 4 Monate rund um die Uhr auf der Alm bei den Schafen verbringt. Mithilfe seiner Hütehunde lenkt er die Schafherde so, dass die Almflächen freigehalten und aufwachsende Zwergsträucher zurückgedrängt werden. Aus 22 verschiedenen Betrieben der Region stammt die Schafherde. Unterschiedliche Schafrassen wie das weiße und das braune Bergschaf, das Suffolk-Schaf und die Walliser Schwarznase beweiden nun den Hauser Kaibling, auf den auch schon früher Schafe aufgetrieben wurden. Damals waren es etwa 300 Stück, die sich jedoch frei bewegen konnten und nicht zahlreich genug waren, um die vorhandenen Flächen offen zu halten. Im ersten Projektjahr, 2008, kümmerte sich ein Hirte aus Sachsen-Anhalt um die Schafe. Zwei Personen aus der Region hat er zu Hirten ausgebildet. Denn von den Ansässigen hatte niemand das notwendige Wissen, um Schafherden professionell zu leiten.

Nicht nur die Neohirten, auch die Schafbesitzer genießen Aus- und Weiterbildungen. Klauenpflegekurse werden besucht, Gesundheitsmaßnahmen in den Heimbetrieben durchgeführt und Exkursionen veranstaltet. Um auch wirtschaftlich von dem Projekt zu profitieren, werden Produkte vom Ennstal-Lamm gemeinschaftlich vermarktet und neue Produkte von Schaf und Lamm entwickelt. Hotels, Gasthäuser, Hüttenwirte, Bauernmärkte und Bauernläden freuen sich ebenso über Lammfrischfleisch wie unterschiedliche Würste. Um den Bekanntheitsgrad des Projekts weiter zu steigern, wurde 2008 das „Almlammfest“ ins Leben gerufen, das seither jährlich stattfindet. Vor Ort werden Spezialitäten mit Lammfleisch zubereitet und Lammprodukte zum Verkauf angeboten. Zu den zahlreichen Projektpartnern zählt auch die Wissenschaft. Das LFZ Raumberg-Gumpenstein erforscht die Auswirkungen der Beweidung auf den Pflanzenbestand, den Ertrag und die Futterqualität von alpinen Weiden. Auch die Auswirkungen der Almweide auf die Entwicklung der Mutterschafe sowie die Gesundheit der weidenden Tiere werden überprüft. Nicht zuletzt wird die Pflege der im Weidegebiet gelegenen Pistenflächen am Hauser Kaibling in Zusammenarbeit mit den Hauser-Kaibling-Bahnen untersucht. So bietet die Schafhaltung denn vielleicht auch neue Wege, um vom Schitourismus geschundene Hänge nachhaltig zu pflegen. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Einreichende Organisation: Steirischer Schaf- und Ziegenzuchtverband Kontakt: Siegfried Illmayer siegfried.illmayer@ lk-stmk.at www.leader-ennstal.at/ projekte/lamm.htm Projektlaufzeit: seit 2008 Finanzierung: Eigenmittel, Leader


Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2 |10

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Gewinner des Sonderpreises „Eine wichtige Kleinigkeit“

Alte Sorten und Kultur beim Jaglbauer Der Jaglbauer liegt mitten im Naturpark Steirische Eisenwurzen auf der Breitau, einem Landschaftsschutzgebiet mit wunderbaren Streuobstwiesen. Seit 1608 ist der Biobauernhof in Familienbesitz. Petronella und Franz Weißensteiner, die den Betrieb seit 26 Jahren führen, setzen sich auf vielerlei Weise für die sie umgebende Landschaft und Artenvielfalt ein. Alte Apfel- und Birnensorten werden von ihnen schon lange erhalten und neu gepflanzt. In Zusammenarbeit mit dem Naturpark Steirische Eisenwurzen wurden die Obstbäume im Rahmen des Projektes „Streuobstwiesen“ auch pomologisch bestimmt. Die Ergebnisse waren sensationell: Man entdeckte zwei vom Aussterben bedrohte Apfelsorten, Fraas Sommerkalvill und Esophus Spitzenburg. In Zeiten, in denen Streuobstbestände immer mehr zurückgedrängt werden und an Wertschätzung verlieren, kann dies durchaus als besonderes Ereignis gewertet werden. Ebenso gefördert werden auch Magerwiesen, Sauerwiesen und Strauchhecken. Viel händische Arbeit und Nachsaat bei Grasnarbenverletzung haben, wie auch Biologen feststellten, zu einer großen Artenvielfalt geführt. Vor 30 Jahren wurde eine Reihe von kleinen Tümpeln angelegt, die auch in Trockenzeiten verschiedenste Insekten, Libellen, Frösche und Vögel anlocken. Bei alledem wird darauf Wert gelegt, dass die Vielfalt auf den Wiesen und im Wald auch für die nächsten Generationen erhalten wird. Um den Bewohnern der Region und Gästen die Besonderheit der Sortenvielfalt der Streuobstwiesen zu vermitteln, haben sich Petronella und Franz Weißensteiner einiges einfallen lassen. Der Betrieb hat sich auf die Direktvermarktung von Edelbränden aus besonders seltenen Apfelsorten spezialisiert: Vielfalt kann man schließlich auch schmecken. Für

die Produktverkostung und den Verkauf wird eine sogenannte Bauerngalerie mit einer Schaubrennerei eingerichtet. In dieser Bauerngalerie sollen Werke von Franz Weißensteiner ausgestellt werden, der ein begeisterter Kunstmaler ist und auf seinen Bildern auch Kulturlandschaften und bäuerliche Arbeiten darstellt. Die Etiketten für die selbstgemachten Edelbrände stammen ebenfalls aus seiner Feder. Im Jahreslauf sollen zukünftig Musik-, Tanz- und Brauchtumsveranstaltungen sowie Kunstausstellungen stattfinden. Die Verkostung der Edelbrände zur Apfelernte ist unter den jeweiligen Bäumen geplant. Petronella und Franz Weißensteiner möchten Tradition und Moderne verbinden und etwas Einzigartiges schaffen. Dieses Einzigartige gilt es weiterzugeben. Nicht nur den Gästen soll die Bedeutung der Biolandwirtschaft und der Kulturlandschaft im Naturpark vermittelt werden. Petronella und Franz Weißensteiner wollen den eigenen Kindern ein Vorbild sein und deren Interessen fördern, um den Fortbestand der Artenvielfalt ebenso zu sichern wie den Fortbestand des Betriebs. ||| Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Betrieb: Franz und Petronella Weißensteiner, vulgo Jaglbauer Kontakt: Naturpark Steirische Eisenwurzen, Katharina Weiskopf k.weiskopf@ eisenwurzen.com Finanzierung: Eigenmittel, ÖPUL, derzeit Teilnahme an Leader-Projekten über den Naturpark Steirische Eisenwurzen


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ausblicke 2 |10 Kulturlandschaftspreis 2010

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Tourismus“

Alchemilla: Kräutervielfalt für Einheimische und Gäste Die Vielfalt der Kräuter im Großen Walsertal sichtbar machen: das ist das Hauptanliegen der AlchemillaKräuterfrauen im Biosphärenpark Großes Walsertal. Mit ihrem Kursangebot, mit ihren hochwertigen Kräuterprodukten – hergestellt aus Kräutern der Region und Zutaten aus biologischer Landwirtschaft bzw. fairem Handel –, mit Veranstaltungen wie den offenen Gärten und Gartentagen oder den Kräutertagen gelingt es den 13 beteiligten Frauen ausgezeichnet, Gästen und BewohnerInnen den Wert der Kräutervielfalt bewusst zu machen und Nutzungsmöglichkeiten weiterzuvermitteln. Zudem wird das eigene Kräuterwissen vertieft, durch Austausch neu erworben und stetig erweitert. Die Projektidee geht auf die Kräuterpädagogin Susanne Türtscher zurück, die sich schon länger mit der Bedeutung und Wirkung von Kräutern befasst und zu einer breiteren Auseinandersetzung mit dem Thema den Anstoß geben wollte. Gemeinsam mit 12 weiteren Frauen aus dem Biosphärenpark Großes Walsertal hat sie seit dem Jahr 2006 ein Angebot zum Thema Kräuter aufgebaut, dessen Bandbreite von der Organisation von Veranstaltungen bis zur Vertiefung des Kräuterwissens der beteiligten Frauen reicht. „Wir haben ein sehr umfangreiches Kursprogramm zusammengestellt“, sagt Susanne Türtscher in einem Interview über Alchemilla. „Dabei geht es uns aber nicht nur darum, dass wir ein touristisches Angebot bereiten wollen, sondern es geht uns vielmehr darum, dass wir die Menschen, die Gäste, sensibilisieren möchten für diesen Schatz, Schöpfung und Natur.“ Auch wenn das Projekt zu Beginn nicht auf den Tourismus ausgerichtet war, hat es bei den Gästen im Großen Walsertal großen Anklang gefunden und wurde so zu einem der Aushängeschilder des Biosphärenparks Großes Walsertal. BesucherInnen wie Einheimische können an Kräuterkochkursen, Seifen-

und Salbenkursen oder einem Seminar, das einen die Natur als Spiegel der eigenen Seele erfahren lässt, teilnehmen. In einem Gasthaus des Tals findet man Kräutermenüs, und in einigen Hotels der Region, in den Tourismusbüros sowie in manchem Lebensmittelladen erhält man Kräuterprodukte von Alchemilla. Nicht zuletzt die Kooperation mit dem Kulturfestival Walserherbst, in dessen Rahmen die Alchemilla-Frauen 2008 eine Ausstellung zum Thema Frauenkräuter präsentierten, zeigt die Vielfalt des Projekts auf. Alchemilla, der botanische Name für die Pflanze „Frauenmantel“, birgt einen Hinweis auf eine weitere wichtige Funktion des Projekts: Alchemilla möchte Frauen im Biosphärenpark Großes Walsertal vernetzen und stärken und ein eigenes Erwerbsstandbein für sie schaffen. Denn in abgelegenen Alpentälern ist es für die ansässigen Frauen nicht immer leicht, ein Einkommen zu erzielen. So gesehen trägt Alchemilla nicht nur zur Bildung des Bewusstseins für die Bedeutung der Kulturlandschaft, sondern auch zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Regionalentwicklung bei. ||| Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Einreichende Organisation: Biosphärenpark Großes Walsertal Kontakt: Ruth Moser moser@ grosseswalsertal.at www.alchemilla.at Projektlaufzeit: seit 2006 Finanzierung: Eigenmittel, Mittel des Biosphärenparks Großes Walsertal, Dynalp²


Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2 |10

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Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Bildung“

Bildung durch Praxis: Die Vorarlberger Wiesenmeisterschaften Die Grundidee der Wiesenmeisterschaft ist einfach, aber sehr wirkungsvoll. Die Wiesenmeisterschaft kann mit der Prämierung von Leistungen in der Tierzucht verglichen werden: Im einen Fall geht es um die Honorierung von Zuchtleistungen, im anderen um die Anerkennung der Leistung eines Biodiversitätsmanagements am Bauernhof. Im Rahmen der Wiesenmeisterschaften werden artenreiche Wiesen ausgezeichnet, die von Vorarlberger Bäuerinnen und Bauern durch eine nachhaltige Bewirtschaftung und gute landwirtschaftliche Praxis geschaffen wurden. Seit Beginn des Projekts im Jahr 2002 sind es bereits rund 400 Bäuerinnen und Bauern, Mehrfachteilnahmen mitgezählt, die ihre Wiesen der Bewertung der Fachjury unterzogen haben, um eine Auszeichnung für ihren Einsatz und die daraus entstandene Artenvielfalt zu bekommen. Aber auch um von Experten Hinweise und Tipps zu erlangen, wie man Wiesen ökologisch wertvoll und nachhaltig bewirtschaftet. Denn jede Wiese, mit der an den Meisterschaften teilgenommen wird, wird von Experten wissenschaftlich begutachtet und bewertet. Die dominierende Pflanzengesellschaft der Wiese wird ebenso beurteilt wie das Vorkommen seltener und gefährdeter Pflanzen und der Einsatz zur Erhaltung von Landschaftselementen. Jeder Teilnehmer bekommt eine schön illustrierte Beschreibung der eingereichten Flächen. Und jene, die nicht zu den Gewinnern zählen, erhalten zudem ein Schreiben mit Bewirtschaftungsvorschlägen, die eine ökologische Verbesserung bewirken sollen. Den auserkorenen „Wiesenmeisterinnen“ und „-meistern“ winkt eine zweitägige Exkursion unter der Leitung der Wiesenexperten Georg Grabherr und Walter Dietl zu den Wiesen und Weiden im Engadin und in Südtirol. Für die Zeit der Exkursion werden die Kosten für einen Betriebshelferdienst übernommen.

Aber nicht nur das: Der Titel „Wiesenmeister“ kann geradezu als ökologische Zertifizierung gewertet werden. Landwirtinnen und Landwirte im Biosphärenpark Großes Walsertal etwa, zu deren Betrieben Exkursionen stattfinden, heben ihren Titel hervor, um auf die Bedeutung der Bäuerinnen und Bauern bei der Gestaltung des Biosphärenparks hinzuweisen. Das ist ganz im Sinn der Wiesenmeisterschaften: Denn die Wiesenmeisterschaft möchte die Leistung der Bäuerinnen und Bauern zur Pflege der Kulturlandschaft bewusst machen und geschicktes Naturschutzmanagement würdigen. Zugleich soll die Wiesenmeisterschaft zeigen, dass nur eine standortangepasste Nutzung die Lebensräume der Pflanzen- und Tierwelt bewahren kann. Das Konzept macht Schule. Inzwischen gibt es in Baden-Württemberg, in der Schweiz, im Wienerwald und seit 2010 auch in Südtirol Nachfolgeprojekte. Alle diese Wiesenmeisterschaften sind aus der Idee der Vorarlberger Wiesenmeisterschaft hervorgegangen und berufen sich auch auf diese. ||| Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Einreichende Organisation: Abteilung Umweltschutz beim Amt der Vorarlberger Landesregierung Kontakt: Max Albrecht; max.albrecht@ vorarlberg.at www.vorarlberg.at/ umwelt Projektlaufzeit: seit 2002 Finanzierung: Vorarlberger Naturschutzfonds, LE 07–13: Maßnahme 323


Netzwerk Land


Netzwerk-Land-Maßnahmen sind so vielseitig wie das Programm zur ländlichen Entwicklung, immer getragen vom Auftrag, Menschen und Organisationen zusammenzubringen und den Austausch von Wissen und Erfahrung zu fördern.


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ausblicke 2 |10 Netzwerk Land

Veranstaltungen im Zeichen der Vielfalt Dem Jahresschwerpunkt von Netzwerk Land „Biodiversität“ Rechnung tragend fanden in den letzten Monaten im Bereich „ÖPUL und Umwelt“ eine Reihe von Veranstaltungen statt, die das Thema Artenvielfalt in den Mittelpunkt rückten. Michael Proschek-Hauptmann

Die Natur versorgt uns mit Nahrungsmitteln und sauberem Wasser, bietet natürlichen Hochwasser- und Erosionsschutz, reguliert das Klima und sorgt für Bodenbildung und die Befruchtung unserer Nutzpflanzen: All diese Leistungen stellt uns die Natur kostenlos zur Verfügung. Diese sogenannten Ökosystemleistungen sind nicht nur die nachhaltigste und kostengünstigste Möglichkeit, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, sondern auch Basis für unsere Gesundheit und unsere Sicherheit. Einige dieser Leistungen werden erst durch die nachhaltige Bewirtschaftung durch LandwirtInnen in einer entsprechenden Form erbracht. Im Kontext der Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) kommt daher diesem Themenfeld, das auch unter dem Terminus „öffentliche Güter“ diskutiert wird, eine immer bedeutendere Rolle zu.

Netzwerk-Land-Jahreskonferenz 2010 Um die enorme Bedeutung der heimischen Landwirtschaft für intakte Ökosysteme und die Erhaltung der Ökosystemleistungen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, veranstalteten Netzwerk Land, das Umweltbundesamt und das Ökosoziale Forum unter der Schirmherrschaft der österreichischen UNESCO-Kommission die Netzwerk-LandJahreskonferenz 2010 zum Thema „Ökosystemleistungen in Kulturlandschaften“: Am 29. und 30. September 2010 diskutierten in St. Johann/Pongau nationale und internationale ExpertInnen wie Alois Heißenhuber, Professor an der TU-München, Michael Pielke von der Europäischen Kommission, Herbert Dorfmann vom Europäischen Parlament, Leopold Kirner von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft, Jochen

Kantelhardt von der Universität für Bodenkultur und Thomas Plieninger von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit Stakeholdern und dem Publikum über die speziellen Ökosystemleistungen von Agrarökosystemen sowie über die Möglichkeit einer monetären Bewertung dieser Leistungen. Anhand praktischer Beispiele wurde aufgezeigt, wo Chancen und Risiken des Konzepts liegen und welche Bedeutung das Thema für die Gemeinsame Agrarpolitik hat. In den Vorträgen und Diskussionen kristallisierte sich deutlich heraus, dass der Fortbestand der landwirtschaftlichen Betriebe essenziell ist, um diese öffentlichen Güter bereitzustellen. Dass die Tendenz derzeit in eine andere Richtung geht, wurde mehrfach dargelegt. Klar wurde auch, dass die von der Gesellschaft gewünschte Bereitstellung öffentlicher Güter in Zusammenhang mit den realpolitischen Rahmenbedingungen, wie dem demografischen Wandel oder dem freien Markt für Agrargüter, die gleichsam in Konkurrenz zu den nicht marktfähigen öffentlichen Gütern stehen, zu betrachten ist. Hier sind Antworten im Rahmen der Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik zu finden. Fest steht, dass nur intakte, funktionsfähige Ökosysteme die Erhaltung der Ökosystemleistungen garantieren können. Die Ergebnisse der UN-Studie „Millennium Ecosystem Assessment“ und der Studie „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB) zeigen jedoch, dass aufgrund von Umweltzerstörung bereits 60 % der globalen Ökosystemleistungen gefährdet sind. Die Studien stellen auch den wirtschaftlichen Schaden dar, der entsteht, wenn Ökosysteme an Qualität einbüßen. Um dem negativen


Netzwerk Land ausblicke 2 |10

Prozess Einhalt zu gebieten, sind natürlich auch Ansätze in der Land- und Forstwirtschaft gefragt. Da es in Europa kaum Ökosysteme gibt, die nicht land- oder forstwirtschaftlich genutzt werden, ist eine flächendeckende nachhaltige Bewirtschaftung wesentlich. Dass Österreich bereits ein sehr ausgeklügeltes System zur Abgeltung von Leistungen für die Umwelt hat, wurde nicht nur im Beitrag von Barbara Steurer vom Österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landgewinnung (ÖKL) deutlich. Um diesen Nutzen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, hat Netzwerk Land eine allgemein verständliche Broschüre herausgebracht, welche die für die Gesellschaft wesentlichen Umweltleistungen des Österreichischen Agrarumweltprogramms (ÖPUL) darstellt (siehe Literaturtipps auf Seite 63).

Weitere Veranstaltungen Im ÖPUL, das einen wesentlichen Teil des Programms für die ländliche Entwicklung ausmacht, finden sich zahlreiche Auflagen, die eingeführt wurden, um den Beitrag einzelner und vor allem sehr breit akzeptierter Maßnahmen wie der umweltgerechten Bewirtschaftung von Acker- und Grünland in Richtung Biodiversität zu erhöhen. In der Vergangenheit hat sich herausgestellt, dass nicht alle biodiversitätsrelevanten Auflagen gleich zielführend sind. Die Neugestaltung der Auflagen führte zum Teil zu Umsetzungs-, aber auch zu Akzeptanzproblemen. Um eine effizientere Ausgestaltung der biodiversitätsrelevanten Agrarumweltmaßnahmen zu erreichen und so die Biodiversitätsvorgaben zu optimieren, wurden unter Einbeziehung verschiedenster AkteurInnen ausgewählte Maßnahmen im Rahmen mehrerer Seminare einer kritischen Betrachtung unterzogen. Ergänzend wurde eine Tagung zum Thema Agrobiodiversität veranstaltet. Diese behandelte die soziale, ökologische und ökonomische Bedeutung der landwirtschaftlichen Artenvielfalt und befasste sich mit jenen Faktoren, die derzeit zum Rückgang der Agrobiodiversität führen.

Besonders großen Anklang fand eine Fachtagung zum Thema Agrarumweltmaßnahmen und Klimawandel, die in Kooperation mit der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume in Passau durchgeführt wurde. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden aktuelle Agrarumweltmaßnahmen in Österreich und Deutschland auf ihre Klimarelevanz geprüft und mögliche Wege für eine Adaption der Agrarumweltprogramme im Sinne des Klimaschutzes aufgezeigt. Fazit: Es ist wahrscheinlich schwierig und auch wenig zielführend, reine Klimaschutzmaßnahmen zu designen. Vielmehr sollten bestehende Maßnahmen in Richtung Klimaschutz optimiert werden.

Tagung zum Thema Schutzgebietsmanagement Schutzgebiete sind die Eckpfeiler des Schutzes der Biodiversität. Da sie 25 % der Fläche Österreichs und damit einen großen und wichtigen Teil des ländlichen Raumes ausmachen, fließt auch ein nicht unerheblicher Teil der Förderungen aus dem Programm zur ländlichen Entwicklung direkt oder indirekt in das Management von Schutzgebieten. Mit der 2. Tagung zum Thema Schutzgebietsmanagement im Juni 2010 ist es wieder gelungen, BetreuerInnen verschiedenster Schutzgebiete – von Nationalparks über Biosphärenparks bis hin zu Naturparks und Natura-2000-Gebieten – an einen Tisch zu holen und über Handlungserfordernisse in diesem Bereich zu diskutieren. Mit der Veranstaltung und durch die bewährte Kooperation mit der Universität Klagenfurt und dem internationalen Lehrgang für Schutzgebietsmanagement ist es gelungen, ein Diskussionsforum zu etablieren, das durch intensive Denkarbeit und informelle Vernetzung aktiv zur Weiterentwicklung des Schutzgebietsmanagements beitragen kann.

Michael Proschek-Hauptmann, Netzwerk Land, Umweltdachverband

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ausblicke 2 |10 Netzwerk Land

Das Leader-Netzwerk in Zeiten des Mainstreamings Transnationale Vernetzung und Kooperation, Innovation und gesellschaftliche Vielfalt waren wichtige Schwerpunkte der Vernetzungsarbeit im ersten Halbjahr 2010 – auf österreichischer und teilweise auch auf europäischer Ebene. Die Jahrestagung von Leader Österreich im November 2010 widmet sich dem Thema „Leader und Lokale Agenda 21“. Im Mittelpunkt werden die Gestaltung von Beteiligungsprozessen und Aspekte der Lebensqualität im ländlichen Raum stehen. Luis Fidlschuster

180 TeilnehmerInnen aus 12 EU-Staaten beteiligten sich im Rahmen der LINC-Konferenz in der Leader-Region Hohe Salve am Erfahrungsaustausch und an den sportlichen Wettbewerben.

Grundlage und teilweise auch Katalysator für viele Aktivitäten im Leader-Netzwerk ist nach wie vor das sogenannte Leader-Mainstreaming, das die Anwendung der Leader-Methode auch im „Mainstream“ der ländlichen Entwicklung bewirken soll. Neben vielen, mitunter überzogenen Befürchtungen gibt es mittlerweile auch konkrete Erfahrungen, dass mit dem Mainstreaming in einzelnen Mitgliedstaaten und Regionen auch eine gewisse Verwässerung der Leader-Methode einhergeht. Für die Startphase eines neuen „Leader-Zeitalters“ ein wenig überraschender Befund, der hier nicht weiter ausgeführt werden soll. Interessant ist in diesem Kontext aber, wie sich die Leader-Community – von der regionalen bis zur europäischen Ebene – mit dieser Situation auseinandersetzt, nämlich sehr konstruktiv. Eine wichtige Vorleistung dafür hat die EU-Kommission erbracht, indem sie für Leader – obwohl kein eigenständiges Programm mehr – weiterhin einen Begleitausschuss vorgesehen hat. In diesem Leader-Begleitausschuss werden von VertreterInnen der DG Agri, der nationalen Behörden und der Netzwerkstellen tatsächliche oder vermeintliche Probleme, die aus dem Mainstreaming von Leader resultieren, in absoluter Offenheit und durchaus kontrovers diskutiert. Ein wichtiges Ergebnis dieses Diskussionsprozesses ist die Einrichtung von Fokusgruppen, die sich damit beschäftigen, ob im gemainstreamten Leader das Bottom-up-Prinzip, Innovation und transnationale Kooperation noch im Sinn von Leader und einer zukunftsorientierten ländlichen Entwicklung gelebt und realisiert werden können. Ergebnisse und Zwischen-

ergebnisse dieser drei Fokusgruppen, in denen VertreterInnen von der LAG- bis zur EU-Ebene mitwirken, können von der Website der Europäischen Vernetzungsstelle heruntergeladen werden (http://enrd.ec. europa.eu/events-and-meetings/committees/ leader-subcommittee/en/4th-leader-subcommittee_ en.cfm). VertreterInnen des österreichischen LeaderNetzwerks spielen in dieser spannenden Diskussion eine durchaus aktive Rolle: Die Initiative zur Einrichtung der drei Fokusgruppen ging von Netzwerk Land und der irischen Vernetzungsstelle aus. Zudem wurden ein Vertreter von Netzwerk Land und der LeaderManager Thomas Müller (LAG Sauwald) von der DG Agri eingeladen, ihre Sichtweisen zu den Themen Innovation und transnationale Kooperation in Zeiten des Mainstreamings im Begleitausschuss zu präsentieren. Netzwerk Land wirkte außerdem in der Fokusgruppe Innovation aktiv mit. Und: Stefan Niedermoser von der LAG Pillerseetal – Leogang wurde eingeladen, in der Fokusgruppe „Transnationale Kooperation“ mitzuarbeiten. Wir sind schon gespannt, ob und wann Verbesserungsvorschläge der Fokusgruppen Eingang in die Leader-Praxis finden werden.

Innovation und die Leader-Methode In Anlehnung an die Brüsseler Diskussionen hat Netzwerk Land das Thema Innovation und Leader auch zum Thema einer Innovativen Werkstatt in der Energieregion Weiz-Gleisdorf im Mai 2010 gemacht. Dabei kamen sowohl wesentliche Anforderungen an ein professionelles Innovationsmanagement als auch Innovationsbeispiele aus Leader-Regionen und der


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aktuelle Stellenwert von Innovation in der LeaderArbeit zur Sprache. Präsentationen und Ergebnisse der Werkstatt, ergänzende Materialien und Literaturtipps zum Thema Innovation und Leader finden sich auf der Website von Netzwerk-Land (http://www. netzwerk-land.at/leader/veranstaltungen/leaderveranstaltungen).

Gesellschaftliche Vielfalt Die zweite Innovative Werkstatt im Juni 2010 befasste sich mit der Bedeutung von gesellschaftlicher Vielfalt für eine positive ländliche Entwicklung. Organisiert wurde die Werkstatt gemeinsam mit dem Regionalmanagement Österreich. Thematisiert wurden unter anderem der Stellenwert von interkultureller Kompetenz in der Integrations- und transnationalen Zusammenarbeit sowie die wesentlichen Elemente eines professionellen Diversity-Managements, das in einer beteiligungsorientierten ländlichen Entwicklung eine Schlüsselqualifikation darstellt. Die Präsentationen der ExpertInnen aus Wissenschaft, Beratung und Praxis können ebenfalls von www.netzwerkland.at heruntergeladen werden. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch noch, dass nach einem Beschluss im österreichischen Begleitausschuss für das „Ländliche Entwicklungsprogramm“ eine „Arbeitsgruppe Chancengleichheit“ eingerichtet wurde, die derzeit Maßnahmen für die Erhöhung der Beteiligung von Frauen und Jugendlichen im LE 07–13 erarbeitet. Spätestens bis Ende 2010 wird ein Maßnahmenprogramm vorliegen, das in den Folgejahren unter der Federführung von Netzwerk Land in enger Kooperation mit dem Lebensministerium und dem Begleitausschuss umgesetzt werden wird.

Transnationale Kooperation: LINC und Co Die europäische Dimension von Leader ist durch die nicht nachvollziehbare Abschaffung der europäischen Leader-Seminare für viele neue Leader-Gruppen nicht wirklich erleb- und spürbar. Leader Österreich ist aber in Sachen transnationale Kooperation und Vernetzung nach wie vor überdurchschnittlich aktiv. Derzeit sind 18 österreichische LAGs an 10 transnationalen Projekten beteiligt. Mit LINC – Leader-inspired Network Community – initiierte

Die Themen Innovation und gesellschaftliche Vielfalt wurden von Leader-ManagerInnen in zwei Innovativen Werkstätten bearbeitet.

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Leader-Managerin Barbara Loferer (LAG Hohe Salve) unterstützt von Netzwerk Land und in Zusammenarbeit mit Leader-Gruppen und Vernetzungsstellen in Deutschland, Estland und Finnland eine europäische Konferenzreihe neuen Typs. Zur ersten LINC-Konferenz in der österreichischen Leader-Region Hohe Salve im März 2010 fanden sich 180 TeilnehmerInnen aus 12 EU-Mitgliedstaaten ein. Sie alle profitierten vom innovativen Konzept von LINC, das fachlichen Erfahrungsaustausch mit europäischer Kulinarik und sportlichen Wettbewerben kombiniert. Dass das Konzept von LINC funktioniert, beweisen nicht nur die Standing Ovations für die OrganisatorInnen am Ende der Konferenz, sondern auch viele positive Feedbacks von TeilnehmerInnen: „The LINC event in Kirchberg was the best programme since I work with Leader. Thank you for this great experience“ (Judith Racz, Ungarn). Und: „Thank you for the networking event LINC 2010. It was the most perfect congress we have ever seen. See you next year in Germany at LINC 2011“ (Petr Kulisek, Tschechien). 2011 wird diese europäische Konferenz in der Sächsischen Schweiz durchgeführt (27.–29. April) werden. Danach in Estland und Finnland und zum Abschluss der Reihe 2014 in Osttirol. Detailinfos zu LINC 2010 (Präsentationen und Ergebnisse der Sportbewerbe) und LINC 2011 finden Sie unter www.info-linc.eu.

Leader und Lokale Agenda 21 Highlight der Leader-Netzwerk-Aktivitäten ist auch heuer das Leader-Forum, die Jahrestagung von Leader Österreich. Thema des Leader-Forums 2010, das von 23. bis 24. November in Bad Ischl stattfinden wird, ist die Rolle und das Zusammenwirken von Leader und Lokaler Agenda 21 in der ländlichen Entwicklung. Das Forum wird daher auch in Zusammenarbeit mit der Bundeskoordination der Lokalen Agenda 21 organisiert. Inhaltlich wird es unter anderem um Themen wie die Gestaltung von Beteiligungsprozessen sowie die Bedeutung und Förderung von Sozialkapital und einer attraktiven Lebensqualität in ländlichen Regionen gehen. Nähere Infos dazu finden sich auf www.netzwerk-land.at/leader. ||| Luis Fidlschuster, Netzwerk Land, ÖAR-Regionalberatung


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Netzwerk Land und die Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft Eine wettbewerbsfähige Land- und Forstwirtschaft ist das Ziel des ersten Schwerpunkts des österreichischen Programms für die ländliche Entwicklung. Entsprechend der internen Arbeitsteilung im Team von Netzwerk Land kümmert sich um diesen Themenbereich der Agrar.Projekt.Verein. Christian Jochum

spektrum von Netzwerk Land aufgenommen und gesondert bearbeitet. So wie es eine agrarische Investitionsförderung gibt, existiert auch eine forstwirtschaftliche, und dieses Schema zieht sich bis zum Forsttourismus im dritten Schwerpunktbereich durch.

Die österreichische Landwirtschaft muss wettbewerbsfähiger werden

Die „Ländliche Entwicklung“ bietet verschiedene Möglichkeiten, die Wettbewerbsfähigkeit zu unterstützen. Das Angebot beginnt beim Humankapital, wenn es darum geht, durch Bildung die Qualifikation der Menschen in diesem Sektor zu verbessern. Budgetmäßig sehr wichtig sind die Beihilfen für Investitionen in land- und forstwirtschaftliche Betriebe, aber auch für die nachgelagerte Be- und Verarbeitung bzw. Vermarktung. Zwei kleinere Maßnahmen betreffen Innovationen und die Förderung von Qualitätsprogrammen. Beide sind so konzipiert, dass die Primärproduktion in die Entwicklung neuer Produkte bzw. in die Durchführung von Qualitätsprogrammen eingebunden sein muss. Für die Forstwirtschaft sieht die Ländliche Entwicklung ein ganzes Paket von Maßnahmen für alle Schwerpunktbereiche vor. Daher wurde dieser Sektor als eigener Themenbereich in das Aufgaben-

Laut „Grünem Bericht“ stammte das Einkommen der Landwirtschaft in den letzten Jahren im Wesentlichen aus Förderungen, hauptsächlich flächenbezogenen Direktzahlungen aus der Marktordnung und aus der Ländlichen Entwicklung (ÖPUL-Zahlungen und Zahlungen für benachteiligte Gebiete). Diese Zahlungen sind zwar Abgeltungen für erbrachte Leistungen – dennoch sollte die Abhängigkeit von öffentlichen Geldern weniger und die Erwirtschaftung von Wertschöpfung am Markt mehr werden. Der erste Schwerpunkt der Ländlichen Entwicklung hilft dabei.

Was macht Netzwerk Land, um die Vernetzung in diesen Bereichen zu unterstützen? Da die Strukturen zur Abwicklung der „großen“ Maßnahmen (Bildung, Investitionsbeihilfen, Förderung von JunglandwirtInnen, Zahlungen für benachteiligte Gebiete) seit Langem existieren, gibt es unter diesem Titel wenig Vernetzungsbedarf. Es ist nicht Aufgabe von Netzwerk Land, bestehende Strukturen zu duplizieren oder zu konkurrenzieren. Was jedoch Sinn macht, sind die Schließung von Lücken und die „Quervernetzung“ bzw. die Thematisierung von Be-


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reichen der Ländlichen Entwicklung, die nicht optimal funktionieren. Ein guter Ansatz ist auch die Kooperation mit bestehenden „netzwerkenden“ Strukturen wie dem Walddialog. Die beiden Begleitgruppen „Landwirtschaft und Markt“ und „Forstwirtschaft“ sind als Ideen- und Feedbackgeber wichtig, damit ein erfolgversprechendes Programm erstellt und umgesetzt werden kann. Die Themen werden im Rahmen von Seminaren und Workshops angeschnitten, aufbereitet und bearbeitet. Ziel ist es, Informationen und Erfahrungen auszutauschen und Wege für die weitere Vorgangsweise aufzuzeigen. Durch die sorgfältige Sondierung über Vortragende, die Auseinandersetzung mit den Themen im Detail sowie die Verknüpfung mit anderen Angeboten und eventuelle Kooperationen mit anderen Organisationen soll ein Maximum an Ergebnissen erzielt werden. Die anonymen Evaluierungsbögen, die nach jeder Veranstaltung verteilt werden, sind ein wichtiges Instrument, um die Zufriedenheit der TeilnehmerInnen zu erfragen und wertvolle Vorschläge für Verbesserungen zu bekommen.

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Ein kurzer Rückblick f

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Informationsaustausch über Aktivitäten im Bereich Bildung/Beratung: Durch Kontakte auf verschiedenen Ebenen wurde zunächst auszuloten versucht, wo Vernetzungsbedarf besteht. Netzwerk Land wurde bei Sitzungen vorgestellt. Es wurde eine Best-Practice-Datenbank für Bildungsprojekte entwickelt. Im Forstbereich wurde mit anderen Organisationen kooperiert, die bereits Maßnahmen setzen. Mit dem Verein für dynamischen Naturschutz „BIOSA – Biosphäre Austria“ wurde in Salzburg am 18. und 19. Mai 2009 eine Veranstaltung zum Thema Forstbiodiversität bestritten („Forstwirt schaf[f]t Biodiversität“) und der Workshop „Destination Wald“ („Nachhaltigkeit und Qualitätssicherung“) gestaltet, der am 21. und 22. Oktober 2009 stattfand. Das Seminar „Die ländliche Entwicklung und die Bäuerinnen“ am 15. September 2009 in Salzburg bot einen Überblick über die ländliche Entwicklung unter spezieller Berücksichtigung der Bedürfnisse der Bäuerinnen. In der Evaluierung

wurde mehrfach das „Über-den-TellerrandSchauen“ positiv erwähnt. Das umfangreiche Programm des Seminars „Arbeitswirtschaft in der Viehhaltung – Wettbewerbsfähigkeit in der Viehhaltung“ am 7. und 8. Oktober 2009 in St. Michael bei Leoben fand bei den MeinungsbildnerInnen sehr guten Anklang. Das Seminar „Leader und Forstwirtschaft“ am 20. und 21. Jänner 2010 (Stift St. Lambrecht) versuchte, zwei Bereiche zusammenzubringen, die normalerweise wenig Berührung mit- und Wissen übereinander haben. Im Seminar „Fit in den Bergen – Die ländliche Entwicklung und die Berglandwirtschaft“ am 28. und 29. Jänner 2010 in der Wildschönau wurde die Wettbewerbsfähigkeit der Berglandwirtschaft thematisiert. Unter dem Titel „Einkommen kombinieren – mit Vielfalt zum Betriebserfolg“ wurden am 20. und 21. Oktober 2010 in Hagenberg bei Linz Perspektiven für landwirtschaftliche Betriebe aufgezeigt, die keine Option auf Spezialisierung haben – dieser Betriebstyp dominiert in Österreich.

Geplante Aktivitäten 2010 f

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In einem Spezialseminar vom 30. November bis 1. Dezember 2010 in Schloss Goldegg wird das Thema Wettbewerbsfähigkeit auch unter dem Blickwinkel der Berglandwirtschaft behandelt. Ein Vertreter der EU-Kommission wird zu diesem sensiblen Thema vor dem Hintergrund der angelaufenen Diskussion über die Zukunft der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik Stellung nehmen. Im Seminar „Kleine Lebensmittelhersteller und traditionelle Spezialitäten – Was bringt die neue Qualitätspolitik der EU für die österreichischen Regionen?“ vom 15. bis 16. Dezember 2010 erfahren die TeilnehmerInnen aus erster Hand, was die Europäische Kommission nach zweijähriger Vorbereitungszeit an Änderungen für regionale Lebensmittel und geschützte Spezialitäten geplant hat. |||

Christian Jochum, Netzwerk Land, Agrar.Projekt.Verein

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ÖKL-Baupreis Landwirtschaft Im März dieses Jahres wurde erstmalig der ÖKL-Baupreis Landwirtschaft ausgelobt, der am 25. November 2010 durch Landwirtschaftsminister DI Niki Berlakovich in Wien feierlich verliehen wird. Voraussichtlich alle zwei Jahre soll künftig dieser österreichweite Wettbewerb zum landwirtschaftlichen Bauwesen ausgeschrieben werden, wobei die Themen von Wettbewerb zu Wettbewerb wechseln werden. Gesucht sind Stallbauten, die sich durch ihren besonderen Ideenreichtum auszeichnen und der österreichischen Landwirtschaft neue Perspektiven und wirtschaftliche Chancen eröffnen. Dieter Brandl

Das Thema für den Baupreis 2010 betrifft die Milchproduktion: Im Auftrag des Lebensministeriums wurden vom Österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL) in Kooperation mit Netzwerk Land beispielhafte, zeitgemäße und wirtschaftliche Baulösungen für Milchviehställe der Rinder-, Schaf- bzw. Ziegenhaltung gesucht. Bis 16. Mai 2010 konnten sich Bauherrinnen und Bauherren von innovativen und zukunftsweisenden Stallgebäuden beim ÖKL bewerben. Der Erfolg war sensationell: Insgesamt sind 91 Einreichungen aus allen Bundesländern eingelangt. 35 % davon waren Biobetriebe, 63 % Betriebe konnten einen gehobenen Tiergerechtheitsstandard vorweisen. Von den 91 eingereichten Stallbauten waren 82 Milchkuhställe, sechs Milchziegenställe und drei Milchschafställe. Neben Plandarstellungen sind auch rund 2000 Fotos eingelangt. Nicht nur die Zahl der Einreichungen war überragend. Fast alle Stallbauten waren auch äußerst interessante Bauobjekte, die ideale Konzepte für die jeweilige Situation umsetzen. Nach genauer Durchsicht, einer Vorprüfung sowie der rechnerischen Bewertung der Wirtschaftlichkeit wurden alle einge-

reichten Projekte übersichtlich für die Jury zur Präsentation vorbereitet. Die Jury, die sich aus Fachleuten des BMLFUW, der Bundesländer, der Landwirtschaftskammern, der Veterinärmedizinischen Universität Wien, des LFZ Raumberg-Gumpenstein und der ZAR zusammensetzte, hatte die Einreichungen nach den vorgegebenen Kriterien zu beurteilen und wählte schließlich zwölf Bauobjekte aus, die auch vor Ort besichtigt wurden. Nach der dreitägigen Besichtigungsfahrt einigte sich die Jury auf vier Betriebe, deren Projekte im Gesamteindruck beispielhaft und herausragend waren, als Preisträger. Für die Beurteilung maßgeblich waren vier Hauptkriterien: Wirtschaftlichkeit, Tierfreundlichkeit, Bauen/Umwelt sowie Arbeitsplatz/Arbeitswirtschaft. Für das Kriterium „Wirtschaftlichkeit“ waren eine hohe Rentabilität des Gesamtbetriebs sowie die Baukosten ausschlaggebend. Für das Kriterium „Tierfreundlichkeit“ wurden über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehende bauliche Maßnahmen anerkannt. Für das Kriterium „Bauen/Umwelt“ mussten Standards im Hinblick auf den Stand der Technik sowie die Umweltverträglichkeit erfüllt werden.


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Wie die Stallbauten, welche die Jury herausragend gefunden hat, aussehen, erfährt man Ende November.

Beurteilt wurden sowohl die architektonische Qualität hinsichtlich Situierung, Bezug zur Hoflage, Verarbeitung der eingesetzten Materialien und Funktionalität als auch die Schonung der Umwelt zum Beispiel durch Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Für das Kriterium „Arbeitsplatz/Arbeitswirtschaft“ waren sichere und gesunde Arbeitsplätze sowie eine hohe Effizienz der Arbeitsabläufe aufgrund des gegebenen Raumprogramms sowie der eingesetzten Melk- und der Fütterungstechnik notwendig. Mit dem Preis, der mit insgesamt 8000 Euro dotiert ist, werden besondere Leistungen landwirtschaftlichen Bauens ausgezeichnet und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Ziel ist sowohl eine Steigerung der Motivation, in der Landwirtschaft auf hohem Niveau zu planen und zu bauen, als auch eine Steigerung der Akzeptanz landwirtschaftlicher Gebäude in der Öffentlichkeit. Die prämierten Wirtschaftsgebäude sollen LandwirtInnen und MultiplikatorInnen im Agrarbereich (Beratung, Bildung, Schulwesen, Politik) sowie der Öffentlichkeit als Beispiele mit Vorbildwirkung vermittelt werden. Dies wird durch die Erstellung einer Broschüre erreicht, in der die Preisträger sowie

die von der Jury nominierten Bauten vorgestellt werden und die auch Pläne und aussagekräftige Fotos enthält. Auf der ÖKL-Homepage wird eine Download-Möglichkeit für diese wichtigen Informationen eingerichtet. Weiters sind eine NetzwerkLand-Veranstaltung zum Thema und ein entsprechendes Exkursionsservice zu den Betrieben geplant. Der ÖKL-Baupreis Landwirtschaft für das Jahr 2010 soll motivieren und durch die vermittelten guten Baulösungen neue Wege aufzeigen, um auch künftig in der Milchproduktion bestehen zu können. Die prämierten Baulösungen veranschaulichen beispielhaft und zukunftsweisend, dass durch durchdachte Bauplanung, gute Gliederung des Grundrisses, optimale Situierung sowie einfache Bauweisen, innovative Ideen und überlegte Wahl der Baustoffe gerade bei hoher Bauqualität und Einhaltung der Umwelt- und Tiergerechtheit die Baukosten im Rahmen gehalten und gute wirtschaftliche Lösungen gefunden werden können. |||

Dieter Brandl, ÖKL – Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung

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Preisverleihung am 25. November 2010 im BMLFUW (Marmorsaal) Erstellung einer Broschüre mit Fotos, Plänen und Jurymeinungen zu den nominierten Betrieben und zu den Preisträgern bis zur Preisverleihung Infos zum Baupreis auf der ÖKLHomepage www.oekl.at


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Vielfältige Kulturlandschaften prägen die Österreichischen Naturparke.

Die Österreichischen Naturparke Eine Landschaftsvielfalt Gerlinde Wakonigg Die Naturparke Österreichs repräsentieren eine Vielfalt charakteristischer Landschaften, die sich durch ihre Unberührtheit, ihre natürlichen und kulturellen Höhepunkte sowie ein breites Angebot von Möglichkeiten des Naturerlebens und -begreifens auszeichnen. Das sogenannte 4-Säulen-Modell gibt die inhaltliche Ausrichtung eines Naturparks vor: Schutz, Bildung, Erholung und Regionalentwicklung sollen gleichrangig miteinander entwickelt werden, sodass die Naturparke als geschützte Kulturlandschaften Österreichs als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung stehen. In Österreich gibt es derzeit 47 Naturparke, die zusammen eine Fläche von rund 500.000 ha umfassen und jährlich von rund 20 Mio. Gästen besucht werden. Der Zusammenschluss der Österreichischen Naturparke zum Verband der Naturparke Österreichs (VNÖ) liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. Erklärtes Ziel des VNÖ ist die koordinierte Vorgangsweise zur Weiterentwicklung der Naturparke sowie die Durchführung gemeinsamer Marketingmaßnahmen und österreichweiter Projekte. So gelingt es zum Beispiel über Beschäftigungsprojekte in der Steiermark und Niederösterreich, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Marke „Österreichische Naturpark-Spezialitäten“ wurde geschaffen, um die Wertschöpfung traditionell

erzeugter Produkte zu erhöhen und damit den Schutz der Kulturlandschaft zu gewährleisten. Die Weiterentwicklung der Naturparkidee wird auch durch Forschungsprojekte vorangetrieben. Die Studie „Touristische Potenziale der Österreichischen Naturparke“ etwa ergab eine beachtliche Bilanz von 10 Mio. Übernachtungen und eine Wertschöpfung von 144 Mio. Euro pro Jahr in den Naturparken. Mit dem Projekt „Mobilitätsmanagement für Freizeit- und Tourismusverkehr in den Österreichischen Naturparken“ hat sich der VNÖ das Ziel der Reduktion des CO2-Ausstoßes und der Motivation zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel gesteckt. Die Daten zur Anreise in die Naturparke sind auf der Homepage des VNÖ übersichtlich und detailliert aufbereitet und können auch in der Jahresbroschüre des Verbandes nachgelesen werden. Die Studie „Neue Modelle des Natur- und Kulturlandschaftsschutzes in den Naturparken“ veranschaulicht, wie integrativ dynamischer Naturschutz umgesetzt wird. Heute ist der VNÖ die Drehscheibe für alle Naturparkaktivitäten österreichweit. Auf europäischer Ebene kooperiert er eng mit den deutschsprachigen Naturparken (im März 2010 wurde in Berlin ein Kooperationsvertrag unterzeichnet) sowie mit der EUROPARC Federation (Europäische Föderation für Natur- und Nationalparke). |||

Gerlinde Wakonigg arbeitet seit mehr als drei Jahren beim VNÖ; das Büro des VNÖ ist für alle Naturpark-Verantwortlichen und Interessierten die Anlaufstelle für naturparkbezogene Fragen und Projekte. Die Landschaftsplanerin sowie zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin Gerlinde Wakonigg ist im VNÖ-Büro für alle Anfragen zuständig. Zu ihren weiteren Aufgaben zählen die Erstellung der Jahresbroschüre und des Newsletters sowie die Organisation von Tagungen und Veranstaltungen. Zuletzt war sie für das Projekt „Mobilitätsmanagement für Freizeit- und Tourismusverkehr in den Österreichischen Naturparken“ verantwortlich und recherchierte die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu allen Naturparken. www.naturparke.at


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Lokale Agenda 21 in Österreich Rund 430 Gemeinden sowie 35 Regionen und Bezirke Österreichs haben sich bislang der Lokalen oder Regionalen Agenda 21 angeschlossen. Das entspricht beinahe einer Verdreifachung in den letzten sieben Jahren. Die Grundidee zur Lokalen Agenda 21 geht auf den Weltgipfel der Vereinten Nationen 1992 zurück. Österreich bekräftigte diese mit einer„Gemeinsamen Erklärung zur Lokalen Agenda 21 in Österreich“ im Jahr 2003, einem Beschluss der UmweltreferentInnen der Bundesländer gemeinsam mit dem Lebensminister. Die Programme zur Lokalen Agenda 21 und ihre Zielsetzungen flossen auch in die im Juli 2010 beschlossene Nachhaltigkeitsstrategie von Bund und Ländern (ÖSTRAT) ein und tragen damit wesentlich zur Zukunftssicherung in ländlichen und städtischen Lebensräumen bei. Darüber hinaus sollen mittelfristig mithilfe des „Österreichischen Programms zur Ländlichen Entwicklung“ bis 2013 bundesweit derartige Prozesse in etwa 600 Gemeinden und 50 Regionen bzw. Bezirken Österreichs umgesetzt werden.

Neue Dialogkultur Kreative BürgerInnen sowie AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung finden im Rahmen der Lokalen Agenda 21 in einem offenen Beteiligungsprozess zusammen und widmen sich der zentralen Frage, wie die Lebensqualität in ihrem Lebensraum erhalten und ausgebaut werden kann, ohne auf Kosten der Natur, der gewachsenen wirtschaftlichen Strukturen und unserer Gesellschaft handeln zu müssen; sie beschäftigen sich auch damit, wie gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Funktionen einander unterstützen können und welche Fehlentwicklungen es gibt, die den Zugang zu einer dauerhaften guten Lebensqualität versperren. Ergebnisse dieser Kultur des Miteinanders und der Beteiligung in Städten, Gemeinden und Regionen sind gemeinsam entwickelte Visionen, Leitziele und Maßnahmen zur Umsetzung von Ideen.

Zusammenarbeit auf allen Ebenen Unterstützung für ihre Aktivitäten bekommen die AkteurInnen von Lokalen und Regionalen Agenda-21-

Prozessen von den Bundesländern und vom Bund. Alle Länder verfügen über eigene Leitstellen zur Förderung, und gemeinsam mit dem Bund werden Aufgaben der Qualitätssicherung wahrgenommen. Periodisch finden Lokale-Agenda-21-Gipfel statt; der 6. Gipfel im September 2010 in Dornbirn behandelte das Thema „Sozialkapital“. Die AkteurInnen von Lokalen und Regionalen Agenda-21-Prozessen kooperieren mit dem Gemeindebund; im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms „proVISION“ des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung konnten 14 wissenschaftliche Arbeiten ermöglicht werden. Die Internetplattform des Lebensministeriums zur Lokalen Agenda 21 www.nachhaltigkeit.at/la21 zeigt Aktuelles und listet länderspezifische Ansprechstellen sowie die in Agenda-Prozessen engagierten Gemeinden und Städte Österreichs auf; jeden Monat wird eine Agenda-21-Gemeinde vorgestellt. Den Verantwortlichen ist auch die Zusammenarbeit mit anderen lokalen und regionalen Programmen wichtig. Aus diesem Grund bildet die Lokale Agenda 21 demnächst auch einen Schwerpunkt beim Leader-Forum 2010, das vom 23. bis 24. November 2010 in Bad Ischl tagen wird und zu dem wir gemeinsam mit Netzwerk Land herzlich einladen. ||| www.netzwerk-land.at/leader/anmeldung

Martina Schmalnauer, im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Bundeskoordination Lokale Agenda 21


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Leader-Region Südburgenland:

Paradies im Aufbruch Weiche Hügel, putzige Weingärten mit Kellerstöckln wie zu Großvaters Zeiten – das Südburgenland ist sanft und entschleunigt. Teresa Arrieta

Das pannonische Klima ist moderat, die hügelige Landschaft umwerfend charmant und beschaulich, die Menschen in sich gekehrt. Wer zwischen den alten Kellerstraßen umherstreift, spürt die ruhige Kraft dieser Region.

Vom Dornröschenschlaf zur Energieautarkie Die Leader-Region Südburgenland umfasst die drei Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf. Im Osten liegt die ungarische, südlich die slowenische Grenze. Ganze 69 Gemeinden zählen zu dieser Leader-Region, die für Weinidylle, Dreisprachigkeit, erneuerbare Energie, Kulinarik und Naturparke steht und eine der wichtigsten Thermenregionen Österreichs ist. Das Südburgenland ist aber auch eine Region im Aufbruch. „Die Menschen möchten etwas bewegen“, sagt Ursula Maringer. Seit neun Jahren arbeitet sie als Regionalmanagerin dieser Leader-Region, und sie ist stolz auf die neue Dynamik in ihrer Heimat, die aus dem Dornröschenschlaf der letzten Jahrzehnte erwacht ist. Wegen ihrer grenznahen Randlage werden die Bezirke Jennersdorf und Güssing raumplanerisch als „extrem peripher“ eingestuft. „Aber nun holen die Menschen auf“, weiß Maringer. So ist etwa die Stadt Güssing nach jahrzehntelangen Bemühungen heute energieautark. Mit Leader-Hilfe wurde auf heimische und erneuerbare Energieträger umgestellt. Heute ist Güssing Ökomusterstadt Europas, Betriebsansiedelungen und Arbeitsplätze sorgen für neue Wertschöpfungen: Rund 13 Millionen Euro pro Jahr beträgt jene Wertschöpfung, die durch den Umstieg auf erneuerbare Energieformen für die Region heute erzielt wird. Das Technologiezentrum

Güssing sowie das benachbarte Hotel werden mittels Fernwärme gekühlt, und der Ökoenergietourismus zieht jährlich 50.000 Interessierte an.

Moorochse und Uhudler Eine weitere Leader-Erfolgsgeschichte ist „Südburgenland – Ein Stück vom Paradies®“. Wussten Sie, dass das Paradies in Pinkafeld beginnt? Knapp 60 Betriebe bilden einen kulinarischen Genuss-Verbund. Vom waldbeerigen Uhudler über das delikate „Kürbiskernöl von der Steinmühle“ bis zu den eingelegten „Gürkchen Primeur“ können sich Gourmets hier den Gelüsten des Gaumens hingeben. Das ParadiesProjekt entspricht der regionalen Entwicklungsstrategie: Es umfasst die gesamte Region, bündelt unterschiedlichste Betriebe und schafft Identifikation. In der Zwischenzeit gibt es auch ParadiesHotels und Paradies-Tourismustouren, etwa nächtliche Moorwanderungen durch die Heimat des „Zickentaler Moorochsen“ – eines speziellen Genuss-Highlights des Südburgenlands. Zwischen Heugraben und Eisenhüttl liegt im Naturschutzgebiet Auwiesen das größte Niedertorfmoor Pannoniens. „Genussreifung statt Turbomast“ lautet die Devise. Der hornlose Moorochse nimmt nur langsam zu und ernährt sich von ungedüngten Gräsern und Kräutern. Sein Fleisch ist zart, feinfaserig und wurde mehrfach ausgezeichnet. Für (Schüler-)Gruppen werden Moorstreifzüge angeboten, in deren Rahmen man Stille hören, Insektenhotels besuchen und heilkräftigen zwölftausend Jahre alten Moorschlamm auf der Haut spüren kann. „Bei uns ist der Moment mit allen Sinnen erlebbar, wir schärfen die Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten in der Natur“, erklärt Hermann Ofner, Obmann des Vereins „rund um’s moor“.


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Sprachenreichtum beleben

„Kreative Räume für Innovationen erhalten“

Auch die burgenländische Vielsprachigkeit erfreut sich zunehmender Aufmerksamkeit. „Mit jedem Jahr steigt der Stolz auf unsere vielseitigen Wurzeln“, sagt Regionalmanagerin Ursula Maringer. Sie hat vier Jahre lang in der ungarischsprachigen Gemeinde Unterwart gewohnt und lernt seitdem Ungarisch. „Die Ungarn jenseits der Grenze sprechen alle Deutsch, wir hingegen konnten bis vor Kurzem nicht einmal ‚Grüß Gott!‘ auf Ungarisch sagen.“ Das in der burgenländischen Bevölkerung erwachte multikulturelle Interesse spiegelt sich in mehreren Leader-Projekten wider. Im Rahmen von „Volks-Lieder-Schulen“ lernen SchülerInnen alte und neue Volksweisen. Das stärkt das Heimatgefühl und macht Spaß. „Volksmusik hat nichts mit Musikantenstadl zu tun“, erklärt Projektleiterin Karin Ritter. Es ist eine Ganzkörpererfahrung. Die Kinder tanzen, gestikulieren und singen. LehrerInnen erinnern sich an ihre Jugend, Eltern freuen sich über die Wiederbelebung der Kultur ihrer Kindheit, und zugewanderte Kinder können ihre Herkunftskultur vor der Gruppe präsentieren – das stärkt das Selbstbewusstsein. „Wir lernen nicht nur deutschsprachige, ungarische oder slowenische Folklore. Auch türkische oder serbische Lieder sind willkommen“, erläutert Karin Ritter. An die 4000 Schülerinnen und Schüler haben seit Projektbeginn vor einem Jahr die Volkskulturen des Burgenlands wertschätzen gelernt. Weitere Impulse gab das „Jahr der Volkskultur“, das heuer im Burgenland ausgerufen wurde. „Die vielen Veranstaltungen in diesem Jahr haben uns geholfen, Folklore aus dem braunen Eck herauszuholen und unser Selbstvertrauen zu stärken.“

Im Gespräch mit Ursula Maringer, LAG Südburgenland Frau Maringer, worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Leader-Regionalmanagerin? Ich möchte die Begeisterung der Menschen für ihre Region wecken. Und ich bin Steigbügelhalterin für jene, die gute Ideen haben und das Pferd der Förderungen besteigen wollen. Wie motivieren Sie die Menschen? Am besten motiviert man, indem man konkrete Angebote macht. Im Herbst planen wir Themenfindungsgruppen zu den Bereichen Dorferneuerung, Kleinstunternehmen, Ökoenergie und Ökomobilität. So schaffen wir ein Klima, in dem Ideen heranwachsen, gedeihen und reifen können. Denn Konzepte, die von oben kommen, funktionieren nur bedingt. Was sind für Sie die besonderen Herausforderungen in der aktuellen Förderperiode? Durch die neuen Rahmenbedingungen konnten die Länder sehr frei über Fördermaßnahmen und Projektdotierungen entscheiden. Daher muss besonders darauf geachtet werden, dass kein Bereich der Regionalentwicklung zu kurz kommt. Österreichweit trachten die Leader-Verantwortlichen danach, weiterhin die innovativsten Projekte zu fördern. Es ist wichtig, diesen kreativen Raum für Innovationen zu erhalten.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit „Frau Macht Geld“, so der Name eines weiteren Leader-Erfolgsprojektes, das zwei Jahre lang die Geschlechterrollen infrage stellte. „Die Schuldnerberatungen waren völlig überlaufen, die Frauen, die zu uns kamen, waren beschämt“, erinnert sich Wilhelmine Fischer, Projektleiterin vom Dachverband der burgenländischen Frauen-, Mädchen- und Familienberatungsstellen. Im Rahmen des Leader-Projekts wurden Verschuldete beraten; Hausfrauen und Berufstätige diskutierten in Workshops über Macht, Geld und Verantwortung. Das Projekt gipfelte in

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der Konferenz „Die Zukunft ist weiblich“ auf Burg Schlaining. Folgeprojekte sind in Planung. „Wir haben die Wirtschaftsleistung von Frauen sichtbar gemacht“, fasst Wilhelmine Fischer zusammen. Projekte wie dieses zeigen: Die Region durchläuft derzeit eine spannende Entwicklung. „Der Umbruch ist überall spürbar“, bestätigt Regionalmanagerin Ursula Maringer. ||| Teresa Arrieta, freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin


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Leader-Region Villach-Hermagor:

Orte der Kraft in der Dreiländerregion Eine mediterran anmutende Stadt an der Grenze zu Italien und Slowenien, gleich nebenan atemberaubende Berge und reine Seen: Die LeaderRegion VillachHermagor bezaubert mit Naturschätzen ebenso wie mit südlichem Flair und sprachlicher Vielfalt. Teresa Arrieta

Wer die bunte Renaissance-Altstadt von Villach durchstreift, atmet Kultur. Je nach Saison treiben sich hier die Villacher Faschingsgilden herum, tanzen Folklorepaare am berühmten Kirchtag oder genießen Klassikaffine den Carinthischen Sommer. Wem hingegen der Sinn nach Natur und Stille steht, kann umliegende Berge erklimmen, das abgeschiedene Lesachtal durchwandern oder sich im hochgelegenen Weißensee erfrischen.

Eine Region wächst zusammen Die Leader-Region Villach-Hermagor erstreckt sich über 25 Gemeinden der Bezirke Villach-Land und Hermagor und umfasst auch die Gemeinde Weißensee. An der italienischen Grenze liegen die Karnischen Alpen, entlang der westlichen Karawanken verläuft die Grenze zu Slowenien. Mitten in den Gebirgszügen locken Wintersportzentren wie Hermagor-Nassfeld, im Sommer ziehen die malerischen Bergseen zahlreiche Badegäste an. „Stadt und Umland befruchten einander“, sagt Regionalmanagerin Irene Primosch. Im Zuge der letzten Leader-Periode ist die Bereitschaft zur Kooperation gewachsen. Auf einem gemeinsam erarbeiteten Folder prangen Burgen und Schlösser der Region Villach. Die Gemeinden sind übereingekommen, bestehende Ressourcen sanft zu nutzen, etwa im Rahmen des Leader-Projekts „Weltenberg Mirnock“. Der am östlichen Ufer des Millstätter Sees gelegene Mirnock (2110 m) wird wegen seiner Energiefelder auch „Gipfel der Kraft“ genannt. Eine besondere Attraktion ist eine Windorgel: Die dort oben ständig wehenden Winde entlocken dem Kunstwerk sinnli-

che Musik; Journalisten aus dem In- und Ausland zeigen daran Interesse.

Naturbelassene Täler „Ich liebe die Direktheit der Menschen“, meint Regionalmanager Friedrich Veider, der sich die Betreuung dieser Leader-Region mit Kollegin Primosch teilt. Während er sich dem Gebiet HermagorWeißensee widmet, welches das Gailtal, das Gitschtal und das Lesachtal umfasst, kümmert sich Irene Primosch vor allem um die Region Villach-Umland. Die Zusammenarbeit verläuft kongenial: „Wir vertrauen einander, unsere Zusammenarbeit ist ein wahres Glück“, so Veider. Die Menschen der Region beschreibt er als arbeitsam, wissbegierig und stolz auf ihre Herkunft. „Sie sehen sich nicht nur als KärntnerInnen, sondern vor allem als LesachtalerInnen oder GailtalerInnen und achten auf den Erhalt ihrer Naturjuwelen“, erklärt Veider.

Steinerne Schönheit Ein weiteres Leader-Naturprojekt ist der „Geopark Karnische Alpen“. Dieses vor einem Jahr gegründete Wanderareal zeigt auf rund 1000 km2 steinerne Schönheit: Die BesucherInnen bestaunen petrifizierte Bäume, die sich dank weiterer Fundstücke bald zu einem versteinerten Wald auswachsen werden. Kalkformationen, Höhlen, Schluchten, tosende Wasserfälle und idyllische Bergseelandschaften sorgen für unvergessliche Wandererlebnisse. Ein Besucherzentrum bietet interaktive Animationen, Vorträge und Bildungsprogramme. Acht Gemeinden haben bei der Errichtung des Geoparks zusammengearbeitet. „Die


Netzwerk Land ausblicke 2 |10

BewohnerInnen sehen nun ihre Region mit neuen Augen“, erzählt Projektleiterin Gerlinde Ortner. „Ihnen ist bewusster geworden, welchen wertvollen Naturschatz sie besitzen.“

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„Wir gleichen unsere Stärken und Schwächen aus.“ Regionalmanagement im Team

Ein Dorf als Energiepionier In Kötschach-Mauthen im Gailtal bemüht man sich besonders um den Erhalt des Ökosystems. Die 3500Einwohner-Gemeinde ist energieautark: In den letzten Jahrzehnten wurden über private Energieproduzenten 21 Kleinwasserkraftwerke, Kärntens einzige Windturbine, eine Biogasanlage sowie drei Fernwärmenetze errichtet. Die wirtschaftsschwache Region zieht nun auch in der Zwischensaison BesucherInnen an, die sich für den Naturstrom interessieren. Die Gemeinde schärft das ökologische Bewusstsein ihrer BürgerInnen mit Energiesprechtagen, fördert mit Leader-Hilfe Fotovoltaik-Anlagen und plant auch ein Ökomobilitätsprojekt mit Elektrorollern. „Wir versuchen, das Prädikat ,Energiemustergemeinde‘ mit Leben zu füllen“, erklärt Projektleiterin Sabine Barthel. Für E-Fahrräder wird derzeit nach einer Finanzierung gesucht.

Reparieren statt wegwerfen Nachhaltigkeit wird auch in der Region Villach großgeschrieben: Seit Frühjahr 2010 wird das von Leader unterstützte „RepaRegio“-Projekt realisiert – ein Reparaturnetzwerk. Viele Menschen wissen nicht mehr, wo sie ihre kaputten Geräte reparieren lassen können, denn die Klein- und Mittelbetriebe sterben aus. 14 Handwerksbetriebe haben sich nun zusammengeschlossen und gemeinsame Qualitätsstandards für rasche und kosteneinheitliche Reparaturservices festgelegt. Das Angebot reicht vom Wasserbetten-Flicker über den Möbelpolsterer bis hin zum Akkureparateur. Glaserer, Schneider und Tischler sind auch dabei. Im Lauf des Herbstes 2010 wird für die KundInnen eine eigene Hotline eingerichtet werden. „Immer mehr Menschen wollen lieber etwas reparieren lassen, statt kaputte Sachen gleich zu entsorgen“, weiß Projektbeauftragter Richard Obernosterer von der RessourcenManagementAgentur. „Die Wegwerfgesellschaft der letzten 20 Jahre verstößt gegen das Ökologiebewusstsein der neuen Generation.“

Frau Primosch, Herr Veider, Sie leiten das Regionalmanagement von Villach-Hermagor zu zweit. Wie funktioniert das? Veider: Wichtig sind Klarheit in der Kommunikation und Reflexionsfähigkeit. Ich erlebe es als großen Vorteil, dass hier Mann und Frau mit ihren unterschiedlichen Zugängen kooperieren. Primosch: Wir beraten einander aus unseren verschiedenen Erfahrungen heraus. Ich schätze seine Ehrlichkeit, seine Ruhe und Kollegialität. Und nicht zu vergessen: Wir können auch miteinander lachen! Was macht für Sie beide ein gut funktionierendes Regionalmanagement aus? Primosch: Die wichtigste Voraussetzung ist, die Region zu lieben, sich mit ihr zu identifizieren. Ich bin eine Vertrauensperson und Vermittlerin zu den Behörden und bemühe mich, die Projekte aufeinander abzustimmen. Veider: Regionalentwicklung ist Beziehungsarbeit. Mir ist wichtig, nichts zu fordern, die Geschwindigkeit an die Akteure anzupassen. Man sollte viel zuhören. Eine gute Idee umzusetzen, wenn der Betreffende noch nicht so weit ist, bringt nichts. Man muss sich als Person zurücknehmen können. Es gehört Leidenschaft zu diesem Job.

Dieses Leader-Projekt stellt auch eine Stärkung der Klein- und Mittelbetriebe dar. „Das Projekt ist sektorübergreifend und entspricht somit unserer Entwicklungsstrategie: Es inkludiert Umwelt, Soziales und Wirtschaft. Die rege Teilnahme der Firmen zeigt, dass es im Zeitgeist liegt“, freut sich Regionalmanagerin Primosch. Villach-Hermagor ist eine Region mit vielfältigen Entwicklungsschwerpunkten. „In Villach, Hermagor und Weißensee ticken die Menschen sehr unterschiedlich“, meint Regionalmanager Friedrich Veider. „Ich versuche, die verschiedenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Leute zu aktivieren und zu vernetzen.“ |||

Teresa Arrieta, freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin


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ausblicke 2 |10 International

Das Nationale Netzwerk für ländliche Entwicklung Nachbar Slowakei:

Malvína Gondová

Das slowakische Nationale Netzwerk für ländliche Entwicklung (National Rural Development Network [NRDN]) hat mit Beginn des Jahres 2009 seine Arbeit aufgenommen. Die Tätigkeit ist für das Land völlig neu, weil in der Slowakei kein LEADER+-Programm (2004–2006) umgesetzt wurde und es kein LEADER+Netzwerk gab. Jedes Teilnehmerland konnte entscheiden, wie es sein ländliches Netzwerk in Übereinstimmung mit der EU-Verordnung 1698/2005 anlegen wollte. Das slowakische Landwirtschaftsministerium war darauf bedacht, möglichst viele bestehende Strukturen und Erfahrungen zu nutzen, und siedelte die NRDN-Zentrale daher bei der zur Hälfte von ihm finanzierten Geschäftsstelle für ländliche Entwicklung in Nitra an, der es auch das Management der Netzwerkaktivitäten übertrug. Das Büro hat vier Mitarbeiter, die sich um die Koordination der nationalen und regionalen Aktivitäten kümmern. Der Großteil des NRDN-Teams ist auf sieben Regionen (Nitra, Trencˇín, Banská Bystrica, Žilina, Prešov, Košice, Trnava-Bratislava) verteilt und arbeitet innerhalb bestehender Strukturen von ausschließlich privaten Stellen und Organisationen: gemeinnützigen Verbänden, einem ländlichen Parlament, Bürgervereinigungen, Regionalentwicklungsagenturen und Beratungsfirmen. Jede dieser Organisationen hat eine für die regionalen Aktivitäten verantwortliche Person bestimmt, die die Bedürfnisse der Interessenten und Teilnehmer eruiert, die LAGs unterstützt, Good-Practice-Beispiele sammelt und Beiträge zu nationalen Aktivitäten und Veröffentlichungen leistet.

Die Hauptaufgaben des slowakischen NRDN f

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Erfassung und Analyse von Daten und Informationen, die für die Umsetzung der Politik ländlicher Entwicklung und die Maßnahmen des EU-Programms für ländliche Entwicklung relevant sind Verbreitung von einschlägigen Informationen aus nationalen und regionalen Quellen durch Publikationen, bei Konferenzen und über das Internet Organisation von Schulungen, Seminaren und weiteren Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches im Bereich der ländlichen Entwicklung Bereitstellung von Ausbildungs- und Schulungsmöglichkeiten für die LAGs Unterstützung nationaler und transnationaler Zusammenarbeit durch Konferenzen, Diskussionen, Forschungsaufenthalte, Austauschbesuche usw.

Einige Beispiele für die Arbeit des Netzwerks f

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Die slowakische NRDN-Zentrale hat eine LAG-Datenbank aufgebaut, um die Durchführung gemeinsamer Projekte zu erleichtern. Die Informationen sind auch über das Internet (www.nsrv.sk) abrufbar oder in Form einer Broschüre zugänglich. Das NRDN hat über Teilnehmer am Programm für ländliche Entwicklung relevante Erfahrungen und Good-PracticeBeispiele zu sammeln und zu verbreiten begonnen. Im September 2009 hat das NRDN eine internationale Konferenz über die Umsetzung des Programms für ländliche Entwicklung 2007–2013 veranstaltet, bei der es vor allem um die Schwerpunkte 3 und 4 ging. Die Vorbereitungen für die Jahreskonferenz 2010 laufen.


International ausblicke 2 |10

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Trencˇín

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Trnava

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Košice 28

Nitra 13

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Vierteljährlich erscheint der an alle Mitglieder des NRDN gehende Newsletter Spravodajca NSRV. Auf Slowakisch findet sich der Newsletter auch auf der NRDN-Website. Über die Umsetzung der Maßnahme 322 („Dorferneuerung und -entwicklung“) wurde eine Broschüre herausgegeben, um die Effizienz der Projektabwicklung zu verbessern. Die Regionalstellen haben eine Reihe von Ausbildungen und Seminaren über die Umsetzung des Programms 2007–2013, Schwerpunkt-1Maßnahmen, ländlichen Tourismus sowie Diversifikations- und Belebungsoptionen veranstaltet, die teils auch eigens auf die LAGs zugeschnitten waren. Auf der Internationalen Landwirtschaftsmesse Agrokomplex hatte das NRDN in den Jahren 2009 und 2010 einen eigenen Informationsstand. Um Kontakte zwischen den slowakischen LAGs und anderen Teilnehmern am Programm für ländliche Entwicklung zu Kollegen aus anderen EU-Ländern zu fördern, veranstaltet das NRDN Studienreisen zu bestimmten Themen. 2010 fanden Exkursionen nach Estland, Finnland, Österreich, Polen, Slowenien, Tschechien und Ungarn statt. In der Slowakei konnte das NRDN Gruppen aus Bulgarien, Finnland, Malta und Ungarn begrüßen. Das slowakische NRDN hat mehr als 500 Mitglieder. Es steht allen an ländlicher Entwicklung interessierten Personen offen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos.

Die Umsetzung des LeaderProgramms in der Slowakei 2007–2013 ist die erste Periode, in der das LeaderProgramm in der Slowakei umgesetzt wird. Bürgervereinigungen und andere partnerschaftliche Organisationen haben bereits zuvor bei der Realisierung kleinerer, von verschiedenen Förderern unterstützter Projekte mit dem Bottom-up-Ansatz gearbeitet. Zur Umsetzung einiger Projekte wurden Dorfverbände (Mikroregionen) gegründet, die dann eine gute Grundlage für die Einrichtung der LAGs boten. Die Auswahl der LAGs für das Leader-Programm des Schwerpunkts 4 erfolgte in zwei Runden: Mitte 2009 wurden 15 und im März 2010 weitere 14 LAGs ausgesucht. Die LAGs haben bereits mit der Umsetzung ihrer Entwicklungskonzepte begonnen. Im Gebiet der 29 LAGs, das sich über 18,35 % der Fläche des Landes erstreckt, leben 11,40 % der Einwohner der Slowakei.

Grundvorausetzungen für LAGs f f f f

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Rechtsform: Bürgervereinigung Einwohnerzahl des Gebiets: 10.000–150.000 Zusammenhängende Region Anteil von Vertretern des privaten Sektors in den entscheidungstragenden Gremien > 50 % Umsetzung der Projekte in Abstimmung mit den Maßnahmen von Schwerpunkt 3 Möglichkeit von Kooperationsprojekten Maximales Gesamtbudget pro LAG: 2,6 Mio. € |||

Malvína Gondová, NRDN Slowakei

Die LAGs der Slowakei 1 Civic association Podhoran 2 Agropramenˇ 3 LAG Dudváh 4 LAG Stará Cˇierna voda 5 LAG Aqua Paradise – Aquaparadiso – Víziparadicsom 6 Kopanicˇiarsky region – LAG 7 LAG Vršatec 8 „LAG of microregion Teplicˇka“ 9 Naše Považie 10 Civic Association Microregion RADOŠINKA 11 Association of microregion SVORNOSTˇ

12 Regional association Dolná Nitra c. a. 13 The civic association for development of microregion „Požitavie – Širocˇina“ 14 Dolnohronske development partnership 15 Civic association „Partnership for LAG Terchovská dolina“ 16 LAG Horný Liptov 17 Civic Association Zlatá cesta 18 Partnership Krtíšske Poiplie 19 LAG Chopok juh 20 Podpol’anie 21 LAG MALOHONT 22 Civic association for regional development Spiš 23 Civic Association LAG LEV, c. a. 24 Partnership BACHURENˇ 25 LAG Šafrán 26 Civic Association KRAS 27 LAG RUDOHORIE, c. a. 28 LAG HORNÁD – SLANSKÉ VRCHY, c. a. 29 LAG TOKAJ – ROVINA, c. a.


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ausblicke 2 |10 Internationale Termine

Internationale Termine England 2. Jahreskonferenz und Preisverleihungsfeier des International Journal of Neighbourhood Renewal und des Journal of Culture and Urban Development 17.–18. November 2010 > London Die Jahreskonferenz des International Journal of Neighbourhood Renewal und des Journal of Culture and Urban Development dient dem Zweck, Good-Practice-Beispiele im Bereich der Gebietserneuerung, der kulturellen Entwicklungsarbeit und der Stadtentwicklung vorzustellen und zielführende Strategien einem größeren Kreis bekannt zu machen. Rund 200 TeilnehmerInnen werden die Möglichkeit haben, einer Reihe von Vorträgen einschlägiger Fachleute zu folgen und sich mit anderen Delegierten auszutauschen. www.neighbourhoodjournal.com Belgien/Niederlande European Rural Days 18.–19. November 2010 > Namur, Belgien – Turnhout, Niederlande Der erste Teil der European Rural Days in Namur zielt darauf ab, ausländische VertreterInnen anderer Netzwerke im Bereich der ländlichen Entwicklung einzubinden. Thematisch wird es vor allem um multifunktionale Landwirtschaft, die Multifunktionalität der Wälder und die Bestimmung dessen gehen, was öffentliche Güter ausmacht. Das Programm in Turnhout wird sich mit Instrumenten und Methoden der Förderung landwirtschaftlichen Unternehmertums, mit Möglichkeiten des Zugangs zu Wissen und Kreativität, dem Markt und dem Netzwerk selbst beschäftigen. http://eu-ruraldays.blogspot.com/p/programme.html Deutschland Landschaften in Deutschland 2030 2. Workshop: Der stille Wandel? Demografie, Lebenswelten, Lebensstile 29. November – 2. Dezember 2010 > Putbus Ziel der dreiteiligen Veranstaltungsreihe „Landschaften in Deutschland 2030“ ist es, in interdisziplinären Diskussionen Triebkräfte der Landschaftsentwicklung zu identifizieren und in Form von Szenarien ihre mittel- und langfristigen Wirkungen auf die Landschaft abzuschätzen. Im Workshop „Der stille Wandel? Demografie, Lebenswelten, Lebensstile“ stehen neben Fragen der Flächeninanspruchnahme für Siedlung und Verkehr vor allem die landschaftlichen Auswirkungen gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen wie der demografische Wandel und die Veränderung der Lebensstile im Mittelpunkt. Kontakt: Martina.Finger@BfN-Vilm.de

Finnland Regionalprogramm Ostsee Konferenz: The Power of the Baltic Sea Macro-Region 30. November – 1. Dezember 2010 > Jyväskylä An der Konferenz werden EntscheidungsträgerInnen und VertreterInnen nationaler, regionaler und lokaler Stellen aller Ostseeländer und darüber hinaus teilnehmen. Außerdem erwartet werden Angehörige von NGOs, ForscherInnen und AkademikerInnen, ProjektpartnerInnen und interessierte Förderer von Projekten sowie alle, die sich die Entwicklung der Ostseeregion zu einer Modellregion Europas auf die Fahnen geschrieben haben. Das Regionalprogramm Ostsee der Europäischen Union fördert im Zeitraum 2007–2013 Regionalentwicklung durch transnationale Zusammenarbeit. Elf Ostseeländer arbeiten in diesem Rahmen zusammen, um gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. http://eu.baltic.net


Literatur- und Webtipps ausblicke 2 |10

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Literaturtipps „ÖPUL. Was Bäuerinnen und Bauern für die Umwelt tun.“ Wasser, Boden, Luft und die vielfältige Kulturlandschaft Österreichs werden schon seit Jahrhunderten von der bäuerlichen Bewirtschaftung geprägt. Die Produktion gesunder Lebensmittel verlangt einen gesunden Produktionsstandort und eine intakte Umwelt. Damit Bäuerinnen und Bauern nachhaltig wirtschaften können, unterstützt sie das Österreichische Programm für umweltgerechte Landwirtschaft (ÖPUL) mit 29 verschiedenen Maßnahmen. In dieser Broschüre erklären sieben BäuerInnen, was sie mithilfe des ÖPUL für den Schutz der Umwelt tun – und warum sie es tun. Nähere Informationen: www.netzwerk-land.at/umwelt/oepul-broschuere „Land. Rurbanismus oder Leben im postruralen Raum“ Der Begriff „rurban“ bezeichnet eine räumliche Qualität, die sich den gewohnten städtischen Deutungsmustern entzieht. Der traditionelle Magnetismus der Kernstädte in Bezug zu ihrem Hinterland wird vom „rurbanen Schaum“ aufgeweicht. Es manifestieren sich neue Bindekräfte innerhalb des „postruralen“ Raums. Nicht nur das ehemalige Land wird „rurban“, auch in seiner entleerten Funktion kann die Stadt nun „rurban“ werden. Rurban ist sowohl stadtländisch als auch landstädtisch. Die AutorInnen widmen sich dem Identitätswandel des ländlichen Raumes, seinen Folgen für die Raumordnung und den Chancen, die sich daraus ergeben. Nähere Informationen: www.hda-graz.at/publication Wie gehen Regionen mit Krisen um? Diese explorative Studie geht der Frage nach, warum sich Krisenzeiten in verschiedenen Regionen unterschiedlich stark auswirken und welche Strategien krisenfest machen. Ziel der Studie war unter anderem der Versuch einer ersten Übersetzung von Resilienzkonzepten in die regionalpolitische Praxis. Im Rahmen der Studie wurden drei Regionen (Vorarlberg, der oberösterreichische Zentralraum um Linz und Wels sowie die Energieregion Weiz-Gleisdorf) auf ihre Eigenschaften in puncto Krisenfestigkeit untersucht. Die AutorInnen entwickelten als Ergebnis der Literatur- und Fallstudien ein Steuerungsmodell für Regionen. Nähere Informationen: www.bundeskanzleramt.at/DocView.axd?CobId=39673 „Land & Raum“: Sondernummer „Lernende Regionen“ „Land & Raum“ setzt sich mit den Zusammenhängen zwischen örtlicher und regionaler Entwicklung und mit den Möglichkeiten der Raumplanung, der Landschaftsplanung sowie der Kulturlandschaftspflege auseinander. WissenschafterInnen, PraktikerInnen, PlanerInnen und viele andere kommen zu Wort. Im Vordergrund stehen praktische Fragen der positiven Entwicklung sowie des Schutzes und der Gestaltung ländlicher Gebiete. Bestellungen dieser kostenlos erhältlichen Sondernummer: birgit.weinstabl@lebensministerium.at

Webtipp Projekte und gute Beispiele In diesem laufend erweiterten Bereich der Website von Netzwerk Land werden ab November 2010 erfolgreiche Agrarprojekte und typische Beispiele vorgestellt, welche die Wirkung des österreichischen Programms für die ländlichen Entwicklung besonders gut zeigen. Weiters bietet die Seite einen Überblick über die praktische Umsetzung der ländlichen Entwicklung in ausgewählten EU-Mitgliedsländern. www.netzwerk-land.at/netzwerk/projekte-gute-beispiele


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ausblicke 2 |10 NWL-Veranstaltungen

NWL-Veranstaltungen

Biologische Landwirtschaft und Artenvielfalt 23. November 2010 > Wien Biologische Landwirtschaft gilt als Bewirtschaftungsart, die dank geeigneter Wirtschaftsweisen und der Vermeidung von risikobehafteten Betriebsmitteln Vorteile für verschiedene Umweltgüter (Boden, Wasser, Biodiversität etc.) bringt. Das Seminar „Biologische Landwirtschaft und Artenvielfalt“ wird thematisieren, wie sich die ÖPUL-Maßnahme „Biologische Wirtschaftsweise“ auf die Artenvielfalt auswirkt, und Ansätze diskutieren, wie etwa durch eine Anpassung der Fördervoraussetzungen, die Kombination mit anderen Maßnahmen oder Beratungsschwerpunkten weitere Impulse zu Erhalt und Verbesserung der Artenvielfalt gesetzt werden können. www.netzwerk-land.at/umwelt/veranstaltungen

Berglandwirtschaft – Es gibt ein Leben nach der Milchquote 30. November–1. Dezember 2010 > Goldegg Österreich sieht sich mit seinem hohen Anteil an alpinem Grünland bzw. benachteiligten Regionen mit einer besonderen Herausforderung konfrontiert, was die zukünftige ländliche Entwicklung anlangt. Das betrifft in erster Linie die Landwirtschaft, die in diesen Gebieten traditionell auf Milchproduktion spezialisiert ist. Ziel des Seminars ist es, den Wettbewerbsdruck bewusst zu machen und neue Perspektiven der Einkommenskombination aufzuzeigen. Wie sieht es nach der Aufhebung der Milchquote aus? Welche neuen Nischen ergeben sich z. B. im Bereich der regionalen Lebensmittel? Besprochen werden unter anderem auch internationale Entwicklungen (EU-GAP). www.netzwerk-land.at/lum/veranstaltungen

LEADER-FORUM 2010 Leader und LA21: Beteiligung – Entwicklung – Lebensqualität 23.– 24. November 2010 > Bad Ischl Das Ziel des Leader-Forums 2010 liegt darin, die Zusammenarbeit von Leader und Lokaler Agenda 21 (LA21) weiter auszubauen sowie die Voraussetzungen für künftige Synergien zu verbessern. Diskutiert werden der Stand der Umsetzung von Leader und der LA21 in Österreich sowie mögliche Perspektiven. Weiters wird es Erfahrungsberichte von Leader-ManagerInnen und LA21-AkteurInnen sowie die Vorstellung innovativer Leader- und LA21-Projekte geben. Weitere Themen: Wie können Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung von Gemeinden und Regionen angemessen und erfolgreich beteiligt werden? Welche Rollen spielen Leader und LA21 in der ländlichen Entwicklung nach 2013? www.netzwerk-land.at/leader/veranstaltungen

Kleine Lebensmittelhersteller und traditionelle Spezialitäten – Was bringt die neue Qualitätspolitik der EU den Regionen? 15.–16. Dezember 2010 > Pielachtal „Qualität“ und „Qualitätssicherung“ sind strategische Kernelemente der österreichischen Land- und Lebensmittelwirtschaft. Nach offizieller Bekanntgabe der Gesetzesvorschläge entsprechend der neuen EU-Qualitätspolitik für Lebensmittel am 13. Dezember 2010 in Brüssel erfahren die TeilnehmerInnen aus erster Hand, was sich ändern wird und welche Chancen und Perspektiven sich für Österreich ergeben werden. Es geht unter anderem um die praktische Umsetzung von „Regionalität“, um Verbesserungen im Bereich der geschützten Herkunftsangaben (g. g. A., g. U.), den Schutz der Bergprodukte sowie um neue Marktchancen im Zusammenhang mit dem Internet. www.netzwerk-land.at/lum/veranstaltungen


Impressum ausblicke – Magazin für ländliche Entwicklung ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift von Netzwerk Land. Inhalt: Informationen zu Themen der ländlichen Entwicklung und Neuigkeiten von Netzwerk Land und Partnernetzwerken. Netzwerk Land ist die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eingerichtete Servicestelle zur Begleitung und Vernetzung des Österreichischen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums 2007–2013. Mit der Durchführung des Vernetzungsauftrages wurde eine Bietergemeinschaft aus den Partnerorganisationen Agrar.Projekt.Verein, Umweltdachverband und ÖAR-Regionalberatung betraut. Namentlich gekennzeichnete Texte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Medieninhaber und Herausgeber Agrar.Projekt.Verein im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Dresdner Straße 70, 1200 Wien, Tel.: 01/3321338-14, office@netzwerk-land.at Redaktion Hemma Burger-Scheidlin (Umweltdachverband) Luis Fidlschuster (ÖAR-Regionalberatung) Christian Jochum (Agrar.Projekt.Verein) Michael Proschek-Hauptmann (Umweltdachverband) Michaela Rüel (Agrar.Projekt.Verein) Lektorat Wolfgang Astelbauer, Karin Astelbauer-Unger Grafische Konzeption neuwirth + steinborn, www.nest.at Gestaltung und Layout Andrea Neuwirth Mitarbeit: Gabriel Fischer Druck Remaprint, Wien

Dieses Magazin ist auf Claro bulk 135 g/m2 und Munken Pure Rough 300 g/m2 , PEFC-zertifizierten Papieren, gedruckt.

Abbildungsnachweise Seite 1: BMLFUW/Newman; Seite 2, 3: © ELyrae – Fotolia.com; Seite 4, 5: Festival der Regionen – Josef Pausch; Seite 8, 9: Martin Kapfer/Sigrid Ziesel; Seite 9 (Bilder der Grafik): Martin Kapfer; Seite 10, 11: Mathilde Stallegger; Seite 13: Maja Dumat – Pixelio.de; Seite 14, 15: Oliver Mohr – Pixelio.de; Seite 15 (Bild in Grafik): Hanspeter Bollinger – Pixelio.de; Seite 16: Salzburger Land Tourismus; Seite 17: K. Rumpfhuber – PlanSinn/REWE Group/Landjugend Österreich; Seite 23: © Umweltbundesamt; Seite 28: © ArtmannWitte – Fotolia.com; Seite 29: Anja-Kronberg – Pixelio.de; Seite 32: Heidi Pretterhofer und Dieter Spath; Seite 33: Johann Jenewein/Archiv NP Neusiedler See – aufsichten. com/Alexander Starsich; Seite 34, 35: Hemma Burger-Scheidlin; Seite 36, 37, 44, 45, 46, 47, 50, 51: Netzwerk Land; Seite 38: www.lungau.travel; Seite 39: Archiv Naturpark Kaunergrat – Toni Vorauer; Seite 40: Steirischer Schaf- und Ziegenzuchtverband eGen; Seite 41: Ernst Kren; Seite 42: Susanne Grasser; Seite 43: Max Albrecht; Seite 48, 49: LAG Hohe Salve; Seite 49 (Bild oben): ÖAR-Regionalberatung; Seite 52: LK Steiermark – Walter Breininger; Seite 53 (rechtes Bild): LK Vorarlberg – Andreas Weratschnig; Seite 54: Franz Kovacs; Seite 56: Südburgenland Plus; Seite 57: EEE GmbH; Seite 58: Gemeinde Dellach; Seite 59: RMA; Seite 62, 63: © Devyatkin – Fotolia.com; Seite 64: © Andrzej Tokarski – Fotolia.com. Umschlagvorderseite: © Tramper2 – Fotolia.com Umschlaginnenseite: © ELyrae – Fotolia.com Umschlagrückseite: © Michael Fritzen – Fotolia.com

Alle übrigen Bilder wurden von den AutorInnen zur Verfügung gestellt.


www.netzwerk-land.at

Das Netzwerk Land wird finanziert von Bund, L채ndern und Europ채ischer Union.

ausblicke 2.10 - Multifunktionalitaet: Magazin fuer laendliche Entwicklung  

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